Dr. Hans Morschitzky

 

Klinischer und Gesundheitspsychologe

 

Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

 

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Häufigkeit von Angststörungen

 

 

Angststörungen in den USA

 

 

Nach der 1994 veröffentlichten National Comorbidity Survey (NCS-Studie) mit verbesserten diagnostischen Kriterien (DSM-III-R) entwickeln von über 8000 repräsentativ ausgewählten Personen in den USA rund 25% im Laufe ihres Lebens eine Angststörung:

 

5,3% eine Agoraphobie

3,5% eine Panikstörung

5,1% eine generalisierte Angststörung

11,3% eine spezifische Phobie

13,3% eine soziale Phobie

7,8% eine posttraumatische Belastungsstörung

15,6% haben im Leben vereinzelt Panikattacken ohne Panikstörung

 

Die Daten dieser repräsentativen amerikanischen Untersuchung werden in der gesamten Angstliteratur regelmäßig zitiert.

 

 

Tab. 1:  Angsterkrankungen in den USA (NCS-Studie)

 

Art der Angststörung

Lebenszeit-Erkrankung

in %

1-Jahres-Querschnitt

in %

Panikstörung

  3,5

  2,3

Agoraphobie ohne Panikstörung

  5,3

  2,8

Agoraphobie mit und ohne Panikstörung

  6,7

 

Generalisierte Angststörung

  5,1

  3,1

Spezifische Phobie

11,3

  8,8

Soziale Phobie

13,3

  7,9

Posttraumatische Belastungsstörung

  7,8

  2,3

Angststörungen insgesamt

24,9

17,2

 

 

 

Angststörungen in Deutschland

 

 

Dresdner Angststudie

 

Nach einer 1994 unter Leitung des Angstexperten Margraf durchgeführten repräsentativen Befragung von 2948 Personen in der BRD (1939 in Westdeutschland und 1009 in Ostdeutschland) weisen 8,8% der Deutschen zum Befragungszeitpunkt behandlungsrelevante Angstsyndrome auf, erhoben durch das Beck-Angst-Inventar. Dies ist ein beeindruckend hoher Wert, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um die Punktprävalenzrate handelt, d.h. um das Auftreten innerhalb der letzten Woche.

 

Ängste traten zum Untersuchungszeitpunkt in Ostdeutschland (16,3%) doppelt so häufig auf als in Westdeutschland (7%), was wohl durch die Umbruchssituation zu erklären ist. Aus der Forschung ist bekannt, dass die Unkontrollierbarkeit und Unvorhersagbarkeit von Lebenssituationen eine der wichtigsten Ursachen für Angstreaktionen darstellt.

 

Angststörungen sind häufiger

 

l     bei Frauen (unter den Befragten mit Angstsyndromen sind 66,0% Frauen und 34,0% Männer),

l     bei jungen und alten Menschen (bis 20 Jahre: 13,5%, über 65 Jahre: 13,4%),

l     in der Altersgruppe der 36-45jährigen (10,3%),

l     bei Geschiedenen oder getrennt Lebenden (12,1%, nur Osten: 20,2%),

l     bei Verwitweten (12,9%, nur Osten: 18,4%),

l     bei der Gruppe der in Ausbildung Stehenden wie Schüler, Studenten, Auszubildende, Wehr- und Zivildienstleistende (13,5%, nur Osten: 26,3%),

l     bei Arbeitslosen (10,8%, nur Osten: 16,8%),

l     bei fehlendem Schulabschluss (18,9%, nur Westen: 20,5%),

l     bei un- oder angelernten Arbeitern (12,1%, nur Osten: 14,5%),

l     bei niedrigem Einkommen (12,7%) und auch bei hohem Einkommen (16,4%),

l     in kleinen Wohnorten unter 2000 Einwohnern (15,3%).

 

Jeder siebente Deutsche (13,1%) war bzw. ist gerade wegen Angstsymptomen in Behandlung (von den insgesamt 394 Behandelten waren 109 klinische und 285 subklinische „Fälle“). Nur 41,6% aller Befragten mit behandlungsbedürftigen Ängsten erhielten eine Behandlung im weitesten Sinne. 

 

Als Behandler der Befragten wurden verschiedene Berufsgruppen in folgender Häufigkeit eruiert: 81,7% Allgemeinmediziner, 5,8% Psychiater oder Nervenfachärzte, 16,5% andere Fachärzte (z.B. Internisten), 2,8% Psychologen und 1,3% Heilpraktiker. Über vier Fünftel der Behandlungen von Menschen mit Angststörungen erfolgen demnach durch den Hausarzt.

 

89,3% aller Behandelten erhielten Medikamente, 74,4% eine allgemeine Beratung, 9,4% eine stationäre Behandlung, 16,5% eine Psychotherapie, 5,1% eine andere Behandlung. Die Pharmakotherapie stellt in der Versorgungspraxis die häufigste Form der Angstbehandlung dar.

 

Nur bei insgesamt 25% der klinischen und subklinischen Fälle erfolgte eine psychotherapeutische Behandlung. Von allen Behandelten wurden 2,0% in einer psychiatrischen/psychosomatischen/verhaltenstherapeutischen Klinik und 9,1% in einer Kur- bzw. Rehabilitationsklinik stationär therapiert.

 

Bei den Behandelten waren psychotherapeutische Methoden in folgender Häufigkeit anzutreffen: 11,9% Entspannungsmethoden, autogenes Training oder Hypnose, 11,4% Gesprächstherapie oder psychodynamische Verfahren und 1,0% verhaltenstherapeutische bzw. kognitive Verfahren.

 

Verhaltenstherapeutische Behandlungsmethoden, deren Wirksamkeit sehr hoch und durch die Psychotherapieforschung gut belegt sind, werden in der Praxis kaum verwendet. 

 

Nur 26,3% aller in irgendeiner Form behandelten Patienten schätzten die Therapie als dauerhaft erfolgreich ein. Von den Befragten mit psychotherapeutischer Behandlung berichteten 8,1% keinen, 28,6% einen kurzfristigen, 48,0% einen mittelfristigen und nur 15,3% einen dauerhaften Erfolg, bei den medikamentös Behandelten beschrieben 8,9% keinen, 28,2% einen kurzfristigen, 33,2% einen mittelfristigen und 29,7% einen dauerhaften Erfolg.

 

Nach der Dresdner Angststudie von Margraf besteht ein akuter Handlungsbedarf im Bereich der Angststörungen. Rund 60% aller Befragten mit Angstsymptomen haben niemals einen Therapeuten aufgesucht.

 

Im Durchschnitt erfolgt eine adäquate Behandlung erst nach 7 Jahren. Die Ersterkrankung setzt zwischen dem 20. und dem 25. Lebensjahr ein. Der erste Arztbesuch erfolgt durchschnittlich mit 24 Jahren. In gesundheitspolitischer Hinsicht kommt der Früherkennung und richtigen Behandlungsform eine große Bedeutung zu.

 

 

 

Deutscher Bundesgesundheitssurvey 1998

 

Im Rahmen des Bundesgesundheitssurvey 1998 wurden durch eine Zusatzauswertung auf der Basis von 4181 Personen die aktuellsten und repräsentativsten Daten zur Verbreitung von Angststörungen in Deutschland gewonnen.

 

Demnach wiesen rund 9% (genau: 8,97%) der 18-65-jährigen zum Befragungszeitpunkt (innerhalb der letzten vier Wochen) eine Angststörung auf.

 

Es bestanden keine Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland (alte Bundesländer: 8,97%; neue Bundesländer: 8,98%).

 

Bei Männern wiesen rund 5%, bei Frauen rund 13% eine Angststörung auf, und zwar relativ unabhängig vom jeweiligen Altersbereich.

 

Die Zusatzauswertung zum Bundesgesundheitssurvey 1998 ist im Internet abrufbar unter: http://www.thieme.de/gesu/pdf/s216-s222.pdf

 

Die Ergebnisse der Dresdner Angststudie bezüglich des Prozentsatzes an Menschen mit einer aktuellen Angststörungen in der deutschen Bevölkerung stimmen exakt mit der Zusatzauswertung zum deutschen Bundesgesundheitssurvey 1998 völlig überein:

 

während nach der Dresdner Angststudie 8,8% der deutschen Bevölkerung unter einer Angststörung leiden, weisen nach dem Bundesgesundheitssurvey 8,87% der Deutschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren eine Angststörung auf, d.h. jeweils rund 9%.

 

 

EDSP-Studie

 

Die EDSP-Studie, eine über einen Zeitraum von 5 Jahren angelegte repräsentative Verlaufsstudie bei 3021 14-24-jährigen aus Bayern, erbrachte bei dieser jungen Bevölkerungsgruppe Lebenszeiterkrankungen in folgender Häufigkeit (Datenerhebung 1995 und 1996):

 

3,5% Panikstörung,

5,3% Agoraphobie,

5,1% generalisierte Angststörung,

11,3% spezifische Phobie,

7,6% soziale Phobie,

2,1% Zwangsstörung

 

 

Angststörungen in der ärztlichen Praxis weltweit – Eine WHO-Studie

 

Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation in 15 Zentren aus 14 Ländern über das Vorkommen psychischer Störungen in der Ordination von Allgemeinärzten, diagnostiziert anhand der ICD-10-Kriterien, ergab prozentuelle Häufigkeiten psychischer Störungen, wie sie in Tab. 2 dargestellt sind.

 

 

Tab. 2:  Psychische Störungen in der Allgemeinarztpraxis weltweit

 

Psychische Störung

(WHO-Querschnittstudie)

Weltweit

(15 Zentren)

Europa

(ohne BRD)

BRD

(Berlin, Mainz)

 

 %

%

%

Agoraphobie, akut

  1,5

2,4

1,6

Panikstörung, akut

  1,1

2,0

1,3

Generalisierte Angststörung

  7,9

8,5

8,5

Depression

10,4

12,7

8,6

Dysthymie (leichte Depression)

  2,1

2,5

0,7

Somatisierungsstörung

  2,7

1,3

2,1

Alkoholabhängigkeit

  2,7

2,3

6,3

Alkoholmissbrauch

  3,3

 

 

Neurasthenie

 

7,9

7,5

Hypochondrie

  5,4

 

 

Gesamt

24,0

21,9

20,9

 

Bereits ohne die nicht erfassten spezifischen und sozialen Phobien sowie posttraumatischen Belastungsstörungen weisen mehr als 10% der Patienten von Allgemeinärzten manifeste behandlungsbedürftige Angststörungen auf.

 

Insgesamt leiden weltweit etwa ein Viertel der Patienten von Allgemeinärzten unter psychischen Störungen. Rund 60% aller Patienten, die wegen psychischer Probleme den Hausarzt aufsuchen, weisen laut WHO-Studie mehr als eine psychische Störung auf (zumeist Angst und Depression).

 

In der BRD erhielten 20,9% der Patienten von Allgemeinmedizinern eine psychiatrische ICD-10-Diagnose, weitere 8,5% klagten über typische Beschwerden, ohne die vollen Kriterien einer psychiatrischen ICD-10-Diagnose zu erfüllen.

 

Die Übereinstimmung zwischen der ICD-Diagnose durch Fachleute und der Feststellung einer psychischen Erkrankung durch den Hausarzt betrug 60%, d.h. bei 40% wurde die psychische Störung nicht erkannt. Rund 50% aller Angststörungen werden vom Hausarzt nicht erkannt oder als Depressionen bzw. somatische Störungen fehldiagnostiziert. Weitere 25% werden nach Expertenurteil fehlbehandelt.

 

16,1% der Patienten von deutschen Allgemeinärzten erhalten Medikamente wegen einer psychischen Störung, davon 4,5% Tranquilizer, 3,4% Hypnotika (Schlafmittel), 1,7% Anxiolytika, 2,0% Antidepressiva, 1,3% Antipsychotika, 2,8% pflanzliche Mittel, 1,1% Schmerzmittel.

 

Die Mehrzahl der Angstpatienten wird über 4 bis 10 Jahre nicht adäquat diagnostiziert und behandelt. Im Durchschnitt vergehen sieben Jahre, bis eine Angsterkrankung als solche erkannt wird. Ärztliche Hilfe wird anfangs eher über somatoforme Störungen (Kreislaufprobleme, Schwindel usw.) und Schlafstörungen gesucht.

 

Nach einer deutschen Untersuchung an 500 Allgemeinarztpatienten mit aktuellen, körperlich nicht hinreichend begründbaren Beschwerden konnte bei 21% eine Angststörung festgestellt werden.

 

Von 6307 Patienten aus Allgemeinarztpraxen in den USA wiesen 32,7% eine vorübergehende Angstsymptomatik auf, die in 56% der Fälle nicht erkannt wurde.

 

Von 1994 niederländischen Patienten mit einer psychiatrischen Diagnose wurden in den Allgemeinarztpraxen nur 47% als psychisch krank erkannt. Die von den Ärzten rasch erkannten und richtig behandelten Angstpatienten wiesen eine kürzere Erkrankungsdauer auf. Das rasche Erkennen von Angststörungen hat somit einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf.

 

Menschen mit Angststörungen können in einer durchschnittlichen Arztpraxis angesichts des nötigen Zeitaufwandes oft nicht ausreichend betreut werden.

 

Bei einer Befragung von Allgemeinärzten und Nervenärzten in der BRD gaben 54,5% an, dass Angstpatienten eine große Belastung für die Praxis seien. 91,7% meinten, dass bei Angstpatienten im Vergleich zu anderen Patienten mehr Zeit aufgewendet werden müsse. Tranquilizer sind daher häufig das Mittel der Wahl, dieses Problem zu entschärfen, von dem viele Ärzte wissen, dass es dadurch nicht lösbar ist.

 

Nach einer US-Studie an 794 Patienten mit Panikanfällen (mit und ohne Agoraphobie) erhielten nur 4% eine Verhaltenstherapie. Nur bei 2,6% der Patienten mit Vermeidungsverhalten wurde eine Konfrontationstherapie durchgeführt. Ähnlich geringe Prozentwerte fand – wie erwähnt – Margraf bei fast 400 deutschen Angstpatienten.

 

 

Zusammenfassung

 

Die Daten über Angststörungen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

 

l     Nach zwei sehr repräsentativen Untersuchungen (Bundesgesundheitssurvey 1998, Dresdner Angststudie von Margraf) weisen 9% der deutschen Bevölkerung aktuell (im Querschnitt) eine Angststörung auf.

 

l     Nach der NCS-Studie entwickeln rund 25% der US-Bevölkerung im Laufe ihres Lebens eine Angststörung:  6% eine Agoraphobie, 3% eine Panikstörung, 5% eine generalisierte Angststörung, 11% eine spezifische Phobie, 13% eine soziale Phobie, 8% eine posttraumatische Belastungsstörung, 2,5% eine Zwangsstörung.

 

l     Angst- und Panikstörungen sind bei Frauen die häufigste, bei Männern (nach dem Alkoholmissbrauch) die zweithäufigste psychische Störung.

 

l     Angststörungen treten im Lebensverlauf bei Frauen (30,5%) häufiger auf als bei Männern (19,2%). In den letzten 12 Monaten waren Angststörungen bei Frauen (22,6%) doppelt so häufig anzutreffen als bei Männern (11,8%).

 

l     In klinischen Stichproben sind Agoraphobien die häufigsten Angststörungen, gefolgt von sozialen Phobien, während in der Allgemeinbevölkerung soziale und spezifische Phobien am weitesten verbreitet sind.

 

l     Ohne Behandlung ist die Entwicklung von Angststörungen im Laufe des Lebens nach allen Studien als sehr negativ zu beurteilen. Spontanheilungen sind seltener als früher angenommen, jedenfalls niedriger als bei anderen psychischen Störungen. In der Münchner Verlaufsstudie ergab sich bei einer Nachuntersuchung nach 7 Jahren eine extrem niedrige Spontanheilungsrate von weniger als 20% für alle Angststörungen. Der Verlauf ist meistens mild-persistent, phasenweise sogar relativ symptomfrei. Eine fortlaufende Verschlechterung trat vermehrt nur bei Panikstörungen (51%) auf. Insgesamt zeigte sich für reine Angststörungen ein günstiger Verlauf bei 50%, ein chronischer Verlauf bei 39%. Bei Mehrfacherkrankungen hatten nur 28% einen günstigen Verlauf, 50% dagegen einen chronischen Verlauf.

 

l     Über den Zeitraum der letzten 30 Jahre ergeben sich bei Angststörungen im wesentlichen die gleichen Häufigkeitsbefunde (Unterschiede beruhen auf der Art der Diagnostik und der Art der Stichproben), während bei Depressionen eine Häufigkeitszunahme zu verzeichnen ist. Im Laufe des Lebens entwickeln 17,1% (25% der Frauen) eine Major Depression, 6,4% eine Dysthymie, 1,6% eine bipolare Störung.

 

 

aus: Morschitzky, H. (2004). Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Wien: Springer. 703 S. € 69,00.