Dr. Hans Morschitzky

 

Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

 

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ÄNGSTE JUGENDLICHER

 

VORWORT

 

 

15% der Schüler leiden unter Ängsten, 9-14% der Schüler weisen körperliche Symptome ohne körperliche Ursachen auf. Diese Beschwerden sind oft durch Angst und Stresszustände verursacht.

Der vorliegende Text über Ängste bei Jugendlichen wurde 1999 als Buchveröffentlichung eingereicht, dann aber von der Lektorin des österreichischen Verlags ÖBV & HPT abgelehnt mit der Begründung, dass er für Jugendliche zu schwierig sei. Die veröffentlichte Buchversion ist leider vergriffen und wird nicht mehr neu aufgelegt:

 

Morschitzky, H. (1999). Wenn Jugendliche ängstlich sind. Ratgeber für Eltern, Lehrer und Erzieher. Wien: ÖBV & HPT.

 

Angst ist nicht Schwäche, sondern eine Kraft, die dich antreibt, mögliche Bedrohungen deines Lebens zu bewältigen. Die Angst, schulisch oder beruflich zu versagen und dann arbeitslos zu sein, führt dazu, dass du dich mehr anstrengst, deine Ziele zu erreichen. Die Angst als Alarmreaktion in bestimmten Situationen (Prüfung, schwere Aufgabe, Straßenverkehr usw.) steigert deine Aufmerksamkeit als Schutz vor Fehlern.

Viele Menschen haben zurecht Angst vor besorgniserregenden gesellschaftlichen Entwicklungen, z.B. Angst vor Arbeitslosigkeit, ungewisser Zukunft, atomarer Gefahr, Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Erde, Beeinträchtigung des Erbgutes, genetischer Manipulation der Nahrungsmittel, Konzentration der Medien, billige Arbeitskräfte aus dem Ostblock, Ausverkauf von Firmen an ausländische Konzerne.

Vielleicht machst auch du dir diesbezüglich große Sorgen. Die vielen berechtigten Ängste lassen sich am besten durch gezielte Aktionen bewältigen. Auf diese Weise erreichen wir einen persönlichen und gesellschaftlichen Fortschritt.

Positiv denken allein ist zu wenig, positiv handeln verändert dich und die Welt. Positiv denken bedeutet übrigens nicht, vor bestimmten Situationen keine Angst zu haben, sondern sich die Angst und die damit verbundenen Situationen als bewältigbar vorstellen zu können.

Frei nach Erich Kästner gilt der Spruch: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Handeln trotz Angst bezeichnet man als Mut. Mut ist kein völlig angstfreies Handeln, sondern setzt Angst voraus.

Vertrauen ist das Gegenteil von Angst und Besorgtheit. Jeder von uns muss seinen Weg finden zwischen diesen Polen. Wir sind aufgerufen, unseren Lebensweg zu gehen zwischen den Extremen von Feigheit und Angst einerseits und von Wagemut und Tollkühnheit andererseits.

 

Dieser Text soll dir helfen, 

l       sinnlose Ängste vor irrealen Gefahren zu überwinden,

l       die Angst vor unwahrscheinlichen, aber dennoch nicht ausschließbaren Gefahren im Sinne eines Restrisikos besser zu ertragen,

l       die Angst vor unkontrollierbaren tatsächlichen Gefahren ohne lähmendes Ausufern in andere Bereiche zu akzeptieren,

l       die Angst vor möglichen Gefahren als Anlass für Lösungen zu nutzen. 

 

Viel Erfolg beim Lesen wünscht dir

 

                                                                        Hans Morschitzky

 

 

 

INHALTSVERZEICHNIS

 

 

 

ANGST IST EIN GANZ NORMALES GEFÜHL

Angst ist eine gesunde und lebensnotwendige Reaktion auf Bedrohungen. Die Angst hilft dir in gefährlichen Situationen, dein Leben zu schützen.

 

ANGST ZEIGT AUF, WAS WICHTIG

Wenn du jemand oder etwas wirklich magst, wirst du den Verlust dessen fürchten oder schmerzlich erleben.

 

ANGST ERFASST DIE GANZE PERSON

Angst zeigt sich an deinem Körper, in deinen Gedanken und Gefühlen und an deinem Verhalten.

 

DIE ANGST BEGINNT IM KOPF

Du hast Angst vor dem, was du als gefährlich beurteilst. Derartige Bewertungen können Dein Leben retten, bei Fehleinschätzungen aber auch behindern.

 

WIE ANGST GELERNT WIRD

Die Entstehung vieler Ängste kann durch bestimmte lernpsychologische Vorgänge erklärt werden, die auch Ansätze für Veränderungen bieten.

 

WENN ERINNERUNGEN ANGST MACHEN

Deine Angstreaktionen in der Vergangenheit sind im Gehirn gespeichert und können für Dein zukünftiges Leben hilfreich, aber auch belastend sein.

 

STRESS MACHT ANGST, ANGST MACHT STRESS

Ständiger Stress kann zu Angstanfällen führen, ständige Angst kann aber auch recht stressig sein.

 

FURCHTSITUATIONEN - KÄMPFEN, FLÜCHTEN,

ERSTARREN ODER DUCKEN

Je nach Situation stehen Menschen und Tieren grundsätzlich vier Reaktionsmöglichkeiten in Gefahrensituationen zur Verfügung.

 

DIE ALARMREAKTION

Bei akuter Bedrohung erfolgt zuerst oft eine kurze Schock- oder Schreckphase, anschließend eine Kampf- oder Fluchtphase zur Abwendung der Gefahr.

 

DEIN KÖPER BEI ANGST

Hier erfährst du alles über die Reaktionen Deines Körpers bei Angstzuständen, damit du dich weniger davor fürchtest.

 

KRANK VOR ANGST

Angst wird zur Krankheit, wenn man über einen längeren Zeitraum erheblich darunter leidet. Ängste zählen zu den häufigsten psychischen Störungen.

 

PANIKATTACKEN - DIE ANGST AUS HEITEREM HIMMEL

Panikattacken sind plötzlich und unerwartet auftretende Zustände mit heften, stark Angst machenden körperlichen Symptomen ohne organische Ursache.

 

PLATZANGST - DIE ANGST, KEINEN FLUCHTWEG ZU HABEN

Die Platzangst ist ein lebensbeeinträchtigendes Vermeidungsverhalten als Folge von Panikattacken oder panikähnlichen Zuständen.

 

DER ANGST BEGEGNEN

Ein Fülle von Handlungsanweisungen soll dir im Bedarfsfall helfen, die Lebenseinschränkungen durch Platzangst und andere Phobien zu überwinden.

 

WECHSELDE ÄNGSTE - UNKONTROLLIERBARE SORGEN

Ständige, oft wechselnde Sorgen und Befürchtungen über alltägliche Ereignisse und Probleme führen zu körperlicher und seelischer Daueranspannung.

 

WENN EINE ANGST DAS LEBEN SCHWER MACHT

Ängste vor einzelnen Situationen und Objekten - „Phobien“ genannt - können das Leben mehr erschweren als Außenstehende glauben.

 

SOZIALE ÄNGSTE - DIE ANGST VOR DEN ANDEREN

Soziale Ängste sind Ängste, von anderen Menschen beobachtet, kritisiert oder abgelehnt zu werden und stellen die häufigsten Ängste überhaupt dar.

 

ZWEI TYPEN SOZIALER ÄNGSTE

Soziale Ängste zeigen sich entweder als Hemmung bei Beobachtung in Leistungssituationen oder als Ausdruck mangelnder sozialer Fertigkeiten.

 

SOZIALE ÄNGSTE IM JUGENDALTER

Aufgrund des noch unzureichenden Selbstwertgefühls und der Anfälligkeit für Kritik beginnen soziale Ängste bereits im Jugendalter.

 

SCHULPHOBIE UND SCHULANGST

In Österreich sollen fast 240 000 Schüler an Schulangst leiden. Die Gründe und die Bewältigungsmöglichkeiten werden ausführlich dargestellt.

 

PRÜFUNGSANGST

Schüler mit Prüfungsangst werden häufig unter ihrem Wert geschlagen. Zahlreiche Ratschläge sollen helfen, besser damit zurechtzukommen.

 

SPRECHANGST - REDEN OHNE LAMPENFIEBER

Die Angst vor öffentlichen Auftritten in der Schule, im Beruf und in der Freizeit kann mit Hilfe zahlreicher Tipps erfolgreich überwunden werden.

 

SOZIALE ÄNGSTE IM TURNUNTERRICHT

Wegen mangelnder Geschicklichkeit oder angeblich unattraktiver Figur wird der Turnunterricht gefürchtet. Mit einigem Mut lässt sich dies ändern.

 

SOZIALE ÄNGSTE WEGEN DES KÖRPERLICHEN AUSSEHENS 

Die Angst vor einer angeblichen körperlichen Entstellung sowie die Angst vor vermeintlich zu vielen Kilos bewirkt ständiges körperliches Unbehagen.

 

ÄNGSTE ALS FOLGE DER LEBENSUMSTÄNDE

Ängste können eine Reaktion auf belastende Lebenssituationen oder auf schwere seelische Erschütterungen durch bestimmte Ereignisse darstellen.

 

TESTE DEIN WISSEN ÜBER ANGSTSTÖRUNGEN

Verschiedene Fragen sollen dir helfen, das erworbene Wissen über Angststörungen zu überprüfen.

 

PSYCHOTHERAPIE ALS HILFE ZUR SELBSTHILFE

Dieser Abschnitt soll eine Orientierungshilfe für den Fall einer erforderlichen Psychotherapie  darstellen.

 

ÄNGSTE MIT MEDIKAMENTEN BESEITIGEN?

Der Einsatz von Medikamenten sollte bei den typischen Ängsten Jugendlicher möglichst vermieden oder gering gehalten werden.

 

DER PLACEBOEFFEKT VON MEDIKAMENTEN

Gerade bei Angst- und Panikstörungen erweisen sich oft auch Scheinmedikamente als hilfreich. Sie wirken durch den Glauben an ihre Wirksamkeit.

 

HILFE DURCH PFLANZLICHE MITTEL

Seit einigen Jahren wurden bestimmte pflanzliche Mittel als nachweislich wirksame Substanzen zur Behandlung von Angstzuständen eingesetzt.

 

EMPFEHLENSWERTE LITERATUR

 

 

 

 

ANGST IST EIN GANZ NORMALES GEFÜHL

 

Im Märchen der Gebrüder Grimm „Von einem, der auszog, das fürchten zu lernen“, wird der jüngste Sohn, der keine Angst erleben kann, gleich zu Beginn als dumm bezeichnet. Er soll ausziehen, das Gruseln zu lernen, weil der Vater sonst nur Probleme mit ihm haben werde. Der junge Mann hielt allen fürchterlichen Abenteuern angstfrei stand, er trotzte sogar dem Tod und den vielen Teufeln. Als Gatte der schönen Königstochter lernte er bei ihr im Bett schließlich doch noch das Gruseln.

Was glaubst du, wie er das Gruseln gelernt hat? Dein erster Gedanke ist falsch! Die Magd zog ihm die Bettdecke weg, unter der er mit seiner Gemahlin gelegen war, und schüttete lebende Fische auf seinen Körper, die auf seiner nackten Haut zappelten. Da rief er: „Mir gruselt!“

Aber vielleicht hast du doch richtig getippt. Denn nach Auffassung bestimmter Märchendeuter wird hier symbolisch die sexuelle Angst des jungen Mannes vor der Frau ausgedrückt. Kinder und Jugendliche früherer Jahrhunderte wurden durch dieses Märchen unterrichtet, dass Angst ein normaler Bestandteil menschlicher Beziehungen ist. Angst drückt aus, dass uns jemand oder etwas wichtig ist.

 

Angst ist ein ganz normales menschliches Gefühl wie Liebe, Freude, Wut oder Trauer und stellt eine Reaktion auf tatsächliche oder vorgestellte Gefahren dar. Angst ist ein Alarmsignal wie Fieber oder Schmerz und damit zwar unangenehm, aber lebensnotwendig.

 

Deine Angstreaktion ist biologisch festgelegt und sichert dein Leben zu einem Zeitpunkt, wo längeres Nachdenken deinen Tod bedeuten könnte.

Du schreckst beim Überqueren der Straße automatisch zurück, wenn du ein herannahendes Auto erst im letzten Moment bemerkst.

Ohne Angst übersiehst du leicht deine Grenzen und gefährdest dich und deine Mitmenschen. Ein Alkoholspiegel über 0,5 Promille senkt den Angstpegel und begünstigt nachweislich ein riskanteres Fahren mit dem Auto.

Angst hindert dich daran, aus Selbstüberschätzung gefährliche Situationen aufzusuchen. Es ist richtig, wenn du nur dort schwimmst, kletterst oder Schi fährst, wo deine Fähigkeiten ausreichend sind, wenn du nur jene Fahrzeuge lenkst, die du nachweislich beherrschst, wenn du nicht jedem Menschen blind vertraust, der dich in seine Wohnung einlädt.

 

Es ist kein sinnvolles Ziel, wenn du generell angstfrei leben willst. Du sollst vielmehr fähig werden, auftretende Ängste angemessen zu verarbeiten.

                                                                                                                     

Manche Leute versuchen, ihre Ängste zu überspielen, indem sie gefährliche Tätigkeiten bzw. Sportarten ausüben oder Alkohol als Mittel der Angstbewältigung einsetzen. Wenn du in bestimmten Situationen Angst hast, bedeutet das nicht, dass du feige bist, sondern dass du weißt, wie bedroht dein Leben sein kann, wenn du die Gefahren übersiehst oder ihnen nicht gewachsen bist.

Verdrängte Ängste können dein Leben genauso stark beeinträchtigen wie offen zutage tretende Angstzustände. Eine scheinbar angstfreie Einstellung zwingt dich in die Rolle, in jeder Hinsicht unerschrocken sein zu müssen. Du kannst dann nicht einmal deinen besten Bekannten von deinen Ängsten berichten, weil diese ein völlig anderes Bild von dir bekommen würden. Dies hindert dich daran, jederzeit „echt“ zu sein.

Dazu kann ich dir eine sehr traurige Geschichte erzählen. Ein junger Mann mit Ängsten vor anderen Leuten trank vor dem Fortgehen und im Gasthaus Alkohol mit dem Ziel, nach außen hin lockerer, lustiger und geselliger zu wirken. An einem derart beschwingten Abend lernte er seine Freundin kennen, die glaubte, dass er von Natur aus ein unkomplizierter Kerl sei.

Im Laufe der Zeit wurde sein Alkoholproblem so groß, dass er mit beruflichen Problemen rechnen musste, da er öfters mit einem Firmenauto unterwegs war. Er unterzog sich daher einer achtwöchigen stationären Alkoholentwöhnungskur. Seiner nichts ahnenden Freundin erzählte er, dass er von seiner Firma auf einen zweimonatigen Auslandseinsatz geschickt werde.

Nach der erfolgreichen Entziehungskur war er stolz auf sich, doch einige Wochen später fragte ihn seine Freundin immer häufiger, was ihn bedrücke und ob er krank sei, weil er immer so traurig und lustlos wirke. Er verneinte dies. Seine aktive und gesellige Freundin bestand daher darauf, dass er mit ihr wieder mehr unternehme. Er sagte ihr, dass es ihn nicht freue, abends fortzugehen, tatsächlich jedoch fürchtete er sich davor, ohne Alkohol unterwegs zu sein.

Im nüchternen Zustand traten seine Ängste vor Menschen und geselligen Runden immer stärker hervor. Er wollte aus Angst vor beruflichen Folgen auf keinen Fall mehr zu trinken beginnen. Aus Sorge, dass seine Freundin schlecht über ihn denken könnte, informierte er sie nicht über seine Probleme, sondern versuchte diese einfach mit Ausreden zu überspielen.

Weil er nicht mehr zu dem geselligen Kerl wurde, den sie kennen gelernt hatte, verließ ihn daher seine Freundin vier Monate nach der erfolgreichen Alkoholentwöhnungskur.

Du kannst dir nicht vorstellen, dass seine Freundin nichts von seinem früheren Alkoholproblem gemerkt hat? Dies kann ich dir ganz einfach erklären. Der junge Mann war eigentlich ein Spiegeltrinker. Er hatte meistens einen Alkoholspiegel knapp unter 1 Promille.

Rauschzustände hatte er immer nur in Männerrunden, wo seine Freundin nicht anwesend war. Vom Wirtshaus ging er nicht zu seiner Freundin nach Hause, weil er noch nicht bei ihr wohnte, sondern zu seiner Mutter.

Sein Vater war Alkoholiker, der zu Hause oft randalierte. Der junge Mann fürchtete sich vor ihm schon von klein auf, später auch vor anderen Männern, z.B. vor Autoritäten wie Lehrer, Polizisten und Verwaltungsbeamte.

Seine Ängste blieben bestehen, als sein Vater an den Folgen der schweren Alkoholerkrankung starb. Im Kontakt mit anderen bekam er oft das Gefühl, etwas falsch zu machen, weil sein Vater ihn ständig kritisiert hatte und mit ihm nie zufrieden war.

Er hatte von Kindheit an wenig Selbstbewusstsein und lernte von seinem Vater, dass man sich durch Alkohol Mut antrinken konnte. Der Vater war öfters depressiv, wenn er nichts trank.

Das Traurige an der Geschichte ist, dass der junge Mann keine Angst zulassen konnte, weil er sich dadurch als besonders verletzlich und schwach erlebt hätte. Aus Angst vor der Angst übernahm er den Alkoholmissbrauch seines Vater, unter dem er jahrelang gelitten hatte.

 

Nach einer aktuellen süddeutschen Studie hat jeder 10. junge Mensch im Alter von 14 bis 24 Jahren Alkoholprobleme (15,1% der jungen Männer und 4,5% der jungen Frauen). Jugendliche mit sozialen Ängsten sind besonders gefährdet, ihre Probleme mit Alkohol zu lösen.

 

 

 

ANGST ZEIGT AUF, WAS WICHTIG IST

 

Wenn du um jemand oder etwas Angst hast, wird deutlich, was dir wichtig ist.

 

Stell dir einmal folgende Situationen vor:

 

l       Du hast Angst, etwas zu verlieren (Eltern, materielle Güter, Gesundheit usw.). Dies drückt aus, was dir Sicherheit und Geborgenheit verleiht.

l       Du hast Angst, die Zuneigung anderer Menschen zu verlieren. Dies weist dich darauf hin, wie sehr dein Selbstbewusstsein von der Anerkennung durch andere abhängig ist.

l       Du hast Angst zu versagen. Dies weist auf die Bedeutung der Leistung in der Leistungsgesellschaft hin.

l       Du hast Angst vor Entscheidungen. Dies spiegelt deine Angst wider, das Falsche zu wählen und dich bestimmter Lebensmöglichkeiten zu berauben.

l       Du hast Angst, zu früh zu sterben. Dies macht dir bewusst, dass viele deiner Hoffnungen und Erwartungen im Leben unerfüllt bleiben könnten.

 

Viele Menschen mit körperbezogenen Ängsten können letztlich die ständige Bedrohtheit des Lebens nicht akzeptieren, wenn sie immer wieder nach Belegen für ihre Gesundheit suchen.

 

„Das Leben ist immer lebensgefährlich.“ (Erich Kästner)

 

Kein Beruhigungsmittel und keine Entspannungsmethode kann die Todesangst beseitigen, die von jedem Menschen nach seinen Möglichkeiten bewältigt werden muss.

 

 

 

ANGST ERFASST DIE GANZE PERSON

 

„Angst“ kommt vom lateinischen Wort „angustiae“, was „Enge, Enge der Brust, Beklemmung des Herzens, Zuschnüren der Kehle“ bedeutet. Die alten Römer beschrieben Angst somit durch einige typische körperliche Zustände. Im Althochdeutschen wurde daraus das Wort „angust“.

 

Angst besteht aus drei Teilen:

 

1.       Körperlicher Anteil. Deine Angst führt zu körperlichen Reaktionen und Empfindungen. Dein Körper zeigt messbare Veränderungen, z.B. Herzrasen, Blutdruckanstieg, Atembeschleunigung, Muskelanspannung, Hautbefeuchtung, Gehirnwellenveränderungen.

 

2.       Subjektiver Anteil. Du hast bestimmte Gefühle und Angst machende Gedanken. Du beurteilst bestimmte Situationen und Körperreaktionen als gefährlich. Du hast Angst, die Kontrolle zu verlieren, keine Luft zu bekommen, einen Herzinfarkt zu erleiden. Du fürchtest dich, ausgelacht zu werden. Du erinnerst dich an Angst machende Situationen der Vergangenheit oder denkst an zukünftige Gefahren. Du fragst dich: „Was wäre, wenn ...“

 

3.       Motorischer Anteil. Deine Angst führt zu beobachtbaren Verhaltensweisen und Reaktionen. Du wirst starr vor Schreck, fängst an zu zittern oder zu beben, ergreifst panisch die Flucht, vermeidest Blickkontakt oder Angst machende Situationen. 

 

Wenn du eine Situation (z.B. Dunkelheit, sportliche Übung, Prüfung, Referat) als bedrohlich beurteilst, wirst du Angst bekommen, was du körperlich in Form verschiedener Symptome spüren wirst. Du wirst dann dazu neigen, aus der Angst machenden Situation zu fliehen, oder die Anspannung deines Körpers als Vorbereitung auf Flucht unangenehm zu erleben, wenn du ausharren musst.

Dein Angstgefühl und deine körperlichen Zustände (z.B. Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Übelkeit, Schwindel) werden wiederum dein Denken verstärken, dass die betreffende Situation tatsächlich gefährlich ist, noch dazu, wo du erlebst, dass deine Angst sofort nachlässt, sobald du die bedrohlich erscheinende Situation verlassen kannst.

Dein Denken an Gefahr führt zu Gefühlen der Angst und zu körperlichen Beschwerden und infolgedessen zu einem Vermeidungsverhalten, das du auch zukünftig häufiger wählen wirst, weil es sich kurzfristig bewährt hat. Dein Verhaltensspielraum wird sich dadurch immer mehr einengen.

 

Nimm deine Angst wahr, lass dich davon aber nicht unterkriegen. Wenn du bei bestimmten körperlichen Angstsymptomen die Schule verlassen musst, wirst du bald nicht mehr regelmäßig am Unterricht teilnehmen.

 

Körperliche Symptome, bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen spielen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Ängsten eine entscheidende Rolle. Die einzelnen Faktoren werden jedoch individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Viele Menschen spüren nur ihre körperlichen Angstsymptome, ohne ihre Angst machenden Gedanken zu erkennen. Sie glauben daher anfangs oft, körperlich krank zu sein.

Andere Menschen kennen ihre ängstlichen Denkmuster sehr gut, wissen jedoch nicht, dass die vorhandenen körperlichen Beschwerden (z.B. Herzrasen, Magen- oder Darmstörungen, Muskelverspannungen, Schlafstörungen) damit zusammenhängen.

 

 

 

 

Was sind deine ganz normalen Ängste?

 

Verschiedene Fragen sollen dich anregen, über deine ganz normalen Ängste nachzudenken.

 

1.       Beschreibe einige ganz normale Ängste, die du schon erlebt hast.

 

 

 

 

2.       Nimm eine bestimmte Angst und beschreibe sie nach folgenden Punkten.

 

Welche körperlichen Zustände erlebst du dabei?

 

 

 

 

Welche Gefühle hast du dabei?

 

 

 

 

Welche Gedanken hast du dabei?

 

 

 

 

Was tust du, wenn du Angst hast? Welches Verhalten sehen andere?

 

 

 

 

3.       Was hilft dir, mit einer bestimmten normalen Angst zurechtzukommen?

 

 

 

 

4.       Welche Tipps könntest du deinen Bekannten mit ähnlichen Ängsten geben?

 

 

 

 

5.       Über welche Umstände und Entwicklungen in unserer Welt muss man sich zurecht Sorgen machen?

 

 

 

 

6.       Was glaubst du, worüber sich Jugendliche heutzutage am meisten sorgen?

 

 

 

 

 

 

DIE ANGST BEGINNT IM KOPF

 

„Nicht die Dinge an sich sind es, die uns beunruhigen, sondern die Art und Weise, wie wir sie sehen.“ (Epiktet, griechischer Philosoph um 100 nach Christus)

 

Bei Angstzuständen zeigt sich die Macht der Gedanken. Der Umstand, wie Situationen und Erfahrungen beurteilt werden, kann beruhigend oder Angst machend wirken. Wenn du glaubst, dass du bei einer Schularbeit ein „nicht genügend“ bekommst, wird dich dies anders beeinflussen als die Erwartung, schlechtestenfalls ein „befriedigend“ zu erhalten.

So wie viele Menschen unberechtigterweise die Ablehnung durch die Umwelt fürchten, haben andere Menschen Angst um ihre Gesundheit oder gar um ihr Leben, obwohl sie völlig gesund sind.

Ängstliche Menschen bewerten viele Situationen, die andere nicht als gefährlich einschätzen, als bedrohlich, häufig sogar als lebensgefährlich. Oft besteht eine unbegründete Angst vor ohnmächtigem Umfallen, Herztod, Ersticken oder einer gefährlichen Krankheit wie z.B. Krebs. Dies ist häufig geprägt durch entsprechende Ereignisse in der Umwelt vor Ausbruch derartiger Ängste sowie durch eine übermäßige Konzentration auf die Thematik von Krankheit, Sterben und Tod im Rahmen der Familie oder Verwandtschaft.

Menschen mit Angstzuständen erleben sich oft als besonders verletzlich und neigen dazu, verschiedene Situationen irrtümlich als gefährlich einzuschätzen und mögliche Gefahrenzeichen überzubewerten. Unter Belastung, wie dies in Angst machenden Situationen der Fall ist, gelingt es den Betroffenen oft nur schwer, ihre Gedanken und Gefühle zu kontrollieren und ihre übertriebenen Ängste auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen.

Viele ängstliche Menschen können sich das, was sie fürchten, recht bildhaft vorstellen, nicht aber die Art und Weise, wie es nach der Angstreaktion gut oder erträglich weitergehen könnte. Sie beschäftigen sich in der Phantasie mit dem Eintreffen gefährlicher Ereignisse nach dem Motto „Was wäre, wenn ...“

 

„Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.“  (Erich Kästner)

 

Eine gute Vorstellungsfähigkeit („Einbildung“) ist eine Begabung. Sie hilft dir, einen Roman mit 500 Seiten ohne ein einziges Bild mit Genuss zu lesen, weil du deine eigenen bildhaften Vorstellungen entwickelst. Du bist dann von der Verfilmung dieses Romans vielleicht sogar enttäuscht, weil du dir alles ganz anders vorgestellt hast.

Dein Vorstellungsvermögen hilft dir auch, in Situationen möglicher Bedrohung die Gefahr rechtzeitig einzuschätzen. Bei übermäßiger Angstbereitschaft wirken sich dagegen die ständigen negativen Vorstellungen lebensbeeinträchtigend aus.

Die Vorstellung einer Bedrohung und entsprechende Fluchtgedanken führen zu einer körperlichen Aktivierung. Der Umstand, dass die Vorstellung einer Bewegung zu minimalen Muskelanspannungen führt, ist die Basis des mentalen Trainings im Sport. Sportler stellen sich mental vor, wie sie ihren Sport ausüben und steigern dadurch tatsächlich ihre Leistungsfähigkeit.

Auf einer intensiven Vorstellungsfähigkeit beruhen auch die Vorgänge unter Hypnose. Hypnosestudien belegen, dass ängstliche Menschen suggestibler und leichter hypnotisierbar sind als die Durchschnittsbevölkerung. Menschen mit einer ausgeprägten Vorstellungsfähigkeit entwickeln eher starke Angstzustände als andere Personen.

Wenn du dich in unnötige Angstzustände richtiggehend hineinsteigerst, dann betreibst du ständig eine negative Selbsthypnose. Du kannst dies aber auch positiv sehen: du hast die Fähigkeit, dir trotz möglicher Risken und Gefahren alles positiv und bewältigbar vorzustellen.

Deine Ängste hängen also mit deinen Gedanken und Vorstellungen zusammen. Du fürchtest dich, weil du etwas als gefährlich ansiehst.

 

Wenn du deine Gefühle, vor allem deine Ängste, nicht kontrollieren kannst, solltest du versuchen, deine Gedanken und Vorstellungen unter Kontrolle zu bringen, denn diese lösen deine Ängste aus.

 

Du kannst deine Angstreaktionen am besten steuern, wenn du nicht alles (Menschen, Objekte, Situationen) als gefährlich bewertest. Finde heraus, warum deine Bekannten dieselben Umstände nicht so bedrohlich erleben wie du.

Deine Ängste sind viel leichter bewältigbar, wenn sich nicht die anderen Menschen und die Umstände ändern müssen, sondern nur deine Sichtweisen davon. Dies geht natürlich nicht so weit, dass du dir alle Ängste ausreden kannst. Dann würdest du ja alle realen Gefahren zu leugnen beginnen.

 

Menschen mit Panikattacken erklären sich ihre plötzlich auftretenden körperlichen Symptome auf eine Weise, dass sie sich noch mehr fürchten:

 

l       Herzrasen, Schwitzen und Atembeschwerden werden als Anzeichen eines bevorstehenden Herzinfarkts gewertet.

l       Schwindel, Schwächegefühle und Benommenheit lösen Ohnmachtsängste aus.

l       Atemnot, Würgegefühl und ein Knödelgefühl im Hals bewirken Erstickungsängste.

l       Kribbeln in Armen und Beinen wird als Vorzeichen eines Gehirnschlags gefürchtet.

l       Entfremdungsgefühle gegenüber sich selbst und gegenüber der Umwelt (es kommt einem alles so komisch und unwirklich vor) führen zur Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren und verrückt zu werden.

 

Panikattacken lassen sich durch den Teufelskreis der Angst erklären:

 

1.       Bestimmte Situationen oder innere Zustände (Gedanken, Vorstellungen, Körperempfindungen) führen zu einer milden Anspannung mit leichten körperlichen Symptomen.

2.       Die übermäßige Empfindlichkeit gegenüber den eigenen körperlichen Reaktionen (Hitzegefühl, Erröten, Schwitzen, Herzklopfen, Zittern, Schwindel) führt zu einer verstärkten Selbstbeobachtung.

3.       Der wahrgenommene Zustand wird als gefährlich angesehen.

4.       Die Gedanken an Gefahr und Bedrohung lösen einen Angstzustand aus.

5.       Die Angst führt zu weiteren körperlichen Veränderungen.

6.       Das Erleben der starken Anspannung und der vermehrten psychovegetativen Symptome ist so Angst machend, dass eine Panikattacke auftritt. 

 

Falsche Erklärungen von Körperempfindungen als Zeichen von Gefahr stellen die entscheidende Rolle bei der Auslösung und Aufrechterhaltung von Panikattacken dar. Die Angst erzeugenden Gedanken müssen nicht bewusst sein, sondern können auch automatisch ablaufen.

 

Menschen mit sozialen Ängsten erschweren sich den Umgang mit anderen durch bestimmte negative Denkmuster:

 

l       Automatische Gedanken: „Ich werde bestimmt einen Fehler machen.“

l       Gedankenmuster: „Ich bin ein unattraktiver Mensch.“

l       Überzeugungen und Regeln: „Man muss immer perfekt sein.“

l       Gesellschaftliche Normen: „Männer dürfen keine Angst zeigen.“

 

Negative Erwartungen bewirken eine erhöhte Aufmerksamkeit auf sich selbst. Dies führt zu einer verstärkten Selbstbeobachtung und kritischen Selbstbewertung. Es erfolgt eine einseitige Konzentration auf mögliche Fehler, Versagenserlebnisse, Blamagen und Peinlichkeiten im Verhalten.

Die Art der Aufmerksamkeitszuwendung auf andere Menschen („Was sehen die anderen an mir?“, „Merkt der Lehrer meine Nervosität?“) verstärkt die ständige Selbstbeobachtung. Die damit einhergehende Gefahr der Auffälligkeit wird durch „Zusammenreißen“ zu überspielen versucht.

Menschen mit sozialen Ängsten überschätzen die Wahrscheinlichkeit, dass ihre körperlichen Symptome von der Umwelt wahrgenommen werden. Sie schließen aufgrund ihrer Angstgefühle oder körperlichen Erregung oft auf eine negative Verhaltensbewertung durch andere Menschen („Die anderen sehen in meiner Aufregung meine Schwäche“).

Aus Angst vor Misserfolg und Kritik in sozialen Situationen werden mögliche Gefahren übermäßig beachtet und dadurch überbewertet.

 

Geringes Selbstvertrauen und verzerrte Bewertungen der eigenen Person und der sozialen Umwelt tragen dazu bei, dass es schließlich zu einem Vermeidungsverhalten kommt, das kurzfristig die Angst vermindert, langfristig jedoch verstärkt durch fehlende positive Erfahrungen.

 

Es entwickelt sich ein Teufelskreis: die Angst vor sozialen Misserfolgen und kritischen Urteilen führt zu einem verkrampften Bemühen um Fehlervermeidung, Unauffälligkeit und positive Selbstdarstellung und infolgedessen zu erhöhter Aufmerksamkeit auf das eigene Tun, unbedingt alles richtig zu machen. Dies beeinträchtigt das spontane Verhalten.

Wenn die soziale Auffälligkeit immer wahrscheinlicher wird, erfolgt ein sozialer Rückzug als Vermeidungsstrategie. Der verminderte Sozialkontakt und die fehlende Trainingsmöglichkeit im Umgang mit anderen Menschen erhöhen die soziale Unsicherheit, was das Rückzugsverhalten fixiert.

Personen mit sozialen Ängsten möchten gerne von allen anerkannt sein. Das Gefühl, bei der Mehrheit anzukommen, reicht nicht aus, jeder Mensch muss einen mögen.

 

Wenn du soziale Ängste hast, werden diese durch zwei Umstände verstärkt:

l       du möchtest auf andere unbedingt einen guten Eindruck machen;

l       du bezweifelst deine Fähigkeiten, dies zu erreichen.

 

Bei sozialen Ängsten brauchst du nicht nur mehr Mut, dich auf andere einzulassen, sondern zuerst die Einstellung, dass dich deine Mitmenschen gar nicht so negativ beurteilen wie du glaubst. Wenn du die anderen positiver wahrnimmst, wirst du dich nicht mehr so stark vor ihnen fürchten. Ist dies nicht eine elegantere Problemlösung, als immer nur mutiger sein zu wollen?

 

 

 

Wie machst du dir Angst?

 

Die folgenden Aufgaben sollen dir bei unnötigen Angstgedanken helfen.

 

1.       Schreibe die drei unangenehmsten körperlichen Angstsymptome auf und füge hinzu, durch welche Denkweisen du deren Ausprägung verstärkst und damit deinen Zustand unnötig verschlimmerst.

 

 

 

 

2.       Erinnere dich an zwei typische Angst machende Situationen und schreibe auf, was du dabei denkst, so dass deine Angst und dein Vermeidungsverhalten zunehmen. 

 

 

 

 

3.       Welche bildhaft-lebendigen Vorstellungen machst du dir oft, so dass sich daraus Ängste entwickeln?

 

 

 

 

4.       Welche Gedanken und welche konkreten positiven Vorstellungen könnten dir helfen, bestimmte Angstsituationen zukünftig besser zu überstehen?

 

 

 

 

 

 

WIE ANGST GELERNT WIRD

 

Angstreaktionen können auf verschiedene Art und Weise gelernt werden. Platzangst wird in typischer Weise erworben. In einer bestimmten Situation (z.B. im Bus, Geschäft, Lokal, Klassenzimmer) tritt aufgrund verschiedener Belastungsfaktoren (z.B. Hitze, Menschenmenge, lange Schlange bei der Kassa, berufliche oder familiäre Belastungen, Prüfungssituation) ein plötzlicher Angstzustand mit massiven körperlichen Symptomen auf (eine Panikattacke oder panikähnliche Reaktion).

 

Die Koppelung der Angstreaktion mit den aktuellen Umständen hat zur Folge, dass im Laufe der Zeit ähnliche Situationen zu denselben, wenngleich meist abgeschwächten Angstreaktionen führen. Der Aufenthalt in öffentlichen Verkehrsmitteln, Geschäften, Lokalen oder Klassenräumen wird plötzlich bedrohlich, weil die Erinnerung an die ursprüngliche Angstreaktion aufkommt und die „Gefährlichkeit“ der Situation durch neuerliche Angstsymptome bestätigt wird.

 

Die Flucht aus den gefürchteten Situationen führt rasch zum Abklingen der Symptome, so dass zukünftig immer häufiger die Flucht gewählt wird bzw. der Körper auf Fluchtbereitschaft eingestellt bleibt, auch wenn keine aktuelle Gefahr droht.

Im Laufe der Zeit werden immer mehr Situationen als bedrohlich erlebt. Schließlich werden alle geschlossenen Räume, die man nicht jederzeit verlassen kann, gemieden (z.B. Bus, Lift, Kino, Kellergang).

Innerhalb kurzer Zeit kann sich aus der ersten Panikattacke eine ausgeprägte Platzangst entwickeln. In ähnlicher Weise wird auch die Angst vor Tieren, Aufzügen und vielen anderen Situationen bzw. Objekten gelernt.

Ich möchte dir zeigen, wie Helmut anlässlich einer Prüfung gelernt hat, sich vor seinen körperlichen Reaktionen zu fürchten. Unter dem Stress einer mündlichen Entscheidungsprüfung vor der Tafel schnürte sich seine Kehle zusammen, seine Stimme versagte und seine Hände begannen zu zittern. Von da an hatte er Angst, vor der Klasse zu sprechen, was vorher kein Problem war. Er meldete sich im Unterricht nicht mehr freiwillig zu Fragen der Lehrer, sondern musste zum Sprechen aufgefordert werden. Er legte sogar seine Funktion als Klassensprecher zurück und begründete dies mit der Ausrede, dass er sich nicht ständig wegen der Probleme der Mitschüler mit den Lehrern streiten möchte. Er fürchtete fortan jeden Auftritt, wo er im Mittelpunkt der Klasse stand.

Viele Angstsymptome entstehen durch Beobachtung von anderen Menschen: man schaut sich die Angst von anderen einfach ab.

Ein typisches, sicherlich extremes Beispiel für die rasche Übernahme körperlicher Angstreaktionen stellt die Ausbreitung folgender Symptome in einer britischen Mädchenschule dar: Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Kopfschmerzen, Kälteschauer, Übelkeit, Rücken- oder Unterleibsschmerzen, Hitzewallungen und allgemeine Erschöpfung.

In jeder Klasse wurden zuerst jene Schülerinnen von den Symptomen erfasst, die eine anerkannte Position innehatten und zu diesem Zeitpunkt bestimmte Probleme aufwiesen. Im Laufe der Zeit entwickelten zwei Drittel der 500 Schülerinnen Angstsymptome, ein Drittel musste sogar in das Krankenhaus eingeliefert werden.

Wenn die „Kelly Family“ auftritt, fallen an vielen Orten mindestens 400 Mädchen um. Dies ist nicht allein bedingt durch Kreislaufprobleme als Folge des langen Stehens vor Konzertbeginn und während der Veranstaltung, auch nicht nur durch einen geschwächten Körper durch zuwenig Trinken und Essen, sondern vielmehr auch durch die Beobachtung des Umfallens anderer und das vorherige Wissen aus Zeitschriften, wie viele Mädchen dabei umfallen.

Das Umfallen gerade in den ersten Reihen stellt auch den unbewussten Versuch dar, die besondere Aufmerksamkeit bestimmter Mitglieder der „Kelly Family“ zu erreichen. Man hat gelernt, was zu einem richtigen Fan gehört.

Auch wenn du die Vorgänge in der englischen Mädchenschule und bei „Kelly-Family“-Konzerten als „Massenhysterie“ bezeichnest, musst du erklären, wie diese Vorgänge ablaufen. Der Begriff des Modelllernens, d.h. des Lernens über Vorbilder (Modelle), ist die einfachste Erklärung dafür.

 

Untersuchungen haben gezeigt, dass in Familien, wo ein Elternteil unter Angstzuständen leidet, Kinder ebenfalls ängstlicher reagieren als Kinder aus anderen Familien.

 

Kinder haben bestimmte Angstreaktionen oft über familiäre Vorbilder gelernt. Die Beobachtung der Mutter kann zu der Auffassung führen, dass Schwindel gefährlich ist, weil sich die Mutter dabei stets niederlegt und schont. Die Herzprobleme des Vaters haben vielleicht schon mehrfach zu einem stationären Aufenthalt geführt, so dass jedes Herzrasen lebensbedrohlich erscheint.

 

       

Wie hast du deine Ängste gelernt?

 

Du kannst dich fragen, woher eigentlich deine Ängste kommen.

 

1.       Welche Ängste, Angstsymptome und Angstgedanken hast du im Elternhaus von welchem Familienmitglied übernommen?

 

 

 

 

2.       Welche Ängste hast du in der Schule bzw. am Arbeitsplatz gelernt?

 

 

 

 

3.       Welche anderen Einflüsse auf deine Ängste, Angstsymptome und Angstgedanken gibt es? 

 

 

 

 

 

 

WENN ERINNERUNGEN ANGST MACHEN

 

Wir würden nichts lernen, wenn wir die gemachten Erfahrungen nicht im Gedächtnis speichern könnten. Ohne Gedächtnis gibt es kein Lernen, aber auch keine Angstreaktion in einer Situation, die für uns schon einmal bedrohlich war. Die Speicherung von Erfahrungen im Umgang mit gefährlichen Situationen und damit auch die Speicherung von Angstreaktionen ist eine notwendige Bedingung für das Überleben jedes Menschen.

Diese Erkenntnis wurde durch Tierversuche bestätigt. Bei Tieren wurde ein bestimmter Teil des Gehirns entfernt, nämlich der Mandelkern, in dem die erlernten Angstreaktionen gespeichert werden. Da vergaßen die Tiere jene lebensbedrohenden Gefahren, denen sie vorher ausgesetzt waren. In freier Natur wäre dies ihr Tod gewesen.

 

Dein Gedächtnis, d.h. deine Erinnerungsfähigkeit an bedrohliche Situationen, kann dich einerseits vor Schaden bewahren, andererseits jedoch in deiner Lebensqualität schwer beeinträchtigen.

 

Die gemachten Erfahrungen werden in bestimmten Bereichen des Gehirns unauslöschlich gespeichert. Dabei gibt es nach neueren Erkenntnissen verschiedene Arten der Informationsspeicherung.

Im Bereich des limbischen Systems, das u.a. für unsere Gefühle und unser Gedächtnis zuständig ist, werden im Mandelkern die emotionalen Erfahrungen und im Hippocampus die faktischen Abläufe der Ereignisse gespeichert.

Der Mandelkern sorgt für eine sofortige emotionale und körperliche Reaktion des Menschen in akuten Gefahrensituationen, noch bevor unser spezifisch menschliches Gehirn eine Situation eindeutig als gefährlich bewertet hat.

Der Mandelkern bewirkt eine extrem schnelle und im Einzelfall lebensrettende Reaktion. Es handelt sich dabei jedoch um eine ungenaue und oftmals unnötig rasche Aktivierung, eben um die typische Schreckreaktion. Erst die genaue Analyse durch die Großhirnrinde führt zur Abklärung, ob etwas wirklich gefährlich ist. Bei tatsächlicher Gefahr hätte uns dieser zu langsame Mechanismus bereits das Leben gekostet.

 

Erlebnisse mit einer starken Erregung des Mandelkerns stellen besonders unauslöschliche Erinnerungen dar. Dies gilt für emotional positive Erlebnisse (z.B. Hochzeitstag) ebenso wie für emotional sehr belastende Erfahrungen (z.B. Verletzung, Unfall, Misshandlung, Vergewaltigung, Panikattacke).

 

Der Mandelkern ist wichtig zur Erinnerung an Situationen und Ereignisse, vor denen wir uns zurecht fürchten sollen. Der Mandelkern als Speicher der emotionalen Erinnerungen prüft und vergleicht die aktuellen Erfahrungen mit früheren Erlebnissen. Bei Ähnlichkeiten irgendwelcher Art wird sofort eine Kampf- oder Fluchtreaktion ausgelöst.

In Alltagssituationen haben diese biologischen Gegebenheiten oft belastende Auswirkungen. Wenn du bei einer mündlichen Mathematik-Prüfung vor der Tafel plötzlich Ohnmachtsgefühle und massives Herzrasen bekommst, wird dich dein Gedächtnis, d.h. dein Mandelkern, bei der nächsten Mathematik-Prüfung vermutlich wieder an diese Zustände erinnern.

In deinem Kopf ist nicht nur die Situation, sondern auch deine körperliche Reaktion in dieser Situation gespeichert. Die erlernte erhöhte Angstbereitschaft bezeichnet man - je nach Lernmechanismus - als „Konditionierung“ oder „Sensibilisierung“.

 

Gelernte Angstreaktionen kannst du am besten überwinden, indem du dich möglichst oft den gefürchteten Situationen stellst und positivere Bewältigungsreaktionen in deinem Gehirn einspeicherst. Diesen Vorgang nennt man „Gewöhnung“ oder „Habituation“.

 

Menschen mit Angstzuständen, die ihre unkontrollierbaren emotionalen Reaktionen in Angstsituationen als persönliches Versagen bewerten, streben oft das Ziel eines angstfreien Lebens an.

 

Das Verständnis für die Funktionsweise des Mandelkerns verhilft zu der Einsicht, dass die erste, biologisch gesteuerte Angstreaktion mit starker körperlicher Aktivierung (beschleunigter Herzschlag, Veränderung der Atmung, muskuläre Anspannung, flaues Gefühl im Magen usw.) in bedrohlich erscheinenden Situationen nicht verhindert werden kann. Durch eine andere Bewertung kann die Kampf- oder Fluchtreaktion hinterher jedoch leichter gestoppt und überwunden werden.

 

Mit diesen Ausführungen habe ich hoffentlich deine letzten Versuche entmutigt, deine Angst so in den Griff zu bekommen, dass du sie vollständig beseitigen kannst.

Deine Angstreaktion ist schon da, bevor du denken kannst. Und das ist gut so! Selbst wenn du durch ein überängstliches Denken deine Kampf- und Fluchtbereitschaft 100 mal unnötig auslöst, kann dies im 101. Fall lebensrettend sein.

Bei einer der verschiedenen Angststörungen stellt die plötzliche lebendige Wiedererinnerung an sehr schmerzvolle Erlebnisse das Hauptproblem dar. Bei der posttraumatischen Belastungsstörung drängen sich sehr bedrohliche Lebenserfahrungen (Verkehrsunfall, Großbrand, Vergewaltigung, Überfall usw.) ungewollt immer wieder so in das Bewusstsein, als ob die Ereignisse gegenwärtig stattfinden würden. Dies löst stets von neuem massive Angstzustände aus.

 

Vorhin habe ich dir vermittelt, dass dein Denken deine Angst erzeugt. Dies ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt auch zahlreiche angeborene und erlernte Angstreaktionen, die schon auftreten, bevor du überhaupt zum Denken gekommen bist. In deinem Gehirn ist gespeichert, was sich im Rahmen der Menschheitsentwicklung für unsere Art als gefährlich herausgestellt hat und was sich im Laufe deines Lebens für deine Person als bedrohlich erwiesen hat.

 

Die Angst vor der Dunkelheit ist ein Musterbeispiel für eine angeborene Angstbereitschaft. Unsere Vorfahren hatten noch kein elektrisches Licht und konnten daher in der Finsternis ihre Feinde nicht wahrnehmen. Wir fürchten uns auch heute noch oft in der Nacht trotz elektrischer Beleuchtung vor Orten, die wir tagsüber problemlos aufsuchen können.

 

Jedes Kind muss lernen, in seinem Zimmer mit der Angst vor der Dunkelheit zurechtzukommen. Viele Kinder benötigen bis zur Pubertät wegen ihrer Dunkelheitsängste in der Nacht eine kleine Lampe oder finden gar erst Ruhe, wenn sie in das Elternschlafzimmer kommen dürfen.

Die Dunkelheitsangst ist ein Beispiel dafür, wie eine angeborene Angst durch Erziehung und Selbsterziehung bewältigt werden kann, anders formuliert, wie Vererbung und Lernmechanismen zusammenspielen.

 

 

Wie macht dir dein Gedächtnis Angst?

 

Analysiere, wie deine Ängste mit deinem Gedächtnis zusammenhängen.

 

1.       Kannst du dich erinnern, was dir als Kind Angst gemacht hat? Was davon bestimmt auch heute noch dein Leben im Sinne einer Angstbereitschaft?

 

 

 

 

2.       Welche Angst machenden Erlebnisse kommen dir immer wieder unter, obwohl du dies gar nicht willst?

 

 

 

 

3.       Was tust du, wenn die angstvollen Erlebnisse aus früheren Zeiten immer wieder auftauchen?

 

 

 

 

 

 

STRESS MACHT ANGST, ANGST MACHT ANGST

 

Wenn du jemand fragst: „Wie geht es dir?“, bekommst du bestimmt öfters die Antwort „Ich bin voll im Stress“ oder „Mich stresst jetzt einfach alles“. Der Schulstress ist bei Schülern ein beliebtes Gesprächsthema. „Stress“ ist zu einem Modewort geworden.

Das Wort kommt aus dem Englischen und bedeutet „Belastung“. Stress ist die Reaktion, die dein Körper bei jeder Anforderung entwickelt.

 

Stress als körperliche oder seelische Beanspruchung ist eine normale und notwendige Reaktion. Nur ein Übermaß an Stress im Sinne einer Überforderung oder eines ohnmächtigen Ausgeliefertseins an belastende Umstände (Stressoren) kann deiner Gesundheit schaden. Umgangssprachlich wird Stress oft in diesem Sinn verstanden.

 

Stress entsteht nicht einfach nur aus dem Auftreten eines Stressors, sondern hängt auch von deiner Einstellung dazu ab. Das Gefühl der Kontrolle über deine Lebensbedingungen wirkt stressmindernd, das Gefühl der Nichtbeeinflussbarkeit und Machtlosigkeit wirkt stresserhöhend.

Am meisten wird dich wohl jener Stress überfordern, den du gerne kontrollieren möchtest, jedoch bei noch so viel Aufwand nicht kontrollieren kannst.

Angst und Stress stehen in engem Zusammenhang. Anhaltende Angst kann Stress erzeugen, wenn die Aktivierung deines Körpers zu keinem sinnvollen Handeln führt. Umgekehrt kann Stress deine vorhandene Angstbereitschaft verstärken, weil deine seelischen Abwehrkräfte erschöpft sind.

Angstzustände sind oft ein Signal des Organismus, dass die aktuellen Belastungen zu groß geworden sind. Panikattacken „aus heiterem Himmel“, d.h. plötzlich auftretende, massive körperliche Symptome ohne körperliche Ursachen, stellen sich bei näherer Betrachtung häufig als explosionsartige Entladung bei einer Fülle von oft lange aufgestauten Problemen heraus.

Die bei Erwachsenen, in zunehmenden Ausmaß auch bei Jugendlichen  auftretenden Panikattacken sind oft nur die Spitze eines Eisbergs.

 

Panikattacken lassen sich zumeist als dramatisch ablaufende Alarmreaktionen bei zuviel Stress erklären. Im Laufe der Zeit verselbständigt sich die Erfahrung einer Panikattacke als ständige Angst davor (Erwartungsangst), was die allgemeine Anspannung erhöht. Die Angst wird verstärkt durch die Unfähigkeit, sich die Symptome erklären zu können sowie durch die Hilflosigkeit im Umgang damit.

 

Du kannst eine (völlig ungefährliche) Panikattacke bekommen, wenn du in einer akuten oder schon lange andauernden Belastungssituation stehst.

Bei einem allgemein hohen Anspannungsniveau kann bereits eine alltägliche Stresssituation, die du in anderen Zeiten und Situationen problemlos bewältigen kannst, eine Panikattacke auslösen (z.B. eine kleine Verletzung).

Wenn du nur eine geringe allgemeine Anspannung aufweist, benötigt dein Körper eine hohe Stressbelastung, damit du eine Panikattacke bekommst (z.B. nach einem Autounfall) oder ein bestimmter Umstand dir plötzlich Angst macht (z.B. kannst du aufgrund verschiedener Anzeichen befürchten, dass sich deine Eltern trennen, deine Mutter krebskrank ist, dein Vater arbeitslos wird, dein Partner die Beziehung beendet, du die Schule nicht schaffst, ein Lehrer dich nicht mag und dich daher schlecht benotet).

Menschen mit Angst- und Panikzuständen haben gewöhnlich nicht mehr Stress zu bewältigen als die Durchschnittsbevölkerung, sie bewerten die Belastungen jedoch viel negativer. Sie können aufgrund ihres größeren Sicherheitsbedürfnisses, das oft mit bestimmten Lebenserfahrungen zusammenhängt, mit möglicher Bedrohung und Unsicherheit nicht gut umgehen.

 

Die häufigsten lebensbeeinträchtigenden Stressoren sind Krankheit, Tod, Trennungen, Beziehungsprobleme, schulische oder berufliche Überforderungen.

 

80% der Menschen mit Panikattacken oder Platzangst berichten von bestimmten Stressoren vor Ausbruch der Angststörung, sehen anfangs jedoch oft keinen Zusammenhang zwischen diesen Umständen und ihren Angstzuständen.

Das Auftreten der ersten Panikattacke wird oft begünstigt durch einen kurzfristig geschwächten Organismus (z.B. körperliche Erschöpfung, schwül-heißes Wetter).

Viele Personen mit Panikattacken waren früher keine ängstlichen Menschen. Am Beginn einer Panikstörung steht eine Panikattacke, die zumeist nicht durch Ängste ausgelöst wird, sondern durch Stress, unterdrückte Wut oder unverarbeitete Trauer.

Angst entwickelt sich oft erst später als Reaktion auf die unerwartet, unkontrollierbar und bedrohlich auftretenden Panikattacken.

 

Eine Panikattacke in einer sozialen Situation (z.B. bei einem Referat, nach einem Streit mit einem Schulkollegen) kann dazu führen, dass früher recht mutige Jugendliche plötzlich Situationen fürchten, die sie stets problemlos gemeistert haben (Antreten zu mündlichen Prüfungen, Tätigkeit als Klassensprecher, Aktivitäten mit Schulkollegen, Ausflüge mit Übernachtung).

 

Eine Überlastungsreaktion, die anderen oft gar nicht so richtig aufgefallen ist, führt plötzlich zu einer vollständigen Veränderung des Jugendlichen. Keiner weiß, was mit ihm los ist, nicht einmal der Hausarzt, denn keine körperliche Untersuchung hat einen auffälligen Befund erbracht. „Sei froh, dass du nichts hast“, werden die Betroffenen dann oft beruhigt.

 

 

Was kann dich stressen?

 

Finde heraus, wie Angst und Stress bei dir zusammenhängen könnten.

 

1.       Was sind deine ganz normalen Belastungen (Stressoren)?

 

In schulischer bzw. beruflicher Hinsicht

 

 

 

 

In familiärer Hinsicht

 

 

 

 

In privater Hinsicht

 

 

 

 

 

2.       Welche körperlichen Symptome sind bei dir in Überforderungssituationen schon aufgetreten?

 

 

 

 

3.       Was sind deine typischen Stresssymptome? Kannst Du vorhersagen, welche körperlichen Beschwerden Du bei Überforderung bekommen wirst?

 

 

 

 

 

 

FURCHTSITUATIONEN - KÄMPFEN, FLÜCHTEN, ERSTARREN

 

In Furchtsituationen haben Tiere und Menschen grundsätzlich vier Reaktionsmöglichkeiten:

 

1.       Kampf. Bei unentrinnbarer Gefahr wird der Körper zur Kampfreaktion mobilisiert, um die Bedrohung abzuwenden.

 

2.       Flucht. Das Fluchtverhalten besteht in einer schnellen motorischen Reaktion und sichert das Leben in einer akuten Gefahrensituation. Furcht im Sinne einer ausgeprägten Fluchtreaktion äußert sich in einer panikartigen Symptomatik.

 

3.       Bewegungslosigkeit und Erstarrung. Ein „Einfrieren“ der Bewegung tritt dann auf, wenn Kampf oder Flucht aus offensichtlicher Unterlegenheit unmöglich oder sinnlos sind. Viele Raubtiere greifen ihre Beute nur bei Bewegung an. Der Totstellreflex sichert in der Tierwelt das Überleben angesichts eines übermächtigen Feindes.

 

4.       Beschwichtigung durch Unterordnung. Im Rahmen einer Bedrohung durch die eigenen Artgenossen (z.B. bei Wölfen, Hunden, Menschenaffen) signalisieren Gesten der Unterlegenheit bei aussichtslosem Kampf dem stärkeren Tier die Anerkennung seiner Überlegenheit. Menschen mit sozialen Ängsten drücken durch ihr Verhalten (Wegschauen, niedergeschlagener Blick, Schweigen, Rückzug) ebenfalls ihre Unterlegenheit aus.

 

Unsere biologische Ausstattung stammt aus einer früheren Phase der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Damals waren Kampf oder Flucht die angemessensten Reaktionsweisen in Bedrohungssituationen. Körperliche Leistungsfähigkeit (Kraft, Schnelligkeit) galt als entscheidende Voraussetzung für das Überleben in Stresssituationen.

 

Derselbe körperliche Reaktionsmechanismus der Kampf- oder Fluchtphase läuft auch dann ab, wenn Situationen nur als bedrohlich vorgestellt werden. Der Körper unterscheidet nicht zwischen realen und vorgestellten Gefahren. Die Aktivierung des Körpers ist bereits bei der Vorstellung von Gefahren notwendig, um bei echter Bedrohung rasch reaktionsbereit zu sein.

 

Bei vielen Ängsten ist die körperliche Mobilisierung zu stark, weil keine Aktivität erforderlich ist. Die körperliche Aktivierung stellt vor allem dann eine Fehlsteuerung dar, wenn vorschnell und unberechtigt bestimmte Situationen als gefährlich eingeschätzt werden.

Es kommt zu einem körperlichen Anspannungszustand, der mangels Bewegung bestehen bleibt, sowie zum Aufbau von Energie und zur Beschleunigung von Stoffwechselvorgängen, was gar nicht erforderlich ist. Körperliche Betätigung (Sport) ist für Menschen mit Ängsten sehr wichtig und hilfreich.

Die Begriffe „Kampf“ und „Flucht“ sind in vielen Angstsituationen nicht wörtlich zu nehmen. „Kampf“ bezeichnet das Herangehen an die Angst auslösende Situation, „Flucht“ jede Art von Rückzug aus der belastenden Situation (dazu zählen auch Fluchtimpulse, nicht nur Weglaufen).

 

 

 

DIE ALARMREAKTION

 

Die verschiedenen Angst- und Stressreaktionen werden über Vermittlung höherer Zentren des Gehirns durch das vegetative Nervensystem gesteuert. Es regelt alle Vorgänge in unserem Körper ganz von allein, ohne unser willentliches Zutun.

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei gegensätzlich wirksamen Teilen, die durch ihr Zusammenspiel das vegetative Gleichgewicht des Körpers aufrechterhalten:

 

1.       Das sympathische Nervensystem ist zuständig für Aktivität und Leistung.

2.       Das parasympathische Nervensystem sorgt für Erholung, Entspannung und Energieaufbau, löst aber auch die Zustände bei einer plötzlichen Schreckreaktion oder einer späteren Erschöpfungsreaktion aus.

 

Akute Angst bewirkt eine kurzfristige, maximale Aktivierung des vegetativen Nervensystems. Man spricht dabei von einer „Alarmreaktion“ und unterscheidet zwei Phasen:

 

1.       die Schock- oder Schreckphase,

2.       die Kampf- oder Fluchtphase.

 

 

Schock- oder Schreckphase

 

Akute Bedrohung führt zuerst oft zu einer kurzen Schockphase, die umgangssprachlich als „Schrecksekunde“ bekannt ist. Das parasympathische Nervensystem bewirkt eine kurzfristige Reaktionsunfähigkeit.

 

Eine Schreckreaktion äußert sich als Kreislaufschwäche (Blutdruckabfall), Schwindel, Ohnmachtsangst, Atemnot, Zuschnüren der Kehle, Übelkeit, Harn- oder Stuhldrang, Durchfall, Magenkrämpfe, Muskelschwäche („weiche Knie“), Erröten, Tränenausscheidung oder Weinkrämpfe. In dieser Phase fühlst du dich wie gelähmt. Viele Menschen mit Angstzuständen bleiben in dieser Phase stecken.

 

Ein ohnehin niedriger Blutdruck kann bei einer Schreckreaktion ohne Bewegung noch weiter abfallen und Schwindelzustände bzw. Ohnmachtsängste auslösen, vor allem wenn du dich nicht bewegst. Das anschließende Herzrasen dient der Blutdrucksteigerung, wird jedoch oft, wenn diese Zusammenhänge nicht bekannt sind, als sehr Angst machende Erfahrung gefürchtet.

 

Die Schockphase ist bei Tier und Mensch durchaus recht sinnvoll:

 

l       Die Bewegungslosigkeit reduziert die Angriffslust eines Feindes und schützt anstelle einer geräuschvollen Flucht vor dem Entdeckt werden.

l       Bei massiven körperlichen Schäden wird das Überleben gesichert durch Vorbeugungsmaßnahmen gegenüber Verblutung (Blutdruckabfall, Hautgefäßverengung, Blutverdickung).

l       Alle Sinne sind auf das umfassende Erkennen der Gefahr gerichtet.

l       Kurzfristig werden alle Energien als Vorbereitung auf die Angriffsphase gesammelt. Rasche und unproduktive Reaktionen werden verhindert.

 

 

Kampf- oder Fluchtphase

 

Nach der Schreckreaktion wird dein Körper in der Kampf- oder Fluchtphase durch den aktivierenden Zweig des vegetativen Nervensystems, d.h. durch den Sympathikus, zu einer kurzfristigen Höchstleistung gebracht. Man spricht von einer „Bereitstellungsreaktion“, die den Körper sofort und maximal auf Kampf- oder Fluchtverhalten vorbereitet.

Dabei werden gleichzeitig alle momentan nicht benötigten Körpervorgänge gehemmt (Appetit, Verdauung, sexuelle Reaktion, Immunsystem, d.h. die Abwehr von Krankheiten), um kurzfristig alle Energien in den Dienst der Angstreaktion stellen zu können.

 

Angst führt zu einer vermehrten Ausschüttung der Stresshormone, die deinen Körper in vielfältiger Weise aktivieren. Die massive körperliche Aktivierung erfolgt durch zwei verschiedene Arten von Stresshormonen:

 

1.       Hormone des Nebennierenmarks (Adrenalin und Noradrenalin) bewirken bei akuter Angst bereits nach ½-1½ Minuten eine 3-4 Minuten dauernde massive Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Es handelt sich dabei um den bekannten Adrenalinstoß, der deinen Körper rasch in Schwung bringt.

 

2.       Hormone der Nebennierenrinde (Kortisol und Kortison) werden - zeitlich minimal verzögert und länger wirksam - bei anhaltender Angst aktiv. Auf diese Weise bewältigt dein Körper längere Angst- und Stresszustände.

 

Nach einigen Minuten lässt die Alarmwirkung aufgrund der Gewöhnung an die Angstsituation nach, d.h. dein Körper wird nicht mehr durch Adrenalin in eine körperliche und geistige Höchstspannung versetzt.

Menschen, die in bestimmten Situationen (Prüfung, Einkaufsbummel, Busfahrt usw.) eine plötzlich auftretende, massive körperliche Symptomatik, d.h. eine Panikattacke, erlebt haben, fürchten sich dennoch häufig vor dem Wiederauftreten dieser Zustände unter ähnlichen Bedingungen.

 

Wenn Angst und Stress über einen langen Zeitraum anhalten, arbeitet das sympathische Nervensystem weiter, während gleichzeitig auch das parasympathische Nervensystem aktiv wird, um Erholung und Energieaufbau sicherzustellen. Es kommt zu einer Störung der normalerweise gut eingespielten Teile des vegetativen Nervensystems, was sich in einer Fülle von Symptomen äußert. Es finden sich z.B. gleichzeitig Herzrasen und Durchfallsneigung.

 

Es kommt im Laufe der Zeit zu so genannten „funktionellen Störungen“. Die körperlichen Funktionen sind dabei nicht durch körperliche Ursachen, sondern durch Angst, Stress oder andere psychische Faktoren beeinträchtigt.

 

 

DEIN KÖRPER BEI ANGST

 

 

 

 

Auf den folgenden Seiten möchte ich dir die körperlichen Reaktionsabläufe bei Angstzuständen näher erklären, so dass du dich weniger davor fürchtest.

Viele Menschen, auch Jugendliche, entwickeln unnötige Ängste, wenn sie nicht wissen, was mit ihnen los ist. Mangelndes Wissen führt zu angststeigernden Erklärungsmustern, unnötigen Vermeidungsreaktionen (Ausweichen vor bestimmten Situationen) und übertriebenen Vorsichtsmaßnahmen (z.B. Beruhigungsmittel in der Tasche).

Wenn du um die Normalität dieser Vorgänge weißt, kann dies allein bereits deine Angst in bestimmten Situationen reduzieren. Du musst dich zumindest nicht mehr vor deinem eigenen Körper fürchten. Es kann auch sein, dass sich deine Eltern für die Biologie der Angst interessieren, wenn du öfters unter derartigen Zuständen leidest.

 

 

Das Herz schlägt schneller

 

Angst beschleunigt den Herzschlag, erhöht die Pumpleistung des Herzens und erweitert die Herzkranzgefäße. Dies führt zu einer Blutkreislaufsteigerung.

Das Blut wird bis zu 5 mal schneller durch den Körper gepumpt, stark mit Sauerstoff und Nährstoffen (besonders Zucker) angereichert und zu den Skelettmuskeln transportiert, um den Körper auf Kampf oder Flucht vorzubereiten.

Der Puls kann von durchschnittlich 70 Schlägen auf 180 und mehr pro Minute ansteigen, das Schlagvolumen des Herzens (Blutauswurf der linken Herzkammer in den Körper) kann sich verdoppeln.

Das rasche Umschalten auf Beschleunigung oder Verlangsamung des Herzschlags kann zu einer vorübergehenden, völlig ungefährlichen Rhythmusstörung führen. Bei akuter Angst schlägt das Herz plötzlich schneller, bei rascher Beruhigung macht es einen  „Aussetzer“ zur Verlangsamung.

Starke Angst kann auch eine psychisch bedingte Verkrampfung der Herzkranzgefäße bewirken, die trotz ihrer Dramatik unbedenklich ist. Es kommt aufgrund der verminderten Durchblutung und unzureichenden Sauerstoffzufuhr zum Herzen zu starken Schmerzen im Brustbereich und damit zu ähnlichen Zuständen wie bei einer bestimmten körperlichen Krankheit (Angina pectoris).

Bei vielen Menschen mit Angstzuständen löst starkes Herzrasen massive Angst vor einem Herzinfarkt aus. Diese Angst ist völlig unbegründet. Ein Herzinfarkt entsteht durch einen Verschluss der Herzkranzgefäße, wodurch das dahinterliegende Gewebe abstirbt. Ein derartiger Zustand kann durch Herzrasen weder bewirkt noch verhindert werden.

Herzrasen bei körperlicher Betätigung kommt jedem normal vor, in Ruhe wird es dagegen gefürchtet, weil es unerklärlich erscheint. Massives Herzrasen kann allein durch psychische Faktoren (Angst, Ärger, Wut) ausgelöst werden.

Wenn du öfters Herzklopfen, Herzrasen, Herzstolpern, Stechen, Schmerzen oder Engegefühle in der Brust erlebst, kann dies mit Angst, Stress, Ärger oder Wut zusammenhängen, auch wenn du denkst, dass dies nur eine körperliche Ursache haben kann.

 

 

Der Blutdruck steigt

 

Angst erhöht den Blutdruck durch die beschleunigte Herztätigkeit und durch die Verengung der kleinen arteriellen Blutgefäße der Haut. Bei ständiger Angst kann man aufgrund der Blutdrucksteigerung nicht ohnmächtig werden, obwohl dies oft gefürchtet wird.

Die Ohnmachtsangst stammt von einer anfänglichen Schreckreaktion, insbesondere bei niedrigem Blutdruck und fehlender Bewegung, die durch einen Adrenalinstoß rasch überwunden wird.

Bei extremer Angst oder Wut kann der Blutdruck (erster Wert) bis auf 230 ansteigen, was die Betroffenen sehr besorgt macht. Bei anhaltenden Angst- und Stresszuständen kann der zweite Blutdruckwert deutlich über dem kritischen Wert von 90 liegen, ohne dass eine körperliche Ursache besteht.

Wenn du gelegentlich unter pulsierenden Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen und Kribbeln in Armen und Beinen leidest, kann dies mit einer angst- oder stressbedingten Blutdrucksteigerung zu tun haben.

 

 

Das Blut verteilt sich anders

 

Durchblutungsveränderungen im Körper dienen dem aktuellen Bedarf an Sauerstoff und Nährstoffen. Bei Angst erfolgt eine Erhöhung der Durchblutung durch die Erweiterung der Blutgefäße in den Organen, die in Gefahrensituationen für das Überleben besonders wichtig sind (Herz, Lunge, Leber, Skelettmuskulatur, vor allem die großen Muskeln wie z.B. Bizeps und Oberschenkeln).

Die Durchblutung jener Organe, die für die momentane Tätigkeit nicht unbedingt nötig sind (Magen, Darm, Nieren, Haut, Schleimhäute, Geschlechtsorgane), wird dagegen durch Verengung der Gefäße reduziert.

Wenn du öfters eine kalte und blasse Haut, kalte oder kribbelige Hände bzw. Füße oder Magen-Darm-Störungen (Bauchschmerzen, Nachlassen von Appetit und Verdauungstätigkeit) erlebst, kann dies durch Angst oder Stress bedingt sein.

Angst- und Fluchtgedanken bewirken eine vermehrte Blutzufuhr zur Muskulatur. Wenn die Fluchtreaktion unmöglich ist oder unterdrückt wird, staut sich das Blut in der Muskulatur und fließt nur ungenügend zum Herzen zurück.

Wenn du in Situationen, wo du nicht entkommen kannst, Schwindel und Ohnmachtsgefühle entwickelst, kann dies mit der Hemmung des Fluchtreflexes zusammenhängen.

In geringem Ausmaß ist anfangs auch die Durchblutung des Gehirns von der Umverteilung des Blutes in Richtung der arbeitenden Muskulatur betroffen. Aufgrund der Sauerstoffunterversorgung erlebt man dies als Schwindel, Ohnmachtsneigung und mangelnde Denkfähigkeit („leerer Kopf“). Voraussetzung dafür ist eine Unbeweglichkeit bei aufrechter Haltung. Durch Bewegung wird dieser unangenehme Zustand rasch beseitigt.

Wenn du bei einer Prüfung angstvoll einige Zeit regungslos stehen bleibst, kannst du plötzlich das Gefühl einer Ohnmachtsneigung bekommen. In diesem Fall solltest du dich ein wenig bewegen, und der ganze Spuk ist vorbei.

Auch Reden kann helfen, dass du rasch wieder das Gefühl bekommst, ganz da zu sein.

 

 

Die Atmung wird intensiver

 

Bei Angst wird die Atmung schneller und intensiver, um mehr Sauerstoff aufnehmen zu können. Sauerstoff ist die Verbrennungsenergie des Körpers und ermöglicht alle Stoffwechselvorgänge.

Atem- und Herzrhythmus sind eng miteinander verbunden. Gefühlszustände wie Angst oder Wut führen zu einer Intensivierung der Atmung sowie auch zu einer Beschleunigung des Herzschlags, um den vermehrt aufgenommenen Sauerstoff über den Kreislauf zu den Organen weiterzubefördern.

Während gesunde Menschen in Ruhe 14-15 Atemzüge pro Minute aufweisen, findet man bei Menschen mit Angstzuständen oft die doppelte Anzahl. Die Betroffenen atmen häufig zuviel durch den Mund und entwickeln dadurch eine zu starke Brustatmung. Die richtige und ruhige Atmung sollte über die Nase und das Zwerchfell („Bauchatmung“) erfolgen.

In Angst- und Paniksituationen erfolgt oft eine zu rasche und zu flache Atmung. Der Brustkorb hebt und senkt sich rasch, während die Bauchatmung vernachlässigt wird. Bei einer derartigen „Hyperventilation“ wird über den Mund zuviel Sauerstoff eingeatmet und zuviel Kohlendioxid ausgeatmet. Dieses Ungleichgewicht wird noch dadurch verstärkt, dass der aufgenommene Sauerstoff mangels Bewegung nicht in Kohlendioxid umgewandelt wird.

Der Kohlendioxidabfall im Körper führt zu einem Mangel an Kalzium im Blut, was eine Verkrampfung der Muskeln bewirkt. Die Muskelanspannung verengt die Blutgefäße. Es kommt zu Kribbelempfindungen, Taubheitsgefühlen oder krampfartigen Zuständen in den Lippen, Händen und Füßen sowie zu Druck- und Engegefühlen im Brust- und Halsbereich. Die Betroffenen haben Angst zu ersticken und hyperventilieren noch stärker, wodurch das Problem verschärft wird. Weiters können u.a. folgende Symptome auftreten: Herzrasen, Übelkeit, Bauchbeschwerden, Sehstörungen.

Die Hyperventilation bewirkt auch eine Verkrampfung der Blutgefäße im Gehirn, wodurch die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn beeinträchtigt wird. Dies führt zu Schwindel, Ohnmachtsangst, Unwirklichkeitsgefühlen, Konzentrationsstörungen und Denkblockaden, was die Angst verstärkt. Bei normaler oder verlangsamter Atmung verschwinden alle Symptome sofort.

Starke Angstzustände oder massiver Ärger über den Partner, einen Elternteil oder Lehrer können zu einer derartigen „Überatmung“ führen.

 

 

Die Kehle schnürt sich zusammen

 

Bei einer Schreckreaktion verkrampft sich der oberste Teil der Speiseröhre. Dies bewirkt ein Engegefühl im Hals, wie wenn ein Fremdkörper im Rachen stecken würde. Das Gefühl, einen Knödel im Hals zu haben, führt zu häufigem Schlucken. Im Extremfall kann ein angstmachendes Erstickungsgefühl auftreten. Trinken oder Essen beseitigt das Engegefühl im Hals sofort.

Wenn du ein plötzliches Zuschnüren der Kehle erlebst, kann es sich dabei um ein Angstsymptom handeln. Du weißt schon, dass „Angst“ von der lateinischen Wortwurzel her auf das „Zuschnüren der Kehle“ hinweist.

 

 

Der Mund wird ganz trocken

 

Angst vermindert den Speichelfluss. Dies ist bedingt durch die Hemmung von Appetit und Verdauung in akuten Angst- und Stresssituationen.

Wenn du öfter einen trockenen Mund oder einen dickflüssigen Speichel hast, kann dies mit Angst oder Stress zusammenhängen. Die Mundtrockenheit kann aber auch von einer übermäßigen Atmung durch den Mund stammen.

 

 

Die Muskeln spannen sich an

 

Angst bewirkt eine Anspannung der Skelettmuskulatur, um bei möglicher Gefahr rasch reagieren zu können. Häufige Fehlalarmierung führt zu ständiger Muskelverspannung und Müdigkeit. Eine hohe Muskelanspannung äußert sich in Zittern und Unruhe, solange keine Bewegung erfolgt.

Die Anspannung der Beine zeigt sich oft in einem unsicheren Stand, was als Schwankschwindel erlebt wird. Die Verspannung der Muskulatur wird dem Gleichgewichtszentrum im Stammhirn rückgemeldet, wo eine Gleichgewichtsstörung ausgelöst wird mit dem Ziel, eine bessere Haltung einzunehmen.

Wenn du dich oft angespannt fühlst, kann dies Ausdruck von Angst oder Stress sein. Die Muskelanspannung kann sich äußern als ständiges Auf-dem-Sprung-Sein, motorische Unruhe, Nervosität, Zittern der Hände und Beine, Beben des ganzen Körpers, Anspannung der Kopf-, Kiefer-, Rücken-, Brust- und Schulter-Nacken-Muskulatur, Standunsicherheit und Muskelschmerzen.

 

 

Außen kalt - innen heiß

 

Angst erhöht die Temperatur im Körperinneren als Folge der verstärkten Stoffwechselprozesse und vermindert die Hauttemperatur durch die Verengung der Blutgefäße der Haut. Nach der Alarmreaktion erweitern sich die Hautgefäße, um die Wärme an die Umwelt abzustrahlen.

Wenn Angst oder Stress dich längere Zeit aufgewühlt haben, ist es ganz normal, dass deine Haut dann rot und heiß wird, nachdem sie anfangs vor Schreck vielleicht ganz blass und kalt war.

 

 

Kalter Schweiß auf Stirn und Händen

 

Angst und Stress erhöhen die Schweißdurchlässigkeit der Haut. Schweiß verbessert die Leitfähigkeit der Haut und damit die Reaktionsgeschwindigkeit. Der Anstieg der Hautleitfähigkeit ist ein beliebtes Maß für die Erregung durch das sympathische Nervensystem. Angstgefühle führen innerhalb von 1-4 Sekunden zum Absinken des Hautwiderstands.

Schweiß ist das Kühlsystem des Körpers. Er wirkt ähnlich wie das Kühlwasser beim Auto. Es gibt einen kalten und einen warmen Schweiß.

Bei Angst tritt ein kalter und klebriger Schweiß auf. Die Schweißdrüsen sondern vermehrt Schweiß ab zur Kühlung des vermeintlich hart arbeitenden Organismus. Der Schweiß trifft jedoch auf kalte Haut, bedingt durch die verminderte Durchblutung der Blutgefäße der Haut bei akuter Angst, wo er sofort kalt wird. Wegen der kalten, schweißigen Hände wird ein Händedruck oft vermieden.

Wenn du das Gefühl von kaltem Schweiß auf der Stirn oder von kalt-schweißigen Händen erlebst, kann dies Ausdruck von Angst sein.

 

 

Beschleunigter Stoffwechsel

 

Der Stoffwechsel umfasst alle chemischen Vorgänge im Inneren des Körpers, in jeder lebenden Zelle. Sauerstoff verbrennt in den Körperzellen Nährstoffe, wodurch diese nutzbar gemacht werden.

Angst beschleunigt die Stoffwechselvorgänge. In der Alarmphase erfolgt über die Hormone des Nebennierenmarks (Adrenalin und Noradrenalin) der Abbau vorhandener Energie.

Später erfolgt über die Hormone der Nebennierenrinde (insbesondere Kortisol) der Aufbau und die Preisgabe neuer Energien. Gleichzeitig bewirkt die verstärkte Freisetzung von Schilddrüsenhormonen eine Beschleunigung der Stoffwechselprozesse durch eine raschere und verstärkte Sauerstoffaufnahme in die Zellen.

Wenn du einen längeren Zustand von Angst oder Stress erlebst, ist es ganz normal, dass du dich durch den erhöhten Energieverbrauch oft heiß und erhitzt und hinterher oft müde und ausgelaugt fühlst.

 

 

Der Blutzuckerspiegel steigt

 

Glukose (Traubenzucker) ist der Treibstoff, mit dem der Körper läuft. Zuckerüberschüsse sind in der Leber gespeichert, um bei Bedarf darauf zurückgreifen zu können.

Angst bewirkt eine vermehrte Produktion von Insulin, das den Zucker abbaut. Es wird vermehrt Zucker in das Blut ausgeschüttet, so dass der Blutzuckerspiegel steigt.

Oft wird zuviel Insulin ausgeschüttet. Dies führt dazu, dass die verfügbare Glukose schnell aufgebraucht wird und der Blutzuckerspiegel stark absinkt.

Bei ungesunder bzw. mangelhafter Ernährung (Hungerkuren), stressbedingter Appetitlosigkeit und ständiger Angst können die typischen Symptome einer Unterzuckerung auftreten, die der Körper durch einen Adrenalinschub zu bewältigen versucht. Dies kann vorhandene Angstzustände verstärken.

Unterzuckerung als Folge des vermehrten Zuckerabbaus in Angst- und Stresssituationen äußert sich als Herzrasen, Blutdrucksenkung, Schwindel, dumpfe Kopfschmerzen, kalter Schweiß, inneres Zittern, innere Unruhe, blasse Haut, kalte Hände und Füße, Übelkeit, Magenkrämpfe, Angstzustände, Müdigkeit, Bewegungsstörungen, Muskelschwäche und Bewusstseinsstörungen.

Wenn es dir in Angst- und Stresssituationen den Appetit verschlägt (z.B. vor einer schweren Prüfung), dann kannst du aufgrund von Zuckermangel innerlich ganz zittrig werden und dich insgesamt körperlich recht unwohl fühlen.

Als Soforthilfe sind mehrere Stück Dextroenergen anzuraten, länger wirksam ist ein Stück Vollkornbrot oder Obst.

Eine ausgewogene Ernährung ist sehr wichtig. Ein gutes Frühstück vor einer Prüfung stärkt nicht nur deinen Körper, sondern auch deinen Geist. Denke daran, wenn du vor lauter Aufregung sagst: „Ich bringe nichts hinunter.“

 

 

Appetit und Verdauung lassen nach

 

Angst verringert die Verdauungsvorgänge. Die Magen- und Darmtätigkeit wird gehemmt, die Muskelspannung der Speiseröhre lässt nach, die Magensäure ist vermindert, die Gefäße der Verdauungsorgane sind verengt. Auf diese Weise wird Energie gespart und der Körper kurzfristig ganz auf die Kampf- oder Fluchtreaktion vorbereitet. 

Dieser Zustand äußert sich oft in Oberbauchbeschwerden (Appetitlosigkeit, Unwohlsein, Schlechtwerden, Völlegefühl, Magenschmerzen, Erbrechen, Aufstoßen, Sodbrennen) und Unterbauchbeschwerden (Durchfall, Verstopfung, Reizdarm: Wechsel von Durchfall und Verstopfung).

Das berühmte flaue Gefühl im Magen hängt ebenfalls mit der mangelnden Durchblutung im Verdauungstrakt zusammen.

Bauchweh und Übelkeit gehören bei Schülern zu den häufigsten Symptomen. Dies steht oft in Verbindung mit Ängsten (z.B. mit Schulangst).

Wenn du öfters unter Bauchschmerzen leidest, ohne dass eine körperliche Ursache gefunden wurde, kann dies durch Angst oder Stress bedingt sein.

 

 

Blase und Darm spielen verrückt

 

In der Schreckphase sowie in der Erschöpfungsphase nach einem längerem Angst- oder Stresszustand werden die Ausscheidungsorgane aktiviert. Es kommt zu Harndrang oder tatsächlichem Harnverlust sowie zu Stuhldrang oder Durchfall. Es besteht das Gefühl, „gleich in die Hose zu machen“.

Wenn du ständig aufs Klo gehen musst, einmal klein und einmal groß, obwohl du weißt, dass dies eigentlich unnötig ist, weil du erst kürzlich warst, kann dies einen angstbedingten Anspannungszustand ausdrücken.

 

 

Die Augen machen Probleme

 

Angst erweitert die Pupillen, um mehr Licht durchzulassen. Dies macht die Augen lichtempfindlicher und vergrößert das Sehfeld. Eine vergrößerte Pupille, d.h. größere Blende wie beim Fotoapparat, verringert die Schärfentiefe und erhöht die Möglichkeit, unterschiedliche Entfernungen besser voneinander zu unterscheiden. Bedrohliche Objekte können besser wahrgenommen werden. Subjektiv kann sich dies in Sehstörungen äußern (verschwommenes Sehen, Pünktchen vor den Augen).

Angst führt weiters zur Abflachung der Augenlinsen. Die infolgedessen geringere Brechkraft (größere Brennweite) ermöglicht eine verbesserte Fernsicht. Objekte in 3-10 Meter Entfernung werden besonders gut wahrgenommen.

Wenn du öfters das Gefühl hast, nicht gut zu sehen, soweit es die Nahsicht betrifft (z.B. beim Lesen und Schreiben), obwohl der Augenarzt alles in Ordnung findest, kann dies durch Angst oder Stress verursacht sein.

Du solltest vielleicht auch wissen, dass verschiedene Sehstörungen (Schwarzwerden vor den Augen, Flimmern, Sternchensehen) oft nicht mit dem aktuellen Zustand der Pupillen und der Augenlinsen zusammenhängen, sondern mit Durchblutungsstörungen als Folge einer anspannungsbedingten Mangeldurchblutung des Augenhintergrundes.

 

 

Lästiger Schwindel

 

Schwindelgefühle gehören zu den lästigsten Angstsymptomen. Der Angstschwindel ist ein diffuser Schwindel, häufig erlebt als Benommenheit, Ohnmachtsangst, Unsicherheit beim Stehen und Gehen, Schwanken des Bodens, Schweben wie auf Wolken. Es handelt sich meistens nicht um einen Drehschwindel, sondern um einen Schwankschwindel.

Wenn die Schwindelgefühle nicht mit Kreislaufproblemen, insbesondere niedrigem Blutdruck, zusammenhängen, sind sie oft bedingt durch eine Verspannung der Schulter-Nacken-Muskulatur oder eine Versteifung der Beine aus Angst vor dem Umfallen. Derartige Anspannungen führen zu Gleichgewichtsstörungen.

Schwindelgefühle sind oft der Grund, warum man nichts mehr alleine unternimmt, und zwar aus der unberechtigten Angst vor einem Ohnmachtsanfall.

 

 

Wie reagiert dein Körper bei Angst?

 

Ich stelle dir einige Aufgaben zur Thematik „Angst und Körpersymptome“.

 

1.       Finde Redewendungen, die körperliche Symptome bei einem Angstzustand zum Ausdruck bringen. 

 

 

 

 

2.       Mit welchen Redewendungen lassen sich deine Angstsymptome am besten beschreiben?

 

 

 

 

3.       Erinnere dich an den bisher ärgsten Angstzustand und beschreibe die aufgetretenen körperlichen Symptome.

 

 

 

     

4.       Erstelle eine Liste jener körperlichen Symptome, die du in Angstsituationen besonders fürchtest, und reihe diese nach dem Ausmaß der Belastung.

 

 

 

 

5.       Erkläre Deine körperlichen Angstsymptome mit Hilfe der Ausführungen in diesem Buch.

 

 

 

 

6.       Hast du körperliche Angstsymptome schon so unangenehm erlebt, dass du sie zu vermeiden versucht hast? Welche Tricks wendest du dabei an?

 

 

 

 

 

 

KRANK VOR ANGST

 

Krankhafte Ängste werden als „Angststörungen“ bezeichnet. Unter folgenden Bedingungen wären deine Ängste krankhaft:

 

l       Du bist keiner realen Bedrohung ausgesetzt.

l       Du leidest auch nach Beseitigung einer realen Bedrohung darunter.

l       Du leidest zu lange und zu stark darunter.

l       Du kannst das Auftreten und das Ausmaß der Angst nicht kontrollieren.

l       Du erlebst belastende körperliche Symptome.

l       Du entwickelst ausgeprägte Erwartungsängste (Angst vor der Angst).

l       Du findest keine Erklärungsmöglichkeiten zur Beruhigung.

l       Du vermeidest Angst machende, objektiv ungefährliche Situationen.

l       Du schränkst dein schulisches, berufliches und soziales Leben ein.

l       Du gibst wichtige Aktivitäten zur Bereicherung deines Lebens auf.

 

Gewöhnlich wird zwischen Angst und Furcht unterschieden:

„Angst“ bezeichnet das Gefühl einer unbestimmten, gegenstandslosen Angst (krankhaft früher als „Angstneurose“ bezeichnet).

„Furcht“ besteht aus der Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen (krankhaft als „Phobie“ bezeichnet).

 

Krankhafte Ängste können unter drei Bedingungen auftreten:

 

1.       Die Bedrohungseinschätzung ist falsch. Ein Beispiel ist die Fehleinschätzung von wenig oder nicht bedrohlichen Umständen als sehr bedrohliche Gegebenheiten (z.B. bei Phobien).

2.       Die Alarm- oder Bedrohungsstrukturen selbst sind gestört, d.h. es liegen Krankheitsprozesse des Gehirns vor. Ein Beispiel ist die spontane und anfallsweise Angst (z.B. Angstattacken bei einer Epilepsie).

3.       Das Warnsignal Angst klingt nicht ab. Es erfolgt keine Gewöhnung, sondern im Gegenteil ein Ausufern der Angst und Erregung. Ein Beispiel ist die posttraumatische Belastungsstörung mit anfangs angemessener, später immer mehr ausufernder Angst.

 

 

Angststörungen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen.

 

Angststörungen stellen bei Frauen die häufigste, bei Männern nach der Alkoholabhängigkeit die zweithäufigste psychische Störung dar.

 

Nach einer aktuellen Befragung von 3021 14-24jährigen in München-Stadt und -Land haben 14,1% im Laufe ihres noch kurzen Lebens eine Angststörung erlebt, und zwar in folgender Verteilung: 3,5% Panikstörung, 5,3% Platzangst (Agoraphobie), 5,1% generalisierte Angststörung, 11,3% spezifische Phobie, 7,6% soziale Phobie.

 

Nach einer repräsentativen Erhebung in der BRD bei 3000 Personen weisen 8,8% der Deutschen aktuell (innerhalb der letzten sieben Tage) eine behandlungsbedürftige Angststörung auf. Davon sind zwei Drittel Frauen. Das Ausmaß der Angststörungen in der Bevölkerung, vor allem auch bei jungen Menschen, rechtfertigt vorbeugende Aktionen.

Wenn Angstzustände nicht bewältigt werden können, entstehen daraus oft weitere Probleme wie z.B. depressive Erschöpfungszustände, Missbrauch von Alkohol oder Beruhigungsmitteln, soziale, familiäre, schulische oder berufliche Schwierigkeiten.

 

 

PANIKATTACKEN - DIE ANGST AUS HEITEREM HIMMEL

 

Sabine - Eine Panikattacke bewirkt Todesangst

 

Die 17jährige Sabine war gerade bei der schwülen Mittagshitze in einer voll gestopften Linzer Straßenbahn von der Schule nach Hause unterwegs, als sie im Stehen plötzlich von einem massiven Schwindelgefühl überrascht wurde. Ihre Knie wurden weich, ihr Herz begann zu rasen, ein Hitzegefühl stieg vom Bauch bis zu ihrem Kopf, auf der Stirn spürte sie einige Schweißperlen. Sie glaubte, sie würde sofort ohnmächtig umfallen. Gleichzeitig entwickelte sich eine massive Übelkeit. Ihre Kehle schnürte sich zusammen, so dass sie an Luftmangel litt und verstärkt mit dem Mund zu atmen begann. Doch dadurch wurde alles nur noch schlimmer, vor allem verspürte sie einen starken Druck auf der Brust, der ihre Todesangst verstärkte. Regungslos stand sie da, inmitten einer großen Zahl von Schülern, die das ganze Geschehen gar nicht bemerkten. Sie konnte erst nach zwei Stationen die Straßenbahn fluchtartig verlassen, als eine größere Zahl von Schülern vor ihr ausstieg. Auf dem restlichen Weg, den sie auf wackeligen Beinen nach Hause zurücklegte, wurde ihr bald besser, erleichtert durch den Schatten der Bäume und einen leichten Lufthauch. Zu Hause erzählte sie alles ihrer Mutter, die ihr riet, sich niederzulegen, um ihren Kreislauf zu beruhigen.

Zwei Tage später ging Sabine abends wie immer zu Bett. Weil es noch ungewöhnlich warm war, konnte sie nicht sofort einschlafen. Sie begann über die Ereignisse in der Straßenbahn nachzudenken. Plötzlich begann ihr Körper in ähnlicher Weise zu rebellieren wie in der Straßenbahn. Sie lief aufgeregt in das Wohnzimmer und verhielt sich so auffällig, dass ihre Mutter den Notarzt alarmierte. Als dieser ankam, war Sabine bereits ruhiger. Er untersuchte sie und fand nichts Besonderes bis auf einen erhöhten Puls von 95. Weil sich nun die Eltern große Sorgen zu machen begannen und mit der Verdachtsdiagnose „Panikattacken“ nicht zufrieden waren, riet der Arzt zu einer stationären Durchuntersuchung. Sabine und ihre Eltern waren beruhigt, als im Krankenhaus kein auffälliger Befund erhoben werden konnte.

      Nach vier Monaten fuhr Sabine frühmorgens mit der Straßenbahn in die Schule, als ihr plötzlich schlecht wurde, obwohl sie diesmal einen Sitzplatz bekommen hatte. Sie entwickelte sofort die Befürchtung, dass nun bald auch alle anderen bekannten Symptome auftreten würden und verließ bei der nächsten Station eilig die Straßenbahn in dem Gefühl, einer starken Panikattacke gerade noch rechtzeitig entkommen zu sein. Sie rief bei der nächsten Telefonzelle ihre Mutter an, sie mit dem Auto nach Hause zu bringen, obwohl ihr in der Schule eine wichtige Schularbeit bevorgestanden wäre, deretwegen sie tagelang viel gelernt und aus Stress kaum etwas gegessen hatte. Am Morgen konnte sie nicht einen einzigen Bissen der Semmel hinunterwürgen, obwohl ihr die Mutter geraten hatte, etwas zu essen.

      Von diesem Zeitpunkt an änderte sich das Leben von Sabine radikal. Sie entwickelte eine Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln und musste täglich von der Mutter mit dem Auto in die Schule gebracht werden. Ihre Erwartungsängste vor einer Panikattacke uferten derart aus, dass Sabine zwei Wochen später nicht am Schulausflug nach Wien teilnahm, weil sie sich vor Straßenbahnen und U-Bahnen fürchtete. Als sie in den Sommerferien auch nicht am bereits gebuchten Urlaubsflug in die Türkei teilnehmen wollte, vereinbarten die Eltern einen Termin beim Hausarzt, der ihr das Beruhigungsmittel Xanor® verschrieb, das bei Panikattacken bevorzugt eingesetzt wird.

Sabine verbrachte im Vertrauen auf die Wirksamkeit des Medikaments einen wunderschönen Urlaub am Meer. Sicherheitshalber wollte Sabine dieses Medikament auch zu Hause weiterhin einnehmen, womit ihre Eltern jedoch nicht einverstanden waren. Der Hausarzt hatte nämlich vor einer längeren regelmäßigen Einnahme gewarnt, weil dieses Medikament - noch schneller als verschiedene andere Beruhigungsmittel - nach anfänglich ausgezeichneter Wirkung rasch zur Abhängigkeit führt. Jedenfalls sollte sie das Mittel nicht länger als 4-6 Wochen regelmäßig einnehmen.

Sabines Eltern erkundigten sich nach einem Psychotherapeuten, der sich auf die Behandlung von Panikattacken spezialisiert hatte. Noch in den Sommerferien begann eine verhaltenstherapeutisch orientierte Psychotherapie mit dem Ziel, die gefürchteten Panikattacken besser bewältigen zu lernen. Denn Sabine hatte angekündigt, sie könne sich einen Schulbesuch im Herbst nur mit Hilfe von Xanor® vorstellen.

      Zu Beginn der Therapie wurden Sabine und ihre Eltern über Panikattacken genauestens informiert. Der Therapeut empfahl ihnen auch das ausgezeichnete Taschenbuch des schottischen Psychiaters Baker mit dem Titel „Wenn plötzlich die Angst kommt. Panikattacken verstehen und überwinden“.

Im Rahmen einer anschließenden Einzeltherapie im Ausmaß von nur 8 Sitzungen, abgeschlossen durch einen zwei Monate später erfolgten Kontrolltermin, lernte Sabine mit ihrer Angst vor Panikattacken so umzugehen, dass sie ihre frühere Bewegungsfreiheit und Zuversicht wiedergewann.

In der Therapie erwiesen sich bestimmte körperliche und seelische Aspekte als panikerzeugend. Sabine war zwar körperlich gesund, sie hatte jedoch einen niedrigen Blutdruck. Dieser stellte für sie bisher kein Problem dar, dürfte jedoch beim schwülen Wetter vermutlich noch stärker abgesunken sein. Vielleicht spielte auch mit, dass sie gerade die Regel hatte. Die fehlende Bewegungsmöglichkeit in der dicht gefüllten Straßenbahn, aber auch die spätere Angst, bei Bewegung umzufallen, zwangen das Herz, möglichst rasch zu pumpen, um den Blutdruck zu heben und eine ausreichende Versorgung des Gehirns mit Blut und Sauerstoff zu gewährleisten. Die Angst vor diesem sinnvollen, für Sabine jedoch unverständlichen Herzrasen in einer Ruhesituation hatte erst recht das Herz auf Touren gebracht.

Weiters wurde herausgearbeitet, dass sich bei Sabine jeder Stress auf den Magen schlägt und ihr sofort jeder Appetit vergeht. Eine unzureichende Ernährung kann zu einem Abfall des Zuckerspiegels gerade in Situationen führen, wo Zucker als Treibstoff des Körpers dringend benötigt wird.

Von der Persönlichkeit her ist Sabine ein sehr ehrgeiziges Mädchen. Sie ist eine gute Schülerin und will immer ihr Bestes geben. Bei Prüfungsvorbereitungen kann sie nicht abschalten und nicht - wie andere Schülerinnen - auch vergnügliche Dinge unternehmen. Für die Zukunft wurden andere Lernstrategien vereinbart. Sie wurde auch darauf hingewiesen, im Einzelfall genau zu unterscheiden, ob sie wirklich immer wegen des Interesses am jeweiligen Gegenstand so viel lernt oder ob gute Noten eine übermäßige Bedeutung zur Sicherung ihres Selbstwertgefühls erlangen.

So wie Sabine durch ihren hohen Lerneinsatz den schulischen Erfolg sicherstellen will, möchte sie auch ihren Körper nach ihren Vorstellungen formen. Sie isst kein Gramm zuviel, um ihre gute Figur zu erhalten, und genießt jede Form von sportlicher Betätigung, wo sie das Gefühl der Kontrolle über ihren Körper erlebt. Als gute Sportlerin begann sie aus Angst vor Panikattacken allerdings zunehmend eine Schonhaltung einzunehmen, in der Hoffnung, dadurch die gefürchteten körperlichen Symptome verhindern zu können.

In der Therapie lernte sie, ihre sportliche Betätigung im früheren Umfang wieder aufzunehmen. Sie erfuhr, dass ein positives Körpergefühl durch Sport ein wichtiges Gegengewicht zu den angstbesetzten körperlichen Vorgängen während einer Panikattacke darstellt.

Sie lernte, durch Hyperventilationsübungen und Vorstellungsübungen panikähnliche Zustände gezielt zu provozieren, auszuhalten und sich in ihrer Haut wieder wohl zu fühlen. Sie erfuhr, dass eine Panikattacke durch völlig passives Zulassen schneller überwunden werden kann als durch den anstrengenden Kampf dagegen, der immer wieder einen neuen Adrenalinstoß auslöst. Für den Fall einer massiven Panikattacke wurden bestimmte Atem- und Bewegungsübungen trainiert, um eine solche rascher abfangen zu können.

Die Entwicklung der Panikstörung erfolgte auf dem Hintergrund einer mehrmonatigen spannungsgeladenen Beziehung zwischen Sabine und ihrem Freund. Sie ahnte, dass die Beziehung ihrem Ende nahe war, wollte dies aber nicht wahr haben. Letztlich waren es wohl diese Verlustängste, die Sabine buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen hatten. Sie lernte, die nicht mehr passende Beziehung zu beenden und fühlte sich auf einmal so frei wie schon lange nicht mehr. Eine Behandlung der beginnenden Platzangst war nicht erforderlich.

 

 

 

Panikattacken erkennen

 

Eine Panikattacke ist eine 5-30 Minuten dauernde Phase von intensiver Angst oder Unbehagen. Sie beginnt plötzlich und unerwartet, erreicht innerhalb von wenigen Minuten den Höhepunkt und besteht aus mindestens 4 von 14 gleichzeitig auftretenden Angstsymptomen:

 

1.       Herzrasen

2.       Schweißausbrüche

3.       Zittern

4.       Mundtrockenheit

5.       Atembeschwerden

6.       Beklemmungsgefühl

7.       Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

8.       Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden

9.       Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

10.   Entfremdungsgefühle (Depersonalisation) oder Unwirklichkeitsgefühle (Derealisation)

11.   Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“

12.   Angst zu sterben

13.   Hitzegefühle oder Kälteschauer

14.   Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

Die Todesangst und die Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden, sind häufige psychische Reaktionsweisen auf die bedrohlichen körperlichen Symptome und Angst machenden Erfahrungen der Entfremdung und Unwirklichkeit. Kontrollverlustängste zeigen sich oft auch in der Angst, sich oder jemand anderem etwas anzutun, was gewöhnlich völlig unbegründet ist.

Man kann bei einer Panikattacke weder sterben noch verrückt werden. Es tritt keine Schädigung der Gesundheit auf. Es handelt sich einfach „nur“ um einen heftigen Adrenalinstoß, der den Körper durchflutet.

Du kannst darauf vertrauen, dass dein Geist während und nach einer Panikattacke ganz normal bleibt und entsprechende Ängste völlig unbegründet sind. Du wirst auch dann nicht geisteskrank, wenn du trotz besseren Wissens öfters glaubst, dass vielleicht doch etwas mit deinem Verstand nicht in Ordnung ist. Eine schwere psychische Erkrankung wie Schizophrenie ist etwas völlig anderes als das Gefühl des Kontrollverlusts und des „Nervenzusammenbruchs“ bei einer Panikattacke.

Eine Panikstörung besteht aus wiederholten Panikattacken oder aus wenigen Panikattacken, die zu ständiger Angst davor geführt haben. Panikattacken gelten als die „Angst aus heiterem Himmel“, weil bei oberflächlicher Betrachtung keine Auslöser erkennbar sind.

Zu einer Panikstörung gehören spontane und unerwartete Panikattacken. Es gibt aber auch situationsbezogene Panikattacken bei spezifischen oder sozialen Phobien.

 

Rund 15% der Bevölkerung machen im Laufe ihres Lebens die Erfahrung einzelner Panikattacken. Nach einer umfangreichen Untersuchung in Bayern tritt bereits bei 3,5% der 14-24jährigen eine Panikstörung auf, was früher oft unterschätzt wurde. Laut einer neuen Befragung von über 1000 14-17jährigen in Bremen haben 18% der Jugendlichen schon einmal eine Panikattacke erlebt.

 

Bei Jugendlichen beginnt eine Panikstörung zumeist kurz nach der Pubertät. Das Erscheinungsbild ist der Symptomatik bei Erwachsenen sehr ähnlich.

Medikamente sind bei einer leichten Panikstörung und einer speziellen Psychotherapie (z.B. Verhaltenstherapie) unnötig, hilfreich dagegen bei einer schweren Panikstörung in Verbindung mit einer Erschöpfungsdepression.

 

In den USA diagnostiziert man zwei weitere panikartige Ängste:

 

l       Substanzbedingte Angststörung. Die Panikattacken sind verursacht durch Alkohol, Beruhigungsmittel, Drogen, Kaffee oder Medikamentennebenwirkungen.

 

l       Angststörung mit einem medizinischen Krankheitsfaktor. Die Panikattacken sind durch körperliche Faktoren bewirkt, z.B. Herz-Kreislauf-Störungen, Asthma, Allergien, Schilddrüsenüberfunktion, andere Hormonstörungen.

 

 

Wie Panikattacken entstehen

 

Die erste Panikattacke entsteht gewöhnlich im Rahmen einer Kombination von zwei Arten von Stressfaktoren:

 

1.       Körperliche Belastungen: schwüles oder heißes Wetter, Blutdruckabfall, Blutzuckerabfall, Allergie, Genesungsphase nach einer Krankheit (z.B. plötzliches Aufstehen nach einer Grippe), körperliche Aktivierung nach längerer Inaktivität, Schlafmangel, Schwangerschaft, Geburt, Zustand einige Tage vor der Menstruation, zuviel Kaffee, Zigaretten, Alkohol oder Drogen, Nebenwirkungen von Medikamenten.

 

2.       Psychische und soziale Belastungen: unerwarteter Todesfall, schwere Erkrankung eines Angehörigen (Herzinfarkt, Krebs), akute familiäre oder berufliche Konflikte, massiver beruflicher Stress, Trennungserlebnisse, Kündigung, materielle Sorgen, Zustand nach körperlicher oder sexueller Gewalt.

 

Die erste Panikattacke ereignet sich meistens an einem öffentlichen Ort oder außerhalb von zu Hause bei einer ganz normalen Betätigung. Der entsprechende Ort (z.B. Bus, Geschäft, Lokal, Kino, Wartesaal, Arbeitsstelle, Klassenzimmer) wird daraufhin fluchtartig verlassen und zukünftig oft angstvoll gemieden.

Panikattacken treten häufig auch in Ruhe (z.B. im Sitzen, Liegen, Schlafen) sowie in Urlaubssituationen auf. Aus Mangel an Erklärungsmöglichkeiten werden Angstanfälle gerade in diesen Situationen besonders gefürchtet. Häufig hängt dies mit einem plötzlichen Spannungsabfall nach einer langen Anspannung sowie mit „Was wäre, wenn ...“-Gedanken zusammen.

Eine zu rasche und zu flache Atmung (Hyperventilation) aus Angst, Ärger oder Wut ohne gleichzeitige Bewegung kann zu zahlreichen Symptomen führen und das körperliche Unwohlsein verstärken.

 

Die erste Panikattacke stellt meist ein so intensives und bedrohliches Erlebnis dar, dass aufgrund der Erwartungsangst bezüglich weiterer Attacken ein umfangreiches Vermeidungsverhalten einsetzt. Bestimmte Orte oder Situationen werden einfach nicht mehr aufgesucht. Es entwickelt sich eine Panikstörung mit Platzangst.

 

Menschen mit Panikattacken haben das Vertrauen in ihren Körper verloren und fürchten sich vor Herzinfarkt, Ohnmacht oder Verrücktwerden. Sie zeigen seit dem ersten Anfall ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis bei allen Unternehmungen und möchten das kleinste Risiko eines Panikanfalls ausschalten. Aus falscher Schonhaltung schränken die Betroffenen, die früher häufig sehr sportlich waren, körperliche Aktivitäten ein. Die fehlende Kondition begünstigt im Laufe der Zeit erst recht jene Symptome, die man vermeiden wollte.

Körperliche Aktivitäten oder ein individuell angemessener Leistungssport sollten wegen Panikattacken keinesfalls aufgegeben werden, weil dies die Symptome sogar verschlechtern kann. Bei erkrankten Spitzensportlern ohne Bewegungsmöglichkeit tritt nicht selten ein sog. „Sportentzugssyndrom“ auf.

Durch Panikattacken werden oft - wie nach einem mit viel Glück überlebten Unfall - zentrale Fragen und Ängste angesprochen (Sinn des Lebens, Tod als Ende oder Beginn einer anderen Existenzform u.a.). Es ist gut, die nötigen Einstellungs- und Verhaltensänderungen vorzunehmen, es ist jedoch schlecht, in einer ständigen Phase des Nachdenkens ohne Handeln zu verweilen.

 

Panikattacken können auch situationsbezogen auftreten (z.B. bei Phobien). Diese Form kommt bei Kindern und Jugendlichen relativ häufig vor, und zwar bei Kindern in Zusammenhang mit Trennungsängsten von der Hauptbezugsperson und bei Jugendlichen im Rahmen massiver sozialer Ängste.

 

 

Wenn Panikattacken das Leben dominieren

 

Eine unbewältigte Panikstörung kann zu folgenden Zuständen führen:

 

l       Ständige Erwartungsängste („Angst vor der Angst“). Es entwickelt sich eine Angst vor neuerlichen Panikattacken, auch wenn die Betroffenen wissen, dass sie körperlich gesund sind.

l       Häufige medizinische Durchuntersuchungen aus Angst vor einer übersehenen körperlichen Ursache. Eine einmalige Durchuntersuchung zum Ausschluss organischer Ursachen ist vor Beginn einer Psychotherapie dringend anzuraten.

l       Lange Krankenstandszeiten oder Fehlzeiten in der Schule, weil die Betroffenen mit ihren Panikattacken nicht umgehen können. Im Extremfall kann eine Schul- oder Berufsunfähigkeit eintreten.

l       Übermäßige Schonhaltung aus Angst, die Symptome nicht zu provozieren, und ständige hypochondrische Selbstbeobachtung in der Hoffnung, die gefürchteten Symptome irgendwie verhindern zu können.

l       Depressive Erschöpfung und Entmutigung als Folge der unkontrollierbar erscheinenden Panikattacken. Depressive Zustände vermindern wiederum die Kraft zur Bewältigung von Panikattacken.

l       Missbrauch von Alkohol oder abhängig machenden Beruhigungsmitteln (Tranquilizer), um mit den Erwartungsängsten besser zurecht zu kommen.

l       Einschränkung der Bewegungsfreiheit (Platzangst). Die Betroffenen vermeiden immer mehr Situationen, die eine Panikattacke auslösen könnten.

l       Angst vor dem Alleinsein. Im Extremfall können die Betroffenen nicht mehr allein sein, weil sie sich den Symptomen hilflos ausgeliefert fühlen.

l       Abhängigkeit von einer Vielfalt von Helfern. Vorher selbstbewusste und lebenstüchtige Menschen verhalten sich plötzlich wie Behinderte oder furchtsame kleine Kinder. Die Nähe oder sofortige Erreichbarkeit von Helfern (Ärzte, Krankenhäuser, Psychotherapeuten, Verwandte, Bekannte) wirkt angstlindernd.

l       Beeinträchtigung der sozialen Funktionsfähigkeit. Menschen mit einer Panikstörung weisen im Vergleich zu anderen Angstpatienten die meisten sozialen Beeinträchtigungen auf. Diese sind um so größer, je depressiver die Betroffenen gleichzeitig sind.

 

 

Panikattacken bewältigen

 

Als Therapieziel gilt der bessere Umgang mit Panikattacken, so dass die belastenden Erwartungsängste geringer werden. Ein sicheres Ausbleiben der gefürchteten Panikattacken kann ich dir nicht garantieren, falls du davon betroffen bist. Kannst du mit diesem Ziel zufrieden sein? Wenn nicht, dann zeigt dein Bedürfnis nach 100%iger Garantie, d.h. der Ausschluss jeden Restrisikos, dass du

 

l       vermutlich starke Todesängste hast,

l       durch die Paniksymptome auf keinen Fall sozial auffällig werden möchtest,

l       perfektionistische Tendenzen aufweist, immer alles fest im Griff zu haben.

 

Es gibt zwei Hauptursachen für Panikattacken, die für eine dauerhafte Bewältigung berücksichtigt werden müssen:

 

1.       Die Ursachen für die erste Panikattacke, die in bestimmten körperlichen, psychischen und sozialen Stressfaktoren bestehen.

2.       Die Angst vor weiteren Panikattacken (Erwartungsangst).

     

Die Ratschläge für eine erfolgreiche Selbstbehandlung beziehen sich auf die beiden Hauptursachen von Panikattacken und lauten folgendermaßen:

 

1.       Ursachenanalyse. Finde die für deine Lebenssituation zutreffenden Ursachen und Auslöser der ersten Panikattacke heraus. Zum Verständnis der Zusammenhänge solltest du beachten, was die tieferen Ursachen sind (z.B. schulische oder berufliche Überforderung, familiäre Konflikte, Partnerkonflikt, Angst vor Ablehnung durch die Klassengemeinschaft, Verlustangst, Todesfall) und was die aktuellen Auslöser sind, die angesichts der Schwere der sich ergebenden Störung eigentlich recht harmlos wirken (z.B. schwüles Wetter, bevorstehende Prüfung, zuviel Alkoholkonsum, Kreislaufprobleme nach krankheitsbedingter Liegephase).

 

2.       Bewältigung der Erwartungsängste. Analysiere die Art und Weise, wie du von der Erfahrung der ersten unerwarteten Panikattacke zu ständigen Erwartungsängsten bezüglich weiterer Panikattacken gelangt bist. Welche Gedanken haben deine Erwartungsängste verstärkt? Was genau fürchtest du bei einer Panikattacke, obwohl du sie schon erlebt und überlebt hast? Neben einem ausreichenden Wissen über die Symptomatik und die Ursachen von Panikattacken besteht der Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie bzw. Selbstbehandlung im Vorsatz, auf jeden Kampf gegen das Auftreten von Panikattacken zu verzichten. Denn Erwartungsängste schaukeln nur den Teufelskreis der Angst auf und bergen die Gefahr weiterer Panikattacken in sich.

 

Erwartungsängste bleiben oft trotz längeren Fehlens neuerlicher Panikattacken bestehen. Die Betroffenen haben das Gefühl, bei einer Panikattacke nur knapp einer Katastrophe entkommen zu sein, die bei einer weiteren Panikattacke tatsächlich eintreten könnte. Das ängstliche Vermeidungsverhalten hält die Erwartungsangst aufrecht, weil es mangels neuer Erfahrungen nicht als unberechtigt erkannt wird.

 

Die einfachste Form der Überwindung der Angst vor der Angst besteht in der gezielten Provokation von Panikattacken. Es handelt sich dabei um die Technik der sog. „paradoxen Intention“, wo die gefürchteten Zustände absichtlich hervorgerufen werden (was dann oft gar nicht so leicht gelingt).

 

Verzichte bewusst auf alle Vermeidungsstrategien und Angstlinderungsmethoden und konfrontiere dich mit Orten, Situationen, Vorstellungen und Gefühlen, die bei dir eine Panikattacke auslösen könnten:

 

l       Vergegenwärtige dir möglichst plastisch die letzte bzw. ärgste Panikattacke bis zum Ende.

l       Stelle dir möglichst lebendig die nächste Panikattacke mit jenen Zuständen vor, die du am meisten fürchtest.

l       Suche absichtlich Orte und Situationen auf, die du bisher aus Angst vor einer Panikattacke gefürchtet hast. 

l       Lass Gefühle wie Ärger, Wut oder Traurigkeit zu, die dich in körperliche Erregung versetzen können.

l       Überprüfe, wenn du körperlich gesund bist, ob bei dir panikartige Zustände durch Hyperventilation herstellbar sind (schnelles und flaches Atmen über einen Zeitraum von 2-3 Minuten).

l       Setze, wenn du körperlich gesund bist, Aktivitäten, die dein Herz zum Rasen bringen, um mit der Angst vor Panikattacken besser umgehen zu lernen.

 

Psychologische Experimente zeigen eindrucksvoll auf, wie durch Unterdrückung unerwünschter Gedanken und Gefühle (Angst- und Zwangsgedanken, Erinnerungen an schmerzvolle Erfahrungen, depressive Gedanken und Stimmungen, impulshaftes Verlangen nach Suchtmitteln usw.) die innere Unruhe noch stärker statt schwächer wird.

Das Geheimnis der mentalen Kontrolle besteht im Verzicht auf die ständigen, letztlich unwirksamen Unterdrückungsversuche unliebsamer Vorstellungen und Empfindungen zugunsten des mentalen und emotionalen Einlassens auf die unerwünschten Inhalte.

Der relativ kurze, wenngleich intensive Aufwand für die Auseinandersetzung mit den gefürchteten „Was wäre, wenn ...“-Gedanken steht in keinem Verhältnis zu den ständigen Unterdrückungsversuchen, die sehr viel Energie kosten.

 

 

PLATZANGST - DIE ANGST, KEINEN FLUCHTWEG ZU HABEN

 

Maria - Die Angst vor der Selbständigkeit

 

Maria besuchte zum Zeitpunkt der Therapie die 8. Klasse einer AHS. Wegen ständiger Streitereien der Eltern, die sie nicht ertragen konnte, zog sie bereits mit 15 Jahren von zu Hause in eine kleine Wohnung, die ihr der Vater, an dem sie sehr hing, finanzierte. Die Lösung der familiären Probleme durch den Auszug stellte sich jedoch bald selbst als großes Problem heraus. Maria konnte das Alleinsein schwer ertragen, da halfen auch die täglichen langen Telefonate mit dem Vater nichts. Sie bekam Panikattacken, die trotz psychotherapeutischer Hilfestellungen nicht den gewünschten Erfolg erbrachten. Aus Angst vor einer Panikattacke konnte sie immer weniger allein unternehmen.

In der Maturaklasse entschloss sie sich, ihre Platzangst mit Hilfe einer Verhaltenstherapie bewältigen zu lernen, um im nächsten Jahr problemlos in Wien studieren zu können. Sie kam zur ersten Therapiestunde bei mir in Begleitung ihres Freundes. Trotz des Angebots eines gemeinsamen Gespräches wurde von beiden keine gemeinsame Therapie gewünscht. Der Freund sollte sie immer nur zu den Therapiestunden begleiten, weil die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Linz für sie undenkbar war. Maria wollte eine Hilfestellung, jedoch keine lange Psychotherapie, weil sie in ihren jungen Jahren bereits lange genug in Therapie gewesen sei. Gleichzeitig glaubte sie jedoch, dass man ihre Probleme nur durch eine lange Psychoanalyse lösen könne.

Angesichts dieses Dilemmas entschloss ich mich zu einem gewagten Versuch. Ich erklärte Maria, dass ich ein Geheimnis von ihr wüsste, das nicht einmal ihrem Freund bekannt sei. Maria war sehr verwundert und wollte es wissen. Ich sagte ihr, dass ich es ihr erst in der zweiten Therapiestunde mitteilen könne, wenn sie dazu allein, ohne Freund, komme.

Maria verwies darauf, dass sie nicht allein mit der Straßenbahn und dem Bus unterwegs sein könne und daher in diesem Fall nicht zur Therapiestunde erscheinen könne. Ich bestand auf meinem Vorgehen. Maria war derart neugierig, dass sie zur nächsten Stunde tatsächlich allein kam. Sie war stolz auf sich und meinte, dass es wohl das Geheimnis sei, man müsse sich nur anstrengen, dann könne man auch die größten Ängste überwinden. Ich gab ihr recht, sagte ihr aber, dass dies nicht das gemeinte das Geheimnis sei. Ich fragte sie, ob sie bereit sei, ihre Handtasche auf der Stelle umzudrehen und zu öffnen, so dass alles herausfalle, was drinnen sei.

Maria wollte dies anfangs nicht tun, war dann aber doch dazu bereit. Auf dem Tisch lagen neben den üblichen Gegenständen Tablettenpackungen mit insgesamt 136 Stück von 8 verschiedenen Sorten (überwiegend Beruhigungsmittel). Das war also das Geheimnis: so viele Tabletten benötigte sie, um ohne ihren Freund zu mir zu kommen, das heißt, sie konnte in bestimmten Situationen ihren Freund durch Medikamente ersetzen.

Ich ersuchte sie, bis zum nächsten Mal nur so viele Medikamente nach Hause mitzunehmen, wie sie benötigte. Sie nahm 40 Stück von 4 verschiedenen Sorten mit. Und dies, obwohl sie aus Angst vor Abhängigkeit keine Beruhigungsmittel einnahm!

Maria hatte wegen der familiären Spannungen einen zu frühen Versuch unternommen, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie ersetzte jedoch nur die Abhängigkeit vom Vater durch eine zunehmende Abhängigkeit vom Freund. Ihre Angst vor dem Verlust der Geborgenheit hatte sie unbewusst auf sehr problematische Weise durch die Entwicklung einer Platzangst zu lösen versucht. Wenn der Freund wegen ihrer agoraphobischen Ängste stets an ihrer Seite war, brauchte sie seinen Verlust nicht zu fürchten.

Maria benötigte weder eine verhaltenstherapeutisch orientierte Konfrontationstherapie noch eine lange Psychoanalyse. Sie entschloss sich, als junge Frau ein selbständiges Leben zu führen, um nicht von einem Mann so abhängig zu werden, wie dies bei ihrer Mutter der Fall war.

Platzangst kann als die Angst vor der Freiheit und vor der Selbständigkeit verstanden werden. Durch das zunehmende Selbstvertrauen lernte Maria eine Beziehung ohne Abhängigkeit einzugehen.

 

 

Das Wesen der Platzangst

 

Bei Platzangst - von den Fachleuten als „Agoraphobie“ bezeichnet - werden bestimmte Orte und Situationen gefürchtet, zu vermeiden versucht oder nur unter großer Anspannung ertragen. Es handelt sich dabei vor allem um Menschenmengen, öffentliche Plätze, Reisen ohne Begleitung und Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause.

Platzangst umfasst nicht nur alle Ängste vor offenen Plätzen, sondern auch alle Ängste vor öffentlichen Orten, Situationen und Menschenansammlungen, wo beim plötzlichen Auftreten einer Panikattacke oder ähnlichen, milderen Symptomen (Schwindel, Ohnmachtsangst, Herzrasen, Schwitzen, Verlust der Blasen-/Darmkontrolle usw.) eine Flucht schwierig oder peinlich wäre oder aber keine Hilfe verfügbar wäre. Platzangst kann mit oder ohne Panikstörung auftreten.

Eine Platzangst besteht aus Ängsten, die dann auftreten, wenn man die gewohnte oder schützende Umgebung verlässt (eigene Wohnung, bekannte und sichere Gegend, Zusammensein mit Personen des besonderen Vertrauens).

Als wichtigste Auslöser für eine Platzangst gelten die Entfernung von „sicheren“ Orten und das Fehlen eines Fluchtwegs. Es besteht ein subjektives Gefühl der Einengung der Bewegungsfreiheit („in der Falle sitzen“) sowie eine starke Angst, anderen Menschen ausgeliefert zu sein.

Besonders Angst machend ist die Vorstellung, die Kontrolle über sich und die Körperreaktionen zu verlieren, in der Öffentlichkeit umzufallen oder „durchzudrehen und verrückt zu werden“.

Die Betroffenen leiden unter ihrem Vermeidungsverhalten und den Angstsymptomen. Sie wissen, dass ihr Verhalten übertrieben oder unvernünftig ist, denken jedoch angesichts der gefürchteten Situationen ständig daran, wie sie diese möglichst vermeiden oder zumindest rechtzeitig verlassen können.

Die frühere Unterscheidung zwischen der Angst vor offenen Plätzen (Agoraphobie) und der Angst vor geschlossenen Räumen (Klaustrophobie) ist als überholt anzusehen. Derartigen Ängsten ist gemeinsam, dass bestimmte Situationen gemieden werden, wenn kein Fluchtweg in Aussicht ist. Manche Menschen mit Platzangst erleben aktuell wenig Angst, weil es ihnen gelingt, den gefürchteten Situationen auszuweichen.

Das ausgeprägte Vermeidungsverhalten führt oft zu einem totalen Rückzug in die eigene Wohnung und damit zur sozialen Isolierung. Doch auch zu Hause kann das Gefühl der Sicherheit verloren gehen, wenn keine vertraute Person anwesend ist.

Gemieden oder nur mit Unbehagen ertragen werden folgende Situationen, vor allem wenn diese ohne beschützende Begleitperson aufgesucht werden: 

 

l       Aufenthalt im Freien unter vielen Menschen oder an Orten mit fehlender Fluchtmöglichkeit.

l       Außerhäusliche Aktivitäten jeder Art, insbesondere berufliche oder private Reisen.

l       Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder des eigenen Autos, besonders über längere Strecken.

l       Aufenthalt in öffentlichen bzw. halböffentlichen Räumen, besonders wenn diese überfüllt sind: Geschäft, Kirche, Kino, Gaststätte, Café, Amtsräume, Schulgebäude, Krankenhaus, Wartezimmer bei Ärzten, Friseursalon, Sauna, Hallen- oder Freiluftbad, Teilnahme bei Feiern, Veranstaltungen.

l       Aufenthalt in engen, hohen, geschlossenen oder dunklen Räumen: Lift, Raum ohne Fenster, Toilette, Diskothek, Turnsaal, Kellergang, Tunnel, Höhle, Passage, Hochhausraum, Kirchturm, Fernsehturm.

l       Treffen mit anderen Leuten unter „unsicheren“ Bedingungen.

 

Viele Menschen mit Platzangst können zahlreiche der genannten Situationen aufsuchen, wenn sie dies plötzlich und vorher nicht lange geplant tun müssen. Wenn die betreffenden Aktivitäten jedoch bereits seit Tagen feststehen, werden die Erwartungsängste oft derart groß, dass eine Bewältigung unmöglich wird.

Die Erwartungsangst ist meistens viel schwerer zu bewältigen als das tatsächliche Ereignis, das dann durchaus als angenehm erlebt werden kann. Diese Erfahrung verhindert jedoch nicht, dass die Betroffenen vor der nächsten ähnlichen Situation wiederum beunruhigt und besorgt sind.

Menschen mit Platzangst wenden eine Fülle von Tricks an, die der Umwelt gar nicht auffallen, um das Leben bewältigen zu können. Auf diese Weise können die Betroffenen ihre Beeinträchtigung oft jahrelang verbergen.

Sicherheit gibt die Anwesenheit oder telefonische Erreichbarkeit anderer Personen (Partner, Eltern, Bekannte). Angstmindernd wirkt auch die Mitnahme eines Beruhigungsmittels oder eines Handys, das durch die ständige Kontaktmöglichkeit mit Angehörigen oder Ärzten beruhigend wirkt. 

Menschen mit Platzangst haben oft Angst, beim Gehen umzufallen. Sie fühlen sich schwindlig und unsicher auf den Beinen, der Boden scheint zu wanken und nicht ausreichend stabil zu sein. Sie haben den Eindruck, auf Wolle zu gehen oder zu schweben, ohne sichere Bodenhaftung. Viele Betroffene haben die Befürchtung, nach dem Umfallen hilflos auf dem Boden liegen bleiben zu müssen, nicht selbst aufstehen zu können und auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Sie befinden sich häufig in einem Dilemma: einerseits leben sie in starker Abhängigkeit von anderen, andererseits fürchten sie nichts so sehr wie gerade dies.

Ohne Vorliegen einer Erschöpfungsdepression bringt ein längerer Krankenstand oder eine vorübergehende Befreiung vom Schulbesuch meist keine Besserung, sondern häufig sogar eine Verschlechterung der Platzangst, weil die Symptomatik ohne den Zwang zur Einhaltung eines bestimmten Tagesablaufes erst richtig ausufern kann. Die scheinbare Erholung im Krankenstand entsteht oft nur durch die Verminderung der Erwartungsangst vor dem Auftreten der Symptome am Arbeitsplatz oder in der Schule.

Schüler sollten rasch wieder am Unterricht teilnehmen, um nicht durch unnötige Fehlzeiten den Abschluss des Schuljahres zu gefährden.

 

 

Was Platzangst und soziale Angst voneinander unterscheidet

 

Bei Platzangst sind oft zwei Arten von Ängsten vorhanden:

 

1.       Angst vor Panikattacken oder einer panikähnlichen Symptomatik. Diese Angst führt zur Einschränkung des Aktionsradius oder zur Abhängigkeit von bestimmten Sicherheitsgarantien (andere Personen, Medikamente).

 

2.       Angst vor sozialer Auffälligkeit. Hinter der Angst vor dem Sichtbarwerden körperlicher Symptome steht oft eine soziale Ängstlichkeit („Was werden die anderen von mir denken, wenn sie mich während einer Panikattacke sehen?“). Platzangstpatienten mit sozialen Ängsten fürchten den „sozialen Tod“, den Verlust des Sozialprestiges als Folge der sozialen Auffälligkeit. Panikpatienten fürchten dagegen die Beobachtung durch andere Menschen nur während einer Panikattacke.

 

Oft ist nur scheinbar eine Platzangst gegeben, tatsächlich sind soziale Ängste vorhanden. Dies dürfte gerade bei Jugendlichen häufig der Fall sein.

 

Eine Unterscheidung kann relativ zuverlässig erfolgen:

 

l       Bei einer Platzangst besteht eine Angst vor der Ansammlung von meist unbekannten Menschen sowie eine Angst, die jeweiligen Situationen nicht jederzeit rechtzeitig verlassen zu können bzw. keine Hilfe von Fremden bekommen zu können. Bei sozialen Ängsten sind eher bekannte Menschen der Angst auslösende Faktor, die als mögliche Kritiker gefürchtet werden. Die Abwesenheit von Bekannten wirkt auf sozial ängstliche Menschen oft beruhigend, auf Menschen mit Platzangst dagegen beunruhigend. In einem Lokal sitzen Menschen mit Platzangst lieber bei der Tür, um jederzeit fliehen zu können, Personen mit sozialen Ängsten eher versteckt in einer Ecke, um nicht aufzufallen.

l       Bei Platzangst ohne soziale Ängste kreisen die Befürchtungen um das eigene körperliche und psychische Wohlbefinden (Angst, verrückt zu werden, die Kontrolle zu verlieren, zu sterben, in Ohnmacht zu fallen), ohne Sorgen um die Bewertung des Verhaltens durch andere.

l       Bei sozialen Ängsten beziehen sich die Befürchtungen auf die negative Bewertung des eigenen Handelns oder der eigenen Person durch andere. Bei der Angst umzufallen kann man über die Frage nach den Konsequenzen des Umfallens rasch erkennen, ob anstelle der Todesangst eine Sozialphobie im Sinne der Angst aufzufallen gegeben ist.

l       Platzangst in der Folge einer Panikattacke setzt relativ plötzlich ein, während sich soziale Ängste und die Vermeidung sozialer Situationen über einen langen Zeitraum entwickelt haben. 

l       Auch die Art der Symptome unterscheidet beide Gruppen. Menschen mit sozialen Ängsten fürchten eher für andere sichtbare körperliche Symptome wie Erröten, Schwitzen, Zittern, Weinen und Veränderungen der Stimme, Menschen mit Platzangst fürchten dagegen bedrohlich erscheinende Symptome wie Herzrasen, Atembeschwerden, Schwindel, Ohnmacht oder „weiche Knie“.

 

 

DER ANGST BEGEGNEN

 

Platzangst kann man am besten durch eine Konfrontationstherapie überwinden. Dies ist anfangs sicherlich eine anstrengende Therapie. Man stellt sich dabei allen Angst auslösenden Situationen gezielt nach dem Grundsatz „Angstbewältigung kann nur erfolgen über ein Durcherleben und Aushalten lernen von Angst“. Nichts kann mehr motivieren als der sichtbare Erfolg. Durch die Erfahrung, dass auch die stärkste Angst ausgehalten werden kann und nach einiger Zeit (5-20 Minuten) zurückgeht, erfolgt gleichzeitig auch eine Einstellungsänderung („Ich erlebe, dass ich Angst aushalten kann, daher glaube ich auch zukünftig, dass ich Angst aushalten kann“).

 

Die Konfrontation mit der Angst kann auf zweifache Weise erfolgen:

 

1.       Gestufte Konfrontation. Dabei lernst du, in kleinen Schritten immer schwierigere Aufgaben zu bewältigen. Auf diese Weise soll bei schreckhaften Personen langsam wieder das Vertrauen zu sich und zur Umwelt aufgebaut werden. Dieses Vorgehen ist vor allem im Rahmen einer Selbstbehandlung angezeigt, weil dadurch eine Überforderung vermieden wird.

 

2.       Massierte Konfrontation (Reizüberflutung). Bei dieser Methode stellst du dich gleich von Beginn an deinen größten Ängsten, und zwar mit der Bereitschaft zu einer Panikattacke. Dieses Vorgehen ist vor allem dann zu empfehlen, wenn du an sich ein mutiger Mensch bist und dich früher nicht in jenen Situationen gefürchtet hast, die für dich heute ein Problem darstellen. Deine Angst vor bestimmten, an sich harmlosen oder aushaltbaren Situationen kommt wahrscheinlich daher, dass du früher einmal bei einer solchen Gelegenheit eine Panikattacke oder eine panikähnliche Symptomatik erlebt hast.

 

Früher wurde die Behandlung von Phobien - auch von Platzangst - mit Hilfe der Systematischen Desensibilisierung durchgeführt. Dabei erfolgte eine stufenweise Annäherung an die Angst machenden Situationen und Objekte unter Entspannungsbedingungen. Das Auftreten von Angst wurde durch ein langsames, stufenweises Vorgehen sowie durch bestimmte Entspannungstechniken gezielt zu vermeiden versucht. Heute weiß man, dass eine Angstbewältigung über eine Konfrontationstherapie rascher und dauerhafter gelingt.

 

Einige Ratschläge können dir bei der Bewältigung von Angstzuständen helfen. Die folgenden Tipps gelten für Platzangst, spezifische und soziale Phobien:

 

l       Handle nach dem Spruch des amerikanischen Psychologen William James: „Tue das, wovor du dich fürchtest, und die Furcht stirbt einen sicheren Tod“ oder nach dem Ratschlag von Evie Malcolm: „Sieh der Angst ins Antlitz, und der Tod der Angst ist gewiss.“

l       Wenn du gerne schreibst, beginne mit einem Angsttagebuch, in das du möglichst oft Eintragungen vornimmst. Beschreibe die auftretenden Ängste möglichst genau nach Zeit, Ort, Erscheinungsform (Symptome), Intensität und auftretenden Gedanken. Halte dabei auch fest, wie du das nächste Mal reagieren könntest.

l       Wenn eine ständig vorhandene Angst ausnahmsweise einmal ohne besonderes Bemühen verschwunden war, schreibe auf, wie dies passiert sein könnte. Was kannst du durch diese „Ausnahme von der Regel“ lernen?

l       Führe einen Dialog mit deiner Angst, indem du öfters einen Brief schreibst nach dem Motto „Meine liebe Angst!“

l       Stelle dir vor, in deinem Inneren gibt es jeweils einen personifizierten Teil der Stärke und der Angst. Lass diese beiden Teile miteinander in einen respektvollen Dialog treten.

l       Wenn du gerne zeichnest, male öfters ein Bild „Meine Angst“ und beobachte, was sich dabei im Laufe der Zeit ändert.

l       Achte von Beginn deines Angstbewältigungstrainings an darauf, dass du nicht nur gegen deine Ängste kämpfst, sondern auch für deine Freiheit, tun und lassen zu können, was du willst und was für dich gut ist.

l       Übe nicht nur das Aushalten unangenehmer Situationen, die auch weniger ängstliche Menschen ungern erleben, sondern setze Aktivitäten, die du gerne tun möchtest. Dies stärkt deine Durchhaltemotivation. 

l       Vergegenwärtige dir, was du früher gerne getan hast, und male dir in der Phantasie möglichst plastisch aus, wie du jene Situationen aufsuchen kannst, deren Bewältigung du in der nächsten Zeit erst noch üben musst.

l       Stelle dich allen Angstsituationen, ohne auszuweichen. Wenn du Angst machenden Situationen ausweichst, wird deine Angst verstärkt, dein Selbstvertrauen vermindert, dein Bewegungsspielraum eingeschränkt und deine Abhängigkeit von Menschen oder Medikamenten erhöht.

l       Verzichte auf das unrealistische Ziel eines angstfreien Lebens und nimm dir vor, alles trotz deiner Ängste anzugehen, was dir wichtig erscheint. Warte nicht darauf, bis du keine Angst mehr hast. Ängste kannst du nur überwinden, indem du dich ihnen stellst.

l       Es gibt kein Geheimrezept für ein angstfreies Leben. „Angstfrei“ leben kann nur bedeuten, dass du mit den vorhandenen Ängsten gut zurechtkommst, weil du mutig genug bist, sie auszuhalten, damit sie nicht zu einer lebensbeeinträchtigenden Größe werden.

l       Der erfolgreiche Beginn der Angstbewältigung setzt nicht dadurch ein, dass du dir vornimmst, keine Angst mehr zu haben, sondern dadurch, dass du die Entscheidung triffst, dich den Angst machenden Situationen zu stellen. Deine Bereitschaft, jede Angstvermeidung aufzugeben, ist der erste Schritt zur Angstüberwindung. Sage dir: „Ich bin bereit, mich auf meine Angst einzulassen und die körperlichen Zustände auszuhalten.“

l       Deine Angstgefühle und die damit verbundenen körperlichen Symptome sind nichts anderes als eine Übersteigerung der normalen Körperreaktionen bei großem Stress. Vergegenwärtige dir den Mechanismus der Alarmreaktion und den Zusammenhang zwischen Angst und Stress.

l       Sage dir innerlich immer wieder: „Meine Angst alarmiert meinen Körper und bewirkt eine vermehrte Adrenalinausschüttung. Dieser Zustand ist aufgrund meiner großen Angst völlig normal und lässt nach 3-5 Minuten nach, wenn ich mich an die Situation gewöhnt habe. Die späteren Zustände meines Körpers sind leichter zu ertragen, wenn ich nur die ersten 5 Minuten durchgehalten habe. Meine Angst und deren körperliche Begleitreaktionen sind zwar unangenehm, jedoch nicht gefährlich oder gesundheitsschädigend. Es kann mir wirklich nichts passieren.“

l       Es ist ganz normal, dass die körperlichen Symptome vorübergehend stärker werden, wenn du dich in Angst machende Situationen begibst. Im Laufe der Zeit wirst du dich jedoch daran gewöhnen. Deine Angst bleibt nur dann bestehen, wenn du dich ständig gegen das Aufkommen der Angst wehrst und infolgedessen deine Stresshormone aktivierst.

l       Halte dir vor Augen, dass du letztlich nicht bestimmte Situationen fürchtest wie z.B. öffentliche Verkehrsmittel, geschlossene Räume oder Prüfungssituationen, sondern den Umstand, dass du in diesen Situationen die Kontrolle über deinen Körper und deinen Verstand verlieren könntest. Sage dir: „Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren. Doch dies sind nur meine Gedanken und Gefühle. Tatsächlich wird nichts passieren. Wenn ich die Angst vor meinem Körper aushalte, dann halte ich auch die Angst vor allen anderen Dingen aus.“ Dieser Gedanke erleichtert dir das Durchhalten in Angstsituationen.

l       Wenn du bei Ängsten eine ganz bestimmte körperliche Symptomatik fürchtest, schließe im Rahmen einer regelmäßigen Übung die Augen, konzentriere dich genau auf den betreffenden Körperbereich und stelle dir die entsprechende Symptomatik vor. Vergegenwärtige dir aufgrund der Unterlagen zu den körperlichen Angstsymptomen, wie diese Vorgänge zustande kommen.

l       Je mehr du dich in Angst machenden Situationen auf dich selbst verlassen lernst und auf niemand anderen (keinen Angehörigen oder anderen Helfer) und auch auf nichts anderes (kein Medikament oder anderes Hilfsmittel), um so schneller wirst du deine Angst in den Griff bekommen.

l       Steigere dich in Angstsituationen nicht unnötig hinein durch Gedanken wie „Gleich wird mir etwas passieren“, „Gleich falle ich um“, „Jetzt muss ich sterben“. Deine Angst wird schneller zurückgehen, wenn du nicht ständig lebhafte Vorstellungsbilder entwickelst, was dir alles passieren kann. Konzentriere dich nur auf das, was um dich herum und mit deinem Körper wirklich geschieht, und nicht auf das, was in deiner Vorstellung noch alles geschehen könnte.

l       Bleibe trotz deiner Angst- und Panikgefühle in der Realität. Beobachte und beschreibe, was du momentan wirklich erlebst. Kommentiere die auftretenden körperlichen Vorgänge folgendermaßen: „Ich spüre, wie mein Herz schlägt, mein Blut in den Kopf steigt, mein Körper etwas zittert, ein flaues Gefühl im Magen entsteht, leichte Schwindelgefühle auftreten. Ich weiß, diese Zustände sind ganz normal, so lange ich mich fürchte. Sie werden erträglicher, wenn ich mich an die Angst machende Situation gewöhnt habe.“

l       Warte in Angstsituationen ab, bis die körperlichen Angstsymptome von allein abnehmen. Bekämpfe deine Angst nicht, weil dies nur unnötig viel Kraft kostet. Akzeptiere deine Angst und laufe ihr nicht davon. Sage dir: „Da bist ja wieder, meine Angst. Ich kenne dich schon und weiß, dass du mir nichts anhaben kannst“.

l       Eine Panikattacke bei Platzangst oder sozialen Ängsten ist vergleichbar einer Meereswelle, die einen überflutet. Es ist besser, mit der Welle mitzuschwimmen, als gegen sie anzuschwimmen. Wenn du deine Angst unterdrücken oder stoppen willst anstatt sie zu akzeptieren und anzunehmen, bleibst du unnötig lange angespannt. Der ständige Kampf gegen die Angst kostet enorm viel Kraft und führt zu chronischer Erschöpfung. Lass deine Angst zu wie deine Tränen in Phasen der Trauer.

l       Wenn deine Angst bei einer Konfrontation mit den gefürchteten Situationen oder Objekten nach spätestens einer halben Stunde nicht abklingt, ist dies oft dadurch bedingt, dass du gegen das Auftreten einer Panikattacke ständig aktiv ankämpfst. Die Angst vor der Angst löst nur einen neuerlichen unnötigen Adrenalinstoß aus.

l       Eine Konfrontationstherapie ist dann am wirksamsten, wenn du bewusst gerade jene Situationen aufsuchst, die eine Panikattacke auslösen könnten. Dein unerschrockenes Verhalten wird dir zeigen, dass es gar nicht so leicht ist, eine Panikattacke zu provozieren, wenn du bereit bist, diese voll zuzulassen.

l       Verzichte in Angstsituationen auf jede Fluchtmöglichkeit und bestärke dich darin immer wieder („Ich halte durch, was auch immer passiert!“), denn jeder Fluchtgedanke („Nichts wie weg!“) führt zu einer unnötigen körperlichen Aktivierung.

l       Wenn die Angst in einer bestimmten Situation einmal fast unerträglich stark wird, kannst du eine Atemtechnik einsetzen. Atme bei geschlossenem Mund tief durch die Nase ein und anschließend durch den Mund bei leicht geschlossenen Lippen möglichst lange aus, wie wenn du einen Löffel mit heißer Suppe kühlen würdest. Nach dem Ausatmen kannst du noch den Atem anhalten, bis der Einatmungsreflex von alleine einsetzt und du durch die Nase einatmest. Die Ausatmungsphase sollte 2-3 mal so lang sein wie die Einatmungsphase. Die Verlangsamung der Atmung verlangsamt auch deinen Herzschlag, die verlängerte Ausatmungsphase entspannt deine Muskulatur.

l       Bestimmte Bewegungsübungen erleichtern den Abbau der vorhandenen Verspannung. Schüttle Arme und Beine fest aus, während du ausatmest. Stelle dich mit erhobenen Armen hin, beuge dann deinen Körper, während Du mit ausgestreckten Händen den Boden berührst und dabei ausatmest.

l       Verlass Angst machende Situationen erst dann, wenn deine Angst auf ein erträgliches Ausmaß abgesunken ist. Verwende dazu ein subjektives „Angstthermometer“ mit einer Skala von 0-10, wobei 10 das größte Angstausmaß darstellt. Für eine erfolgreiche Angstreduktion reicht es aus, wenn deine Angst von 7-8 auf 3-4 zurückgeht.

l       Bei der Veränderung von Gewohnheiten brauchen deine Gefühle und körperlichen Zustände einige Zeit, deinen geänderten Einstellungen zu folgen. Es ist daher ganz normal, dass du dich in bestimmten Situationen, aus denen du früher angstvoll geflohen bist, eine Zeitlang noch etwas unwohl fühlst.

l       Lobe dich und belohne dich dafür, wenn du einige Fortschritte gemacht hast. Schließlich ist das Erreichte für dich nicht selbstverständlich. Wage dann mutig den nächsten Schritt, indem du dich einer weiteren, größeren Angstsituation stellst.

l       Lass dich am besten täglich auf eine Konfrontation mit der Angst ein, indem du dich in angstbesetzte Situationen begibst und so lange darin bleibst, bis deine Angst abnimmt oder überhaupt verschwindet.

l       Übe schwierigere Situationen zuerst zusammen mit einem Angehörigen oder einer Vertrauensperson. Betrachte jede aufgesuchte Situation jedoch erst dann als bewältigt, wenn du sie auch allein durchstehen kannst.

l       Wiederhole die einzelnen Übungen regelmäßig, um deine Erfolge zu sichern, und steigere bei Bedarf den Schwierigkeitsgrad. Rechne damit, dass du gute und schlechte Tage haben wirst und dir die Übungen einmal leichter und einmal schwerer fallen werden.

l       Übe auch an „schlechten Tagen“, dann vielleicht etwas weniger lang. Stimmungsschwankungen sind normal. Führe dein Trainingsprogramm unabhängig von deiner Befindlichkeit durch. Du brauchst die Erfahrung, dass du deine Ängste auch dann bewältigen kannst, wenn diese nach vorübergehender Besserung in einem Stimmungstief wieder vermehrt auftreten sollten. Für Angstbewältigungsübungen musst du also nicht topfit sein.

l       Wenn du aus Angst eine Situation verlassen hast, führe dieselbe Aufgabe möglichst noch am gleichen Tag erfolgreich durch. Auf diese Weise überwindest du Misserfolgserlebnisse.

l       Entferne dich bei übermäßiger Angst nur ein kleines Stück vom angstbesetzten Ort. Vermeide jede Flucht, kehre dann wieder in die Situation zurück, wenn du dich etwas erholt hast.

l       Rechne mit Rückschlägen, ohne dass du dich davor fürchtest, und nutze diese als Chance, etwas daraus zu lernen. Die stärksten Rückschläge erfolgen oft in Zusammenhang mit einer Panikattacke. In diesem Fall solltest du erkennen, dass eine gestufte Angstbewältigung allein unzureichend ist, weil du dabei nicht lernst, mit starken Ängsten umzugehen, wie diese bei einer Panikattacke auftreten. Anstelle der Methode „Wasch’ mich, aber mach’ mich nicht nass“ solltest du direkt in das „kalte Wasser“ der Angst springen und eine massierte Konfrontation mit den gefürchteten Situationen allein oder mit Hilfe einer vertrauten Person beginnen. Dabei lernst du, deine stärksten Ängste zu provozieren und zu bewältigen.

l       Nimm vor der Übung keine Beruhigungsmittel und trage diese während der Übung auch nicht wie einen Talisman bei dir. Verlass dich von Beginn an auf dich selbst. Du schaffst damit die Voraussetzungen dafür, alle erreichten Erfolge dir selbst und nicht den Tabletten zuschreiben zu können.

 

 

Mental trainieren wie Sportler

 

Menschen mit Ängsten können sich das, was sie fürchten, recht bildhaft vorstellen, nicht aber die Art und Weise, wie es nach der Angstreaktion gut oder erträglich weitergehen könnte. Sie beschäftigen sich in der Phantasie oft mit dem Eintreffen gefährlicher Ereignisse nach dem Motto „Was wäre, wenn ...“ Sie grübeln ständig, sorgen sich um die Zukunft, malen sich schreckliche Bilder aus und brechen kurz vor dem Höhepunkt, vor dem negativsten Ereignis, ihre Phantasien ab, weil sie in Panik geraten. Sie begehen den Fehler, nicht weiterzudenken und nach Bewältigungsstrategien zu suchen, sondern bleiben bei der Hilflosigkeit und Ohnmacht stehen.

Die typischen Katastrophenvorstellungen von ängstlichen Menschen sind negative Vorstellungsbilder, die durch positive Bewältigungsstrategien ersetzt werden sollen. Der Gedanke, aus einer gefürchteten Situation am liebsten fliehen zu wollen, führt zu entsprechender muskulärer Aktivierung.

Das Durchspielen verschiedener Bewältigungsstrategien soll im Rahmen eines mentalen Trainings gelernt werden. Der Begriff des mentalen Trainings ist aus dem Spitzensport gut bekannt. Zahlreiche sportliche Erfolge und wissenschaftliche Untersuchungen belegen die Wirksamkeit des mentalen Trainings. Durch die revolutionären Entwicklungen in der Hirnforschung können mittlerweile geistige Vorgänge im Gehirn (z.B. bildhafte Vorstellungen) auf dem Computerbild festgehalten werden. „Einbildungen“ haben eine reale Grundlage im Gehirn und führen zu einer bestimmten Befindlichkeit.

Mentales Training dient bei Ängsten dazu, durch möglichst bildhafte Vorstellung eine positive bzw. bewältigbare Lösung Angst machender Situationen durchzuspielen. Was du dir nicht einmal vorstellen kann, kannst du auch nur schwer tun. Jede anschauliche Vorstellung einer Bewältigungsreaktion fördert dagegen die entsprechende Handlungsbereitschaft.

Lass in deiner Vorstellung einen Film ablaufen, der nicht kurz vor bzw. während der größten Angst durch einen „Filmriss“ endet, sondern irgendwie weiterläuft. Stell dir vor, wie es nach der vermeintlichen Katastrophe weitergehen könnte und entwickle mindestens drei Schlussversionen dieses Films.

Positive Vorstellungen (ein bestimmtes Ruhebild wie z.B. erholsames Liegen am Meeresstrand) sowie die Vorstellung des Gelingens einer Handlung (lebendige Vorstellung vom Ziel einer Übung bei Platzangst) bewirken angenehme körperliche Zustände.

Nach einer Untersuchung zur Behandlung von Prüfungsängsten mittels Hypnose ist die Konfrontation mit Angst machenden Situationen allein wenig Erfolg versprechend, entscheidend ist vielmehr das mentale Eintrainieren von Bewältigungsreaktionen.

 

 

Wenn die Angstbewältigung nicht gelingen will

 

Vielleicht fragst du dich, wie du es jemals schaffen kannst, alle Ängste los zu werden. Allein diese Frage zeigt bereits, dass du ein unrealistisch hohes Anspruchsniveau entwickelt hast. Du hast noch einen langen Lebensweg vor dir und kannst beherzigen, was in „Momo“ von Michael Ende ausgedrückt wird:

 

„Siehst du“, sagte der Straßenkehrer, „es ist so: Manchmal hat man eine lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang. Das kann man niemals schaffen. Und dann fängt man an sich zu eilen. Man eilt sich immer mehr. Jedes Mal wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was da vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.“ Er dachte einige Zeit nach, und dann sagte er: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“

 

Mangelhafte oder ausbleibende Übungserfolge bei der Bewältigung von Angstzuständen, insbesondere wenn diese in bester Absicht und „technisch“ richtiger Weise angestrebt wurden, sollten Anlass sein, nach den Gründen zu suchen. Beantworte folgende Fragen:

 

l       Welche Vorteile verlierst du mit dem Ende deiner Ängste?

l       Welche anderen Probleme vermeidest du durch deine Angstzustände?

l       Welche Auswirkungen hätte die Bewältigung deiner Ängste auf dein Leben, insbesondere auf deine schulische, berufliche und familiäre Situation?

l       Was möchtest du nach Beseitigung deiner Ängste tun, und wie wichtig ist dir dies?

 

Deine Ängste können die Funktion haben, dich vor noch größeren Problemen zu bewahren. Wirst du die wiedergewonnene Freiheit auf Anhieb tatsächlich nützen können? Hinter Platzangst oder sozialen Ängsten kann die Angst vor Verantwortung und Freiheit stehen. Wenn du die Fesseln der Angst abgeworfen hast, kann eventuell die Bürde der Verantwortung und der Freiheit sowie der Zwang zur Entscheidung zwischen verschiedenen Lebensmöglichkeiten auf dich warten.

Nach der Beseitigung der Ängste kannst du vor der Situation stehen,

 

l       verschiedene Annehmlichkeiten zu verlieren (ständiges Umsorgt werden, viel Zuwendung und Nachsicht, Unterstützung bei der Arbeit) und vieles wieder selbst erledigen zu müssen;

l       die Schulausbildung mangels ausreichender Erfolge doch abbrechen zu müssen, ohne dass du weißt, was du sonst tun sollst;

l       den Arbeitsplatz wegen Unzufriedenheit zu wechseln und dabei das Risiko einzugehen, dies hinterher zu bereuen;

l       von zu Hause auszuziehen und ein selbständiges Leben zu beginnen oder weiter unter den Einengungen durch das Elternhaus zu leiden;

l       dich als junge Frau mit gleichen Rechten dem Partner gegenüber einerseits besser durchsetzen zu können, andererseits aber deswegen Angst haben zu müssen, seine Liebe zu verlieren.

 

 

WECHSELNDE ÄNGSTE - UNKONTROLLIERBARE SORGEN

 

Peter - Ein Junge voll Angst vor allem und jedem

 

Der 17jährige Peter litt von klein auf unter einer Fülle von Ängsten, die einmal mehr und einmal weniger sein Leben bestimmten. Seine Mutter war ebenfalls von zahlreichen Ängsten gequält, weshalb der Vater ihr vorwarf, sie habe ihrem Sohn die Ängste richtig anerzogen. Seine Mutter fürchtete ständig, er könne krank werden oder verunglücken. Wenn er später als üblich von der Schule nach Hause kam, rief sie in der Schule an, was los sei. Wenn er mit Schulkollegen unterwegs war, warnte sie ihn stets vor allen möglichen Gefahren und erinnerte ihn daran, worauf er achten müsse. Als er in der Lehrzeit abends fortging, konnte sie nicht einschlafen, solange er nicht zu Hause war. Als er sich mit 16 Jahren ein Moped wünschte, fand sie ihn noch zu jung dazu und begründete dies mit Zeitungsberichten über Unfälle von jugendlichen Mopedfahrern.

Peters Mutter litt unter verschiedenen Krankheitsängsten, insbesondere unter der Angst vor Brustkrebs, so dass sie sich oft fragte, wer nach ihrem Tod für Peter und seine kleinere Schwester sorgen würde. Wenn es der Mutter schlechter ging, fürchtete sich Peter oft ebenso wie sie selbst, dass sie tatsächlich Krebs bekommen könnte und er einmal ohne Mutter dastehen könnte. Peters Vater war beruflich oft im Ausland unterwegs, was bei der Mutter nicht selten Ängste auslöste, er könnte von einer Auslandsreise nicht mehr lebend zurückkommen, vor allem, wenn er nach Russland reisen musste.

Peter litt im Kindergartenalter unter starken Trennungsängsten von der Mutter. In der Volksschulzeit äußerten sich seine Ängste in Form von häufigen Magenbeschwerden. Wegen seiner ängstlichen Einstellung war er ungeschickt im Turnen, weshalb er sich oft fürchtete, ausgelacht zu werden, was tatsächlich vorkam. In der Hauptschulzeit war er vor Prüfungen häufig nervös und konnte schlecht einschlafen. Nach der Pflichtschulzeit wollte er gerne Elektriker werden, doch seine Mutter riet ihm wegen der Gefahren im Umgang mit Strom davon ab. Er bekam aufgrund seines guten Abschlusszeugnisses eine Lehrstelle als Maschinenschlosser, noch dazu in der Nähe des Elternhauses, was der Mutter sehr recht war.

In der rauen Berufswelt einer reinen Männergesellschaft bemühte er sich, nicht als Muttersöhnchen zu gelten, doch seine Ängste brachen direkt oder indirekt in Form von Symptomen immer wieder durch. Er hatte häufig Angst, etwas falsch zu machen, weil er wegen seiner Ängste und Sorgen tatsächlich öfters unkonzentriert bei der Arbeit war. Er befürchtete auch, dass er durch sein Fehlverhalten etwas kaputt machen könnte und seine Eltern dies ersetzen müssten. Nach der Arbeit konnte er sich schlecht entspannen und fühlte sich oft müde und erschöpft.

Im ersten Lehrjahr traten während der Berufsschulzeit seine früheren Magenbeschwerden wieder verstärkt auf. Trotz medizinischer Abklärung begann er sich vor Magenkrebs zu fürchten. Sein Onkel litt tatsächlich darunter, so dass er sich alles ganz konkret vorstellen konnte. Er hatte dasselbe plastische Vorstellungsvermögen wie seine Mutter, weshalb alles nur Denkbare gleich wie ein Film vor seinen Augen ganz konkret ablief.

Als er von Umsatzrückgängen seiner Firma hörte, fürchtete er im Gegensatz zu anderen Lehrlingen gleich den Konkurs des Betriebs und bekam Angst, seine Ausbildung nicht abschließen zu können.

Für einen kurzen Zeitraum hatte er eine Freundin, die ihn verließ, weil er als junger Mann ständig über seine körperlichen Beschwerden, Ängste und Sorgen sprach und das Leben nicht unbeschwert genießen konnte.

Im zweiten Lehrjahr nahmen seine körperlichen Beschwerden kurz vor dem fälligen Besuch der Berufsschule derart zu, dass er eine ärztliche Bestätigung zur Verschiebung benötigte. Eigentlich hatte er Angst vor neuerlichen Magenbeschwerden während der Berufsschulzeit. Sein Hausarzt, der ihn seit Jahren gut kannte, riet ihm, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, weil weder eine Verschiebung der Berufsschule noch ein Medikament seine Probleme dauerhaft lösen könnten.

Im Rahmen der Psychotherapie war es notwendig, einerseits Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Vertrauen in eine positive Zukunft aufzubauen und zu stärken, andererseits Unsicherheit und Angst besser ertragen zu lernen. Die erhöhte Angstbereitschaft ließ sich nicht einfach beseitigen, die positiven Sicht- und Verhaltensweisen konnten jedoch ausgebaut werden, so dass die Ängstlichkeit ihren lebensbestimmenden Charakter verlor.

 

 

Wenn Ängste und Sorgen ausufern

 

Wenn die Anspannungen, Sorgen und Befürchtungen in Bezug auf alltägliche Ereignisse und Probleme über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten ausufern, spricht man von einer „generalisierten Angststörung“. „Generalisiert“ drückt aus, dass sich die übertriebenen und unrealistischen Sorgen auf vielfältige Aspekte des Lebens beziehen.

Die Betroffenen können ihre Ängste und Sorgen nicht kontrollieren, obwohl sie diese als unbegründet und belastend erkennen. Es zeigt sich ein ständig erhöhtes Angstniveau, das in der Regel keine Panikattacken bewirkt, jedoch mit ständig vorhandenen körperlichen Symptomen verbunden ist.

Neben den bekannten Angstsymptomen können noch weitere Symptome auftreten:

 

l       Muskelverspannung, akute und chronische Schmerzen,

l       Ruhelosigkeit und Unfähigkeit zum Entspannen,

l       Gefühle von Aufgedrehtsein, Nervosität und psychische Anspannung,

l       Knödelgefühl im Hals oder Schluckbeschwerden,

l       übertriebene Reaktionen auf kleine Überraschungen oder Erschrecktwerden,

l       Konzentrationsschwierigkeiten, Leeregefühl im Kopf wegen Sorgen oder Angst,

l       anhaltende Reizbarkeit,

l       Einschlafstörung wegen der ständigen Sorgen.

 

Das ständige Sorgen und Grübeln stellt den Versuch dar, die befürchteten Probleme durch Nachdenken zu lösen. Sich zu sorgen, scheint noch größeres Leid verhindern zu können („Ich muss mich ständig sorgen, sonst passiert noch etwas Schlimmes“). Die Betroffenen spielen gedanklich alle möglichen Katastrophen durch, ohne jemals zu Lösungen zu gelangen, wie diese Katastrophen vermieden werden könnten. Dies erhöht nur die vorhandene Ängstlichkeit.

Die häufigsten Sorgen beziehen sich auf das Wohlbefinden der Familie, die Schule oder Arbeit, die finanzielle Lage oder die Gesundheit.

Bei Jugendlichen handelt es sich oft um Sorgen bezüglich der Arbeits- und Schulsituation, während die körperlichen Symptome noch nicht derart ausgeprägt und vielfältig sind wie bei Erwachsenen.

Menschen mit generalisierten Ängsten und gesunde Personen unterscheiden sich nicht bezüglich der Inhalte, über die sie sich sorgen, wohl aber hinsichtlich der Zeit, die sie mit Sorgen zubringen.

Eine generalisierte Angststörung beginnt im Gegensatz zu einer Panikstörung meist langsam. Die Betroffenen werden wegen der körperlichen Symptome meist nur medikamentös behandelt, vor allem mit Medikamenten für Schlafstörungen und Nervosität. Die Grundkrankheit wird oft übersehen oder mit einer Depression verwechselt. Häufig sind beide Krankheiten vorhanden.

Diese Störung wurde schon 1895 vom Wiener Arzt und Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, unter Einschluss der Panikattacken als „Angstneurose“ bezeichnet und so klar beschrieben, dass seine Definition 100 Jahre lang allgemein verwendet wurde.

 

 

Ausufernde Ängste eindämmen

 

Eine generalisierte Angststörung ist schwerer veränderbar als eine Phobie. Dies hängt mit dem Umstand zusammen, dass die Ängste tiefer in der Persönlichkeit der Betroffenen verankert sind.     

Generalisierte Ängste lassen sich nicht einfach durch Entspannungsübungen, eine Konfrontationstherapie oder den Aufbau selbstsicheren Verhaltens behandeln. Die zumeist nur im Kopf vorhandenen Angstsituationen, die mit keinen in der Realität konfrontierbaren Situationen zusammenhängen, erfordern häufig andere Vorgangsweisen, nämlich eine sog. „kognitive Therapie“.

 

Erfolgreiche Veränderungsbemühen beinhalten folgende Aspekte:

 

1.       Aufbau von mehr Vertrauen zu sich selbst und zu anderen als Grundvoraussetzung für den besseren Umgang mit genereller Ängstlichkeit.

 

2.       Genaue Analyse und Änderung der falschen Denkmuster. Generalisierte Ängste entstehen durch das ständige Sorgen. Bei Schülern handelt sich oft um Fragen wie „Habe ich wirklich genug gelernt?“, „Was ist, wenn ich durchfalle?“, „Was ist, wenn mich in der Klasse keiner mag?“, „Was ist, wenn in der Familie jemand schwer krank wird?“

 

3.       Entwicklung positiver Selbstgespräche anstelle der ständigen negativen Gedanken und Bewertungen. Die negativen Sätze, die man innerlich ständig zu sich selbst sagt, werden gezielt ersetzt durch glaubhafte positive Formulierungen, das heißt, es werden die inneren Selbstgespräche in eine hilfreiche Richtung verändert. An die Stelle von „Das schaffe ich nie“ tritt z.B. der Satz „Ich habe genug gelernt, also kann ich das auch schaffen.“

 

4.       Intensiveres gefühlsmäßiges Sich-Einlassen auf die jeweiligen Angstinhalte. Die Betroffenen fürchten sich oft vor allem und jedem. Sie weichen auf diese Weise aber auch jedem einzelnen Angstgedanken aus, indem sie bei stärkerer emotionaler Erregung auf eine andere Sorge umschwenken. Es erfolgt daher eine intensive Konfrontation mit den einzelnen Sorgen in der Vorstellung mit dem Ziel, die Angstinhalte ohne Verdrängen „bis zum bitteren Ende“ mental, emotional und körperlich durchzuerleben. Die Technik des bildhaften „Zu-Ende-Denkens“ hat einen sog. paradoxen Effekt: was man absichtlich auslöst, wird nicht mehr als unkontrollierbar erlebt. 

 

5.       Entspannungstechniken zur Verminderung des erhöhten Anspannungsniveaus. Viele Menschen mit generalisierten Ängsten greifen gerne zu abhängig machenden Beruhigungsmitteln, vor allem auch, um besser schlafen zu können. Es ist daher wichtig, dass sich die Betroffenen mit Hilfe verschiedener Methoden besser entspannen lernen. Die starke muskuläre Verspannung lässt sich oft gut durch Sport, Massagen oder körperbezogene Techniken abbauen.

 

 

WENN EINE ANGST DAS LEBEN SCHWER MACHT

 

Die vielen kleinen Ängste in einer einzigen Schulklasse

 

Bei einer Diskussion im Religionsunterricht zum Thema „Wovor ich mich fürchte“ wurden bei den Schülern einer 7. Klasse AHS zahlreiche Ängste sichtbar.

Maria fürchtet sich täglich vor einem Hund im Garten eines Hauses, an dem sie auf ihrem Schulweg vorbeigehen muss.

Helga hat Angst vor dem Zahnarzt. Sie hat deshalb schon zweimal den vereinbarten Termin mit Ausreden verschoben, obwohl sie Zahnschmerzen hat.

Petra sagte letzten Sommer wegen plötzlicher Flugangst die Teilnahme am Urlaubsflug der Familie nach Griechenland ab und blieb lieber bei der Großmutter zu Hause. Sie hatte vorher einen Bericht über einen Flugzeugabsturz im Fernsehen gesehen, der sie mehr beeinflusste als die positive Erfahrung von zwei früheren Urlaubsflügen.

Sabine geht lieber zu Fuß in den 6. Stock ihres Wohnhauses, seit der Lift einmal kurz ausfiel und sie auf Hilfe von außen warten musste.

Angelika fiel beim Anblick von Blut einmal kurz in Ohnmacht und fürchtet seither Blut, Spritzen, Krankenhäuser und Arztbesuche.

Martin kann aus Angst vor AIDS keine fremden Toiletten betreten, auch nicht in der Schule, so dass er oft in belastender Weise ausharren muss, bis er wieder zu Hause ist. Er kann deshalb auch keine weiten Ausflüge unternehmen.

 

 

Auch eine „kleine“ Angst kann große Folgen haben

 

Einzelne Ängste - von den Fachleuten „spezifische Phobien“ genannt -  bestehen aus einer deutlichen Furcht vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation (außer Platzangst oder soziale Ängste) sowie aus der bewussten Vermeidung solcher Objekte oder Situationen.

Bei einer starken Phobie zeigen sich oft panikähnliche Zustände. Die Betroffenen wissen um ihr übertriebenes und unvernünftiges Verhalten, können es aber dennoch nicht steuern, so dass sie unter diesem Zustand leiden.

Bestimmte spezifische Phobien sind bei vielen Menschen anzutreffen. Krankheitswertig sind diese Zustände nur dann, wenn man darunter leidet und verschiedene Lebenseinschränkungen in Kauf nehmen muss. Eine isolierte Flugphobie kann z.B. die weitere Berufsausübung gefährden.

Es gibt zahlreiche spezifische Phobien, je nach Auslöser. Der Versuch einer Systematisierung hat zu folgender Einteilung der spezifischen Phobien geführt:

 

l       Angst vor Tieren. Es besteht eine Angst vor Hunden, Spinnen, Schlangen, Bienen usw. Tierphobien beginnen meist im Kindesalter. 

l       Angst vor Umweltereignissen. Bestimmte Situationen in der Natur wie Höhen, Stürme, Wasser usw. lösen Ängste aus. Diese Phobie beginnt ebenfalls meist in der Kindheit.

l       Angst vor Blut, Spritzen oder Verletzungen. Angesichts von Blut, Verletzungen, Spritzen oder medizinischen Behandlungseinrichtungen treten oft unkontrollierbare Ängste auf, die mitunter eine erforderliche ärztliche Behandlung verunmöglichen. Charakteristisch ist eine Ohnmachtsneigung als Folge eines plötzlichen Blutdruckabfalls. Rund 75% der Betroffenen erlebten Ohnmachtsanfälle in solchen Situationen. Es erfolgt zuerst eine kurze Beschleunigung der Herzfrequenz, anschließend ein Abfall von Puls und Blutdruck, was im Gegensatz zur Aktivierung des sympathischen Nervensystems (Pulsbeschleunigung) bei den anderen Phobien steht.

l       Situative Ängste. Bestimmte Situationen und Gegebenheiten wie Verkehrsmittel, Tunnel, Brücken, Fahrstühle, Fliegen, Autofahren, geschlossene Räume usw. lösen Ängste aus, die nicht so generalisiert sind wie bei einer Platzangst.

l       Andere Ängste. Dazu zählen alle anderen spezifischen Phobien z.B. Ängste vor bestimmten Krankheiten wie eine Krebs- oder AIDS-Phobie.

 

Verschiedene situative Ängste kommen auch bei Platzangst vor. Platzangst führt jedoch zu einer umfassenderen Lebenseinschränkung als eine isolierte Lift- oder Brückenphobie.

Die Bewältigung spezifischer Phobien erfolgt nach den Grundsätzen, wie sie bei der Bewältigung der Platzangst dargestellt wurden, nämlich durch zunehmende Konfrontation damit. In bestimmten Fällen, wo der Aufbau von mehr Selbstvertrauen im Vordergrund steht, empfiehlt sich eher eine gestufte Angstbehandlung als eine massierte Vorgangsweise, z.B. bei einer Hundephobie oder einer Zahnarztphobie.

 

 

SOZIALE ÄNGSTE - DIE ANGST VOR DEN ANDEREN

 

Gerhard - Die Angst vor Ablehnung führt zum Rückzug

 

Gerhard wollte in der 1. Klasse eines Oberstufenrealgymnasiums am liebsten nicht mehr in die Schule gehen. Er glaubte, dass er als Kind vom Land nicht zu den Mitschülern passte, die großteils aus der Stadt stammten. Er unterschied sich von den anderen durch seine Mundart, aber auch durch seine Kleidung. Seine Eltern konnten ihm aus finanziellen Gründen keine Markenartikel kaufen, was in seiner Klasse sehr wichtig war. Als ehemaliger Hauptschüler tat er sich anfangs in verschiedenen Gegenständen auch viel schwerer als zahlreiche andere Schüler, die vorher die Unterstufe des Gymnasiums besucht hatten. Er wusste wenig von den jeweiligen Sportgrößen und auch nicht viel von den aktuellen Musikstars. Die anderen tauschten Computerspiele aus, er konnte mangels PC nichts anbieten. Als Bauernkind vom Land liebte er die Tierwelt und legte eine Sammlung von Käfern und Schmetterlingen an, doch dies interessierte die Mitschüler kaum.

Er fühlte sich in der Klasse isoliert, manchmal auch belächelt. Mit den Mädchen kam er besser zurecht, weshalb er den Spitznamen „Mädi“ erhielt.

Nach einigen Monaten Schulbesuch fürchtete er sich bereits am Morgen vor der Schule. Er grübelte täglich darüber nach, wie die anderen auf ihn reagieren würden. Das Frühstück schmeckte ihm nicht mehr, weil er so angespannt und ängstlich war. Auf der Fahrt mit dem Bus in die Stadt nahm seine Angst einmal so stark zu, dass er ausstieg und wieder nach Hause fuhr. Seine Eltern sprachen ihm Mut zu, dass es sich dabei nur um Anfangsschwierigkeiten handle, doch dies nutzte nichts.

Im Laufe der Zeit entwickelte er aus Angst vor seinen Mitschülern körperliche Symptome. Er litt vor allem unter Schlafstörungen, Magenschmerzen und eigenartigen Schwindelzuständen. Mehrfach musste er mitten im Unterricht wegen Übelkeit und Schwindel das Klassenzimmer verlassen, wobei er dies anfangs zu überspielen versuchte, indem er erklärte, dass er wegen Durchfallsneigung die Toilette aufsuchen müsse. Einmal schickte ihn ein Lehrer während des Unterrichts nach Hause und riet ihm, zum Arzt zu gehen. Ein anderes Mal bekam er vor der Mathematik-Schularbeit einen derartigen aufregungsbedingten Fieberschub, dass ihn der Hausarzt für drei Tage krank schrieb.

Er glaubte, dass ihn sein Mathematik-Professor ebenso wenig akzeptierte wie seine Mitschüler. Dabei hatte dieser nur gesagt, dass man seinen schulischen Rückstand als ehemaliger Hauptschüler im Vergleich zu den früheren Gymnasiasten schon etwas merke und er ihm daher zu einem vorübergehenden Nachhilfeunterricht rate.

Er fürchtete sich immer mehr vor jeder mündlichen Prüfung, weil er dachte seine Mitschüler würden seine Aufregung und seine körperlichen Angstzustände bemerken. Anstatt sich voll auf die Frage der Lehrkraft oder auf die Aufgabenstellung an der Tafel zu konzentrieren, fragte er sich immer häufiger, was die anderen an ihm merken würden. Er richtete seine Aufmerksamkeit immer mehr auf seinen Körper. Würden die anderen sein leichtes Zittern wahrnehmen oder seine Schweißperlen auf der Stirn sehen? Was würden sich die anderen denken, wenn er zu stottern beginnt oder seine Stimme bricht? Wenn er vor Aufregung kein Wort herausbringt, würden die anderen dann denken, dass er nichts gelernt habe, obwohl er doch bis spät in die Nacht über den Schulbüchern gesessen sei?

In einigen Fächern verschlechterten sich die Noten bei Schularbeiten und mündlichen Tests. Dies hing mit der durch Angst und Aufregung bedingten Konzentrationsstörung zusammen. Die schlechten Noten wiederum verstärkten Gerhards Erwartungsängste, bei Prüfungen zu versagen oder unter seinem Wert geschlagen zu werden.

Schließlich führten die Eltern ein Gespräch mit dem Klassenvorstand, dem Gerhards Probleme schon längst aufgefallen waren. Man vereinbarte eine Testung im schulpsychologischen Dienst. Dabei stellte sich heraus, dass Gerhard eine überdurchschnittliche Intelligenz aufwies und seine Schulprobleme nicht mit Begabungsmängeln zusammenhingen.

Die Schulpsychologin empfahl ihm eine Psychotherapie, die nach einem halben Jahr zu einer wesentlichen Besserung seines Verhaltens führte. Er schaffte das erste Jahr der höheren Schule und wurde später nicht nur ein guter, sondern auch ein beliebter Schüler. Er hatte gelernt, auf andere zuzugehen. Gerhards Probleme wurden dadurch verstärkt, dass er sich aus Angst vor Ablehnung selbst aus der Klassengemeinschaft ausschloss, während er glaubte, er sei von den anderen ausgeschlossen worden.

 

 

Die unmögliche Kunst, es allen recht zu machen

 

Menschen mit sozialen Ängsten möchten es allen recht machen, um gefürchteter Kritik zu entgehen. Was dabei herauskommt, wird durch eine schöne orientalische Geschichte veranschaulicht.

 

In der glühenden Mittagshitze zogen ein Vater, sein kleiner Sohn und ein Esel durch die staubigen Gassen einer Stadt. Der Vater saß auf dem Esel, während der Junge daneben herging. Da sagte ein Vorübergehender: „Der arme Junge. Seine kurzen Beine können mit dem Tempo des Esels kaum mithalten. Wie kann ein Vater so faul auf dem Esel sitzen, während das kleine Kind vom Laufen ganz müde wird.“ Der Vater beherzigte diese Worte und setzte den Jungen auf den Esel. Bald darauf kam ein anderer Mann vorbei und rief: „So eine Unverschämtheit. Der kleine Bengel sitzt wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte der Jungen, der daraufhin den Vater bat, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. Bald darauf rief eine vorbeigehende Frau entrüstet aus: „Hat man so etwas schon gesehen? So eine Tierquälerei! Der Rücken des armen Esels hängt völlig durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre die arme Kreatur ein Diwan!“ Daraufhin stiegen Vater und Sohn wortlos vom Esel herunter. Einige Schritte weiter machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und nicht einmal einen von euch trägt?“ Jetzt erst zog der Vater die richtige Schlussfolgerung und sagte zu seinem Sohn: „Gleichgültig, was wir machen, es findet sich immer jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“

 

 

Das Wesen sozialer Ängste

 

Krankhafte soziale Ängste werden als „soziale Phobie“ bezeichnet. Eine soziale Phobie ist eine starke Angst, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer Menschen zu stehen, sich peinlich oder demütigend zu verhalten. Es besteht eine Furcht vor der prüfenden Beobachtung durch andere Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen, nicht dagegen in Menschenmengen, wo die Angst machende persönliche Nähe zu einzelnen Menschen entfällt.

Soziale Situationen und Leistungssituationen werden oft gänzlich vermieden oder nur unter intensiver Angst durchgestanden. Sozial ängstliche Menschen leiden unter ihren Angstsymptomen und ihrem Vermeidungsverhalten, können aber trotz der Erkenntnis, dass sie übertrieben und unvernünftig sind, ihr Verhalten nicht ändern.

Die Angst, beobachtet und kritisch bewertet zu werden, führt zu körperlichen Symptomen, die erst recht die Angst vor sozialer Auffälligkeit verstärken. Die Angst äußert sich in typischen körperlichen Symptomen wie z.B. Verkrampfung, Händezittern, feuchte Hände, Schwitzen, Erröten, Herzrasen, Atemnot, Knödelgefühl im Hals, Übelkeit, Schwindel, Kopf- oder Magenschmerzen, Harn- oder Stuhldrang, Stottern bzw. Sprechhemmung. Die Angst kann bis zu einer Panikattacke ansteigen.

Neben den bekannten Angstsymptomen treten in den gefürchteten sozialen Situationen vor allem folgende Symptome auf, die nach außen hin sichtbar werden (Erröten, Zittern, Schwitzen, Weinen, Stimmprobleme, Angst zu erbrechen, Harn- oder Stuhldrang). Dies wird als weiterer bzw. eigentlicher Grund für die negative Bewertung vonseiten der Umwelt erlebt.

Die körperlichen Beschwerden bei sozialen Ängsten sind ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal gegenüber einer einfachen Schüchternheit. Sie stellen für viele sozial ängstliche Menschen das zentrale Problem dar.

Die Angst vor dem sichtbaren Zittern der Hände kann dazu führen, dass die Betroffenen in Anwesenheit anderer nichts essen, trinken oder unterschreiben. Ohne das Gefühl der Beobachtung können die Betroffenen alle Tätigkeiten problemlos ausführen. Sozialen Situationen wird nicht nur wegen des befürchteten Händezittern ausgewichen. Das Händezittern ist vielmehr das Ergebnis der angstbedingten Muskelverspannung in sozialen Situationen.

In der Selbstwahrnehmung können die Angstsymptome als das zentrale Problem verkannt werden. Eine Errötungsangst bezieht sich auf das Erröten in sozialen Situationen und entsteht aus der Angst vor Sozialkontakten, während die Betroffenen meinen, sie würden nur wegen des unkontrollierbaren Errötens den Kontakt mit anderen Menschen fürchten. Die Angst, der momentane Schweiß oder Mundgeruch könnte anderen unangenehm auffallen, führt zu einem „Sicherheitsabstand“ zu anderen Menschen. Die anderen sollen nicht nur nichts Peinliches sehen, sondern auch nichts riechen.

 

 

Die Vielfalt sozialer Ängste

 

Soziale Ängste treten in folgenden typischen Situationen auf:

 

l       sich in Gegenwart anderer äußern,

l       in der Öffentlichkeit eine Rede halten,

l       bei einem bestimmten Anlass öffentlich in Erscheinung treten,

l       Kennenlernen fremder Menschen (z.B. vorgestellt werden),

l       Personen des anderen Geschlechts ansprechen,

l       Essen und Trinken mit anderen (das Glas heben ohne Zittern),

l       Teilnahme an Gruppen (Partys, Feiern, Treffen, Verabredungen, Schulausflügen, Aufenthalt in einem Klassenzimmer oder Hörsaal),

l       unter Beobachtung anderer schreiben bzw. eine Unterschrift leisten,

l       in einer Leistungssituation von anderen beobachtet werden,

l       sportliche Betätigung, während andere zuschauen (z.B. im Turnunterricht),

l       Teilnahme bei Tests und Wettbewerben,

l       beim Rotwerden, Zittern oder Schwitzen sich beobachtet fühlen,

l       in einem Lokal in der Mitte sitzen,

l       in öffentlichen Verkehrsmitteln anderen gegenübersitzen und auffallen,

l       Besuch öffentlicher Toiletten,

l       Bewerbungsgespräche vornehmen,

l       Autoritätspersonen gegenübertreten,

l       bei Benachteiligung um sein Recht kämpfen,

l       berechtigte Kritik äußern.

 

Völlig unterschiedliche Menschen können soziale Ängste aufweisen:

 

l       eine Schülerin mit Prüfungsangst, der aufgrund ihrer massiven körperlichen Symptome nicht an einer entscheidenden Schularbeit teilnehmen kann;

l       ein Schüler, der schon zweimal angeblich wegen des falschen Schultyps die höhere Schule gewechselt hat, tatsächlich jedoch Probleme mit der Integration in die Klassengemeinschaft aufweist;

l       ein Lehrling, der das Berufsschulinternat nicht aufsuchen kann, weil er außerhalb der Familie nicht übernachten kann;

l       eine Lehrerin, die aus Angst vor bestimmten „schwierigen“ Schülern nur mehr mit Beruhigungsmitteln den Klassenraum betreten kann;

l       ein Abteilungsleiter, der sich und seine Untergebenen ständig arbeitsmäßig überfordert, weil er keine Kritik vonseiten der Geschäftsführung vertragen kann und daher alles tut, um dies zu vermeiden;

l       eine Frau mit ständigen Kopf- und Rückschmerzen, die angeblich nur wegen ihrer Schmerzen nicht mehr fortgeht, weil sie niemand zur Last fallen möchte;

l       eine durchwegs attraktive Frau, die wegen ihrer Figur nicht mehr baden geht, weil die Leute sonst zuviel auf sie schauen könnten;

l       ein Politiker, der ständig im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht und sich dennoch davor fürchtet, weil er es jedem recht machen möchte;

l       ein erfolgreicher junger Unternehmer, der ständig rot wird, wenn er eine Frau anspricht, so dass er die Partnersuche zugunsten eines Überengagements in seiner Firma aufgibt;

l       ein junger Mann, der eine Beziehung zweimal gerade dann abbrach, als sie intim zu werden begann, weil er Angst hat, sexuell zu versagen, wie dies in der ersten Beziehung einmal der Fall war;

l       eine junge Frau, die trotz des Wunsches nach einer Beziehung alle Männer zurückweist, weil sie Angst hat, dass der Partner nach längerer Bekanntschaft die Beziehung wegen einer attraktiveren Frau beenden könnte;

l       ein Einzelhandelsverkäufer, der wegen ständiger unerklärlicher Symptome viele Krankenstände aufweist und deshalb seinen Beruf wechseln muss, tatsächlich jedoch durch seine anhaltende Angst vor kritischen Kunden an seiner Arbeitsstelle überfordert war;

l       ein fleißiger Facharbeiter, der aufgrund seiner Tüchtigkeit eine Vorgesetztenposition erlangt, die jedoch wegen des ständigen Entscheidungsdrucks, der zahlreichen Repräsentationspflichten und verschiedener spannungsgeladener Sitzungen für ihn bald so belastend ist, dass er eine stationäre Behandlung aufsuchen muss;

l       ein Langzeitarbeitsloser, der aus Angst vor körperlichen Angstsymptomen beim Vorstellen alle vom Arbeitsamt angebotenen Arbeitsstellen so lange nicht aufsucht, bis diese durch jemand anderen besetzt sind;

l       ein Mann, der kaum mehr in ein Lokal geht, weil er Angst hat, dass andere Leute das Zittern seiner Hände beim Heben eines Glases bemerken könnten und ihn dann als Exalkoholiker verdächtigen könnten;

l       ein Sportler, der im Training stets gute Leistungen erbringt, im Wettkampf jedoch unter dem Druck einer kritischen Öffentlichkeit versagt.

 

 

Wie sich sozial ängstliche Menschen das Leben erschweren

 

Ein gewisses Ausmaß an sozialer Angst ist völlig normal. Die Krankheitswertigkeit sozialer Ängste hängt vom Ausmaß der erlebten Beeinträchtigung ab. Kennzeichnend ist die angstvolle Vermeidung von an sich gewünschten Sozialkontakten.

Eine einfache Schüchternheit stellt keine Störung dar, wenn sie nicht als belastend erlebt wird. Viele gesunde Menschen erleben zeitweise die Angst, sich in sozialen Situationen zu blamieren, fühlen sich dadurch aber nicht so belastet und beeinträchtigt wie Menschen mit sozialen Ängsten.

Ein schüchterner Mensch vermeidet so gut als möglich, im Mittelpunkt zu stehen, kann dies aber aushalten, wenn es von ihm gefordert wird (z.B. eine Rede halten), während ein sozial ängstlicher Mensch vorher häufig krank wird oder das Ereignis nur mit großer Angst durchsteht.

Insbesondere die Angst vor öffentlichem Sprechen führt dazu, dass zahlreiche Menschen den Auftritt in der Öffentlichkeit vermeiden, so gut es geht. Wenn aus schulischen, beruflichen oder sonstigen Gründen ein öffentlicher Auftritt unvermeidlich ist, können schüchterne Menschen sehr wohl in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit treten, während sozial ängstliche Menschen körperliche Symptome bekommen.

Schüchterne Menschen können durchaus erkennen, dass sie von anderen Menschen gemocht werden, sozial ängstliche Personen können dagegen nicht glauben, dass sie von ihrem Wesen her wirklich akzeptiert werden. Soziale Ängste beruhen auf einer Wahrnehmungsverzerrung infolge unzutreffender Einstellungen. Wer glaubt, dass er von den anderen abgelehnt wird, wird in allem und jedem einen Beweis dafür finden.

Prüfungsangst, Sprechangst, Lampenfieber und Schüchternheit in Anwesenheit fremder Personen sind häufige Erscheinungen. Sie werden nur dann als Ausdruck sozialer Ängste diagnostiziert, wenn die dabei auftretende Angst belastend ist und die einsetzende Vermeidungstendenz zu einer ernsthaften Lebensbeeinträchtigung führt.

Menschen mit sozialen Ängsten haben oft ein niedriges Selbstwertgefühl und sind selbst ihre schärfsten Kritiker. Sie fürchten, dass andere Menschen ihre eingebildeten oder tatsächlichen Schwächen erkennen könnten. Sie können ihre Eigenart nicht annehmen und fürchten die soziale Ablehnung als Bestätigung ihrer vermeintlichen Minderwertigkeit.

Sie beschäftigen sich in sozialen Situationen übermäßig mit der eigenen Person und der Wirkung auf andere Menschen. Sie glauben, die anderen würden ebenfalls ständig ihre vermeintlichen Defizite beobachten. Durch die ständige Selbstbeobachtung und das anhaltende Gefühl der Beobachtung verlieren sie jede Spontaneität und werden dadurch sozial noch distanzierter.

Sozial ängstliche Menschen können sich vor denselben Situationen fürchten wie Menschen mit Platzangst, jedoch aus anderen Gründen, nämlich wegen der unerträglichen sozialen Beachtung und Beurteilung der eigenen Person („Was werden sich die anderen von mir denken?“, „Bestimmt halten sie mich für dumm“, „Ich könnte mich blamieren“).

Nicht selten werden die sozialen Ängste durch Ausreden zu verbergen versucht (z.B. „Ich finde Partys blöd“, „Ich mag diese Typen nicht“, „Ich kann nicht mehr soviel fortgehen wie früher, weil ich viel lernen muss“).

Sozialer Rückzug oder das verkrampfte Bemühen, möglichst unauffällig zu wirken, verhindert die Erfahrung, dass die Mitmenschen die Betroffenen gar nicht im gefürchteten Ausmaß beobachten und kritisieren, sondern trotz der vermeintlichen Schwächen als liebenswerte Persönlichkeiten ansehen.

Soziale Angst aus Selbstunsicherheit kann so weit gehen, dass die Betroffenen glauben, andere Menschen würden ständig über sie sprechen oder sie in besonderer Weise anschauen.

Die Konzentration auf die eigene Person und deren Wirkung auf andere beeinträchtigt die Zuwendung zum Gesprächspartner und dessen Äußerungen, was subjektiv als Konzentrationsstörung oder gar als Merkfähigkeitsstörung erlebt werden kann.

Die Angst vor Kritik und Ablehnung hat zur Folge, dass Menschen mit sozialen Ängsten sich nicht ausreichend durchsetzen und ihre berechtigten Wünsche und Bedürfnisse nicht vertreten können. Sie haben Schwierigkeiten, Nein zu sagen und sich gegenüber den Forderungen anderer abzugrenzen, weil sie Angst haben, nicht mehr geliebt zu werden.

Viele Menschen mit sozialen Ängsten leben sehr zurückgezogen und sehnen sich bei aller Angst vor Ablehnung und Zurückweisung doch sehr nach Kontakt und Anerkennung. Nach verschiedenen verpassten Gelegenheiten leiden sie stark unter dem Gefühl, wieder einmal nicht die Initiative ergriffen zu haben und z.B. eine Person des anderen Geschlechts angesprochen zu haben.

Auf der Suche nach einem Partner hoffen viele sozial ängstliche Personen gleich auf einen intimen Partner. Das erste Gespräch im Lokal wird bereits zum Test, ob man beim anderen „angekommen“ oder „durchgefallen“ ist. Diese Art der Kontaktsuche ist auf dem Hintergrund des langen Alleinseins verständlich, stellt jedoch eine Überforderung für beide Gesprächspartner dar. Oft fehlen Geduld und Verständnis dafür, dass eine Beziehung über einen längeren Zeitraum,  auch durch Enttäuschungen hindurch, aufgebaut werden muss.

Alleinstehende Menschen mit sozialen Ängsten glauben nicht selten, durch einen intimen Partner schlagartig alle Ängste zu verlieren. Ein Partner wird häufig als Retter aus großer Not sehnsüchtig erwartet. Er soll die innere Unsicherheit ausgleichen und eine Erlösung aus der Einsamkeit bewirken.

Menschen mit sozialen Ängsten haben oft völlig unrealistische Zielvorstellungen über den Aufbau und die Erhaltung von Beziehungen und erleben deshalb immer wieder neue Enttäuschungen. Bei langfristig unerfüllten Erwartungen können depressive Verstimmungen auftreten.

Soziale Ängste können durch eine Partnerschaft nach außen hin oft über einen langen Zeitraum überspielt werden. Wenn die Paarbeziehung zerbricht, können die alten Probleme und Symptome bald wieder auftreten.

Soziale Ängste äußern sich häufig in Form von sexuellen Funktionsstörungen. Die Angst, in sexueller Hinsicht zu versagen oder als Frau bzw. Mann nicht attraktiv genug zu sein, verhindert den näheren Kontakt mit einer Person des anderen Geschlechts. Küssen wird nicht selten aus Angst vor schlechtem Mundgeruch vermieden. Die Betroffenen brechen eine beginnende Beziehung häufig von sich aus ab, um der Angst vor Ablehnung zu entgehen.

Soziale Ängste entwickeln sich langsamer als andere Angststörungen. Erste Anzeichen dafür sind oft eine ausgeprägte Schüchternheit oder Zurückhaltung, später resultieren daraus auch verschiedene berufliche oder private Probleme.

Eine Depression ist die häufigste Begleit- und Folgesymptomatik sozialer Ängste. Sozial ängstliche Menschen mit einer Depression weisen eine besondere Überempfindlichkeit bei Kritik und Ablehnung auf.

Eine soziale Phobie ist keine harmlose Angstkrankheit, was sich auch in relativ häufigen Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen äußert. Bei rund 15% kommen Selbstmordversuche vor.

Die depressive Verstimmung entwickelt sich oft als Folge der sozialen Hemmung. Die Depression ist bedingt durch die Unzufriedenheit mit der jeweiligen Lebenssituation (geringe Durchsetzungsfähigkeit im beruflichen und privaten Bereich, Vereinsamung, wenig Verhaltensalternativen).

Viele sozial ängstliche Personen benutzen Alkohol, um ihre Ängste zu dämpfen. Der Alkoholmissbrauch ist bei sozialen Ängsten ausgeprägter als bei Platzangst. Zahlreiche Angst auslösende soziale Kontakte erfolgen in Situationen, in denen Alkohol zur Verfügung steht (z.B. bei Verabredungen, Feiern, Essen im Restaurant). Unter Alkoholikern befinden sich viele sozial ängstliche Menschen, die wegen ihrer Ängste zu trinken begonnen haben.

 

 

ZWEI TYPEN SOZIALER ÄNGSTE

 

Man kann zwei Arten von sozialen Ängsten unterscheiden:

 

1.       spezifische soziale Ängste

2.       generalisierte soziale Ängste

 

 

Spezifische soziale Ängste

 

Spezifische soziale Ängste (von den Fachleuten „Sozialphobie vom Leistungstyp“ genannt) beziehen sich auf Essen oder Schreiben in der Öffentlichkeit sowie auf bestimmte Leistungssituationen (Prüfung, Reden, sportliche Betätigung usw.). Die Angst bewirkt eine Hemmung von an sich vorhandenen Fertigkeiten und geht mit belastenden körperlichen Symptomen einher.

Die Störung ist begrenzt auf spezifische Leistungssituationen vor den Augen anderer Menschen, während in allen anderen Bereichen eine gute soziale Funktionsfähigkeit gegeben ist. Eine Konfrontationstherapie ist oft hilfreich.

Als Auslöser dient häufig ein einschneidendes Erlebnis (z.B. Ausgelachtwerden beim Stottern während eines Referats, Verspottung bei einer ungeschickten Turnübung, Händezittern beim Schreiben an der Tafel). Dabei trat - von den anderen oft unbemerkt - die erste Panikattacke oder eine panikähnliche Reaktion auf.

Soziale Ängste vom Leistungstyp können aufgrund der damit verbundenen körperlichen Symptome zu einer plötzlichen Veränderung eines Jugendlichen führen, die der Umwelt völlig unerklärlich erscheint, vor allem wenn der Betroffene vorher als kontaktfreudig und selbstbewusst galt.

Eine spezifische Sozialphobie beginnt durchschnittlich im 16. oder 17. Lebensjahr und hängt oft mit situativ bedingten Panikattacken zusammen. Die Beeinträchtigungen zeigen sich meist im schulischen und beruflichen Bereich.

 

 

Generalisierte soziale Ängste

 

Generalisierte soziale Ängste beziehen sich auf vielfältigste soziale Situationen und beruhen häufig auf einer allgemeinen Selbstunsicherheit, so dass ein Selbstsicherheitstraining angezeigt ist.

Die Betroffenen fürchten sowohl öffentliche Leistungssituationen (vor anderen reden, essen schreiben usw.) als auch alle möglichen soziale Situationen (z.B. Kontaktaufnahme mit Fremden oder Personen des anderen Geschlechts).

Im Laufe der Zeit kommt es zu schweren Beeinträchtigungen in allen Lebensbereichen, so dass soziale, schulische und berufliche Probleme auftreten.

Die Störung ist oft mit einer depressiven Symptomatik oder mit Alkoholmissbrauch verbunden.

Generalisierte soziale Ängste treten gewöhnlich schon sehr früh auf (durchschnittlich mit 11-12 Jahren), jedenfalls vor dem 15 Lebensjahr.

 

 

 

SOZIALE ÄNGSTE IM JUGENDALTER

 

Ein bestimmtes Ausmaß an sozialen Ängsten ist gerade bei Jugendlichen völlig normal. Soziale Ängste treten im Jugendalter häufig dann auf, wenn die typischen Entwicklungsaufgaben in diesem Lebensabschnitt nicht ausreichend bewältigt werden:

 

l       Ablösung vom Elternhaus in Form von mehr Selbständigkeit,

l       Eintritt in die Berufswelt,

l       Entwicklung einer eigenen Identität,

l       Integration in die Gleichaltrigengruppe mit alterstypischen Aktivitäten, 

l       Kontaktfähigkeit gegenüber dem anderen Geschlecht,

l       Umgang mit den Veränderungen in der körperlichen Entwicklung.

 

Im Jugendalter werden oft Fragen wichtig wie: „Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Was halten die anderen von mir? Welche Beurteilungskriterien sollen gelten, die eigenen oder die der anderen Menschen?“

Auf der Suche nach einem verbindlichen Maßstab für das eigene Handeln entwickelt sich eine erhöhte Empfindsamkeit für kritische Reaktionen vonseiten der Umwelt. Die eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen werden selbstkritisch mit den Auffassungen der Alterskollegen verglichen. Anderssein und anders handeln macht Angst. 

Schlagworte wie Selbständigkeit, Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit deuten die Entwicklungsziele an, die für die Pubertät wichtig sind, in diesem Zeitraum jedoch nicht ausreichend verwirklicht werden können. Soziale Ängste hängen mit dem Fehlen oder der mangelhaften Ausprägung dieser Aspekte zusammen.

Aufgrund des oft noch unzureichenden Selbstwertgefühls sind viele Jugendliche gefährdet, ihr Selbstbewusstsein übermäßig auf bestimmten Leistungsaspekten und Statussymbolen aufzubauen: gute Noten, attraktives Äußeres, körperliche Kraft, Kleidung mit bestimmten Markennamen, Besitz bestimmter technischer Güter.

Es herrscht der Grundsatz: „Wenn ich nicht weiß, was ich bin, zeige ich her, was ich habe, und demonstriere ich, was ich kann“. Der Versuch, durch Überanpassung an die Gruppe der Gleichaltrigen soziale Anerkennung zu gewinnen, kann sich ebenfalls als hinderlich erweisen, ein eigenständiges Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Wenn Du soziale Ängste hast, beruhen diese wahrscheinlich auf dem Umstand, dass Du Kritik zu Aspekten Deiner Person fürchtest, die Du selbst als problematisch beurteilst. Durch ein soziales Vermeidungsverhalten versuchst Du dann jener Kritik zu entkommen, die Du Dir selbst gegenüber geäußert hast.

Typische Beispiele sind: „Ich bin zu dick“, „Meine Haut weist zu viele Pickel auf“, „Mein Gesicht wirkt so blass und traurig“, „Wenn ich den Mund aufmache, sage ich lauter Blödsinn“, „So wie ich bin, kann mich niemand wirklich mögen“, „Andere sind beliebter als ich“, „Ich bin noch nicht so reif und erwachsen wie andere Jugendliche“.

Vorübergehende soziale Ängste sind in der Kindheit und Jugend relativ häufig. Soziale Ängste beginnen meist zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr und damit etwas früher als eine Panikstörung oder Platzangst.

Wie eine aktuelle süddeutsche Studie bei über 3000 repräsentativ ausgewählten 14-24jährigen ergab, litten 7,6% dieser jungen Menschen im Laufe ihres noch kurzen Lebens bereits unter sozialen Ängsten.

Bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich soziale Ängste am häufigsten in Form der Schulangst und der Prüfungsangst, aber auch in der Angst, von anderen Kindern ausgelacht und abgelehnt zu werden, wenn diese als Gruppe und damit als bestimmende Mehrheit erlebt werden.

Schüler mit sozialen Ängsten schneiden wegen ihrer Prüfungsängste und des nicht seltenen Vermeidens der Teilnahme am Unterricht bei Prüfungen häufig schlechter ab als andere Kinder, was die Angst vor Leistungsbeurteilungen verstärkt.

Schlechtere Schulleistungen, als aufgrund des oft großen Lerneinsatzes notwendig sind, hängen zusammen mit der angstbedingten Blockade beim Sprechen vor der ganzen Klasse und der Autoritätsperson des Lehrers.

Die Prüfungssituation als der Inbegriff einer gefürchteten Leistungsbeurteilung führt zu einer verstärkten Beobachtung des eigenen Verhaltens bzw. bestimmter sozial auffällig machender Symptome (Zittern, Rotwerden, Schwitzen, Stottern, Versagen der Stimme) und infolgedessen zu einer Konzentrationsstörung, so dass das oft vorhandene Wissen nicht angemessen dokumentiert werden kann.

Die Entwicklung sozialer Ängste darf nicht nur auf individuelle Probleme des Kindes zurückgeführt werden, wie dies früher häufig getan wurde, sondern ist auch auf dem Hintergrund der Lebensumwelt des Kindes, insbesondere der Familiensituation, zu sehen. Dabei können recht unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen (z.B. Erziehungsstil, Eltern-Kind-Beziehung, Gewalttätigkeit eines alkoholkranken Vaters, auseinander brechende Beziehung der Eltern).

 

Soziale Ängste können im Jugendalter in drei Formen auftreten:

 

1.       Es bestehen grundlegende soziale Ängste mit einem daraus folgenden sozialen Fertigkeitsmangel. Bestimmte Entwicklungsbedingungen, insbesondere im Elternhaus, begünstigen die Ausbildung sozialer Ängste. Das ängstliche Vermeidungsverhalten verhindert die Entwicklung sozialer Fertigkeiten, was zu den typischen Aufgabenstellungen im Jugendalter gehört. Leichte Verletzlichkeit und große Erwartungsängste verstärken den sozialen Rückzug, der das Einüben sozialer Fertigkeit verunmöglicht. Die Konfrontation mit bestimmten sozialen Anforderungen löst körperliche Symptome von panikartigem Charakter aus.

 

2.       Es besteht ein grundlegender Mangel an sozialen Fertigkeiten mit der Folge sozialer Ängste. Bestimmte Lebensbedingungen haben die Entwicklung sozialer Fertigkeiten verhindert und infolgedessen zu einer sozialen Phobie geführt. Mehrfache Umzüge der Eltern aus beruflichen Gründen haben die immer wieder neu aufgebauten Sozialkontakte zerstört, Umschulungen mit wechselnden Anforderungen haben das Selbstvertrauen des Jugendlichen in das schulische Können erschüttert, schwere Erkrankungen mit langen Krankenhausaufenthalten haben zu einer sozialen Isolierung geführt, kontaktarme oder stark einschränkende Eltern haben die Entwicklung angemessener Sozialkontakte verhindert, eine leichte körperliche oder geistige Behinderung wurde nicht ausreichend beachtet. Soziale Ängste können auch bei vorher sozial gut integrierten Personen nach einer länger anhaltenden Platzangst oder Depression auftreten.

 

3.       Es bestehen nur scheinbar soziale Ängste und nur scheinbar ein Mangel an sozialen Fertigkeiten, tatsächlich liegt dem Verhalten eine Depression zugrunde. Vorher sozial unauffällige Jugendliche entwickeln plötzlich ein Rückzugsverhalten und eine erhöhte Ängstlichkeit. Dies kann mit einem depressiv bedingten Antriebsmangel und einem Abfall des Selbstwertgefühls zusammenhängen. Bei derartigen sozialen Ängsten ist zuerst die zugrunde liegende depressive Symptomatik zu behandeln.

     

Soziale Ängste können im Jugendalter auch überspielt werden:

 

l       Angst als Folge der familiären Ungeborgenheit kann durch Aggression abreagiert werden.

l       Ein von klein auf ängstlicher junger Mann zeigt seine Furchtlosigkeit durch riskante Sportarten oder gefährliche Mutproben.

l       Ein innerlich ängstlicher Jugendlicher sucht sich eine noch ängstlichere Freundin, der gegenüber er selbstbewusst auftritt.

     

 

Soziale Ängste bewältigen

 

Soziale Ängste lassen sich relativ gut bewältigen:

 

l       Bei spezifischen sozialen Ängsten, wo die Gehemmtheit eine große Rolle spielt, ist eine Konfrontation mit den gefürchteten sozialen Situationen sehr wirksam, um jedes Vermeidungsverhalten zu beseitigen. Erwartungsängste werden dadurch als unzutreffend erkannt. Stelle Dich jeder gefürchteten sozialen Situation nach den Prinzipien der Angstbewältigung.

l       Ein Selbstsicherheitstraining dient dem Aufbau sozialer Fertigkeiten und der Entwicklung von mehr Selbstsicherheit bei eher generalisieren sozialen Ängsten. Schau Dich um, wer Dir als Vorbild dienen könnte und lerne aus der Beobachtung anderer, selbstsicherer zu werden.

l       Sehr wichtig ist es auch, die negativen, Angst erzeugenden und Angst verstärkenden Denkmuster zu analysieren und zu verändern.

 

Einige Vorschläge für kleine Mutproben können dir helfen, wenn dein Problem eher in einer sozialen Gehemmtheit besteht:

 

l       Gehe in einem Lokal bis zum Ende und tue so, als ob du einen Bekannten suchen würdest und frage den Kellner, ob er einen blonden jungen Mann mit einem blauen Sakko gesehen habe.

l       Versuche in einem Supermarkt bei einer Menschenschlange zur Kasse vorgelassen zu werden mit der Begründung, du hättest nur einen Artikel.

l       Trage einmal eine Kleidung, mit der du sicher Aufsehen erregst.

l       Frage vor einer Telefonzelle Personen, die du sonst niemals anreden würdest, ob sie dir eine 5-S-Münze auf einzelne Schilling wechseln können.

l       Ersuche vor einer Telefonzelle Passanten, dir einen Schilling zu schenken.

l       Rede eine Person des anderen Geschlechts an, von der du glaubst, dass sie nicht mit dir sprechen wird, um das Gefühl der Ablehnung besser aushalten zu lernen (sollte diese Person doch mit dir reden, lass die Gelegenheit nicht vorübergehen).

l       Frage Passanten auf der Straße nach einem bestimmten Haus oder Weg.

l       Versuche in einem Geschäft bei einem Verkäufer mit irgendeiner Begründung einen Preisnachlass von 3% zu erreichen.

l       Übe das Aushalten eines peinlichen Verhaltens, indem du z.B. in einem Café den Teelöffel zu Boden fallen lässt und um einen neuen ersuchst.

l       Sage in einer für dich typischen Angstsituation: „Jetzt wird mir ganz heiß, jetzt schwitze ich aber ordentlich, mir wird jetzt ganz schwindlig, gleich werde ich rot“, um auf diese Weise deine Angst vor dem Sichtbarwerden von Symptomen zu bewältigen.

l       Äußere bestimmte Wünsche direkt und ohne Entschuldigung, auch wenn du glaubst, dass sie von den Betroffenen nicht erfüllt werden.

l       Halte Blickkontakt mit anderen, bis diese wegschauen, bzw. lächle sie an.

 

Im folgenden sollen einige Ängste genauer beschrieben werden, die häufig Ausdruck einer Sozialphobie sind, dies aber nicht in jedem Einzelfall sein müssen: Schulphobie, Schulangst, Prüfungsangst und Sprechangst.

 

 

SCHULPHOBIE UND SCHULANGST

 

Oft wird zwischen Schulphobie und Schulangst unterschieden:

 

l       Die Schulangst stellt eine auf die Schule gerichtete Angst dar.

l       Die Schulphobie ist keine auf die Schule gerichtete Angst, sondern beruht auf einer Trennungsangst von der wichtigsten Bezugsperson (gewöhnlich der Mutter). Der Ort der Störung liegt demnach nicht in der Schule, sondern zu Hause.

 

Die Definition der Schulphobie als Problem der Trennungsangst von der Hauptbezugsperson stammt von Psychoanalytikern und widerspricht eigentlich dem Begriff der Phobie, wonach es sich bei einer Phobie um eine objekt- oder situationsbezogene Angst handelt.

Ein schulphobisches Kind kann sich (meist längerfristig und nicht nur kurzfristig) aus der übermäßigen Bindung zur Hauptbezugsperson nicht lösen und deshalb nicht die Schule besuchen. Im Vordergrund stehen dabei oft körperliche Symptome wie Übelkeit, Bauchweh oder Kopfschmerzen, deretwegen das Kind von der Schule fernbleiben möchte. Die Symptome sind am Wochenende oder in den Ferien weitgehend verschwunden.

Trennungsängste treten oft zu bestimmten entwicklungsphasentypischen Zeitpunkten als Ursache für eine mangelnde außerfamiliäre Integration auf:

 

1.       Eintritt in den Kindergarten,

2.       Eintritt in die Schule,

3.       Pubertät, wo eine natürliche Ablösung von den Eltern erfolgen sollte.

 

Schulphobische Kinder und Jugendliche sind meistens durchschnittlich oder überdurchschnittlich begabte Schüler. Es bestehen gewöhnlich keine Ängste vor bestimmten Lehrern oder Unterrichtsgegenständen.

Die Ablösung des Kindes von der Mutter wird gewöhnlich erschwert durch den Umstand, dass auch diese in einer sehr engen Bindung zum Kind steht. Dies kann lebensgeschichtlich bedingt sein (allein erziehende Mutter, unbefriedigende Ehe, Scheidung, Trennung oder häufige Abwesenheit des Partners).

Die emotionale Abhängigkeit der Mutter vom Kind erschwert deren Rolle als Erziehungsperson. Sie hat angesichts der körperlichen Symptome Erbarmen mit dem Kind und legt nicht konsequent genug Wert auf den Schulbesuch des Kindes. Sie verstärkt durch ihr Verhalten die Angstsymptome des Kindes.

Die Schulphobie kann aber auch Ausdruck umfassender familiärer Probleme sein. Das Kind geht z.B. nicht in die Schule, um zu Hause darauf zu achten, dass die Eltern nicht ständig streiten und sich nicht trennen, oder will der Mutter helfen, wenn sie unter den Alkoholproblemen des Partners leidet.

                                                                                                                     

Am 10.9.1998 stand es in allen österreichischen Zeitungen: fast 240 000 Schüler leiden unter Schulangst. Sind es wirklich so viele?

 

Schulängste sind oft spezielle Formen von sozialen oder Leistungsängsten. Schulängstliche Kinder leiden häufig unter Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Essstörungen, Schlafstörungen und Fieberschüben. Die Symptome treten bereits zu Hause auf, steigern sich auf dem Schulweg und erreichen in der Schule nach einiger Zeit ein solches Ausmaß, dass das Kind nach Hause geschickt werden muss.

 

Der Schüler macht nicht die Erfahrung, dass die körperlichen Beschwerden nach einiger Zeit der Gewöhnung von alleine nachlassen. Die Vermeidung des Schulbesuchs oder das vorzeitige Verlassen des Schulgebäudes, das zumeist mit den körperlichen Angstsymptomen begründet wird, verstärkt die Schulangst. Es kommt oft zu einer längeren Abwesenheit vom Unterricht.

Durch die Folgen (Rückstand beim Lernstoff, Rolle als psychisch kranker Schüler, gefürchtete Reaktionen der Mitschüler usw.) ufert die Schulangst immer mehr aus und bildet sich nicht - wie oft geglaubt wird - von allein zurück, wenn man dem Schüler nur einige Wochen der Erholung zu Hause gönnt.

Schulverweigerung durch Schulphobie und Schulangst ist etwas völlig anderes als Schulverweigerung durch Schuleschwänzen. Kinder, die die Schule schwänzen, verheimlichen dies vor den Eltern, leiden unter keiner Trennungsangst von zu Hause, haben keine Angst vor der Schule, weisen keine körperlichen Symptome auf, haben nur wenig Lernmotivation, erleben das Schuleschwänzen als lustvoll, weil sie der Lernbelastung entkommen, und sind ganz allgemein in Gefahr, einen dissozialen Weg einzuschlagen, d.h. die sozialen Regeln und Normen zu überschreiten.

 

Schulängste können unterschiedliche Ursachen haben:

 

1.       Schüler können überfordert sein durch die Auswahl einer unpassenden Schulart, die nicht ihren Begabungen und Interessen entspricht. Oft werden bestimmte Gegenstände derart gefürchtet, dass schließlich die Freude am Schulbesuch verloren geht.

2.       Es kann ein übermäßiger Leistungsanspruch vonseiten der Eltern bestehen. Sehr ehrgeizige Eltern erwarten von ihrem Kind Leistungen, die es nicht erbringen kann. Aus Angst vor dem Versagen wird schließlich die Schule als solche gefürchtet. Häufig besteht ein derartiger Leistungsdruck vonseiten der Eltern, dass das Leben nur mehr aus dem Schulbesuch zu bestehen scheint und das Kind kaum Zeit für andere Tätigkeiten hat. Es macht verständlicherweise Angst, wenn man von seinen Eltern wegen schlechter Noten weniger geliebt wird.

3.       Jugendliche können einen übermäßigen Leistungsehrgeiz entwickeln, der blockierend wirkt. Wenn gute Noten zur Grundlage für das Selbstbewusstsein und für das Gefühl der Anerkennung durch die Umwelt werden, besteht die Gefahr, dass bei schlechteren Leistungsergebnissen die Angst ansteigt, die soziale Anerkennung zu verlieren.

4.       Ein Schüler kann sich von einem bestimmten Lehrer überfordert oder abgelehnt fühlen. Oft beruht dies auf nicht ausgesprochenen Missverständnissen, so dass eine entsprechende Klärung nötig erscheint.

5.       Ein Schüler kann sich aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen fühlen und als Außenseiter erleben. Ein Gefühl der Ablehnung durch die Mitschüler verleidet die Teilnahme am Unterricht.

6.       Ein schulisches Vermeidungsverhalten kann eine Reaktion auf nicht bewältigte Sticheleien und Verspottungen durch Klassenkameraden darstellen, kann aber auch mit unzureichenden sozialen Fertigkeiten des betreffenden Schülers zusammenhängen, so dass eine entsprechende Unterstützung und Förderung angezeigt ist.

 

 

Schulphobie und Schulangst überwinden

 

Trotz der unterschiedlichen Ursachen, die hinter einer Schulphobie und einer Schulangst stehen, lassen sich einige gemeinsame Leitlinien anführen, die dir im Bedarfsfall weiterhelfen können:

 

l       Eine ärztliche Untersuchung zum Ausschluss organischer Ursachen kann dich angesichts massiver körperlicher Symptome beruhigen. Dadurch werden nicht nur deine körperlichen Beschwerden ernst genommen, sondern auch deine Eltern und Lehrer zu einer konsequenten Durchführung pädagogisch-psychologischer Maßnahmen zu deinem Wohl ermutigt, wenn du körperlich gesund bist.

l       Die beste Hilfe erfährst du durch eine enge Zusammenarbeit zwischen deinen Eltern und deinen Lehrern bzw. dem Schularzt, Schulpsychologen oder Psychotherapeuten. Du solltest an der Erstellung des Behandlungsplanes aktiv beteiligt sein, die Erwachsenen sollten jedoch sehr konsequent daran festhalten, wenn du, gesteuert von deinen Ängsten, den Schulbesuch wieder einmal einstellen möchtest.

l       Wenn du trotz aller Bemühungen den Unterricht vermeiden möchtest, sollte dies nur kurzfristig und durch eine ärztliche Bestätigung ermöglicht werden. Eine generelle Befreiung vom Schulbesuch für einen längeren Zeitraum würde dich zwar kurzfristig entlasten, langfristig jedoch am Erreichen des Klassenziels hindern. Übrigens: durch Vermeiden des Schulbesuchs im heurigen Schuljahr wird es dir auch nächstes Jahr nicht besser ergehen!

l       Bei anhaltenden körperlichen Symptomen ohne organische Ursache solltest du nicht ständig von der Schule nach Hause gehen, sondern in einem bestimmten Ruheraum (z.B. Arztzimmer) die Möglichkeit zu einer kurzen Erholung erhalten und anschließend wieder am Unterricht teilnehmen. Dies kann die Bewältigung deiner Ängste fördern und dein Erfolgsgefühl stärken.

l       In der Schule solltest du auf jede Sonderregelung verzichten, um keine Sonderposition zu erhalten, die dich letztlich zu einem Außenseiter in der Klassengemeinschaft macht und dich in der Krankenrolle fixiert.

l       Du solltest die Wahl zwischen einer gestuften oder massierten Konfrontationstherapie erhalten, d.h. zwischen einer langsam ansteigenden Anwesenheitsdauer im Unterricht oder einem raschen Schulbesuch in vollem Umfang. Bei ausgeprägter Angst erfolgt anfangs - nach genau fixiertem Plan - die Teilnahme in den ersten Schulstunden, später in zeitlich ansteigendem Ausmaß die Anwesenheit in vollem Umfang. Für jeden Fortschritt hast du dir eine Belohnung verdient. 

l       Bei Problemen am Schulweg sollte dich anfangs ein Familienmitglied begleiten, um der Gefahr zu begegnen, dass du nicht im Klassenzimmer ankommst.

l       Bei Scheitern aller Selbsthilfemaßnahmen ist eine Unterstützung durch einen Psychologen und Psychotherapeuten angezeigt.

l       Die Therapie sollte nicht die Abwesenheit von der Schule rechtfertigen nach dem Motto „Wenn die Ursachen beseitigt sind, dann wird der Jugendliche von allein wieder die Schule besuchen“. Die Therapie besteht angesichts massiver körperlicher Angstsymptome vielmehr gerade darin, dich bei der Wiederaufnahme des Schulbesuchs zu unterstützen. Deine Gesundung erfolgt nicht durch die Abwesenheit vom Unterricht, sondern durch den Teilnahme am Unterricht.

l       Bei sehr großen Ängsten kannst du anfangs auch ein mentales Training durchführen, wo du die Angst machenden Situationen im Geiste durchgehst. 

l       Bei Bedarf (z.B. bei einer Schulphobie) sollten auch deine Eltern eine kürzere Beratung oder Therapie durch einen Fachmann in Anspruch nehmen. Dabei sollte zuerst an der Lösung deiner Probleme gearbeitet werden und anschließend an der Bewältigung der gegebenen Familienprobleme.

 

 

PRÜFUNGSANGST

 

Karin entwickelte in der 8. Klasse einer AHS im Herbst die Befürchtung, sie könnte bei der Matura nicht lauter „sehr gut“ bekommen, wie sie dies bisher stets gewohnt war.

Vielleicht denkst du, eine derartige Angst möchtest du gerne haben. Ich würde dir dies nicht wünschen, denn die junge Dame wurde wegen ihrer starken Ängste eine Zeitlang schulunfähig, wodurch ihre Ängste erst recht verstärkt wurden.

Was glaubst du, was diese Schülerin wirklich gefürchtet hat?

Sie fürchtete, dass ein Professor nach der Matura zu ihr sagen könnte: „Karin, ich bin ganz enttäuscht von dir, dass du solche Fehler gemacht hast und ich dir kein ‘sehr gut’ geben konnte“.

Sie hatte auch Angst vor der Nachrede ihrer Mitschüler: „Bei der Matura hat man gesehen, dass sie nicht so gut ist, wie alle immer geglaubt haben“. Karin fürchtete um ihren Ruf und wollte durch Krankheit die Matura lieber vermeiden, um einer derartigen Kritik zu entkommen.

Sie entwickelte eine leichte Magersucht und war dadurch von ihren schulischen Ängsten eine Zeitlang abgelenkt. Sie konnte ihre Angst, nicht perfekt zu sein und kritisch beurteilt zu werden, am schnellsten dadurch überwinden, dass sie bereit war, bei einer Schularbeit bewusst einige Fehler zu begehen, um die Reaktionen der anderen zu testen.

Karin war positiv überrascht, dass ihr wegen des „Befriedigend“ nicht Ablehnung, sondern Sympathie entgegen gebracht wurde. Nicht perfekt sein machte sie menschlich.

 

Leistungs- und Prüfungsängsten liegt als gemeinsame Grundlage die Angst vor Beurteilung und negativer Bewertung zugrunde. Es handelt sich dabei oft um den Ausdruck sozialer Ängste. Die Angst vor kritischer Beurteilung durch andere Menschen stellt ein zentrales Merkmal sozialer Ängste dar.

 

Bewertungsängste drücken die Angst vor Ablehnung und vor der Verletzung des Selbstwertgefühls aus. Wir leben von der Anerkennung durch unsere Mitmenschen. Der drohende Verlust dieser Bestätigung gefährdet unser Selbstbild als wertvolle Menschen.

Dieses Problem ist um so größer, je weniger stabil das Selbstwertgefühl ist. Dies stellt eine Erklärung dafür dar, warum derartige Ängste besonders im Jugendalter sehr ausgeprägt sind, wo sich Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit erst zu festigen beginnen.

Bewertungsängste treten bei Jugendlichen in folgenden Situationen auf:

 

l       Prüfungen: mündliche und schriftliche Prüfungen in der Schule, Matura, Lehrabschlussprüfung, Führerscheinprüfung, Einstellungstests bei Firmen.

l       Sportliche Betätigung und Wettkämpfe: sportliche Veranstaltungen, Übungsvorführung im Turnunterricht, Tanzveranstaltung.

l       Vorträge und Aufführungen: Referate, öffentliches Vorsprechen, Vorspielen oder Singen, Musik- oder Theateraufführung.

 

Man kann zwei Arten von Prüfungsängsten unterscheiden:

 

1.       Angst in der Zeit der Prüfungsvorbereitung. Die Angst verhindert die optimale Aufnahme des Lernstoffes und beeinträchtigt die Lernphase. Die Angst wird häufig durch negative Vorstellungsbilder aufgeschaukelt. Du stellst dir z.B. ganz plastisch vor, wie dir bei einer mündlichen Prüfung etwas nicht einfällt, dein Gesicht ganz rot wird, deine Hände zu zittern beginnen, deine Knie ganz weich werden, du zu stottern beginnst, bis deine Stimme ganz versagt, die Mitschüler zu lachen anfangen, der Lehrer dich kritisch anschaut und dich schließlich mit einem „nicht genügend“ wieder zu deinen Sitzplatz schickt und schließlich deine Eltern über dein neuerliches Versagen recht enttäuscht sind. Derartige Vorstellungen beschäftigen dich so stark, dass du dich nicht mehr auf das Lernen konzentrieren kannst. Du lenkst dich von dieser Angst durch Musikhören, ständiges Essen und Trinken oder Beschäftigung mit anderen Dingen ab. Du überlegst vielleicht auch, durch welche Krankheit du der Prüfung entkommen könntest.

 

2.       Angst während der Prüfung. Die Angst beeinträchtigt die Wiedergabe des gelernten Wissens und wird häufig durch massive körperliche Angstsymptome und deren ständige Beobachtung sowie durch die negative Bewertung des Prüfungsverhaltens verursacht bzw. verstärkt. Du erlebst genau jene körperlichen Symptome, die du gefürchtet hast und findest deine Versagensängste bestätigt, so dass du dir sicher bist, ein Versager zu sein.

 

Körperliche Angstreaktionen in Leistungs- und Prüfungssituationen sind völlig normal, weil es sich um persönlich bedeutsame Gelegenheiten handelt, die noch dazu von den Betroffenen niemals völlig kontrollierbar sind. Das Ziel, dabei völlig „cool“ und kontrolliert zu bleiben, ist unrealistisch und kann das Gegenteil bewirken. Die Bemühen, die Angst und Anspannung zu überspielen und zu unterdrücken, kann erst recht einen verkrampften und unnatürlichen Eindruck vermitteln.

Die Angst und innere Aufregung in Leistungssituationen ist für andere Menschen meistens gar nicht so deutlich erkennbar oder wird nicht so negativ bewertet, wie die Betroffenen oft glauben, so dass Unterdrückungsaktionen schon deshalb nicht nötig sind. Dies kann durch die Videoaufzeichnung eines Auftritts leicht überprüft werden. Wenn die innere Anspannung doch zu stark ist, kann sie durch Bewegung rasch abgebaut werden (z.B. auf dem Stuhl herumrutschen, den Körper im Sitzen bewegen, kurz aufstehen, einige Schritte auf und ab gehen, Bewegung der Hände zum Sprachrhythmus).

 

 

Angst und Leistungsverhalten

 

Der Zusammenhang von Angst und Leistung entspricht einer Kurve: zuwenig Angst macht uns sorglos und antriebslos, zuviel Angst wirkt geistig blockierend. Ein mittleres Ausmaß an Erregung und Angst garantiert die optimale Leistungsfähigkeit. Das Lampenfieber von Schauspielern und Sängern ist eines der bekanntesten Beispiele dafür, dass leichte Angst und Anspannung das Leistungsvermögen steigert.

Der Einfluss von Angst auf das Leistungsverhalten wurde oft untersucht. Es wurde immer wieder bestätigt, dass sich in Leistungs- und Prüfungssituationen Angst leistungsbeeinträchtigend oder leistungsfördernd auswirken kann. Dies hängt von der mentalen Haltung ab, genauer von den Erwartungen vor der Prüfungssituation.

Schüler und Studenten mit negativ-pessimistischen Erwartungen beschäftigen sich ständig mit dem möglichen Misserfolg, den Konsequenzen des Misserfolgs, den Selbstzweifeln und den negativen Bewertungen durch andere Personen (z.B. „Was wird der Lehrer bzw. der Vater hinterher sagen?“). Sie beurteilen ihr Verhalten in der Prüfungssituation kritisch und selbstabwertend (z.B. „Ich schaffe die Prüfung nicht“, „Ich bin zu dumm, um das zu verstehen“, „Ich kann gar nichts“).

Sie beobachten ständig die auftretenden körperlichen Angstsymptome und sehen darin eine Bestätigung ihrer Unfähigkeit. Die körperlichen Symptome (z.B. Herzrasen, Atemnot, Übelkeit, Anspannung, Zittern) sind so stark, dass sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Dies verstärkt die Angst und führt bis zu panikähnlichen Symptomen, die nicht nur den Körper überaktivieren, sondern auch den Geist verwirren und blockieren.

Die negativen Selbstgespräche, die ständige Beobachtung des eigenen Körpers und die Beschäftigung mit den Folgen des vorweggenommenen Versagens führen in der Prüfungssituation zu einer geteilten Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit und Konzentration ist nicht mehr in vollem Ausmaß auf die Prüfungsvorbereitung bzw. auf die Aufgabenstellung gerichtet, so dass es zu einer Leistungsbeeinträchtigung kommt. Es zeigen sich mehr Flüchtigkeitsfehler, eine geringere Quantitätsleistung, eine niedrigere Durchhaltemotivation und eine Beeinträchtigung bei Aufgaben, die komplexere Denkprozesse erfordern.

Die angstbedingten Denkblockaden verhindern die Aktivierung des gelernten Prüfungsstoffes und vermitteln aufgrund der negativen Leistungsdaten oft den Eindruck mangelnder Prüfungsvorbereitungen.

Eine massive Prüfungsangst kann zu einem teilweisen Verlust des gelernten Wissens führen. Das Gefühl eines „leeren Hirns“ hängt mit der angstbedingten Ausschüttung der Stresshormone Kortison und Kortisol zusammen, die das Langzeitgedächtnis blockieren. Erst wenn sich die Menge der Stresshormone nach einigen Stunden wieder auf den Normalwert eingependelt hat, funktioniert das Gedächtnis wieder in vollem Umfang.

Prüfungsängstliche Schüler werden häufig unter ihrem Wert geschlagen und entwickeln aufgrund des realen angstbedingten Versagens immer größere Prüfungsängste, Ohnmachtserlebnisse und Minderwertigkeitsgefühle, die im Sinne eines Teufelskreises wiederum die Prüfungsergebnisse verschlechtern. Im Extremfall handelt es sich um Schüler, die laut Nachhilfelehrer alles können und bei der Schularbeit dennoch ein „nicht genügend“ schreiben.

Schüler und Studenten mit positiven Erwartungen erleben auftretende Angstzustände als leistungssteigernd. Das Gefühl der Kompetenz und die positiven Leistungserwartungen verhindern angstbedingte Leistungsblockaden. Bei dieser Personengruppe wirkt Angst nicht lähmend, sondern fördert die Prüfungsvorbereitung und den Lerneinsatz. Die Angst stimuliert den Ehrgeiz, stärkt den Kampfeswillen, mobilisiert die Energiereserven und fördert die Umsetzung aller Kenntnisse und Fertigkeiten.

Die als aktivierend erlebte Angst intensiviert die Aufmerksamkeit, reduziert die Fehlerzahl, steigert die Leistungsmenge, verstärkt den Leistungseinsatz und erhöht die Ausdauer bei schwierigen Aufgabenstellungen. Die körperlichen Symptome der Angst werden im Sinne eines Lampenfiebers als Zeichen notwendiger Energie zur Ausschöpfung aller Leistungsreserven interpretiert.

Unangenehme körperliche Angstsymptome werden zwar wahrgenommen, jedoch nicht durch ständige Beobachtung verstärkt. Es gelingt eine Aufmerksamkeitsumlenkung von der Wahrnehmung der Angstsymptome auf die Bewältigung der Aufgabenstellung, so dass eine optimale Konzentrationsleistung gegeben ist.

Aus diesen Erkenntnissen ergibt sich die Schlussfolgerung, dass eine Einstellungsänderung eine Verringerung der Prüfungsangst bewirkt. Dies ermöglicht eine optimale Konzentration auf die Aufgabenstellung, wodurch die Erfolgschancen erhöht werden.

 

 

Keine Angst vor Prüfungsangst

 

Folgende Ratschläge können bei Prüfungsängsten hilfreich sein:

 

l       Achte auf die Entwicklung eines Selbstwertgefühls, das nicht ständig durch schulische Leistungen aufgebaut werden muss, so dass es auch im Falle schlechterer Prüfungsergebnisse bestehen bleibt.

l       Vergegenwärtige dir in Leistungs- und Prüfungssituationen deine Erfolge, Fähigkeiten und Stärken. Mache dir bewusst, was du schon bist und kannst, unabhängig vom zu erwartenden Prüfungsergebnis.

l       Vertraue in höherem Ausmaß auf dein Wissen, das du durch eine bessere und angstfreiere Prüfungsvorbereitung stärken kannst.

l       Lerne kurz vor der Prüfung nichts mehr, weil dies nur deine Angst und Aufregung verstärkt und über die vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen den Abruf des gelernten Wissens aus dem Langzeitgedächtnis blockiert.

l       Sprich mit deinen Eltern darüber, wenn du den Eindruck hast, dass sie dich nur bei guten Noten mögen und dich nur für so wertvoll halten, wie deine Leistungen stimmen. Dies entlastet dich von dem Druck, immer gut sein zu müssen, damit dich deine Eltern akzeptieren.

l       Vermeide jedes Katastrophendenken bei einem Misserfolg. Bei anhaltenden Misserfolgen bricht die Welt nicht zusammen. Stell dir vor, wie dein Leben auch dann weitergehen könnte. Entwickle Alternativen, wenn du begründete Sorgen hast, den gegenwärtigen Ausbildungsgang nicht zu schaffen. Eine derartige Druckentlastung kann deine Leistungsfähigkeit eher verbessern als der ständige Anspruch, nicht versagen zu dürfen, weil es angeblich keinen anderen Ausbildungsweg gibt.

l       Betrachte die körperlichen Angstreaktionen als positive Zeichen der Vorbereitung auf eine persönliche Höchstleistung und konzentriere dich in Prüfungssituationen nicht auf deinen Körper, sondern auf die Aufgaben.

l       Vermeide jede perfektionistische Leistungshaltung, die deine Anspannung in Prüfungssituationen erhöht. Verzichte daher sowohl auf die Unterdrückung der körperlichen Angstreaktionen als auch auf die Erzielung einer möglichst guten Note als Ausgleich für die bisherigen schlechten Leistungswerte.

l       Überlege, ob deine Angst vor Prüfungen durch perfektionistische Leistungsideale unnötig verstärkt wird (z.B. „Wenn ich viel gelernt habe, muss ich auch eine sehr gute Note bekommen“, „Ich muss immer die Beste sein, weil ich es anders nicht aushalte“, „Wenn ich nicht gut bin, sind die anderen von mir enttäuscht“).

l       Akzeptiere deine Angstsymptome in Prüfungssituationen und in der Zeit der Prüfungsvorbereitung. Wenn du nicht dagegen ankämpfst, kannst du dich mit größerer Aufmerksamkeit auf den Prüfungsstoff konzentrieren. Konzentration bedeutet schließlich, ganz bei einer Sache zu sein und alles andere auszublenden.

l       Konzentriere dich also ganz intensiv auf die Aufgabenstellung, nicht auf die körperlichen Symptome und auch nicht auf die schlechten Leistungen der Vergangenheit oder auf das mögliche Versagen in der Zukunft.

l       Unterstütze die Aufmerksamkeit auf die Aufgabenstellung durch die Technik des inneren Dialogs. Rede mit dir selbst und sage dir innerlich jeweils vor, was du gerade tust und was du als nächsten Schritt tun sollst. Aufmerksamkeitsgestörte Körper erlernen eine Verbesserung der Konzentration sogar durch lautes Sprechen.

l       Wenn deine körperlichen Angstsymptome unerträglich stark werden, solltest du Entspannungsübungen einsetzen. Eine der einfachsten und wirksamsten Entspannungsübungen sind Atemtechniken.

l       Konzentriere dich auf die Atmung, die bei Angst regelmäßig verändert ist (zu schnell und zu flach). Achte auf eine verlängerte Ausatmung, was sehr entspannend wirkt. Atme 2-3 mal so lange aus als ein. Stell dir vor, möglichst lange bei leicht geschlossenen Lippen auf eine 20 cm entfernte Kerzenflamme oder auf einen Löffel mit heißer Suppe zu blasen. Die Einatmung soll anschließend ganz von allein durch die Nase erfolgen.

l       Analysiere deine Selbstgespräche bei mündlichen und schriftlichen Prüfungen. Oft verstärken sie deine Ängste und negativen Erwartungen („Das schaffe ich nie“, „Die anderen können das bestimmt besser“, „Was wird der Lehrer zu meiner Unfähigkeit sagen?“, „Ich werde meine Eltern wieder enttäuschen“). Strukturiere dein innerliches Reden so um, dass es deine Aufmerksamkeit auf die Prüfungssituation und die Erfolgserwartung erhöht (z.B. „Was genau soll ich tun?“, „Was sollte ich zuerst tun?“). Entwickle positive Sätze zur Motivationsstärkung („Das schaffe ich“, „Ich kann das, weil ich es zu Hause geübt habe“, „Ich stehe den Stress durch“).

l       Übe im Sinne eines mentalen Trainings das Durchstehen und Bewältigen von mündlichen und schriftlichen Prüfungen. Lass alles wie einen Zeitlupenfilm vor deinen Augen ablaufen, auch die möglichen Angstreaktionen, und stelle dir schließlich den positiven Ausgang der Prüfung vor.

l       Melde dich in der Unterrichtsstunde möglichst oft zu Wort, um das öffentliche Sprechen und die Aufmerksamkeitszuwendung durch die Mitschüler und den Lehrer zu trainieren. Auf diese Weise betonst du deine Fähigkeiten und legst den Druck ab, dass du nur etwas sagen darfst, was 100% richtig ist. Rede dabei auch entsprechend laut und deutlich.

l       Wenn du dich bei einer mündlichen Prüfung vor Schreck gelähmt fühlst, wiederhole zuerst einmal in Ruhe die Frage des Prüfers, damit du schon einmal etwas gesagt hast. Wenn du dich sprechen hörst, kann dies bereits deine Angstblockade überwinden.

l       Schreibe oder zeichne bei einer schriftlichen Prüfung bald etwas hin, damit du das Gefühl bekommst, schon etwas getan zu haben.

l       Wenn du vor einem Lehrer Angst hast, suche vor der Prüfung bewusst seine Nähe. Wandle dein Vermeidungsverhalten in eine interessierte Kontaktsuche um, so dass deine Angst vor dieser Lehrkraft nachlässt, egal, wodurch diese bedingt ist. Stelle dem Lehrer des gefürchteten Prüfungsfaches in einer Pause verschiedene Fragen zum Stoffbereich, um dein Interesse und Bemühen zu bekunden. Melde dich auch in der Unterrichtsstunde häufiger.

l       Setze dir eine Belohnung für jede abgelegte Prüfung (z.B. eine CD, ein Buch, einen Kinobesuch, einen gemütlichen Abend mit Freunden). Belohne dich für das Antreten zur Prüfung auch dann, wenn diese negativ ausgegangen sein sollte. Bestrafe dich nicht mit Selbstverachtung, wenn du dich für die nächste Prüfung positiv aufbauen sollst.

l       Überlege dir, wie du deine Angst vor dem Versagen in einem Fach zu einem verstärkten Interesse für diesen Gegenstand umwandeln kannst, unabhängig von den Noten. Die Motivation, etwas zu lernen und zu wissen, fördert deine Lernhaltung in schwierigen Zeiten, während die ständige Versagensangst nur dein Desinteresse erhöht.

l       Verbessere deine Belastbarkeit während der Prüfungsvorbereitungen. Verzichte während des Lernens auf alle Ablenkungen wie Essen, Trinken oder Musikhören. Bei der Schularbeit stehen dir diese Stressreduktionsmittel auch nicht zur Verfügung.

l       Prüfungsangst führt häufig zu Appetitlosigkeit. Achte darauf, dass du am Morgen wenigstens eine Kleinigkeit zu dir nimmst und damit dein Gehirn und deinen Körper stärkst. In Stresssituationen kann ein Blutzuckerabfall mit den dabei verbundenen Symptomen (z.B. inneres Zittern) eine vorhandene Angstbereitschaft verstärken.

 

 

        SPRECHANGST - REDEN OHNE LAMPENFIEBER

 

Viele Jugendliche und Erwachsene können wegen einer Sprechangst nicht zeigen, was in ihnen steckt. Sie haben Schwierigkeiten, sich in sprachlicher Hinsicht optimal zu präsentieren.

Lampenfieber, Bühnenangst und Erwartungsangst vor einem Auftritt sind ganz normale Zustände, denn sie bereiten den Körper auf die gewünschte Höchstleistung vor.

Viele berühmte Schauspieler, Sänger, Redner, Politiker und Sportler litten unter belastendem Lampenfieber.

Wenn du Angst vor einem öffentlichen Auftritt oder vor Sprechen in einer größeren Runde hast, können dir die folgenden Ratschläge helfen, besser damit zurechtzukommen. Sie beruhen auf dem schlichten Motto: „Reden kannst du nur lernen durch Reden“ oder „Übung macht den Meister“.

So kannst du dich und deine Ideen bei einem Vortrag besser „verkaufen“:

 

l       Tritt auf, wie du bist, ohne dich in irgendeiner Weise zu verstellen. Das wichtigste ist, dass du „echt“ bist. Erst in zweiter Linie können dir Techniken weiterhelfen.

l       Reduziere deine Nervosität vor dem Vortrag, indem du bereits vor dem offiziellen Beginn Kontakt mit den Zuhörern aufnimmst und etwas fragst oder mitteilst (z.B. „Sollen wir die Fenster noch etwas öffnen?“, „Ich möchte darauf hinweisen, dass ihr mich unterbrechen könnt, um etwas zu fragen“).

l       Es ist ganz normal, wenn du während des Vortrags Angst und Unsicherheit entwickelst, ob du bei den Zuhörern ankommt. Denn schließlich besteht bei einem Vortrag - im Gegensatz zu einer Diskussionsrunde - keine sofortige Rückmeldung vonseiten der anderen und damit auch keine Orientierung. Versuche daher - wie bei einer Gesprächsrunde - mit den Zuhörern in Kontakt zu kommen, indem du Fragen stellst und damit die Reaktion der anderen testest. Durch einen derartigen Kontakt mit den Zuhörern fühlst du dich am Rednerpult nicht so einsam und isoliert.

l       Beobachte dich während des Vortrags nicht ständig, weil du dich dabei nur nervös machst, sondern konzentriere dich vielmehr auf den Text des Vortrags und auf die Zuhörer.

l       Achte auf ausreichenden Blickkontakt mit den Zuhörern, zumindest in der ersten Reihe. Schaue nicht immer in das Manuskript, auf den Boden, aus dem Fenster oder über die Köpfe der Zuhörer hinweg.

l       Übe dein Referat zu Hause, indem zu es auf Tonband aufnimmst und hinterher auf Stärken und Schwächen überprüfst.

l       Bereite dein Referat nur in Stichworten vor. Eine wörtliche Ausformulierung zwingt dich leicht dazu, den Text vorzulesen und dadurch wenig spontan zu wirken oder gar stecken zu bleiben. Du solltest darauf verzichten, den Text auswendig zu lernen, um nur ja kein Wort zu vergessen.

l       Schaue dein Manuskript in den letzten Stunden vor dem Vortrag nicht mehr an, um dich nicht unnötig nervös zu machen, sondern erhole dich lieber oder beschäftige dich mit völlig anderen Dingen.

l       Gehe den Vortrag nicht mit übertriebenem Ernst an, sondern zeige einen gewissen Humor, um locker zu wirken. Bemühe dich jedoch nicht, besonders witzig zu wirken, denn dies könnte Unsicherheit ausdrücken.

l       Mittels vorbereiteter Stichworte oder Skizzen auf der Tafel kannst du die wichtigsten Punkte deines Vortrags optisch präsentieren. Auf diese Weise ist die Aufmerksamkeit nicht immer auf dich gerichtet, sondern auch auf die von dir präsentierten Vorlagen.

l       Wenn du im Vortrag stecken bleibst oder Angst davor bekommst, kannst du dieses Problem elegant durch folgende Vorgangsweisen lösen: Wiederhole das vorher Gesagte, stelle den Zuhörern eine Frage (z.B.: „Ist bis jetzt alles klar?“, „Möchte jemand zum bisher Gesagten etwas fragen?“, „Sollen wir eine kurze Pause machen?“), zeige etwas vor (ein Bild, ein Dia, ein Plakat) oder gehe zur Tafel und schreibe etwas auf.

l       Stelle Fragen an die Zuhörer mit dem Ziel, Müdigkeit zu verhindern und Interesse an deinem Vortrag zu erwecken.

l       Sprich laut, deutlich, nicht zu schnell und nicht monoton. Leises und schnelles Sprechen zeigt deine Unsicherheit und Nervosität auf. Lege öfters eine Atempause ein, um zur Ruhe zu kommen. Wenn du dennoch zu schnell sprichst, entwickle einen gewissen Sprechrhythmus, der dir erlaubt, auszuatmen, wenn du nach einigen Worten deine Stimme absenkst. Bedenke, dass selbst Stotterer ganz gut zurechtkommen, wenn sie einen Rhythmus entwickeln oder vorfinden, z.B. bei einem Lied oder beim Vater-unser-Gebet in der Kirche.

l       Wenn du dich angespannt fühlst, gehe ein wenig auf und ab, jedoch nicht zuviel, um nicht nervös zu wirken.

l       Unterstreiche deine Worte durch eine gewisse Gestik. Handbewegungen können auch deine Verkrampfung lösen, sollten jedoch nicht übertrieben eingesetzt werden, um keine Unruhe zu vermitteln.

l       Beachte Unruhe oder Desinteresse der Zuhörer und frage dich, was dies bedeuten könnte. Wenn die Aufmerksamkeit unweigerlich nachlässt trotz all deiner Bemühungen, beende deinen Vortrag lieber vorzeitig mit einem lockeren Hinweis, z.B. „Ich glaube, das Wichtigste habe ich bereits gesagt, wir sollten jetzt einmal darüber diskutieren und dann überlegen, wie wir weitermachen.“

 

Im Unterricht, am Arbeitsplatz, in Pausen, in Gesprächsrunden und in der Freizeit können dir folgende Tipps helfen, dich gut in Szene zu setzen:

 

l       Melde dich selbst möglichst oft zu Wort und warte nicht darauf, bis du angesprochen wirst. Auf diese Weise behältst du das Gesetz des Handelns.

l       Warte nicht, bis du etwas gefragt wirst, sondern frage selbst die Anwesenden etwas. Auf diese Weise zeigst du Initiative, was die Gruppe belebt, ohne dass du alles selbst gestalten musst.

l       Sage einfach, was du dir denkst und rede, wie dir der „Schnabel gewachsen“ ist. Andere Menschen sind auch nicht gescheiter als du und trauen sich trotzdem, ihre Meinung kundzutun.

l       Verwende bei deinen Äußerungen anstelle von Phrasen und allgemeinen Feststellungen möglichst oft sog. Ich-Botschaften (z.B. „Ich glaube ...“; „Mir gefällt ...“; Ich möchte gerne ...“) und drücke dabei auch deine inneren Gefühlszustände aus. Gib bekannt, was du dir wünschst, damit du nicht immer nur die Wünsche anderer Menschen erfüllen musst.

l       Sage etwas, was dich mit anderen verbindet, weil diese ähnliche Wahrnehmungen haben, z.B. „Da riecht es aber komisch“, „Heute ist es ziemlich heiß“, „Die Musik ist zu laut“, „Heute ist der Bus total überfüllt“.

l       Wenn du anfangs nicht viel zu reden weißt, bewähre dich als guter Zuhörer. Bevor du selbst etwas sagst, formuliere mit anderen Worten sinngemäß, was dir dein Gegenüber inhaltlich und gefühlsmäßig mitgeteilt hat. Auf diese Weise musst du nicht immer nachdenken, was du sagen sollst, sondern kannst das aufgreifen, was dein Gesprächspartner geäußert hat. Dein Gegenüber fühlt sich dadurch beachtet und verstanden.

 

 

SOZIALE ÄNGSTE IM TURNUNTERRICHT

 

Angst vor kritischer Leistungsbeurteilung zeigt sich in der Schule auch in Gegenständen, die andere Fähigkeiten als geistige Leistungen verlangen. Ungeschickte und sozial ängstliche Schüler erleben vor allem die Turnstunden und Sportveranstaltungen (z.B. Schwimmen, Schikurse) als große Belastung. Sie fürchten sich davor, wegen ihres ungelenkigen und behäbigen Verhaltens ausgelacht und verspottet zu werden und bei Mannschaftssportarten in demütiger Weise immer wieder zuletzt gewählt zu werden.

Manchmal streben sie sogar unter Vorgabe verschiedener Beschwerden eine Befreiung vom Turnunterricht an. Wenn du zu diesen Schülern gehörst, sollten deine Lehrer deinen Bestrebungen nicht nachgegeben, weil dein negative Selbstbild im körperlichen und sportlichen Bereich damit verfestigt wird. Du erhältst durch diese oft entwicklungsbedingten, jedoch durchaus bewältigbaren Ängste eine unnötige Krankenrolle.

Bei verschiedenen Mädchen und Burschen besteht das Problem des Turnunterrichts vor allem darin, sich „halbnackt“ zeigen zu müssen. Dies bereitet dann Probleme, wenn man sich - unabhängig von der sportlichen Leistungsfähigkeit - in seiner Haut buchstäblich nicht wohl fühlt und den Körper auch noch der öffentlichen Beachtung aussetzen soll.

Es gehört zum Jugendalter dazu, dass man mit den abfälligen, aber nicht so ernst gemeinten Aussagen der anderen zum körperlichen Aussehen umgehen lernen muss. „Mensch, bist du fett“ und andere Sticheleien sind typische Kränkungen in diesem Alter.

Wenn du Angst vor Turnstunden hast, gestehe dir dies offen ein und frage dich auch, wovor genau du eigentlich Angst hast. Hast du mehr Angst vor kritischer Beurteilung deiner sportlichen Leistungen oder vor abfälligen Bemerkungen zu deinem äußeren Erscheinungsbild? Entspricht die gefürchtete Kritik übrigens genau dem, was du über dich selbst denkst?

Wenn dies der Fall ist, wird sich durch dein Vermeidungsverhalten nichts ändern. Eine Änderung und damit auch eine Bewältigung der Reaktionen deiner Mitschüler wird sich erst dann ergeben, wenn du positiver und liebevoller über dich selbst zu denken beginnst.

Das Fach „Leibesübungen“ erinnert dich daran, dass dein Selbstbewusstsein nicht nur durch geistige Leistungen, sondern auch durch sportliche Betätigung gefördert werden kann.

Vergleiche dich dabei nicht ständig mit dem körperlichen Aussehen und den Leistungen der Mitschüler, sondern entwickle deine eigenen Kriterien, wann die Teilnahme am Turnunterricht für dich bereits einen Erfolg darstellt.

Vergegenwärtige dir deine Fähigkeiten in anderen Bereichen, und du kannst deine Grenzen im sportlichen Bereich leichter ertragen, durch eine entspanntere Haltung vielleicht aber auch überwinden. Denk daran: übermäßige Angst blockiert nicht nur deinen Geist, sondern auch deinen Körper.

 

 

SOZIALE ÄNGSTE WEGEN DES KÖRPERLICHEN AUSSEHENS

 

Die Angst vor körperlicher Entstellung

 

Anderssein macht Angst. Dies zeigt sich vor allem auch beim körperlichen Aussehen, das gerade in der Pubertät eine wichtige Grundlage für das Selbstwertgefühl darstellt.

Viele Jugendliche haben Probleme, sich zu mögen, wenn sie sich in den Spiegel schauen oder sich bewusst körperlich zu spüren versuchen. Die Haarfarbe muss geändert werden, Pickel scheinen das Gesicht zu entstellen, Muttermale oder kleine Narben stören auf der sonst schönen Haut, die Nase wirkt zu groß, der Bauch tritt unangenehm hervor, die Oberschenkel sind zu dick, die ganze Figur erscheint unförmig oder passt nicht zu den üblichen Konfektionsgrößen für Jugendliche.

Mädchen sind traurig über einen zu kleinen oder zu großen Busen, erleben den Fettansatz um die Taille als beunruhigend oder ärgern sich, dass sie wegen des ständigen nervösen Fingernägelbeißens keine so wohlgeformten Fingernägel aufweisen wie ihre Freundinnen.

Ständiger Kleiderwechsel, eine neue Frisur, viel Make-up - und doch bleibt bei zahlreichen jungen Damen die Unsicherheit, ob sie schön genug sind, um mit gleichaltrigen Mädchen mithalten zu können und auf Burschen ausreichend attraktiv zu wirken.

Im Extremfall kann eine krankheitswertige Angst vor körperlicher Entstellung gegeben sein. Dabei werden körperliche Mängel meist beklagt hinsichtlich Gesicht (z.B. Falten, Hautflecken, Gesichtsbehaarung, Gesichtsschwellungen, Form der Nase, des Mundes, der Augenbrauen und des Kiefers), Geschlechtsorganen, Brüsten, Hüften, Bauch, Arme und Beine.

Bei den Betroffenen besteht eine nur schwer korrigierbare Angst, dass der Körper oder bestimmte Teile missgebildet oder zu klein bzw. zu groß seien oder ein schlechter Schweiß- oder Mundgeruch bzw. ein unangenehmer Geruch der Geschlechts- und Ausscheidungsorgane gegeben sei.

Sichtbare „Schönheitsfehler“ werden durch verschiedene Methoden zu überdecken versucht (Schminken, bestimmte Kleidung usw.).

Wenn tatsächlich eine leichte körperliche Auffälligkeit gegeben ist, sind die Sorgen der Betroffenen meist stark übertrieben. Die Fixierung auf die vermeintliche Beeinträchtigung ist Ausdruck eines subjektiv großen Leidensdrucks. Gewöhnlich wird die Lösung nicht durch eine Psychotherapie, sondern durch die plastische Chirurgie erwartet.

Die Symptomatik entwickelt sich oft in der Pubertät und passt gut zu der häufig schon vorher gegebenen sozialen Unsicherheit, während die Betroffenen darauf beharren, dass sie nur deswegen soziale Situationen fürchten oder vermeiden, weil sie durch ihre „Entstellung“ überall auffallen würden.

 

 

Soziale Ängste hinter Essstörungen

 

Essstörungen finden sich zu 95% beim weiblichen Geschlecht. Dies hängt mit dem Umstand zusammen, dass in der westlichen Gesellschaft auf Frauen ein größerer Druck bezüglich Aussehen und Figur lastet und das Selbstwertgefühl in stärkerem Ausmaß davon abhängig ist als bei Männern.

 

Bei den Essstörungen Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-/Brechsucht) versuchen die Betroffenen ihre Ängste und ihr mangelndes Selbstwertgefühl durch Gewichtskorrekturen (Fasten, Diät) und durch ein bestimmtes körperliches Aussehen zu bewältigen. Es besteht eine panische Angst vor jeder noch so geringen Gewichtszunahme sowie eine ängstliche Vermeidung von Nahrungsmitteln.

 

Menschen mit Anorexie und/oder Bulimie sind von der massiven Angst, zu dick zu sein bzw. zu werden, bestimmt. Es besteht ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper sowie eine Fehlwahrnehmung von Körpersignalen.

Grundsätzlich äußert sich in einer Magersucht die Angst vor dem Körper und der Rolle eines Erwachsenen, in einer Ess-/Brechsucht die Angst, nicht den Idealen vom schönen weiblichen Körper und der angestrebten weiblichen Geschlechtsrolle zu entsprechen. Diese gesellschaftlichen Vorstellungen und Normen dienen als Orientierungshilfe bei einem unsicheren Selbstwertgefühl.

Mädchen mit einer Bulimie streben gewöhnlich eine Figur an, wie sie in Frauenzeitschriften als Vorbild hingestellt wird.

Magersüchtige Mädchen versuchen die durch die biologische Reifung ausgelösten Veränderungen in den Rollenerwartungen durch Fasten und Hungern zu verhindern. Auf diese Weise wird eine Verminderung der typischen Ängste bewirkt und über die ständig neuen Erfolge in der Gewichtsabnahme ein Erfolgsgefühl als Ersatz dafür erreicht, dass in anderen Bereichen des Lebens keine Fortschritte zu verzeichnen sind. Diesem Verhalten liegt die Einstellung zugrunde: „Ich kann nichts, aber abnehmen kann ich.“

Fasten vermittelt ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber der als triebhaft angesehenen Umwelt. Askese und Fasten sind eine Form, wie ein befürchteter Kontrollverlust während des Essens von Lieblingsspeisen vermieden werden kann. Es handelt sich um Scheinlösungen, die eine echte Bewältigung jener Ängste verhindern, die im Rahmen der Pubertätsentwicklung von jedem Jugendlichen verlangt wird.

Erbrechen nach Heißhungeranfällen, das im Laufe der Zeit auch bei vielen Magersüchtigen auftritt, stellt eine subjektiv als wirksam erlebte Strategie zur Vermeidung einer Gewichtszunahme dar und wird in diesem Sinn als Angst vermindernde Maßnahme eingesetzt.

 

 

ÄNGSTE ALS FOLGE DER LEBENSUMSTÄNDE

 

Angst als Reaktion auf aktuelle Problemsituationen

 

Bestimmte Ängste hängen mit situativen Belastungsfaktoren zusammen und stellen eine Reaktion darauf dar. Man spricht dann von einer „Anpassungsstörung mit vorwiegend emotionaler Symptomatik“.

Es handelt sich dabei um Ängste angesichts einer entscheidenden Lebensveränderung (Verlassen des Elternhauses, Umzug, Nichterreichen schulischer oder beruflicher Ziele), eines belastenden Lebensereignisses (massive familiäre Konflikte, drohende Trennung oder Scheidung der Eltern, Tod eines Verwandten oder Bekannten) oder einer schweren körperlichen Erkrankung (lebensbedrohliche Erkrankung wie z.B. Krebs).

Derartige Anpassungsprobleme an schwierige Lebensumstände stellen dann krankheitswertige Zustände dar, wenn die damit verbundenen Ängste ein Ausmaß erreichen, dass die Betroffenen darunter leiden und deutliche schulische, berufliche oder soziale Beeinträchtigungen aufweisen.

Bei vielen Jugendlichen sind Ängste in Zusammenhang mit der aktuellen Lebenssituation oft hinter aggressivem oder dissozialem Verhalten verborgen. Es bedarf eines guten Gesprächsklimas zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, um hinter der rauen Schale den verletzlichen Kern erkennen zu können.

 

 

Angstvolle Lebenserinnerungen - Das Grauen überwinden

 

Nicht wenige Menschen leiden unter angstvollen Erinnerungen an grauenhafte Ereignisse, mit denen sie nicht fertig werden. Fachleute bezeichnen die Fülle der Reaktionen auf eine schwere seelische Belastung als „posttraumatische Belastungsstörung“ (post = nach, Trauma = seelische Verwundung).

Die Betroffenen waren dabei einem kurz- oder lang anhaltendem Ereignis oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt. Eine derartige Erfahrung kann grundsätzlich bei jedem Menschen eine seelische Erschütterung auslösen.

Es treten innerhalb von sechs Monaten nach dem traumatischen Ereignis oder nach dem Ende einer Belastungsperiode verschiedene Symptome auf, die vorher nicht vorhanden waren.

Charakteristisch sind anhaltende Erinnerungen oder ein neuerliches Durcherleben der Belastung durch aufdringliche und lebendige Wiedererinnerungen, sich wiederholende Träume oder eine massive innere Anspannung in Situationen, die der Belastung ähneln oder mit ihr in Zusammenhang stehen. Derartige Situationen und Umstände werden daher so weit als möglich vermieden, und zwar sowohl in der Realität als auch mental.

Wichtige Aspekte der Belastung sind teilweise oder vollständig aus der Erinnerung ausgelöscht. Es besteht eine dauerhaft erhöhte psychische Empfindlichkeit und Erregung mit einigen der folgenden Merkmale: Ein- und Durchschlafstörungen, Reizbarkeit und Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, übermäßige Wachsamkeit, erhöhte Schreckhaftigkeit.

Es kann sich auch eine Abflachung des emotionalen Reaktionsvermögens als Schutz vor Überforderung entwickeln.

 

Man kann folgende Arten traumatischer Erfahrungen unterscheiden:

 

l       Individuelle Gewalt: ständige körperliche Misshandlung als Kind, sexueller Missbrauch, einmalige oder mehrfache Vergewaltigung, als Kind ständiger Zeuge von Gewalt in der Familie, Verbrechen wie z.B. Banküberfall, Entführung, Geiselhaft, versuchter Raubmord, Körperverletzung, Misshandlung, Folterung, angedrohte Ermordung.

l       Kollektive Gewalt: Erfahrung von Krieg, Kampfhandlungen oder Terrorismus, Kriegsverwundung, Aufenthalt im Luftschutzkeller bei Fliegeralarm, gewaltsame Entwurzelung (Verschleppung, Verfolgung, Vertreibung), unmenschliche Haftbedingungen (Konzentrationslager, politisch motivierte Haft), Aussteiger aus Sekten.

l       Naturkatastrophen: Großbrand, Blitzschlag, Überschwemmung, Dammbruch, Bergrutsch, Lawinenunglück, Erdbeben, Vulkanausbruch. 

l       Technikkatastrophen: Zeuge oder Beteiligter an einem schweren Autounfall, Eisenbahn-, Schiffs- oder Flugzeugunglück, Explosion, Arbeitsunfall, Chemieunfall.

l       Körperliche oder psychische Extrembelastungen: Einatmung von Giftgas, schwere Verbrennungen oder Schmerzzustände, Gehirnblutung, überlebter Herzstillstand, schwerer allergischer Schock, lebensbedrohliche Erkrankung.

 

Mit dieser Diagnose wird festgehalten, dass aktuelle Ängste eine Reaktion auf schockierende Lebenserfahrungen darstellen können. Die Ängste treten deshalb auf, weil die Erlebnisse nicht ausreichend verarbeitet wurden.

Aktuelle Schreckreaktionen (z.B. Klopfen an der Tür) hängen mit einem einschneidenden Erlebnis in der Vergangenheit zusammen (z.B. Vergewaltigung in der eigenen Wohnung durch einen Besucher, dem man vertraute).

 

 

Aufdringliche Erinnerungen bewältigen

 

Wenn du ein traumatischen Erlebnis nicht verarbeiten kannst, rate ich dir dringend zu einer Psychotherapie. Jugendliche leiden häufig unter den Folgen einer Vergewaltigung oder mehrfachen sexuellen Missbrauchs, unter den Auswirkungen einer längeren körperlichen und/oder seelischen Misshandlung im Elternhaus oder unter den Erlebnissen mit einem alkoholkranken Vater, der durch seine Aggressionen zu Hause Angst und Schrecken verbreitete.

Es kann aber auch ein anderes traumatisches Erlebnis Anlass für eine Behandlung sein, z.B. ein schwerer Autounfall, ein Überfall oder eine lebensbedrohliche Erkrankung.

Ein Psychotherapeut ist zu strenger Verschwiegenheit verpflichtet, wenn du ihm von traumatischen Erfahrungen berichtest.

Viele Menschen mit traumatischen Erlebnissen unterschätzen die Langzeitfolgen. Oft wird erst nach Jahren deutlich, dass unverarbeitete sexuelle Übergriffe oder Erfahrungen von körperlicher Gewalteinwirkung am Beginn einer psychischen Störung stehen, weil sich die Betroffenen keinem Fachmann zu öffnen wagten.

 

 

TESTE DEIN WISSEN ÜBER ANGSTSTÖRUNGEN

 

1.       Was sind die typischen Symptome einer Panikattacke?

 

 

 

 

2.       Was versteht man unter „Platzangst“?

 

 

 

 

3.       Was ist eine „generalisierte Angststörung“?

 

 

 

 

4.       Nenne einige spezifische Phobien.

 

 

 

 

5.       Was macht soziale Ängste aus? Welche Typen gibt es?

 

 

 

 

6.       Nenne einige Ängste als Reaktion auf belastende Lebensumstände.

 

 

 

 

7.       Hast Du schon einmal eine Angststörung erlebt? Welche? Beschreibe die wichtigsten Symptome und Deine Lösungsversuche.

 

 

 

 

8.       Welche Tipps würdest du anderen Betroffenen aufgrund eigener Erfahrungen geben, falls Du schon einmal eine Angststörung erlebt hast?

 

 

 

 

 

 

   PSYCHOTHERAPIE ALS HILFE ZUR SELBSTHILFE

 

Die Psycho-Berufe - Eine Orientierungshilfe

 

Verschiedene therapeutische Berufe beginnen mit dem Wortstamm „Psych“. Eine kurze Erläuterung soll dir helfen, die wesentlichen Unterschiede rasch zu verstehen.

Ein Psychotherapeut ist jemand, der in Österreich durch die Eintragung in die staatliche Psychotherapeutenliste als solcher anerkannt ist. Psychotherapeuten haben vor der Psychotherapieausbildung zumeist eine Ausbildung in einem anderen Beruf absolviert, z.B. als Sozialarbeiter, Lehrer, Erzieher, Krankenschwester, Krankenpfleger, Ergotherapeut, Physiotherapeut, Logopäde, Arzt, Psychologe, Theologe, AHS-Lehrer, Jurist. Vom Gesetz her ist dies jedoch nicht erforderlich. In Deutschland wird man nur dann als Psychotherapeut anerkannt, wenn man ein Medizin- oder ein Psychologiestudium eine ganz bestimmte Psychotherapieausbildung absolviert hat (Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse).

Die Psychotherapieausbildung besteht in einer rund 4-5jährigen theoretischen und praktischen Ausbildung in einer anerkannten Psychotherapiemethode. Auch Ärzte und Psychologen müssen eine Psychotherapieausbildung machen, um sich „Psychotherapeut“ nennen zu dürfen.

Ein Psychoanalytiker ist ein Psychotherapeut, der nach der Methode von Sigmund Freud oder einer entsprechenden Modifikation arbeitet.

Ein Psychologe ist ein Absolvent eines Psychologiestudiums. Ein Klinischer Psychologe hat danach eine zweijährige praxisorientierte Ausbildung durchlaufen und wurde aufgrund dessen in die ministerielle Liste der Klinischen Psychologen eingetragen.

Ein Psychiater ist ein Arzt, der nach dem Medizinstudium eine Ausbildung im Fachbereich Psychiatrie absolviert hat, ähnlich wie ein Kinder- oder Frauenarzt eine entsprechende Facharztausbildung abgeschlossen hat. Medikamente verschreiben darf nur ein Arzt.

 

Für den Bereich der Angststörungen hat die Verhaltenstherapie die umfassendsten und am besten überprüften Bewältigungsstrategien entwickelt. Dabei werden die vorhandenen Angstsymptome direkt abgebaut und nicht nur deren Hintergründe erörtert. Die Empfehlungen dieses Buches beruhen auf verhaltenstherapeutischen Grundsätzen.

Eine integrative Sicht- und Behandlungsweise setzt sich immer mehr durch, d.h. in der Praxis berücksichtigen Psychotherapeuten auch die Theorien und Methoden anderer Psychotherapieschulen.

Hilfreich können alle Methoden sein, die individuelle und familienbedingte Blockaden beseitigen und die gesunde Persönlichkeitsentwicklung in Richtung von mehr Selbstvertrauen fördern. Bei Jugendlichen ist der Aufbau und die Stärkung von Selbständigkeit und Selbstbewusstsein ein zentrales Therapieziel.

 

 

Die Situation der Psychotherapie in Österreich

 

Psychotherapie wird im wesentlichen in zwei Formen angeboten:

 

1.       Psychotherapie in Institutionen. Psychotherapeutische Ambulanzen von Krankenhäusern und Krankenkassen, schulpsychologische Beratungsstellen, Familienberatungsstellen, Einrichtungen von Vereinen und andere Stellen bieten eine kostenlose Psychotherapie an. Bei Bedarf wird dich bestimmt ein Lehrer deines Vertrauens genauer darüber informieren.

 

2.       Psychotherapie in der freien Praxis. Psychotherapie ist seit 1991 der ärztlichen Hilfe gleichgestellt, d.h. die Krankenkassen sollten die Kosten übernehmen. Leider sind im April 2000 die Kasenvertragsverhandlungen („Psychotherapie auf Krankenschein“) endgültig gescheitert, weil einige Krankenkassen dagegen waren, so dass die Psychotherapie in der freien Praxis für einen Schüler oder Lehrling eine kostspielige Angelegenheit ist. Die Krankenkassen leisten nur einen Kostenzuschuss von S 300,00 pro Therapiestunde (= 50 Minuten). Die Stufentarife mindestens dreimal so hoch, so dass du auf die finanzielle Unterstützung durch deine Eltern angewiesen bist. Bis zur zweiten Sitzung benötigst du zudem eine „Bestätigung der ärztlichen Untersuchung vor Beginn einer Psychotherapie“, die deine Eltern dann später zusammen mit der Honorarnote und dem Zahlschein an die Krankenkasse einsenden müssen. Damit soll sichergestellt sein, dass deinen seelischen Beschwerden keine rein organischen Ursachen zugrunde liegen. Die Adressen von Psychotherapeuten findest Du am schnellsten im Telefonbuch unter „Psychotherapeuten“. 

 

Bei bestimmten Klinischen Psychologen kannst du auf ärztliche Überweisung mit einer Verdachtsdiagnose eine testpsychologische Untersuchung vornehmen lassen. Dabei kann man z.B. dein Leistungsverhalten im Hinblick auf eine angstbedingte Blockierung untersuchen. Nach der Feststellung deiner Probleme und deren Ursachen kann dir auch gezielt zu einer bestimmten psychotherapeutischen Behandlung geraten werden.

Die Kosten der klinisch-psychologischen Diagnostik werden von den Krankenkassen bei Vertragspsychologen zur Gänze, bei Wahlpsychologen, die keinen Kassenvertrag haben, zum Großteil übernommen. Voraussetzung dafür ist in jedem Fall eine ärztliche Diagnose und Überweisung.

 

 

ÄNGSTE MIT MEDIKAMENTEN BESEITIGEN?

 

Die medikamentöse Behandlung von Angstzuständen erfolgte früher meistens durch Beruhigungsmittel. Wegen der Abhängigkeitsgefahr nach 2-3 Monaten regelmäßiger Einnahme werden in zunehmendem Ausmaß angstlösende Antidepressiva, neuerdings auch bestimmte pflanzliche Mittel verschrieben.

 

 

Beruhigungsmittel (Benzodiazepine)

 

Die klassischen Beruhigungsmittel - „Tranquilizer“ genannt - stammen aus der Gruppe der Benzodiazepine. Die bekanntesten Präparate sind: Xanor®, Lexotanil®, Adumbran®, Anxiolit®, Praxiten®, Valium®, Gewacalm®, Psychopax®, Frisium®, Tranquilium®.

Als Mischpräparate gelten: Limbitrol®, Betamed®, Harmomed®, Pantrop®.

Tranquilizer wirken angstlösend, beruhigend und emotional entspannend. Xanor® wird bei Panikstörungen oft verschrieben, weil es als einziges Mittel zur Behandlung von Panikattacken zugelassen ist. In niedriger Dosierung wirkt es jedoch nicht besser als andere Tranquilizer, in höherer Dosierung entsteht rasch eine Abhängigkeit, bedingt durch den Wirkungsmechanismus (rasche Aufnahme im Gehirn, eher kurzdauernde Wirkung, hochpotente Substanz, d.h. optimales „Andocken“ an die entsprechenden Stellen im Gehirn).

 

Benzodiazepine können bei Angstzuständen in zweifacher Hinsicht kurzfristig sinnvoll sein:

 

1.       Beim erstmaligen Auftreten von Angstzuständen. Wegen der Abhängigkeitsgefahr ist eine Beschränkung auf 2-4 Wochen in möglichst niedriger Dosierung erforderlich und bei Bedarf eine Psychotherapie einzuleiten.

 

2.       In der Einstellphase auf ein angstlösendes Antidepressivum. Die Verabreichung erfolgt nur 1-2 Wochen lang, bis das Antidepressivum zur vollen Wirksamkeit gelangt.

 

Alle Benzodiazepine machen im Laufe der Zeit abhängig. Die anfangs gute Wirkung lässt nach, so dass die Dosis gesteigert werden muss. Bei fortgesetzter Einnahme ohne Dosissteigerung erlebt man nach einiger Zeit oft ständige Unruhezustände. Beim Absetzen treten vielfältige körperliche und psychische Entzugserscheinungen auf. Ein Medikamentenentzug dauert länger und ist belastender als ein Alkoholentzug.

Die Einnahme von Tranquilizern ist nur dann sinnvoll, wenn die entsprechenden Anlässe selten sind oder nur für einen kurzen Zeitraum auftreten.

 

Typische Beispiele dafür sind:

 

l       entscheidende Prüfungen oder Bewerbungssituationen,

l       massiver psychosozialer Stress (akute familiäre oder berufliche Konflikte),

l       seltene, aber notwendige Flüge,

l       akute Erregung bei stationärem Aufenthalt.

 

Bei Prüfungsangst ist zu bedenken, dass ein Tranquilizer zwar beruhigen, gleichzeitig jedoch durch die dämpfende Wirkung die nötige Aufmerksamkeit für die Aufgabenstellung reduzieren kann. Tranquilizer beeinträchtigen die Fahrtüchtigkeit, im Falle eines Unfalls steigt die Versicherung aus.

 

 

Angstlösende Antidepressiva

 

Die Verordnung verschiedener neuerer Typen von Antidepressiva mit angstlösendem Effekt nimmt weltweit zu, während die Verschreibung von Tranquilizern wegen der Abhängigkeitsgefahr zurückgeht

Es handelt sich um folgende Präparate: Fluctine®, Mutan®, Floxyfral®, Seropram®, Seroxat®, Gladem®, Tresleen®, Remeron®, Dutonin®, Aurorix®.

Diese Mittel haben weniger Nebenwirkungen als die älteren Antidepressiva, werden aber dennoch von bestimmten Personen nicht gut vertragen.

 

 

Betablocker

 

Beta-Blocker sind Medikamente zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie werden auch eingesetzt bei Prüfungsängsten, Sprechängsten und bestimmten Leistungsängsten (z.B. bei Musikern). Beta-Blocker dämpfen die körperlichen Symptome bei Angstzuständen, so dass man sich weniger ängstlich fühlt. Bekannte Präparate sind Inderal®, Concor® oder Beloc®.

Von einer Langzeiteinnahme ist dringend abzuraten, obwohl keine Abhängigkeitsgefahr besteht. Die möglichen Nebenwirkungen (Blutdrucksenkung und Übelkeit, bei längerer Einnahme auch depressive Verstimmung) können die Ängste und die körperbezogene Besorgtheit sogar verstärken.

 

 

Der Placeboeffekt von Medikamenten

 

Die Wirkung von Medikamenten beruht nicht nur auf biochemischen Effekten, sondern oft auch auf psychologischen Faktoren, und zwar auf einer „Heilung durch Glauben“ im Sinne eines positiven Erwartungseffekts. Man spricht von einem Placeboeffekt, wenn ein Scheinmedikament durch den Glauben des Patienten doch eine bestimmte Wirkung zeigt.

Bei Medikamentenstudien wird in der Kontrollgruppe (unbehandelte Gruppe) ein Leerpräparat mit harmlosen Stoffen (Stärke, Milchzucker oder Kochsalzlösung) eingesetzt, um den Effekt eines neuen Medikaments in der Behandlungsgruppe feststellen zu können.

 

Bei Menschen mit Angstzuständen zeigen sich durchwegs recht hohe Placeboeffekte von 30-55%. Dies ist sehr beachtlich angesichts des Umstands, dass die Teilnehmer an Medikamentenstudien vorher über die Möglichkeit der Zuordnung zur Placebogruppe informiert werden müssen.

 

Der Placeboeffekt ist ein unspezifischer Behandlungseffekt, der bei jeder medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung wirksam ist. Er stellt eine unbewusste Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Menschen dar. Die genaue Wirksamkeit beruht auf den komplizierten Zusammenhängen zwischen Psyche, Nerven- und Immunsystem, die erst noch erforscht werden müssen.

In der Angstbehandlung ist nicht nur das Medikament, sondern auch die Arzt-Patient-Beziehung bedeutsam. Dies zeigt sich in dem vielfach dokumentierten Umstand, dass dieselben Medikamente bei jenen Ärzten besser wirken, die sich ihren Patienten ausführlich zuwenden.

 

 

HILFE DURCH PFLANZLICHE MITTEL

 

Pflanzliche Mittel werden zur Behandlung seelischer Probleme immer häufiger eingesetzt. Sie haben gegenüber chemischen Mitteln den Vorteil, dass sie fast keine Nebenwirkungen aufweisen, die Schlafphasen, die Leistungsfähigkeit und die Verkehrstüchtigkeit nicht beeinträchtigen und im Gegensatz zu Tranquilizern nicht zur Abhängigkeit führen.

Lass dir in einer Apotheke einen Beruhigungstee oder eine Teemischung für deine Bedürfnisse empfehlen. Zur Beruhigung und Entspannung werden gewöhnlich folgende Pflanzen in Teeform eingesetzt: Johanniskraut, Baldrian, Hopfen und Melisse.

Im Gegensatz zu den verschiedenen Heiltees früherer Zeiten werden heutzutage wegen der besseren Dosierbarkeit und des höheren Anteils der entscheidenden Wirksubstanzen immer häufiger Extrakte in Tablettenform verwendet.

Pflanzliche Präparate sind in jeder Apotheke rezeptfrei erhältlich. Vor der Verwendung sollte jedoch sicherheitshalber ein erfahrener Arzt oder Apotheker zu Rate gezogen werden. Dies gilt vor allem auch hinsichtlich der genauen Anwendung in Form von Tees, Tabletten, Kapseln, Dragées oder Tropfen.

Vor einigen Jahren gelang der Nachweis von Johanniskraut als Mittel gegen Depressionen, von Kava-Kava als Mittel gegen Angststörungen und von Baldrian als Mittel gegen Schlafstörungen.

In der Volksmedizin gelten auch andere Pflanzen wie Hopfen, Melisse, Passionsblume, Orangenblüte und Lavendel als beruhigend, die wissenschaftlichen Erfolgsnachweise sind jedoch noch ausständig oder unbefriedigend.

Viele ängstliche Schüler werden mit homöopathischen Mitteln oder Bachblüten behandelt. Auf diese Behandlungsmethoden wird hier nicht näher eingegangen, weil wissenschaftliche Untersuchungen dazu fehlen.

 

 

Johanniskraut-Präparate

 

Die stimmungsaufhellende, stimmungsstabilisierende und antriebssteigernde Wirkung von Johanniskraut ist seit langem bekannt. Seit einigen Jahren ist nachgewiesen, dass Johanniskraut-Präparate (allerdings erst nach 2-3 Wochen und über einen längeren Zeitraum eingenommen) bei leichten und mittelschweren Depressionen gleich wirksam sind wie synthetische Antidepressiva.

Johanniskraut-Präparate werden auch erfolgreich eingesetzt bei Angst und Unruhe, stressbedingter Übererregbarkeit, psychovegetativen Störungen und Schlafstörungen.

Johanniskraut mit seinen zahlreichen Inhaltsstoffen beeinflusst das Gehirn in ähnlicher Weise wie die neueren Antidepressiva. Von den zahlreichen Johanniskraut-Präparaten liegen die meisten positiven Wirksamkeitsstudien für das deutsche Präparat Jarsin® 300 vor, das auch in Österreich erhältlich ist.

Johanniskraut-Präparate stellen in der BRD bereits über ein Viertel der verordneten Antidepressiva dar. Bei der üblichen Behandlungsdosis gibt es weder Nebenwirkungen noch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Alkohol.

     

 

 

Baldrian-Präparate

 

Der europäische Baldrian (genauer dessen Wurzel) ist ein natürliches Beruhigungsmittel bei Schlafstörungen, körperlicher Anspannung und Angstzuständen. Die beruhigende und schlafanstoßende Wirkung von Baldrian wird durch Hopfen verstärkt, weshalb Kombinationspräparate den Monopräparaten überlegen sind. Baldrian-Präparate wirken bei Schlafstörungen nicht sofort, sondern erst nach 2-4 Wochen.

Wenn Du Ängste und Schlafstörungen hast, solltest Du neben Laitan® 100 bzw. Jarsin® 300 ein Baldrian-Monopräparat oder ein Baldrian-Hopfen-Präparat einnehmen. Bei Bedarf wird dir ein Apotheker auch eine Schlafteemischung zusammenstellen.

 

 

EMPFEHLENSWERTE LITERATUR

 

Baker, R. (1998). Wenn plötzlich die Angst kommt. Panikattacken verstehen und überwinden. Wuppertal: Brockhaus.

Katschnig, H., Demal, U. & Windhaber, J. (Hrsg.). (1998). Wenn Schüchternheit zur Krankheit wird... Über Formen, Entstehung und Behandlung der Sozialphobie. Wien: Facultas.

Merkle, R. (1998). Laß dir nicht alles gefallen. Wie Sie Ihr Selbstbewußtsein stärken und sich privat und beruflich besser durchsetzen (9. Aufl.). München: PAL.

Metzig, W. & Schuster, M. (1998). Prüfungsangst und Lampenfieber. Bewertungssituationen vorbereiten und meistern. Berlin: Springer.

Morschitzky, H. (1998). Angststörungen. Diagnostik, Erklärungsmodelle, Therapie und Selbsthilfe bei krankhafter Angst. Wien, New York: Springer.

Schachl, H. (1992). Lernen ohne Angst. Mehr Freude und Erfolg in der Schule! Hrsg.  Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Schulservice. Wien: Eugen Ketterl.

Schmidt-Traub, S. (1996). Angst bewältigen. Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie. Berlin: Springer.

Schumacher, W. & Hoffmann, K. (1998). Wege aus der Angst. Stuttgart: TRIAS.

Sedlak, F. & Schuch, B. (1982). Schach der Angst. Methoden zur Bewältigung von Ängsten bei Kindern und Jugendlichen. Wien: Österreichischer Bundesverlag.

Unverzagt, G. (1997). Endlich geschafft! Prüfungsängste bewältigen. Zürich: Kreuz Verlag.

Weiß, H.-J. (1997). Prüfungsangst. Wie entsteht sie? Was richtet sie an? Wie begegne ich ihr? Würzburg: Krick Fachmedien.

Wittchen, H.-U. (1997). Wenn Angst krank macht. Störungen erkennen, verstehen und behandeln. München: Mosaik.

Wolf, D. (1996). Ängste verstehen und überwinden. Gezielte Strategien für ein Leben ohne Angst (11. Aufl.). München: PAL.

Wolf, D. & Merkle, R. (1995). So überwinden Sie Prüfungsängste. Psychologische Strategien zur optimalen Vorbereitung und Bewältigung von Prüfungen (4. Aufl.). Mannheim: PAL.