Dr. Hans Morschitzky

 

Klinischer und Gesundheitspsychologe

 

Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

 

A-4040 Linz, Hauptstraße 77  Tel. 0043 732 77 86 01  E-Mail: morschitzky@aon.at 

 

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Angststörungen – Diagnostik, Therapie und Selbsthilfe im Überblick

 

 

Der folgende Text wurde 2008 erstellt für die Online-Mitarbeiter-Zeitung "Sprinter" der Bediensteten der Landes-Nervenklinik Linz, wo ich seit 1983 neben meiner freiberuflichen Tätigkeit arbeite.

 

 

Gesunde und krankhafte Angst

 

Angst ist ein ganz normales menschliches Gefühl, genauso wie Freude, Liebe, Ärger, Wut oder Traurigkeit und stellt damit eine Grundbefindlichkeit des menschlichen Seins dar. Angst zeigt auf, was uns wichtig ist, und zwar so wichtig, was wir es nicht verlieren möchten: Leben, Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Unabhängigkeit, Angehörige, materielle Güter, Zuneigung anderer Menschen u.a. Nur wer nichts und niemanden geliebt hat, hat keinerlei Verlustängste.

Angst ist ein biologisch gesteuertes Warnsignal angesichts einer subjektiven Bedrohungseinschätzung und bewirkt eine Alarmreaktion des Körpers. Der Körper wird auf Kampf oder Flucht vorbereitet – ohne langes Nachdenken: das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung wird beschleunigt und die Muskeln werden angespannt, um der Gefahr möglichst schnell zu entkommen.

Angst wird krankhaft, wenn sie ohne reale Bedrohung zu stark, zu lange und zu häufig auftritt, mit belastenden körperlichen Symptomen einhergeht, aufgrund der Vermeidung wichtiger Aktivitäten die schulische, berufliche, soziale und private Funktionsfähigkeit beeinträchtigt und die zunehmende Lebenseinschränkung ohne fremde Hilfe nicht mehr bewältigt werden kann.

Krankhafte Ängste werden als „Angststörungen“ bezeichnet. Das internationale Diagnoseschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet zwei Grundformen von Angststörungen, die verschiedene Arten mit einer jeweils typischen Mindestzahl von Symptomen umfassen, wie sie abschließend im Angst-Fragebogen aufgelistet werden:

 

1.      Phobische Störungen (früher „Phobien“ genannt):

·        Agoraphobie (ohne bzw. mit Panikstörung): deutliche und anhaltende Furcht vor bzw. Vermeidung von mindestens zwei von vier Situationen: Menschenmengen, öffentliche Plätze, allein Reisen, Reisen mit weiter Entfernung von zu Hause

·         Soziale Phobien: deutliche Furcht vor bzw. Vermeidung von Situationen wie im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, sich peinlich oder erniedrigend zu verhalten

·         Spezifische Phobien: deutliche Furcht vor bzw. Vermeidung von einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation (außer einer Agoraphobie oder einer sozialen Phobie), spezifizierbar nach fünf Typen:

-       Tier-Typ (z.B. Insekten, Hunde)

-       Naturgewalten-Typ (z.B. Sturm, Wasser)

-       Blut-Injektion-Verletzungs-Typ

-       Situativer Typ (z.B. Fahrstuhl, Tunnel)

-       Andere Typen

2.      Sonstige Angststörungen (früher „Angstneurose“ genannt):

·         Panikstörung: wiederholte Panikattacken, die nicht auf eine spezifische Situation oder ein spezifisches Objekt bezogen sind und oft spontan auftreten (d.h. die Attacken sind nicht vorhersagbar); die Panikattacken sind nicht verbunden mit besonderer Anstrengung, gefährlichen oder lebensbedrohlichen Situationen

·         Generalisierte Angststörung: über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten vorherrschende Anspannung, Besorgnis und Befürchtungen in Bezug auf alltägliche Ereignisse und Probleme

 

Bei phobischen Störungen werden stehen eher äußere Auslöser (Objekte, Situationen, andere Menschen) im Mittelpunkt, bei den sonstigen Angststörungen eher innere Auslöser (der eigene Körper mit seinen Symptomen oder bestimmte Denkmuster).

 

 

Behandlung von Angststörungen

 

Viele Menschen mit Angststörungen werden rein psychotherapeutisch oder rein pharmakotherapeutisch behandelt. In schweren, oftmals bereits chronischen Fällen – vor allem auch in Verbindung mit anderen psychischen Störungen (z.B. Depressionen) – ist die Kombination von Psychotherapie und Psychopharmakotherapie am aussichtsreichsten.

Die medikamentöse Behandlung besteht in der kurzfristigen Verabreichung von rasch wirksamen Tranquilizern, die nach einigen Wochen zur Vermeidung von Abhängigkeit ausgeschlichen werden sowie in der längerfristigen Verordnung bestimmter Antidepressiva, vor allem der so genannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), da der Botenstoff Serotonin bei Angststörungen ebenso wie bei Depressionen eine große Rolle im Hirnstoffwechsel spielt. Es sind aber auch andere Psychopharmaka – zumindest als Ergänzung –  hilfreiche Mittel, um weniger Angst und mehr Lebensqualität zu haben.

Psychotherapeutisch können alle 22 in Österreich anerkannten Methoden einen besseren Umgang mit krankhaften Ängsten ermöglichen und zu mehr Vertrauen zu sich selbst und zur Zukunft führen. Die Verhaltenstherapie hat jedoch die umfangreichsten  Behandlungskonzepte mit den besten Erfolgsnachweisen entwickelt; diese können jedoch problemlos in andere psychotherapeutische Vorgangsweisen integriert werden.

Angstbewältigung besteht nicht in der Vermeidung oder gar Verleugnung der Angst, sondern in der konstruktiven Annahme der vorhandenen Ängste. Nicht die Angst an sich gilt es zu bekämpfen, sondern den richtigen Umgang mit ihr zu lernen. Die erfolgreiche Behandlung von Menschen mit Angststörungen erfordert ein situationsspezifisches Vorgehen unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte:

·         Reale und mentale Konfrontation mit den Ängsten ohne äußere und innere Vermeidung (Angst lernt man nur durch die furchtlose Begegnung mit der Angst bewältigen)

·         Änderung der Angst machenden Denkmuster (z.B. „Ich muss immer funktionieren“,„Ich darf keine Schwäche zeigen“, „Alle müssen mich lieben“)

·         Aufbau bzw. Stärkung des Selbstvertrauens und der Selbstsicherheit (Angstreduktion wirkt nur kurzfristig, wenn nicht auch die persönlichen Kompetenzen und Ressourcen des Patienten gefördert werden)

·         Aufdeckung und Bewältigung innerer Konflikte und Zwiespältigkeiten (z.B. Widerspruch zwischen Unabhängigkeits- und Abhängigkeitswünschen, zwischen Durchsetzung von Wünschen gegenüber dem Partner und Angst vor dessen Ablehnung)

·         Verbesserung der partnerschaftlichen, familiären, beruflichen und sozialen Situation, die krankhafte Ängste auslösen oder aufrechterhalten kann

 

 

Diagnose von Angststörungen – Fragebogen auf der Basis der ICD-10-Forschungskriterien zur Vorgabe für Patienten

 

 

 

Treten bei Ihnen folgenden Symptome attackenartig (akut-plötzlich) oder länger dauernd auf? Sie können auch beides markieren. Markieren Sie jene Symptome, die in der letzten Zeit aufgetreten sind.  

attacken-artig, akut

länger dauernd

1.

Herzrasen oder störendes Herzklopfen

O

O

2.

Schweißausbrüche

O

O

3.

fein- oder grobschlägiges Zittern

O

O

4.

Mundtrockenheit (nicht als Medikamentennebenwirkung)

O

O

5.

Atembeschwerden

O

O

6.

Beklemmungsgefühl

O

O

7.

Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

O

O

8.

Übelkeit oder sonstige Magenbeschwerden

O

O

9.

Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

O

O

10.

Depersonalisation (sich weit weg, nicht ganz da fühlen) oder Derealisation (die Objekte erscheinen unwirklich)

 

O

 

O

11.

Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden, auszuflippen

O

O

12.

Angst zu sterben (als Folge attackenartiger Symptome)

O

O

13.

Hitzewallungen oder Kälteschauer

O

O

14.

Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

O

O

15.

Muskelverspannung, akute und chronische Schmerzen

O

O

16.

Ruhelosigkeit und Unfähigkeit sich zu entspannen

O

O

17.

Aufgedrehtsein, Nervosität, psychische Anspannung

O

O

18.

Kloßgefühl im Hals oder Schluckbeschwerden

O

O

19.

Übertriebene Reaktionen auf Überraschung/Erschrecktwerden

O

O

20.

Konzentrationsschwierigkeiten, Leeregefühl im Kopf

wegen der ständigen Sorgen oder Ängste

 

O

 

O

21.

anhaltende Reizbarkeit

O

O

22.

Einschlafstörung wegen der ängstlichen Besorgtheit

O

O

23.

Erröten oder Zittern (Angst, dadurch negativ aufzufallen)

O

O

24.

Angst zu erbrechen (Angst, dadurch negativ aufzufallen)

O

O

25.

Harn-/Stuhldrang bzw. Angst davor (wegen der Auffälligkeit)

O

O

 

 

1.   Verdacht auf Panikstörung: gleichzeitiges Auftreten von mindestens 4 Symptomen aus 1.-14. (davon 1 Symptom aus 1.-4.) – attackenartig auftretend, nicht auf bestimmte Situationen oder Objekte bezogen sowie spontan (nicht vorhersagbar); diese Symptome werden als gefährlich oder lebensbedrohlich erlebt (ohne körperliche Anstrengung und sichtbare Ursache).

2.   Verdacht auf generalisierte Angststörung: mindestens 4 Symptome aus 1.-22. (davon ein Symptom aus 1.-4.) – mindestens 6 Monate lang in einem Zeitraum mit vorherrschender Anspannung, Besorgnis und Befürchtungen in Bezug auf alltägliche Ereignisse und Probleme.

3.   Verdacht auf Agoraphobie (Platzangst): mindestens 2 Symptome aus 1.-14. (davon 1 Symptom aus 1.-4.) – auftretend in mindestens 2 von 4 Situationen: Menschenmengen, öffentliche Plätze, allein Reisen, Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause.

4.   Verdacht auf soziale Phobie: mindestens 2 Symptome aus 1.-14. sowie mindestens 1 Symptom aus 23.-25. – auftretend jeweils in sozialen Situationen.

 

 

 

Die folgenden Unterlagen bieten einen Überblick zur Diagnostik, Therapie und Selbsthilfe bei Angststörungen. Die Texte stammen aus meinen Büchern „Angststörungen“ (Springer-Verlag, Wien) und „Die zehn Gesichter der Angst“ (Walter-Verlag, Düsseldorf) und finden sich großteils auch anderenorts auf dieser Homepage

 

 

Angststörungen nach dem amerikanischen Diagnoseschema DSM-IV

                                                                                                                        

Kategorie

Lebenszeit-Häufigkeit (%)

Kurzbeschreibung

    1.      Panikstörung ohne Agora-phobie

3,5

Plötzliches, massives, Angst machendes Auftreten körperlicher und geistiger Symptome. Eine Panikattacke besteht aus mindestens 4 von 13 körperlichen und psychischen Symptomen, eine Panikstörung aus mehreren Panikattacken innerhalb eines Monats.

    2.      Panikstörung mit Agora-phobie

1,5

Panikattacken mit der Folge einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch eine Agoraphobie (Platzangst).

 

    3.      Agoraphobie ohne Panikstörung in der Vorgeschichte

5,3

Angst, in Angstsituationen keinen Fluchtweg oder Helfer zu haben. Es gibt keine Panikattacken als Auslöser, oft jedoch Schwindel, Übelkeit, Durchfall als Ursache bzw. Befürchtung.

 

    4.      Soziale Phobien

 

- spezifische Sozialphobie

- generalisierte Sozialphobie

13,3

Angst vor kritischer Beurteilung durch andere Menschen mit starken Vermeidungsreaktionen bzw. Unwohlsein in sozialen Situationen. Soziale Ängste bestehen hinsichtlich einiger Situationen (spezifische Sozialphobie: Hemmung bei Beobachtung) oder hinsichtlich vieler Situationen (generalisierte Sozialphobie: mangelnde Selbstsicherheit, unzureichende soziale Kompetenzen).

 

    5.      Spezifische Phobien

11,3

Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen (z.B. Flug-, Lift-, Hunde-, Spritzen-, Blut-, Zahnarztphobie).

 

    6.      Generalisierte Angststörung

5,1

Unkontrollierbare Sorgen mit vielfältigen ängstlichen Befürchtungen (oft Sorgen um die Gesundheit der eigenen Person sowie von Angehörigen), verbunden mit verschiedenen psychovegetativen Beschwerden, weniger ausgeprägt als bei einer Panikattacke, dafür aber ständig vorhanden.

 

7.    Posttraumatische Belastungsstörung

7,8

Verzögerte massive psychische Reaktion auf ein Trauma (z.B. Vergewaltigung, Misshandlung, Unfall), angstvolle Wiedererinnerung und belastendes Wiedererleben des Traumas.

 

      8.    Zwangsstörung

2,5

Gedanken, Vorstellungen, Impulse und Handlungen drängen sich trotz Gegenwehr ständig auf. Die meist gefahrvollen Inhalte, die Angst und Unbehagen verursachen, werden durch Rituale (z.B. Wasch- oder Kontrollzwänge) zu neutralisieren versucht.

     - Zwangshandlungen

 

Vorwiegend Verhaltensstereotypien (Verhaltensrituale wie Waschen, Kontrollieren, Ordnen, wiederholtes Zählen, Sammeln).

     - Zwangsgedanken/-impulse

 

Reine Zwangsgedanken kommen nur bei ca. 12 Prozent der Zwangskranken vor.

 

      9.    Akute Belastungsstörung

 

 

Schockzustand nach einem Trauma bis zu drei Tagen Dauer

   10.    Drogeninduzierte Angststörung

 

 

Durch Substanzen ausgelöste Angststörung: Alkohol, Drogen, Medikamente, Koffein, Amphetamine 

   11.    Angststörung mit einem medizinischen Krankheitsfaktor

 

Organisch bedingte Angststörung durch Krankheiten wie Schilddrüsenüberfunktion, Herzinfarkt, Lungenembolie u.a. 

 

 

 

 

Angststörungen nach dem internationalen Diagnoseschema ICD-10

 

Nach dem ICD-10, dem international gültigen Diagnoseschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO), gilt es im Wesentlichen fünf verschiedene Angststörungen: 

 

l       Panikstörung

l       Generalisierte Angststörung

l       Agoraphobie

l       Soziale Phobie

l       Spezifische Phobie

 

Im ICD-10 werden die Angststörungen im Kapitel F4 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen folgendermaßen eingeteilt:

 

F40  Phobische Störung

 

F40.0     Agoraphobie

F40.00      ohne Panikstörung

F40.01      mit Panikstörung

F40.1     Soziale Phobien

F40.2     Spezifische (isolierte) Phobien

 

F41  Sonstige Angststörungen

 

F41.0     Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst) 

F41.1     Generalisierte Angststörung

F41.3     Angst und depressive Störung, gemischt

F41.8     Sonstige gemischte Angststörungen (generalisierte Angststörung in Verbindung mit anderen Störungen, z.B. dissoziative Störung, Zwangsstörung)

 

Die Agoraphobie, die soziale Phobie und die spezifischen Phobien werden unter der Bezeichnung „phobische Störungen“ zusammengefasst. Als Auslöser dienen äußere Reize, das heißt bestimmte Orte, Situationen, Menschen und Objekte, die man am liebsten vermeiden möchte.

 

Die Panikstörung und die generalisierte Angststörung, die seit ihrer vortrefflichen Beschreibung durch Sigmund Freud im Jahr 1895 ein Jahrhundert lang gemeinsam unter dem Begriff der „Angstneurose“ erfasst wurden, werden heute als „sonstige Ängste“ den Phobien gegenübergestellt. Als Auslöser gelten interne Reize, das heißt körperliche Zustände und Gedanken.

 

Die genannten fünf Angststörungen (Panikstörung, generalisierte Angststörung, Agoraphobie, soziale Phobie und spezifische Phobien) gelten im internationalen Diagnoseschema als der „harte Kern“ der Angststörungen.

 

In den USA werden auch noch die Angststörung mit einem medizinischen Krankheitsfaktor, die substanzinduzierte Angststörung, die posttraumatische Belastungsstörung, die akute Belastungsstörung und die Zwangsstörung zu den Angststörungen gezählt.

 

Die hypochondrische Störung als ständige Beschäftigung mit Krankheitsängsten bzw. Gesundheitsängsten, die derzeit zu den somatoformen Störungen gehört, sollte zukünftig als „Gesundheitsangststörung“ ebenfalls zu den Angststörungen gezählt werden. 

 

 

 

Agoraphobie:  Angst, in Angstsituationen keinen Fluchtweg oder Helfer zu haben – Angst, in der Falle zu sitzen

 

 

1.

Fürchten und vermeiden Sie beharrlich und anhaltend mindestens zwei der folgenden Situationen: 

 

 

·        Menschenmengen

O

 

·        Öffentliche Plätze

O

 

·        Allein Reisen

O

 

·        Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause

 

O

2.

Traten dabei folgende Symptome auf?

 

 

·         Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz

O

 

·         Schweißausbrüche

O

 

·         Fein- oder grobmotorisches Zittern

O

 

·         Mundtrockenheit

O

 

·         Atembeschwerden

O

 

·         Beklemmungsgefühl

O

 

·         Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

O

 

·         Übelkeit oder Missempfindungen im Bauchraum (z.B. Unruhegefühl im Magen)

O

 

·         Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

O

 

·         Gefühl, dass Sie weit entfernt sind, nicht „wirklich hier sind“, „neben sich stehen“ (Depersonalisation) oder die Umwelt und die Objekte unwirklich sind (Derealisation)

 

 

O

 

·         Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

O

 

·         Angst zu sterben (als Reaktion auf die körperlichen Zustände)

O

 

·         Hitzewallungen oder Kälteschauer

O

 

·         Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

O

3.

Erleben Sie durch das Vermeidungsverhalten oder die Angstsymptome eine deutliche emotionale Belastung und haben Sie dabei die Einsicht, dass diese Ängste übertrieben oder unvernünftig sind?

 

 

 

O

4.

Beschränken sich die Symptome ausschließlich oder hauptsächlich auf die gefürchteten Situationen oder Gedanken an sie?

 

 

O

5.

Können Sie ausschließen, dass Ihre Angstzustände bedingt sind durch eine andere psychische Störung (Depression, Zwangsstörung usw.) oder eine körperlichen Störung?

 

 

 

O

 

Wenn Sie die Fragen 1, 3, 4 und 5 sowie mindestens zwei Symptome bei Frage 2 angekreuzt haben, haben Sie möglicherweise eine Agoraphobie (Platzangst).

 

 

 

 

F40.0  Agoraphobie:  ICD-10-Forschungskriterien

 

A.  Als „Agoraphobie“ bezeichnet man die starke und anhaltende Furcht vor oder die Vermeidung von mindestens zwei der folgenden Situationen:

l      Menschenmassen

l      Öffentliche Plätze

l      Allein Reisen

l      Reisen, vor allem mit weiter Entfernung von Zuhause.

 

B.     Wenigstens einmal nach der Entwicklung der Störung müssen in den gefürchteten Situationen mindestens zwei der folgenden 14 Angstsymptome gleichzeitig aufgetreten sein (davon eines aus den ersten vier Symptomen):

1.      Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz

2.      Schweißausbrüche

3.      fein- oder grobmotorisches Zittern

4.      Mundtrockenheit

5.      Atembeschwerden

6.      Beklemmungsgefühl

7.      Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

8.      Übelkeit oder Missempfindungen im Bauchraum (z.B. Unruhegefühl im Magen)

9.      Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

10.   Gefühl, die Objekte der Umwelt sind unwirklich (Derealisation), oder man selbst ist weit entfernt oder „nicht wirklich hier“, wie wenn man neben sich stehen würde (Depersonalisation)

11.   Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

12.   Angst zu sterben (als Reaktion auf die körperlichen Symptome)

13.   Hitzewallungen oder Kälteschauer

14.   Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

C.   Es besteht eine starke emotionale Belastung durch das Vermeidungsverhalten oder die Angstsymptome, wobei die Betroffenen die Einsicht haben, dass ihre Reaktionen übertrieben oder unvernünftig sind.

 

D.     Die Symptome sind ausschließlich oder hauptsächlich auf die gefürchteten Situationen oder auf die Gedanken an diese beschränkt.

 

E.     Die gesamte Symptomatik ist nicht durch eine andere psychische Störung (z.B. Depression, Zwangsstörung oder Alkoholabhängigkeit) oder eine körperliche Erkrankung bedingt.

 

Die Störung kann in zwei Formen auftreten (mit oder ohne Panikstörung):

 

l       F40.00  Agoraphobie ohne Panikstörung

l       F40.01  Agoraphobie mit Panikstörung

 

Agoraphobie – Kurzbeschreibung

 

Eine Agoraphobie ist eine starke und anhaltende Furcht vor oder Vermeidung von mindestens zwei von vier Situationen (Menschenmengen, öffentlichen Plätzen, allein Reisen, weiten Reisen), wobei die Betroffenen mindestens zwei von 14 körperlichen und kognitiven Angstsymptomen aufweisen Ausgelöst wird sie, wenn die Betroffenen ihre gewohnte und sichere Umgebung verlassen, keine schützenden und vertrauten Personen um sich haben und keine Fluchtmöglichkeit mehr vorfinden. Das zentrale Gefühl ist: „Du sitzt in der Falle!“ Es taucht zum einen die Angst auf, wildfremden Menschen ausgeliefert zu sein, zum anderen die Erleichterung, dass überhaupt jemand in der Nähe ist, der im Notfall Hilfe leisten könnte.

 

kurzgefasst: Agoraphobiker leiden unter einer mangelnden Situationskontrolle. Dahinter steht die Angst vor dem eigenen Körper, das heißt Angst, körperliche oder psychische Symptome nicht mehr kontrollieren zu können. Sie ist so dominant, dass weder vernünftige Argumente von außen noch positiv gemeisterte, ähnliche Situationen etwas fruchten – die agoraphobische Angst bleibt. Die Betroffenen befürchten, die Kontrolle über sich und ihren Körper zu verlieren, plötzlich ohnmächtig umzufallen und womöglich mit einem Herzinfarkt hilflos liegen zu bleiben.

 

Agoraphobien sind also Ängste vor öffentlichen Orten und Menschenansammlungen und können als „multiple Situationsphobien“ bezeichnet werden. Gemieden oder nur mit Unbehagen ertragen werden daher folgende Situationen: Aufenthalt in öffentlichen Räumen, besonders wenn diese überfüllt sind (Geschäfte, Kirchen, Kinos, Behörden, Krankenhäuser, Gaststätten, Friseursalon), Benutzung öffentlicher Verkehrsmitteln (Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen, Züge, Flugzeuge, Schiffe), Liftfahren, Schlange stehen, Aufenthalt im Freien bzw. Reisen, insbesondere allein in unbekannten Gegenden.

 

Das ausgeprägte Vermeidungsverhalten führt oft zu einem totalen Rückzug in die eigene Wohnung. Doch auch hier kann das Gefühl der Sicherheit verloren gehen durch die Angst vor dem Alleinsein, wo die beschützende Wirkung vertrauter Personen fehlt.

 

Bestimmte Sicherheitssignale reduzieren die Angst, allein deren Abwesenheit kann bereits Angst auslösen. Sicherheit gibt die Anwesenheit anderer Personen (Partner, Kinder) oder von Haustieren (Hund), die Mitnahme von Medikamenten, etwas zum Festhalten, die räumliche Nähe eines Krankenhauses oder einer Arztpraxis.

 

Wichtigste Auslöser für agoraphobische Ängste sind die Entfernung von "sicheren" Orten und das Fehlen eines Fluchtwegs (subjektives Gefühl der Einengung der Bewegungsfreiheit: „in der Falle sitzen“). Durch einen Agoraphobie spezifischen Behandlungsplan werden die gefürchteten Situationen und körperlichen Symptome durch direkte Konfrontation damit effektiv zu bewältigen gelernt.

 

Heilsam ist nicht das ständige Bereden, sondern das Durchleben und Bewältigten-Lernen der Ängste. Agoraphobiker fürchten verschiedene Umstände und Situationen nicht als solche, sondern weil diese arge körperliche Zustände auszulösen vermögen, die nicht kontrollierbar erscheinen.

 

Wenn die Patienten einen besseren Umgang mit den Symptomen der Panikstörung und/oder der Agoraphobie erlernt haben, erfolgt bei Bedarf eine partner- oder familienbezogene Therapie bzw. eine Unterstützung bei beruflichen Problemen. 

 

Oft stehen entweder „hinter“ den Symptomen Partnerprobleme bzw. Verlustängste oder die chronifizierten Angstsymptome führen zu Beziehungsproblemen. Häufig können diese  nach der Symptombeseitigung selbst gelöst werden.

 

 

Wie eine Agoraphobie entsteht

 

Eine Agoraphobie entsteht meist nach folgendem Schema:

1.     An einem bestimmten vorher neutralen Ort (z.B. Supermarkt, Kino, Restaurant, Veranstaltungssaal, Bus, Autobahn, Wohnung) tritt eine erste Panikattacke oder eine panikähnliche Reaktion (z.B. Übelkeit, Schwindel, Harn- oder Stuhldrang) auf. Dem vorausgegangen ist meistens eine längere psychosoziale Belastungssituation, die mit dem Ort der Panikattacke nichts zu tun hat.

2.     Die panische Reaktionsbereitschaft nimmt zu – vor allem durch die Erfahrung, dass durch das plötzliche Verlassen des Ortes die Symptomatik sofort verschwindet und die Erkenntnis, dass das Meiden des Ortes eine neuerliche Panikattacke verhindert.

3.     Wenn keine sinnvollen Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen, werden ab nun auch ähnliche Situationen „zur Sicherheit“ gemieden – statt etwa vorher nur der Bus werden nun alle öffentlichen Verkehrsmittel als gefährlich angesehen. Man spricht von einer zunehmenden Generalisierung der gefürchteten Orte – vor allem, wenn tatsächlich auch anderswo eine Panikattacke aufgetreten ist. 

4.      So genannte „Sicherheitssignale“ (z.B. Vertrauenspersonen, Medikamente, Alkohol, Handy) werden zur einzigen Garantie gegen agoraphobische Ängste. Sie schwächen das Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten immer mehr, der Bewegungsradius wird enger und enger, bis hin zur massiven Beeinträchtigung der sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit und der völligen Abhängigkeit von bestimmten Bezugspersonen.

 

Agoraphobiker fürchten sich primär nicht vor bestimmten Orten, Situationen oder Menschenansammlungen, sondern davor, was ihnen dort passieren könnte, wenn sie allein und schutzlos sind, das heißt ohne ein Sicherheitssignal (vertraute Person, Handy, Medikament, Fluchtweg, etwas zum Anhalten u.a.). Eine Agoraphobie zu haben bedeutet, ständig auf der Suche nach Sicherheit oder Sicherheitssignalen zu sein, wenn man sich potentiell bedrohlichen Situationen mental oder real aussetzen soll. Das agoraphobische Vermeidungsverhalten spiegelt ein gestörtes Gleichgewicht zwischen subjektiv empfundener Gefahr und Sicherheit wider.

 

Dies ist oft nur verständlich durch die Lebensgeschichte der Betroffenen. Vor dem Auftreten der Agoraphobie findet man häufig sehr einschneidende Ereignisse: Tod oder schwere Erkrankung von Verwandten oder Freunden, eigene schwere Krankheit mit oft unsicherem Ausgang, Angst vor Tod, Behinderung oder Krankheit, Ehekrise, Scheidung, Fehlgeburt, Gefährdung des Arbeitsplatzes, Kündigung, Konkurs, finanzielle Notlage, Umzug mit sozialer Isolierung, öffentliche Kränkung, bewusste physische oder psychische Bedrohung durch jemand, von dem man abhängig ist, Sinnkrise, Enttäuschung durch einen Bekannten usw.

 

Die Probleme von Menschen mit einer Agoraphobie dürfen nicht reduziert werden auf eine Furcht vor agoraphobischen Situationen. Die Angst ohnmächtig zu werden, physisch zusammenzubrechen, psychisch aus dem Tief nicht mehr herauszukommen, geistig durchzudrehen, keinen Ausweg mehr zu wissen, buchstäblich „in der Falle zu sitzen“ u.a. stellt die Reaktion auf reale und nicht nur auf befürchtete Umstände dar. Traumatisierende Erlebnisse aus früherer Zeit (z.B. Scheidung der Eltern) werden in neuen Situationen (z.B. Krise der eigenen Ehe) immer wieder gefürchtet.

 

Konkrete existentielle Verwundungen haben dazu geführt, dass das frühere Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verloren gegangen ist, sodass man sich allen weiteren potentiellen Bedrohungen der eigenen Person schutzlos ausgeliefert fühlt. Allein gelassen zu sein – eben auch in agoraphobischen Situationen – aktiviert die fundamentale Erfahrung von Hilflosigkeit, Ausgeliefert-Sein und Geborgenheitsverlust, sodass Sicherheitssignale wie eine Person mit unbedingtem Vertrauen oder sonstige Hilfen zentrale Bedeutung gewinnen. Die wesentlichsten Therapieziele sind die Verbesserung des Sicherheitsgefühls und der Aufbau von Kompetenz.

 

 

 

Soziale Phobie:  Angst vor anderen Menschen – Angst vor sozialer Kritik

 

 

1.

Fürchten Sie sich, in belastendem Ausmaß im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, sich peinlich oder demütigend zu verhalten?

 

 

O

2.

Vermeiden Sie es möglichst, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder vermeiden Sie Situationen, in denen Sie Angst haben, sich peinlich oder erniedrigend zu verhalten?

 

 

 

O

3.

Treten diese Ängste in sozialen Situationen auf, wie Essen, Sprechen in der Öffentlichkeit, öffentlichen Begegnungen, Hinzukommen oder Teilnahme an kleinen Gruppen wie z.B. Partys, Konferenzen oder in Klassenräumen?

 

 

 

O

4.

Treten dabei folgende Angstsymptome auf?

 

 

·         Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz

O

 

·         Schweißausbrüche

O

 

·         Fein- oder grobmotorisches Zittern

O

 

·         Mundtrockenheit

O

 

·         Atembeschwerden

O

 

·         Beklemmungsgefühl

O

 

·         Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

O

 

·         Übelkeit oder Missempfindungen im Bauchraum (z.B. Unruhegefühl im Magen)

O

 

·         Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

O

 

·         Gefühl, dass Sie weit entfernt sind, nicht „wirklich hier sind“, „neben sich stehen“ (Depersonalisation) oder die Umwelt und die Objekte unwirklich sind (Derealisation)

 

 

O

 

·         Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

O

 

·         Angst zu sterben (als Reaktion auf die körperlichen Zustände)

O

 

·         Hitzegefühle oder Kälteschauer

O

 

·         Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

O

5.

Treten dabei zusätzlich noch folgende Symptome auf?

 

 

·         Erröten oder Zittern

O

 

·         Angst zu erbrechen

O

 

·         Harn- oder Stuhldrang oder Angst davor

 

O

6.

Erleben Sie durch die Angstsymptome oder das Vermeidungsverhalten eine deutliche emotionale Belastung und haben Sie dabei die Einsicht, dass diese Ängste übertrieben oder unvernünftig sind?

 

 

 

O

7.

Beschränken sich die Symptome ausschließlich oder vornehmlich auf die gefürchteten Situationen oder Gedanken an sie?

 

 

O

8.

Sind die Angstzustände nicht bedingt durch eine andere psychische Störung (Depression, Zwangsstörung usw.)?

 

O

 

 

 

 

Wenn Sie die Fragen 1, 2, 3, 6, 7 und 8 sowie mindestens zwei Symptome bei Frage 4 und mindestens ein Symptom bei Frage 5 angekreuzt haben, haben Sie möglicherweise eine soziale Phobie.

 

 

 

 

F40.1  Soziale Phobie:  ICD-10-Forschungskriterien

 

A.   Eine soziale Phobie besteht in einer deutlichen Furcht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder sich unpassend oder peinlich zu verhalten, oder in der deutlichen Vermeidung derartiger Situationen. Diese Ängste treten in sozialen Situationen auf, wie Essen oder Sprechen in der Öffentlichkeit, Begegnung von Bekannten in der Öffentlichkeit, Hinzukommen oder Teilnahme an kleinen Gruppen, wie z.B. bei Partys, Konferenzen oder in Klassenräumen.

 

B.     In den gefürchteten Situationen treten mindestens zwei der 14 Angstsymptome wie bei einer Agoraphobie auf sowie zusätzlich noch mindestens eines der folgenden Symptome:

 

1.      Erröten oder Zittern

2.      Angst zu erbrechen

3.      Harn- oder Stuhldrang bzw. Angst davor.

 

C.  Es besteht eine deutliche emotionale Belastung durch die Angstsymptome oder durch das Vermeidungsverhalten. Die Einsicht, dass die Symptome oder das Vermeidungsverhalten übertrieben und unvernünftig sind, ist dabei gegeben.

 

D.    Die Symptome beschränken sich ausschließlich oder vornehmlich auf die gefürchteten Situationen oder auf Gedanken an diese.

 

E.     Häufigstes Ausschlusskriterium: die Symptome hängen nicht zusammen mit anderen psychischen Störungen, organischen Ursachen oder kulturell akzeptierten Anschauungen.

 

 

Soziale Phobie – Kurzbeschreibung

 

Soziale Phobien bestehen in der Furcht vor der kritischen Betrachtung durch andere Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen (nicht dagegen in Menschenmengen) und führen schließlich dazu, dass soziale Situationen vermieden werden. Eine Sozialphobie besteht im Wesentlichen aus einer Beurteilungsangst. Die Betroffenen wissen zwar, dass ihre Ängste übertrieben oder unbegründet sind, sie können ihr Angst- und Vermeidungsverhalten aber nicht kontrollieren.

 

Rund jeder Zehnte (8-13 Prozent der Bevölkerung) leidet im Laufe seines Lebens einmal an einer Sozialphobie. Die soziale Phobie stellt nach Alkoholmissbrauch/-abhängigkeit und depressiven Störungen die dritthäufigste psychische Störung dar. Das Gefährliche: wenn sie nicht erfolgreich behandelt wird, kann sie sich zur „Einstiegsstörung“ in schwerere psychische Störungen (Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, Depressionen, schwere Angststörungen) entwickeln.

 

Sozialphobiker können sich vor denselben Situationen wie Agoraphobiker fürchten, jedoch aus anderen Gründen, nämlich wegen der unerträglichen sozialen Beachtung und Beurteilung der eigenen Person. Ihre Gedanken kreisen beispielsweise um Fragen wie „Was werden sich die anderen von mir denken?“, „Bestimmt halten sie mich für dumm“, „Ich könnte mich blamieren“. Nicht selten greifen Sozialphobiker in ihrer Not zu Ausreden und Ausflüchten, wie „Ich kann nicht mehr so viel fortgehen wie früher, weil ich so viel Arbeit habe“, „Ich kann leider nicht mit ins Kino, ich muss noch eine total wichtige Arbeit erledigen“.

Ein zentrales Kriterium lautet: die körperlichen und psychischen Symptome sind ausschließlich auf die gefürchteten Situationen sowie auf die Gedanken daran beschränkt. Wenn jemand also etwas allein und ohne Angst ausführen kann, was in Gegenwart anderer große Angst macht, bestätigt sich dadurch die Diagnose einer sozialen Phobie eindeutig.

Typische Situationen, in denen unangemessen starke Ängste vor sozialen Situationen in auftreten, sind:

 

l       sich in Gegenwart anderer äußern,

l       in der Öffentlichkeit eine Rede halten,

l       bei einem bestimmten Anlass öffentlich in Erscheinung treten,

l       Personen des anderen Geschlechts ansprechen,

l       Essen und Trinken mit anderen (das Glas oder die Tasse heben ohne Zittern),

l       Teilnahme an Gruppenaktivitäten (Partys, Feiern, Treffen, Verabredungen, Geschäftsessen),

l       telefonische Kontakte,

l       unter Beobachtung anderer schreiben oder eine Unterschrift leisten,

l       in einer Leistungssituation von anderen beobachtet werden (z.B. bei einer Arbeit),

l       sportliche Betätigung, während andere zuschauen (z.B. Gymnastik, Schwimmen),

l       Teilnahme bei Tests und Wettbewerben,

l       beim Rotwerden, Zittern oder Schwitzen sich beobachtet fühlen,

l       in einem Lokal in der Mitte sitzen,

l       in öffentlichen Verkehrsmitteln anderen gegenübersitzen und dabei auffallen,

l       Erstkontakte mit fremden Menschen (z.B. anderen Personen vorgestellt werden),

l       Besuch öffentlicher Toiletten,

l       Bewerbungsgespräche vornehmen,

l       Autoritätspersonen oder Prüfern u.ä. gegenübertreten.

 

Als Folge der Angst treten in sozialen Situationen auch verschiedene körperliche Symptome auf, die wie eine Spirale die Furcht aufzufallen noch mehr verstärken, etwa Erröten, Schwitzen, Herzrasen, Händezittern, Vermeiden von Blickkontakt, Versagen bzw. Veränderung der Stimme, Übelkeit mit Brechreizneigung, Harn- oder Stuhldrang. Situationsabhängige Panikattacken sind oft als Ausdruck einer ausgeprägten Sozialphobie und nicht einer Agoraphobie zu verstehen.

 

Erste Anzeichen einer Sozialphobie sind oft eine ausgeprägte Schüchternheit oder Zurückhaltung, später resultieren daraus auch oft verschiedene berufliche oder private Probleme. Soziale Phobien hängen oft mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zusammen. Häufig wird Alkohol als Bewältigungsstrategie eingesetzt. Ein Selbstsicherheitstraining ist angezeigt.

 

Grundsätzlich kann man vier Formen sozialer Ängste unterscheiden, die die ganze Bandbreite von normal bis krankhaft umfassen:

 

l       Lampenfieber („Bammel“): normale, situationsgebundene soziale Angst.

l       Soziale Phobie: situationsgebundene, krankhafte Angst.

l       Schüchternheit: normale, generalisierte soziale Angst.

l       Ängstlich-vermeidende Persönlichkeit: generalisierte, krankhafte soziale Angst im Sinne eines Persönlichkeitsfaktors.

 

Auch Kinder können bereits unter einer sozialen Phobie leiden. Bei ihnen zeigen sich soziale Ängste am häufigsten in Form der Schulphobie und der „klassischen“ Prüfungsangst. Oder sie fürchten, von anderen ausgelacht und damit ausgegrenzt zu werden, wenn die anderen als Gruppe und damit als bestimmende Mehrheit erlebt werden. Schüler mit einer sozialen Phobie schneiden wegen ihrer Prüfungsängste und des häufigen Fehlens in der Schule bei Prüfungen meist schlechter ab als andere Kinder, was die Angst vor Leistungsbeurteilungen erst recht wieder verstärkt.

 

Nach dem Ausmaß der Generalisierung unterscheidet man zwei Arten von sozialen Phobien:

 

1.      Spezifische soziale Phobien ("Leistungstyp-Sozialphobie")

2.      Generalisierte soziale Ängste ("Soziale-Kompetenz-Defizit-Sozialphobie")

  

1. Spezifische soziale Phobien

 

Spezifische soziale Ängste beziehen sich auf Reden, Essen oder Schreiben in der Öffentlichkeit sowie auf bestimmte Leistungssituationen (Prüfung, Vorträge, sportliche Betätigung usw.). Die Angst bewirkt eine Hemmung von an sich vorhandenen Fertigkeiten und geht mit belastenden körperlichen Symptomen einher.

 

Eine spezifische Sozialphobie wird auch „Sozialphobie vom Leistungstyp“ genannt, weil die sozialen Ängste nur in ganz bestimmten Situationen auftreten, und zwar dann, wenn eine Leistung im weitesten Sinn zu erbringen ist. Die Störung ist also begrenzt auf spezifische Leistungssituationen vor den Augen anderer Menschen, während in allen anderen Bereichen eine gute soziale Funktionsfähigkeit gegeben ist. Eine Konfrontationstherapie ist oft hilfreich.

 

Als Auslöser dient häufig ein einschneidendes Erlebnis (z.B. Ausgelachtwerden beim Stottern während eines Referats, Verspottung bei einer ungeschickten Turnübung, Händezittern beim Schreiben an der Tafel). Dabei trat - von den anderen oft unbemerkt - die erste Panikattacke oder eine panikähnliche Reaktion auf.

 

Soziale Ängste vom Leistungstyp führen oft wegen der damit verbundenen körperlichen Symptome zu einer plötzlichen Veränderung des Betroffenen, die der Umwelt völlig unerklärlich erscheint, vor allem wenn der Betroffene vorher als kontaktfreudig und selbstbewusst galt.

 

Eine spezifische Sozialphobie beginnt gewöhnlich im 16. oder 17. Lebensjahr und hängt oft mit situativ bedingten Panikattacken zusammen. Die Beeinträchtigungen zeigen sich meist im schulischen und beruflichen Bereich. Bei zahlreichen Betroffenen wirkt sich die Sozialphobie vom Leistungstyp erst später sehr belastend aus, vor allem wenn sie im Rahmen eines beruflichen Aufstiegs im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer stehen.

 

 

2. Generalisierte soziale Ängste

 

Generalisierte soziale Ängste beziehen sich auf vielfältigste soziale Situationen und beruhen häufig auf einer allgemeinen Selbstunsicherheit, sodass ein Selbstsicherheitstraining angezeigt ist. Die Betroffenen fürchten sowohl öffentliche Leistungssituationen (vor anderen reden, essen schreiben usw.) als auch alle möglichen soziale Situationen (z.B. Kontaktaufnahme mit Fremden oder Personen des anderen Geschlechts).

 

Im Laufe der Zeit kommt es zu schweren Beeinträchtigungen in allen Lebensbereichen, sodass soziale, schulische und berufliche Probleme auftreten. Die Störung ist oft mit einer depressiven Symptomatik oder mit Alkoholmissbrauch verbunden. Eine generalisierte Sozialphobie hängt immer mit mangelnden sozialen Fertigkeiten und einer allgemeinen Selbstunsicherheit zusammen.

 

Häufig liegen zwar ausgeprägte soziale Defizite zugrunde, dennoch wird mit einer „generalisierten Sozialphobie“ insgesamt eher der ängstlich-gehemmte Sozialphobiker bezeichnet, während die schweren Formen sozialer Defizite als Persönlichkeitsstörung beschrieben werden. Man spricht dann von einer ängstlichen (vermeidenden) bzw. einer selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung.

 

Generalisierte soziale Ängste beginnen gewöhnlich schon sehr früh auf (durchschnittlich mit 11-12 Jahren), jedenfalls vor dem 15. Lebensjahr.

 

 

Wie soziale Phobien entstehen

 

Menschen mit einer sozialen Angststörung befinden sich in einem unlösbaren Dilemma: sie möchten ständig einen guten Eindruck machen und bezweifeln gleichzeitig ihre Fähigkeit, dies zu erreichen. Sie richten ihre Aufmerksamkeit im Umgang mit anderen Menschen stark auf sich selbst, beobachten sich aus Angst und Unsicherheit ständig und werden und wirken somit erst recht verkrampft. Das ständige Reflektieren und Sich-selbst-Beurteilen untergräbt jede Spontaneität im Umgang mit anderen.

 

Sozialphobiker wirken permanent angespannt und kontrolliert, was auch die Umgebung mehr oder weniger stark registriert. Aus Angst, in sozialen Situationen zu versagen oder kritisiert zu werden, neigen sie dazu, potentielle Gefahren extrem überzubewerten; die hohe Empfindlichkeit den eigenen körperlichen Reaktionen gegenüber verstärkt die permanente Selbstbeobachtung. All das führt unweigerlich dazu, dass das Selbstvertrauen der Betroffenen geschwächt wird und die Bewertung ihrer eigenen Person völlig verzerrt ist.

 

Der nächste Schritt – das konsequente Vermeiden der gefürchteten Situationen – reduziert nur kurzfristig die Angst; langfristig kann es jedoch keine Besserung bringen, weil es den Betroffenen die Chance auf positive Erfahrungen nimmt! Der soziale Rückzug verhindert alle Lernerfahrungen, die ihnen mehr Selbstsicherheit vermitteln könnten.

 

Es entwickelt sich ein Teufelskreis: die Angst vor sozialen Misserfolgen und kritischen Urteilen führt zu einem verkrampften Bemühen um Fehlervermeidung, Unauffälligkeit und positiver Selbstdarstellung, das bewirkt eine übertriebene Aufmerksamkeit auf das eigene Tun und den Wunsch, immer alles richtig zu machen. Die Konzentration auf die Interaktionspartner („Was sehen die anderen an mir?“) beeinträchtigen das spontane Verhalten und die Zuwendung zum Gegenüber, was subjektiv als Konzentrationsstörung oder gar als Merkfähigkeitsstörung erlebt werden kann. Die damit verbundene Gefahr der Auffälligkeit wird durch „Zusammenreißen“ zu überspielen versucht, sodass eine entspannte Kommunikation und Interaktion völlig unmöglich ist.

 

Sozialphobiker weisen angstverstärkende Muster auf:

 

l       negative Bilder zur eigenen Person („Ich bin langweilig“),

l       falsche Überzeugungen zur sozialen Bewertung („Wenn sie mich näher kennen würden, würden sie mich ablehnen“),

l       überhöhte Maßstäbe für das Sozialverhalten („Ich darf niemals meine Angst zeigen“).

 

Eines bedingt das andere: negative Erwartungen bewirken eine übersteigerte Selbstaufmerksamkeit, Selbstbeobachtung und Selbstbewertung (einseitige Konzentration auf mögliche Fehler, Versagen, Blamagen und Peinlichkeiten im Verhalten). Wegen der großen Angstgefühle oder der körperlichen Erregung schließen die Betroffenen sofort auf eine negative Bewertung durch andere („Die anderen sehen in meiner Aufregung meine Schwäche“). Sie erleben sich wie ein „gläserner Mensch“ (total durchsichtig) und glauben, was sie spüren, würden die anderen tatsächlich auch sehen können. Sozialphobiker überschätzen die Wahrscheinlichkeit, dass ihre körperlichen Symptome von der Umwelt wahrgenommen werden.

 

Sie interpretieren zudem die körperlichen Symptome als Beweis für die negative Beurteilung vonseiten der Umwelt, was den Teufelskreis bis zu situativen Panikattacken aufschaukeln kann. Bestimmte Sicherheitsverhaltensweisen sollen in unvermeidbaren Situationen die Ängste und erwarteten negativen Bewertungen vermindern (z.B. ständiges Reden).

 

Sozialphobiker haben zu perfektionistische Standards, vermutlich zur Kompensation der vermeintlichen oder tatsächlichen Unzulänglichkeiten.

 

 

 

Spezifische Phobien:  Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen – eine einzelne Phobie beeinträchtigt das Leben

 

 

1.

Fürchten Sie sich in belastendem Ausmaß vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation (außerhalb einer Agoraphobie und außerhalb einer sozialen Phobie)?

 

 

 

O

2.

Vermeiden Sie beharrlich solche Objekte und Situationen (außerhalb einer Agoraphobie und außerhalb einer sozialen Phobie)?

 

 

O

3.

Erlebten Sie in den gefürchteten Situationen mindestens einmal seit dem Auftreten der Phobie folgende Angstsymptome?

 

 

·         Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz

O

 

·         Schweißausbrüche

O

 

·         Fein- oder grobmotorisches Zittern

O

 

·         Mundtrockenheit

O

 

·         Atembeschwerden

O

 

·         Beklemmungsgefühl

O

 

·         Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

O

 

·         Übelkeit oder Missempfindungen im Bauchraum (z.B. Unruhegefühl im Magen)

O

 

·         Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

O

 

·         Gefühl, dass Sie weit entfernt sind, nicht „wirklich hier sind“, „neben sich stehen“ (Depersonalisation) oder die Umwelt und die Objekte unwirklich sind (Derealisation)

 

 

O

 

·         Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

O

 

·         Angst zu sterben (als Reaktion auf die körperlichen Zustände)

O

 

·         Hitzegefühle oder Kälteschauer

O

 

·         Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

O

4.

Sind die Angstsymptome oder das Vermeidungsverhalten für Sie emotional sehr belastend und haben Sie dabei die Einsicht, dass diese Ängste übertrieben oder unvernünftig sind?

 

 

 

O

5.

Bleiben Ihre Symptome auf die gefürchteten Situationen oder Gedanken beschränkt?

 

 

O

6

Können Sie Ihre Furcht vor bestimmten Objekten oder Situationen mindestens einem der folgenden Typen zuordnen?

 

 

·         Tier-Typ (Angst vor Insekten, Schlangen, Hunden usw.)

O

 

·         Naturgewalten-Typ (Sturm, Donner, Blitz, Wasser, Meer usw.)

O

 

·         Blut-Injektion-Verletzungs-Typ (Angst vor Blut, Injektionen, Infusionen usw.)

O

 

·         Situativer Typ (Angst vor einem geschlossenen Raum, vor einem Lift, vor einer Gondel, vor einem Tunnel, vor dem Fliegen usw.)

 

O

 

·         Anderer Typ (z.B. Angst vor Zahnärzten, Krankenhäusern, Prüfungsangst)

 

O

 

Wenn Sie die Fragen 1, 2, 4 und 5 sowie einige der Symptome bei Frage 3 und mindestens einen Phobietyp bei Frage 6 angekreuzt haben, haben Sie möglicherweise eine spezifische Phobie.

 

 

 

 

F40.2  Spezifische Phobie:  ICD-10-Forschungskritierien

 

A.  Es besteht entweder eine deutliche Furcht vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation oder eine deutliche Vermeidung solcher Objekte und Situationen. Häufige phobische Objekte und Situationen sind Tiere, Vögel, Insekten, Höhen, Donner, Fliegen, kleine geschlossene Räume, Anblick von Blut oder Verletzungen, Injektionen, Zahnarzt- und Krankenhausbesuche.

 

B.   In den gefürchteten Situationen sind mindestens einmal seit dem Auftreten der Störung einige der 14 Angstsymptome (wie bei einer Agoraphobie) aufgetreten.

 

C.  Es besteht eine deutliche emotionale Belastung durch die Symptome oder das Vermeidungsverhalten. Die Betroffenen haben die Einsicht, dass ihre Reaktionen übertrieben und unvernünftig sind.

 

D.   Die Symptome sind auf die gefürchtete Situation oder Gedanken an diese beschränkt, das heißt es besteht keine Agoraphobie und keine Sozialphobie.

 

Die spezifischen Phobien werden in verschiedene Typen unterteilt:

 

l       Tier-Typ (z.B. Insekten, Hunde)

l       Naturgewalten-Typ (z.B. Sturm, Wasser)

l       Blut-Injektion-Verletzungstyp

l       situativer Typ (z.B. Fahrstuhl, Tunnel)

l       andere Typen

 

 

Spezifische Phobien – Kurzbeschreibung

 

Spezifische Phobien sind unangemessen starke Ängste und Angstreaktionen in Bezug auf spezifische Situationen: Dunkelheit, geschlossene Räume, Aufzug, Höhe, Fliegen, bestimmte Tiere, Prüfungssituationen, Anblick von Blut, Spritzen, medizinische Institutionen u.a. Bei einer spezifischen Phobie besteht eine eng umschriebene Angst vor bestimmten, an sich ungefährlichen Objekten und Situationen, d.h. vor Reizen außerhalb des eigenen Körpers, ohne dass gleichzeitig eine Agoraphobie oder eine soziale Phobie gegeben ist. In der klinischen Praxis am häufigsten sind Prüfungsphobien, Flugphobien, Liftphobien, Tierphobien.

 

Bestimmte spezifische Phobien schränken das Leben nur geringfügig ein, sodass man ganz gut damit leben kann, weil die auslösenden Reize (z.B. Fliegen, Schlangen) nur selten auftreten oder keine panikartigen Reaktionen bewirken.

 

 

Wie spezifische Phobien entstehen

 

Viele spezifische Phobien haben ihre Wurzeln in der Kindheit und spiegeln die falsche Einschätzung von bestimmten Objekten und Situationen als gefährlich wider. Als weitere Ursachen gelten traumatische Erlebnisse (z.B. Hundebiss, Autounfall, Steckenbleiben des Lifts) oder eine biologische Vorgeformtheit durch die Evolution (z.B. bei Tier-, Gewitter-, Dunkel- oder Höhenängsten). Immer sind jedenfalls in bestimmten Situationen belastende körperliche und/oder psychische Zustände aufgetreten; sie sollen möglichst verhindert werden, in dem man die betreffenden Objekte und Situationen einfach umgeht. Dadurch wird aber die weitere Angstbereitschaft verstärkt, weil im Gehirn keine erfolgreiche Bewältigungserfahrung eingespeichert wird.

 

 

 

Panikstörung:  Angst aus heiterem Himmel – Angst vor der Angst

 

 

1.

Hatten Sie schon wiederholt Panikattacken, die nicht auf eine spezifische Situation oder ein spezifisches Objekt bezogen waren, sondern ganz spontan auftraten in Situationen, wo Sie gerade keiner besonderen Belastung oder Gefahr ausgesetzt waren?

 

 

O

 

2

Erlebten Sie dabei eine einzelne Episode von intensiver Angst oder Unbehagen, die abrupt begann, innerhalb weniger Minuten einen Höhepunkt erreichte und dann mindestens einige Minuten andauerte (meistens nicht länger als eine halbe Stunde)?

 

 

O

 

3.

Traten dabei folgende Symptome auf?

 

 

·         Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz

O

 

·         Schweißausbrüche

O

 

·         Fein- oder grobmotorisches Zittern

O

 

·         Mundtrockenheit

O

 

·         Atembeschwerden

O

 

·         Beklemmungsgefühl

O

 

·         Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

O

 

·         Übelkeit oder Missempfindungen im Bauchraum (z.B. Unruhegefühl im Magen)

O

 

·         Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

O

 

·         Gefühl, dass Sie weit entfernt sind, nicht „wirklich hier sind“, „neben sich stehen“ (Depersonalisation) oder die Umwelt und die Objekte unwirklich sind (Derealisation)

 

 

O

 

·         Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

O

 

·         Angst zu sterben (als Reaktion auf die körperlichen Zustände)

O

 

·         Hitzegefühle oder Kälteschauer

O

 

·         Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

O

4.

Können Sie ausschließen, dass Ihre Angstzustände bedingt sind durch eine andere psychische Störung (Phobie, hypochondrischen Störung, Depression, generalisierte Angststörung usw.) oder eine körperliche Störung?

 

 

O

 

5.

Hatten Sie jemals vier Panikattacken innerhalb von vier aufeinander folgenden Wochen („mittelgradige Panikstörung“)?

 

 

O

 

6.

Hatten Sie mindestens vier Panikattacken pro Woche über einen Zeitraum von vier Wochen („schwere Panikstörung“)?

 

O

 

 

 

 

Wenn Sie die Fragen 1, 2 und 4 sowie mindestens vier Symptome bei Frage 3 angekreuzt haben, haben Sie möglicherweise eine Panikstörung.

 

 

 

 

F41.0  Panikstörung:  ICD-10-Forschungskriterien

 

A.     Eine Panikstörung besteht aus wiederholten Panikattacken. Die Angstanfälle sind nicht auf eine spezifische Situation oder ein spezifisches Objekt bezogen und treten oft spontan auf, das heißt sie sind nicht vorhersagbar. Die Panikattacken sind nicht verbunden mit besonderen Anstrengungen oder bedrohlichen Situationen.

 

B.     Panikattacke weist die folgenden Merkmale auf:

 

a.     Es ist eine einzelne Episode von intensiver Angst oder Unbehagen.

b.     Sie beginnt abrupt.

c.     Sie erreicht innerhalb von Minuten einen Höhepunkt und dauert mindestens einige Minuten (meistens nicht länger als eine halbe Stunde).

d.     Mindestens vier Symptome der folgenden Liste, davon eins von den Symptomen 1 bis 4 müssen vorliegen.

 

 Vegetative Symptome:

1.      Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz

2.      Schweißausbrüche

3.      fein- oder grobmotorisches Zittern

4.      Mundtrockenheit

 

Symptome, die Brust- und Bauchbereich betreffen:

5.       Atembeschwerden

6.       Beklemmungsgefühl

7.       Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

8.       Übelkeit oder Missempfindungen im Magenbereich (z.B. Unruhegefühl)

 

Psychische Symptome:

             9.      Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

         10.      Gefühl, die Objekte sind unwirklich (Derealisation), oder man selbst ist weit entfernt oder „nicht wirklich hier“ (Depersonalisation)

         11.      Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

         12.      Angst zu sterben

 

Allgemeine Symptome:

        13.        Hitzewallungen oder Kälteschauer

        14.       Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

C.     Die Panikattacken sind nicht Folge einer körperlichen Erkrankung oder einer anderen psychischen Störung.

 

 

Panikstörung – Kurzbeschreibung

 

Bei Panikattacken handelt es sich um plötzlich und unerwartet, scheinbar ohne Ursachen in objektiv ungefährlichen Situationen auftretende, massive körperliche Symptome mit subjektiv oft lebensbedrohlichem Charakter (Herzrasen, Herzstolpern, Atemnot oder Beklemmungsgefühl, Erstickungsgefühle, Schwindel, Ohnmachtsangst, Zittern oder Beben, Hitzewallungen oder Kälteschauer, Schwitzen, Taubheit oder Kribbelgefühle, Schmerzen oder Unwohlsein in der Brust, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Gefühl der Unwirklichkeit und der Persönlichkeitsauflösung, Todesangst, Angst vor Kontrollverlust oder Verrückt-Werden). Später treten oft „nur“ mehr panikähnliche Zustände auf. 

 

Eine Panikattacke dauert meist zwischen 5 und 30 Minuten an. Betroffene beschreiben sie als Zustand intensiver Angst und extremen Unbehagens; sie taucht meist völlig unerwartet wie der vielzitierte „Blitz aus heiterem Himmel“ auf, nur in phobischen Situationen weiß man, dass sie eintreten wird.

 

Bei einer Panikattacke treten gleichzeitig mindestens 4 von 14 typischen körperlichen oder psychischen Symptomen auf. Die belastendsten Symptome sind Herzrasen und Herzklopfen in Verbindung mit Herzinfarktängsten, Druck- und Engegefühle im Brustbereich in Zusammenhang mit Erstickungsängsten, Schwindel und Benommenheit mit der Folge von Ohnmachtsangst, Entfremdungsgefühle (Depersonalisation, Derealisation) mit der Angst verrückt zu werden sowie innere Druckzustände mit dem Gefühl auszurasten und die Selbstkontrolle zu verlieren.

 

Von einer Panikstörung spricht man dann, wenn innerhalb von etwa einem Monat mehrere schwere und unerwartete Panikattacken aufgetreten sind. Vorhersehbare Angstanfälle, die in ganz bestimmten Situationen auftreten, verweisen auf eine Phobie, wie etwa extreme Angst vor Hunden, dem Liftfahren oder Spritzen.

 

Verschiedene Panikpatienten berichten, ihre Attacken würden stundenlang andauern. Länger anhaltende Angstzustände, die gewöhnlich weniger stark ausgeprägt sind, bezeichnet man als Angstepisoden. Trotz kurzer Dauer (meistens nicht länger als 30 Minuten) greifen die Betroffenen wegen der Heftigkeit der psychovegetativen Symptome häufig zu Beruhigungsmittel (Xanor/Tafil, Lexotanil u.a.), die nach 2-3 Monaten regelmäßiger Einnahme abhängig machen können.

 

Die Angst vor den Paniksymptomen führt oft zu chronischen Erwartungsängsten („Angst vor der Angst“), obwohl die Patienten aufgrund von meist zahlreichen körperlichen Durchuntersuchungen wissen, dass sie organisch gesund sind und keine schwere körperliche Erkrankung (Herzinfarkt, Gehirnschlag, Gehirntumor, Kreislaufzusammenbruch mit Ohnmacht) zu befürchten brauchen. Dennoch wirken erst neuerliche Untersuchungen oder Gespräche mit Ärzten, Psychotherapeuten und Angehörigen beruhigend.

 

Zwischen den Attacken liegen (in Abgrenzung zur generalisierten Angststörung) weitgehend angstfreie Zeiträume (abgesehen von den Erwartungsängsten, die im Laufe der Zeit zu einem chronischen Anspannungszustand führen, ähnlich einer generalisierten Angststörung).

 

Eine nicht bewältigbare Panikstörung führt oft zu Agoraphobie, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch und depressiven Erschöpfungszuständen. Aus Angst vor dem Auftreten der Symptome erfolgen eine massive Einengung des Lebensraums und eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität.

 

Früher sehr selbständige Menschen werden durch die Angst vor Panikattacken von Angehörigen und Bekannten plötzlich so abhängig wie kleine Kinder (man kann dann z.B. aus Angst vor einer Panikattacke nicht mehr alleine zu Hause bleiben).

 

 

Wie Panikattacken entstehen: der Teufelskreis der Angst

 

Die erste Panikattacke entsteht in den meisten Fällen vor dem Hintergrund einer längeren psychosozialen Belastungssituation (z.B. beruflicher oder familiärer Stress, Scheidung, Todesfall, Schulden, drohende Arbeitslosigkeit), konkret und massiv taucht sie jedoch oft erst in der so genannten „abfallenden Stressphase“ auf, d.h. in einer Entspannungssituation (z.B. im Liegen, beim Autofahren oder bei einem Kaufhausbummel). Dies ist natürlich auch einer der Gründe, warum die Betroffenen die Panikattacke nicht mit den ihnen meistens ohnehin bekannten Problemen in Verbindung bringen und punkto Ursache ratlos im Dunkeln tappen.

 

Öfter ist gleichzeitig ein körperlich geschwächter, jedoch keineswegs krankheitswertiger Zustand gegeben (z.B. radikale Gewichtsabnahme, Schlafdefizit, zuviel Kaffee, Nikotin oder Alkohol, leichte Verkühlung).

 

All dies führt dazu, dass die körperlichen Begleiterscheinungen der Panikattacke als akute Lebensgefahr interpretiert werden – tief empfundene Todesangst ist die Folge. Manche Menschen mit Panikattacken fürchten dagegen die körperlichen Symptome weniger, sondern vielmehr die psychischen und kognitiven – vor allem das Gefühl der Entfremdung sich selbst gegenüber (Depersonalisation) oder der Umwelt gegenüber (Derealisation). Diese Erfahrungen oder das Gefühl des geistigen Kontrollverlusts führen zur Angst verrückt zu werden oder sonst irgendwie öffentlich „durchzudrehen“ und für immer in der Psychiatrie zu landen.

 

Meist schon nach der ersten, spätestens jedoch nach der zweiten Panikattacke erfolgt eine organische Untersuchung, die gewöhnlich keinen auffälligen Befund ergibt. Dieser Umstand wirkt aber nur für eine gewisse Zeit beruhigend, denn jede neuerliche Attacke führt logischerweise zu einer weiteren Verunsicherung über den Gesundheitszustand. Diese Beunruhigung wird gewöhnlich auch durch Kontrolluntersuchungen bei einem anderen Arzt oder in einem anderen Krankenhaus nicht beseitigt, und es entwickelt sich trotz des negativen organischen Befunds eine Erwartungsangst bezüglich neuerlicher Attacken, die das Leben selbst dann schwer beeinträchtigt, wenn über lange Zeit gar keine Panikattacke auftaucht. Wegen der Heftigkeit des ersten bzw. zweiten Anfalls, der gewöhnlich ein traumatisierendes Ausmaß erreicht hat, kommt es zu einer ständigen „Angst vor der Angst“, die die Lebensmöglichkeiten immer mehr einengt.

 

Die Betroffenen neigen zudem zu einer verstärkten Aufmerksamkeit („selektive Wahrnehmung“) in Bezug auf ihre körperlichen Reaktionen, registrieren jede kleine Veränderung der Befindlichkeit und bewerten dies als Anzeichen einer drohenden Attacke. Dadurch wird aber das Auftreten eines neuerlichen Angstanfalls erst recht begünstigt.

 

So paradox es klingt, aber es ist wahr: die Ursache für die nächste Panikattacke liegt nicht in der Vergangenheit (hier hat das Problem nur begonnen), sondern in der Zukunft, nämlich in der Vorstellung einer potenziellen Gefährdung durch eine neuerliche Attacke!

 

Menschen mit einer Panikstörung schaukeln bestimmte körperliche Empfindungen bis zu einer Panikattacke oder einer panikähnlichen Symptomatik auf. Sie nehmen bestimmte körperliche Symptome übertrieben wahr und bewerten diese fälschlich als Zeichen höchster Gefahr. Oft führen auch medizinische Informationen oder Nachrichten über erkrankte Bekannte zu einer erhöhten Körperzuwendung und infolgedessen zur Wahrnehmung bestimmter Symptome, die umso stärker werden, je mehr die Betroffenen darauf achten.

 

 

Man spricht von einem „Teufelskreis der Angst“, der aus folgender Spirale besteht:

 

1.    Auftreten harmloser körperlicher Veränderungen (z.B. Herzbeschleunigung, Schwindel, Atemnot, Übelkeit) oder bestimmter kognitiver Veränderungen (z.B. Entfremdungsgefühle oder geistige Müdigkeit).

2.      Wahrnehmung der Veränderungen. Die Betroffenen bemerken die eingetretenen körperlichen oder kognitiven Veränderungen und wenden sich ihnen stärker zu. Die Zuwendung ist umso intensiver, je mehr Sensibilität derartigen Symptomen gegenüber aufgrund einer früheren Panikattacke besteht.

3.     Bewertung der Symptome als Zeichen einer Bedrohung. Die wahrgenommenen körperlichen oder kognitiven Symptome, die oft normale Stress- oder Nachstresssymptome darstellen, werden mangels anderer Erklärungsmöglichkeiten als gefährlich beurteilt („Mein Herz schlägt so schnell, dass ich gleich einen Herzinfarkt bekomme“; „Ich habe so einen Druck auf der Brust, dass ich keine Luft bekomme und ersticken muss“; „Meine rechte Hand und mein rechtes Bein kribbeln so komisch, wahrscheinlich bekomme ich jetzt einen Schlaganfall wie meine Großmutter“; „Ich kann nicht mehr klar denken, gleich schnappe ich über“; „Ich bin so angespannt, dass ich jeden Augenblick etwas zusammenhauen kann“).

4.     Entwicklung von Angst als Folge der vermeintlichen Gefährdung des Körpers. Die Entstehung vermehrter Angst ist die logische Folge, wenn bestimmte Symptome als gefährlich interpretiert werden.

5.      Körperliche Veränderungen als Folge der Angst machenden Bewertung der Symptome. Die eingetretenen Veränderungen werden so angstvoll erlebt, dass die Symptome stärker werden.

6.     Symptome einer Panikattacke. Der rasche Aufschaukelungsprozess von körperlichen oder kognitiven Symptomen und deren Bewertung als Gefahrenzeichen führt schließlich zu einer Panikattacke.

 

Dieser Aufschaukelungsprozess beruht auf vier Faktoren:

 

1.     Momentaner innerer Zustand: aktuelle körperliche und psychische Befindlichkeit wie etwa Ärger, Wut, Erschöpfung, körperliche Veränderungen als Folge einer Hyperventilation (sehr rasche und flache Atmung).

2.    Momentane situative Faktoren: körperliche Aktivität, plötzliche Ruhephase nach längerer Anspannung, Veränderung der Körperposition (z.B. Hinlegen), Einwirkung von Nikotin, Koffein, Alkohol, Medikamenten oder Drogen, Abwesenheit von Sicherheitssignalen (z.B. einer vertrauten Person).

3.      Relativ überdauernde situative Einflüsse: lang anhaltende belastende Lebenssituationen wie etwa Krankheit oder Tod von Familienangehörigen, partnerschaftliche oder berufliche Konflikte, Langzeitarbeitslosigkeit, finanzielle Sorgen.

4.      Individuelle Neigung und Veranlagung: rasche psychovegetative Erregbarkeit, chronische Erwartungsängste, lebensgeschichtlich erworbene Fixierung auf körperliche Vorgänge und deren Bewertung als gefährlich, körperliche Schonung aus Angst vor Überforderung.

 

Im Gegensatz zu Phobien werden Panikattacken gewöhnlich nicht durch äußere, sondern durch innere Auslöser (Reize) bewirkt:

  1. Die eigenen Körperempfindungen selbst, z.B. die Beobachtung, nicht richtig durchatmen zu können, Beschleunigung der Herztätigkeit, Hitzewallungen, Erstickungsgefühle, Flimmern vor den Augen, Taubheits- und Kribbelgefühle. Diese Erfahrungen, die in bestimmten Situationen durchaus normal sein können, werden dann ständig als Erwartungsängste erinnert und gefürchtet.
  2. Bestimmte Gedanken und bildhafte Vorstellungen (oft auch nur subliminar, d.h. unterhalb der Wahrnehmungsschwelle und daher nicht bewusst registriert). Wissenschaftlich nachweisbar reagiert der Körper auch auf nicht bewusst wahrgenommene bedrohliche Bilder mit psychovegetativen Symptomen.

 

 

 

Generalisierte Angststörung:  Angst vor allem und jedem – unkontrollierbare Sorgen und Befürchtungen

 

 

1.

Erlebten Sie einmal einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten mit vorherrschender Anspannung, Besorgnis und Befürchtungen in Bezug auf alltägliche Ereignisse und Probleme?     

 

 

 

O

2.

Traten dabei folgende Symptome auf?

 

 

·         Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz

O

 

·         Schweißausbrüche

O

 

·         Fein- oder grobmotorisches Zittern

O

 

·         Mundtrockenheit

O

 

·         Atembeschwerden

O

 

·         Beklemmungsgefühl

O

 

·         Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

O

 

·         Übelkeit oder Missempfindungen im Bauchraum (z.B. Unruhegefühl im Magen)

O

 

·         Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

O

 

·         Gefühl, dass Sie weit entfernt sind, nicht „wirklich hier“ sind, „neben sich stehen“ (Depersonalisation) oder die Umwelt und die Objekte unwirklich sind (Derealisation)

 

 

O

 

·         Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

O

 

·         Angst zu sterben

O

 

·         Hitzegefühle oder Kälteschauer

O

 

·         Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

O

 

·         Muskelverspannung, akute und chronische Schmerzen

O

 

·         Ruhelosigkeit und Unfähigkeit zum Entspannen

O

 

·         Gefühle von Aufgedrehtsein, Nervosität und psychischer Anspannung

O

 

·         Kloßgefühl im Hals oder Schluckbeschwerden

O

 

·         Übertriebene Reaktionen auf kleine Überraschungen oder Erschrecktwerden

O

 

·         Konzentrationsschwierigkeiten, Leeregefühl im Kopf wegen Sorgen oder Angst

O

 

·         Anhaltende Reizbarkeit

O

 

·         Einschlafstörungen wegen der Besorgnis

 

O

3.

Sind Sie sicher, dass Ihre Symptomatik nicht die Kriterien einer Panikstörung, phobische Störung, Zwangsstörung oder hypochondrische Störung erfüllt?

 

 

O

4.

Sind die Angstzustände nicht bedingt durch eine organische Störung (z.B. Schilddrüsenüberfunktion), eine Erkrankung des Gehirns oder die Einwirkung von Substanzen (Alkohol, Beruhigungsmittel, Drogen)?

 

 

 

O

 

Wenn Sie die Fragen 1, 3 und 4 sowie mindestens vier Symptome bei Frage 2 (davon mindestens ein Symptom aus den vier erstgenannten Symptomen) angekreuzt haben, haben Sie möglicherweise eine generalisierte Angststörung.

 

 

 

 

F41.1  Generalisierte Angststörung:  ICD-10-Forschungskriterien

 

A.     Eine generalisierte Angststörung besteht aus mindestens sechs Monate andauernden Anspannungen, Besorgnissen und Befürchtungen in Bezug auf alltägliche Ereignisse und Probleme.

 

B.     Mindestens vier Symptome der unten angegebenen Liste, davon eines von den Symptomen 1. bis 4., müssen vorliegen:

 

Vegetative Symptome:

1.      Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz

2.      Schweißausbrüche

3.      fein- oder grobmotorisches Zittern

4.      Mundtrockenheit

 

Symptome, die Brust- und Bauchraum betreffen:

5.       Atembeschwerden

6.       Beklemmungsgefühl

7.       Schmerzen oder Missempfindungen im Brustbereich

8.       Übelkeit oder Missempfindungen im Bauch (z.B. Unruhegefühl im Magen)

 

Psychische Symptome:

9.       Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

10.   Gefühl, die Objekte sind unwirklich (Derealisation), oder man selbst ist weit entfernt oder „nicht wirklich hier“ (Depersonalisation)

11.   Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

12.   Angst zu sterben

 

Allgemeine Symptome:

13.   Hitzewallungen oder Kälteschauer

14.   Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

Symptome der Anspannung:

15.   Muskelverspannung, akute und chronische Schmerzen

16.   Ruhelosigkeit und Unfähigkeit zum Entspannen

17.   Gefühle von Aufgedrehtsein, Nervosität und psychischer Anspannung

18.   Kloßgefühl im Hals oder Schluckbeschwerden

 

Andere unspezifische Symptome:

19. Übertriebene Reaktionen auf kleine Überraschungen oder Erschrecktwerden

20. Konzentrationsschwierigkeiten, Leeregefühle im Kopf wegen Sorgen oder Angst

21. Anhaltende Reizbarkeit

22. Einschlafstörung wegen der Besorgnis

 

C.     Die Symptomatik ist nicht erklärbar durch eine andere psychische Störung, eine körperliche Erkrankung oder Drogen- bzw. Medikamenteneinwirkung.

 

 

 

Generalisierte Angststörung – Kurzbeschreibung

 

Eine generalisierte Angststörung ist eine generalisierte und anhaltende Angst, die aber nicht auf bestimmte Situationen in der Umgebung beschränkt oder darin nur besonders betont ist, d.h. sie ist frei flottierend. "Generalisiert" drückt aus, dass diese Form der Angststörung durch übertriebene, eigentlich unrealistische, andauernde Besorgnisse, Ängste und Befürchtungen in Bezug auf vielfältige Aspekte des Lebens charakterisiert ist.

 

Früher wurde diese Störung "Angstneurose" genannt. Dieser Begriff stammt von Sigmund Freud, der diese Störung erstmals 1895 sehr genau beschrieb. Er zählte damals auch die Panikattacken dazu.

 

Diese Ängste dauern an den meisten Tagen mindestens sechs Monate an. Die Betroffenen leiden unter dem Gefühl der Unkontrollierbarkeit ihrer Befürchtungen, obwohl ihnen klar ist, dass diese unbegründet sind. Die Störung tritt oft in Kombination mit Panikstörungen auf oder führt im Laufe der Zeit zu depressiven Zuständen.

 

Die häufigsten Sorgen beziehen sich auf das Wohlbefinden der Familie, auf die Arbeit, die finanzielle Lage oder die Gesundheit. Menschen mit einer generalisierten Angststörung und psychisch gesunde Personen unterscheiden sich nicht bezüglich der Inhalte, über die sie sich sorgen, wohl aber hinsichtlich der Zeitdauer und Intensität der Befürchtungen.

 

Dazu gesellt sich ein permanent erhöhter Angstpegel, der in der Regel keine Panikattacken bewirkt, jedoch mit motorischer Anspannung und vegetativen Symptomen verbunden ist.

 

Folgende Symptome sind typisch:

1.      Befürchtungen:

l       Sorgen über zukünftiges Unglück und entsprechende Vorahnungen: Angehörige könnten demnächst erkranken oder verunglücken, unbegründete Geldsorgen, übertriebene Sorgen um die Leistungsfähigkeit in der Schule oder im Beruf,

l       Nervosität: ständige geistige Übererregbarkeit, erhöhte Aufmerksamkeit und Gereiztheit angesichts der unkontrollierbaren Befürchtungen und Schreckhaftigkeit,

l       Konzentrationsschwierigkeiten oder Vergesslichkeit.

2.      Motorische Spannung:

l       körperliche Unruhe,

l       Spannungskopfschmerz,

l       Zittern: sichtbarer Ausdruck der Muskelanspannung, unwillkürliches Zucken, „wackelig auf den Beinen“ sein,

l       Unfähigkeit, sich zu entspannen: ständige muskuläre Anspannung, verbunden mit rascher Ermüdbarkeit und Erschöpfung.

3.      Vegetative Übererregbarkeit:

l       Schwindel oder Benommenheit,

l       Atemnot, Erstickungsgefühle oder Atembeschleunigung,

l       Herzrasen,

l       Schwitzen,

l       Hitzewallungen oder Frösteln,

l       feucht-kalte Hände,

l       Magen-Darm-Beschwerden: Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall,

l       häufiges Wasserlassen (Harndrang),

l       Mundtrockenheit,

l       Schluckbeschwerden oder Gefühl, einen „Kloß im Hals“ zu haben,

l       Ein- oder Durchschlafstörungen.

 

Die Ängste werden meistens nicht durch bestimmte äußere Reize oder Situationen ausgelöst, weshalb das Vermeidungsverhalten hier keine so große Rolle spielt wie bei Phobien, auch nicht durch bestimmte Körperwahrnehmungen wie bei Panikattacken. Äußere Reize können jedoch die innere Bereitschaft, sich Sorgen zu machen, aktivieren. Latent vorhandene Ängste etwa vor Erkrankungen in der Familie können durch Informationen über momentan gehäuft auftretende Fälle einer bestimmten Krankheit sofort manifest werden.

 

Die Symptomatik wird häufig mit einer Depression verwechselt. In mehr als der Hälfte bis zwei Drittel der Fälle kommt im Laufe der Zeit tatsächlich auch eine Depression hinzu, sozusagen als resignativer Folgezustand der chronischen Sorgen und Befürchtungen, die kein Abschalten mehr erlauben. Oft werden auch abhängig machende Beruhigungsmittel oder Alkohol als vorübergehende Entspannungsmittel eingesetzt, bis diese selbst zu einem Problem werden. Eine generalisierte Angststörung findet sich häufiger bei Frauen, oft in Zusammenhang mit lang dauernden Belastungen durch äußere Umstände.

 

Der Verlauf ist unterschiedlich, kann aber ohne Behandlung chronisch werden. Eine wirksame Psychotherapie muss sich mit den jeweiligen Angstinhalten und den damit verbundenen Gefühlen und Ohnmachtserlebnissen befassen, zu einer realistischen Einschätzung von Gefahren verhelfen und zu konkreten Verhaltensweisen ermutigen, durch die die Befürchtungen einerseits herausgefordert, andererseits jedoch bewältigt werden.

 

 

Wie generalisierte Ängste entstehen und aufrechterhalten werden

 

Eine generalisierte Angststörung kann viele Ursachen und Auslöser haben: Stress, Überforderung, Lebenskrisen, negative Lebenserfahrungen, Veranlagung, körperliche Erkrankungen und Beschwerden sowie mentale Mechanismen (negative Denkmuster). Die Symptome zeigen sich zu Beginn meist recht abgeschwächt und in Zusammenhang mit bestimmten Belastungen und Lebensproblemen, aber im Laufe der Jahre prägen sie sich immer stärker aus. Man kann die ständigen Sorgen und Befürchtungen auch als „Problemlösungsprozess ohne Problemlösung“ verstehen. Die Betroffenen spielen gedanklich alle möglichen Katastrophen durch, ohne jemals zu Lösungen zu gelangen, wie diese Katastrophen vermieden werden könnten. Das ständige Grübeln ist nicht nur die Wurzel des Übels, sondern auch ein Lösungsversuch. Denn: sich zu sorgen, scheint – ähnlich einem magischen Ritual – noch größeres Leid verhindern zu können, nach dem Motto: „Ich muss mich ständig sorgen, sonst passiert noch etwas Schlimmes“. Der Zukunft ohne große Befürchtungen entgegenzublicken wäre ja geradezu eine Provokation großen Unheils! Wenn die Betroffenen dann tatsächlich eine vorübergehende Erleichterung erleben, weil sie sich lange genug mit einer Befürchtung beschäftigt haben und nun gleichsam vor einer realen Gefahr bewahrt bleiben, haben sie das Grübeln letztlich verstärkt.

 

Wer an einer generalisierten Angststörung leidet, dem fehlen also einerseits verlässliche Sicherheitsvorkehrungen oder –signale, zum anderen überschätzt er die Wahrscheinlichkeit von Gefahren und deren Auswirkungen. Wenn tatsächlich ein Verlust an Sicherheit erlebt wird, dreht sich die Spirale weiter – die Suche nach Sicherheit verstärkt sich noch mehr. Blicken wir einmal auf den „Ort des Geschehens“. Solange der Betroffene dort gewisse Sicherheitssignale ortet, geht es ihm noch halbwegs gut. Wenn aber diese Krücke – etwa eine bestimmte Person – verschwindet, schwindet mit ihr auch das Fünkchen Sicherheit. Dies macht blitzartig den generalisierten Ängsten Platz und führt zu einer rastlosen Suche nach einer anderen Quelle der Sicherheit. Die Betroffenen können sich kaum ein Gefühl von Sicherheit verschaffen und verlassen sich daher auf bestimmte Verwandte oder Freunde. Es fehlt ihnen das Vertrauen, dass sie selbst oder andere in bestimmten Situationen schon das Richtige oder Bestmögliche tun werden. Indem sie sich verzweifelt bemühen, ein bestimmtes Restrisiko auszuschalten, stellen sie es durch das permanente angstvolle Grübeln erst recht in den Mittelpunkt. 

 

 

 

Verhaltenstherapie bei Angst- und Panikstörungen  

 

Im Rahmen meiner Praxis, die ich neben meiner Halbtagsanstellung in der Psychosomatik-Abteilung der oö. Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg betreibe, habe ich mich aufgrund des großen Bedarfs zunehmend auf die verhaltenstherapeutisch orientierte Behandlung von Angst- und Panikstörungen spezialisiert, die nach wissenschaftlichen Untersuchungen innerhalb kurzer Zeit stabile Behandlungserfolge zu garantieren vermag.

 

Angst- und Panikstörungen sind bei Frauen die häufigste, bei Männern (nach dem Alkoholmissbrauch) die zweithäufigste psychische Störung. Im Laufe des Lebens entwickeln 25% der Durchschnittsbevölkerung eine Angststörung: 3,5% eine Panikstörung, 6% eine Agoraphobie, 5% eine generalisierte Angststörung, 11% eine spezifische Phobie, 13% eine soziale Phobie, 8% eine posttraumatische Belastungsstörung, 2,5% eine Zwangsstörung.

 

Nach Studien der Weltgesundheitsorganisation werden viele Angststörungen nicht rechtzeitig erkannt oder als Depressionen fehlbehandelt, nicht selten weil die Betroffenen nach längerer (chronischer) Dauer der Ängste depressiv, erschöpft, inaktiv, resignativ und sozial zurückgezogen wirken (bestimmte Antidepressiva können jedoch hilfreich sein).

 

Die gezielte Behandlung von Angst- und Panikstörungen ist eines der anschaulichsten Beispiele dafür, was Verhaltenstherapie ist. Es wird von den konkret vorgebrachten Problemen und Beschwerden der Klienten ausgegangen und auf der Basis einer gemeinsamen Problem- und Zieldefinition ein transparenter Therapieplan erstellt, der folgende Charakteristika umfasst:

 

Berücksichtigung der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Psychologie und der Medizin (Verhaltenstherapie ist empirisch-wissenschaftlich ausgerichtet).

 

l       Vermittlung störungsbezogenen Wissens (der informierte Klient als Partner).

 

l       Umfassende Analyse und gezielte Änderung des Verhaltens, Denkens und Fühlens, um die problem- und symptomerhaltenden Muster zu unterbrechen.

 

l       Analyse und Änderung von symptomerhaltenden Beziehungsmustern (in diesem Sinne ist die Verhaltenstherapie durchaus systemisch-interaktionistisch ausgerichtet).

 

l   Aktive Problemlösung durch Vermittlung neuer Sichtweisen und gezielte Handlungsanleitung („lösungsorientiertes Denken“; Reden über Probleme, Einsicht in deren Ursachen und emotionales Erleben allein sind oft zu wenig).

 

l       Orientierung auf positive Ziele statt Fixierung auf die Probleme, Nutzung vorhandener Fähigkeiten und Ressourcen.

 

l       Befähigung zu möglichst rascher Selbstbehandlung (Förderung von Autonomie und Selbstkontrolle der Klienten).

 

l       Sicherung von Fortschritten durch konkrete, überprüfbare Erfolgskriterien und stufenweise Erreichung von Teilzielen (stärkt die Hoffnung auf  Veränderung).

 

l       Ökonomisches Vorgehen (so kurz als möglich, so lang als notwendig).

 

 

 

Patienten-Ratgeber bei Agoraphobie

 

Der Schlüssel: „Tu das, wovor du dich fürchtest, und die Furcht stirbt einen sicheren Tod!“

 

Das ist der einzig wirksame und Erfolg versprechende Weg heraus aus der Angst-Spirale: eine umfassende Konfrontationstherapie. Dabei konfrontiert sich der Betroffene mit allen gefürchteten äußeren Reizen (Orten und Situationen) und mit den aufgetretenen inneren Zuständen (bestimmten körperlichen Symptomen, Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen).

 

Eine Konfrontationstherapie ist – in Ergänzung zu anderen Strategien – die erfolgversprechendste Methode bei Panikattacken, Agoraphobie, spezifischen Phobien, spezifischer Sozialphobie, Zwangsstörung und teilweise auch bei posttraumatischer Belastungsstörung.

 

Halten Sie sich immer vor Augen: Angst lebt von der Vermeidung. Nur wenn Sie sich der Angst stellen, werden Sie diese überwinden. Übermäßig lange Ursachenforschung verzögert nur den Prozess der Veränderung und der aktiven Auseinandersetzung mit der Angst. Oft verläuft der Prozess sogar gegenläufig und Sie erkennen erst nach der Beseitigung die wahren Ursachen Ihrer Ängste. Halten Sie sich an das Motto: „Man hat etwas erst dann verstanden, wenn man es verändert hat.“

 

Durch die Erfahrung, dass Sie auch starke Angst aushalten können und nach einiger Zeit ruhiger werden, ändern sich auch Ihre Einstellungen. Sie erleben, dass Sie Angst bewältigen können, und gewinnen die Zuversicht, dass Sie auch zukünftig Angst durchstehen können.

 

Sie können die Konfrontation mit der Angst auf zweifache Art und Weise aufnehmen:

 

1.      Gestufte Konfrontation. Sie lernen dabei, in kleinen Schritten immer schwierigere Aufgaben zu bewältigen. Auf diese Weise bauen Sie langsam Ihr Vertrauen zu sich und zur Umwelt auf und vermeiden jede Überforderung (auch eine heftige Panikattacke).

2.   Massierte Konfrontation (Reizüberflutung). Bei dieser Methode stellen Sie sich sofort Ihren größten Ängsten, und zwar mit der Bereitschaft zu einer Panikattacke. Dieses Vorgehen empfehlen wir Ihnen vor allem dann, wenn Sie früher ein mutiger Mensch waren und sich nicht vor jenen Situationen gefürchtet haben, die für Sie heute ein Problem darstellen. Ihre Angst vor bestimmten, an sich harmlosen und früher leicht bewältigbaren Situationen kommt wahrscheinlich daher, dass Sie mindestens einmal bei einer solchen Gelegenheit eine Panikattacke oder eine panikähnliche Symptomatik erlebt haben.

 

Die Konfrontation mit äußeren Situationen ohne Vermeidungsstrategien ist oft nur der Anstoß, sich endlich auch mit den gefürchteten inneren Zuständen auseinanderzusetzen. Sie stehen allzu oft „hinter“ der Agoraphobie und müssen ebenfalls bewältigt werden:

 

l       Gefühle wie Ärger, Wut, Enttäuschung über bestimmte Personen,