Klinischer Psychologe, Psychotherapeut
Verhaltenstherapie, Systemische Familientherapie
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Homepage: www.panikattacken.at E-Mail: hans.morschitzky@aon.at
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ÄNGSTE
JUGENDLICHER
VORWORT
15% der Schüler leiden unter Ängsten, 9-14% der Schüler
weisen körperliche Symptome ohne körperliche Ursachen auf. Diese Beschwerden
sind oft durch Angst und Stresszustände verursacht.
Der vorliegende Text über Ängste bei Jugendlichen wurde 1999 als Buchveröffentlichung eingereicht, dann aber von der Lektorin des österreichischen Verlags ÖBV & HPT abgelehnt mit der Begründung, dass er für Jugendliche zu schwierig sei. Die veröffentlichte Buchversion ist leider vergriffen und wird nicht mehr neu aufgelegt:
Morschitzky, H. (1999). Wenn Jugendliche ängstlich sind. Ratgeber für Eltern, Lehrer und Erzieher. Wien: ÖBV & HPT.
Angst ist nicht Schwäche, sondern eine Kraft, die dich
antreibt, mögliche Bedrohungen deines Lebens zu bewältigen. Die Angst,
schulisch oder beruflich zu versagen und dann arbeitslos zu sein, führt dazu,
dass du dich mehr anstrengst, deine Ziele zu erreichen. Die Angst als
Alarmreaktion in besti
Viele Menschen haben zurecht Angst vor besorgniserregenden
gesellschaftlichen Entwicklungen, z.B. Angst vor Arbeitslosigkeit, ungewisser
Zukunft, atomarer Gefahr, Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Erde,
Beeinträchtigung des Erbgutes, genetischer Manipulation der Nahrungsmittel, Konzentration
der Medien, billige Arbeitskräfte aus dem Ostblock, Ausverkauf von Firmen an
ausländische Konzerne.
Vielleicht machst auch du dir diesbezüglich große Sorgen.
Die vielen berechtigten Ängste lassen sich am besten durch gezielte Aktionen
bewältigen. Auf diese Weise erreichen wir einen persönlichen und
gesellschaftlichen Fortschritt.
Positiv denken allein ist zu wenig, positiv
handeln verändert dich und die Welt. Positiv denken bedeutet
übrigens nicht, vor besti
Frei nach Erich Kästner gilt der Spruch: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Handeln trotz Angst bezeichnet man als Mut. Mut ist
kein völlig angstfreies Handeln, sondern setzt Angst voraus.
Vertrauen ist das Gegenteil von Angst und
Besorgtheit. Jeder von uns muss seinen Weg finden zwischen diesen
Polen. Wir sind aufgerufen, unseren Lebensweg zu gehen zwischen den Extremen
von Feigheit und Angst einerseits und von Wagemut und Tollkühnheit
andererseits.
Dieser Text soll dir helfen,
l
sinnlose Ängste vor irrealen Gefahren zu überwinden,
l
die Angst vor unwahrscheinlichen, aber dennoch nicht ausschließbaren
Gefahren im Sinne eines Restrisikos besser zu ertragen,
l
die Angst vor unkontrollierbaren tatsächlichen Gefahren ohne lähmendes
Ausufern in andere Bereiche zu akzeptieren,
l
die Angst vor möglichen Gefahren als Anlass für Lösungen zu
nutzen.
Viel
Erfolg beim Lesen wünscht dir
Hans
Morschitzky
INHALTSVERZEICHNIS
ANGST IST EIN GANZ NORMALES GEFÜHL
Angst ist eine gesunde und
lebensnotwendige Reaktion auf Bedrohungen. Die Angst hilft dir in gefährlichen
Situationen, dein Leben zu schützen.
ANGST ZEIGT AUF, WAS WICHTIG
Wenn du
jemand oder etwas wirklich magst, wirst du den Verlust dessen fürchten oder
schmerzlich erleben.
ANGST ERFASST DIE GANZE PERSON
Angst
zeigt sich an deinem Körper, in deinen Gedanken und Gefühlen und an deinem Verhalten.
DIE ANGST BEGINNT IM KOPF
Du hast
Angst vor dem, was du als gefährlich beurteilst. Derartige Bewertungen können
Dein Leben retten, bei Fehleinschätzungen aber auch behindern.
WIE ANGST GELERNT WIRD
Die
Entstehung vieler Ängste kann durch besti
WENN ERINNERUNGEN ANGST MACHEN
Deine
Angstreaktionen in der Vergangenheit sind im Gehirn gespeichert und können für
Dein zukünftiges Leben hilfreich, aber auch belastend sein.
STRESS MACHT ANGST, ANGST MACHT STRESS
Ständiger
Stress kann zu Angstanfällen führen, ständige Angst kann aber auch recht
stressig sein.
FURCHTSITUATIONEN - KÄMPFEN, FLÜCHTEN,
ERSTARREN ODER DUCKEN
Je nach
Situation stehen Menschen und Tieren grundsätzlich vier Reaktionsmöglichkeiten
in Gefahrensituationen zur Verfügung.
DIE ALARMREAKTION
Bei
akuter Bedrohung erfolgt zuerst oft eine kurze Schock- oder Schreckphase,
anschließend eine Kampf- oder Fluchtphase zur Abwendung der Gefahr.
DEIN KÖPER BEI ANGST
Hier
erfährst du alles über die Reaktionen Deines Körpers bei Angstzuständen, damit
du dich weniger davor fürchtest.
KRANK VOR ANGST
Angst
wird zur Krankheit, wenn man über einen längeren Zeitraum erheblich darunter leidet.
Ängste zählen zu den häufigsten psychischen Störungen.
PANIKATTACKEN - DIE ANGST AUS HEITEREM HIMMEL
Panikattacken
sind plötzlich und unerwartet auftretende Zustände mit heften, stark Angst machenden
körperlichen Symptomen ohne organische Ursache.
PLATZANGST - DIE ANGST, KEINEN FLUCHTWEG ZU HABEN
Die
Platzangst ist ein lebensbeeinträchtigendes
Vermeidungsverhalten als Folge von Panikattacken oder panikähnlichen Zuständen.
DER ANGST BEGEGNEN
Ein Fülle
von Handlungsanweisungen soll dir im Bedarfsfall helfen, die
Lebenseinschränkungen durch Platzangst und andere Phobien zu überwinden.
WECHSELDE ÄNGSTE - UNKONTROLLIERBARE SORGEN
Ständige,
oft wechselnde Sorgen und Befürchtungen über alltägliche Ereignisse und
Probleme führen zu körperlicher und seelischer Daueranspannung.
WENN EINE ANGST DAS LEBEN SCHWER MACHT
Ängste
vor einzelnen Situationen und Objekten - „Phobien“ genannt - können das Leben
mehr erschweren als Außenstehende glauben.
SOZIALE ÄNGSTE - DIE ANGST VOR DEN ANDEREN
Soziale
Ängste sind Ängste, von anderen Menschen beobachtet, kritisiert oder abgelehnt
zu werden und stellen die häufigsten Ängste überhaupt dar.
ZWEI TYPEN SOZIALER ÄNGSTE
Soziale
Ängste zeigen sich entweder als He
SOZIALE ÄNGSTE IM JUGENDALTER
Aufgrund
des noch unzureichenden Selbstwertgefühls und der Anfälligkeit für Kritik
beginnen soziale Ängste bereits im Jugendalter.
SCHULPHOBIE UND SCHULANGST
In
Österreich sollen fast 240 000 Schüler an Schulangst leiden. Die Gründe und die
Bewältigungsmöglichkeiten werden ausführlich dargestellt.
PRÜFUNGSANGST
Schüler
mit Prüfungsangst werden häufig unter ih
SPRECHANGST - REDEN OHNE LAMPENFIEBER
Die Angst
vor öffentlichen Auftritten in der Schule, im Beruf und in der Freizeit kann
mit Hilfe zahlreicher Tipps erfolgreich überwunden werden.
SOZIALE ÄNGSTE IM TURNUNTERRICHT
Wegen
mangelnder Geschicklichkeit oder angeblich unattraktiver Figur wird der
Turnunterricht gefürchtet. Mit einigem Mut lässt sich dies ändern.
SOZIALE ÄNGSTE WEGEN DES KÖRPERLICHEN AUSSEHENS
Die Angst
vor einer angeblichen körperlichen Entstellung sowie die Angst vor vermeintlich
zu vielen Kilos bewirkt ständiges körperliches Unbehagen.
ÄNGSTE ALS FOLGE DER LEBENSUMSTÄNDE
Ängste
können eine Reaktion auf belastende Lebenssituationen oder auf schwere
seelische Erschütterungen durch besti
TESTE DEIN WISSEN ÜBER ANGSTSTÖRUNGEN
Verschiedene
Fragen sollen dir helfen, das erworbene Wissen über Angststörungen zu überprüfen.
PSYCHOTHERAPIE ALS HILFE ZUR SELBSTHILFE
Dieser Abschnitt
soll eine Orientierungshilfe für den Fall einer erforderlichen
Psychotherapie darstellen.
ÄNGSTE MIT MEDIKAMENTEN BESEITIGEN?
Der
Einsatz von Medikamenten sollte bei den typischen Ängsten Jugendlicher
möglichst vermieden oder gering gehalten werden.
DER PLACEBOEFFEKT VON MEDIKAMENTEN
Gerade
bei Angst- und Panikstörungen erweisen sich oft auch Scheinmedikamente als
hilfreich. Sie wirken durch den Glauben an ihre Wirksamkeit.
HILFE DURCH PFLANZLICHE MITTEL
Seit
einigen Jahren wurden besti
EMPFEHLENSWERTE LITERATUR
ANGST IST EIN
GANZ NORMALES GEFÜHL
Im Märchen der Gebrüder Gri
Was glaubst du, wie er das Gruseln gelernt hat? Dein erster
Gedanke ist falsch! Die Magd zog ihm die Bettdecke weg, unter der er mit seiner
Gemahlin gelegen war, und schüttete lebende Fische auf seinen Körper, die auf
seiner nackten Haut zappelten. Da rief er: „Mir gruselt!“
Aber vielleicht hast du doch richtig getippt. Denn nach
Auffassung besti
Angst ist ein ganz normales menschliches Gefühl wie Liebe,
Freude, Wut oder Trauer und stellt eine Reaktion auf tatsächliche oder
vorgestellte Gefahren dar. Angst ist ein Alarmsignal wie Fieber oder Schmerz und
damit zwar unangenehm, aber lebensnotwendig.
Deine Angstreaktion ist biologisch festgelegt und sichert dein Leben zu einem Zeitpunkt, wo längeres Nachdenken deinen Tod bedeuten könnte.
Du schreckst beim Überqueren der Straße automatisch zurück, wenn du ein herannahendes Auto erst im letzten Moment bemerkst.
Ohne Angst übersiehst du leicht deine Grenzen und gefährdest dich und deine Mitmenschen. Ein Alkoholspiegel über 0,5 Promille senkt den Angstpegel und begünstigt nachweislich ein riskanteres Fahren mit dem Auto.
Angst
hindert dich daran, aus Selbstüberschätzung gefährliche Situationen
aufzusuchen. Es ist richtig, wenn du nur dort schwi
Es ist kein sinnvolles Ziel, wenn du generell angstfrei
leben willst. Du sollst vielmehr fähig werden, auftretende Ängste angemessen zu
verarbeiten.
Manche Leute versuchen, ihre Ängste zu überspielen,
indem sie gefährliche Tätigkeiten bzw. Sportarten ausüben oder Alkohol als
Mittel der Angstbewältigung einsetzen. Wenn du in besti
Verdrängte
Ängste können dein Leben genauso stark beeinträchtigen wie offen zutage
tretende Angstzustände. Eine scheinbar angstfreie Einstellung zwingt dich in
die Rolle, in jeder Hinsicht unerschrocken sein zu müssen. Du kannst dann nicht
einmal deinen besten Bekannten von deinen Ängsten berichten, weil diese ein
völlig anderes Bild von dir beko
Dazu kann ich dir eine sehr traurige Geschichte erzählen. Ein junger Mann mit Ängsten vor anderen Leuten trank vor dem Fortgehen und im Gasthaus Alkohol mit dem Ziel, nach außen hin lockerer, lustiger und geselliger zu wirken. An einem derart beschwingten Abend lernte er seine Freundin kennen, die glaubte, dass er von Natur aus ein unkomplizierter Kerl sei.
Im Laufe der Zeit wurde sein Alkoholproblem so groß, dass er mit beruflichen Problemen rechnen musste, da er öfters mit einem Firmenauto unterwegs war. Er unterzog sich daher einer achtwöchigen stationären Alkoholentwöhnungskur. Seiner nichts ahnenden Freundin erzählte er, dass er von seiner Firma auf einen zweimonatigen Auslandseinsatz geschickt werde.
Nach
der erfolgreichen Entziehungskur war er stolz auf sich, doch einige Wochen
später fragte ihn seine Freundin i
Im
nüchternen Zustand traten seine Ängste vor Menschen und geselligen Runden i
Weil er nicht mehr zu dem geselligen Kerl wurde, den sie kennen gelernt hatte, verließ ihn daher seine Freundin vier Monate nach der erfolgreichen Alkoholentwöhnungskur.
Du kannst dir nicht vorstellen, dass seine Freundin nichts von seinem früheren Alkoholproblem gemerkt hat? Dies kann ich dir ganz einfach erklären. Der junge Mann war eigentlich ein Spiegeltrinker. Er hatte meistens einen Alkoholspiegel knapp unter 1 Promille.
Rauschzustände
hatte er i
Sein Vater war Alkoholiker, der zu Hause oft randalierte. Der junge Mann fürchtete sich vor ihm schon von klein auf, später auch vor anderen Männern, z.B. vor Autoritäten wie Lehrer, Polizisten und Verwaltungsbeamte.
Seine Ängste blieben bestehen, als sein Vater an den Folgen der schweren Alkoholerkrankung starb. Im Kontakt mit anderen bekam er oft das Gefühl, etwas falsch zu machen, weil sein Vater ihn ständig kritisiert hatte und mit ihm nie zufrieden war.
Er hatte von Kindheit an wenig Selbstbewusstsein und lernte von seinem Vater, dass man sich durch Alkohol Mut antrinken konnte. Der Vater war öfters depressiv, wenn er nichts trank.
Das Traurige an der Geschichte ist, dass der junge Mann keine Angst zulassen konnte, weil er sich dadurch als besonders verletzlich und schwach erlebt hätte. Aus Angst vor der Angst übernahm er den Alkoholmissbrauch seines Vater, unter dem er jahrelang gelitten hatte.
Nach einer aktuellen süddeutschen Studie hat jeder 10. junge
Mensch im Alter von 14 bis 24 Jahren Alkoholprobleme (15,1% der jungen Männer
und 4,5% der jungen Frauen). Jugendliche mit sozialen Ängsten sind besonders
gefährdet, ihre Probleme mit Alkohol zu lösen.
ANGST
ZEIGT AUF, WAS WICHTIG IST
Wenn du um jemand oder etwas Angst hast, wird deutlich, was dir wichtig ist.
Stell dir einmal folgende Situationen vor:
l
Du hast Angst, etwas zu verlieren (Eltern, materielle Güter, Gesundheit
usw.). Dies drückt aus, was dir Sicherheit und Geborgenheit verleiht.
l
Du hast Angst, die Zuneigung anderer Menschen zu verlieren. Dies weist
dich darauf hin, wie sehr dein Selbstbewusstsein von der Anerkennung durch
andere abhängig ist.
l
Du hast Angst zu versagen. Dies weist auf die Bedeutung der Leistung in
der Leistungsgesellschaft hin.
l
Du hast Angst vor Entscheidungen. Dies spiegelt deine Angst wider, das
Falsche zu wählen und dich besti
l
Du hast Angst, zu früh zu sterben. Dies macht dir bewusst, dass viele
deiner Hoffnungen und Erwartungen im Leben unerfüllt bleiben könnten.
Viele
Menschen mit körperbezogenen Ängsten können letztlich die ständige Bedrohtheit
des Lebens nicht akzeptieren, wenn sie i
„Das Leben ist i
Kein Beruhigungsmittel und keine Entspannungsmethode kann die Todesangst beseitigen, die von jedem Menschen nach seinen Möglichkeiten bewältigt werden muss.
ANGST ERFASST DIE
GANZE PERSON
„Angst“ ko
Angst besteht aus drei Teilen:
1.
Körperlicher Anteil. Deine Angst führt zu
körperlichen Reaktionen und Empfindungen. Dein Körper zeigt messbare
Veränderungen, z.B. Herzrasen, Blutdruckanstieg, Atembeschleunigung,
Muskelanspannung, Hautbefeuchtung, Gehirnwellenveränderungen.
2.
Subjektiver Anteil. Du hast besti
3.
Motorischer Anteil. Deine Angst führt zu beobachtbaren
Verhaltensweisen und Reaktionen. Du wirst starr vor Schreck, fängst an zu
zittern oder zu beben, ergreifst panisch die Flucht, vermeidest Blickkontakt
oder Angst machende Situationen.
Wenn du eine Situation (z.B. Dunkelheit, sportliche Übung,
Prüfung, Referat) als bedrohlich beurteilst, wirst du Angst beko
Dein Angstgefühl und deine körperlichen Zustände (z.B.
Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Übelkeit, Schwindel) werden wiederum dein Denken
verstärken, dass die betreffende Situation tatsächlich gefährlich ist, noch
dazu, wo du erlebst, dass deine Angst sofort nachlässt, sobald du die
bedrohlich erscheinende Situation verlassen kannst.
Dein Denken an Gefahr führt zu Gefühlen der
Angst und zu körperlichen Beschwerden und infolgedessen zu einem Vermeidungsverhalten, das du
auch zukünftig häufiger wählen wirst, weil es sich kurzfristig bewährt hat.
Dein Verhaltensspielraum wird sich dadurch i
Ni
Körperliche Symptome, besti
Viele Menschen spüren nur ihre körperlichen Angstsymptome,
ohne ihre Angst machenden Gedanken zu erkennen. Sie glauben daher anfangs oft,
körperlich krank zu sein.
Andere Menschen kennen ihre ängstlichen Denkmuster sehr
gut, wissen jedoch nicht, dass die vorhandenen körperlichen Beschwerden (z.B.
Herzrasen, Magen- oder Darmstörungen, Muskelverspannungen, Schlafstörungen)
damit zusa

Was sind deine
ganz normalen Ängste?
Verschiedene Fragen sollen dich anregen, über deine ganz
normalen Ängste nachzudenken.
1.
Beschreibe einige ganz normale Ängste,
die du schon erlebt hast.
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2.
Ni
Welche körperlichen Zustände erlebst du dabei?
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Welche Gefühle hast du dabei?
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Welche Gedanken hast du dabei?
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Was tust du, wenn du Angst hast? Welches
Verhalten sehen andere?
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3.
Was hilft dir, mit einer besti
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4.
Welche Tipps könntest du deinen Bekannten
mit ähnlichen Ängsten geben?
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5.
Über welche Umstände und Entwicklungen in
unserer Welt muss man sich zurecht Sorgen machen?
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6.
Was glaubst du, worüber sich Jugendliche
heutzutage am meisten sorgen?
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DIE ANGST BEGINNT
IM KOPF
„Nicht die Dinge an sich sind es, die uns beunruhigen, sondern die Art und
Weise, wie wir sie sehen.“ (Epiktet, griechischer Philosoph um 100 nach
Christus)
Bei Angstzuständen zeigt sich die Macht der Gedanken. Der
Umstand, wie Situationen und Erfahrungen beurteilt werden, kann beruhigend oder
Angst machend wirken. Wenn du glaubst, dass du bei einer Schularbeit ein „nicht
genügend“ beko
So wie viele Menschen unberechtigterweise die Ablehnung
durch die Umwelt fürchten, haben andere Menschen Angst um ihre Gesundheit oder
gar um ihr Leben, obwohl sie völlig gesund sind.
Ängstliche Menschen bewerten viele Situationen, die andere
nicht als gefährlich einschätzen, als bedrohlich, häufig sogar als
lebensgefährlich. Oft besteht eine unbegründete Angst vor ohnmächtigem
Umfallen, Herztod, Ersticken oder einer gefährlichen Krankheit wie z.B. Krebs.
Dies ist häufig geprägt durch entsprechende Ereignisse in der Umwelt vor
Ausbruch derartiger Ängste sowie durch eine übermäßige Konzentration auf die
Thematik von Krankheit, Sterben und Tod im Rahmen der Familie oder
Verwandtschaft.
Menschen mit Angstzuständen erleben sich oft als besonders
verletzlich und neigen dazu, verschiedene Situationen irrtümlich als gefährlich
einzuschätzen und mögliche Gefahrenzeichen überzubewerten. Unter Belastung, wie
dies in Angst machenden Situationen der Fall ist, gelingt es den Betroffenen
oft nur schwer, ihre Gedanken und Gefühle zu kontrollieren und ihre
übertriebenen Ängste auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen.
Viele
ängstliche Menschen können sich das, was sie fürchten, recht bildhaft
vorstellen, nicht aber die Art und Weise, wie es nach der Angstreaktion gut
oder erträglich weitergehen könnte. Sie beschäftigen sich in der Phantasie mit
dem Eintreffen gefährlicher Ereignisse nach dem Motto „Was
wäre, wenn ...“
„Wenn einer keine
Angst hat, hat er keine Phantasie.“
(Erich Kästner)
Eine
gute Vorstellungsfähigkeit („Einbildung“) ist eine Begabung. Sie hilft dir,
einen Roman mit 500 Seiten ohne ein einziges Bild mit Genuss zu lesen, weil du
deine eigenen bildhaften Vorstellungen entwickelst. Du bist dann von der
Verfilmung dieses Romans vielleicht sogar enttäuscht, weil du dir alles ganz
anders vorgestellt hast.
Dein
Vorstellungsvermögen hilft dir auch, in Situationen möglicher Bedrohung die
Gefahr rechtzeitig einzuschätzen. Bei übermäßiger Angstbereitschaft wirken sich
dagegen die ständigen negativen Vorstellungen lebensbeeinträchtigend
aus.
Die
Vorstellung einer Bedrohung und entsprechende Fluchtgedanken führen zu einer
körperlichen Aktivierung. Der Umstand, dass die Vorstellung einer Bewegung zu
minimalen Muskelanspannungen führt, ist die Basis des mentalen Trainings im
Sport. Sportler stellen sich mental vor, wie sie ihren Sport ausüben und steigern
dadurch tatsächlich ihre Leistungsfähigkeit.
Auf
einer intensiven Vorstellungsfähigkeit beruhen auch die Vorgänge unter Hypnose.
Hypnosestudien belegen, dass ängstliche Menschen suggestibler und leichter
hypnotisierbar sind als die Durchschnittsbevölkerung. Menschen mit einer
ausgeprägten Vorstellungsfähigkeit entwickeln eher starke Angstzustände als
andere Personen.
Wenn du
dich in unnötige Angstzustände richtiggehend hineinsteigerst, dann betreibst du
ständig eine negative Selbsthypnose. Du kannst dies aber auch positiv sehen: du
hast die Fähigkeit, dir trotz möglicher Risken und Gefahren alles positiv und bewältigbar
vorzustellen.
Deine
Ängste hängen also mit deinen Gedanken und Vorstellungen zusa
Wenn du deine Gefühle, vor allem deine Ängste, nicht kontrollieren kannst, solltest du versuchen, deine Gedanken und Vorstellungen unter Kontrolle zu bringen, denn diese lösen deine Ängste aus.
Du
kannst deine Angstreaktionen am besten steuern, wenn du nicht alles (Menschen,
Objekte, Situationen) als gefährlich bewertest. Finde heraus, warum deine
Bekannten dieselben Umstände nicht so bedrohlich erleben wie du.
Deine
Ängste sind viel leichter bewältigbar, wenn sich nicht die anderen Menschen und
die Umstände ändern müssen, sondern nur deine Sichtweisen davon. Dies geht natürlich nicht so
weit, dass du dir alle Ängste ausreden kannst. Dann würdest du ja alle realen
Gefahren zu leugnen beginnen.
Menschen mit Panikattacken erklären sich ihre plötzlich auftretenden
körperlichen Symptome auf eine Weise, dass sie sich noch mehr fürchten:
l
Herzrasen, Schwitzen und Atembeschwerden werden als Anzeichen eines
bevorstehenden Herzinfarkts gewertet.
l
Schwindel, Schwächegefühle und Beno
l
Atemnot, Würgegefühl und ein Knödelgefühl im Hals bewirken
Erstickungsängste.
l
Kribbeln in Armen und Beinen wird als Vorzeichen eines Gehirnschlags
gefürchtet.
l
Entf
Panikattacken
lassen sich durch den Teufelskreis der Angst erklären:
1.
Besti
2.
Die übermäßige Empfindlichkeit gegenüber den eigenen
körperlichen Reaktionen (Hitzegefühl, Erröten, Schwitzen, Herzklopfen, Zittern,
Schwindel) führt zu einer verstärkten Selbstbeobachtung.
3.
Der wahrgeno
4.
Die Gedanken an Gefahr und Bedrohung lösen einen
Angstzustand aus.
5.
Die Angst führt zu weiteren körperlichen
Veränderungen.
6.
Das Erleben der starken Anspannung und der
vermehrten psychovegetativen Symptome ist so Angst machend, dass eine
Panikattacke auftritt.
Falsche Erklärungen von Körperempfindungen als Zeichen von
Gefahr stellen die entscheidende Rolle bei der Auslösung und Aufrechterhaltung
von Panikattacken dar. Die Angst erzeugenden Gedanken müssen nicht bewusst
sein, sondern können auch automatisch ablaufen.
Menschen
mit sozialen Ängsten erschweren sich den Umgang mit anderen durch besti
l
Automatische Gedanken: „Ich werde besti
l Gedankenmuster: „Ich bin ein unattraktiver Mensch.“
l
Überzeugungen und
Regeln: „Man muss i
l Gesellschaftliche Normen: „Männer dürfen keine Angst zeigen.“
Negative Erwartungen bewirken eine erhöhte Aufmerksamkeit auf sich selbst. Dies führt zu einer verstärkten Selbstbeobachtung und kritischen Selbstbewertung. Es erfolgt eine einseitige Konzentration auf mögliche Fehler, Versagenserlebnisse, Blamagen und Peinlichkeiten im Verhalten.
Die
Art der Aufmerksamkeitszuwendung auf andere Menschen („Was sehen die anderen an
mir?“, „Merkt der Lehrer meine Nervosität?“) verstärkt die ständige
Selbstbeobachtung. Die damit einhergehende Gefahr der Auffälligkeit wird durch
„Zusa
Menschen
mit sozialen Ängsten überschätzen die Wahrscheinlichkeit, dass ihre
körperlichen Symptome von der Umwelt wahrgeno
Aus Angst vor Misserfolg und Kritik in sozialen Situationen werden mögliche Gefahren übermäßig beachtet und dadurch überbewertet.
Geringes Selbstvertrauen
und verzerrte Bewertungen der eigenen Person und der sozialen Umwelt tragen
dazu bei, dass es schließlich zu einem Vermeidungsverhalten ko
Es
entwickelt sich ein Teufelskreis: die Angst vor
sozialen Misserfolgen und kritischen Urteilen führt zu einem verkrampften
Bemühen um Fehlervermeidung, Unauffälligkeit und positive Selbstdarstellung und
infolgedessen zu erhöhter Aufmerksamkeit auf das eigene Tun, unbedingt alles
richtig zu machen. Dies beeinträchtigt das spontane Verhalten.
Wenn die
soziale Auffälligkeit i
Personen
mit sozialen Ängsten möchten gerne von allen anerkannt sein. Das Gefühl, bei
der Mehrheit anzuko
Wenn du soziale
Ängste hast, werden diese durch zwei Umstände verstärkt:
l
du möchtest auf andere unbedingt einen guten Eindruck
machen;
l
du bezweifelst deine Fähigkeiten, dies zu erreichen.
Bei sozialen Ängsten
brauchst du nicht nur mehr Mut, dich auf andere einzulassen, sondern zuerst die
Einstellung, dass dich deine Mitmenschen gar nicht so negativ beurteilen wie du
glaubst. Wenn du die anderen positiver wahrni
Wie machst du dir Angst?
Die folgenden Aufgaben sollen dir bei unnötigen
Angstgedanken helfen.
1.
Schreibe die drei unangenehmsten körperlichen
Angstsymptome auf und füge hinzu, durch welche Denkweisen du deren Ausprägung
verstärkst und damit deinen Zustand unnötig verschli
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2.
Erinnere dich an zwei typische Angst machende
Situationen und schreibe auf, was du dabei denkst, so dass deine Angst und dein
Vermeidungsverhalten zunehmen.
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3.
Welche bildhaft-lebendigen Vorstellungen
machst du dir oft, so dass sich daraus Ängste entwickeln?
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4.
Welche Gedanken und welche konkreten
positiven Vorstellungen könnten dir helfen, besti
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WIE
ANGST GELERNT WIRD
Angstreaktionen können auf verschiedene Art und Weise gelernt
werden. Platzangst wird in typischer Weise erworben. In einer besti
Die Koppelung der Angstreaktion mit den aktuellen Umständen hat zur
Folge, dass im Laufe der Zeit ähnliche Situationen zu denselben, wenngleich
meist abgeschwächten Angstreaktionen führen. Der Aufenthalt in öffentlichen
Verkehrsmitteln, Geschäften, Lokalen oder Klassenräumen wird plötzlich
bedrohlich, weil die Erinnerung an die ursprüngliche Angstreaktion aufko
Die Flucht aus den gefürchteten Situationen führt rasch zum
Abklingen der Symptome, so dass zukünftig i
Im Laufe der Zeit werden i
Innerhalb kurzer Zeit kann sich aus der ersten Panikattacke
eine ausgeprägte Platzangst entwickeln. In ähnlicher Weise wird auch die Angst
vor Tieren, Aufzügen und vielen anderen Situationen bzw. Objekten gelernt.
Ich möchte dir zeigen, wie Helmut anlässlich einer Prüfung
gelernt hat, sich vor seinen körperlichen Reaktionen zu fürchten. Unter dem
Stress einer mündlichen Entscheidungsprüfung vor der Tafel schnürte sich seine
Kehle zusa
Viele Angstsymptome entstehen durch Beobachtung von anderen
Menschen: man schaut sich die Angst von anderen einfach ab.
Ein typisches, sicherlich extremes Beispiel für die rasche
Übernahme körperlicher Angstreaktionen stellt die Ausbreitung folgender
Symptome in einer britischen Mädchenschule dar: Schwindel, Ohnmachtsanfälle,
Kopfschmerzen, Kälteschauer, Übelkeit, Rücken- oder Unterleibsschmerzen, Hitzewallungen
und allgemeine Erschöpfung.
In jeder Klasse wurden zuerst jene Schülerinnen von den
Symptomen erfasst, die eine anerkannte Position innehatten und zu diesem
Zeitpunkt besti
Wenn die „Kelly Family“ auftritt,
fallen an vielen Orten mindestens 400 Mädchen um. Dies ist nicht allein bedingt
durch Kreislaufprobleme als Folge des langen Stehens vor Konzertbeginn und
während der Veranstaltung, auch nicht nur durch einen geschwächten Körper durch
zuwenig Trinken und Essen, sondern vielmehr auch durch die Beobachtung des
Umfallens anderer und das vorherige Wissen aus Zeitschriften, wie viele Mädchen
dabei umfallen.
Das Umfallen gerade in den ersten Reihen stellt auch den
unbewussten Versuch dar, die besondere Aufmerksamkeit besti
Auch wenn du die Vorgänge in der englischen Mädchenschule
und bei „Kelly-Family“-Konzerten als „Massenhysterie“
bezeichnest, musst du erklären, wie diese Vorgänge ablaufen. Der Begriff des
Modelllernens, d.h. des Lernens über Vorbilder (Modelle), ist die einfachste
Erklärung dafür.
Untersuchungen haben gezeigt, dass in Familien, wo ein Elternteil unter
Angstzuständen leidet, Kinder ebenfalls ängstlicher reagieren als Kinder aus
anderen Familien.
Kinder haben besti
Wie
hast du deine Ängste gelernt?
Du
kannst dich fragen, woher eigentlich deine Ängste ko
1.
Welche Ängste, Angstsymptome und
Angstgedanken hast du im Elternhaus von welchem Familienmitglied überno
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2.
Welche Ängste hast du in der Schule bzw.
am Arbeitsplatz gelernt?
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3.
Welche anderen Einflüsse auf deine
Ängste, Angstsymptome und Angstgedanken gibt es?
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WENN
ERINNERUNGEN ANGST MACHEN
Wir würden nichts lernen, wenn wir die gemachten
Erfahrungen nicht im Gedächtnis speichern könnten. Ohne Gedächtnis gibt es kein Lernen, aber auch keine Angstreaktion in
einer Situation, die für uns schon einmal bedrohlich war. Die Speicherung von
Erfahrungen im Umgang mit gefährlichen Situationen und damit auch die
Speicherung von Angstreaktionen ist eine notwendige Bedingung für das Überleben
jedes Menschen.
Diese Erkenntnis wurde durch Tierversuche bestätigt. Bei
Tieren wurde ein besti
Dein Gedächtnis, d.h. deine Erinnerungsfähigkeit an bedrohliche
Situationen, kann dich einerseits vor Schaden bewahren, andererseits jedoch in
deiner Lebensqualität schwer beeinträchtigen.
Die gemachten Erfahrungen werden in besti
Im Bereich des limbischen Systems,
das u.a. für unsere Gefühle und unser Gedächtnis zuständig ist, werden im
Mandelkern die emotionalen Erfahrungen und im Hippocampus die faktischen
Abläufe der Ereignisse gespeichert.
Der Mandelkern sorgt für
eine sofortige emotionale und körperliche Reaktion des Menschen in akuten
Gefahrensituationen, noch bevor unser spezifisch menschliches Gehirn eine
Situation eindeutig als gefährlich bewertet hat.
Der Mandelkern bewirkt eine extrem schnelle und im
Einzelfall lebensrettende Reaktion. Es handelt sich dabei jedoch um eine
ungenaue und oftmals unnötig rasche Aktivierung, eben um die typische
Schreckreaktion. Erst die genaue Analyse durch die Großhirnrinde führt zur
Abklärung, ob etwas wirklich gefährlich ist. Bei tatsächlicher Gefahr hätte uns
dieser zu langsame Mechanismus bereits das Leben gekostet.
Erlebnisse mit einer starken Erregung des Mandelkerns stellen besonders
unauslöschliche Erinnerungen dar. Dies gilt für emotional positive Erlebnisse
(z.B. Hochzeitstag) ebenso wie für emotional sehr belastende Erfahrungen (z.B.
Verletzung, Unfall, Misshandlung, Vergewaltigung, Panikattacke).
Der
Mandelkern ist wichtig zur Erinnerung an Situationen und Ereignisse, vor denen
wir uns zurecht fürchten sollen. Der Mandelkern als Speicher der emotionalen
Erinnerungen prüft und vergleicht die aktuellen Erfahrungen mit früheren
Erlebnissen. Bei Ähnlichkeiten irgendwelcher Art wird sofort eine Kampf- oder
Fluchtreaktion ausgelöst.
In
Alltagssituationen haben diese biologischen Gegebenheiten oft belastende
Auswirkungen. Wenn du bei einer mündlichen Mathematik-Prüfung vor der Tafel
plötzlich Ohnmachtsgefühle und massives Herzrasen beko
In
deinem Kopf ist nicht nur die Situation, sondern auch deine körperliche
Reaktion in dieser Situation gespeichert. Die erlernte erhöhte
Angstbereitschaft bezeichnet man - je nach Lernmechanismus - als
„Konditionierung“ oder „Sensibilisierung“.
Gelernte Angstreaktionen kannst du am besten überwinden, indem du dich möglichst oft den gefürchteten Situationen stellst und positivere Bewältigungsreaktionen in deinem Gehirn einspeicherst. Diesen Vorgang nennt man „Gewöhnung“ oder „Habituation“.
Menschen
mit Angstzuständen, die ihre unkontrollierbaren emotionalen Reaktionen in
Angstsituationen als persönliches Versagen bewerten, streben oft das Ziel eines
angstfreien Lebens an.
Das Verständnis für die Funktionsweise des Mandelkerns verhilft zu der Einsicht, dass die erste, biologisch gesteuerte Angstreaktion mit starker körperlicher Aktivierung (beschleunigter Herzschlag, Veränderung der Atmung, muskuläre Anspannung, flaues Gefühl im Magen usw.) in bedrohlich erscheinenden Situationen nicht verhindert werden kann. Durch eine andere Bewertung kann die Kampf- oder Fluchtreaktion hinterher jedoch leichter gestoppt und überwunden werden.
Mit
diesen Ausführungen habe ich hoffentlich deine letzten Versuche entmutigt,
deine Angst so in den Griff zu beko
Deine
Angstreaktion ist schon da, bevor du denken kannst. Und das ist gut so! Selbst
wenn du durch ein überängstliches Denken deine Kampf- und Fluchtbereitschaft
100 mal unnötig auslöst, kann dies im 101. Fall lebensrettend sein.
Bei
einer der verschiedenen Angststörungen stellt die plötzliche lebendige
Wiedererinnerung an sehr schmerzvolle Erlebnisse das Hauptproblem dar. Bei der
posttraumatischen Belastungsstörung drängen sich sehr bedrohliche
Lebenserfahrungen (Verkehrsunfall, Großbrand, Vergewaltigung, Überfall usw.)
ungewollt i
Vorhin
habe ich dir vermittelt, dass dein Denken deine Angst erzeugt. Dies ist nur die
halbe Wahrheit. Es gibt auch zahlreiche angeborene und erlernte
Angstreaktionen, die schon auftreten, bevor du überhaupt zum Denken geko
Die Angst vor der Dunkelheit ist ein Musterbeispiel für eine angeborene Angstbereitschaft. Unsere Vorfahren hatten noch kein elektrisches Licht und konnten daher in der Finsternis ihre Feinde nicht wahrnehmen. Wir fürchten uns auch heute noch oft in der Nacht trotz elektrischer Beleuchtung vor Orten, die wir tagsüber problemlos aufsuchen können.
Jedes
Kind muss lernen, in seinem Zimmer mit der Angst vor der Dunkelheit
zurechtzukommen. Viele Kinder benötigen bis zur Pubertät wegen ihrer
Dunkelheitsängste in der Nacht eine kleine Lampe oder finden gar erst Ruhe,
wenn sie in das Elternschlafzimmer kommen dürfen.
Die
Dunkelheitsangst ist ein Beispiel dafür, wie eine angeborene Angst durch
Erziehung und Selbsterziehung bewältigt werden kann, anders formuliert, wie
Vererbung und Lernmechanismen zusammenspielen.
Wie macht dir dein Gedächtnis Angst?
Analysiere, wie deine Ängste mit deinem Gedächtnis zusammenhängen.
1.
Kannst du dich erinnern, was dir als Kind Angst gemacht hat?
Was davon bestimmt auch heute noch dein Leben im Sinne einer Angstbereitschaft?
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2.
Welche Angst machenden Erlebnisse kommen dir immer wieder
unter, obwohl du dies gar nicht willst?
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3.
Was tust du, wenn die angstvollen Erlebnisse aus früheren
Zeiten immer wieder auftauchen?
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STRESS
MACHT ANGST, ANGST MACHT ANGST
Wenn du jemand fragst: „Wie geht es dir?“, bekommst du bestimmt öfters die Antwort „Ich bin voll im Stress“ oder „Mich stresst jetzt einfach alles“. Der Schulstress ist bei Schülern ein beliebtes Gesprächsthema. „Stress“ ist zu einem Modewort geworden.
Das Wort kommt aus dem Englischen und bedeutet „Belastung“. Stress ist die Reaktion, die dein Körper bei jeder Anforderung entwickelt.
Stress als körperliche oder seelische Beanspruchung ist eine
normale und notwendige Reaktion. Nur ein Übermaß an Stress im Sinne einer
Überforderung oder eines ohnmächtigen Ausgeliefertseins an belastende Umstände
(Stressoren) kann deiner Gesundheit schaden. Umgangssprachlich wird Stress oft
in diesem Sinn verstanden.
Stress entsteht nicht einfach nur aus dem Auftreten eines Stressors, sondern hängt auch von deiner Einstellung dazu ab. Das Gefühl der Kontrolle über deine Lebensbedingungen wirkt stressmindernd, das Gefühl der Nichtbeeinflussbarkeit und Machtlosigkeit wirkt stresserhöhend.
Am meisten wird dich wohl jener Stress überfordern, den du gerne kontrollieren möchtest, jedoch bei noch so viel Aufwand nicht kontrollieren kannst.
Angst und Stress stehen in engem Zusammenhang. Anhaltende Angst kann Stress erzeugen, wenn die Aktivierung deines Körpers zu keinem sinnvollen Handeln führt. Umgekehrt kann Stress deine vorhandene Angstbereitschaft verstärken, weil deine seelischen Abwehrkräfte erschöpft sind.
Angstzustände
sind oft ein Signal des Organismus, dass die aktuellen Belastungen zu groß geworden
sind. Panikattacken „aus heiterem Himmel“, d.h. plötzlich auftretende, massive
körperliche Symptome ohne körperliche Ursachen, stellen sich bei näherer
Betrachtung häufig als explosionsartige Entladung bei einer Fülle von oft lange
aufgestauten Problemen heraus.
Die bei
Erwachsenen, in zunehmenden Ausmaß auch bei Jugendlichen auftretenden Panikattacken sind oft nur die
Spitze eines Eisbergs.
Panikattacken lassen sich zumeist als dramatisch ablaufende
Alarmreaktionen bei zuviel Stress erklären. Im Laufe der Zeit verselbständigt
sich die Erfahrung einer Panikattacke als ständige Angst davor
(Erwartungsangst), was die allgemeine Anspannung erhöht. Die Angst wird verstärkt
durch die Unfähigkeit, sich die Symptome erklären zu können sowie durch die
Hilflosigkeit im Umgang damit.
Du kannst eine (völlig ungefährliche) Panikattacke bekommen, wenn du in einer akuten oder schon lange andauernden Belastungssituation stehst.
Bei einem allgemein hohen Anspannungsniveau kann bereits eine alltägliche Stresssituation, die du in anderen Zeiten und Situationen problemlos bewältigen kannst, eine Panikattacke auslösen (z.B. eine kleine Verletzung).
Wenn du nur eine geringe allgemeine Anspannung aufweist, benötigt dein Körper eine hohe Stressbelastung, damit du eine Panikattacke bekommst (z.B. nach einem Autounfall) oder ein bestimmter Umstand dir plötzlich Angst macht (z.B. kannst du aufgrund verschiedener Anzeichen befürchten, dass sich deine Eltern trennen, deine Mutter krebskrank ist, dein Vater arbeitslos wird, dein Partner die Beziehung beendet, du die Schule nicht schaffst, ein Lehrer dich nicht mag und dich daher schlecht benotet).
Menschen mit Angst- und Panikzuständen haben gewöhnlich nicht mehr Stress zu bewältigen als die Durchschnittsbevölkerung, sie bewerten die Belastungen jedoch viel negativer. Sie können aufgrund ihres größeren Sicherheitsbedürfnisses, das oft mit bestimmten Lebenserfahrungen zusammenhängt, mit möglicher Bedrohung und Unsicherheit nicht gut umgehen.
Die häufigsten lebensbeeinträchtigenden Stressoren sind
Krankheit, Tod, Trennungen, Beziehungsprobleme, schulische oder berufliche
Überforderungen.
80% der Menschen mit Panikattacken oder Platzangst berichten von bestimmten Stressoren vor Ausbruch der Angststörung, sehen anfangs jedoch oft keinen Zusammenhang zwischen diesen Umständen und ihren Angstzuständen.
Das Auftreten der ersten Panikattacke wird oft begünstigt durch einen kurzfristig geschwächten Organismus (z.B. körperliche Erschöpfung, schwül-heißes Wetter).
Viele Personen mit Panikattacken waren früher keine ängstlichen Menschen. Am Beginn einer Panikstörung steht eine Panikattacke, die zumeist nicht durch Ängste ausgelöst wird, sondern durch Stress, unterdrückte Wut oder unverarbeitete Trauer.
Angst entwickelt sich oft erst später als Reaktion auf die unerwartet, unkontrollierbar und bedrohlich auftretenden Panikattacken.
Eine Panikattacke in einer sozialen Situation (z.B. bei
einem Referat, nach einem Streit mit einem Schulkollegen) kann dazu führen,
dass früher recht mutige Jugendliche plötzlich Situationen fürchten, die sie
stets problemlos gemeistert haben (Antreten zu mündlichen Prüfungen, Tätigkeit
als Klassensprecher, Aktivitäten mit Schulkollegen, Ausflüge mit Übernachtung).
Eine Überlastungsreaktion, die anderen oft gar nicht so richtig aufgefallen ist, führt plötzlich zu einer vollständigen Veränderung des Jugendlichen. Keiner weiß, was mit ihm los ist, nicht einmal der Hausarzt, denn keine körperliche Untersuchung hat einen auffälligen Befund erbracht. „Sei froh, dass du nichts hast“, werden die Betroffenen dann oft beruhigt.
Was
kann dich stressen?
Finde heraus, wie Angst und Stress bei dir zusammenhängen könnten.
1.
Was sind deine ganz
normalen Belastungen (Stressoren)?
In schulischer bzw. beruflicher Hinsicht
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In familiärer Hinsicht
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In privater Hinsicht
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2.
Welche körperlichen Symptome sind bei dir
in Überforderungssituationen schon aufgetreten?
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3.
Was sind deine typischen Stresssymptome?
Kannst Du vorhersagen, welche körperlichen Beschwerden Du bei Überforderung
bekommen wirst?
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FURCHTSITUATIONEN
- KÄMPFEN, FLÜCHTEN, ERSTARREN
In Furchtsituationen haben Tiere und Menschen grundsätzlich
vier Reaktionsmöglichkeiten:
1.
Kampf. Bei unentrinnbarer Gefahr wird der Körper zur
Kampfreaktion mobilisiert, um die Bedrohung abzuwenden.
2.
Flucht. Das Fluchtverhalten besteht in einer schnellen motorischen
Reaktion und sichert das Leben in einer akuten Gefahrensituation. Furcht im
Sinne einer ausgeprägten Fluchtreaktion äußert sich in einer panikartigen
Symptomatik.
3.
Bewegungslosigkeit und Erstarrung. Ein
„Einfrieren“ der Bewegung tritt dann auf, wenn Kampf oder Flucht aus offensichtlicher
Unterlegenheit unmöglich oder sinnlos sind. Viele Raubtiere greifen ihre Beute
nur bei Bewegung an. Der Totstellreflex sichert in der Tierwelt das Überleben
angesichts eines übermächtigen Feindes.
4.
Beschwichtigung durch Unterordnung. Im
Rahmen einer Bedrohung durch die eigenen Artgenossen (z.B. bei Wölfen, Hunden,
Menschenaffen) signalisieren Gesten der Unterlegenheit bei aussichtslosem Kampf
dem stärkeren Tier die Anerkennung seiner Überlegenheit. Menschen mit sozialen
Ängsten drücken durch ihr Verhalten (Wegschauen, niedergeschlagener Blick,
Schweigen, Rückzug) ebenfalls ihre Unterlegenheit aus.
Unsere
biologische Ausstattung stammt aus einer früheren Phase der
Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Damals waren Kampf oder Flucht die
angemessensten Reaktionsweisen in Bedrohungssituationen. Körperliche
Leistungsfähigkeit (Kraft, Schnelligkeit) galt als entscheidende Voraussetzung
für das Überleben in Stresssituationen.
Derselbe körperliche Reaktionsmechanismus der Kampf- oder
Fluchtphase läuft auch dann ab, wenn Situationen nur als bedrohlich vorgestellt
werden. Der Körper unterscheidet nicht zwischen realen und vorgestellten Gefahren.
Die Aktivierung des Körpers ist bereits bei der Vorstellung von Gefahren notwendig,
um bei echter Bedrohung rasch reaktionsbereit zu sein.
Bei vielen Ängsten ist die körperliche Mobilisierung zu stark, weil keine Aktivität erforderlich ist. Die körperliche Aktivierung stellt vor allem dann eine Fehlsteuerung dar, wenn vorschnell und unberechtigt bestimmte Situationen als gefährlich eingeschätzt werden.
Es kommt zu einem körperlichen Anspannungszustand, der mangels Bewegung bestehen bleibt, sowie zum Aufbau von Energie und zur Beschleunigung von Stoffwechselvorgängen, was gar nicht erforderlich ist. Körperliche Betätigung (Sport) ist für Menschen mit Ängsten sehr wichtig und hilfreich.
Die Begriffe „Kampf“ und „Flucht“ sind in vielen Angstsituationen nicht wörtlich zu nehmen. „Kampf“ bezeichnet das Herangehen an die Angst auslösende Situation, „Flucht“ jede Art von Rückzug aus der belastenden Situation (dazu zählen auch Fluchtimpulse, nicht nur Weglaufen).
DIE ALARMREAKTION
Die verschiedenen Angst- und Stressreaktionen werden über Vermittlung
höherer Zentren des Gehirns durch das vegetative Nervensystem gesteuert. Es
regelt alle Vorgänge in unserem Körper ganz von allein, ohne unser
willentliches Zutun.
Das vegetative Nervensystem
besteht aus zwei gegensätzlich wirksamen Teilen, die durch ihr Zusammenspiel
das vegetative Gleichgewicht des Körpers aufrechterhalten:
1.
Das sympathische
Nervensystem ist zuständig für Aktivität und Leistung.
2.
Das parasympathische
Nervensystem sorgt für Erholung, Entspannung und Energieaufbau, löst
aber auch die Zustände bei einer plötzlichen Schreckreaktion oder einer
späteren Erschöpfungsreaktion aus.
Akute Angst bewirkt eine kurzfristige, maximale Aktivierung
des vegetativen Nervensystems. Man spricht dabei von einer „Alarmreaktion“ und unterscheidet zwei Phasen:
1.
die Schock- oder Schreckphase,
2.
die Kampf- oder Fluchtphase.
Schock- oder
Schreckphase
Akute Bedrohung führt zuerst oft zu einer kurzen Schockphase, die umgangssprachlich als „Schrecksekunde“ bekannt ist. Das parasympathische Nervensystem bewirkt eine kurzfristige Reaktionsunfähigkeit.
Eine Schreckreaktion äußert sich als Kreislaufschwäche (Blutdruckabfall), Schwindel, Ohnmachtsangst, Atemnot, Zuschnüren der Kehle, Übelkeit, Harn- oder Stuhldrang, Durchfall, Magenkrämpfe, Muskelschwäche („weiche Knie“), Erröten, Tränenausscheidung oder Weinkrämpfe. In dieser Phase fühlst du dich wie gelähmt. Viele Menschen mit Angstzuständen bleiben in dieser Phase stecken.
Ein ohnehin niedriger Blutdruck kann bei einer Schreckreaktion ohne Bewegung noch weiter abfallen und Schwindelzustände bzw. Ohnmachtsängste auslösen, vor allem wenn du dich nicht bewegst. Das anschließende Herzrasen dient der Blutdrucksteigerung, wird jedoch oft, wenn diese Zusammenhänge nicht bekannt sind, als sehr Angst machende Erfahrung gefürchtet.
Die Schockphase ist bei Tier und Mensch durchaus recht
sinnvoll:
l
Die Bewegungslosigkeit reduziert die Angriffslust eines Feindes und
schützt anstelle einer geräuschvollen Flucht vor dem Entdeckt werden.
l
Bei massiven körperlichen Schäden wird das Überleben gesichert durch
Vorbeugungsmaßnahmen gegenüber Verblutung (Blutdruckabfall, Hautgefäßverengung,
Blutverdickung).
l
Alle Sinne sind auf das umfassende Erkennen der Gefahr gerichtet.
l
Kurzfristig werden alle Energien als Vorbereitung auf die Angriffsphase
gesammelt. Rasche und unproduktive Reaktionen werden verhindert.
Kampf- oder
Fluchtphase
Nach der Schreckreaktion wird dein Körper in der Kampf-
oder Fluchtphase durch den aktivierenden Zweig des vegetativen Nervensystems,
d.h. durch den Sympathikus, zu einer
kurzfristigen Höchstleistung gebracht. Man spricht von einer „Bereitstellungsreaktion“, die
den Körper sofort und maximal auf Kampf- oder Fluchtverhalten vorbereitet.
Dabei werden gleichzeitig alle momentan nicht benötigten
Körpervorgänge gehemmt (Appetit, Verdauung, sexuelle Reaktion, Immunsystem,
d.h. die Abwehr von Krankheiten), um kurzfristig alle Energien in den Dienst
der Angstreaktion stellen zu können.
Angst führt zu einer vermehrten
Ausschüttung der Stresshormone, die deinen Körper in vielfältiger Weise
aktivieren. Die massive körperliche Aktivierung erfolgt durch zwei verschiedene
Arten von Stresshormonen:
1.
Hormone des Nebennierenmarks (Adrenalin und
Noradrenalin) bewirken bei akuter Angst bereits nach ½-1½ Minuten eine 3-4
Minuten dauernde massive Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Es
handelt sich dabei um den bekannten Adrenalinstoß, der deinen Körper rasch in
Schwung bringt.
2.
Hormone der Nebennierenrinde (Kortisol und Kortison)
werden - zeitlich minimal verzögert und länger wirksam - bei anhaltender Angst
aktiv. Auf diese Weise bewältigt dein Körper längere Angst- und Stresszustände.
Nach einigen Minuten lässt die Alarmwirkung aufgrund der
Gewöhnung an die Angstsituation nach, d.h. dein Körper wird nicht mehr durch
Adrenalin in eine körperliche und geistige Höchstspannung versetzt.
Menschen, die in bestimmten Situationen (Prüfung,
Einkaufsbummel, Busfahrt usw.) eine plötzlich auftretende, massive körperliche
Symptomatik, d.h. eine Panikattacke, erlebt haben, fürchten sich dennoch häufig
vor dem Wiederauftreten dieser Zustände unter ähnlichen Bedingungen.
Wenn Angst und Stress über einen langen Zeitraum anhalten, arbeitet das sympathische
Nervensystem weiter, während gleichzeitig auch das parasympathische
Nervensystem aktiv wird, um Erholung und Energieaufbau sicherzustellen. Es
kommt zu einer Störung der normalerweise gut eingespielten Teile des
vegetativen Nervensystems, was sich in einer Fülle von Symptomen äußert. Es
finden sich z.B. gleichzeitig Herzrasen und Durchfallsneigung.
Es kommt im Laufe der Zeit zu so genannten „funktionellen Störungen“. Die körperlichen Funktionen
sind dabei nicht durch körperliche Ursachen, sondern durch Angst, Stress oder
andere psychische Faktoren beeinträchtigt.
DEIN
KÖRPER BEI ANGST

Auf den folgenden Seiten möchte ich dir die körperlichen
Reaktionsabläufe bei Angstzuständen näher erklären, so dass du dich weniger
davor fürchtest.
Viele Menschen, auch Jugendliche, entwickeln unnötige
Ängste, wenn sie nicht wissen, was mit ihnen los ist. Mangelndes Wissen führt
zu angststeigernden Erklärungsmustern, unnötigen
Vermeidungsreaktionen (Ausweichen vor bestimmten Situationen) und übertriebenen
Vorsichtsmaßnahmen (z.B. Beruhigungsmittel in der Tasche).
Wenn du um die Normalität dieser Vorgänge weißt, kann dies
allein bereits deine Angst in bestimmten Situationen reduzieren. Du musst dich
zumindest nicht mehr vor deinem eigenen Körper fürchten. Es kann auch sein,
dass sich deine Eltern für die Biologie der Angst interessieren, wenn du öfters
unter derartigen Zuständen leidest.
Das Herz schlägt
schneller
Angst beschleunigt den Herzschlag, erhöht die Pumpleistung des
Herzens und erweitert die Herzkranzgefäße. Dies führt zu einer
Blutkreislaufsteigerung.
Das Blut wird bis zu 5 mal schneller durch den Körper
gepumpt, stark mit Sauerstoff und Nährstoffen (besonders Zucker) angereichert
und zu den Skelettmuskeln transportiert, um den Körper auf Kampf oder Flucht
vorzubereiten.
Der Puls kann von durchschnittlich 70 Schlägen auf 180 und
mehr pro Minute ansteigen, das Schlagvolumen des Herzens (Blutauswurf der
linken Herzkammer in den Körper) kann sich verdoppeln.
Das rasche Umschalten auf Beschleunigung oder Verlangsamung
des Herzschlags kann zu einer vorübergehenden, völlig ungefährlichen
Rhythmusstörung führen. Bei akuter Angst schlägt das Herz plötzlich schneller,
bei rascher Beruhigung macht es einen
„Aussetzer“ zur Verlangsamung.
Starke Angst kann auch eine psychisch bedingte Verkrampfung
der Herzkranzgefäße bewirken, die trotz ihrer Dramatik unbedenklich ist. Es
kommt aufgrund der verminderten Durchblutung und unzureichenden
Sauerstoffzufuhr zum Herzen zu starken Schmerzen im Brustbereich und damit zu
ähnlichen Zuständen wie bei einer bestimmten körperlichen Krankheit (Angina
pectoris).
Bei vielen Menschen mit Angstzuständen löst starkes
Herzrasen massive Angst vor einem Herzinfarkt aus. Diese Angst ist völlig unbegründet.
Ein Herzinfarkt entsteht durch einen Verschluss der Herzkranzgefäße, wodurch
das dahinterliegende Gewebe abstirbt. Ein derartiger
Zustand kann durch Herzrasen weder bewirkt noch verhindert werden.
Herzrasen bei körperlicher Betätigung kommt jedem normal
vor, in Ruhe wird es dagegen gefürchtet, weil es unerklärlich erscheint.
Massives Herzrasen kann allein durch psychische Faktoren (Angst, Ärger, Wut)
ausgelöst werden.
Wenn du öfters Herzklopfen, Herzrasen,
Herzstolpern, Stechen, Schmerzen oder Engegefühle in der Brust erlebst, kann
dies mit Angst, Stress, Ärger oder Wut zusammenhängen, auch wenn du denkst,
dass dies nur eine körperliche Ursache haben kann.
Der Blutdruck
steigt
Angst erhöht den Blutdruck durch die beschleunigte
Herztätigkeit und durch die Verengung der kleinen arteriellen Blutgefäße der
Haut. Bei ständiger Angst kann man aufgrund der Blutdrucksteigerung nicht
ohnmächtig werden, obwohl dies oft gefürchtet wird.
Die Ohnmachtsangst stammt von einer anfänglichen
Schreckreaktion, insbesondere bei niedrigem Blutdruck und fehlender Bewegung,
die durch einen Adrenalinstoß rasch überwunden wird.
Bei extremer Angst oder Wut kann der Blutdruck (erster
Wert) bis auf 230 ansteigen, was die Betroffenen sehr besorgt macht. Bei
anhaltenden Angst- und Stresszuständen kann der zweite Blutdruckwert deutlich
über dem kritischen Wert von 90 liegen, ohne dass eine körperliche Ursache besteht.
Wenn du gelegentlich unter pulsierenden Kopfschmerzen,
Schwindel, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen und Kribbeln in Armen und Beinen
leidest, kann dies mit einer angst- oder stressbedingten Blutdrucksteigerung zu
tun haben.
Das Blut verteilt
sich anders
Durchblutungsveränderungen im Körper dienen dem aktuellen
Bedarf an Sauerstoff und Nährstoffen. Bei Angst erfolgt eine Erhöhung der
Durchblutung durch die Erweiterung der Blutgefäße in den Organen, die in
Gefahrensituationen für das Überleben besonders wichtig sind (Herz, Lunge,
Leber, Skelettmuskulatur, vor allem die großen Muskeln wie z.B. Bizeps und Oberschenkeln).
Die Durchblutung jener Organe, die für die momentane
Tätigkeit nicht unbedingt nötig sind (Magen, Darm, Nieren, Haut, Schleimhäute,
Geschlechtsorgane), wird dagegen durch Verengung der Gefäße reduziert.
Wenn du öfters eine kalte und blasse Haut, kalte oder
kribbelige Hände bzw. Füße oder Magen-Darm-Störungen (Bauchschmerzen,
Nachlassen von Appetit und Verdauungstätigkeit) erlebst, kann dies durch Angst
oder Stress bedingt sein.
Angst- und Fluchtgedanken bewirken eine vermehrte
Blutzufuhr zur Muskulatur. Wenn die Fluchtreaktion unmöglich ist oder
unterdrückt wird, staut sich das Blut in der Muskulatur und fließt nur
ungenügend zum Herzen zurück.
Wenn du in Situationen, wo du nicht entkommen kannst,
Schwindel und Ohnmachtsgefühle entwickelst, kann dies mit der Hemmung des
Fluchtreflexes zusammenhängen.
In geringem Ausmaß ist anfangs auch die Durchblutung des
Gehirns von der Umverteilung des Blutes in Richtung der arbeitenden Muskulatur
betroffen. Aufgrund der Sauerstoffunterversorgung erlebt man dies als
Schwindel, Ohnmachtsneigung und mangelnde Denkfähigkeit („leerer Kopf“).
Voraussetzung dafür ist eine Unbeweglichkeit bei aufrechter Haltung. Durch
Bewegung wird dieser unangenehme Zustand rasch beseitigt.
Wenn du bei einer Prüfung angstvoll einige Zeit
regungslos stehen bleibst, kannst du plötzlich das Gefühl einer
Ohnmachtsneigung bekommen. In diesem Fall solltest du dich ein wenig bewegen,
und der ganze Spuk ist vorbei.
Auch Reden kann helfen, dass du rasch wieder das Gefühl
bekommst, ganz da zu sein.
Die Atmung wird
intensiver
Bei Angst wird die Atmung schneller und intensiver, um mehr
Sauerstoff aufnehmen zu können. Sauerstoff ist die Verbrennungsenergie des
Körpers und ermöglicht alle Stoffwechselvorgänge.
Atem- und Herzrhythmus sind eng miteinander verbunden.
Gefühlszustände wie Angst oder Wut führen zu einer Intensivierung der Atmung
sowie auch zu einer Beschleunigung des Herzschlags, um den vermehrt
aufgenommenen Sauerstoff über den Kreislauf zu den Organen weiterzubefördern.
Während gesunde Menschen in Ruhe 14-15 Atemzüge pro Minute
aufweisen, findet man bei Menschen mit Angstzuständen oft die doppelte Anzahl.
Die Betroffenen atmen häufig zuviel durch den Mund und entwickeln dadurch eine
zu starke Brustatmung. Die richtige und ruhige Atmung sollte über die Nase und
das Zwerchfell („Bauchatmung“) erfolgen.
In Angst- und Paniksituationen erfolgt oft eine zu rasche
und zu flache Atmung. Der Brustkorb hebt und senkt sich rasch, während die
Bauchatmung vernachlässigt wird. Bei einer derartigen „Hyperventilation“ wird
über den Mund zuviel Sauerstoff eingeatmet und zuviel Kohlendioxid ausgeatmet.
Dieses Ungleichgewicht wird noch dadurch verstärkt, dass der aufgenommene
Sauerstoff mangels Bewegung nicht in Kohlendioxid umgewandelt wird.
Der Kohlendioxidabfall im Körper führt zu einem Mangel an
Kalzium im Blut, was eine Verkrampfung der Muskeln bewirkt. Die
Muskelanspannung verengt die Blutgefäße. Es kommt zu Kribbelempfindungen,
Taubheitsgefühlen oder krampfartigen Zuständen in den Lippen, Händen und Füßen
sowie zu Druck- und Engegefühlen im Brust- und Halsbereich. Die Betroffenen
haben Angst zu ersticken und hyperventilieren noch stärker, wodurch das Problem
verschärft wird. Weiters können u.a. folgende Symptome auftreten: Herzrasen,
Übelkeit, Bauchbeschwerden, Sehstörungen.
Die Hyperventilation bewirkt auch eine Verkrampfung der
Blutgefäße im Gehirn, wodurch die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn beeinträchtigt
wird. Dies führt zu Schwindel, Ohnmachtsangst, Unwirklichkeitsgefühlen,
Konzentrationsstörungen und Denkblockaden, was die Angst verstärkt. Bei normaler
oder verlangsamter Atmung verschwinden alle Symptome sofort.
Starke Angstzustände oder massiver Ärger über den Partner,
einen Elternteil oder Lehrer können zu einer derartigen „Überatmung“ führen.
Die
Kehle schnürt sich zusammen
Bei einer Schreckreaktion verkrampft sich der oberste Teil der Speiseröhre. Dies bewirkt ein Engegefühl im Hals, wie wenn ein Fremdkörper im Rachen stecken würde. Das Gefühl, einen Knödel im Hals zu haben, führt zu häufigem Schlucken. Im Extremfall kann ein angstmachendes Erstickungsgefühl auftreten. Trinken oder Essen beseitigt das Engegefühl im Hals sofort.
Wenn du ein plötzliches Zuschnüren der Kehle erlebst, kann
es sich dabei um ein Angstsymptom handeln. Du weißt schon, dass „Angst“ von der
lateinischen Wortwurzel her auf das „Zuschnüren der Kehle“ hinweist.
Der
Mund wird ganz trocken
Angst vermindert den Speichelfluss. Dies ist bedingt durch die Hemmung von Appetit und Verdauung in akuten Angst- und Stresssituationen.
Wenn du öfter einen trockenen Mund oder einen dickflüssigen
Speichel hast, kann dies mit Angst oder Stress zusammenhängen. Die
Mundtrockenheit kann aber auch von einer übermäßigen Atmung durch den Mund
stammen.
Die Muskeln
spannen sich an
Angst bewirkt eine Anspannung der Skelettmuskulatur, um bei
möglicher Gefahr rasch reagieren zu können. Häufige Fehlalarmierung führt zu ständiger
Muskelverspannung und Müdigkeit. Eine hohe Muskelanspannung äußert sich in
Zittern und Unruhe, solange keine Bewegung erfolgt.
Die Anspannung der Beine zeigt sich oft in einem unsicheren
Stand, was als Schwankschwindel erlebt wird. Die Verspannung der Muskulatur
wird dem Gleichgewichtszentrum im Stammhirn rückgemeldet, wo eine
Gleichgewichtsstörung ausgelöst wird mit dem Ziel, eine bessere Haltung einzunehmen.
Wenn du dich oft angespannt fühlst, kann dies Ausdruck von
Angst oder Stress sein. Die Muskelanspannung kann sich äußern als ständiges
Auf-dem-Sprung-Sein, motorische Unruhe, Nervosität, Zittern der Hände und
Beine, Beben des ganzen Körpers, Anspannung der Kopf-, Kiefer-, Rücken-, Brust-
und Schulter-Nacken-Muskulatur, Standunsicherheit und Muskelschmerzen.
Außen kalt -
innen heiß
Angst erhöht die Temperatur im Körperinneren als Folge der
verstärkten Stoffwechselprozesse und vermindert die Hauttemperatur durch die
Verengung der Blutgefäße der Haut. Nach der Alarmreaktion erweitern sich die
Hautgefäße, um die Wärme an die Umwelt abzustrahlen.
Wenn Angst oder Stress dich längere Zeit
aufgewühlt haben, ist es ganz normal, dass deine Haut dann rot und heiß wird,
nachdem sie anfangs vor Schreck vielleicht ganz blass und kalt war.
Kalter Schweiß
auf Stirn und Händen
Angst und Stress erhöhen die Schweißdurchlässigkeit der Haut. Schweiß verbessert die Leitfähigkeit der Haut und damit die Reaktionsgeschwindigkeit. Der Anstieg der Hautleitfähigkeit ist ein beliebtes Maß für die Erregung durch das sympathische Nervensystem. Angstgefühle führen innerhalb von 1-4 Sekunden zum Absinken des Hautwiderstands.
Schweiß ist das Kühlsystem des Körpers. Er wirkt ähnlich wie das Kühlwasser beim Auto. Es gibt einen kalten und einen warmen Schweiß.
Bei Angst tritt ein kalter und klebriger Schweiß auf. Die Schweißdrüsen sondern vermehrt Schweiß ab zur Kühlung des vermeintlich hart arbeitenden Organismus. Der Schweiß trifft jedoch auf kalte Haut, bedingt durch die verminderte Durchblutung der Blutgefäße der Haut bei akuter Angst, wo er sofort kalt wird. Wegen der kalten, schweißigen Hände wird ein Händedruck oft vermieden.
Wenn du das Gefühl von kaltem Schweiß auf der Stirn oder von
kalt-schweißigen Händen erlebst, kann dies Ausdruck von Angst sein.
Beschleunigter
Stoffwechsel
Der Stoffwechsel umfasst alle chemischen Vorgänge im Inneren des Körpers, in jeder lebenden Zelle. Sauerstoff verbrennt in den Körperzellen Nährstoffe, wodurch diese nutzbar gemacht werden.
Angst beschleunigt die Stoffwechselvorgänge. In der Alarmphase erfolgt über die Hormone des Nebennierenmarks (Adrenalin und Noradrenalin) der Abbau vorhandener Energie.
Später erfolgt über die Hormone der Nebennierenrinde (insbesondere Kortisol) der Aufbau und die Preisgabe neuer Energien. Gleichzeitig bewirkt die verstärkte Freisetzung von Schilddrüsenhormonen eine Beschleunigung der Stoffwechselprozesse durch eine raschere und verstärkte Sauerstoffaufnahme in die Zellen.
Wenn du einen längeren Zustand von Angst oder Stress
erlebst, ist es ganz normal, dass du dich durch den erhöhten Energieverbrauch
oft heiß und erhitzt und hinterher oft müde und ausgelaugt fühlst.
Der
Blutzuckerspiegel steigt
Glukose (Traubenzucker) ist der Treibstoff, mit dem der
Körper läuft. Zuckerüberschüsse sind in der Leber gespeichert, um bei Bedarf
darauf zurückgreifen zu können.
Angst bewirkt eine vermehrte Produktion von Insulin, das
den Zucker abbaut. Es wird vermehrt Zucker in das Blut ausgeschüttet, so dass
der Blutzuckerspiegel steigt.
Oft wird zuviel Insulin ausgeschüttet. Dies führt dazu,
dass die verfügbare Glukose schnell aufgebraucht wird und der Blutzuckerspiegel
stark absinkt.
Bei ungesunder bzw. mangelhafter Ernährung (Hungerkuren),
stressbedingter Appetitlosigkeit und ständiger Angst können die typischen
Symptome einer Unterzuckerung auftreten, die der Körper durch einen
Adrenalinschub zu bewältigen versucht. Dies kann vorhandene Angstzustände
verstärken.
Unterzuckerung als Folge des vermehrten Zuckerabbaus in
Angst- und Stresssituationen äußert sich als Herzrasen, Blutdrucksenkung,
Schwindel, dumpfe Kopfschmerzen, kalter Schweiß, inneres Zittern, innere
Unruhe, blasse Haut, kalte Hände und Füße, Übelkeit, Magenkrämpfe,
Angstzustände, Müdigkeit, Bewegungsstörungen, Muskelschwäche und Bewusstseinsstörungen.
Wenn es dir in Angst- und Stresssituationen den Appetit verschlägt (z.B. vor einer schweren Prüfung), dann kannst du aufgrund von Zuckermangel innerlich ganz zittrig werden und dich insgesamt körperlich recht unwohl fühlen.
Als Soforthilfe sind mehrere Stück Dextroenergen anzuraten, länger wirksam ist ein Stück Vollkornbrot oder Obst.
Eine ausgewogene Ernährung ist sehr wichtig. Ein gutes Frühstück vor einer Prüfung stärkt nicht nur deinen Körper, sondern auch deinen Geist. Denke daran, wenn du vor lauter Aufregung sagst: „Ich bringe nichts hinunter.“
Appetit und
Verdauung lassen nach
Angst verringert die Verdauungsvorgänge. Die Magen- und
Darmtätigkeit wird gehemmt, die Muskelspannung der Speiseröhre lässt nach, die
Magensäure ist vermindert, die Gefäße der Verdauungsorgane sind verengt. Auf
diese Weise wird Energie gespart und der Körper kurzfristig ganz auf die Kampf-
oder Fluchtreaktion vorbereitet.
Dieser Zustand äußert sich oft in Oberbauchbeschwerden (Appetitlosigkeit,
Unwohlsein, Schlechtwerden, Völlegefühl, Magenschmerzen, Erbrechen, Aufstoßen,
Sodbrennen) und Unterbauchbeschwerden (Durchfall, Verstopfung, Reizdarm:
Wechsel von Durchfall und Verstopfung).
Das berühmte flaue Gefühl im Magen hängt ebenfalls mit der
mangelnden Durchblutung im Verdauungstrakt zusammen.
Bauchweh und Übelkeit gehören bei Schülern zu den
häufigsten Symptomen. Dies steht oft in Verbindung mit Ängsten (z.B. mit
Schulangst).
Wenn du öfters unter Bauchschmerzen leidest,
ohne dass eine körperliche Ursache gefunden wurde, kann dies durch Angst oder
Stress bedingt sein.
Blase und Darm
spielen verrückt
In der
Schreckphase sowie in der Erschöpfungsphase nach einem längerem Angst- oder
Stresszustand werden die Ausscheidungsorgane aktiviert. Es kommt zu Harndrang
oder tatsächlichem Harnverlust sowie zu Stuhldrang oder Durchfall. Es besteht
das Gefühl, „gleich in die Hose zu machen“.
Wenn du ständig aufs Klo gehen musst, einmal klein und einmal groß,
obwohl du weißt, dass dies eigentlich unnötig ist, weil du
erst kürzlich warst, kann dies einen angstbedingten Anspannungszustand
ausdrücken.
Die Augen machen
Probleme
Angst erweitert die Pupillen, um mehr Licht durchzulassen. Dies macht die Augen lichtempfindlicher und vergrößert das Sehfeld. Eine vergrößerte Pupille, d.h. größere Blende wie beim Fotoapparat, verringert die Schärfentiefe und erhöht die Möglichkeit, unterschiedliche Entfernungen besser voneinander zu unterscheiden. Bedrohliche Objekte können besser wahrgenommen werden. Subjektiv kann sich dies in Sehstörungen äußern (verschwommenes Sehen, Pünktchen vor den Augen).
Angst
führt weiters zur Abflachung der Augenlinsen. Die infolgedessen geringere
Brechkraft (größere Brennweite) ermöglicht eine verbesserte Fernsicht. Objekte
in 3-10 Meter Entfernung werden besonders gut wahrgenommen.
Wenn du öfters das Gefühl hast, nicht gut zu
sehen, soweit es die Nahsicht betrifft (z.B. beim Lesen und Schreiben), obwohl
der Augenarzt alles in Ordnung findest, kann dies durch Angst oder Stress
verursacht sein.
Du solltest vielleicht auch wissen, dass verschiedene
Sehstörungen (Schwarzwerden vor den Augen, Flimmern, Sternchensehen) oft nicht
mit dem aktuellen Zustand der Pupillen und der Augenlinsen zusammenhängen,
sondern mit Durchblutungsstörungen als Folge einer anspannungsbedingten
Mangeldurchblutung des Augenhintergrundes.
Lästiger
Schwindel
Schwindelgefühle gehören zu den lästigsten Angstsymptomen.
Der Angstschwindel ist ein diffuser Schwindel, häufig erlebt als Benommenheit,
Ohnmachtsangst, Unsicherheit beim Stehen und Gehen, Schwanken des Bodens,
Schweben wie auf Wolken. Es handelt sich meistens nicht um einen Drehschwindel,
sondern um einen Schwankschwindel.
Wenn die Schwindelgefühle nicht mit Kreislaufproblemen,
insbesondere niedrigem Blutdruck, zusammenhängen, sind sie oft bedingt durch
eine Verspannung der Schulter-Nacken-Muskulatur oder eine Versteifung der Beine
aus Angst vor dem Umfallen. Derartige Anspannungen führen zu Gleichgewichtsstörungen.
Schwindelgefühle sind oft der Grund, warum man nichts mehr
alleine unternimmt, und zwar aus der unberechtigten Angst vor einem
Ohnmachtsanfall.
Wie reagiert dein
Körper bei Angst?
Ich stelle dir einige Aufgaben zur Thematik „Angst und Körpersymptome“.
1.
Finde Redewendungen, die körperliche
Symptome bei einem Angstzustand zum Ausdruck bringen.
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2.
Mit welchen Redewendungen lassen sich
deine Angstsymptome am besten beschreiben?
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3.
Erinnere dich an den bisher ärgsten
Angstzustand und beschreibe die aufgetretenen körperlichen Symptome.
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4.
Erstelle eine Liste jener körperlichen
Symptome, die du in Angstsituationen besonders fürchtest, und reihe diese nach dem
Ausmaß der Belastung.
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5.
Erkläre Deine körperlichen Angstsymptome
mit Hilfe der Ausführungen in diesem Buch.
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6.
Hast du körperliche Angstsymptome schon so
unangenehm erlebt, dass du sie zu vermeiden versucht hast? Welche Tricks
wendest du dabei an?
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KRANK
VOR ANGST
Krankhafte
Ängste werden als „Angststörungen“ bezeichnet.
Unter folgenden Bedingungen wären deine Ängste krankhaft:
l
Du bist keiner realen Bedrohung ausgesetzt.
l
Du leidest auch nach Beseitigung einer realen Bedrohung
darunter.
l
Du leidest zu lange und zu stark darunter.
l
Du kannst das Auftreten und das Ausmaß der Angst nicht
kontrollieren.
l
Du erlebst belastende körperliche Symptome.
l
Du entwickelst ausgeprägte Erwartungsängste (Angst vor der
Angst).
l
Du findest keine Erklärungsmöglichkeiten zur Beruhigung.
l
Du vermeidest Angst machende, objektiv ungefährliche
Situationen.
l
Du schränkst dein schulisches, berufliches und soziales
Leben ein.
l
Du gibst wichtige Aktivitäten zur Bereicherung deines Lebens
auf.
Gewöhnlich wird zwischen Angst und Furcht unterschieden:
„Angst“ bezeichnet das Gefühl einer unbestimmten, gegenstandslosen Angst (krankhaft früher als „Angstneurose“ bezeichnet).
„Furcht“ besteht aus der Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen (krankhaft als „Phobie“ bezeichnet).
Krankhafte
Ängste können unter drei Bedingungen auftreten:
1.
Die
Bedrohungseinschätzung ist falsch. Ein Beispiel ist die Fehleinschätzung von wenig
oder nicht bedrohlichen Umständen als sehr bedrohliche Gegebenheiten (z.B. bei
Phobien).
2.
Die Alarm- oder
Bedrohungsstrukturen selbst sind gestört, d.h. es liegen Krankheitsprozesse des Gehirns vor.
Ein Beispiel ist die spontane und anfallsweise Angst (z.B. Angstattacken bei
einer Epilepsie).
3.
Das Warnsignal Angst klingt nicht ab. Es
erfolgt keine Gewöhnung, sondern im Gegenteil ein Ausufern der Angst und Erregung.
Ein Beispiel ist die posttraumatische Belastungsstörung mit anfangs
angemessener, später immer mehr ausufernder Angst.
Angststörungen
sind die häufigsten psychischen Erkrankungen.
Angststörungen stellen bei Frauen die häufigste, bei Männern nach der Alkoholabhängigkeit die zweithäufigste psychische Störung dar.
Nach einer aktuellen Befragung von 3021 14-24jährigen in
München-Stadt und -Land haben 14,1% im Laufe ihres noch kurzen Lebens eine
Angststörung erlebt, und zwar in folgender Verteilung: 3,5% Panikstörung, 5,3%
Platzangst (Agoraphobie), 5,1% generalisierte Angststörung, 11,3% spezifische
Phobie, 7,6% soziale Phobie.
Nach einer repräsentativen Erhebung in der BRD bei 3000 Personen weisen 8,8% der Deutschen aktuell (innerhalb der letzten sieben Tage) eine behandlungsbedürftige Angststörung auf. Davon sind zwei Drittel Frauen. Das Ausmaß der Angststörungen in der Bevölkerung, vor allem auch bei jungen Menschen, rechtfertigt vorbeugende Aktionen.
Wenn
Angstzustände nicht bewältigt werden können, entstehen daraus oft weitere
Probleme wie z.B. depressive Erschöpfungszustände, Missbrauch von Alkohol oder
Beruhigungsmitteln, soziale, familiäre, schulische oder berufliche
Schwierigkeiten.
PANIKATTACKEN
- DIE ANGST AUS HEITEREM HIMMEL
Sabine - Eine Panikattacke bewirkt Todesangst
Die 17jährige
Sabine war gerade bei der schwülen Mittagshitze in einer voll gestopften Linzer
Straßenbahn von der Schule nach Hause unterwegs, als sie im Stehen plötzlich
von einem massiven Schwindelgefühl überrascht wurde. Ihre Knie wurden weich,
ihr Herz begann zu rasen, ein Hitzegefühl stieg vom Bauch bis zu ihrem Kopf,
auf der Stirn spürte sie einige Schweißperlen. Sie glaubte, sie würde sofort
ohnmächtig umfallen. Gleichzeitig entwickelte sich eine massive Übelkeit. Ihre
Kehle schnürte sich zusammen, so dass sie an Luftmangel litt und verstärkt mit
dem Mund zu atmen begann. Doch dadurch wurde alles nur noch schlimmer, vor
allem verspürte sie einen starken Druck auf der Brust, der ihre Todesangst
verstärkte. Regungslos stand sie da, inmitten einer großen Zahl von Schülern,
die das ganze Geschehen gar nicht bemerkten. Sie konnte erst nach zwei
Stationen die Straßenbahn fluchtartig verlassen, als eine größere Zahl von
Schülern vor ihr ausstieg. Auf dem restlichen Weg, den sie auf wackeligen
Beinen nach Hause zurücklegte, wurde ihr bald besser, erleichtert durch den
Schatten der Bäume und einen leichten Lufthauch. Zu Hause erzählte sie alles
ihrer Mutter, die ihr riet, sich niederzulegen, um ihren Kreislauf zu
beruhigen.
Zwei Tage später
ging Sabine abends wie immer zu Bett. Weil es noch ungewöhnlich warm war,
konnte sie nicht sofort einschlafen. Sie begann über die Ereignisse in der
Straßenbahn nachzudenken. Plötzlich begann ihr Körper in ähnlicher Weise zu
rebellieren wie in der Straßenbahn. Sie lief aufgeregt in das Wohnzimmer und
verhielt sich so auffällig, dass ihre Mutter den Notarzt alarmierte. Als dieser
ankam, war Sabine bereits ruhiger. Er untersuchte sie und fand nichts
Besonderes bis auf einen erhöhten Puls von 95. Weil sich nun die Eltern große
Sorgen zu machen begannen und mit der Verdachtsdiagnose „Panikattacken“ nicht
zufrieden waren, riet der Arzt zu einer stationären Durchuntersuchung.
Sabine und ihre Eltern waren beruhigt, als im Krankenhaus kein auffälliger
Befund erhoben werden konnte.
Nach vier
Monaten fuhr Sabine frühmorgens mit der Straßenbahn in die Schule, als ihr
plötzlich schlecht wurde, obwohl sie diesmal einen Sitzplatz bekommen hatte.
Sie entwickelte sofort die Befürchtung, dass nun bald auch alle anderen
bekannten Symptome auftreten würden und verließ bei der nächsten Station eilig
die Straßenbahn in dem Gefühl, einer starken Panikattacke gerade noch rechtzeitig
entkommen zu sein. Sie rief bei der nächsten Telefonzelle ihre Mutter an, sie
mit dem Auto nach Hause zu bringen, obwohl ihr in der Schule eine wichtige
Schularbeit bevorgestanden wäre, deretwegen sie tagelang viel gelernt und aus
Stress kaum etwas gegessen hatte. Am Morgen konnte sie nicht einen einzigen
Bissen der Semmel hinunterwürgen, obwohl ihr die Mutter geraten hatte, etwas zu
essen.
Von
diesem Zeitpunkt an änderte sich das Leben von Sabine radikal. Sie entwickelte
eine Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln und musste täglich von der Mutter
mit dem Auto in die Schule gebracht werden. Ihre Erwartungsängste vor einer
Panikattacke uferten derart aus, dass Sabine zwei Wochen später nicht am
Schulausflug nach Wien teilnahm, weil sie sich vor Straßenbahnen und U-Bahnen
fürchtete. Als sie in den Sommerferien auch nicht am bereits gebuchten Urlaubsflug
in die Türkei teilnehmen wollte, vereinbarten die Eltern einen Termin beim
Hausarzt, der ihr das Beruhigungsmittel Xanor® verschrieb, das bei
Panikattacken bevorzugt eingesetzt wird.
Sabine verbrachte im
Vertrauen auf die Wirksamkeit des Medikaments einen wunderschönen Urlaub am
Meer. Sicherheitshalber wollte Sabine dieses Medikament auch zu Hause weiterhin
einnehmen, womit ihre Eltern jedoch nicht einverstanden waren. Der Hausarzt
hatte nämlich vor einer längeren regelmäßigen Einnahme gewarnt, weil dieses
Medikament - noch schneller als verschiedene andere Beruhigungsmittel - nach
anfänglich ausgezeichneter Wirkung rasch zur Abhängigkeit führt. Jedenfalls
sollte sie das Mittel nicht länger als 4-6 Wochen regelmäßig einnehmen.
Sabines Eltern erkundigten
sich nach einem Psychotherapeuten, der sich auf die Behandlung von
Panikattacken spezialisiert hatte. Noch in den Sommerferien begann eine
verhaltenstherapeutisch orientierte Psychotherapie mit dem Ziel, die
gefürchteten Panikattacken besser bewältigen zu lernen. Denn Sabine hatte
angekündigt, sie könne sich einen Schulbesuch im Herbst nur mit Hilfe von Xanor®
vorstellen.
Zu Beginn
der Therapie wurden Sabine und ihre Eltern über Panikattacken genauestens informiert.
Der Therapeut empfahl ihnen auch das ausgezeichnete Taschenbuch des
schottischen Psychiaters Baker mit dem Titel „Wenn plötzlich die Angst kommt. Panikattacken verstehen und
überwinden“.
Im
Rahmen einer anschließenden Einzeltherapie im Ausmaß von nur 8 Sitzungen,
abgeschlossen durch einen zwei Monate später erfolgten Kontrolltermin, lernte
Sabine mit ihrer Angst vor Panikattacken so umzugehen, dass sie ihre frühere
Bewegungsfreiheit und Zuversicht wiedergewann.
In der
Therapie erwiesen sich bestimmte körperliche und seelische Aspekte als panikerzeugend. Sabine war zwar körperlich gesund, sie
hatte jedoch einen niedrigen Blutdruck. Dieser stellte für sie bisher kein
Problem dar, dürfte jedoch beim schwülen Wetter vermutlich noch stärker
abgesunken sein. Vielleicht spielte auch mit, dass sie gerade die Regel hatte.
Die fehlende Bewegungsmöglichkeit in der dicht gefüllten Straßenbahn, aber auch
die spätere Angst, bei Bewegung umzufallen, zwangen das Herz, möglichst rasch
zu pumpen, um den Blutdruck zu heben und eine ausreichende Versorgung des
Gehirns mit Blut und Sauerstoff zu gewährleisten. Die Angst vor diesem
sinnvollen, für Sabine jedoch unverständlichen Herzrasen in einer Ruhesituation
hatte erst recht das Herz auf Touren gebracht.
Weiters
wurde herausgearbeitet, dass sich bei Sabine jeder Stress auf den Magen schlägt
und ihr sofort jeder Appetit vergeht. Eine unzureichende Ernährung kann zu
einem Abfall des Zuckerspiegels gerade in Situationen führen, wo Zucker als
Treibstoff des Körpers dringend benötigt wird.
Von der
Persönlichkeit her ist Sabine ein sehr ehrgeiziges Mädchen. Sie ist eine gute
Schülerin und will immer ihr Bestes geben. Bei Prüfungsvorbereitungen kann sie
nicht abschalten und nicht - wie andere Schülerinnen - auch vergnügliche Dinge
unternehmen. Für die Zukunft wurden andere Lernstrategien vereinbart. Sie wurde
auch darauf hingewiesen, im Einzelfall genau zu unterscheiden, ob sie wirklich
immer wegen des Interesses am jeweiligen Gegenstand so viel lernt oder ob gute
Noten eine übermäßige Bedeutung zur Sicherung ihres Selbstwertgefühls erlangen.
So wie
Sabine durch ihren hohen Lerneinsatz den schulischen Erfolg sicherstellen will,
möchte sie auch ihren Körper nach ihren Vorstellungen formen. Sie isst kein
Gramm zuviel, um ihre gute Figur zu erhalten, und genießt jede Form von
sportlicher Betätigung, wo sie das Gefühl der Kontrolle über ihren Körper
erlebt. Als gute Sportlerin begann sie aus Angst vor Panikattacken allerdings zunehmend
eine Schonhaltung einzunehmen, in der Hoffnung, dadurch die gefürchteten
körperlichen Symptome verhindern zu können.
In der
Therapie lernte sie, ihre sportliche Betätigung im früheren Umfang wieder
aufzunehmen. Sie erfuhr, dass ein positives Körpergefühl durch Sport ein
wichtiges Gegengewicht zu den angstbesetzten körperlichen Vorgängen während
einer Panikattacke darstellt.
Sie
lernte, durch Hyperventilationsübungen und Vorstellungsübungen panikähnliche
Zustände gezielt zu provozieren, auszuhalten und sich in ihrer Haut wieder wohl
zu fühlen. Sie erfuhr, dass eine Panikattacke durch völlig passives Zulassen
schneller überwunden werden kann als durch den anstrengenden Kampf dagegen, der
immer wieder einen neuen Adrenalinstoß auslöst. Für den Fall einer massiven
Panikattacke wurden bestimmte Atem- und Bewegungsübungen trainiert, um eine
solche rascher abfangen zu können.
Die
Entwicklung der Panikstörung erfolgte auf dem Hintergrund einer mehrmonatigen
spannungsgeladenen Beziehung zwischen Sabine und ihrem Freund. Sie ahnte, dass
die Beziehung ihrem Ende nahe war, wollte dies aber nicht wahr haben. Letztlich
waren es wohl diese Verlustängste, die Sabine buchstäblich den Boden unter den
Füßen weggezogen hatten. Sie lernte, die nicht mehr passende Beziehung zu
beenden und fühlte sich auf einmal so frei wie schon lange nicht mehr. Eine Behandlung
der beginnenden Platzangst war nicht erforderlich.
Panikattacken erkennen
Eine Panikattacke ist eine 5-30 Minuten dauernde Phase von
intensiver Angst oder Unbehagen. Sie beginnt plötzlich und unerwartet, erreicht
innerhalb von wenigen Minuten den Höhepunkt und besteht aus mindestens 4 von 14
gleichzeitig auftretenden Angstsymptomen:
1.
Herzrasen
2.
Schweißausbrüche
3.
Zittern
4.
Mundtrockenheit
5.
Atembeschwerden
6.
Beklemmungsgefühl
7.
Schmerzen oder Missempfindungen in der
Brust
8.
Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden
9.
Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder
Benommenheit
10.
Entfremdungsgefühle (Depersonalisation)
oder Unwirklichkeitsgefühle (Derealisation)
11.
Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu
werden oder „auszuflippen“
12.
Angst zu sterben
13.
Hitzegefühle oder Kälteschauer
14.
Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle
Die Todesangst und die Angst, die Kontrolle zu verlieren
oder verrückt zu werden, sind häufige psychische Reaktionsweisen auf die
bedrohlichen körperlichen Symptome und Angst machenden Erfahrungen der
Entfremdung und Unwirklichkeit. Kontrollverlustängste zeigen sich oft auch in
der Angst, sich oder jemand anderem etwas anzutun, was gewöhnlich völlig unbegründet
ist.
Man kann bei einer Panikattacke weder sterben noch verrückt werden. Es tritt keine Schädigung der Gesundheit auf. Es handelt sich einfach „nur“ um einen heftigen Adrenalinstoß, der den Körper durchflutet.
Du kannst darauf vertrauen, dass dein Geist während und nach einer Panikattacke ganz normal bleibt und entsprechende Ängste völlig unbegründet sind. Du wirst auch dann nicht geisteskrank, wenn du trotz besseren Wissens öfters glaubst, dass vielleicht doch etwas mit deinem Verstand nicht in Ordnung ist. Eine schwere psychische Erkrankung wie Schizophrenie ist etwas völlig anderes als das Gefühl des Kontrollverlusts und des „Nervenzusammenbruchs“ bei einer Panikattacke.
Eine Panikstörung besteht aus wiederholten Panikattacken oder aus wenigen Panikattacken, die zu ständiger Angst davor geführt haben. Panikattacken gelten als die „Angst aus heiterem Himmel“, weil bei oberflächlicher Betrachtung keine Auslöser erkennbar sind.
Zu einer Panikstörung gehören spontane und unerwartete Panikattacken. Es gibt aber auch situationsbezogene Panikattacken bei spezifischen oder sozialen Phobien.
Rund 15% der Bevölkerung machen im Laufe ihres Lebens die
Erfahrung einzelner Panikattacken. Nach einer umfangreichen Untersuchung in
Bayern tritt bereits bei 3,5% der 14-24jährigen eine Panikstörung auf, was
früher oft unterschätzt wurde. Laut einer neuen Befragung von über 1000
14-17jährigen in Bremen haben 18% der Jugendlichen schon einmal eine
Panikattacke erlebt.
Bei Jugendlichen beginnt eine Panikstörung zumeist kurz nach der Pubertät. Das Erscheinungsbild ist der Symptomatik bei Erwachsenen sehr ähnlich.
Medikamente
sind bei einer leichten Panikstörung und einer speziellen Psychotherapie (z.B.
Verhaltenstherapie) unnötig, hilfreich dagegen bei einer schweren Panikstörung
in Verbindung mit einer Erschöpfungsdepression.
In den USA diagnostiziert man zwei weitere panikartige
Ängste:
l
Substanzbedingte Angststörung. Die Panikattacken sind
verursacht durch Alkohol, Beruhigungsmittel, Drogen, Kaffee oder
Medikamentennebenwirkungen.
l
Angststörung mit einem medizinischen Krankheitsfaktor. Die Panikattacken
sind durch körperliche Faktoren bewirkt, z.B. Herz-Kreislauf-Störungen, Asthma,
Allergien, Schilddrüsenüberfunktion, andere Hormonstörungen.
Wie Panikattacken entstehen
Die
erste Panikattacke entsteht gewöhnlich im Rahmen einer Kombination von zwei
Arten von Stressfaktoren:
1.
Körperliche Belastungen: schwüles oder heißes Wetter,
Blutdruckabfall, Blutzuckerabfall, Allergie, Genesungsphase nach einer
Krankheit (z.B. plötzliches Aufstehen nach einer Grippe), körperliche
Aktivierung nach längerer Inaktivität, Schlafmangel, Schwangerschaft, Geburt,
Zustand einige Tage vor der Menstruation, zuviel Kaffee, Zigaretten, Alkohol
oder Drogen, Nebenwirkungen von Medikamenten.
2.
Psychische und soziale Belastungen:
unerwarteter Todesfall, schwere Erkrankung eines Angehörigen (Herzinfarkt,
Krebs), akute familiäre oder berufliche Konflikte, massiver beruflicher Stress,
Trennungserlebnisse, Kündigung, materielle Sorgen, Zustand nach körperlicher
oder sexueller Gewalt.
Die erste Panikattacke ereignet sich meistens an einem
öffentlichen Ort oder außerhalb von zu Hause bei einer ganz normalen
Betätigung. Der entsprechende Ort (z.B. Bus, Geschäft, Lokal, Kino, Wartesaal,
Arbeitsstelle, Klassenzimmer) wird daraufhin fluchtartig verlassen und
zukünftig oft angstvoll gemieden.
Panikattacken treten häufig auch in Ruhe (z.B. im Sitzen,
Liegen, Schlafen) sowie in Urlaubssituationen auf. Aus Mangel an
Erklärungsmöglichkeiten werden Angstanfälle gerade in diesen Situationen
besonders gefürchtet. Häufig hängt dies mit einem plötzlichen Spannungsabfall
nach einer langen Anspannung sowie mit „Was wäre, wenn ...“-Gedanken zusammen.
Eine zu rasche und zu flache Atmung (Hyperventilation) aus
Angst, Ärger oder Wut ohne gleichzeitige Bewegung kann zu zahlreichen Symptomen
führen und das körperliche Unwohlsein verstärken.
Die erste Panikattacke stellt meist ein so intensives und bedrohliches
Erlebnis dar, dass aufgrund der Erwartungsangst bezüglich weiterer Attacken ein
umfangreiches Vermeidungsverhalten einsetzt. Bestimmte Orte oder Situationen
werden einfach nicht mehr aufgesucht. Es entwickelt sich eine Panikstörung mit
Platzangst.
Menschen
mit Panikattacken haben das Vertrauen in ihren Körper verloren und fürchten
sich vor Herzinfarkt, Ohnmacht oder Verrücktwerden. Sie zeigen seit dem ersten
Anfall ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis bei allen Unternehmungen und möchten
das kleinste Risiko eines Panikanfalls ausschalten. Aus falscher Schonhaltung
schränken die Betroffenen, die früher häufig sehr sportlich waren, körperliche
Aktivitäten ein. Die fehlende Kondition begünstigt im Laufe der Zeit erst recht
jene Symptome, die man vermeiden wollte.
Körperliche
Aktivitäten oder ein individuell angemessener Leistungssport sollten wegen
Panikattacken keinesfalls aufgegeben werden, weil dies die Symptome sogar
verschlechtern kann. Bei erkrankten Spitzensportlern ohne Bewegungsmöglichkeit
tritt nicht selten ein sog. „Sportentzugssyndrom“ auf.
Durch Panikattacken werden oft - wie nach einem mit viel Glück überlebten Unfall - zentrale Fragen und Ängste angesprochen (Sinn des Lebens, Tod als Ende oder Beginn einer anderen Existenzform u.a.). Es ist gut, die nötigen Einstellungs- und Verhaltensänderungen vorzunehmen, es ist jedoch schlecht, in einer ständigen Phase des Nachdenkens ohne Handeln zu verweilen.
Panikattacken können auch situationsbezogen auftreten (z.B.
bei Phobien). Diese Form kommt bei Kindern und Jugendlichen relativ häufig vor,
und zwar bei Kindern in Zusammenhang mit Trennungsängsten von der Hauptbezugsperson
und bei Jugendlichen im Rahmen massiver sozialer Ängste.
Wenn Panikattacken das Leben dominieren
Eine unbewältigte Panikstörung kann zu folgenden Zuständen führen:
l
Ständige Erwartungsängste („Angst vor der Angst“). Es entwickelt sich
eine Angst vor neuerlichen Panikattacken, auch wenn die Betroffenen wissen,
dass sie körperlich gesund sind.
l
Häufige medizinische Durchuntersuchungen aus Angst vor einer
übersehenen körperlichen Ursache. Eine einmalige Durchuntersuchung
zum Ausschluss organischer Ursachen ist vor Beginn einer Psychotherapie
dringend anzuraten.
l
Lange Krankenstandszeiten oder Fehlzeiten in der Schule, weil die
Betroffenen mit ihren Panikattacken nicht umgehen können. Im Extremfall kann
eine Schul- oder Berufsunfähigkeit eintreten.
l
Übermäßige Schonhaltung aus Angst, die Symptome nicht zu provozieren,
und ständige hypochondrische Selbstbeobachtung in der Hoffnung, die
gefürchteten Symptome irgendwie verhindern zu können.
l
Depressive Erschöpfung und Entmutigung als Folge der unkontrollierbar
erscheinenden Panikattacken. Depressive Zustände vermindern wiederum die Kraft
zur Bewältigung von Panikattacken.
l
Missbrauch von Alkohol oder abhängig machenden Beruhigungsmitteln
(Tranquilizer), um mit den Erwartungsängsten besser zurecht zu kommen.
l
Einschränkung der Bewegungsfreiheit (Platzangst). Die Betroffenen
vermeiden immer mehr Situationen, die eine Panikattacke auslösen könnten.
l
Angst vor dem Alleinsein. Im Extremfall können die Betroffenen nicht
mehr allein sein, weil sie sich den Symptomen hilflos ausgeliefert fühlen.
l
Abhängigkeit von einer Vielfalt von Helfern. Vorher selbstbewusste und
lebenstüchtige Menschen verhalten sich plötzlich wie Behinderte oder furchtsame
kleine Kinder. Die Nähe oder sofortige Erreichbarkeit von Helfern (Ärzte,
Krankenhäuser, Psychotherapeuten, Verwandte, Bekannte) wirkt angstlindernd.
l
Beeinträchtigung der sozialen Funktionsfähigkeit. Menschen mit einer
Panikstörung weisen im Vergleich zu anderen Angstpatienten die meisten sozialen
Beeinträchtigungen auf. Diese sind um so größer, je depressiver die Betroffenen
gleichzeitig sind.
Panikattacken bewältigen
Als Therapieziel gilt der bessere Umgang mit Panikattacken,
so dass die belastenden Erwartungsängste geringer werden. Ein sicheres
Ausbleiben der gefürchteten Panikattacken kann ich dir nicht garantieren, falls
du davon betroffen bist. Kannst du mit diesem Ziel zufrieden sein? Wenn nicht,
dann zeigt dein Bedürfnis nach 100%iger Garantie, d.h. der Ausschluss jeden Restrisikos,
dass du
l
vermutlich starke Todesängste hast,
l
durch die Paniksymptome auf keinen Fall sozial
auffällig werden möchtest,
l
perfektionistische Tendenzen aufweist, immer alles
fest im Griff zu haben.
Es gibt zwei Hauptursachen für Panikattacken, die für eine
dauerhafte Bewältigung berücksichtigt werden müssen:
1.
Die Ursachen für die erste Panikattacke, die in
bestimmten körperlichen, psychischen und sozialen Stressfaktoren bestehen.
2.
Die Angst vor weiteren Panikattacken
(Erwartungsangst).
Die Ratschläge für eine erfolgreiche Selbstbehandlung
beziehen sich auf die beiden Hauptursachen von Panikattacken und lauten
folgendermaßen:
1.
Ursachenanalyse. Finde die für deine
Lebenssituation zutreffenden Ursachen und Auslöser der ersten Panikattacke heraus.
Zum Verständnis der Zusammenhänge solltest du beachten, was die tieferen
Ursachen sind (z.B. schulische oder berufliche Überforderung, familiäre
Konflikte, Partnerkonflikt, Angst vor Ablehnung durch die Klassengemeinschaft,
Verlustangst, Todesfall) und was die aktuellen Auslöser sind, die angesichts
der Schwere der sich ergebenden Störung eigentlich recht harmlos wirken (z.B.
schwüles Wetter, bevorstehende Prüfung, zuviel Alkoholkonsum, Kreislaufprobleme
nach krankheitsbedingter Liegephase).
2.
Bewältigung der Erwartungsängste.
Analysiere die Art und Weise, wie du von der Erfahrung der ersten unerwarteten
Panikattacke zu ständigen Erwartungsängsten bezüglich weiterer Panikattacken
gelangt bist. Welche Gedanken haben deine Erwartungsängste verstärkt? Was genau
fürchtest du bei einer Panikattacke, obwohl du sie schon erlebt und überlebt
hast? Neben einem ausreichenden Wissen über die Symptomatik und die Ursachen
von Panikattacken besteht der Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie bzw.
Selbstbehandlung im Vorsatz, auf jeden Kampf gegen das Auftreten von Panikattacken
zu verzichten. Denn Erwartungsängste schaukeln nur den Teufelskreis der Angst
auf und bergen die Gefahr weiterer Panikattacken in sich.
Erwartungsängste bleiben oft trotz längeren Fehlens
neuerlicher Panikattacken bestehen. Die Betroffenen haben das Gefühl, bei einer
Panikattacke nur knapp einer Katastrophe entkommen zu sein, die bei einer
weiteren Panikattacke tatsächlich eintreten könnte. Das ängstliche
Vermeidungsverhalten hält die Erwartungsangst aufrecht, weil es mangels neuer
Erfahrungen nicht als unberechtigt erkannt wird.
Die einfachste Form der Überwindung der Angst vor der Angst besteht in
der gezielten Provokation von Panikattacken. Es handelt sich dabei um die
Technik der sog. „paradoxen Intention“, wo die gefürchteten Zustände absichtlich
hervorgerufen werden (was dann oft gar nicht so leicht gelingt).
Verzichte bewusst auf alle Vermeidungsstrategien und
Angstlinderungsmethoden und konfrontiere dich mit Orten, Situationen,
Vorstellungen und Gefühlen, die bei dir eine Panikattacke auslösen könnten:
l
Vergegenwärtige dir möglichst plastisch die letzte
bzw. ärgste Panikattacke bis zum Ende.
l
Stelle dir möglichst lebendig die nächste
Panikattacke mit jenen Zuständen vor, die du am meisten fürchtest.
l
Suche absichtlich Orte und Situationen auf, die du
bisher aus Angst vor einer Panikattacke gefürchtet hast.
l
Lass Gefühle wie Ärger, Wut oder Traurigkeit zu, die
dich in körperliche Erregung versetzen können.
l
Überprüfe, wenn du körperlich gesund bist, ob bei
dir panikartige Zustände durch Hyperventilation herstellbar sind (schnelles und
flaches Atmen über einen Zeitraum von 2-3 Minuten).
l
Setze, wenn du körperlich gesund bist, Aktivitäten,
die dein Herz zum Rasen bringen, um mit der Angst vor Panikattacken besser
umgehen zu lernen.
Psychologische Experimente zeigen eindrucksvoll auf, wie durch Unterdrückung unerwünschter Gedanken und Gefühle (Angst- und Zwangsgedanken, Erinnerungen an schmerzvolle Erfahrungen, depressive Gedanken und Stimmungen, impulshaftes Verlangen nach Suchtmitteln usw.) die innere Unruhe noch stärker statt schwächer wird.
Das Geheimnis der mentalen Kontrolle besteht im Verzicht
auf die ständigen, letztlich unwirksamen Unterdrückungsversuche unliebsamer
Vorstellungen und Empfindungen zugunsten des mentalen und emotionalen
Einlassens auf die unerwünschten Inhalte.
Der relativ kurze, wenngleich intensive Aufwand für die
Auseinandersetzung mit den gefürchteten „Was wäre,
wenn ...“-Gedanken steht in keinem Verhältnis zu den ständigen
Unterdrückungsversuchen, die sehr viel Energie kosten.
PLATZANGST
- DIE ANGST, KEINEN FLUCHTWEG ZU HABEN
Maria - Die Angst
vor der Selbständigkeit
Maria
besuchte zum Zeitpunkt der Therapie die 8. Klasse einer AHS. Wegen ständiger
Streitereien der Eltern, die sie nicht ertragen konnte, zog sie bereits mit 15
Jahren von zu Hause in eine kleine Wohnung, die ihr der Vater, an dem sie sehr
hing, finanzierte. Die Lösung der familiären Probleme durch den Auszug stellte
sich jedoch bald selbst als großes Problem heraus. Maria konnte das Alleinsein
schwer ertragen, da halfen auch die täglichen langen Telefonate mit dem Vater
nichts. Sie bekam Panikattacken, die trotz psychotherapeutischer
Hilfestellungen nicht den gewünschten Erfolg erbrachten. Aus Angst vor einer
Panikattacke konnte sie immer weniger allein unternehmen.
In der Maturaklasse entschloss sie sich, ihre Platzangst
mit Hilfe einer Verhaltenstherapie bewältigen zu lernen, um im nächsten Jahr
problemlos in Wien studieren zu können. Sie kam zur ersten Therapiestunde bei
mir in Begleitung ihres Freundes. Trotz des Angebots eines gemeinsamen Gespräches
wurde von beiden keine gemeinsame Therapie gewünscht. Der Freund sollte sie
immer nur zu den Therapiestunden begleiten, weil die Fahrt mit öffentlichen
Verkehrsmitteln in Linz für sie undenkbar war. Maria wollte eine Hilfestellung,
jedoch keine lange Psychotherapie, weil sie in ihren jungen Jahren bereits lange
genug in Therapie gewesen sei. Gleichzeitig glaubte sie jedoch, dass man ihre
Probleme nur durch eine lange Psychoanalyse lösen könne.
Angesichts dieses Dilemmas entschloss ich mich zu einem
gewagten Versuch. Ich erklärte Maria, dass ich ein Geheimnis von ihr wüsste,
das nicht einmal ihrem Freund bekannt sei. Maria war sehr verwundert und wollte
es wissen. Ich sagte ihr, dass ich es ihr erst in der zweiten Therapiestunde mitteilen
könne, wenn sie dazu allein, ohne Freund, komme.
Maria verwies darauf, dass sie nicht allein mit der
Straßenbahn und dem Bus unterwegs sein könne und daher in diesem Fall nicht zur
Therapiestunde erscheinen könne. Ich bestand auf meinem Vorgehen. Maria war
derart neugierig, dass sie zur nächsten Stunde tatsächlich allein kam. Sie war
stolz auf sich und meinte, dass es wohl das Geheimnis sei, man müsse sich nur
anstrengen, dann könne man auch die größten Ängste überwinden. Ich gab ihr
recht, sagte ihr aber, dass dies nicht das gemeinte das Geheimnis sei. Ich
fragte sie, ob sie bereit sei, ihre Handtasche auf der Stelle umzudrehen und zu
öffnen, so dass alles herausfalle, was drinnen sei.
Maria wollte dies anfangs nicht tun, war dann aber doch
dazu bereit. Auf dem Tisch lagen neben den üblichen Gegenständen
Tablettenpackungen mit insgesamt 136 Stück von 8 verschiedenen Sorten
(überwiegend Beruhigungsmittel). Das war also das Geheimnis: so viele Tabletten
benötigte sie, um ohne ihren Freund zu mir zu kommen, das heißt, sie konnte in
bestimmten Situationen ihren Freund durch Medikamente ersetzen.
Ich ersuchte sie, bis zum nächsten Mal nur so viele
Medikamente nach Hause mitzunehmen, wie sie benötigte. Sie nahm 40 Stück von 4
verschiedenen Sorten mit. Und dies, obwohl sie aus Angst vor Abhängigkeit keine
Beruhigungsmittel einnahm!
Maria hatte wegen der familiären Spannungen einen zu frühen
Versuch unternommen, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie ersetzte jedoch nur die
Abhängigkeit vom Vater durch eine zunehmende Abhängigkeit vom Freund. Ihre
Angst vor dem Verlust der Geborgenheit hatte sie unbewusst auf sehr
problematische Weise durch die Entwicklung einer Platzangst zu lösen versucht.
Wenn der Freund wegen ihrer agoraphobischen Ängste stets an ihrer Seite war,
brauchte sie seinen Verlust nicht zu fürchten.
Maria benötigte weder eine verhaltenstherapeutisch
orientierte Konfrontationstherapie noch eine lange Psychoanalyse. Sie
entschloss sich, als junge Frau ein selbständiges Leben zu führen, um nicht von
einem Mann so abhängig zu werden, wie dies bei ihrer Mutter der Fall war.
Platzangst kann als die Angst vor der Freiheit
und vor der Selbständigkeit verstanden werden. Durch das zunehmende
Selbstvertrauen lernte Maria eine Beziehung ohne Abhängigkeit einzugehen.
Das Wesen der
Platzangst
Bei Platzangst - von den Fachleuten als „Agoraphobie“ bezeichnet - werden bestimmte Orte und
Situationen gefürchtet, zu vermeiden versucht oder nur unter großer Anspannung
ertragen. Es handelt sich dabei vor allem um Menschenmengen, öffentliche
Plätze, Reisen ohne Begleitung und Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause.
Platzangst umfasst nicht nur alle Ängste vor offenen Plätzen, sondern auch alle Ängste vor öffentlichen Orten, Situationen und Menschenansammlungen, wo beim plötzlichen Auftreten einer Panikattacke oder ähnlichen, milderen Symptomen (Schwindel, Ohnmachtsangst, Herzrasen, Schwitzen, Verlust der Blasen-/Darmkontrolle usw.) eine Flucht schwierig oder peinlich wäre oder aber keine Hilfe verfügbar wäre. Platzangst kann mit oder ohne Panikstörung auftreten.
Eine Platzangst besteht aus Ängsten, die dann auftreten,
wenn man die gewohnte oder schützende Umgebung verlässt (eigene Wohnung,
bekannte und sichere Gegend, Zusammensein mit Personen des besonderen
Vertrauens).
Als wichtigste Auslöser für eine Platzangst gelten die
Entfernung von „sicheren“ Orten und das Fehlen eines Fluchtwegs. Es besteht ein
subjektives Gefühl der Einengung der Bewegungsfreiheit („in der Falle sitzen“)
sowie eine starke Angst, anderen Menschen ausgeliefert zu sein.
Besonders Angst machend ist die Vorstellung, die Kontrolle
über sich und die Körperreaktionen zu verlieren, in der Öffentlichkeit
umzufallen oder „durchzudrehen und verrückt zu werden“.
Die Betroffenen leiden unter ihrem Vermeidungsverhalten und
den Angstsymptomen. Sie wissen, dass ihr Verhalten übertrieben oder
unvernünftig ist, denken jedoch angesichts der gefürchteten Situationen ständig
daran, wie sie diese möglichst vermeiden oder zumindest rechtzeitig verlassen
können.
Die frühere Unterscheidung zwischen der Angst vor offenen
Plätzen (Agoraphobie) und der Angst vor geschlossenen Räumen (Klaustrophobie)
ist als überholt anzusehen. Derartigen Ängsten ist gemeinsam, dass bestimmte
Situationen gemieden werden, wenn kein Fluchtweg in Aussicht ist. Manche
Menschen mit Platzangst erleben aktuell wenig Angst, weil es ihnen gelingt, den
gefürchteten Situationen auszuweichen.
Das ausgeprägte Vermeidungsverhalten führt oft zu einem
totalen Rückzug in die eigene Wohnung und damit zur sozialen Isolierung. Doch
auch zu Hause kann das Gefühl der Sicherheit verloren gehen, wenn keine
vertraute Person anwesend ist.
Gemieden oder nur mit Unbehagen ertragen werden folgende Situationen, vor allem wenn diese ohne beschützende Begleitperson aufgesucht werden:
l
Aufenthalt im Freien unter vielen Menschen oder an Orten mit fehlender
Fluchtmöglichkeit.
l
Außerhäusliche Aktivitäten jeder Art, insbesondere berufliche oder
private Reisen.
l
Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder des eigenen Autos, besonders
über längere Strecken.
l
Aufenthalt in öffentlichen bzw. halböffentlichen Räumen, besonders wenn
diese überfüllt sind: Geschäft, Kirche, Kino, Gaststätte, Café, Amtsräume,
Schulgebäude, Krankenhaus, Wartezimmer bei Ärzten, Friseursalon, Sauna, Hallen-
oder Freiluftbad, Teilnahme bei Feiern, Veranstaltungen.
l
Aufenthalt in engen, hohen, geschlossenen oder dunklen Räumen: Lift,
Raum ohne Fenster, Toilette, Diskothek, Turnsaal, Kellergang, Tunnel, Höhle,
Passage, Hochhausraum, Kirchturm, Fernsehturm.
l
Treffen mit anderen Leuten unter „unsicheren“ Bedingungen.
Viele Menschen
mit Platzangst können zahlreiche der genannten Situationen aufsuchen, wenn sie
dies plötzlich und vorher nicht lange geplant tun müssen. Wenn die betreffenden
Aktivitäten jedoch bereits seit Tagen feststehen, werden die Erwartungsängste
oft derart groß, dass eine Bewältigung unmöglich wird.
Die
Erwartungsangst ist meistens viel schwerer zu bewältigen als das tatsächliche
Ereignis, das dann durchaus als angenehm erlebt werden kann. Diese Erfahrung
verhindert jedoch nicht, dass die Betroffenen vor der nächsten ähnlichen
Situation wiederum beunruhigt und besorgt sind.
Menschen mit Platzangst wenden eine Fülle von Tricks an,
die der Umwelt gar nicht auffallen, um das Leben bewältigen zu können. Auf
diese Weise können die Betroffenen ihre Beeinträchtigung oft jahrelang
verbergen.
Sicherheit gibt die Anwesenheit oder telefonische
Erreichbarkeit anderer Personen (Partner, Eltern, Bekannte). Angstmindernd wirkt auch die Mitnahme eines
Beruhigungsmittels oder eines Handys, das durch die ständige Kontaktmöglichkeit
mit Angehörigen oder Ärzten beruhigend wirkt.
Menschen mit Platzangst haben oft Angst, beim Gehen
umzufallen. Sie fühlen sich schwindlig und unsicher auf den Beinen, der Boden
scheint zu wanken und nicht ausreichend stabil zu sein. Sie haben den Eindruck,
auf Wolle zu gehen oder zu schweben, ohne sichere Bodenhaftung. Viele Betroffene
haben die Befürchtung, nach dem Umfallen hilflos auf dem Boden liegen bleiben
zu müssen, nicht selbst aufstehen zu können und auf die Hilfe anderer
angewiesen zu sein. Sie befinden sich häufig in einem Dilemma: einerseits leben
sie in starker Abhängigkeit von anderen, andererseits fürchten sie nichts so
sehr wie gerade dies.
Ohne
Vorliegen einer Erschöpfungsdepression bringt ein längerer Krankenstand oder
eine vorübergehende Befreiung vom Schulbesuch meist keine Besserung, sondern
häufig sogar eine Verschlechterung der Platzangst, weil die Symptomatik ohne
den Zwang zur Einhaltung eines bestimmten Tagesablaufes erst richtig ausufern
kann. Die scheinbare Erholung im Krankenstand entsteht oft nur durch die
Verminderung der Erwartungsangst vor dem Auftreten der Symptome am Arbeitsplatz
oder in der Schule.
Schüler
sollten rasch wieder am Unterricht teilnehmen, um nicht durch unnötige
Fehlzeiten den Abschluss des Schuljahres zu gefährden.
Was Platzangst und soziale Angst
voneinander unterscheidet
Bei
Platzangst sind oft zwei Arten von Ängsten vorhanden:
1.
Angst vor
Panikattacken oder einer panikähnlichen Symptomatik. Diese Angst führt zur Einschränkung
des Aktionsradius oder zur Abhängigkeit von bestimmten Sicherheitsgarantien
(andere Personen, Medikamente).
2.
Angst vor sozialer Auffälligkeit. Hinter
der Angst vor dem Sichtbarwerden körperlicher Symptome steht oft eine soziale
Ängstlichkeit („Was werden die anderen von mir denken, wenn sie mich während
einer Panikattacke sehen?“). Platzangstpatienten mit sozialen Ängsten fürchten
den „sozialen Tod“, den Verlust des Sozialprestiges als Folge der sozialen
Auffälligkeit. Panikpatienten fürchten dagegen die Beobachtung durch andere
Menschen nur während einer Panikattacke.
Oft ist nur scheinbar eine Platzangst gegeben, tatsächlich sind soziale Ängste vorhanden. Dies dürfte gerade bei Jugendlichen häufig der Fall sein.
Eine Unterscheidung kann relativ zuverlässig erfolgen:
l
Bei einer Platzangst besteht eine Angst vor der Ansammlung von meist
unbekannten Menschen sowie eine Angst, die jeweiligen Situationen nicht
jederzeit rechtzeitig verlassen zu können bzw. keine Hilfe von Fremden bekommen
zu können. Bei sozialen Ängsten sind eher bekannte Menschen der Angst
auslösende Faktor, die als mögliche Kritiker gefürchtet werden. Die Abwesenheit
von Bekannten wirkt auf sozial ängstliche Menschen oft beruhigend, auf Menschen
mit Platzangst dagegen beunruhigend. In einem Lokal sitzen Menschen mit
Platzangst lieber bei der Tür, um jederzeit fliehen zu können, Personen mit
sozialen Ängsten eher versteckt in einer Ecke, um nicht aufzufallen.
l
Bei Platzangst ohne soziale Ängste kreisen die Befürchtungen um das
eigene körperliche und psychische Wohlbefinden (Angst, verrückt zu werden, die
Kontrolle zu verlieren, zu sterben, in Ohnmacht zu fallen), ohne Sorgen um die
Bewertung des Verhaltens durch andere.
l
Bei sozialen Ängsten beziehen sich die Befürchtungen auf die negative
Bewertung des eigenen Handelns oder der eigenen Person durch andere. Bei der
Angst umzufallen kann man über die Frage nach den Konsequenzen des Umfallens
rasch erkennen, ob anstelle der Todesangst eine Sozialphobie im Sinne der Angst
aufzufallen gegeben ist.
l
Platzangst in der Folge einer Panikattacke setzt relativ plötzlich ein,
während sich soziale Ängste und die Vermeidung sozialer Situationen über einen
langen Zeitraum entwickelt haben.
l
Auch die Art der Symptome unterscheidet beide Gruppen. Menschen mit
sozialen Ängsten fürchten eher für andere sichtbare körperliche Symptome wie
Erröten, Schwitzen, Zittern, Weinen und Veränderungen der Stimme, Menschen mit
Platzangst fürchten dagegen bedrohlich erscheinende Symptome wie Herzrasen,
Atembeschwerden, Schwindel, Ohnmacht oder „weiche Knie“.
DER
ANGST BEGEGNEN
Platzangst kann man am besten durch eine Konfrontationstherapie überwinden. Dies ist anfangs sicherlich eine anstrengende Therapie. Man stellt sich dabei allen Angst auslösenden Situationen gezielt nach dem Grundsatz „Angstbewältigung kann nur erfolgen über ein Durcherleben und Aushalten lernen von Angst“. Nichts kann mehr motivieren als der sichtbare Erfolg. Durch die Erfahrung, dass auch die stärkste Angst ausgehalten werden kann und nach einiger Zeit (5-20 Minuten) zurückgeht, erfolgt gleichzeitig auch eine Einstellungsänderung („Ich erlebe, dass ich Angst aushalten kann, daher glaube ich auch zukünftig, dass ich Angst aushalten kann“).
Die Konfrontation mit der Angst kann auf zweifache Weise erfolgen:
1. Gestufte Konfrontation. Dabei lernst du, in kleinen Schritten immer schwierigere Aufgaben zu bewältigen. Auf diese Weise soll bei schreckhaften Personen langsam wieder das Vertrauen zu sich und zur Umwelt aufgebaut werden. Dieses Vorgehen ist vor allem im Rahmen einer Selbstbehandlung angezeigt, weil dadurch eine Überforderung vermieden wird.
2. Massierte Konfrontation (Reizüberflutung). Bei dieser Methode stellst du dich gleich von Beginn an deinen größten Ängsten, und zwar mit der Bereitschaft zu einer Panikattacke. Dieses Vorgehen ist vor allem dann zu empfehlen, wenn du an sich ein mutiger Mensch bist und dich früher nicht in jenen Situationen gefürchtet hast, die für dich heute ein Problem darstellen. Deine Angst vor bestimmten, an sich harmlosen oder aushaltbaren Situationen kommt wahrscheinlich daher, dass du früher einmal bei einer solchen Gelegenheit eine Panikattacke oder eine panikähnliche Symptomatik erlebt hast.
Früher wurde die Behandlung von Phobien - auch von Platzangst - mit Hilfe der Systematischen Desensibilisierung durchgeführt. Dabei erfolgte eine stufenweise Annäherung an die Angst machenden Situationen und Objekte unter Entspannungsbedingungen. Das Auftreten von Angst wurde durch ein langsames, stufenweises Vorgehen sowie durch bestimmte Entspannungstechniken gezielt zu vermeiden versucht. Heute weiß man, dass eine Angstbewältigung über eine Konfrontationstherapie rascher und dauerhafter gelingt.
Einige Ratschläge können
dir bei der Bewältigung von Angstzuständen helfen. Die folgenden Tipps gelten
für Platzangst, spezifische und soziale Phobien:
l
Handle nach dem Spruch des amerikanischen
Psychologen William James: „Tue das, wovor du dich fürchtest, und die Furcht
stirbt einen sicheren Tod“ oder nach dem Ratschlag von Evie
Malcolm: „Sieh der Angst ins Antlitz, und der Tod der Angst ist gewiss.“
l
Wenn du gerne schreibst, beginne mit einem
Angsttagebuch, in das du möglichst oft Eintragungen vornimmst. Beschreibe die
auftretenden Ängste möglichst genau nach Zeit, Ort, Erscheinungsform
(Symptome), Intensität und auftretenden Gedanken. Halte dabei auch fest, wie du
das nächste Mal reagieren könntest.
l
Wenn eine ständig vorhandene Angst ausnahmsweise
einmal ohne besonderes Bemühen verschwunden war, schreibe auf, wie dies
passiert sein könnte. Was kannst du durch diese „Ausnahme von der Regel“
lernen?
l
Führe einen Dialog mit deiner Angst, indem du öfters
einen Brief schreibst nach dem Motto „Meine liebe Angst!“
l
Stelle dir vor, in deinem Inneren gibt es jeweils
einen personifizierten Teil der Stärke und der Angst. Lass diese beiden Teile
miteinander in einen respektvollen Dialog treten.
l
Wenn du gerne zeichnest, male öfters ein Bild „Meine
Angst“ und beobachte, was sich dabei im Laufe der Zeit ändert.
l
Achte von Beginn deines Angstbewältigungstrainings
an darauf, dass du nicht nur gegen deine Ängste kämpfst, sondern auch für deine
Freiheit, tun und lassen zu können, was du willst und was für dich gut ist.
l
Übe nicht nur das Aushalten unangenehmer
Situationen, die auch weniger ängstliche Menschen ungern erleben, sondern setze
Aktivitäten, die du gerne tun möchtest. Dies stärkt deine Durchhaltemotivation.
l
Vergegenwärtige dir, was du früher gerne getan hast,
und male dir in der Phantasie möglichst plastisch aus, wie du jene Situationen
aufsuchen kannst, deren Bewältigung du in der nächsten Zeit erst noch üben
musst.
l
Stelle dich allen Angstsituationen, ohne
auszuweichen. Wenn du Angst machenden Situationen ausweichst, wird deine Angst
verstärkt, dein Selbstvertrauen vermindert, dein Bewegungsspielraum
eingeschränkt und deine Abhängigkeit von Menschen oder Medikamenten erhöht.
l
Verzichte auf das unrealistische Ziel eines
angstfreien Lebens und nimm dir vor, alles trotz deiner Ängste anzugehen, was
dir wichtig erscheint. Warte nicht darauf, bis du keine Angst mehr hast. Ängste
kannst du nur überwinden, indem du dich ihnen stellst.
l
Es gibt kein Geheimrezept für ein angstfreies Leben.
„Angstfrei“ leben kann nur bedeuten, dass du mit den vorhandenen Ängsten gut
zurechtkommst, weil du mutig genug bist, sie auszuhalten, damit sie nicht zu
einer lebensbeeinträchtigenden Größe werden.
l
Der erfolgreiche Beginn der Angstbewältigung setzt
nicht dadurch ein, dass du dir vornimmst, keine Angst mehr zu haben, sondern
dadurch, dass du die Entscheidung triffst, dich den Angst machenden Situationen
zu stellen. Deine Bereitschaft, jede Angstvermeidung aufzugeben, ist der erste
Schritt zur Angstüberwindung. Sage dir: „Ich bin bereit, mich auf meine Angst
einzulassen und die körperlichen Zustände auszuhalten.“
l
Deine Angstgefühle und die damit verbundenen
körperlichen Symptome sind nichts anderes als eine Übersteigerung der normalen
Körperreaktionen bei großem Stress. Vergegenwärtige dir den Mechanismus der
Alarmreaktion und den Zusammenhang zwischen Angst und Stress.
l
Sage dir innerlich immer wieder: „Meine Angst
alarmiert meinen Körper und bewirkt eine vermehrte Adrenalinausschüttung.
Dieser Zustand ist aufgrund meiner großen Angst völlig normal und lässt nach
3-5 Minuten nach, wenn ich mich an die Situation gewöhnt habe. Die späteren Zustände
meines Körpers sind leichter zu ertragen, wenn ich nur die ersten 5 Minuten
durchgehalten habe. Meine Angst und deren körperliche Begleitreaktionen sind
zwar unangenehm, jedoch nicht gefährlich oder gesundheitsschädigend. Es kann
mir wirklich nichts passieren.“
l
Es ist ganz normal, dass die körperlichen Symptome
vorübergehend stärker werden, wenn du dich in Angst machende Situationen
begibst. Im Laufe der Zeit wirst du dich jedoch daran gewöhnen. Deine Angst
bleibt nur dann bestehen, wenn du dich ständig gegen das Aufkommen der Angst
wehrst und infolgedessen deine Stresshormone aktivierst.
l
Halte dir vor Augen, dass du letztlich nicht
bestimmte Situationen fürchtest wie z.B. öffentliche Verkehrsmittel, geschlossene
Räume oder Prüfungssituationen, sondern den Umstand, dass du in diesen
Situationen die Kontrolle über deinen Körper und deinen Verstand verlieren
könntest. Sage dir: „Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren. Doch dies sind
nur meine Gedanken und Gefühle. Tatsächlich wird nichts passieren. Wenn ich die
Angst vor meinem Körper aushalte, dann halte ich auch die Angst vor allen
anderen Dingen aus.“ Dieser Gedanke erleichtert dir das Durchhalten in
Angstsituationen.
l
Wenn du bei Ängsten eine ganz bestimmte körperliche
Symptomatik fürchtest, schließe im Rahmen einer regelmäßigen Übung die Augen,
konzentriere dich genau auf den betreffenden Körperbereich und stelle dir die
entsprechende Symptomatik vor. Vergegenwärtige dir aufgrund der Unterlagen zu
den körperlichen Angstsymptomen, wie diese Vorgänge zustande kommen.
l
Je mehr du dich in Angst machenden Situationen auf
dich selbst verlassen lernst und auf niemand anderen (keinen Angehörigen oder
anderen Helfer) und auch auf nichts anderes (kein Medikament oder anderes
Hilfsmittel), um so schneller wirst du deine Angst in den Griff bekommen.
l
Steigere dich in Angstsituationen nicht unnötig
hinein durch Gedanken wie „Gleich wird mir etwas passieren“, „Gleich falle ich
um“, „Jetzt muss ich sterben“. Deine Angst wird schneller zurückgehen, wenn du
nicht ständig lebhafte Vorstellungsbilder entwickelst, was dir alles passieren
kann. Konzentriere dich nur auf das, was um dich herum und mit deinem Körper
wirklich geschieht, und nicht auf das, was in deiner Vorstellung noch alles
geschehen könnte.
l
Bleibe trotz deiner Angst- und Panikgefühle in der
Realität. Beobachte und beschreibe, was du momentan wirklich erlebst.
Kommentiere die auftretenden körperlichen Vorgänge folgendermaßen: „Ich spüre,
wie mein Herz schlägt, mein Blut in den Kopf steigt, mein Körper etwas zittert,
ein flaues Gefühl im Magen entsteht, leichte Schwindelgefühle auftreten. Ich
weiß, diese Zustände sind ganz normal, so lange ich mich fürchte. Sie werden
erträglicher, wenn ich mich an die Angst machende Situation gewöhnt habe.“
l
Warte in Angstsituationen ab, bis die körperlichen
Angstsymptome von allein abnehmen. Bekämpfe deine Angst nicht, weil dies nur
unnötig viel Kraft kostet. Akzeptiere deine Angst und laufe ihr nicht davon. Sage
dir: „Da bist ja wieder, meine Angst. Ich kenne dich schon und weiß, dass du
mir nichts anhaben kannst“.
l
Eine Panikattacke bei Platzangst oder sozialen
Ängsten ist vergleichbar einer Meereswelle, die einen überflutet. Es ist besser,
mit der Welle mitzuschwimmen, als gegen sie anzuschwimmen. Wenn du deine Angst
unterdrücken oder stoppen willst anstatt sie zu akzeptieren und anzunehmen,
bleibst du unnötig lange angespannt. Der ständige Kampf gegen die Angst kostet
enorm viel Kraft und führt zu chronischer Erschöpfung. Lass deine Angst zu wie
deine Tränen in Phasen der Trauer.
l
Wenn deine Angst bei einer Konfrontation mit den
gefürchteten Situationen oder Objekten nach spätestens einer halben Stunde
nicht abklingt, ist dies oft dadurch bedingt, dass du gegen das Auftreten einer
Panikattacke ständig aktiv ankämpfst. Die Angst vor der Angst löst nur einen
neuerlichen unnötigen Adrenalinstoß aus.
l
Eine Konfrontationstherapie ist dann am wirksamsten,
wenn du bewusst gerade jene Situationen aufsuchst, die eine Panikattacke
auslösen könnten. Dein unerschrockenes Verhalten wird dir zeigen, dass es gar
nicht so leicht ist, eine Panikattacke zu provozieren, wenn du bereit bist,
diese voll zuzulassen.
l
Verzichte in Angstsituationen auf jede
Fluchtmöglichkeit und bestärke dich darin immer wieder („Ich halte durch, was
auch immer passiert!“), denn jeder Fluchtgedanke („Nichts wie weg!“) führt zu
einer unnötigen körperlichen Aktivierung.
l
Wenn die Angst in einer bestimmten Situation einmal
fast unerträglich stark wird, kannst du eine Atemtechnik einsetzen. Atme bei
geschlossenem Mund tief durch die Nase ein und anschließend durch den Mund bei
leicht geschlossenen Lippen möglichst lange aus, wie wenn du einen Löffel mit
heißer Suppe kühlen würdest. Nach dem Ausatmen kannst du noch den Atem
anhalten, bis der Einatmungsreflex von alleine einsetzt und du durch die Nase
einatmest. Die Ausatmungsphase sollte 2-3 mal so lang sein wie die
Einatmungsphase. Die Verlangsamung der Atmung verlangsamt auch deinen
Herzschlag, die verlängerte Ausatmungsphase entspannt deine Muskulatur.
l
Bestimmte Bewegungsübungen erleichtern den Abbau der
vorhandenen Verspannung. Schüttle Arme und Beine fest aus, während du
ausatmest. Stelle dich mit erhobenen Armen hin, beuge dann deinen Körper,
während Du mit ausgestreckten Händen den Boden berührst und dabei ausatmest.
l
Verlass Angst machende Situationen erst dann, wenn
deine Angst auf ein erträgliches Ausmaß abgesunken ist. Verwende dazu ein subjektives
„Angstthermometer“ mit einer Skala von 0-10, wobei 10 das größte Angstausmaß
darstellt. Für eine erfolgreiche Angstreduktion reicht es aus, wenn deine Angst
von 7-8 auf 3-4 zurückgeht.
l
Bei der Veränderung von Gewohnheiten brauchen deine
Gefühle und körperlichen Zustände einige Zeit, deinen geänderten Einstellungen
zu folgen. Es ist daher ganz normal, dass du dich in bestimmten Situationen,
aus denen du früher angstvoll geflohen bist, eine Zeitlang noch etwas unwohl
fühlst.
l
Lobe dich und belohne dich dafür, wenn du einige
Fortschritte gemacht hast. Schließlich ist das Erreichte für dich nicht
selbstverständlich. Wage dann mutig den nächsten Schritt, indem du dich einer
weiteren, größeren Angstsituation stellst.
l
Lass dich am besten täglich auf eine Konfrontation
mit der Angst ein, indem du dich in angstbesetzte Situationen begibst und so
lange darin bleibst, bis deine Angst abnimmt oder überhaupt verschwindet.
l
Übe schwierigere Situationen zuerst zusammen mit
einem Angehörigen oder einer Vertrauensperson. Betrachte jede aufgesuchte
Situation jedoch erst dann als bewältigt, wenn du sie auch allein durchstehen
kannst.
l
Wiederhole die einzelnen Übungen regelmäßig, um
deine Erfolge zu sichern, und steigere bei Bedarf den Schwierigkeitsgrad.
Rechne damit, dass du gute und schlechte Tage haben wirst und dir die Übungen
einmal leichter und einmal schwerer fallen werden.
l
Übe auch an „schlechten Tagen“, dann vielleicht
etwas weniger lang. Stimmungsschwankungen sind normal. Führe dein
Trainingsprogramm unabhängig von deiner Befindlichkeit durch. Du brauchst die
Erfahrung, dass du deine Ängste auch dann bewältigen kannst, wenn diese nach vorübergehender
Besserung in einem Stimmungstief wieder vermehrt auftreten sollten. Für Angstbewältigungsübungen
musst du also nicht topfit sein.
l
Wenn du aus Angst eine Situation verlassen hast,
führe dieselbe Aufgabe möglichst noch am gleichen Tag erfolgreich durch. Auf
diese Weise überwindest du Misserfolgserlebnisse.
l
Entferne dich bei übermäßiger Angst nur ein kleines
Stück vom angstbesetzten Ort. Vermeide jede Flucht, kehre dann wieder in die
Situation zurück, wenn du dich etwas erholt hast.
l
Rechne mit Rückschlägen, ohne dass du dich davor
fürchtest, und nutze diese als Chance, etwas daraus zu lernen. Die stärksten
Rückschläge erfolgen oft in Zusammenhang mit einer Panikattacke. In diesem Fall
solltest du erkennen, dass eine gestufte Angstbewältigung allein unzureichend
ist, weil du dabei nicht lernst, mit starken Ängsten umzugehen, wie diese bei
einer Panikattacke auftreten. Anstelle der Methode „Wasch’ mich, aber mach’
mich nicht nass“ solltest du direkt in das „kalte Wasser“ der Angst springen
und eine massierte Konfrontation mit den gefürchteten Situationen allein oder
mit Hilfe einer vertrauten Person beginnen. Dabei lernst du, deine stärksten
Ängste zu provozieren und zu bewältigen.
l
Nimm vor der Übung keine Beruhigungsmittel und trage
diese während der Übung auch nicht wie einen Talisman bei dir. Verlass dich von
Beginn an auf dich selbst. Du schaffst damit die Voraussetzungen dafür, alle
erreichten Erfolge dir selbst und nicht den Tabletten zuschreiben zu können.
Mental trainieren
wie Sportler
Menschen
mit Ängsten können sich das, was sie fürchten, recht bildhaft vorstellen, nicht
aber die Art und Weise, wie es nach der Angstreaktion gut oder erträglich
weitergehen könnte. Sie beschäftigen sich in der Phantasie oft mit dem
Eintreffen gefährlicher Ereignisse nach dem Motto „Was wäre, wenn ...“ Sie
grübeln ständig, sorgen sich um die Zukunft, malen sich schreckliche Bilder aus
und brechen kurz vor dem Höhepunkt, vor dem negativsten Ereignis, ihre
Phantasien ab, weil sie in Panik geraten. Sie begehen den Fehler, nicht
weiterzudenken und nach Bewältigungsstrategien zu suchen, sondern bleiben bei
der Hilflosigkeit und Ohnmacht stehen.
Die
typischen Katastrophenvorstellungen von ängstlichen Menschen sind negative
Vorstellungsbilder, die durch positive Bewältigungsstrategien ersetzt werden
sollen. Der Gedanke, aus einer gefürchteten Situation am liebsten fliehen zu
wollen, führt zu entsprechender muskulärer Aktivierung.
Das
Durchspielen verschiedener Bewältigungsstrategien soll im Rahmen eines mentalen
Trainings gelernt werden. Der Begriff des mentalen Trainings ist aus dem
Spitzensport gut bekannt. Zahlreiche sportliche Erfolge und wissenschaftliche Untersuchungen
belegen die Wirksamkeit des mentalen Trainings. Durch die revolutionären
Entwicklungen in der Hirnforschung können mittlerweile geistige Vorgänge im
Gehirn (z.B. bildhafte Vorstellungen) auf dem Computerbild festgehalten werden.
„Einbildungen“ haben eine reale Grundlage im Gehirn und führen zu einer
bestimmten Befindlichkeit.
Mentales
Training dient bei Ängsten dazu, durch möglichst bildhafte Vorstellung eine
positive bzw. bewältigbare Lösung Angst machender Situationen durchzuspielen.
Was du dir nicht einmal vorstellen kann, kannst du auch nur schwer tun. Jede
anschauliche Vorstellung einer Bewältigungsreaktion fördert dagegen die
entsprechende Handlungsbereitschaft.
Lass in deiner Vorstellung einen Film ablaufen, der nicht kurz vor bzw. während der größten Angst durch einen „Filmriss“ endet, sondern irgendwie weiterläuft. Stell dir vor, wie es nach der vermeintlichen Katastrophe weitergehen könnte und entwickle mindestens drei Schlussversionen dieses Films.
Positive
Vorstellungen (ein bestimmtes Ruhebild wie z.B. erholsames Liegen am
Meeresstrand) sowie die Vorstellung des Gelingens einer Handlung (lebendige
Vorstellung vom Ziel einer Übung bei Platzangst) bewirken angenehme körperliche
Zustände.
Nach einer Untersuchung zur Behandlung von Prüfungsängsten
mittels Hypnose ist die Konfrontation mit Angst machenden Situationen allein
wenig Erfolg versprechend, entscheidend ist vielmehr das mentale Eintrainieren
von Bewältigungsreaktionen.
Wenn die Angstbewältigung nicht gelingen will
Vielleicht
fragst du dich, wie du es jemals schaffen kannst, alle Ängste los zu werden.
Allein diese Frage zeigt bereits, dass du ein unrealistisch hohes
Anspruchsniveau entwickelt hast. Du hast noch einen langen Lebensweg vor dir
und kannst beherzigen, was in „Momo“ von Michael Ende
ausgedrückt wird:
„Siehst du“, sagte
der Straßenkehrer, „es ist so: Manchmal hat man eine lange Straße vor sich. Man
denkt, die ist so schrecklich lang. Das kann man niemals schaffen. Und dann
fängt man an sich zu eilen. Man eilt sich immer mehr. Jedes Mal wenn man
aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was da vor einem liegt.
Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss
ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch
vor einem. So darf man es nicht machen.“ Er dachte einige Zeit nach, und dann
sagte er: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du?
Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den
nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“
Mangelhafte
oder ausbleibende Übungserfolge bei der Bewältigung von Angstzuständen, insbesondere
wenn diese in bester Absicht und „technisch“ richtiger Weise angestrebt wurden,
sollten Anlass sein, nach den Gründen zu suchen. Beantworte folgende Fragen:
l
Welche Vorteile verlierst du mit dem Ende deiner Ängste?
l
Welche anderen Probleme vermeidest du durch deine Angstzustände?
l
Welche Auswirkungen hätte die Bewältigung deiner Ängste auf dein Leben,
insbesondere auf deine schulische, berufliche und familiäre Situation?
l
Was möchtest du nach Beseitigung deiner Ängste tun, und wie wichtig ist
dir dies?
Deine
Ängste können die Funktion haben, dich vor noch größeren Problemen zu bewahren.
Wirst du die wiedergewonnene Freiheit auf Anhieb tatsächlich nützen können?
Hinter Platzangst oder sozialen Ängsten kann die Angst vor Verantwortung und
Freiheit stehen. Wenn du die Fesseln der Angst abgeworfen hast, kann eventuell
die Bürde der Verantwortung und der Freiheit sowie der Zwang zur Entscheidung
zwischen verschiedenen Lebensmöglichkeiten auf dich warten.
Nach der
Beseitigung der Ängste kannst du vor der Situation stehen,
l
verschiedene Annehmlichkeiten zu verlieren (ständiges Umsorgt werden,
viel Zuwendung und Nachsicht, Unterstützung bei der Arbeit) und vieles wieder
selbst erledigen zu müssen;
l
die Schulausbildung mangels ausreichender Erfolge doch abbrechen zu
müssen, ohne dass du weißt, was du sonst tun sollst;
l
den Arbeitsplatz wegen Unzufriedenheit zu wechseln und dabei das Risiko
einzugehen, dies hinterher zu bereuen;
l
von zu Hause auszuziehen und ein selbständiges Leben zu beginnen oder
weiter unter den Einengungen durch das Elternhaus zu leiden;
l
dich als junge Frau mit gleichen Rechten dem Partner gegenüber
einerseits besser durchsetzen zu können, andererseits aber deswegen Angst haben
zu müssen, seine Liebe zu verlieren.
WECHSELNDE ÄNGSTE - UNKONTROLLIERBARE SORGEN
Peter - Ein Junge
voll Angst vor allem und jedem
Der 17jährige Peter litt von klein auf unter einer Fülle
von Ängsten, die einmal mehr und einmal weniger sein Leben bestimmten. Seine
Mutter war ebenfalls von zahlreichen Ängsten gequält, weshalb der Vater ihr
vorwarf, sie habe ihrem Sohn die Ängste richtig anerzogen. Seine Mutter
fürchtete ständig, er könne krank werden oder verunglücken. Wenn er später als
üblich von der Schule nach Hause kam, rief sie in der Schule an, was los sei.
Wenn er mit Schulkollegen unterwegs war, warnte sie ihn stets vor allen möglichen
Gefahren und erinnerte ihn daran, worauf er achten müsse. Als er in der
Lehrzeit abends fortging, konnte sie nicht
einschlafen, solange er nicht zu Hause war. Als er sich mit 16 Jahren ein Moped
wünschte, fand sie ihn noch zu jung dazu und begründete dies mit Zeitungsberichten
über Unfälle von jugendlichen Mopedfahrern.
Peters Mutter litt unter verschiedenen Krankheitsängsten,
insbesondere unter der Angst vor Brustkrebs, so dass sie sich oft fragte, wer
nach ihrem Tod für Peter und seine kleinere Schwester sorgen würde. Wenn es der
Mutter schlechter ging, fürchtete sich Peter oft ebenso wie sie selbst, dass
sie tatsächlich Krebs bekommen könnte und er einmal ohne Mutter dastehen
könnte. Peters Vater war beruflich oft im Ausland unterwegs, was bei der Mutter
nicht selten Ängste auslöste, er könnte von einer Auslandsreise nicht mehr
lebend zurückkommen, vor allem, wenn er nach Russland reisen musste.
Peter litt im Kindergartenalter unter starken
Trennungsängsten von der Mutter. In der Volksschulzeit äußerten sich seine
Ängste in Form von häufigen Magenbeschwerden. Wegen seiner ängstlichen
Einstellung war er ungeschickt im Turnen, weshalb er sich oft fürchtete,
ausgelacht zu werden, was tatsächlich vorkam. In der Hauptschulzeit war er vor
Prüfungen häufig nervös und konnte schlecht einschlafen. Nach der
Pflichtschulzeit wollte er gerne Elektriker werden, doch seine Mutter riet ihm
wegen der Gefahren im Umgang mit Strom davon ab. Er bekam aufgrund seines guten
Abschlusszeugnisses eine Lehrstelle als Maschinenschlosser, noch dazu in der
Nähe des Elternhauses, was der Mutter sehr recht war.
In der rauen Berufswelt einer reinen Männergesellschaft
bemühte er sich, nicht als Muttersöhnchen zu gelten, doch seine Ängste brachen
direkt oder indirekt in Form von Symptomen immer wieder durch. Er hatte häufig
Angst, etwas falsch zu machen, weil er wegen seiner Ängste und Sorgen tatsächlich
öfters unkonzentriert bei der Arbeit war. Er befürchtete auch, dass er durch
sein Fehlverhalten etwas kaputt machen könnte und seine Eltern dies ersetzen
müssten. Nach der Arbeit konnte er sich schlecht entspannen und fühlte sich oft
müde und erschöpft.
Im ersten Lehrjahr traten während der Berufsschulzeit seine
früheren Magenbeschwerden wieder verstärkt auf. Trotz medizinischer Abklärung
begann er sich vor Magenkrebs zu fürchten. Sein Onkel litt tatsächlich
darunter, so dass er sich alles ganz konkret vorstellen konnte. Er hatte
dasselbe plastische Vorstellungsvermögen wie seine Mutter, weshalb alles nur
Denkbare gleich wie ein Film vor seinen Augen ganz konkret ablief.
Als er von Umsatzrückgängen seiner Firma hörte, fürchtete
er im Gegensatz zu anderen Lehrlingen gleich den Konkurs des Betriebs und bekam
Angst, seine Ausbildung nicht abschließen zu können.
Für einen kurzen Zeitraum hatte er eine Freundin, die ihn
verließ, weil er als junger Mann ständig über seine körperlichen Beschwerden,
Ängste und Sorgen sprach und das Leben nicht unbeschwert genießen konnte.
Im zweiten Lehrjahr nahmen seine körperlichen Beschwerden
kurz vor dem fälligen Besuch der Berufsschule derart zu, dass er eine ärztliche
Bestätigung zur Verschiebung benötigte. Eigentlich hatte er Angst vor
neuerlichen Magenbeschwerden während der Berufsschulzeit. Sein Hausarzt, der
ihn seit Jahren gut kannte, riet ihm, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, weil
weder eine Verschiebung der Berufsschule noch ein Medikament seine Probleme
dauerhaft lösen könnten.
Im Rahmen der Psychotherapie war es notwendig, einerseits
Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Vertrauen in eine positive Zukunft
aufzubauen und zu stärken, andererseits Unsicherheit und Angst besser ertragen
zu lernen. Die erhöhte Angstbereitschaft ließ sich nicht einfach beseitigen,
die positiven Sicht- und Verhaltensweisen konnten jedoch ausgebaut werden, so
dass die Ängstlichkeit ihren lebensbestimmenden
Charakter verlor.
Wenn Ängste und
Sorgen ausufern
Wenn die Anspannungen, Sorgen und Befürchtungen in Bezug
auf alltägliche Ereignisse und Probleme über einen Zeitraum von mindestens
sechs Monaten ausufern, spricht man von einer „generalisierten Angststörung“. „Generalisiert“ drückt aus, dass sich die
übertriebenen und unrealistischen Sorgen auf vielfältige Aspekte des Lebens
beziehen.
Die Betroffenen können ihre Ängste und Sorgen nicht
kontrollieren, obwohl sie diese als unbegründet und belastend erkennen. Es
zeigt sich ein ständig erhöhtes Angstniveau, das in der Regel keine
Panikattacken bewirkt, jedoch mit ständig vorhandenen körperlichen Symptomen
verbunden ist.
Neben den bekannten Angstsymptomen können noch weitere
Symptome auftreten:
l
Muskelverspannung, akute und chronische Schmerzen,
l
Ruhelosigkeit und Unfähigkeit zum Entspannen,
l
Gefühle von Aufgedrehtsein, Nervosität und
psychische Anspannung,
l
Knödelgefühl im Hals oder Schluckbeschwerden,
l
übertriebene Reaktionen auf kleine Überraschungen
oder Erschrecktwerden,
l
Konzentrationsschwierigkeiten, Leeregefühl im Kopf
wegen Sorgen oder Angst,
l
anhaltende Reizbarkeit,
l
Einschlafstörung wegen der ständigen Sorgen.
Das ständige Sorgen und Grübeln stellt den Versuch dar, die
befürchteten Probleme durch Nachdenken zu lösen. Sich zu sorgen, scheint noch
größeres Leid verhindern zu können („Ich muss mich ständig sorgen, sonst
passiert noch etwas Schlimmes“). Die Betroffenen spielen gedanklich alle möglichen
Katastrophen durch, ohne jemals zu Lösungen zu gelangen, wie diese Katastrophen
vermieden werden könnten. Dies erhöht nur die vorhandene Ängstlichkeit.
Die häufigsten Sorgen beziehen sich auf das Wohlbefinden
der Familie, die Schule oder Arbeit, die finanzielle Lage oder die Gesundheit.
Bei Jugendlichen handelt es sich oft um Sorgen bezüglich
der Arbeits- und Schulsituation, während die körperlichen Symptome noch nicht
derart ausgeprägt und vielfältig sind wie bei Erwachsenen.
Menschen mit generalisierten Ängsten und gesunde Personen unterscheiden sich nicht bezüglich der Inhalte, über die sie sich sorgen, wohl aber hinsichtlich der Zeit, die sie mit Sorgen zubringen.
Eine generalisierte Angststörung beginnt im Gegensatz zu einer Panikstörung meist langsam. Die Betroffenen werden wegen der körperlichen Symptome meist nur medikamentös behandelt, vor allem mit Medikamenten für Schlafstörungen und Nervosität. Die Grundkrankheit wird oft übersehen oder mit einer Depression verwechselt. Häufig sind beide Krankheiten vorhanden.
Diese Störung wurde schon 1895 vom Wiener Arzt und Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, unter Einschluss der Panikattacken als „Angstneurose“ bezeichnet und so klar beschrieben, dass seine Definition 100 Jahre lang allgemein verwendet wurde.
Ausufernde Ängste
eindämmen
Eine generalisierte Angststörung ist schwerer veränderbar
als eine Phobie. Dies hängt mit dem Umstand zusammen, dass die Ängste tiefer in
der Persönlichkeit der Betroffenen verankert sind.
Generalisierte Ängste lassen sich nicht einfach durch
Entspannungsübungen, eine Konfrontationstherapie oder den Aufbau selbstsicheren
Verhaltens behandeln. Die zumeist nur im Kopf vorhandenen Angstsituationen, die
mit keinen in der Realität konfrontierbaren Situationen zusammenhängen, erfordern
häufig andere Vorgangsweisen, nämlich eine sog. „kognitive
Therapie“.
Erfolgreiche Veränderungsbemühen beinhalten folgende
Aspekte:
1.
Aufbau von mehr Vertrauen zu sich selbst und zu anderen
als Grundvoraussetzung für den besseren Umgang mit genereller Ängstlichkeit.
2.
Genaue Analyse und Änderung der falschen Denkmuster.
Generalisierte Ängste entstehen durch das ständige Sorgen. Bei Schülern handelt
sich oft um Fragen wie „Habe ich wirklich genug gelernt?“, „Was ist, wenn ich
durchfalle?“, „Was ist, wenn mich in der Klasse keiner mag?“, „Was ist, wenn in
der Familie jemand schwer krank wird?“
3.
Entwicklung positiver Selbstgespräche anstelle der
ständigen negativen Gedanken und Bewertungen. Die negativen Sätze, die man
innerlich ständig zu sich selbst sagt, werden gezielt ersetzt durch glaubhafte
positive Formulierungen, das heißt, es werden die inneren Selbstgespräche in eine
hilfreiche Richtung verändert. An die Stelle von „Das schaffe ich nie“ tritt
z.B. der Satz „Ich habe genug gelernt, also kann ich das auch schaffen.“
4.
Intensiveres gefühlsmäßiges Sich-Einlassen
auf die jeweiligen Angstinhalte. Die Betroffenen fürchten sich oft vor allem
und jedem. Sie weichen auf diese Weise aber auch jedem einzelnen Angstgedanken
aus, indem sie bei stärkerer emotionaler Erregung auf eine andere Sorge umschwenken.
Es erfolgt daher eine intensive Konfrontation mit den einzelnen Sorgen in der
Vorstellung mit dem Ziel, die Angstinhalte ohne Verdrängen „bis zum bitteren
Ende“ mental, emotional und körperlich durchzuerleben.
Die Technik des bildhaften „Zu-Ende-Denkens“ hat einen sog. paradoxen Effekt:
was man absichtlich auslöst, wird nicht mehr als unkontrollierbar erlebt.
5.
Entspannungstechniken zur Verminderung des erhöhten
Anspannungsniveaus. Viele Menschen mit generalisierten Ängsten greifen gerne zu
abhängig machenden Beruhigungsmitteln, vor allem auch, um besser schlafen zu
können. Es ist daher wichtig, dass sich die Betroffenen mit Hilfe verschiedener
Methoden besser entspannen lernen. Die starke muskuläre Verspannung lässt sich
oft gut durch Sport, Massagen oder körperbezogene Techniken abbauen.
WENN
EINE ANGST DAS LEBEN SCHWER MACHT
Die vielen
kleinen Ängste in einer einzigen Schulklasse
Bei einer Diskussion im Religionsunterricht zum Thema
„Wovor ich mich fürchte“ wurden bei den Schülern einer 7. Klasse AHS zahlreiche
Ängste sichtbar.
Maria fürchtet sich täglich vor einem Hund im Garten eines
Hauses, an dem sie auf ihrem Schulweg vorbeigehen muss.
Helga hat Angst vor dem Zahnarzt. Sie hat deshalb schon
zweimal den vereinbarten Termin mit Ausreden verschoben, obwohl sie
Zahnschmerzen hat.
Petra sagte letzten Sommer wegen plötzlicher Flugangst die
Teilnahme am Urlaubsflug der Familie nach Griechenland ab und blieb lieber bei
der Großmutter zu Hause. Sie hatte vorher einen Bericht über einen
Flugzeugabsturz im Fernsehen gesehen, der sie mehr beeinflusste als die
positive Erfahrung von zwei früheren Urlaubsflügen.
Sabine geht lieber zu Fuß in den 6. Stock ihres Wohnhauses,
seit der Lift einmal kurz ausfiel und sie auf Hilfe von außen warten musste.
Angelika fiel beim Anblick von Blut einmal kurz in Ohnmacht
und fürchtet seither Blut, Spritzen, Krankenhäuser und Arztbesuche.
Martin kann aus Angst vor AIDS keine fremden Toiletten
betreten, auch nicht in der Schule, so dass er oft in belastender Weise
ausharren muss, bis er wieder zu Hause ist. Er kann deshalb auch keine weiten
Ausflüge unternehmen.
Auch eine „kleine“
Angst kann große Folgen haben
Einzelne Ängste - von den Fachleuten „spezifische Phobien“ genannt - bestehen aus einer deutlichen Furcht vor
einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation (außer Platzangst oder
soziale Ängste) sowie aus der bewussten Vermeidung solcher Objekte oder
Situationen.
Bei einer starken Phobie zeigen sich oft panikähnliche
Zustände. Die Betroffenen wissen um ihr übertriebenes und unvernünftiges Verhalten,
können es aber dennoch nicht steuern, so dass sie unter diesem Zustand leiden.
Bestimmte spezifische Phobien sind bei vielen Menschen
anzutreffen. Krankheitswertig sind diese Zustände nur dann, wenn man darunter
leidet und verschiedene Lebenseinschränkungen in Kauf nehmen muss. Eine
isolierte Flugphobie kann z.B. die weitere Berufsausübung gefährden.
Es gibt zahlreiche spezifische Phobien, je nach Auslöser.
Der Versuch einer Systematisierung hat zu folgender Einteilung der spezifischen
Phobien geführt:
l
Angst vor Tieren. Es besteht eine Angst vor
Hunden, Spinnen, Schlangen, Bienen usw. Tierphobien beginnen meist im
Kindesalter.
l
Angst vor
Umweltereignissen. Bestimmte Situationen in der Natur wie Höhen, Stürme, Wasser usw.
lösen Ängste aus. Diese Phobie beginnt ebenfalls meist in der Kindheit.
l
Angst vor Blut,
Spritzen oder Verletzungen. Angesichts von Blut, Verletzungen, Spritzen oder medizinischen Behandlungseinrichtungen
treten oft unkontrollierbare Ängste auf, die mitunter eine erforderliche ärztliche
Behandlung verunmöglichen. Charakteristisch ist eine Ohnmachtsneigung als Folge
eines plötzlichen Blutdruckabfalls. Rund 75% der Betroffenen erlebten Ohnmachtsanfälle
in solchen Situationen. Es erfolgt zuerst eine kurze Beschleunigung der
Herzfrequenz, anschließend ein Abfall von Puls und Blutdruck, was im Gegensatz
zur Aktivierung des sympathischen Nervensystems (Pulsbeschleunigung) bei den
anderen Phobien steht.
l
Situative Ängste. Bestimmte Situationen und
Gegebenheiten wie Verkehrsmittel, Tunnel, Brücken, Fahrstühle, Fliegen,
Autofahren, geschlossene Räume usw. lösen Ängste aus, die nicht so
generalisiert sind wie bei einer Platzangst.
l
Andere Ängste. Dazu zählen alle anderen
spezifischen Phobien z.B. Ängste vor bestimmten Krankheiten wie eine Krebs-
oder AIDS-Phobie.
Verschiedene situative Ängste kommen auch bei Platzangst vor. Platzangst führt jedoch zu einer umfassenderen Lebenseinschränkung als eine isolierte Lift- oder Brückenphobie.
Die Bewältigung spezifischer Phobien erfolgt nach den Grundsätzen, wie sie bei der Bewältigung der Platzangst dargestellt wurden, nämlich durch zunehmende Konfrontation damit. In bestimmten Fällen, wo der Aufbau von mehr Selbstvertrauen im Vordergrund steht, empfiehlt sich eher eine gestufte Angstbehandlung als eine massierte Vorgangsweise, z.B. bei einer Hundephobie oder einer Zahnarztphobie.
SOZIALE ÄNGSTE - DIE
ANGST VOR DEN ANDEREN
Gerhard - Die
Angst vor Ablehnung führt zum Rückzug
Gerhard wollte in der 1. Klasse eines
Oberstufenrealgymnasiums am liebsten nicht mehr in die Schule gehen. Er
glaubte, dass er als Kind vom Land nicht zu den Mitschülern passte, die
großteils aus der Stadt stammten. Er unterschied sich von den anderen durch
seine Mundart, aber auch durch seine Kleidung. Seine Eltern konnten ihm aus
finanziellen Gründen keine Markenartikel kaufen, was in seiner Klasse sehr
wichtig war. Als ehemaliger Hauptschüler tat er sich anfangs in verschiedenen
Gegenständen auch viel schwerer als zahlreiche andere Schüler, die vorher die
Unterstufe des Gymnasiums besucht hatten. Er wusste wenig von den jeweiligen
Sportgrößen und auch nicht viel von den aktuellen Musikstars. Die anderen
tauschten Computerspiele aus, er konnte mangels PC nichts anbieten. Als
Bauernkind vom Land liebte er die Tierwelt und legte eine Sammlung von Käfern
und Schmetterlingen an, doch dies interessierte die Mitschüler kaum.
Er fühlte sich in der Klasse isoliert, manchmal auch
belächelt. Mit den Mädchen kam er besser zurecht, weshalb er den Spitznamen „Mädi“ erhielt.
Nach einigen Monaten Schulbesuch fürchtete er sich bereits
am Morgen vor der Schule. Er grübelte täglich darüber nach, wie die anderen auf
ihn reagieren würden. Das Frühstück schmeckte ihm nicht mehr, weil er so
angespannt und ängstlich war. Auf der Fahrt mit dem Bus in die Stadt nahm seine
Angst einmal so stark zu, dass er ausstieg und wieder nach Hause fuhr. Seine
Eltern sprachen ihm Mut zu, dass es sich dabei nur um Anfangsschwierigkeiten
handle, doch dies nutzte nichts.
Im Laufe der Zeit entwickelte er aus Angst vor seinen
Mitschülern körperliche Symptome. Er litt vor allem unter Schlafstörungen,
Magenschmerzen und eigenartigen Schwindelzuständen. Mehrfach musste er mitten
im Unterricht wegen Übelkeit und Schwindel das Klassenzimmer verlassen, wobei
er dies anfangs zu überspielen versuchte, indem er erklärte, dass er wegen
Durchfallsneigung die Toilette aufsuchen müsse. Einmal schickte ihn ein Lehrer
während des Unterrichts nach Hause und riet ihm, zum Arzt zu gehen. Ein anderes
Mal bekam er vor der Mathematik-Schularbeit einen derartigen aufregungsbedingten
Fieberschub, dass ihn der Hausarzt für drei Tage krank schrieb.
Er glaubte, dass ihn sein Mathematik-Professor ebenso wenig
akzeptierte wie seine Mitschüler. Dabei hatte dieser nur gesagt, dass man
seinen schulischen Rückstand als ehemaliger Hauptschüler im Vergleich zu den
früheren Gymnasiasten schon etwas merke und er ihm daher zu einem vorübergehenden
Nachhilfeunterricht rate.
Er fürchtete sich immer mehr vor jeder mündlichen Prüfung,
weil er dachte seine Mitschüler würden seine Aufregung und seine körperlichen
Angstzustände bemerken. Anstatt sich voll auf die Frage der Lehrkraft oder auf
die Aufgabenstellung an der Tafel zu konzentrieren, fragte er sich immer häufiger,
was die anderen an ihm merken würden. Er richtete seine Aufmerksamkeit immer
mehr auf seinen Körper. Würden die anderen sein leichtes Zittern wahrnehmen
oder seine Schweißperlen auf der Stirn sehen? Was würden sich die anderen
denken, wenn er zu stottern beginnt oder seine Stimme bricht? Wenn er vor Aufregung
kein Wort herausbringt, würden die anderen dann denken, dass er nichts gelernt
habe, obwohl er doch bis spät in die Nacht über den Schulbüchern gesessen sei?
In einigen Fächern verschlechterten sich die Noten bei
Schularbeiten und mündlichen Tests. Dies hing mit der durch Angst und Aufregung
bedingten Konzentrationsstörung zusammen. Die schlechten Noten wiederum
verstärkten Gerhards Erwartungsängste, bei Prüfungen zu versagen oder unter seinem
Wert geschlagen zu werden.
Schließlich führten die Eltern ein Gespräch mit dem
Klassenvorstand, dem Gerhards Probleme schon längst aufgefallen waren. Man
vereinbarte eine Testung im schulpsychologischen Dienst. Dabei stellte sich
heraus, dass Gerhard eine überdurchschnittliche Intelligenz aufwies und seine
Schulprobleme nicht mit Begabungsmängeln zusammenhingen.
Die Schulpsychologin empfahl ihm eine Psychotherapie, die
nach einem halben Jahr zu einer wesentlichen Besserung seines Verhaltens
führte. Er schaffte das erste Jahr der höheren Schule und wurde später nicht
nur ein guter, sondern auch ein beliebter Schüler. Er hatte gelernt, auf andere
zuzugehen. Gerhards Probleme wurden dadurch verstärkt, dass er sich aus Angst
vor Ablehnung selbst aus der Klassengemeinschaft ausschloss, während er
glaubte, er sei von den anderen ausgeschlossen worden.
Die unmögliche
Kunst, es allen recht zu machen
Menschen mit sozialen Ängsten möchten es allen recht
machen, um gefürchteter Kritik zu entgehen. Was dabei herauskommt, wird durch
eine schöne orientalische Geschichte veranschaulicht.
In der glühenden
Mittagshitze zogen ein Vater, sein kleiner Sohn und ein Esel durch die
staubigen Gassen einer Stadt. Der Vater saß auf dem Esel, während der Junge
daneben herging. Da sagte ein Vorübergehender: „Der arme Junge. Seine kurzen
Beine können mit dem Tempo des Esels kaum mithalten. Wie kann ein Vater so faul
auf dem Esel sitzen, während das kleine Kind vom Laufen ganz müde wird.“ Der
Vater beherzigte diese Worte und setzte den Jungen auf den Esel. Bald darauf
kam ein anderer Mann vorbei und rief: „So eine Unverschämtheit. Der kleine
Bengel sitzt wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte der Jungen, der daraufhin
den Vater bat, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. Bald darauf rief eine
vorbeigehende Frau entrüstet aus: „Hat man so etwas schon gesehen? So eine
Tierquälerei! Der Rücken des armen Esels hängt völlig durch, und der alte und
der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre die arme Kreatur ein
Diwan!“ Daraufhin stiegen Vater und Sohn wortlos vom Esel herunter. Einige
Schritte weiter machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich
nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet,
euch keinen Nutzen bringt und nicht einmal einen von euch trägt?“ Jetzt erst
zog der Vater die richtige Schlussfolgerung und sagte zu seinem Sohn: „Gleichgültig,
was wir machen, es findet sich immer jemand, der damit nicht einverstanden ist.
Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“
Das Wesen
sozialer Ängste
Krankhafte soziale Ängste werden als „soziale Phobie“ bezeichnet. Eine soziale Phobie ist
eine starke Angst, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit
anderer Menschen zu stehen, sich peinlich oder demütigend zu verhalten.
Es besteht eine Furcht vor der prüfenden Beobachtung durch andere Menschen in
verhältnismäßig kleinen Gruppen, nicht dagegen in Menschenmengen, wo die Angst
machende persönliche Nähe zu einzelnen Menschen entfällt.
Soziale Situationen und Leistungssituationen werden oft
gänzlich vermieden oder nur unter intensiver Angst durchgestanden. Sozial
ängstliche Menschen leiden unter ihren Angstsymptomen und ihrem
Vermeidungsverhalten, können aber trotz der Erkenntnis, dass sie übertrieben
und unvernünftig sind, ihr Verhalten nicht ändern.
Die Angst, beobachtet und
kritisch bewertet zu werden, führt zu körperlichen Symptomen, die erst
recht die Angst vor sozialer Auffälligkeit verstärken. Die Angst äußert sich in
typischen körperlichen Symptomen wie z.B. Verkrampfung, Händezittern, feuchte
Hände, Schwitzen, Erröten, Herzrasen, Atemnot, Knödelgefühl im Hals, Übelkeit,
Schwindel, Kopf- oder Magenschmerzen, Harn- oder Stuhldrang, Stottern bzw.
Sprechhemmung. Die Angst kann bis zu einer Panikattacke ansteigen.
Neben den bekannten Angstsymptomen treten in den
gefürchteten sozialen Situationen vor allem folgende Symptome auf, die nach
außen hin sichtbar werden (Erröten, Zittern, Schwitzen, Weinen, Stimmprobleme,
Angst zu erbrechen, Harn- oder Stuhldrang). Dies wird als weiterer bzw.
eigentlicher Grund für die negative Bewertung vonseiten der Umwelt erlebt.
Die
körperlichen Beschwerden bei sozialen Ängsten sind ein wesentliches
Unterscheidungsmerkmal gegenüber einer einfachen Schüchternheit. Sie stellen
für viele sozial ängstliche Menschen das zentrale Problem dar.
Die
Angst vor dem sichtbaren Zittern der Hände kann dazu führen, dass die
Betroffenen in Anwesenheit anderer nichts essen, trinken oder unterschreiben.
Ohne das Gefühl der Beobachtung können die Betroffenen alle Tätigkeiten
problemlos ausführen. Sozialen Situationen wird nicht nur wegen des
befürchteten Händezittern ausgewichen. Das Händezittern ist vielmehr das
Ergebnis der angstbedingten Muskelverspannung in sozialen Situationen.
In der
Selbstwahrnehmung können die Angstsymptome als das zentrale Problem verkannt
werden. Eine Errötungsangst bezieht sich auf das Erröten in sozialen
Situationen und entsteht aus der Angst vor Sozialkontakten, während die
Betroffenen meinen, sie würden nur wegen des unkontrollierbaren Errötens den
Kontakt mit anderen Menschen fürchten. Die Angst, der momentane Schweiß oder
Mundgeruch könnte anderen unangenehm auffallen, führt zu einem
„Sicherheitsabstand“ zu anderen Menschen. Die anderen sollen nicht nur nichts Peinliches
sehen, sondern auch nichts riechen.
Die Vielfalt sozialer Ängste
Soziale Ängste treten in folgenden typischen Situationen auf:
l
sich in Gegenwart anderer äußern,
l
in der Öffentlichkeit eine Rede halten,
l
bei einem bestimmten Anlass öffentlich in Erscheinung treten,
l
Kennenlernen fremder Menschen (z.B. vorgestellt werden),
l
Personen des anderen Geschlechts ansprechen,
l
Essen und Trinken mit anderen (das Glas heben ohne Zittern),
l Teilnahme an Gruppen (Partys, Feiern, Treffen, Verabredungen, Schulausflügen, Aufenthalt in eine