Klinischer und Gesundheitspsychologe
Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)
A-4040 Linz, Hauptstraße 77 Tel. 0043 732 77 86 01 E-Mail: morschitzky@aon.at
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Der folgende Text
wurde als Artikel in einem Buch veröffentlicht:
Morschitzky, H. (2002). Die Entwicklung krankhafter Ängste im Rahmen
normaler Angst machender Übergänge in neue Lebensabschnitte. In: Mehta, G. & Rückert, K. (Hrsg.), Bindungen – Brüche –
Übergänge. Beziehungen und ihre Veränderungen in unterschiedlichen Lebensphasen
(S. 120-146). Wien: Falter Verlag. 255 S.
Leben bedeutet Veränderung, Fortschreiten von einer Lebensphase zur
anderen. An diesen ganz normalen Aufgaben, die das Leben uns stellt, reifen wir
als Menschen. Übergänge im Rahmen des Lebenszyklus stellen oft auch sehr
kritische Ereignisse dar, die – wenn sie nicht ausreichend bewältigbar sind –
zu psychischen Störungen führen können.
Angststörungen spiegeln oft die Furcht vor
Veränderungen wider, die durchaus als notwendig erkannt werden. Das Alte befriedigt
nicht mehr, das Neue macht jedoch Angst. Die Angst kann nicht als Kraft genutzt
werden, sondern führt dazu, dass das Beschreiten neuer Wege vermieden wird.
Eine unglücklich machende Partnerschaft, ein belastendes Zusammenleben mit den
Eltern, ein frustrierender Arbeitsplatz oder eine unpassende Berufstätigkeit
können häufig nicht aufgegeben werden aus Angst vor der Ungewissheit der
Zukunft. Es fehlt das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten.
Zwangsstörungen drücken nicht selten die
Schwierigkeit aus, das Vergangene vergangen sein zu lassen. Das Geschehene muss
immer wieder neu auf mögliche Fehler überprüft werden, sodass die Möglichkeit
zu neuen Entwicklungen eingeschränkt ist. Man beschäftigt sich lieber mit dem
Vertrauten, obwohl dies schon bald unerträglich erscheint, anstatt etwas Neues
zu wagen. Es fehlt der Mut zum Risiko. Und wenn doch neue Möglichkeiten erwogen
werden, können Menschen mit einer Zwangsstörung nicht so einfach resignieren
wie Menschen mit einer typischen Angststörung. Sie suchen nach einem Weg, wie
sie eine Aufgabe perfekt bewältigen können, denn Perfektion wäre eine Garantie,
ein befürchtetes Versagen zu vermeiden. Ein zwanghafter Perfektionismus ist oft
auch ein Bewältigungsversuch von sonst nicht erträglichen Ängsten: Wenn alles
perfekt ist, braucht man sich nicht mehr zu
fürchten - was sich bald als zusätzliches Problem herausstellt, denn es
ist nie alles perfekt vorbereitet.
Depressionen drücken oft die Schwierigkeit aus, von einer
bereits vergangenen Lebensphase auch innerlich Abschied nehmen und sich auf
neue Lebensmöglichkeiten einstellen zu können. Eine zu Ende gegangene
Beziehung, der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust materieller
Sicherheit, der Auszug von Zuhause, der Umzug in eine neue Gegend, das
Nachlassen der körperlichen und geistigen Vitalität sind oft nur schwer zu
verkraften, was die weitere Lebensentwicklung blockieren kann. Es fehlt die
Kraft zum Loslassen.
Man
kann Ängste, Zwänge und Depressionen anhand eines Vierfelderschemas
charakterisieren, das sich aus zwei Dimensionen ergibt:
Verantwortung:
l
viel Verantwortung
(Ursachenzuschreibung: Verantwortung liegt bei der Person selbst),
l
wenig Verantwortung
(Ursachenzuschreibung: Verantwortung liegt außerhalb der Person bei andern
Menschen, Umständen, Schicksal usw.).
Zeitdimension:
l
Zukunft
l
Vergangenheit
Tabelle: Vierfelderschema zur Erklärung von Ängsten, Zwängen,
Depressionen und Substanzmissbrauch
|
|
Vergangenheit |
Zukunft |
|
viel
Verantwortung („Selbst schuld“) |
Depression |
Zwänge |
|
wenig
Verantwortung („Andere/anderes schuld“) |
Substanzmissbrauch |
Ängste/Phobien |
Ängste und Phobien, d.h. Angststörungen im
allgemeinen, sind charakterisiert durch die Befürchtung einer Katastrophe in
der Zukunft, d.h. die Betroffenen glauben, keinerlei Einfluss darauf zu haben, sodass
Sie zur Vermeidung neigen. Es dominiert die Frage: „Was wäre, wenn dies oder
jenes passiert? Ich könnte mir allein nicht helfen, also lasse ich mich lieber
gar nicht darauf ein.“
Depressionen beruhen oft auf einer hohen wahrgenommenen Verantwortung
für ein als sehr negativ bewertetes Ereignis in der Vergangenheit, d.h. die
Betroffenen glauben, an einem Ereignis in der Vergangenheit mitschuldig
geworden zu sein. Es geht ständig um die Frage: „Warum habe ich nur so
gehandelt? Ich hätte anders handeln müssen, doch ich habe versagt.“
Zwänge gehen einher mit einer subjektiv empfundenen
hohen Verantwortung für eine befürchtete Katastrophe, d.h. die Betroffenen tun
alles, um sich nicht schuldig und depressiv fühlen zu müssen, weil sie einen Fehler
begangen haben. Es dreht sich alles um die Frage: „Wie kann ich Misserfolg
vermeiden bei einer Angelegenheit, für die ich mich verantwortlich fühle? Denn
wenn ich etwas mache, was ich eigentlich machen will bzw. sollte, wird etwas
Schreckliches passieren, weil ich der Sache nicht gewachsen sein werde. Ich bin
aber dennoch dafür verantwortlich, wenn etwas passieren sollte, sodass ich es
perfekt machen möchte, damit niemand durch mich zu Schaden kommt.“ Über den Weg
der Zwänge wird das unerträgliche und depressiv machende Gefühl des Misserfolgs
zu verhindern versucht. Zwangsstörungen stellen in diesem Sinn den Versuch dar,
eine befürchtete Depression angesichts antizipierter Versagenserlebnisse zu
vermeiden.
Auf
die Thematik des Substanzmissbrauchs im vierten
Quadranten wird in diesem Artikel nicht eingegangen, weil sie hier nicht
relevant ist. Das Muster von Alkoholikern ist allgemein bekannt (Motto: „Schuld
an meiner Misere waren andere Menschen oder bestimmte Umstände in der
Vergangenheit“): „Meine Mutter, meine Gatte, mein Chef usw. waren lieblos zu
mir, ich hatte keine Chance bei ungünstigen Lebensumständen. Ich begann also zu
trinken, um das leichter auszuhalten, was ich nicht ändern konnte.“
Psychische
Störungen sind oft charakterisiert durch einen Wechsel der Symptomatik. Wer
ängstlich war, wird häufig aufgrund mangelnder Erfolgserlebnisse auch noch
depressiv. Wer nicht depressiv werden möchte, wird nicht selten
zwanghaft-perfektionistisch.
Symptome stellen einen ineffektiven Problemlösungsversuch dar. Es kommt zu einer Perpetuierung des Status quo, ohne dass die anstehenden
Probleme in Richtung optimaler Veränderungsschritte tatsächlich gelöst werden.
Angststörung -
depressive Reaktion - zwanghafte Bewältigungsmechanismen angesichts von Übergängen
im Rahmen des Lebenszyklus - Das Internet-Beispiel Kicki
Allgemeine
Informationen zur Online-Beratung
Ich arbeite seit April 2001 mit einer deutschen
Angst-Panik-Selbsthilfe-Homepage zusammen: www.panik-attacken.de. Neben einem
Expertenforum unter meinem Namen, wo ich allgemeine Fragen beantworte, führe
ich im Forum „Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen. Ein Internetbuch
als Hilfe zur Selbsthilfe“ mit bestimmten Teilnehmern eine kostenlose Musterberatung
durch, einerseits um Hilfestellungen bei Angst- und Panikstörungen anhand
konkreter Fälle anzubieten, andererseits um die Möglichkeiten der Psychotherapie
aufzuzeigen und damit Hoffnung anstelle von Resignation zu vermitteln.
Die folgende Falldarstellung ist bei www.panik-attacken.de/forumB/index.php
abrufbar unter dem Namen „Kicki“ und erfolgte unter
dem Titel „Agoraphobie – was dahinter steckt“.
Für die Präsentation in diesem Artikel wurde die ausdrückliche Genehmigung der
betreffenden Online-Teilnehmerin eingeholt.
Berichtet wird der Stand der Beratung bis
Anfang Juni 2001, sodass sich alle Zeitangaben darauf beziehen. Zu diesem Zeitpunkt
war die Online-Beratung, die am 20. April 2001 begonnen hatte, noch in vollem
Gang.
Kicki ist 37 Jahre alt, verheiratet, mit einem Mann,
den sie seit 10 Jahren kennt, lebt in einer deutschen Kleinstadt, hat Soziologie
studiert, ist kinderlos und ohne Anstellung (in Zusammenhang mit einer
geplanten, bislang jedoch aufgrund bestimmter Probleme noch nicht riskierten
Schwangerschaft).
Erste Übergangs-Krisen
Kicki leidet seit 10 Jahren unter Agoraphobie mit
Panikattacken. Die Störung wurde ausgelöst durch eine heftige Panikattacke in
einem Kaufhaus. Sie wollte sich zu dieser Zeit gerade von ihrem damaligen
Freund trennen, zog aber anstelle dessen ihm zuliebe mit ihm zusammen. Dies ist
das erste Beispiel für eine Übergangs-Krise im Rahmen des Lebenszyklus. Durch
eine Verhaltenstherapie konnte eine wesentliche Besserung erreicht werden,
zwischendurch war sie sogar fast angstfrei. Nach acht Jahren kam die
Agoraphobie jedoch wieder schleichend zurück, was in Zusammengang zu sehen ist
mit bestimmten, weiter unten berichteten Lebensereignissen.
Die nächste Übergangs-Krise erfolgte nach dem
Studium auf dem ersten Arbeitsplatz, wo sie sich der Verantwortung nicht
gewachsen fühlte, was noch durch den Umstand verschärft wurde, dass sie
anfänglich einen Konflikt mit einer Kollegin hatte. Sie nahm zu dieser Zeit an
einer analytischen Gruppentherapie teil, weil sie die Ursachen der
Panikattacken ergründen wollte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte sie
die Arbeitsstelle (es handelte sich um einen Jahresvertrag) doch erfolgreich
durchstehen.
Ein paar Monate später starb ihre Mutter an den
Folgen einer längeren schweren Krankheit. Trotz Angst vor einem Rückfall in die
Angststörung kam Kicki mit der Situation relativ gut
zurecht.
Genau ein Jahr später, d.h. vor sechs Monaten,
kam es zu einem erneuten Rückfall. Kicki hatte eine
neue Stelle angetreten in einem Unternehmen, wo sie sich anfangs sehr wohl
fühlte, doch nach einer Woche traten neuerliche Ängste auf, die in einer
nächtlichen Panikattacke gipfelten. In dieser Nacht dachte sie, dass sie nie
wieder arbeiten gehen könnte. Sie hatte keine Motivation mehr, alles wieder von
vorne zu beginnen, noch dazu, wo ihr die Stelle nicht mehr gefiel und sie gar
nicht wusste, wofür sie kämpfen sollte.
Zur gleichen Zeit verunglückte ihre
Lieblingstante, die Schwester ihres Vaters, bei einem Autounfall, an dessen
Folgen sie 2 Wochen später starb. Kicki hatte nicht
einmal die Kraft, an der Beerdigung ihrer Tante teilzunehmen. Sie zog sich in
ihre Wohnung zurück und ließ sich das Antidepressivum Amitryptilin
verschreiben. Wegen des starken Nebenwirkungen (hoher Puls) erhielt sie
schließlich Betablocker, wodurch sie jedoch sehr müde und unkonzentriert wurde
und das Gefühl bekam, in ein tiefes Loch zu fallen.
Zwei Monate später wurde sie gekündigt. Sie war
aufgrund verschiedener familiärer Belastungen (neben den Todesfällen) nicht in
der Lage, sich voll auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Das Leben hatte sich
fundamental verändert: durch zwei Todesfälle war die Herkunftsfamilie
zerbrochen, zudem war auch die Existenzgrundlage in Form der Arbeit verloren
gegangen. Nichts war mehr wie früher.
Kicki stellte sich ihr eigenes
Angstbewältigungsprogramm zusammen, um wieder auf die Beine zu kommen. Doch die
früher so erfolgreiche Konfrontationstherapie, die sie sich selbst auferlegt
hatte, funktionierte nicht mehr, vermutlich aus Angst und Resignation, dass
alle Bemühungen ohnehin nichts mehr nutzen würden.
Sinnkrise als Hintergrund der Ängste
Nach vier Monaten trat eine Sinn- und
Lebenskrise auf. Sie entschloss sich daher zu einer Psychopharmakotherapie mit
einem anderen Antidepressivum, nämlich dem Serontonin-Wiederaufnahmehemmer
Fluvoxamin. Dies führte zu noch ärgeren Nebenwirkungen wie dem Gefühl,
innerlich zu verbrennen, einem Bluthochdruck von 170/105, motorischer Unruhe
und einem Geschmack von Chemie im Mund. Der Hausarzt glaubte ihr diese
Beschwerden jedoch nicht und meinte, sie sei überempfindlich und habe nur
hochkommende seelische Probleme. Der spätere Ratschlag, in eine Klinik zu
gehen, bestärkte sie in ihrer Angst, sie könnte jetzt wirklich nervenkrank
sein, vielleicht „durchdrehen“ und sich etwas antun. Kicki
setzte mit Unterstützung durch gute Freunde das Medikament ohne Rücksprache mit
dem Arzt ab und erhielt vier Tage später von einer anderen Ärztin die
Bestätigung, dass sie die typischen Nebenwirkungen des eingenommenen
Medikaments erlebt hatte.
Wegen der anhaltenden Probleme rieten ihr gute
Freunde, neben der analytischen Gruppentherapie eine kognitive Verhaltenstherapie
zu beginnen, weil die in Eigenregie durchgeführte Konfrontationstherapie keine
Wirkung zeigte. Dies hing einfach damit zusammen, dass mittlerweile als Folge
der berichteten Ereignisse eine längere depressive Reaktion eingetreten war.
Die Sinn- und Lebenskrise hing nach eigener
Erkenntnis vor allem auch damit zusammen, dass der frühere Kinderwunsch als
Folge der berichteten Lebensumstände in Frage gestellt schien. Unfähig für eine
Arbeit zu sein, hieß gleichzeitig auch, unfähig für eine Mutterschaft zu sein.
Diese Sichtweise stand im Gegensatz zu dem, was sie von ihrem Gatten von Beginn
der Beziehung an wusste, nämlich dass er einmal vier Kinder haben wollte. Und
sie könne ihm vielleicht wegen ihrer vermeintlichen Unfähigkeit zu allem nicht
einmal ein einziges Kind schenken! Sie fürchtete, dies könnte das Fundament der
ehelichen Beziehung erschüttern, obwohl sich ihr Gatte tatsächlich sehr
verständnisvoll zeigte und keinerlei Druck auf sie ausübte.
Keine Arbeit, keine Aussicht auf ein Kind -
keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Kicki
erkannte bereits von Anfang der Online-Beratung an, dass ein
Angstbewältigungstraining keine Wirkung zeigen konnte, wenn sie keinerlei
Hoffnung hatte, danach einer anspruchsvollen beruflichen Tätigkeit oder einer
Mutterschaft gewachsen zu sein. Gleichzeitig beneidete sie ihre Freundinnen,
die alle schon das verwirklicht hatten, wovon sie bislang vergeblich geträumt
hatte: erfolgreiche und befriedigende berufliche Tätigkeit einerseits und
Mutterschaft andererseits.
Mit diesen Informationen konfrontiert, stellte
ich am 21. April 2001 meine erste Antwort ins
Internet. Obwohl ich selbst Verhaltenstherapeut bin, riet ich Kicki zur Fortsetzung der analytischen Gruppentherapie.
Wenn es nur um eine erfolgreiche Konfrontationstherapie gehen würde, hätte
diese schon längst wirken müssen, weil ihr ja alle Prinzipien von ihrer
früheren Verhaltenstherapie her bekannt seien.
Online-Beratung zur Erfassung der Hintergründe
sowie zur Bewältigung der Agoraphobie
Ich bot Kicki unter
Wahrung ihrer Anonymität eine verhaltenstherapeutisch orientierte
Online-Beratung neben ihrer Gruppenpsychoanalyse an, vereinbarter Titel:
„Agoraphobie – was dahinter steht“. Gleichzeitig teilte ich Kicki
bereits in meiner ersten Antwort mit, dass ich diesen Artikel schreibe, nannte
den Titel dieses Artikels und dieses Buches, hatte aber noch keine Ahnung
davon, dass ihr Lebensschicksal im Mittelpunkt dieses Artikels stehen könnte,
obwohl ich ihr bereits nach ihrem ersten ausführlichen Bericht erklärt hatte,
dass ich ihr Problem im Sinne dieses Artikels verstehe.
Am 22.April
schrieb Kicki über die Hintergrunde ihrer Agoraphobie
Folgendes:
„Ich denke, diesmal kommen vielleicht die wahren
Gründe für meine Agoraphobie zum Tragen: Meine Angst vor Gefühlen oder Gefühlsausbrüchen,
die andere stören oder schädigen könnten bzw. die mich schädigen könnten; Angst
vor Gedanken oder Erkenntnissen, die ich nicht wagen möchte weiterzudenken.
Angst vor Entscheidungen, die mein Leben entscheidend ändern könnten. Angst vor
einem neuen Lebensabschnitt, der mir zur Zeit nicht passt, weil ich die
Ereignisse der letzten beiden Jahren noch nicht verarbeitet habe.“
„An dem Sinn des Lebens zu zweifeln, hat mich
total verwirrt, und ich bekam Angst, nun ganz durchzudrehen und den Verstand zu
verlieren. Dies hatte sich ja durch die Einnahme der Medikamente, was ich im
ersten Bericht geschrieben hatte, noch verstärkt.
Die Angst durchzudrehen trage ich immer noch
ein Stück in mir drin, auch wenn ich zum Glück langsam begreife, dass es zur
Zeit meine Aufgabe ist, speziell meinem Leben wieder einen Sinn zu geben und
dass dafür Veränderungen anstehen. Insofern weiß ich - glaube ich - wenn ich
morgen früh aufstehen würde und keine Agoraphobie mehr hätte, ich mich mit
anderen Dingen im Leben beschäftigen müsste, als mit den täglichen Übungen, die
Angst vor der Angst zu verlieren.“
Die letzten Sätze sind die Antwort auf meine
Frage „Was wäre, wenn Sie morgen in der Früh aufwachen und keine Agoraphobie
mehr hätten?“
Am 22. April
stellte ich als Verhaltenstherapeut Kicki meine
Sichtweise ihrer Problematik dar:
„Sie haben ein Problem, das man nach Sigmund
Freund mit den Begriffen "Konflikt" oder "Ambivalenz"
umschreiben kann. Hier könnte die Verhaltenstherapie bei Angst- und
Panikstörungen endlich einmal etwas von der Psychoanalyse lernen und tiefer
gehen, als nur die Symptome zu beseitigen.
Aber Sie können mir glauben: von vielen
Verhaltenstherapeuten wird dies auch so gesehen, wie ich dies darstelle. Denn
mit einer anderen Begrifflichkeit ist das Konfliktmodell auch längst in der
Verhaltenstherapie salonfähig geworden, jedenfalls in der kognitiven Verhaltenstherapie,
und diese sollte Bestandteil jeder guten Verhaltenstherapie sein.
Durchaus in verhaltenstherapeutischer
Terminologie formuliert (z.B. Plananalyse mit Über- und Unterplänen), haben Sie
einen klassischen Zielkonflikt, wo es Ihnen bislang noch nicht gelungen ist,
verschiedene Bestrebungen in eine solche Über- und Unterordnung zu bringen,
sodass Sie wissen, was Sie als nächstes tun sollten. Und der plötzliche
Rückfall in die Agoraphobie schafft eine Pattsituation, den Sie mit derselben
Konfrontationstherapie wie früher nicht bewältigen können.“
Die Grenzen der Konfrontationstherapie als
Angstbewältigungsstrategie bei Übergangs-Problemen
Ich teilte Kicki mit,
was ich unter „Konfrontationstherapie“ verstehe, wie dies jedermann auf meiner
Homepage unter www.panikattacken.at in ähnlicher Weise lesen kann:
„Die Konfrontationstherapie ist eine wichtige
Methode zur Behandlung von Angststörungen, vor allem von Phobien, speziell von
Agoraphobien mit und ohne Panikattacken. Die Frage ist nur, womit man sich als
Angstpatient wirklich konfrontieren muss.
Es geht nicht wirklich um die Konfrontation mit
großen, weiten Plätzen, engen Räumen, überfüllten Sälen, einsamen Wäldern,
hohen Türmen oder Aufzügen, Menschenmassen, weiten Entfernungen usw.
Es geht vielmehr darum, sich zu konfrontieren
mit
1.
den eigenen Gefühlen,
2.
den Zuständen von Hilflosigkeit,
3.
den unangenehmen Körpererlebnissen,
4.
den körperlichen und geistigen
Kontrollverlustängsten,
5.
dem Ausgeliefertsein gegenüber
anderen Menschen,
6.
der Verletzlichkeit durch einen
Partner, wenn man sich auf ihn einlässt,
7.
der Angst nicht geliebt und
verlassen zu werden,
8.
der Möglichkeit seinen ganzen Ruf
und sein Sozialprestige verlieren zu können,
9.
den Fragen nach dem Sinn des Lebens,
10. den Möglichkeiten eines zu frühen
Todes,
11. den Unwägbarkeiten des Lebens,
12. den Unsicherheiten in der Familie
und auf dem Arbeitsplatz,
13. der Möglichkeit einer schweren
Erkrankung (z.B. Krebs) oder körperlichen Behinderung,
14. den Befürchtungen, seine Kinder
nicht mehr bis zum Erwachsen-Werden begleiten zu können,
15. den Befürchtungen, sein geplantes
Leben nicht vollenden zu können,
16. dem Risiko, dass alles schief gehen
kann, wenn man mutig ist, etwas zu wagen,
17.
den
Gedanken, was passiert, wenn sich nie etwas ändern würde.
Ich ermutige alle meine Patienten, sich den verschiedenen Situationen des
Lebens und der sozialen Umwelt zu stellen. Die Konfrontation erfolgt dabei
jedoch immer letztlich mit sich selbst. Vertrauen können gegenüber anderen
Menschen und gegenüber der Umwelt beruht immer auf dem Umstand, dass man
(wieder) auf sich selbst vertrauen kann.
In einer Verhaltenstherapie lernen Menschen mit
Panikattacken, sich wieder selbst mehr vertrauen zu können durch bestimmte Übungen
und körperbezogene Erfahrungen.“
Weiters
gab ich Kicki meine Erfahrungen mit Patientinnen mit
einer Agoraphobie bekannt:
„Meistens
geht es bei einer Agoraphobie um die Konfliktdynamik
Als
mögliche Ziele ihrer „Konfrontationstherapie“ nannte ich Kicki
bereits am 22. April:
„Womit
Sie sich jetzt wirklich konfrontieren müssen:
Am 22. April berichtete Kicki
über die Hintergründe Ihrer Ängste vor einem eigenen Kind trotz eines
entsprechenden Wunsches:
„Meine
Großmutter war krankhaft depressiv und konnte sich nicht um ihre Kinder
kümmern. Sie war viele Jahr in einer Psychiatrie untergebracht, so dass meine Mutter
bei Ihrer Tante aufwuchs. Ich selbst habe meine Mutter als sehr fürsorglich,
aber auch überängstlich erlebt. Dadurch war sie oft sehr nervös und hat mir das
Gefühl gegeben, dass Kinder belastend sind. Dieses Schuldgefühl behielt ich bis
kurz vor ihrem Tod. Erst in den letzten Monaten zeigte sie sich von einer ganz
anderen Seite. Sie konnte sich mir zum ersten mal öffnen, Anregungen oder Trost
annehmen und auch Zärtlichkeiten austauschen.
Als
die Kinderfrage nun immer näher rückte, befürchtete ich, dass ich die Kette der
Ängste und Depressionen weiterführen könnte.
Darüber
habe ich mich auch mit meinem Mann unterhalten. Ich machte mir Sorgen, dass er
mir später Vorwürfe machen könnte. Er versuchte mich in diesem Punkt zu
beruhigen und machte mir klar, dass meine Schwestern auch gesunde Kinder bekommen
haben.
Hinzu
kommt ein Erlebnis, das ich bei meinem letzten Rückfall hatte. Ich wollte
wirklich nicht mehr zur Arbeit gehen. Ich sah den Kampf nicht mehr ein, um eine
Stelle, die mir eh nicht gefiel. Ich dachte über mein Leben nach und ob ich
immer wieder durch dieses tiefe Tal gehen müsse, wenn ich auf Schwierigkeiten
stoße. Dabei wurde ich so deprimiert, dass ich dachte, ich kann Mütter
verstehen, die ihre Kinder mit in den Tod nehmen, wenn sie es nicht mehr
aushalten. Es war eher der Impuls, dass ich meinem (ja noch nicht mal
gezeugten) Kind diese Belastungen ersparen wollte, als der ernsthafte Gedanke
daran, dass ich jemals einem Kind was Böses antun könnte.
Diese
Gedanken haben mich so sehr erschrocken, dass ich aufsprang und zur Arbeit
ging. Ich schwor mir, lieber gehe ich mit Angst und Frust arbeiten, als jemals
wieder so einen Gedanken zu haben. Von da an entwickelte sich meine Angst, ich
könnte in der Schwangerschaft oder nach der Geburt so belastet sein, dass ich
wieder in so ein Loch fallen könnte und wenn ich es nicht mehr aushalten würde,
tatsächlich mir und meinem Kind etwas antun.
Ich
habe mich mit vielen Müttern darüber unterhalten und mir bestätigen lassen,
dass sie alle hin und wieder Gedanken haben, die sie sich gar nicht
auszusprechen wagen, aber in Wahrheit ihrem Kind nie ein Haar krümmen könnten.
Dann habe ich mir vorgestellt, was ich machen würde, wenn ich wirklich in der
Situation wäre und mir war klar, dass ich so laut um Hilfe schreien würde, bis
ich sie gefunden habe.“
Im
gleichen Betrag berichtete Kicki noch von Ihrer
Sehnsucht nach dem Kind bei gleichzeitiger Angst vor den möglichen Folgen für
ihre Psyche:
„Somit
haben Sie das Problem sehr gut erkannt, als Sie schrieben „Vielleicht hält Sie
doch die Angst vor Panikattacken und unbewältigten Depressionen, die Ihrer
Fantasie nach vielleicht durch Schwangerschaft und Geburt noch verstärkt werden
könnten, davon ab, in der nächsten Zeit schwanger zu werden.
Dass
ich mir wohl insgeheim doch ein Kind wünsche, habe ich auch erfahren, als meine
beste Freundin, die mir von ähnlichen Sorgen berichtet, schwanger wurde. Ich
spürte einen von mir noch nie erlebten starken Neid, dass mein Mann mich darauf
aufmerksam machte, dass ich mich nicht freuen würde.
Zu
Ihrer Frage, bis wann ich spätestens mein erstes Kind bekommen möchte, muss ich
antworten „vorgestern“. Mein terminliches Ziel habe ich weit überschritten.
Verantwortungsbewusst wie ich bin, wollte ich mein erstes Kind bekommen, bevor ich
zu den Risikoschwangeren gehöre. Diesen Termin habe ich weit überschritten.“
Erleichtert
fühlte sich Kicki durch den Ratschlag, in einer
depressiven Phase nach zwei unverarbeiteten Todesfällen keine forcierte Konfrontationstherapie
durchzuziehen, weil dies gegenwärtig der falsche Zeitpunkt sei:
„Ich
finde es sehr schön, dass Sie mein Bedürfnis mich überall hinbringen zu lassen,
nicht als persönliches Versagen ansehen, nicht gegen die Agoraphobie zu
kämpfen, sondern eher als mein Bedürfnis nach Ruhe und Verarbeitung.“
Am 24. April informierte ich Kicki
über das Wesen von Zwangsgedanken und Zwangsbefürchtungen:
„Die
Angst, einem (geliebten!) Kind etwas Schreckliches antun zu können, ist
übrigens eine häufige Zwangsbefürchtung. Hier nimmt Ihr Perfektionismus
geradezu ein zwanghaftes Ausmaß an!
Doch
habe ich dafür eine sehr menschliche, einfühlsame Erklärung: nach den
Todesfällen sind Sie einfach nur angemessen traurig. Sie haben keine schwere
Depression, die mit Selbstmordgedanken einhergeht.
Sie
haben vielmehr den typischen Gedanken vieler ängstlicher Mütter: „Was wäre,
wenn ich einmal in einem Black-Out-Zustand nicht mehr
leben wollte und dann auch gleich mein Kind mit in den Tod nehmen würde?“ Habe
ich recht?
Dies
ist kein Gedanke an einen erweiterten Suizid, sondern ein klassischer,
sicherlich sehr angstmachender (Zwangs-)Gedanke
vieler liebevoller Mütter, denen halt manchmal alles zu viel wird, die aber auf
jeden Fall leben wollen und das Beste für ihr Kind tun wollen.
Zwänge
sind eine Form, mit unkontrollierbaren Ängsten besser zurecht zu kommen, doch
bald werden diese selbst zu einem noch größeren Problem.
Zwanghafter
Perfektionismus ist auch einer der häufigsten Gründe, warum eine
Konfrontationstherapie oft nicht so wirkt, wie man sich dies vorstellt.“
Kicki bestätigte in ihrem Antwortschreiben ihren
zwanghaften Perfektionismus angesichts neuer Situationen:
„Sie
könnten recht haben mit Ihrer Aussage, dass ich mittlerweile unter einem
zwanghaften Perfektionismus stehe und deshalb die Konfrontationstherapie
behindert wird.
Ich
versuche alles perfekt zu machen, sogar eine Therapie. Selbst wenn ich irgendwo
"aufmucke", ist dies ein gezielter und wohl überlegter Einsatz von
mir, denn ich weiß ja mittlerweile, dass man seine Gefühle nicht unterdrücken
soll.
Der
Zwang, bald wieder gesund zu werden, setzt mich unter einen so enormen Druck,
dass ich seit ein paar Tagen starke Nackenschmerzen habe und das Gefühl habe,
einen Zementsack auf den Schultern zu tragen.“
Am 28. April schrieb Kicki zum
Thema Kind oder Beruf nach Ihrer Gesundung:
„Wenn
ein Wunder geschehen würde und ich morgen früh völlig gesund wach werden würde,
wüsste ich immer noch nicht, wofür ich mich entscheiden würde. Denn ich möchte
beide Bonbons haben und dies möglichst ohne Aufwand und Belastung.
Ich
merke, dass mir zum Muttersein noch die nötige Bereitschaft fehlt, mich -
zumindest die erste Zeit - ausschließlich um Kind und Haushalt zu kümmern.
Diese würde ich aber mit Sicherheit nicht erlangen, wenn ich jetzt eine Stelle
antreten würde. Denn dann hätte ich Sorge, dass ich so viel Spaß daran gewinne,
dass ich erst recht nicht dazu bereit wäre, es wieder aufzugeben.“
Am 29. April stellte sich Kicki
die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen dem Bild ihrer Mutter und dem
Bild von ihrer eigenen Mutterschaft:
„Was
lebe ich nun innerlich aus? Den inneren Auftrag meiner Mutter - Haushalt und
Familie als belastend bzw. beschneidend zu empfinden und die Angst meiner
Familie später auch dieses Gefühl zu vermitteln? Ich kann sie leider nicht mehr
fragen, ob dieses Bild, das ich teilweise von ihr habe, überhaupt der Wahrheit
entspricht.
Vielleicht
hatte sie ja gar keinen inneren Konflikt damit, dass sie ihren Beruf für die Familie
aufgegeben hat. Vielleicht war sie sogar sehr glücklich darüber, dass sie zu
Hause bleiben konnte und somit auch viele Freiheiten hatte, sich tagsüber mit
Freundinnen zu treffen. Vielleicht war gerade ihr zeitlich perfekt
organisierter Haushalt ihre berufliche Erfüllung. Vielleicht litt sie mehr
unter der mangelnden Anerkennung von uns - die wir ihr wirklich nicht gaben -
als unter der Tatsache, dass sie ihn außerhalb der Familie nicht finden konnte.
Es
macht mich traurig, dass ich ihr dafür nicht mehr danken kann. Dass ich heute
mehr denn je verstehen kann, dass sie manchmal keine Lust hatte, hinter uns her
zu räumen. Dass ich nicht bei ihr sein konnte, als sie starb. Dass ich den
Bezug zu meinen Gefühlen zu ihr verloren habe und vor allem, dass ich sie als
Mensch verloren habe. Dass ich sehr lange nicht trauern konnte, weil ich nur
die Erleichterung gespürt habe, dass die schwere Zeit nun vorbei sein sollte.
Dass ich die Wesenszüge, die ich immer bei ihr vermisst habe, erst in ihrer
Krankheit erkennen konnte.
Ich
habe große Angst davor, sie in mir wiederzuerkennen,
dass ich in Schwangerschaft und Geburt noch mehr an sie erinnert werde und erst
dann nachvollziehen kann, was in einer Mutter vorgeht. Dass ich mein Bild über
sie gerade rücken muss, um die Verantwortung für mein Leben selbst übernehmen
zu können.
Dies
wäre der Preis, den ich für meine Entscheidung zahlen muss. Weniger die Angst
vor mangelnder beruflicher Erfüllung. Wer sagt denn, dass ich sie nicht nach
ein paar Jahren wieder finden kann, oder dass ich sie später überhaupt noch
will.
Ich
müsste erkennen, dass ich undankbar bin. Dass ich mein Leben lang genommen habe
und nicht in der Lage war, ihr etwas zurückzugeben. Dass ich das gleiche zur
Zeit bei meinem Mann praktiziere, dass ich seine ganze Aufmerksamkeit und
Geduld in Anspruch nehme, mich von ihm finanziell „aushalten“ lasse, aber nicht
in der Lage bin, seine Sehnsucht nach Familie zu erfüllen.
Aber
ist der Preis, den ich im Moment zahle, nicht viel größer? Beschränke und
beschneide ich mich nicht viel mehr, indem ich mich gar nicht bewege, indem ich
an dem Leben da draußen gar nicht teilnehmen kann, indem ich mich von meinen
Symptomen leiten lasse? Dass ich aus Angst vor Gefühlen, auch vor positiven
Gefühlen, meinem Körper gar nicht zugestehe, ein Kind in ihm zu tragen? Dass
ich aus Angst vor Fehlern und dafür von meinem Kind dazu zur Rechenschaft
gezogen zu werden, die Verantwortung ablehne, die ich mir innerlich doch
wünsche?
Ich
merke gerade, dass ich den Prozess, der bei mir ausgelöst wurde - und das schon
vor meiner Arbeitslosigkeit - gar nicht mehr bremsen kann. Ich glaube sogar,
dass die Arbeitslosigkeit mir dabei geholfen hat, mich darauf zu konzentrieren.
Dass das Annehmen eines neuen Jobs den Prozess überlagert hätte, weil ich mich
mit anderen Konflikten beschäftigen müsste. Dass ich theoretisch dem Schicksal
dankbar sein müsste, dass ich die Stelle verloren habe - oder habe ich es
selbst provoziert?“
Bevorstehende
Mutterschaft als Verdichtung von Ängsten, zwanghaftem Perfektionismus und depressiv
machenden Erinnerungen
Am 29. April teilte ich Kicki
meine Überlegungen zur Thematik Ihrer Wünsche und Ängste bezüglich Mutterschaft
mit:
„Ich
hole jetzt etwas aus, um Ihnen zu zeigen, wie nahe bei Ihnen Angst, Depression
und zwanghafter Perfektionismus beisammen liegen, und zwar als Beispiel dafür,
dass man deswegen nicht wirklich krank ist, sondern nur psychisch krank werden
kann, wenn man die jeweilige Aufgabenstellung, die das Leben gerade in einer
Übergangsphase für uns bereit hält, nicht richtig zu bewältigen vermag. Dies
ist auch der Kern meines geplanten Artikels. Deswegen habe ich das Gefühl, dass
sich bei Ihnen genau all dies widerspiegelt, weshalb ich meinen Artikel
umgeplant habe und unseren Dialog einbaue.
Agoraphobie
mit Panikattacken schafft eine Pattsituation, um einen aktuellen Konflikt nicht
lösen zu müssen, weil es momentan noch keinen Lösungsmechanismus gibt. Angst
und Phobie leben von der Flucht vor den gestellten Aufgaben und bestehen in der
Vermeidung notwendiger Schritte aus Sorge, man könnte das Falsche tun (z.B.
sich scheiden lassen, längerer Krankenstand statt Kündigung ohne berufliche
Alternative in einer schwierigen Berufssituation, als Mutter eine Arbeit
annehmen).
Angststörungen
bedeuten, dass man letztlich Angst hat vor sich selbst, vor der eigenen
Darstellung, vor der risikoreichen Selbstverwirklichung, vor der Zukunft im
allgemeinen - und nicht primär Angst vor agoraphobischen und sozialphobischen
Situationen.
Depression
bedeutet, dass man in der Vergangenheit oft etwas verloren hat, das man aber
noch nicht wirklich hergegeben hat (z.B. Partner durch Scheidung, Mutter durch
Tod, Arbeit durch Kündigung). Häufig geht dies einher mit Schuldgefühlen bezüglich
der Vergangenheit. Deshalb ist die Trauerarbeit oft so schwer abzuschließen,
weil man sich selbst beschuldigt, an den Ereignissen irgendwie mit Schuld zu
sein. Es besteht das Gefühl, etwas falsch gemacht oder unterlassen zu haben,
dessen Folgen man nun tragen muss. Depressive machen sich oft Schuldgefühle
bezüglich der Vergangenheit (z.B. „Hätte ich mich doch mehr um meine Mutter
gekümmert und ihr meine Liebe und Dankbarkeit gezeigt, als sie noch lebte“,
„Hätte ich meinem früheren Partner doch mehr Zuneigung gegeben, dann hätte er
mich vielleicht nicht verlassen“, „Wäre ich doch nicht berufstätig gewesen,
dann wäre mein Kind nicht so ein schlechter Schüler geworden“).
Zwang
(oder zwanghafter Perfektionismus in milderer Form) bedeutet, höchste
Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Was auch immer passieren wird, man
wird daran Schuld sein, wenn man seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Man kann
es sich nicht so leicht machen wie Angstpatienten, die einfach in
(agora-)phobischer Weise vor allem und jedem davonlaufen. Anders formuliert,
kann man einen Zwang auch als Versuch sehen, jenes Problem zu vermeiden, das
der Depressive mit der Vergangenheit hat. Ein Zwang ist daher das intensive
Bemühen, alles 100% richtig zu machen, damit man hinterher nicht depressiv
werden muss, sich nicht vorwerfen muss, in der Vergangenheit einen Fehler
gemacht zu haben. Weil Leute mit einem Zwang so perfekt sein wollen und jeden
Fehler vermeiden wollen, ziehen sie immer mehr ihre soziale Umwelt in den
Prozess mit ein, die ihnen helfen soll, die nötigen Entscheidungen zu treffen
und damit auch die Alleinverantwortung abnehmen. Sie schreiben z.B. „Dass ich
aus Angst vor Fehlern und dafür von meinem Kind dazu zur Rechenschaft gezogen
zu werden, die Verantwortung ablehne, die ich mir innerlich doch wünsche.“
Wenn
das kein zwanghafter Perfektionismus ist!
Sie
waren in einer Angstsituation, gekennzeichnet durch eine Agoraphobie. Nirgendwo
hingehen können heißt, vorerst einmal bei dem zu bleiben, was momentan ist. Sie
haben nichts verändert und damit auch nichts falsch gemacht, wenngleich Sie
dieses Patt auf Dauer nicht vor Problemen schützen kann, weil es selbst zu
neuen Problemen führt.
Sie
haben sich im Gedenken an Ihre Mutter im Laufe der letzten Zeit jenen Gefühlen
gestellt, die Ihre „Depression“ ausmachen: jene Vorwürfe, sie nicht zu ihren
Lebzeiten ausreichend geschätzt zu haben, undankbar gewesen zu sein, was sie
für Sie getan hat. Sie schreiben in Ihrem letzten Beitrag ganz deutlich davon,
z.B. „Es macht mich traurig, dass ich ihr dafür nicht mehr danken kann“.
Sie
stehen vor der Möglichkeit Ihrer eigenen Mutterschaft und versuchen zwanghaft
nach dem bestmöglichen Weg, wie Sie eine gute Mutter sein können, wenigstens so
gut wie Ihre Mutter – doch wie soll dies gehen, wo Sie (im Gegensatz zu Ihrer
Mutter) vorhaben, im Falle einer Mutterschaft vielleicht auch wieder in den
Beruf einzusteigen? Perfekt als Mutter und perfekt im Beruf! Als Mutter mindestens
so gut wie Ihre Mutter, im Beruf besser, als Sie bisher die Chance dazu hatten.
Stress
lass nach! Doch nur so kann es gehen, damit Sie sich später nichts vorwerfen
müssen, damit Sie später nicht depressiv werden müssen, wenn Sie erkennen
sollten, Sie hätten es nicht einmal so gut gemacht wie Ihre Mutter.
Depression
bezüglich der Vergangenheit, Angst bezüglich der Zukunft, Zwang/Perfektionismus
als Versicherung, weder Angst haben zu müssen, weil alles passt, noch depressiv
werden zu müssen, weil man einen schweren Fehler begangen hat.
Und
all dies sind ganz normale Gefühle und Gedanken! Nur wer auf Dauer nicht damit
zurecht kommt, marschiert durch das halbe ICD-10, fällt von einer Diagnose in
die andere, geht von einem Arzt zum anderen, versucht diese und jene Psychotherapie,
probiert diese und jene Medikamente, bleibt verbunden mit der
Drehtürpsychiatrie.
Was
ist der innere Auftrag Ihrer Mutter an Sie? Jede Mutter wünscht ihrem Kind
wohl, dass es glücklich sei. Was dies nun bedeutet, müssen Sie ganz allein
bestimmen. Sie müssen es Ihrer Mutter nicht mehr recht machen. Denn dies macht
es aus, dass Sie erwachsen geworden sind. Nicht dass Sie vermuten, was sie von
Ihnen wollte, ist Ihre Aufgabe, sondern dass Sie zeigen, Sie möchten aus Ihrem
Leben etwas machen, wofür sie die Grundlage gelegt hat.
So
wird sich bald das Bild abrunden, warum bei Ihrer „Agoraphobie“ eine Konfrontationstherapie
nicht mehr so wirken konnte wie vor Jahren. Sie müssen sich jetzt mit ganz
anderen Dingen konfrontieren: können Sie geben, wenn Sie auch ausreichend
nehmen dürfen?“
Die
Antwort von Kicki
am 30. April bestätigte meine
Sichtweise:
„Wenn
Sie mir vor zwei Wochen gesagt hätten, dass bei mir Agoraphobie, Depression und
Zwang sehr nah beisammen liegen, wäre ich innerlich zusammengebrochen, aber
wohl eher wäre ich Ihnen ins Gesicht gesprungen. Im Moment belastet es mich
nicht so sehr, da ich denke, dass es zum Teil auf mich zutrifft und dass „Gott
sei Dank“ mein Verstand noch funktioniert, der mir hilft, diese drei Faktoren
in ein Gesamtbild einzuordnen.
Ihre
letzte Antwort hat mir geholfen, einen Schlüssel zu finden, auf dessen Suche
ich war. Ich sage jetzt nicht, dass dieser Schlüssel nun das Tor öffnet zu
einem besseren erträglicheren Leben, sondern dass er mir einen Weg zeigt, mehr
Verständnis für mich und mein Leben zu haben.
Sie
sprachen von meinem Selbstbild als (potenzielle) Mutter auf dem Hintergrund der
Erinnerung an meine Mutter.
Eigentlich
hatte ich schon vor zwei Jahren geglaubt, damit abgeschlossen zu haben, denn
ihre Krankheit war für uns ein wichtiger Prozess. Ich habe ja schon öfter
geschrieben, dass ich sie zu der Zeit von einer ganz anderen Seite kennen
gelernt hatte. Wir haben viel miteinander telefoniert und sehr intensive
Gespräche geführt. Ich war glücklich ihr zuzuhören und hatte auch den Eindruck,
dass ich dadurch, dass ich so weit weg war, für sie ein wichtigerer Gesprächspartner
war, als die Menschen, die um sie herum lebten. Die waren ja von morgens bis
abends mit ihrer Krankheit konfrontiert und mussten ihren eigenen Umgang damit
finden. In diesen Gesprächen konnte ich ihr auch danken für das, was sie für
uns getan hat und sogar verzeihen, als sie von gemachten Fehlern sprach.
Durch
die weite Entfernung hatte ich aber auch ständig ein schlechtes Gewissen, dass
ich ihr nicht noch auf einem anderen Wege helfen konnte und dass ich ihr in der
Nacht, in der sie gestorben ist, nicht zur Seite stehen konnte (auch wenn ich
froh war, dass ich nicht dabei war - Selbstschutz).
Nach
ihrem Tod war ich vergeblich auf der Suche nach der üblichen Trauer. Ich
empfand nur Erleichterung, dass sie jetzt alles hinter sich hatte. Ich hatte
noch nie so ein warmes und friedvolles Gefühl ihr gegenüber, als an dem Tag, an
dem ich in der Leichenhalle vor ihrem Sarg saß.“
Am 8. Mai versuchte ich eine Zusammenfassung der Korrespondenz
über den Wunsch nach einem Kind bei gleichzeitiger Angst davor:
„Merken
Sie, wie Sie jede zukünftige Angst (bezüglich eines Kindes, ob Sie dann alles
richtig machen werden usw.) durch einen zwanghaften Perfektionismus zu
bewältigen versuchen? Ein zwanghafter Perfektionismus ist eine Form, keine
Angst haben zu müssen, tatsächlich einmal einen Fehler zu machen.
Wann
wissen Sie, dass alles perfekt ist?
Wann
wissen Sie, dass es jetzt endlich so weit ist, ein Kind zu bekommen oder darauf
zu verzichten, weil Sie lieber arbeiten gehen, um sich selbst zu verwirklichen?
Vor
lauter Angst, etwas falsch zu machen, verpasst man die Chancen des Lebens und
verharrt in Resignation. Lieber nichts machen als etwas falsch machen!
Sie
haben im letzten Beitrag auch sehr klar herausgearbeitet, dass Sie nichts mehr
fürchten als eine neue Form der Abhängigkeit, und zwar diesmal durch den
Umstand, dass Sie ein Kind haben.
Die
Ursachen Ihres Problems liegen also in der Zukunft:
Sie
vermeiden jetzt letztlich nicht einfach nur im Sinne einer Agoraphobie, sondern
im Sinne der Befürchtung, sich im Falle einer Entscheidung für das Falsche
entschieden zu haben. Also derzeit noch keine Entscheidung, lieber zwanghafte
Perfektionsfantasien ohne Entscheidung.
Sie
haben Angst, aus Angst dieselben Fehler zu machen wie Ihre Mutter! Nur wenn Sie
perfekter wären, hätten Sie das Recht, ein Kind zu gebären und zu erziehen,
sonst schaden Sie Ihrem Kind genauso wie Ihre Mutter Ihnen geschadet hat. Sehen
Sie schon, worauf es hinausläuft?
Sie
möchten als Mutter besser und liebevoller sein als Ihre Mutter, denn nur dann
hätten Sie weiterhin ein Recht, über die Fehler Ihrer Mutter Ihnen gegenüber zu
schimpfen. Sonst müssten Sie aufgrund der eigenen Erfahrungen mit Ihrer Mutter
viel nachsichtiger umgehen.
Wenn
ich aufgrund Ihrer Aussagen Ihrer Mutter eine Diagnose geben müsste, was
glauben Sie, welche dann angemessen wäre? Ich glaube, die folgende könnte
passen: generalisierte Angststörung. Was glauben Sie, welche Diagnose ich Ihnen
geben müsste, wenn Sie von Ihren Ängsten um das noch gar nicht geborene Kind
schreiben: generalisierte Angststörung! Sicher nicht Panikstörung!
Wie
lösen Sie dieses Problem? Anstatt ständiger „unkontrollierbarer Sorgen und
Befürchtungen bezüglich des alltäglichen Lebens, vor allem bezüglich der
Familienangehörigen“ (was den Kern der generalisierten Angststörung darstellt),
gehen Sie bislang den Weg des Vermeidens. Denn nur um das, was man liebt, sorgt
man sich gewöhnlich.
Kennen
Sie die Geschichte vom „Kleinen Prinzen“? Da sagte sinngemäß der Fuchs zum
kleinen Prinzen, um ihn dazu anzuhalten, seine geliebte Rose zu gießen: „Man
ist für das verantwortlich, was man liebt.“
Liebe
- Verantwortung - Angst, den Erfordernissen nicht zu genügen. Man hat Angst um
das, was man liebt. Oder umgekehrt formuliert: man muss plötzlich aufpassen,
dass man das Liebste nicht gefährdet (z.B. das Baby nicht fallen zu lassen).
Dies ist eines der zentralen Themen bei Zwangsstörungen.
Sie
möchten diesem Dilemma auskommen durch einen zwanghaften Perfektionismus. Ihre
Mutter, schrieben Sie, hatte einen „Kontrollzwang“ Ihnen gegenüber. Sie musste
alles kontrollieren, um durch Wissen über Sie etwas mehr Ruhe und Sicherheit zu
bekommen. Würden Sie aus Angst um Ihr Kind ebenfalls eine Mutter sein nach dem
Motto: „Vertrauen ist gut, Kontrolle noch besser“? Natürlich alles viel besser
begründet durch akademische Überlegungen, aber letztlich genauso emotional bestimmt
wie bei Ihrer Mutter.
Sie
haben einen gewissen „Kontrollzwang“ („Wann bin ich perfekt genug, dass ich
alles richtig mache?“) schon vor der Geburt Ihres Kindes.
Sie
sind Ihrer Mutter ähnlicher (zumindest bezüglich der Ängste und Sorgen um ein
Kind), als Sie bisher reflektiert haben. Diese Sichtweise kann Sie mit Ihrer
Mutter vielleicht mehr versöhnen, als Sie bisher für möglich gehalten hätten.
Es
ist Ihr Leben, wenn Sie sich derzeit nicht bewusst für ein Kind entscheiden
können. Ich würde nur - um es nochmals klar zu sagen - das Problem
umdefinieren:
Sie
haben Angst vor der sehr verletzlich machenden Angst um Ihr Kind und versuchen
dies im Sinne eines typischen zwanghaften Perfektionismus zu vermeiden in der
Form, dass Sie derzeit noch keine Entscheidung treffen.
Wie
viel Zeit haben Sie? Wie viel Zeit geben Sie sich? Davon hängt doch alles ab.
Von
Gorbatschow stammt der schöne Spruch: „Wer zu spät kommt, den bestraft das
Leben“.
Frei
nach Watzlawick: Man kann niemals nie entscheiden. Man hat auf jeden Fall
entschieden, wenn man nicht entscheidet. Zumindest so lange man nicht
entscheidet, hat man sich bewusst für den Status quo entschieden. Sie sollten
dies dann halt nur ohne ständige Vorwürfe sich selbst gegenüber besser
aushalten können.“
Kicki bestätigte diese Interpretationen in Ihrem
Antwortschreiben vom 9. Mai:
„Ja,
Sie haben recht, ich wünsche mir einerseits, Mutter zu werden, auf der anderen
Seite habe ich so viel Angst davor, dass ich es perfekt gestalten wollte, um
keinen Fehler zu machen und vor allem, um die Angst zu überlisten.
Ich
habe all meine Freundinnen vorausschreiten lassen, um
mir aus der Ferne anzusehen, wie es geht und anstatt die Angst zu lindern,
wurde sie nur noch größer.
Auch
meine Mutter hat viel ertragen und getragen. Sie war eine sehr starke Frau und
vor allen Dingen sehr tapfer.
Selbst
in diesem Punkt haben Sie recht. Ich bin ihr im Moment näher denn je, ich war
es anscheinend immer schon. Deshalb konnte ich es auch nie ertragen, wenn
jemand sie angriff oder sich über sie lustig machte. Das durfte nur ich.
Sie
sind sehr einfühlsam und respektvoll mit dem, was ich über meine Mutter
schrieb, umgegangen, genauso, wie Sie auch mit mir umgegangen sind. Das ist
wahrscheinlich auch der Grund, warum wir überhaupt eine Chance hatten, an einen
Punkt wie diesen zu kommen. Sie haben nicht geurteilt und verurteilt, sondern
erklärt und mir geholfen zu klären.
Den
Beitrag über generalisierte Angststörung habe ich durchgelesen (Ich hatte Kicki die Lektüre folgender Seite meiner Homepage empfohlen:
www.panikattacken.at/generalisierte_angststoerung/gen_angst.htm).
Den
unterschreibe ich – zum größten Teil – mit links. Selbst die körperlichen
Symptome stimmen.
Die Angst
um meine Familie habe ich übernommen, ich könnte hier viele Beispiele
aufzeigen, müsste aber dann auf deren Lebensgeschichte eingehen, was ich
vermeiden möchte.
Ich
habe die besten Voraussetzungen, die es gibt, um Mutter zu werden. Ich lebe in
einer gesicherten Beziehung mit einem Mann, mit dem ich alle Höhen und Tiefen
erlebt habe, die das Schicksal auf seiner Speisekarte hat.
Wir
haben uns immer gegenseitig unterstützt und vor allen Dingen, ertragen und
getragen.
Wir
sind finanziell - so gut es geht - abgesichert und brauchen uns keine Sorgen
darum zu machen. Ich habe schon bewiesen, dass ich Verantwortung übernehmen
kann, ohne dabei perfekt zu sein.
Ich
habe meinem Mann gestern meine letzten beiden Beiträge vorgelesen und Ihre
Antwort dazu. Ich dachte, jetzt ist er bestimmt ganz geschockt und will mit mir
überhaupt keine Kinder mehr. Doch er nahm mich nur in den Arm und sagte, dass
er daran glaubt, dass ich eine gute Mutter sein könnte.
Mit
Sicherheit ist Ihnen aufgefallen, dass ich im Moment wenig über meine
beruflichen Bedürfnisse spreche. Ich habe viel gearbeitet in meinem bisherigen
Leben, eigentlich immer. Ich habe alle möglichen Jobs gemacht und sie meistens
auch gut gemacht. Im Grunde habe ich schon viel berufliche Erfüllung erlebt.
Mein Studium habe ich für mich gemacht, für mich ganz alleine, weil ich meinen
Horizont erweitern wollte. Die Lorbeeren habe ich im Grunde genommen schon
eingesteckt, aber nicht geschätzt, weil ich immer weitere Ziele hatte.
Ich
habe immer noch Ziele, auch in beruflicher Hinsicht. Aber ich sehe mich nicht
mehr ganztags in einem Unternehmen, sondern eher freiberuflich von zuhause
arbeitend in Kombination mit meinem Hauptjob.
Das
war immer mein Traum und die Wege dazu sind sogar schon geebnet. Ich habe
Aufträge von außen, von Menschen, die mich kennen und meine Arbeit schätzen.
Ich hatte in der letzen Zeit nur sehr wenig Muße, diese Jobs zu erfüllen bzw.
ich konnte mich nicht darauf konzentrieren.
Das
Glück liegt im Grunde genommen schon vor mir, ich muss es nur ergreifen und
dabei einen für mich schweren Weg beschreiten. Aber ich will!
Ich
habe unsere ganze Korrespondenz ausgedruckt und in eine schöne Mappe getan. Die
bewahre ich wie einen Schatz. Vielleicht werde ich diesen Schatz irgendwann mal
meinen Kindern vererben.
Ihr
letzter Beitrag, hat mir die Stimme geraubt. Ich hatte Schwierigkeiten, ihn
meinem Mann vorzulesen. Er hat mir die Kehle zugeschnürt, weil ich spürte, dass
wir schon auf dem Weg sind. Da war sie, die Erkenntnis und die ANGST. Aber ich
habe es überlebt und konnte auch gut schlafen. Ich wusste, morgen ist ein neuer
Tag und dann werde ich den nächsten Schritt gehen.
Ich
habe meine geschäftlichen Termine abgesagt, weil ich spürte, dass ich lieber
mit mir Frieden schließen wollte. Es war kein Problem. Ich brauchte mich nicht
zu erklären. Wenn ich weiß, wie es mit mir weitergeht, werde ich die Aufträge
zu Ende führen.
Ich
musste gestern lachen, als sie schrieben, dass Sie mich nicht in einem wilden
Aktionismus durch eine Konfrontationstherapie schicken werden – damit wir nicht
wieder den Zustand der Stagnation überwischen.
Was
glauben Sie wohl, was ich gestern getan habe, nachdem ich den letzten Beitrag
abgeschickt habe?
Erst
wollte ich mich ausruhen und entspannen, was mir nicht gelang. In meinem Kopf
drehte sich alles und ich wollte nicht mehr denken. Dann beschloss ich, mich auf´s Fahrrad zu setzen und ein paar Runden zu drehen,
damit ich den Bezug zur Außenwelt nicht verliere. Bei meiner ersten Runde
merkte ich schon, dass ich nicht mehr im Kreis fahren wollte. Es machte mich
krank, dass ich weiterhin diese Runden immer schön um unseren Wohnblock drehen
sollte, um die Sicherheit des Zuhauses nicht zu verlieren. Ich spürte, dass es
mich weiter weg zog und dann habe ich mich umgedreht und bin in eine andere
Richtung gefahren. Nicht allzu weit, aber es war schon mal eine andere
Richtung. Diesen Sog, in eine andere Richtung zu gehen bzw. zu fahren, hatte
ich in der letzten Zeit öfter gespürt. Wenn ich so in Gedanken lief, merkte
ich, dass ich vom Verstand her immer im Kopf hatte, mich nicht zu weit weg zu
bewegen von zu Hause, dass ich vom Gefühl her aber gerne gegangen wäre.
Als
ich gestern zurück fuhr, kam die Beklemmung wieder in mir hoch. Ich wollte
schon gar nicht mehr so richtig in das alte Zuhause, weil ich es als Gefängnis
empfinde. Aber es ist kein Gefängnis, das Gefängnis ist in mir.“
Erste Anzeichen für eine Konfliktlösung
Am 10. Mai berichtete Kicki
von neuen Erkenntnissen und Erfahrungen:
„Die
Spannung lässt langsam nach, mein Kopf wird langsam klarer und ich mache neue
(erschreckende) Erkenntnisse für mich.
Ja,
es stimmt. Ich habe mich meinem Mann gegenüber verpflichtet gefühlt und tu es
immer noch. Ich habe mich so weit gequält, dass ich das Gefängnis gewählt habe,
um eine Entscheidung zu erzwingen, die ich in Freiheit nicht getroffen hätte.
Ja,
es stimmt. Ich gehöre zu den Frauen, die als Priorität die Erfüllung im Beruf
sehen. Ich habe viele Jahre gearbeitet und gerne gearbeitet. Meistens war ich
mit Leib und Seele dabei. Ich habe mich an einer Grenze gespürt und diese
Grenze überschritten, indem ich trotz meines früheren Berufes noch studiert
habe. Ich habe das erste mal erfahren, dass ich mich ohne Scheu in
Akademikerkreisen bewegen kann, meine Meinung vertreten kann, auch wenn mein
Gegenüber eine Autoritätsperson ist, dass ich gute Leistungen bringen kann, so
lange die Arbeit mit Spaß verbunden ist, und diesen Anspruch habe ich, auch
wenn alle Welt mir vermitteln will, dass Arbeit hauptsächlich zum Geldverdienen
gedacht ist. (Das Privileg habe ich nun mal als Frau, wenn ich nicht als
Haupternährer verantwortlich bin).
Mit
dem Versprechen gegenüber meinem Mann bezüglich Kinder habe ich mir einen
Strick um den Hals gelegt, der immer enger wurde. Er hat mich in meinem Studium
verfolgt und in der Auswahl meiner beiden letzen Stellen.
So
lange mein Mann noch selbst im Studium war und ich mich relativ frei fühlte,
das Versprechen noch nicht einlösen zu müssen, konnte ich zeitweise auch dieses
Gefühl nachempfinden. In der Zeit konnte ich träumen und mir eine Zukunft
ausmalen, die durch jegliche ‚Behinderungen’ wie – nicht Autozufahren,
Schwierigkeiten mit dem Busfahren, Angst vor der Mutterschaft, Angst vor den Verantwortungen
im Beruf, Depression und Trauer verschwommener wurde.
Ich
habe den Schmerz noch nicht verwunden, dass ich in meinem Beruf noch keinen Fuß
fassen konnte, dass ich keine Stelle gefunden habe, zu der ich möglicherweise
nach dem Erziehungsurlaub wieder zurück
kann.
Jetzt
sitze ich hier mit vielen Fragezeichen im Kopf und frage mich, was ich damit
anfange. Aber ich bin auf eine seltsame Art und Weise ruhig.
Ich
bin nicht perfekt, ich wollte es nur perfekt gestalten, was mir nicht gelang.
Ja
es stimmt auch, dass ich Angst habe Fehler zu machen. Mein daraus
resultierender zwanghafter Perfektionismus, den ich im realen Leben gar nicht
so sehr brauche, war hauptsächlich auf die Zukunft gemünzt, weil ich wusste,
dass ich eine Doppelbelastung eingehen würde, wenn ich meinen Träumen folge.“
Übereinstimmende Zusammenfassungen bezüglich der
Funktion der Agoraphobie
Am 10. Mai wies ich Kicki
deutlich auf die Funktion ihrer Agoraphobie hin:
„’Agoraphobie
- Was dahinter steckt’ lautet der Titel unserer Online-Beratung. Und was steht
dahinter? Das Geheimnis lüftet sich immer mehr:
Sie
mussten sich in den letzten Monaten buchstäblich über die Agoraphobie zu Hause
„anbinden“, denn sonst würden Sie Ihrem Mann neuerlich in den Beruf weglaufen
und ihn vielleicht kinderlos zurück lassen, und dies obwohl Sie ja selbst
mindestens ein Kind wollten. Nun, da alles klar und offen vor Ihnen liegt, geht
es um Ihre freie Entscheidung, ob und wann Sie Ihrem Mann ein Kind schenken wollen.
Das Ziel einer Psychotherapie ist die Entwicklung von mehr Freiheit und
Autonomie.
Sie
sollen sich bewusst für ein Kind entscheiden und nicht, weil Sie wegen Ihrer
Agoraphobie jetzt ohnehin nicht weit kommen. Bei der Mehrzahl der Frauen mit
einer Agoraphobie läuft es umgekehrt, wie ich Ihnen bereits geschrieben habe:
zuerst heiraten, Kinder kriegen und dann eine Agoraphobie entwickeln - als
Schutz davor, Mann und Kindern davon zu laufen in den Beruf bzw. aus Angst, an
der vermeintlichen Überforderung von Mutterschaft und Berufstätigkeit zu
scheitern.
Ich
frage meine Patientinnen oft, was sie tun würden, wenn ihre Agoraphobie weg
wäre. Häufige Antworten: berufstätig werden, Führerschein machen, aufgrund von
eigenem Einkommen die Partnerbeziehung verändern im Sinne von weniger Abhängigkeitsgefühlen
- manchmal bis hin zu Trennungsüberlegungen, wenn die Beziehung weiterhin nicht
so gut laufen sollte.
Sie
waren aufgrund Ihrer Ängste, Ihres zwanghaften Perfektionismus und natürlich
auch der realen Abhängigkeitsängste als Folge eines Kindes in der Lage, Ihrem
Gatten bis zu Ihrem 37. Lebensjahr ein Kind vorzuenthalten!
Aber
jetzt, wo er alle ernähren kann, weil er die Ausbildung ganz abgeschlossen hat,
ist Ihr Traum zu Ende, dass Sie das Kinder-Kriegen noch länger hinausschieben
können. Jetzt ist es so weit. Wundern Sie sich daher nicht, wenn Sie die
Empfängnisverhütung absetzen, in drei Monaten schwanger werden und anstatt
Freude erst einmal eine Panikattacke bekommen.
Es
wäre ganz normal, wenn Sie auch die Ankunft Ihres Kindes in Ihrem Bauch mit
genauso gemischten Gefühlen erleben würden (Freude, Angst und Panik „Jetzt hat
es eingeschlagen, jetzt ist es passiert, jetzt komme ich nicht mehr aus“) wie
den Tod Ihrer Mutter (Erlösung und Traurigkeit). So ist das Leben!
Sie
haben einfach nur ein Herz: es schlägt in bestimmten Situationen einfacher
schneller, egal welches Gefühl/Erlebnis Sie gerade haben: Wut, Ärger, Angst,
Panik, sexuelle Lust. Nur wenn wir unseren Herzschlag als gefährlich
interpretieren, bekommen wir Panik und verlassen ungern die Wohnung. Sonst
freuen wir uns darüber, dass wir auf diese Weise z.B. auch Liebesgefühle
erleben.
Dies
wünsche ich Ihnen für die nächste Zeit - mit allen damit verbunden Folgen!“
Am 15. Mai versuchte Kicki aus
Ihrer Sicht eine erste Zusammenfassung des bisherigen Verlaufs der Online-Beratung:
„Nach
einer kleinen Pause, die mir ganz gut getan hat, um das bisherige etwas sacken
zu lassen, möchte ich ein kleines Resümee ziehen zu dem, was wir bisher
erarbeitet haben, und dem, was für mich dabei herauskommt. Wir haben begonnen
mit der von mir selbst ausgesprochenen Diagnose „Agoraphobie“. Die Agoraphobie
führte ich auf meine Panikattacken zurück, die ich in schwierigen Lebenssituationen
bekomme.
Wir
haben sehr schnell erkannt, dass die Agoraphobie u. a. das Problem überlagert,
die Entscheidung zu treffen, welchen Weg soll ich nun gehen: Schwangerschaft
oder Beruf?
Zunächst
haben wir herausgearbeitet, dass ich Angst davor habe, wenn ich mich für einen
der beiden Wege entscheide, ich Gefahr laufe, einen meiner „Träume“ zu
verlieren, selbst wenn sie auf lange Sicht gesehen zu kombinieren wären.
In
einem nächsten Schritt stellten wir fest, dass nicht nur die Entscheidung an
sich mir Sorge bereitet, sondern dass hinter beiden Wegen reale Ängste
verborgen sind, denen ich mich nicht aussetzen wollte bzw. dass ich eine
falsche Auffassung von Angstbewältigung hatte. Hinzu kam eine Überlagerung der
Allgemeinproblematik durch die erst kurz zurückliegenden Schicksalsschläge, die
ich noch nicht verarbeitet hatte. Dabei stellte sich heraus, dass nicht die
Schicksalsschläge an sich das Problem waren, sondern meine Umgehensweise damit.
Durch meine Schwierigkeit, Gefühle zuzulassen bzw. richtig zu deuten, kam ich
in einen Gewissenskonflikt, nicht genug getrauert zu haben bzw. der Situation
entsprechend gehandelt oder gedacht zu haben. Es stellte sich heraus, dass ich
starke Schuldgefühle deswegen hatte, die eine Verarbeitung der Situation
erschwerten und mich somit in eine depressive Grundstimmung versetzten.
Über
den Umweg der Vergangenheitsbewältigung, wollte ich herausfinden, ob meine
Probleme und Ängste an der Wurzel zu lösen sind. Leider musste ich erkennen,
dass ich ein falsches Bild von mir entwickelt hatte, nämlich lediglich ein
„Opfer“ der Vergangenheit bzw. ein „Opfer“ meiner selbst zu sein und dass ich
nie gelernt hatte, mich aus dieser Rolle zu befreien. Auch wurde deutlich, dass
ich neben meiner Agoraphobie eine generalisierte Angststörung entwickelt hatte,
die latent wahrscheinlich immer schon vorhanden war und in Krisensituationen
überhand nimmt.
Da
ich mich als Kind durch eine ähnliche Angststörung meiner Mutter sehr stark
beeinträchtig gefühlt hatte, wollte ich durch einen zwanghaften Perfektionismus
schon vor meiner Schwangerschaft diesem Mechanismus entfliehen. Aber leider ohne
Erfolg. Denn dadurch wurde ich noch unsicherer, weil ich merkte, dass man
Ängste nicht kontrollieren kann und jedes Konstrukt, das zum Ziel hat, Fehler
vorzubeugen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil man dadurch
abhängig von seinem Konstrukt wird und das Leben seine eigenen Wege geht.
Die
„Diagnose“ generalisierte Angststörung gab mir wieder etwas Sicherheit, da ich
hier zum ersten mal erkannte, dass ich eine Problemlösung ohne Lösung
heraufbeschworen hatte. Dass ich mich meinen realen Ängsten bisher noch nicht
ausreichend genug gestellt hatte und dass ich nicht mit noch mehr Nachdenken
eine Lösung erzwingen kann.
Einerseits
hatte ich erkannt, dass ich die besten Voraussetzungen für eine Mutterschaft
hatte, auf der anderen Seite stellte ich den Beruf in den Vordergrund. Meine
Zerrissenheit wurde immer deutlicher und gleichzeitig fingen die bisherigen
Ergebnisse der Beratung an, Früchte zu tragen. Ich erkannte, dass ich, egal
wofür ich mich entscheide, Konsequenzen zu tragen habe. Dass meine
Zerrissenheit nicht zwischen den beiden Wegen lag, sondern in der Ambivalenz,
meinen Gefühlen oder den realen - teilweise von mir sehr überzogen gesehenen -
Anforderungen, die ich der jeweiligen Entscheidung zuschrieb, einen zu großen
Raum einzuräumen und dass die Lösung in der Akzeptanz liegen muss, zwischen den
beiden Polen. Sie glaubten gerade sich gemütlich zurücklehnen zu können und
meinen weiteren Erkenntnissen folgen zu können, als das Thema, das bisher immer
unberührt geblieben war und von uns beiden galant umschifft worden war,
angesprochen wurde: Meine Beziehung zu meinem Mann, meinem Gefühl, ihm
gegenüber verpflichtet zu sein, schwanger zu werden und seine kulturelle
Herkunft. Von da an kippte für mich die Beratung in eine sehr stark emotional
gelagerte Richtung, die ich nicht mehr unter Kontrolle glaubte.
Ich
konnte Folgendes erkennen: In Bezug auf Angst besitze ich zwei ambivalente
Glaubenssätze:
Wenn
ich mich der Angst hingebe, werde ich bewegungsunfähig und eingeschränkt in
meinen Handlungen. Wenn ich mich frei bewegen möchte, muss ich die Angst
verlieren.
Wenn
ich die Angst ganz verliere, kann sie mich nicht mehr schützen und ich laufe
Gefahr, nur noch meinen Emotionen zu folgen und unkontrolliert zu handeln. Wenn
ich nicht Gefahr laufen möchte, Fehler zu machen, muss ich die Angst behalten,
sonst beeinflusse ich nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld.
Grundsätzliche Entscheidung zugunsten eines Kindes
Am 16. Mai berichtete Kicki
von einer ersten grundlegenden Entscheidung zugunsten eines Kindes:
„Eine
mehr oder weniger bewusste Entscheidung bezüglich des Kindes habe ich vor zwei
Tagen mit meinem Mann getroffen. Wir saßen uns mal seit langer Zeit wieder
gegenüber und nicht wie in der letzten Zeit so oft (Rücken an Rücken durch den
Computer bedingt) und haben uns in aller Ruhe über das Thema unterhalten.
Ich
fühlte mich ein wenig gestärkt, weil ich zuvor mit dem Auto wieder selbst zu
einem Termin gefahren bin. Ich hatte zwar große Angst, bin aber dann trotzdem
gefahren, weil mir bewusst geworden ist, dass mich weniger die finanzielle
Abhängigkeit zu meinem Mann stört, wenn ich nicht arbeiten würde, sondern die
mobile Abhängigkeit.
Als
mir klar wurde, dass ich auf jeden Fall mobiler werden muss, um mich aus dieser
Abhängigkeit zu lösen, bin ich dann zu diesem Termin gefahren. Ich saß die
ganze Zeit mit einem dicken Kloßgefühl im Hals da, konnte mich aber trotzdem
ganz gut auf das Gespräch konzentrieren. Auch ließ die Angst vor der Rückfahrt
nicht nach (warum auch - geht ja auch nicht von heute auf morgen weg). Aber ich
dachte die ganze Zeit nur, selbst wenn du gleich wieder mit Angst ins Auto
steigst, du wirst schon wieder zurückkommen. Und so war es dann auch. Auf dem
Rückweg ging es mir sogar besser, als ich gedacht hätte, konnte ich doch noch
kurz vorher kaum laufen.
Ich
hatte mir in der letzten Zeit viele Gedanken darüber gemacht, was macht das mit
unserer Beziehung, wenn ich mich weiterhin weigere, ein Kind zu bekommen und
welche Chancen zur Weiterentwicklung könnten für uns in einer gemeinsamen Elternschaft
stecken?
Gestärkt
durch den ersten kleinen Erfolg, bat ich meinen Mann, mit mir Essen zu gehen.
Dort unterhielten wir uns noch einmal in aller Ruhe über die Kinderfrage. Wir
waren sehr offen zueinander und gaben uns gegenseitig unsere Bedenken, aber
auch unsere Einstellungen zu. Wir stellten beide fest, dass wir beide an einem
Entwicklungsschritt stehen, wo wir stagnieren. Dass wir uns weiterentwickeln
wollen, auch wenn wir uns noch nicht so richtig vorstellen können, wie wir uns
als Eltern verhalten werden. Auch wollten wir die Vereinbarkeit mit dem Beruf
auf uns zukommen lassen und nicht mehr so krampfhaft im Vorfeld alles klären.
Wir stellten fest, dass wir beide Kompromisse eingehen werden und ich mich
nicht alleine „opfern“ werde – auch wenn ich mir bestimmt oft so vorkommen werde
– das liegt in der Natur der Sache.
Mir
wurde klar in dem Gespräch, dass ich bei der Entscheidung, meinem Mann ins Auge
sehen muss und nicht für mich alleine aus mir heraus erzwingen kann. Auch wurde
mir bewusst, dass wir viel zu früh in unserer Beziehung über das Thema
diskutiert haben, nämlich am Anfang unserer Beziehung, als wir noch gar nicht
wussten, wie sich die Beziehung entwickeln wird. Das Thema Kinder hing immer
wie ein Damoklesschwert über uns. Ich hatte die ganze Zeit mich verbogen, um zu
einem Punkt zu kommen, den ich nicht erreichen konnte, weil ich ja von
vornherein alles perfekt haben wollte. Ich habe in dem Punkt nie so richtig
gelebt und die Zukunft auf mich zukommen lassen, sondern wollte alles planen.
Das ging ja nicht, das Schicksal machte mir ja einen Strich durch die
Rechnung.“
Noch
am selben Tag beschrieb Kicki,
dass sie jetzt an die Thematik Schwangerschaft anders heran geht als früher:
„Das
hört sich vielleicht jetzt wirklich banal an, nach dem Motto, da macht die eine
100-seitige Online-Beratung und die führen einmal ein gemeinsames Gespräch und
schon treffen sie die Entscheidung. Aber so banal ist das nicht. Wir haben
schon geredet früher, aber eher über meine „Krankheit“ und dass ich mir das als
psychisch kranke Frau nicht mehr vorstellen könne, ein Kind zu bekommen, oder
wir führten Machtkämpfe, weil ich darauf bestand, dass ich als Frau das Recht
hätte, arbeiten zu gehen, dann aber schnell wieder zurückzog, weil mein Mann
die besseren Argumente hatte und unzufrieden das Feld verließ. Ich muss
zugeben, dass ich immer noch viele Ängste und Zweifel habe. Ich möchte diese
Entscheidung erst mal so stehen lassen, mit allen Ängsten und Zweifeln, die ich
noch in mir habe.“
In
den nächsten Emails bis Ende Mai 2001
berichtete Kicki über verschiedene kleinere
Fortschritte
im
Umgang mit Ihrer Agoraphobie ohne Anleitung meinerseits (Aushilfe in einem
Lokal, Autofahren).
„Da
mir das Autofahren sehr wichtig ist, übe ich jetzt immer öfter. Da ich früher
kein Auto gefahren bin, waren für mich öffentliche Verkehrsmittel weniger
bedrohlich, als alleine mit dem Auto zu fahren. Nichts desto trotz, bin ich mir
bewusst, dass ich auch in Bus und Bahn wieder Ängste entwickelt habe, aber es ist
nicht so traumatisierend verankert bei mir wie das Autofahren. Denn wenn ich
mich richtig zurück erinnere, hatte ich bei meinem Rückfall die erste richtige
Panikattacke, als ich alleine Auto gefahren bin. Ich hatte es schon fast wieder
verdrängt, da die richtigen Probleme ja erst in dem neuen Job entstanden sind.
Außerdem muss ich auch Auto fahren können, wenn ich freiberuflich arbeiten
will. Die meisten Probleme mit dem Fahren habe ich, wenn ich an der Ampel
stehen muss. Da ich ja jetzt gelernt habe, dass dies auch mit Agoraphobie zu
tun hat, wundert mich das nicht mehr.
Ich
habe zwar weiterhin Schwierigkeiten, alleine einkaufen zu gehen, dafür fange
ich an, es weniger zu bewerten.
Am
letzen Wochenende hatte ich wieder begonnen, mich der Welt zu öffnen, habe viel
Besuch gehabt und bin mit meinem Besuch nach draußen gegangen mal zum Kaffee
trinken und mal zum Essen. Erst wollte ich so nah wie möglich an Zuhause bleiben,
musste aber aus Rücksicht auf die anderen, mich dann doch weiter in das
Stadtzentrum reinwagen. Und es war wirklich schön.
Ich
gönne es mir tatsächlich, die Dinge langsam anzugehen. Ich gestehe mir zu, bei
meinen Fortschritten, auch Rückfälle zu erleben und ich gestehe mir zu, dass
ich weder jetzt noch später alles können muss. Aber ich fange wieder an, mich
nach außen zu orientieren und mache mir dabei so meine Gedanken, die mehr mit
der Realität zu tun haben, als mit neurotischen Ängsten.“
Mit Stand vom 8. Juni 2001 erstelle ich folgende
Zusammenfassung über den bisherigen Stand der Online-Beratung zur Thematik „Agoraphobie – was dahinter steht“:
Von
der aktuellen Symptomatik her ist (klinisch gesehen) nach dem ICD-10 sicherlich
von einer „Agoraphobie mit Panikstörung“ auszugehen (F40.01). Doch dahinter
stehen zwei andere Diagnosen, deren Probleminhalt zuerst zu bewältigen ist,
damit eine Konfrontationstherapie Wirkung zeigen kann (wenn
Verhaltenstherapeuten dies nicht berücksichtigen, setzen sie sich zu Recht dem
Vorwurf einer reinen und dementsprechend ineffektiven Angst-Symptomtherapie
aus):
Aus
existenzieller Sicht - fern jeder psychiatrischen Pathologisierung - stellt die
Lebensgeschichte von Kicki ein wunderschönes Beispiel
dar für die Thematik dieses Artikels. Es ist ganz normal, sich vor neuen
Lebenssituationen zu fürchten, sodass es in Übergangs-Zeiten zu krisenhaften
Entwicklungen kommen kann, die noch keineswegs pathologisch zu bewerten sind.
Erst falsche Problemlösungsversuche machen nach Watzlawick aus einem normalen
Lebensproblem ein klinisch relevantes Problem. Wenn ganz normale Ängste vor dem
Neuen in Übergangs-Zeiten durch Vermeidungstendenzen im Sinne einer Angststörung
oder durch einen Perfektionismus im Sinne zwanghafter Absicherungstendenzen zu
bewältigen versucht werden, weil das Vertrauen in das richtige Handeln in der
Zukunft in Frage gestellt erscheint, entsteht eine Perpetuierung des Status
quo, wodurch jeder Fortschritt in Richtung notwendiger Veränderungen verhindert
wird. Diese Gefahr der Stagnation ist umso größer, je mehr zugleich auch
unbewältigte Angelegenheiten aus der Vergangenheit die Aktivierung aller
Ressourcen zur Lösung aktueller Aufgaben blockieren. Gerade in diesem Sinn ist
das aktuelle Grundproblem von Kicki letztlich als
normaler Konflikt vieler Frauen zu verstehen, vor allem von Akademikerinnen:
Welche Bedeutung hat angesichts der langen Ausbildungszeit eine entsprechende
Berufstätigkeit und wie lässt sich dies mit dem Bedürfnis nach einem Kind, nach
Mutterschaft, verbinden, sodass die optimale Erfüllung beider Aufgabenbereiche
möglich ist? Diese Aufgabenstellung muss jede Frau für sich bewältigen.
Die
Leser dieses Artikels haben miterlebt, wie ich als männlicher Psychotherapeut
und Vater von fünf Kindern Kicki über das Internet
geholfen habe, einen Weg zu finden aus diesem Dilemma „Beruf oder Kind“ bzw.
„Beruf und Kind“. Wie Kicki die Bewältigung dieses
Problems im Laufe der Zeit gelungen ist, wird jeder Interessierte nachlesen
können im Forum „Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen. Ein
Internetbuch als Hilfe zur Selbsthilfe“ unter www.panik-attacken.de/forumB
P.S. Oktober 2001: Die im April
2001 begonnene Online-Beratung wurde im Oktober erfolgreich abgeschlossen,
soweit es die Agoraphobie betrifft.