Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

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Der folgende Text wurde als Artikel in einem Buch veröffentlicht:

 

Morschitzky, H. (2002). Die Entwicklung krankhafter Ängste im Rahmen normaler Angst machender Übergänge in neue Lebensabschnitte. In: Mehta, G. & Rückert, K. (Hrsg.), Bindungen – Brüche – Übergänge. Beziehungen und ihre Veränderungen in unterschiedlichen Lebensphasen (S. 120-146). Wien: Falter Verlag. 255 S.

 

 

 

Angststörungen als Übergangs-Probleme im Rahmen des Lebenszyklus

 

 

Leben bedeutet Veränderung, Fortschreiten von einer Lebensphase zur anderen. An diesen ganz normalen Aufgaben, die das Leben uns stellt, reifen wir als Menschen. Übergänge im Rahmen des Lebenszyklus stellen oft auch sehr kritische Ereignisse dar, die – wenn sie nicht ausreichend bewältigbar sind – zu psychischen Störungen führen können.

 

Angststörungen spiegeln oft die Furcht vor Veränderungen wider, die durchaus als notwendig erkannt werden. Das Alte befriedigt nicht mehr, das Neue macht jedoch Angst. Die Angst kann nicht als Kraft genutzt werden, sondern führt dazu, dass das Beschreiten neuer Wege vermieden wird. Eine unglücklich machende Partnerschaft, ein belastendes Zusammenleben mit den Eltern, ein frustrierender Arbeitsplatz oder eine unpassende Berufstätigkeit können häufig nicht aufgegeben werden aus Angst vor der Ungewissheit der Zukunft. Es fehlt das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten.

 

Zwangsstörungen drücken nicht selten die Schwierigkeit aus, das Vergangene vergangen sein zu lassen. Das Geschehene muss immer wieder neu auf mögliche Fehler überprüft werden, sodass die Möglichkeit zu neuen Entwicklungen eingeschränkt ist. Man beschäftigt sich lieber mit dem Vertrauten, obwohl dies schon bald unerträglich erscheint, anstatt etwas Neues zu wagen. Es fehlt der Mut zum Risiko. Und wenn doch neue Möglichkeiten erwogen werden, können Menschen mit einer Zwangsstörung nicht so einfach resignieren wie Menschen mit einer typischen Angststörung. Sie suchen nach einem Weg, wie sie eine Aufgabe perfekt bewältigen können, denn Perfektion wäre eine Garantie, ein befürchtetes Versagen zu vermeiden. Ein zwanghafter Perfektionismus ist oft auch ein Bewältigungsversuch von sonst nicht erträglichen Ängsten: Wenn alles perfekt ist, braucht man sich nicht mehr zu  fürchten - was sich bald als zusätzliches Problem herausstellt, denn es ist nie alles perfekt vorbereitet.

 

Depressionen drücken oft die Schwierigkeit aus, von einer bereits vergangenen Lebensphase auch innerlich Abschied nehmen und sich auf neue Lebensmöglichkeiten einstellen zu können. Eine zu Ende gegangene Beziehung, der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust materieller Sicherheit, der Auszug von Zuhause, der Umzug in eine neue Gegend, das Nachlassen der körperlichen und geistigen Vitalität sind oft nur schwer zu verkraften, was die weitere Lebensentwicklung blockieren kann. Es fehlt die Kraft zum Loslassen.

 

 

Vierfelderschema zur Erklärung von Ängsten, Zwängen und Depressionen

 

Man kann Ängste, Zwänge und Depressionen anhand eines Vierfelderschemas charakterisieren, das sich aus zwei Dimensionen ergibt:

 

Verantwortung:

l       viel Verantwortung (Ursachenzuschreibung: Verantwortung liegt bei der Person selbst),

l       wenig Verantwortung (Ursachenzuschreibung: Verantwortung liegt außerhalb der Person bei andern Menschen, Umständen, Schicksal usw.).

 

Zeitdimension:

l       Zukunft

l       Vergangenheit

 

 

Tabelle: Vierfelderschema zur Erklärung von Ängsten, Zwängen, Depressionen und Substanzmissbrauch

 

 

Vergangenheit

Zukunft

viel Verantwortung („Selbst schuld“)

Depression

Zwänge

wenig Verantwortung („Andere/anderes schuld“)

Substanzmissbrauch

Ängste/Phobien

 

Ängste und Phobien, d.h. Angststörungen im allgemeinen, sind charakterisiert durch die Befürchtung einer Katastrophe in der Zukunft, d.h. die Betroffenen glauben, keinerlei Einfluss darauf zu haben, sodass Sie zur Vermeidung neigen. Es dominiert die Frage: „Was wäre, wenn dies oder jenes passiert? Ich könnte mir allein nicht helfen, also lasse ich mich lieber gar nicht darauf ein.“

 

Depressionen beruhen oft auf einer hohen wahrgenommenen Verantwortung für ein als sehr negativ bewertetes Ereignis in der Vergangenheit, d.h. die Betroffenen glauben, an einem Ereignis in der Vergangenheit mitschuldig geworden zu sein. Es geht ständig um die Frage: „Warum habe ich nur so gehandelt? Ich hätte anders handeln müssen, doch ich habe versagt.“

 

Zwänge gehen einher mit einer subjektiv empfundenen hohen Verantwortung für eine befürchtete Katastrophe, d.h. die Betroffenen tun alles, um sich nicht schuldig und depressiv fühlen zu müssen, weil sie einen Fehler begangen haben. Es dreht sich alles um die Frage: „Wie kann ich Misserfolg vermeiden bei einer Angelegenheit, für die ich mich verantwortlich fühle? Denn wenn ich etwas mache, was ich eigentlich machen will bzw. sollte, wird etwas Schreckliches passieren, weil ich der Sache nicht gewachsen sein werde. Ich bin aber dennoch dafür verantwortlich, wenn etwas passieren sollte, sodass ich es perfekt machen möchte, damit niemand durch mich zu Schaden kommt.“ Über den Weg der Zwänge wird das unerträgliche und depressiv machende Gefühl des Misserfolgs zu verhindern versucht. Zwangsstörungen stellen in diesem Sinn den Versuch dar, eine befürchtete Depression angesichts antizipierter Versagenserlebnisse zu vermeiden.  

 

Auf die Thematik des Substanzmissbrauchs im vierten Quadranten wird in diesem Artikel nicht eingegangen, weil sie hier nicht relevant ist. Das Muster von Alkoholikern ist allgemein bekannt (Motto: „Schuld an meiner Misere waren andere Menschen oder bestimmte Umstände in der Vergangenheit“): „Meine Mutter, meine Gatte, mein Chef usw. waren lieblos zu mir, ich hatte keine Chance bei ungünstigen Lebensumständen. Ich begann also zu trinken, um das leichter auszuhalten, was ich nicht ändern konnte.“

 

Psychische Störungen sind oft charakterisiert durch einen Wechsel der Symptomatik. Wer ängstlich war, wird häufig aufgrund mangelnder Erfolgserlebnisse auch noch depressiv. Wer nicht depressiv werden möchte, wird nicht selten zwanghaft-perfektionistisch.

 

Symptome stellen einen ineffektiven Problemlösungsversuch dar. Es kommt zu einer Perpetuierung des Status quo, ohne dass die anstehenden Probleme in Richtung optimaler Veränderungsschritte tatsächlich gelöst werden.

 

 

Angststörung - depressive Reaktion - zwanghafte Bewältigungsmechanismen angesichts von Übergängen im Rahmen des Lebenszyklus - Das Internet-Beispiel Kicki

 

Allgemeine Informationen zur Online-Beratung

 

Das Konzept von Symptomen als Ausdruck von Übergangs-Problemen im Rahmen des Lebenszyklus soll anhand des Lebensschicksals einer anonymen Patientin dargestellt werden, wie dieses im Internet für jedermann zugänglich dokumentiert ist.

 

Ich arbeite seit April 2001 mit einer deutschen Angst-Panik-Selbsthilfe-Homepage zusammen: www.panik-attacken.de. Neben einem Expertenforum unter meinem Namen, wo ich allgemeine Fragen beantworte, führe ich im Forum „Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen. Ein Internetbuch als Hilfe zur Selbsthilfe“ mit bestimmten Teilnehmern eine kostenlose Musterberatung durch, einerseits um Hilfestellungen bei Angst- und Panikstörungen anhand konkreter Fälle anzubieten, andererseits um die Möglichkeiten der Psychotherapie aufzuzeigen und damit Hoffnung anstelle von Resignation zu vermitteln.

 

Die folgende Falldarstellung ist bei www.panik-attacken.de/forumB/index.php abrufbar unter dem Namen „Kicki“ und erfolgte unter dem Titel „Agoraphobie – was dahinter steckt“. Für die Präsentation in diesem Artikel wurde die ausdrückliche Genehmigung der betreffenden Online-Teilnehmerin eingeholt.

 

Berichtet wird der Stand der Beratung bis Anfang Juni 2001, sodass sich alle Zeitangaben darauf beziehen. Zu diesem Zeitpunkt war die Online-Beratung, die am 20. April 2001 begonnen hatte, noch in vollem Gang.

 

Kicki ist 37 Jahre alt, verheiratet, mit einem Mann, den sie seit 10 Jahren kennt, lebt in einer deutschen Kleinstadt, hat Soziologie studiert, ist kinderlos und ohne Anstellung (in Zusammenhang mit einer geplanten, bislang jedoch aufgrund bestimmter Probleme noch nicht riskierten Schwangerschaft).

 

 

Erste Übergangs-Krisen

 

Kicki leidet seit 10 Jahren unter Agoraphobie mit Panikattacken. Die Störung wurde ausgelöst durch eine heftige Panikattacke in einem Kaufhaus. Sie wollte sich zu dieser Zeit gerade von ihrem damaligen Freund trennen, zog aber anstelle dessen ihm zuliebe mit ihm zusammen. Dies ist das erste Beispiel für eine Übergangs-Krise im Rahmen des Lebenszyklus. Durch eine Verhaltenstherapie konnte eine wesentliche Besserung erreicht werden, zwischendurch war sie sogar fast angstfrei. Nach acht Jahren kam die Agoraphobie jedoch wieder schleichend zurück, was in Zusammengang zu sehen ist mit bestimmten, weiter unten berichteten Lebensereignissen.

 

Die nächste Übergangs-Krise erfolgte nach dem Studium auf dem ersten Arbeitsplatz, wo sie sich der Verantwortung nicht gewachsen fühlte, was noch durch den Umstand verschärft wurde, dass sie anfänglich einen Konflikt mit einer Kollegin hatte. Sie nahm zu dieser Zeit an einer analytischen Gruppentherapie teil, weil sie die Ursachen der Panikattacken ergründen wollte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte sie die Arbeitsstelle (es handelte sich um einen Jahresvertrag) doch erfolgreich durchstehen.

 

Ein paar Monate später starb ihre Mutter an den Folgen einer längeren schweren Krankheit. Trotz Angst vor einem Rückfall in die Angststörung kam Kicki mit der Situation relativ gut zurecht.

 

Genau ein Jahr später, d.h. vor sechs Monaten, kam es zu einem erneuten Rückfall. Kicki hatte eine neue Stelle angetreten in einem Unternehmen, wo sie sich anfangs sehr wohl fühlte, doch nach einer Woche traten neuerliche Ängste auf, die in einer nächtlichen Panikattacke gipfelten. In dieser Nacht dachte sie, dass sie nie wieder arbeiten gehen könnte. Sie hatte keine Motivation mehr, alles wieder von vorne zu beginnen, noch dazu, wo ihr die Stelle nicht mehr gefiel und sie gar nicht wusste, wofür sie kämpfen sollte.

 

Zur gleichen Zeit verunglückte ihre Lieblingstante, die Schwester ihres Vaters, bei einem Autounfall, an dessen Folgen sie 2 Wochen später starb. Kicki hatte nicht einmal die Kraft, an der Beerdigung ihrer Tante teilzunehmen. Sie zog sich in ihre Wohnung zurück und ließ sich das Antidepressivum Amitryptilin verschreiben. Wegen des starken Nebenwirkungen (hoher Puls) erhielt sie schließlich Betablocker, wodurch sie jedoch sehr müde und unkonzentriert wurde und das Gefühl bekam, in ein tiefes Loch zu fallen.

 

Zwei Monate später wurde sie gekündigt. Sie war aufgrund verschiedener familiärer Belastungen (neben den Todesfällen) nicht in der Lage, sich voll auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Das Leben hatte sich fundamental verändert: durch zwei Todesfälle war die Herkunftsfamilie zerbrochen, zudem war auch die Existenzgrundlage in Form der Arbeit verloren gegangen. Nichts war mehr wie früher.

 

Kicki stellte sich ihr eigenes Angstbewältigungsprogramm zusammen, um wieder auf die Beine zu kommen. Doch die früher so erfolgreiche Konfrontationstherapie, die sie sich selbst auferlegt hatte, funktionierte nicht mehr, vermutlich aus Angst und Resignation, dass alle Bemühungen ohnehin nichts mehr nutzen würden.

 

 

Sinnkrise als Hintergrund der Ängste

 

Nach vier Monaten trat eine Sinn- und Lebenskrise auf. Sie entschloss sich daher zu einer Psychopharmakotherapie mit einem anderen Antidepressivum, nämlich dem Serontonin-Wiederaufnahmehemmer Fluvoxamin. Dies führte zu noch ärgeren Nebenwirkungen wie dem Gefühl, innerlich zu verbrennen, einem Bluthochdruck von 170/105, motorischer Unruhe und einem Geschmack von Chemie im Mund. Der Hausarzt glaubte ihr diese Beschwerden jedoch nicht und meinte, sie sei überempfindlich und habe nur hochkommende seelische Probleme. Der spätere Ratschlag, in eine Klinik zu gehen, bestärkte sie in ihrer Angst, sie könnte jetzt wirklich nervenkrank sein, vielleicht „durchdrehen“ und sich etwas antun. Kicki setzte mit Unterstützung durch gute Freunde das Medikament ohne Rücksprache mit dem Arzt ab und erhielt vier Tage später von einer anderen Ärztin die Bestätigung, dass sie die typischen Nebenwirkungen des eingenommenen Medikaments erlebt hatte.

 

Wegen der anhaltenden Probleme rieten ihr gute Freunde, neben der analytischen Gruppentherapie eine kognitive Verhaltenstherapie zu beginnen, weil die in Eigenregie durchgeführte Konfrontationstherapie keine Wirkung zeigte. Dies hing einfach damit zusammen, dass mittlerweile als Folge der berichteten Ereignisse eine längere depressive Reaktion eingetreten war.

 

Die Sinn- und Lebenskrise hing nach eigener Erkenntnis vor allem auch damit zusammen, dass der frühere Kinderwunsch als Folge der berichteten Lebensumstände in Frage gestellt schien. Unfähig für eine Arbeit zu sein, hieß gleichzeitig auch, unfähig für eine Mutterschaft zu sein. Diese Sichtweise stand im Gegensatz zu dem, was sie von ihrem Gatten von Beginn der Beziehung an wusste, nämlich dass er einmal vier Kinder haben wollte. Und sie könne ihm vielleicht wegen ihrer vermeintlichen Unfähigkeit zu allem nicht einmal ein einziges Kind schenken! Sie fürchtete, dies könnte das Fundament der ehelichen Beziehung erschüttern, obwohl sich ihr Gatte tatsächlich sehr verständnisvoll zeigte und keinerlei Druck auf sie ausübte.

 

Keine Arbeit, keine Aussicht auf ein Kind - keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Kicki erkannte bereits von Anfang der Online-Beratung an, dass ein Angstbewältigungstraining keine Wirkung zeigen konnte, wenn sie keinerlei Hoffnung hatte, danach einer anspruchsvollen beruflichen Tätigkeit oder einer Mutterschaft gewachsen zu sein. Gleichzeitig beneidete sie ihre Freundinnen, die alle schon das verwirklicht hatten, wovon sie bislang vergeblich geträumt hatte: erfolgreiche und befriedigende berufliche Tätigkeit einerseits und Mutterschaft andererseits.

 

Mit diesen Informationen konfrontiert, stellte ich am 21. April 2001 meine erste Antwort ins Internet. Obwohl ich selbst Verhaltenstherapeut bin, riet ich Kicki zur Fortsetzung der analytischen Gruppentherapie. Wenn es nur um eine erfolgreiche Konfrontationstherapie gehen würde, hätte diese schon längst wirken müssen, weil ihr ja alle Prinzipien von ihrer früheren Verhaltenstherapie her bekannt seien. 

 

 

Online-Beratung zur Erfassung der Hintergründe sowie zur Bewältigung der Agoraphobie

 

Ich bot Kicki unter Wahrung ihrer Anonymität eine verhaltenstherapeutisch orientierte Online-Beratung neben ihrer Gruppenpsychoanalyse an, vereinbarter Titel: „Agoraphobie – was dahinter steht“. Gleichzeitig teilte ich Kicki bereits in meiner ersten Antwort mit, dass ich diesen Artikel schreibe, nannte den Titel dieses Artikels und dieses Buches, hatte aber noch keine Ahnung davon, dass ihr Lebensschicksal im Mittelpunkt dieses Artikels stehen könnte, obwohl ich ihr bereits nach ihrem ersten ausführlichen Bericht erklärt hatte, dass ich ihr Problem im Sinne dieses Artikels verstehe.

 

Am 22.April schrieb Kicki über die Hintergrunde ihrer Agoraphobie Folgendes:

 

„Ich denke, diesmal kommen vielleicht die wahren Gründe für meine Agoraphobie zum Tragen: Meine Angst vor Gefühlen oder Gefühlsausbrüchen, die andere stören oder schädigen könnten bzw. die mich schädigen könnten; Angst vor Gedanken oder Erkenntnissen, die ich nicht wagen möchte weiterzudenken. Angst vor Entscheidungen, die mein Leben entscheidend ändern könnten. Angst vor einem neuen Lebensabschnitt, der mir zur Zeit nicht passt, weil ich die Ereignisse der letzten beiden Jahren noch nicht verarbeitet habe.“

 

„An dem Sinn des Lebens zu zweifeln, hat mich total verwirrt, und ich bekam Angst, nun ganz durchzudrehen und den Verstand zu verlieren. Dies hatte sich ja durch die Einnahme der Medikamente, was ich im ersten Bericht geschrieben hatte, noch verstärkt.

Die Angst durchzudrehen trage ich immer noch ein Stück in mir drin, auch wenn ich zum Glück langsam begreife, dass es zur Zeit meine Aufgabe ist, speziell meinem Leben wieder einen Sinn zu geben und dass dafür Veränderungen anstehen. Insofern weiß ich - glaube ich - wenn ich morgen früh aufstehen würde und keine Agoraphobie mehr hätte, ich mich mit anderen Dingen im Leben beschäftigen müsste, als mit den täglichen Übungen, die Angst vor der Angst zu verlieren.“

 

Die letzten Sätze sind die Antwort auf meine Frage „Was wäre, wenn Sie morgen in der Früh aufwachen und keine Agoraphobie mehr hätten?“

 

Am 22. April stellte ich als Verhaltenstherapeut Kicki meine Sichtweise ihrer Problematik dar:

 

„Sie haben ein Problem, das man nach Sigmund Freund mit den Begriffen "Konflikt" oder "Ambivalenz" umschreiben kann. Hier könnte die Verhaltenstherapie bei Angst- und Panikstörungen endlich einmal etwas von der Psychoanalyse lernen und tiefer gehen, als nur die Symptome zu beseitigen.

Aber Sie können mir glauben: von vielen Verhaltenstherapeuten wird dies auch so gesehen, wie ich dies darstelle. Denn mit einer anderen Begrifflichkeit ist das Konfliktmodell auch längst in der Verhaltenstherapie salonfähig geworden, jedenfalls in der kognitiven Verhaltenstherapie, und diese sollte Bestandteil jeder guten Verhaltenstherapie sein.

Durchaus in verhaltenstherapeutischer Terminologie formuliert (z.B. Plananalyse mit Über- und Unterplänen), haben Sie einen klassischen Zielkonflikt, wo es Ihnen bislang noch nicht gelungen ist, verschiedene Bestrebungen in eine solche Über- und Unterordnung zu bringen, sodass Sie wissen, was Sie als nächstes tun sollten. Und der plötzliche Rückfall in die Agoraphobie schafft eine Pattsituation, den Sie mit derselben Konfrontationstherapie wie früher nicht bewältigen können.“

 

 

Die Grenzen der Konfrontationstherapie als Angstbewältigungsstrategie bei Übergangs-Problemen

 

Ich teilte Kicki mit, was ich unter „Konfrontationstherapie“ verstehe, wie dies jedermann auf meiner Homepage unter www.panikattacken.at in ähnlicher Weise lesen kann:

 

„Die Konfrontationstherapie ist eine wichtige Methode zur Behandlung von Angststörungen, vor allem von Phobien, speziell von Agoraphobien mit und ohne Panikattacken. Die Frage ist nur, womit man sich als Angstpatient wirklich konfrontieren muss.

Es geht nicht wirklich um die Konfrontation mit großen, weiten Plätzen, engen Räumen, überfüllten Sälen, einsamen Wäldern, hohen Türmen oder Aufzügen, Menschenmassen, weiten Entfernungen usw.

 

Es geht vielmehr darum, sich zu konfrontieren mit

1.       den eigenen Gefühlen,

2.       den Zuständen von Hilflosigkeit,

3.       den unangenehmen Körpererlebnissen,

4.       den körperlichen und geistigen Kontrollverlustängsten,

5.       dem Ausgeliefertsein gegenüber anderen Menschen,

6.       der Verletzlichkeit durch einen Partner, wenn man sich auf ihn einlässt,

7.       der Angst nicht geliebt und verlassen zu werden, 

8.       der Möglichkeit seinen ganzen Ruf und sein Sozialprestige verlieren zu können,

9.       den Fragen nach dem Sinn des Lebens,

10.   den Möglichkeiten eines zu frühen Todes,

11.   den Unwägbarkeiten des Lebens,

12.   den Unsicherheiten in der Familie und auf dem Arbeitsplatz,

13.   der Möglichkeit einer schweren Erkrankung (z.B. Krebs) oder körperlichen Behinderung,

14.   den Befürchtungen, seine Kinder nicht mehr bis zum Erwachsen-Werden begleiten zu können,

15.   den Befürchtungen, sein geplantes Leben nicht vollenden zu können,

16.   dem Risiko, dass alles schief gehen kann, wenn man mutig ist, etwas zu wagen,

17.   den Gedanken, was passiert, wenn sich nie etwas ändern würde.


Ich ermutige alle meine Patienten, sich den verschiedenen Situationen des Lebens und der sozialen Umwelt zu stellen. Die Konfrontation erfolgt dabei jedoch immer letztlich mit sich selbst. Vertrauen können gegenüber anderen Menschen und gegenüber der Umwelt beruht immer auf dem Umstand, dass man (wieder) auf sich selbst vertrauen kann.

In einer Verhaltenstherapie lernen Menschen mit Panikattacken, sich wieder selbst mehr vertrauen zu können durch bestimmte Übungen und körperbezogene Erfahrungen.“

 

Weiters gab ich Kicki meine Erfahrungen mit Patientinnen mit einer Agoraphobie bekannt:

 

„Meistens geht es bei einer Agoraphobie um die Konfliktdynamik

  1. Abhängigkeit und Unabhängigkeit
  2. Bindung und Freiheit
  3. Nähe und Distanz“

 

Als mögliche Ziele ihrer „Konfrontationstherapie“ nannte ich Kicki bereits am 22. April:

 

„Womit Sie sich jetzt wirklich konfrontieren müssen:

  1. mit Ihrem Kinderwunsch,
  2. mit Ihrer Abneigung, jetzt irgendeinen Job anzutreten, der ihnen nicht gefällt, aber dennoch als Übergangslösung bis zur Schwangerschaft unvermeidlich ist,
  3. mit dem Wunsch nach einem Traumjob, der jedoch, sollte er sich einstellen, dazu führen wird, dass Sie Ihren intensiven Kinderwunsch in den nächsten Jahren abschreiben können.“

 

 

Ambivalenz: Wunsch nach einem Kind bei gleichzeitiger Angst davor

 

Am 22. April berichtete Kicki über die Hintergründe Ihrer Ängste vor einem eigenen Kind trotz eines entsprechenden Wunsches:

 

„Meine Großmutter war krankhaft depressiv und konnte sich nicht um ihre Kinder kümmern. Sie war viele Jahr in einer Psychiatrie untergebracht, so dass meine Mutter bei Ihrer Tante aufwuchs. Ich selbst habe meine Mutter als sehr fürsorglich, aber auch überängstlich erlebt. Dadurch war sie oft sehr nervös und hat mir das Gefühl gegeben, dass Kinder belastend sind. Dieses Schuldgefühl behielt ich bis kurz vor ihrem Tod. Erst in den letzten Monaten zeigte sie sich von einer ganz anderen Seite. Sie konnte sich mir zum ersten mal öffnen, Anregungen oder Trost annehmen und auch Zärtlichkeiten austauschen.

Als die Kinderfrage nun immer näher rückte, befürchtete ich, dass ich die Kette der Ängste und Depressionen weiterführen könnte.

Darüber habe ich mich auch mit meinem Mann unterhalten. Ich machte mir Sorgen, dass er mir später Vorwürfe machen könnte. Er versuchte mich in diesem Punkt zu beruhigen und machte mir klar, dass meine Schwestern auch gesunde Kinder bekommen haben.

Hinzu kommt ein Erlebnis, das ich bei meinem letzten Rückfall hatte. Ich wollte wirklich nicht mehr zur Arbeit gehen. Ich sah den Kampf nicht mehr ein, um eine Stelle, die mir eh nicht gefiel. Ich dachte über mein Leben nach und ob ich immer wieder durch dieses tiefe Tal gehen müsse, wenn ich auf Schwierigkeiten stoße. Dabei wurde ich so deprimiert, dass ich dachte, ich kann Mütter verstehen, die ihre Kinder mit in den Tod nehmen, wenn sie es nicht mehr aushalten. Es war eher der Impuls, dass ich meinem (ja noch nicht mal gezeugten) Kind diese Belastungen ersparen wollte, als der ernsthafte Gedanke daran, dass ich jemals einem Kind was Böses antun könnte.

Diese Gedanken haben mich so sehr erschrocken, dass ich aufsprang und zur Arbeit ging. Ich schwor mir, lieber gehe ich mit Angst und Frust arbeiten, als jemals wieder so einen Gedanken zu haben. Von da an entwickelte sich meine Angst, ich könnte in der Schwangerschaft oder nach der Geburt so belastet sein, dass ich wieder in so ein Loch fallen könnte und wenn ich es nicht mehr aushalten würde, tatsächlich mir und meinem Kind etwas antun.

Ich habe mich mit vielen Müttern darüber unterhalten und mir bestätigen lassen, dass sie alle hin und wieder Gedanken haben, die sie sich gar nicht auszusprechen wagen, aber in Wahrheit ihrem Kind nie ein Haar krümmen könnten. Dann habe ich mir vorgestellt, was ich machen würde, wenn ich wirklich in der Situation wäre und mir war klar, dass ich so laut um Hilfe schreien würde, bis ich sie gefunden habe.“

 

Im gleichen Betrag berichtete Kicki noch von Ihrer Sehnsucht nach dem Kind bei gleichzeitiger Angst vor den möglichen Folgen für ihre Psyche:

 

„Somit haben Sie das Problem sehr gut erkannt, als Sie schrieben „Vielleicht hält Sie doch die Angst vor Panikattacken und unbewältigten Depressionen, die Ihrer Fantasie nach vielleicht durch Schwangerschaft und Geburt noch verstärkt werden könnten, davon ab, in der nächsten Zeit schwanger zu werden.

Dass ich mir wohl insgeheim doch ein Kind wünsche, habe ich auch erfahren, als meine beste Freundin, die mir von ähnlichen Sorgen berichtet, schwanger wurde. Ich spürte einen von mir noch nie erlebten starken Neid, dass mein Mann mich darauf aufmerksam machte, dass ich mich nicht freuen würde.

Zu Ihrer Frage, bis wann ich spätestens mein erstes Kind bekommen möchte, muss ich antworten „vorgestern“. Mein terminliches Ziel habe ich weit überschritten. Verantwortungsbewusst wie ich bin, wollte ich mein erstes Kind bekommen, bevor ich zu den Risikoschwangeren gehöre. Diesen Termin habe ich weit überschritten.“

 

Erleichtert fühlte sich Kicki durch den Ratschlag, in einer depressiven Phase nach zwei unverarbeiteten Todesfällen keine forcierte Konfrontationstherapie durchzuziehen, weil dies gegenwärtig der falsche Zeitpunkt sei:

 

„Ich finde es sehr schön, dass Sie mein Bedürfnis mich überall hinbringen zu lassen, nicht als persönliches Versagen ansehen, nicht gegen die Agoraphobie zu kämpfen, sondern eher als mein Bedürfnis nach Ruhe und Verarbeitung.“

 

Am 24. April informierte ich Kicki über das Wesen von Zwangsgedanken und Zwangsbefürchtungen:

 

„Die Angst, einem (geliebten!) Kind etwas Schreckliches antun zu können, ist übrigens eine häufige Zwangsbefürchtung. Hier nimmt Ihr Perfektionismus geradezu ein zwanghaftes Ausmaß an!

Doch habe ich dafür eine sehr menschliche, einfühlsame Erklärung: nach den Todesfällen sind Sie einfach nur angemessen traurig. Sie haben keine schwere Depression, die mit Selbstmordgedanken einhergeht.

Sie haben vielmehr den typischen Gedanken vieler ängstlicher Mütter: „Was wäre, wenn ich einmal in einem Black-Out-Zustand nicht mehr leben wollte und dann auch gleich mein Kind mit in den Tod nehmen würde?“ Habe ich recht?

Dies ist kein Gedanke an einen erweiterten Suizid, sondern ein klassischer, sicherlich sehr angstmachender (Zwangs-)Gedanke vieler liebevoller Mütter, denen halt manchmal alles zu viel wird, die aber auf jeden Fall leben wollen und das Beste für ihr Kind tun wollen.

Zwänge sind eine Form, mit unkontrollierbaren Ängsten besser zurecht zu kommen, doch bald werden diese selbst zu einem noch größeren Problem.

Zwanghafter Perfektionismus ist auch einer der häufigsten Gründe, warum eine Konfrontationstherapie oft nicht so wirkt, wie man sich dies vorstellt.“

 

Kicki bestätigte in ihrem Antwortschreiben ihren zwanghaften Perfektionismus angesichts neuer Situationen:

 

„Sie könnten recht haben mit Ihrer Aussage, dass ich mittlerweile unter einem zwanghaften Perfektionismus stehe und deshalb die Konfrontationstherapie behindert wird.

Ich versuche alles perfekt zu machen, sogar eine Therapie. Selbst wenn ich irgendwo "aufmucke", ist dies ein gezielter und wohl überlegter Einsatz von mir, denn ich weiß ja mittlerweile, dass man seine Gefühle nicht unterdrücken soll.

Der Zwang, bald wieder gesund zu werden, setzt mich unter einen so enormen Druck, dass ich seit ein paar Tagen starke Nackenschmerzen habe und das Gefühl habe, einen Zementsack auf den Schultern zu tragen.“

 

Am 28. April schrieb Kicki zum Thema Kind oder Beruf nach Ihrer Gesundung:

 

„Wenn ein Wunder geschehen würde und ich morgen früh völlig gesund wach werden würde, wüsste ich immer noch nicht, wofür ich mich entscheiden würde. Denn ich möchte beide Bonbons haben und dies möglichst ohne Aufwand und Belastung.

Ich merke, dass mir zum Muttersein noch die nötige Bereitschaft fehlt, mich - zumindest die erste Zeit - ausschließlich um Kind und Haushalt zu kümmern. Diese würde ich aber mit Sicherheit nicht erlangen, wenn ich jetzt eine Stelle antreten würde. Denn dann hätte ich Sorge, dass ich so viel Spaß daran gewinne, dass ich erst recht nicht dazu bereit wäre, es wieder aufzugeben.“

 

Am 29. April stellte sich Kicki die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen dem Bild ihrer Mutter und dem Bild von ihrer eigenen Mutterschaft:

 

„Was lebe ich nun innerlich aus? Den inneren Auftrag meiner Mutter - Haushalt und Familie als belastend bzw. beschneidend zu empfinden und die Angst meiner Familie später auch dieses Gefühl zu vermitteln? Ich kann sie leider nicht mehr fragen, ob dieses Bild, das ich teilweise von ihr habe, überhaupt der Wahrheit entspricht.

Vielleicht hatte sie ja gar keinen inneren Konflikt damit, dass sie ihren Beruf für die Familie aufgegeben hat. Vielleicht war sie sogar sehr glücklich darüber, dass sie zu Hause bleiben konnte und somit auch viele Freiheiten hatte, sich tagsüber mit Freundinnen zu treffen. Vielleicht war gerade ihr zeitlich perfekt organisierter Haushalt ihre berufliche Erfüllung. Vielleicht litt sie mehr unter der mangelnden Anerkennung von uns - die wir ihr wirklich nicht gaben - als unter der Tatsache, dass sie ihn außerhalb der Familie nicht finden konnte.

Es macht mich traurig, dass ich ihr dafür nicht mehr danken kann. Dass ich heute mehr denn je verstehen kann, dass sie manchmal keine Lust hatte, hinter uns her zu räumen. Dass ich nicht bei ihr sein konnte, als sie starb. Dass ich den Bezug zu meinen Gefühlen zu ihr verloren habe und vor allem, dass ich sie als Mensch verloren habe. Dass ich sehr lange nicht trauern konnte, weil ich nur die Erleichterung gespürt habe, dass die schwere Zeit nun vorbei sein sollte. Dass ich die Wesenszüge, die ich immer bei ihr vermisst habe, erst in ihrer Krankheit erkennen konnte.

Ich habe große Angst davor, sie in mir wiederzuerkennen, dass ich in Schwangerschaft und Geburt noch mehr an sie erinnert werde und erst dann nachvollziehen kann, was in einer Mutter vorgeht. Dass ich mein Bild über sie gerade rücken muss, um die Verantwortung für mein Leben selbst übernehmen zu können.

Dies wäre der Preis, den ich für meine Entscheidung zahlen muss. Weniger die Angst vor mangelnder beruflicher Erfüllung. Wer sagt denn, dass ich sie nicht nach ein paar Jahren wieder finden kann, oder dass ich sie später überhaupt noch will.

Ich müsste erkennen, dass ich undankbar bin. Dass ich mein Leben lang genommen habe und nicht in der Lage war, ihr etwas zurückzugeben. Dass ich das gleiche zur Zeit bei meinem Mann praktiziere, dass ich seine ganze Aufmerksamkeit und Geduld in Anspruch nehme, mich von ihm finanziell „aushalten“ lasse, aber nicht in der Lage bin, seine Sehnsucht nach Familie zu erfüllen.

Aber ist der Preis, den ich im Moment zahle, nicht viel größer? Beschränke und beschneide ich mich nicht viel mehr, indem ich mich gar nicht bewege, indem ich an dem Leben da draußen gar nicht teilnehmen kann, indem ich mich von meinen Symptomen leiten lasse? Dass ich aus Angst vor Gefühlen, auch vor positiven Gefühlen, meinem Körper gar nicht zugestehe, ein Kind in ihm zu tragen? Dass ich aus Angst vor Fehlern und dafür von meinem Kind dazu zur Rechenschaft gezogen zu werden, die Verantwortung ablehne, die ich mir innerlich doch wünsche?

Ich merke gerade, dass ich den Prozess, der bei mir ausgelöst wurde - und das schon vor meiner Arbeitslosigkeit - gar nicht mehr bremsen kann. Ich glaube sogar, dass die Arbeitslosigkeit mir dabei geholfen hat, mich darauf zu konzentrieren. Dass das Annehmen eines neuen Jobs den Prozess überlagert hätte, weil ich mich mit anderen Konflikten beschäftigen müsste. Dass ich theoretisch dem Schicksal dankbar sein müsste, dass ich die Stelle verloren habe - oder habe ich es selbst provoziert?“

 

 

Bevorstehende Mutterschaft als Verdichtung von Ängsten, zwanghaftem Perfektionismus und depressiv machenden Erinnerungen

 

Am 29. April teilte ich Kicki meine Überlegungen zur Thematik Ihrer Wünsche und Ängste bezüglich Mutterschaft mit:

 

„Ich hole jetzt etwas aus, um Ihnen zu zeigen, wie nahe bei Ihnen Angst, Depression und zwanghafter Perfektionismus beisammen liegen, und zwar als Beispiel dafür, dass man deswegen nicht wirklich krank ist, sondern nur psychisch krank werden kann, wenn man die jeweilige Aufgabenstellung, die das Leben gerade in einer Übergangsphase für uns bereit hält, nicht richtig zu bewältigen vermag. Dies ist auch der Kern meines geplanten Artikels. Deswegen habe ich das Gefühl, dass sich bei Ihnen genau all dies widerspiegelt, weshalb ich meinen Artikel umgeplant habe und unseren Dialog einbaue.

Agoraphobie mit Panikattacken schafft eine Pattsituation, um einen aktuellen Konflikt nicht lösen zu müssen, weil es momentan noch keinen Lösungsmechanismus gibt. Angst und Phobie leben von der Flucht vor den gestellten Aufgaben und bestehen in der Vermeidung notwendiger Schritte aus Sorge, man könnte das Falsche tun (z.B. sich scheiden lassen, längerer Krankenstand statt Kündigung ohne berufliche Alternative in einer schwierigen Berufssituation, als Mutter eine Arbeit annehmen).

Angststörungen bedeuten, dass man letztlich Angst hat vor sich selbst, vor der eigenen Darstellung, vor der risikoreichen Selbstverwirklichung, vor der Zukunft im allgemeinen - und nicht primär Angst vor agoraphobischen und sozialphobischen Situationen.

Depression bedeutet, dass man in der Vergangenheit oft etwas verloren hat, das man aber noch nicht wirklich hergegeben hat (z.B. Partner durch Scheidung, Mutter durch Tod, Arbeit durch Kündigung). Häufig geht dies einher mit Schuldgefühlen bezüglich der Vergangenheit. Deshalb ist die Trauerarbeit oft so schwer abzuschließen, weil man sich selbst beschuldigt, an den Ereignissen irgendwie mit Schuld zu sein. Es besteht das Gefühl, etwas falsch gemacht oder unterlassen zu haben, dessen Folgen man nun tragen muss. Depressive machen sich oft Schuldgefühle bezüglich der Vergangenheit (z.B. „Hätte ich mich doch mehr um meine Mutter gekümmert und ihr meine Liebe und Dankbarkeit gezeigt, als sie noch lebte“, „Hätte ich meinem früheren Partner doch mehr Zuneigung gegeben, dann hätte er mich vielleicht nicht verlassen“, „Wäre ich doch nicht berufstätig gewesen, dann wäre mein Kind nicht so ein schlechter Schüler geworden“).

Zwang (oder zwanghafter Perfektionismus in milderer Form) bedeutet, höchste Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Was auch immer passieren wird, man wird daran Schuld sein, wenn man seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Man kann es sich nicht so leicht machen wie Angstpatienten, die einfach in (agora-)phobischer Weise vor allem und jedem davonlaufen. Anders formuliert, kann man einen Zwang auch als Versuch sehen, jenes Problem zu vermeiden, das der Depressive mit der Vergangenheit hat. Ein Zwang ist daher das intensive Bemühen, alles 100% richtig zu machen, damit man hinterher nicht depressiv werden muss, sich nicht vorwerfen muss, in der Vergangenheit einen Fehler gemacht zu haben. Weil Leute mit einem Zwang so perfekt sein wollen und jeden Fehler vermeiden wollen, ziehen sie immer mehr ihre soziale Umwelt in den Prozess mit ein, die ihnen helfen soll, die nötigen Entscheidungen zu treffen und damit auch die Alleinverantwortung abnehmen. Sie schreiben z.B. „Dass ich aus Angst vor Fehlern und dafür von meinem Kind dazu zur Rechenschaft gezogen zu werden, die Verantwortung ablehne, die ich mir innerlich doch wünsche.“

Wenn das kein zwanghafter Perfektionismus ist!

Sie waren in einer Angstsituation, gekennzeichnet durch eine Agoraphobie. Nirgendwo hingehen können heißt, vorerst einmal bei dem zu bleiben, was momentan ist. Sie haben nichts verändert und damit auch nichts falsch gemacht, wenngleich Sie dieses Patt auf Dauer nicht vor Problemen schützen kann, weil es selbst zu neuen Problemen führt.

Sie haben sich im Gedenken an Ihre Mutter im Laufe der letzten Zeit jenen Gefühlen gestellt, die Ihre „Depression“ ausmachen: jene Vorwürfe, sie nicht zu ihren Lebzeiten ausreichend geschätzt zu haben, undankbar gewesen zu sein, was sie für Sie getan hat. Sie schreiben in Ihrem letzten Beitrag ganz deutlich davon, z.B. „Es macht mich traurig, dass ich ihr dafür nicht mehr danken kann“.

Sie stehen vor der Möglichkeit Ihrer eigenen Mutterschaft und versuchen zwanghaft nach dem bestmöglichen Weg, wie Sie eine gute Mutter sein können, wenigstens so gut wie Ihre Mutter – doch wie soll dies gehen, wo Sie (im Gegensatz zu Ihrer Mutter) vorhaben, im Falle einer Mutterschaft vielleicht auch wieder in den Beruf einzusteigen? Perfekt als Mutter und perfekt im Beruf! Als Mutter mindestens so gut wie Ihre Mutter, im Beruf besser, als Sie bisher die Chance dazu hatten.

Stress lass nach! Doch nur so kann es gehen, damit Sie sich später nichts vorwerfen müssen, damit Sie später nicht depressiv werden müssen, wenn Sie erkennen sollten, Sie hätten es nicht einmal so gut gemacht wie Ihre Mutter.

Depression bezüglich der Vergangenheit, Angst bezüglich der Zukunft, Zwang/Perfektionismus als Versicherung, weder Angst haben zu müssen, weil alles passt, noch depressiv werden zu müssen, weil man einen schweren Fehler begangen hat.

Und all dies sind ganz normale Gefühle und Gedanken! Nur wer auf Dauer nicht damit zurecht kommt, marschiert durch das halbe ICD-10, fällt von einer Diagnose in die andere, geht von einem Arzt zum anderen, versucht diese und jene Psychotherapie, probiert diese und jene Medikamente, bleibt verbunden mit der Drehtürpsychiatrie.

Was ist der innere Auftrag Ihrer Mutter an Sie? Jede Mutter wünscht ihrem Kind wohl, dass es glücklich sei. Was dies nun bedeutet, müssen Sie ganz allein bestimmen. Sie müssen es Ihrer Mutter nicht mehr recht machen. Denn dies macht es aus, dass Sie erwachsen geworden sind. Nicht dass Sie vermuten, was sie von Ihnen wollte, ist Ihre Aufgabe, sondern dass Sie zeigen, Sie möchten aus Ihrem Leben etwas machen, wofür sie die Grundlage gelegt hat.

So wird sich bald das Bild abrunden, warum bei Ihrer „Agoraphobie“ eine Konfrontationstherapie nicht mehr so wirken konnte wie vor Jahren. Sie müssen sich jetzt mit ganz anderen Dingen konfrontieren: können Sie geben, wenn Sie auch ausreichend nehmen dürfen?“

 

Die Antwort von Kicki  am 30. April bestätigte meine Sichtweise:

 

„Wenn Sie mir vor zwei Wochen gesagt hätten, dass bei mir Agoraphobie, Depression und Zwang sehr nah beisammen liegen, wäre ich innerlich zusammengebrochen, aber wohl eher wäre ich Ihnen ins Gesicht gesprungen. Im Moment belastet es mich nicht so sehr, da ich denke, dass es zum Teil auf mich zutrifft und dass „Gott sei Dank“ mein Verstand noch funktioniert, der mir hilft, diese drei Faktoren in ein Gesamtbild einzuordnen.

Ihre letzte Antwort hat mir geholfen, einen Schlüssel zu finden, auf dessen Suche ich war. Ich sage jetzt nicht, dass dieser Schlüssel nun das Tor öffnet zu einem besseren erträglicheren Leben, sondern dass er mir einen Weg zeigt, mehr Verständnis für mich und mein Leben zu haben.

Sie sprachen von meinem Selbstbild als (potenzielle) Mutter auf dem Hintergrund der Erinnerung an meine Mutter.

Eigentlich hatte ich schon vor zwei Jahren geglaubt, damit abgeschlossen zu haben, denn ihre Krankheit war für uns ein wichtiger Prozess. Ich habe ja schon öfter geschrieben, dass ich sie zu der Zeit von einer ganz anderen Seite kennen gelernt hatte. Wir haben viel miteinander telefoniert und sehr intensive Gespräche geführt. Ich war glücklich ihr zuzuhören und hatte auch den Eindruck, dass ich dadurch, dass ich so weit weg war, für sie ein wichtigerer Gesprächspartner war, als die Menschen, die um sie herum lebten. Die waren ja von morgens bis abends mit ihrer Krankheit konfrontiert und mussten ihren eigenen Umgang damit finden. In diesen Gesprächen konnte ich ihr auch danken für das, was sie für uns getan hat und sogar verzeihen, als sie von gemachten Fehlern sprach.

Durch die weite Entfernung hatte ich aber auch ständig ein schlechtes Gewissen, dass ich ihr nicht noch auf einem anderen Wege helfen konnte und dass ich ihr in der Nacht, in der sie gestorben ist, nicht zur Seite stehen konnte (auch wenn ich froh war, dass ich nicht dabei war - Selbstschutz).

Nach ihrem Tod war ich vergeblich auf der Suche nach der üblichen Trauer. Ich empfand nur Erleichterung, dass sie jetzt alles hinter sich hatte. Ich hatte noch nie so ein warmes und friedvolles Gefühl ihr gegenüber, als an dem Tag, an dem ich in der Leichenhalle vor ihrem Sarg saß.“

 

 

Erste vorläufige Bestätigung der Hypothesen

 

Am 8. Mai versuchte ich eine Zusammenfassung der Korrespondenz über den Wunsch nach einem Kind bei gleichzeitiger Angst davor:

 

„Merken Sie, wie Sie jede zukünftige Angst (bezüglich eines Kindes, ob Sie dann alles richtig machen werden usw.) durch einen zwanghaften Perfektionismus zu bewältigen versuchen? Ein zwanghafter Perfektionismus ist eine Form, keine Angst haben zu müssen, tatsächlich einmal einen Fehler zu machen.

Wann wissen Sie, dass alles perfekt ist?

Wann wissen Sie, dass es jetzt endlich so weit ist, ein Kind zu bekommen oder darauf zu verzichten, weil Sie lieber arbeiten gehen, um sich selbst zu verwirklichen?

 

Vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, verpasst man die Chancen des Lebens und verharrt in Resignation. Lieber nichts machen als etwas falsch machen!

Sie haben im letzten Beitrag auch sehr klar herausgearbeitet, dass Sie nichts mehr fürchten als eine neue Form der Abhängigkeit, und zwar diesmal durch den Umstand, dass Sie ein Kind haben.

 

Die Ursachen Ihres Problems liegen also in der Zukunft:

  1. dort, wo Sie die Vorstellung haben, dass Sie ängstlich und verwundbar sein werden durch mögliche Probleme rund um Ihr Kind,
  2. dort, wo Sie glauben, als Mutter Ihrem Kind einen Schaden zufügen zu können („damit ich ihm nicht weh tu“),
  3. dort, wo Sie Angst bekommen, dass Ihrem Liebsten, Ihrem Kind, etwas passieren könnte und Sie es nicht ausreichend vor allen Gefahren des Lebens beschützen könnten („vielleicht erstickt“),
  4. dort, wo Sie die Freiheit des jetzigen Lebens zu verlieren glauben („eingeengt“),
  5. dort, wo Sie meinen, durch den Stress der Kindererziehung „völlig gereizt und überfordert“ zu sein,
  6. dort, wo Sie vielleicht meinen, in eine Abhängigkeit von Ihrem Gatten zu geraten, wenn Sie - zumindest vorübergehend - zu Hause bleiben,
  7. dort, wo Sie als ehrgeizige Frau im Gegensatz zu anderen Akademikerinnen nicht zeigen können, was in Ihnen steckt, sodass Sie die beruflichen Misserfolge der Vergangenheit in der nächsten Zeit nicht kompensieren können,
  8. dort, wo Sie Mutterschaft und berufliche Selbstverwirklichung als unüberbrückbare Alternativen sehen.

 

Sie vermeiden jetzt letztlich nicht einfach nur im Sinne einer Agoraphobie, sondern im Sinne der Befürchtung, sich im Falle einer Entscheidung für das Falsche entschieden zu haben. Also derzeit noch keine Entscheidung, lieber zwanghafte Perfektionsfantasien ohne Entscheidung.

Sie haben Angst, aus Angst dieselben Fehler zu machen wie Ihre Mutter! Nur wenn Sie perfekter wären, hätten Sie das Recht, ein Kind zu gebären und zu erziehen, sonst schaden Sie Ihrem Kind genauso wie Ihre Mutter Ihnen geschadet hat. Sehen Sie schon, worauf es hinausläuft?

Sie möchten als Mutter besser und liebevoller sein als Ihre Mutter, denn nur dann hätten Sie weiterhin ein Recht, über die Fehler Ihrer Mutter Ihnen gegenüber zu schimpfen. Sonst müssten Sie aufgrund der eigenen Erfahrungen mit Ihrer Mutter viel nachsichtiger umgehen.

Wenn ich aufgrund Ihrer Aussagen Ihrer Mutter eine Diagnose geben müsste, was glauben Sie, welche dann angemessen wäre? Ich glaube, die folgende könnte passen: generalisierte Angststörung. Was glauben Sie, welche Diagnose ich Ihnen geben müsste, wenn Sie von Ihren Ängsten um das noch gar nicht geborene Kind schreiben: generalisierte Angststörung! Sicher nicht Panikstörung!

Wie lösen Sie dieses Problem? Anstatt ständiger „unkontrollierbarer Sorgen und Befürchtungen bezüglich des alltäglichen Lebens, vor allem bezüglich der Familienangehörigen“ (was den Kern der generalisierten Angststörung darstellt), gehen Sie bislang den Weg des Vermeidens. Denn nur um das, was man liebt, sorgt man sich gewöhnlich.

Kennen Sie die Geschichte vom „Kleinen Prinzen“? Da sagte sinngemäß der Fuchs zum kleinen Prinzen, um ihn dazu anzuhalten, seine geliebte Rose zu gießen: „Man ist für das verantwortlich, was man liebt.“

Liebe - Verantwortung - Angst, den Erfordernissen nicht zu genügen. Man hat Angst um das, was man liebt. Oder umgekehrt formuliert: man muss plötzlich aufpassen, dass man das Liebste nicht gefährdet (z.B. das Baby nicht fallen zu lassen). Dies ist eines der zentralen Themen bei Zwangsstörungen.

Sie möchten diesem Dilemma auskommen durch einen zwanghaften Perfektionismus. Ihre Mutter, schrieben Sie, hatte einen „Kontrollzwang“ Ihnen gegenüber. Sie musste alles kontrollieren, um durch Wissen über Sie etwas mehr Ruhe und Sicherheit zu bekommen. Würden Sie aus Angst um Ihr Kind ebenfalls eine Mutter sein nach dem Motto: „Vertrauen ist gut, Kontrolle noch besser“? Natürlich alles viel besser begründet durch akademische Überlegungen, aber letztlich genauso emotional bestimmt wie bei Ihrer Mutter.

Sie haben einen gewissen „Kontrollzwang“ („Wann bin ich perfekt genug, dass ich alles richtig mache?“) schon vor der Geburt Ihres Kindes.

Sie sind Ihrer Mutter ähnlicher (zumindest bezüglich der Ängste und Sorgen um ein Kind), als Sie bisher reflektiert haben. Diese Sichtweise kann Sie mit Ihrer Mutter vielleicht mehr versöhnen, als Sie bisher für möglich gehalten hätten.

Es ist Ihr Leben, wenn Sie sich derzeit nicht bewusst für ein Kind entscheiden können. Ich würde nur - um es nochmals klar zu sagen - das Problem umdefinieren:

Sie haben Angst vor der sehr verletzlich machenden Angst um Ihr Kind und versuchen dies im Sinne eines typischen zwanghaften Perfektionismus zu vermeiden in der Form, dass Sie derzeit noch keine Entscheidung treffen.

Wie viel Zeit haben Sie? Wie viel Zeit geben Sie sich? Davon hängt doch alles ab.

Von Gorbatschow stammt der schöne Spruch: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.

Frei nach Watzlawick: Man kann niemals nie entscheiden. Man hat auf jeden Fall entschieden, wenn man nicht entscheidet. Zumindest so lange man nicht entscheidet, hat man sich bewusst für den Status quo entschieden. Sie sollten dies dann halt nur ohne ständige Vorwürfe sich selbst gegenüber besser aushalten können.“

 

Kicki bestätigte diese Interpretationen in Ihrem Antwortschreiben vom 9. Mai:

 

„Ja, Sie haben recht, ich wünsche mir einerseits, Mutter zu werden, auf der anderen Seite habe ich so viel Angst davor, dass ich es perfekt gestalten wollte, um keinen Fehler zu machen und vor allem, um die Angst zu überlisten.

Ich habe all meine Freundinnen vorausschreiten lassen, um mir aus der Ferne anzusehen, wie es geht und anstatt die Angst zu lindern, wurde sie nur noch größer.

Auch meine Mutter hat viel ertragen und getragen. Sie war eine sehr starke Frau und vor allen Dingen sehr tapfer.

Selbst in diesem Punkt haben Sie recht. Ich bin ihr im Moment näher denn je, ich war es anscheinend immer schon. Deshalb konnte ich es auch nie ertragen, wenn jemand sie angriff oder sich über sie lustig machte. Das durfte nur ich.

Sie sind sehr einfühlsam und respektvoll mit dem, was ich über meine Mutter schrieb, umgegangen, genauso, wie Sie auch mit mir umgegangen sind. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum wir überhaupt eine Chance hatten, an einen Punkt wie diesen zu kommen. Sie haben nicht geurteilt und verurteilt, sondern erklärt und mir geholfen zu klären.

Den Beitrag über generalisierte Angststörung habe ich durchgelesen (Ich hatte Kicki die Lektüre folgender Seite meiner Homepage empfohlen:

www.panikattacken.at/generalisierte_angststoerung/gen_angst.htm).

Den unterschreibe ich – zum größten Teil – mit links. Selbst die körperlichen Symptome stimmen.

Die Angst um meine Familie habe ich übernommen, ich könnte hier viele Beispiele aufzeigen, müsste aber dann auf deren Lebensgeschichte eingehen, was ich vermeiden möchte.

Ich habe die besten Voraussetzungen, die es gibt, um Mutter zu werden. Ich lebe in einer gesicherten Beziehung mit einem Mann, mit dem ich alle Höhen und Tiefen erlebt habe, die das Schicksal auf seiner Speisekarte hat.

Wir haben uns immer gegenseitig unterstützt und vor allen Dingen, ertragen und getragen.

Wir sind finanziell - so gut es geht - abgesichert und brauchen uns keine Sorgen darum zu machen. Ich habe schon bewiesen, dass ich Verantwortung übernehmen kann, ohne dabei perfekt zu sein.

Ich habe meinem Mann gestern meine letzten beiden Beiträge vorgelesen und Ihre Antwort dazu. Ich dachte, jetzt ist er bestimmt ganz geschockt und will mit mir überhaupt keine Kinder mehr. Doch er nahm mich nur in den Arm und sagte, dass er daran glaubt, dass ich eine gute Mutter sein könnte.

Mit Sicherheit ist Ihnen aufgefallen, dass ich im Moment wenig über meine beruflichen Bedürfnisse spreche. Ich habe viel gearbeitet in meinem bisherigen Leben, eigentlich immer. Ich habe alle möglichen Jobs gemacht und sie meistens auch gut gemacht. Im Grunde habe ich schon viel berufliche Erfüllung erlebt. Mein Studium habe ich für mich gemacht, für mich ganz alleine, weil ich meinen Horizont erweitern wollte. Die Lorbeeren habe ich im Grunde genommen schon eingesteckt, aber nicht geschätzt, weil ich immer weitere Ziele hatte.

Ich habe immer noch Ziele, auch in beruflicher Hinsicht. Aber ich sehe mich nicht mehr ganztags in einem Unternehmen, sondern eher freiberuflich von zuhause arbeitend in Kombination mit meinem Hauptjob.

Das war immer mein Traum und die Wege dazu sind sogar schon geebnet. Ich habe Aufträge von außen, von Menschen, die mich kennen und meine Arbeit schätzen. Ich hatte in der letzen Zeit nur sehr wenig Muße, diese Jobs zu erfüllen bzw. ich konnte mich nicht darauf konzentrieren.

Das Glück liegt im Grunde genommen schon vor mir, ich muss es nur ergreifen und dabei einen für mich schweren Weg beschreiten. Aber ich will!

Ich habe unsere ganze Korrespondenz ausgedruckt und in eine schöne Mappe getan. Die bewahre ich wie einen Schatz. Vielleicht werde ich diesen Schatz irgendwann mal meinen Kindern vererben.

Ihr letzter Beitrag, hat mir die Stimme geraubt. Ich hatte Schwierigkeiten, ihn meinem Mann vorzulesen. Er hat mir die Kehle zugeschnürt, weil ich spürte, dass wir schon auf dem Weg sind. Da war sie, die Erkenntnis und die ANGST. Aber ich habe es überlebt und konnte auch gut schlafen. Ich wusste, morgen ist ein neuer Tag und dann werde ich den nächsten Schritt gehen.

Ich habe meine geschäftlichen Termine abgesagt, weil ich spürte, dass ich lieber mit mir Frieden schließen wollte. Es war kein Problem. Ich brauchte mich nicht zu erklären. Wenn ich weiß, wie es mit mir weitergeht, werde ich die Aufträge zu Ende führen.

Ich musste gestern lachen, als sie schrieben, dass Sie mich nicht in einem wilden Aktionismus durch eine Konfrontationstherapie schicken werden – damit wir nicht wieder den Zustand der Stagnation überwischen.

Was glauben Sie wohl, was ich gestern getan habe, nachdem ich den letzten Beitrag abgeschickt habe?

Erst wollte ich mich ausruhen und entspannen, was mir nicht gelang. In meinem Kopf drehte sich alles und ich wollte nicht mehr denken. Dann beschloss ich, mich auf´s Fahrrad zu setzen und ein paar Runden zu drehen, damit ich den Bezug zur Außenwelt nicht verliere. Bei meiner ersten Runde merkte ich schon, dass ich nicht mehr im Kreis fahren wollte. Es machte mich krank, dass ich weiterhin diese Runden immer schön um unseren Wohnblock drehen sollte, um die Sicherheit des Zuhauses nicht zu verlieren. Ich spürte, dass es mich weiter weg zog und dann habe ich mich umgedreht und bin in eine andere Richtung gefahren. Nicht allzu weit, aber es war schon mal eine andere Richtung. Diesen Sog, in eine andere Richtung zu gehen bzw. zu fahren, hatte ich in der letzten Zeit öfter gespürt. Wenn ich so in Gedanken lief, merkte ich, dass ich vom Verstand her immer im Kopf hatte, mich nicht zu weit weg zu bewegen von zu Hause, dass ich vom Gefühl her aber gerne gegangen wäre.

Als ich gestern zurück fuhr, kam die Beklemmung wieder in mir hoch. Ich wollte schon gar nicht mehr so richtig in das alte Zuhause, weil ich es als Gefängnis empfinde. Aber es ist kein Gefängnis, das Gefängnis ist in mir.“

 

 

Erste Anzeichen für eine Konfliktlösung

 

Am 10. Mai berichtete Kicki von neuen Erkenntnissen und Erfahrungen:

 

„Die Spannung lässt langsam nach, mein Kopf wird langsam klarer und ich mache neue (erschreckende) Erkenntnisse für mich.

Ja, es stimmt. Ich habe mich meinem Mann gegenüber verpflichtet gefühlt und tu es immer noch. Ich habe mich so weit gequält, dass ich das Gefängnis gewählt habe, um eine Entscheidung zu erzwingen, die ich in Freiheit nicht getroffen hätte.

Ja, es stimmt. Ich gehöre zu den Frauen, die als Priorität die Erfüllung im Beruf sehen. Ich habe viele Jahre gearbeitet und gerne gearbeitet. Meistens war ich mit Leib und Seele dabei. Ich habe mich an einer Grenze gespürt und diese Grenze überschritten, indem ich trotz meines früheren Berufes noch studiert habe. Ich habe das erste mal erfahren, dass ich mich ohne Scheu in Akademikerkreisen bewegen kann, meine Meinung vertreten kann, auch wenn mein Gegenüber eine Autoritätsperson ist, dass ich gute Leistungen bringen kann, so lange die Arbeit mit Spaß verbunden ist, und diesen Anspruch habe ich, auch wenn alle Welt mir vermitteln will, dass Arbeit hauptsächlich zum Geldverdienen gedacht ist. (Das Privileg habe ich nun mal als Frau, wenn ich nicht als Haupternährer verantwortlich bin).

Mit dem Versprechen gegenüber meinem Mann bezüglich Kinder habe ich mir einen Strick um den Hals gelegt, der immer enger wurde. Er hat mich in meinem Studium verfolgt und in der Auswahl meiner beiden letzen Stellen.

So lange mein Mann noch selbst im Studium war und ich mich relativ frei fühlte, das Versprechen noch nicht einlösen zu müssen, konnte ich zeitweise auch dieses Gefühl nachempfinden. In der Zeit konnte ich träumen und mir eine Zukunft ausmalen, die durch jegliche ‚Behinderungen’ wie – nicht Autozufahren, Schwierigkeiten mit dem Busfahren, Angst vor der Mutterschaft, Angst vor den Verantwortungen im Beruf, Depression und Trauer verschwommener wurde.

Ich habe den Schmerz noch nicht verwunden, dass ich in meinem Beruf noch keinen Fuß fassen konnte, dass ich keine Stelle gefunden habe, zu der ich möglicherweise nach dem Erziehungsurlaub wieder  zurück kann.

Jetzt sitze ich hier mit vielen Fragezeichen im Kopf und frage mich, was ich damit anfange. Aber ich bin auf eine seltsame Art und Weise ruhig.

Ich bin nicht perfekt, ich wollte es nur perfekt gestalten, was mir nicht gelang.

Ja es stimmt auch, dass ich Angst habe Fehler zu machen. Mein daraus resultierender zwanghafter Perfektionismus, den ich im realen Leben gar nicht so sehr brauche, war hauptsächlich auf die Zukunft gemünzt, weil ich wusste, dass ich eine Doppelbelastung eingehen würde, wenn ich meinen Träumen folge.“

 

 

Übereinstimmende Zusammenfassungen bezüglich der Funktion der Agoraphobie

 

Am 10. Mai wies ich Kicki deutlich auf die Funktion ihrer Agoraphobie hin:

 

„’Agoraphobie - Was dahinter steckt’ lautet der Titel unserer Online-Beratung. Und was steht dahinter? Das Geheimnis lüftet sich immer mehr:

Sie mussten sich in den letzten Monaten buchstäblich über die Agoraphobie zu Hause „anbinden“, denn sonst würden Sie Ihrem Mann neuerlich in den Beruf weglaufen und ihn vielleicht kinderlos zurück lassen, und dies obwohl Sie ja selbst mindestens ein Kind wollten. Nun, da alles klar und offen vor Ihnen liegt, geht es um Ihre freie Entscheidung, ob und wann Sie Ihrem Mann ein Kind schenken wollen. Das Ziel einer Psychotherapie ist die Entwicklung von mehr Freiheit und Autonomie.

Sie sollen sich bewusst für ein Kind entscheiden und nicht, weil Sie wegen Ihrer Agoraphobie jetzt ohnehin nicht weit kommen. Bei der Mehrzahl der Frauen mit einer Agoraphobie läuft es umgekehrt, wie ich Ihnen bereits geschrieben habe: zuerst heiraten, Kinder kriegen und dann eine Agoraphobie entwickeln - als Schutz davor, Mann und Kindern davon zu laufen in den Beruf bzw. aus Angst, an der vermeintlichen Überforderung von Mutterschaft und Berufstätigkeit zu scheitern.

Ich frage meine Patientinnen oft, was sie tun würden, wenn ihre Agoraphobie weg wäre. Häufige Antworten: berufstätig werden, Führerschein machen, aufgrund von eigenem Einkommen die Partnerbeziehung verändern im Sinne von weniger Abhängigkeitsgefühlen - manchmal bis hin zu Trennungsüberlegungen, wenn die Beziehung weiterhin nicht so gut laufen sollte.

Sie waren aufgrund Ihrer Ängste, Ihres zwanghaften Perfektionismus und natürlich auch der realen Abhängigkeitsängste als Folge eines Kindes in der Lage, Ihrem Gatten bis zu Ihrem 37. Lebensjahr ein Kind vorzuenthalten!

Aber jetzt, wo er alle ernähren kann, weil er die Ausbildung ganz abgeschlossen hat, ist Ihr Traum zu Ende, dass Sie das Kinder-Kriegen noch länger hinausschieben können. Jetzt ist es so weit. Wundern Sie sich daher nicht, wenn Sie die Empfängnisverhütung absetzen, in drei Monaten schwanger werden und anstatt Freude erst einmal eine Panikattacke bekommen.

Es wäre ganz normal, wenn Sie auch die Ankunft Ihres Kindes in Ihrem Bauch mit genauso gemischten Gefühlen erleben würden (Freude, Angst und Panik „Jetzt hat es eingeschlagen, jetzt ist es passiert, jetzt komme ich nicht mehr aus“) wie den Tod Ihrer Mutter (Erlösung und Traurigkeit). So ist das Leben!

Sie haben einfach nur ein Herz: es schlägt in bestimmten Situationen einfacher schneller, egal welches Gefühl/Erlebnis Sie gerade haben: Wut, Ärger, Angst, Panik, sexuelle Lust. Nur wenn wir unseren Herzschlag als gefährlich interpretieren, bekommen wir Panik und verlassen ungern die Wohnung. Sonst freuen wir uns darüber, dass wir auf diese Weise z.B. auch Liebesgefühle erleben.

Dies wünsche ich Ihnen für die nächste Zeit - mit allen damit verbunden Folgen!“

 

Am 15. Mai versuchte Kicki aus Ihrer Sicht eine erste Zusammenfassung des bisherigen Verlaufs der Online-Beratung:

 

„Nach einer kleinen Pause, die mir ganz gut getan hat, um das bisherige etwas sacken zu lassen, möchte ich ein kleines Resümee ziehen zu dem, was wir bisher erarbeitet haben, und dem, was für mich dabei herauskommt. Wir haben begonnen mit der von mir selbst ausgesprochenen Diagnose „Agoraphobie“. Die Agoraphobie führte ich auf meine Panikattacken zurück, die ich in schwierigen Lebenssituationen bekomme.

Wir haben sehr schnell erkannt, dass die Agoraphobie u. a. das Problem überlagert, die Entscheidung zu treffen, welchen Weg soll ich nun gehen: Schwangerschaft oder Beruf?

Zunächst haben wir herausgearbeitet, dass ich Angst davor habe, wenn ich mich für einen der beiden Wege entscheide, ich Gefahr laufe, einen meiner „Träume“ zu verlieren, selbst wenn sie auf lange Sicht gesehen zu kombinieren wären.

In einem nächsten Schritt stellten wir fest, dass nicht nur die Entscheidung an sich mir Sorge bereitet, sondern dass hinter beiden Wegen reale Ängste verborgen sind, denen ich mich nicht aussetzen wollte bzw. dass ich eine falsche Auffassung von Angstbewältigung hatte. Hinzu kam eine Überlagerung der Allgemeinproblematik durch die erst kurz zurückliegenden Schicksalsschläge, die ich noch nicht verarbeitet hatte. Dabei stellte sich heraus, dass nicht die Schicksalsschläge an sich das Problem waren, sondern meine Umgehensweise damit. Durch meine Schwierigkeit, Gefühle zuzulassen bzw. richtig zu deuten, kam ich in einen Gewissenskonflikt, nicht genug getrauert zu haben bzw. der Situation entsprechend gehandelt oder gedacht zu haben. Es stellte sich heraus, dass ich starke Schuldgefühle deswegen hatte, die eine Verarbeitung der Situation erschwerten und mich somit in eine depressive Grundstimmung versetzten.

Über den Umweg der Vergangenheitsbewältigung, wollte ich herausfinden, ob meine Probleme und Ängste an der Wurzel zu lösen sind. Leider musste ich erkennen, dass ich ein falsches Bild von mir entwickelt hatte, nämlich lediglich ein „Opfer“ der Vergangenheit bzw. ein „Opfer“ meiner selbst zu sein und dass ich nie gelernt hatte, mich aus dieser Rolle zu befreien. Auch wurde deutlich, dass ich neben meiner Agoraphobie eine generalisierte Angststörung entwickelt hatte, die latent wahrscheinlich immer schon vorhanden war und in Krisensituationen überhand nimmt.

Da ich mich als Kind durch eine ähnliche Angststörung meiner Mutter sehr stark beeinträchtig gefühlt hatte, wollte ich durch einen zwanghaften Perfektionismus schon vor meiner Schwangerschaft diesem Mechanismus entfliehen. Aber leider ohne Erfolg. Denn dadurch wurde ich noch unsicherer, weil ich merkte, dass man Ängste nicht kontrollieren kann und jedes Konstrukt, das zum Ziel hat, Fehler vorzubeugen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil man dadurch abhängig von seinem Konstrukt wird und das Leben seine eigenen Wege geht.

Die „Diagnose“ generalisierte Angststörung gab mir wieder etwas Sicherheit, da ich hier zum ersten mal erkannte, dass ich eine Problemlösung ohne Lösung heraufbeschworen hatte. Dass ich mich meinen realen Ängsten bisher noch nicht ausreichend genug gestellt hatte und dass ich nicht mit noch mehr Nachdenken eine Lösung erzwingen kann.

Einerseits hatte ich erkannt, dass ich die besten Voraussetzungen für eine Mutterschaft hatte, auf der anderen Seite stellte ich den Beruf in den Vordergrund. Meine Zerrissenheit wurde immer deutlicher und gleichzeitig fingen die bisherigen Ergebnisse der Beratung an, Früchte zu tragen. Ich erkannte, dass ich, egal wofür ich mich entscheide, Konsequenzen zu tragen habe. Dass meine Zerrissenheit nicht zwischen den beiden Wegen lag, sondern in der Ambivalenz, meinen Gefühlen oder den realen - teilweise von mir sehr überzogen gesehenen - Anforderungen, die ich der jeweiligen Entscheidung zuschrieb, einen zu großen Raum einzuräumen und dass die Lösung in der Akzeptanz liegen muss, zwischen den beiden Polen. Sie glaubten gerade sich gemütlich zurücklehnen zu können und meinen weiteren Erkenntnissen folgen zu können, als das Thema, das bisher immer unberührt geblieben war und von uns beiden galant umschifft worden war, angesprochen wurde: Meine Beziehung zu meinem Mann, meinem Gefühl, ihm gegenüber verpflichtet zu sein, schwanger zu werden und seine kulturelle Herkunft. Von da an kippte für mich die Beratung in eine sehr stark emotional gelagerte Richtung, die ich nicht mehr unter Kontrolle glaubte.

Ich konnte Folgendes erkennen: In Bezug auf Angst besitze ich zwei ambivalente Glaubenssätze:

Wenn ich mich der Angst hingebe, werde ich bewegungsunfähig und eingeschränkt in meinen Handlungen. Wenn ich mich frei bewegen möchte, muss ich die Angst verlieren.

Wenn ich die Angst ganz verliere, kann sie mich nicht mehr schützen und ich laufe Gefahr, nur noch meinen Emotionen zu folgen und unkontrolliert zu handeln. Wenn ich nicht Gefahr laufen möchte, Fehler zu machen, muss ich die Angst behalten, sonst beeinflusse ich nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld.

 

 

Grundsätzliche Entscheidung zugunsten eines Kindes

 

Am 16. Mai berichtete Kicki von einer ersten grundlegenden Entscheidung zugunsten eines Kindes:

 

„Eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung bezüglich des Kindes habe ich vor zwei Tagen mit meinem Mann getroffen. Wir saßen uns mal seit langer Zeit wieder gegenüber und nicht wie in der letzten Zeit so oft (Rücken an Rücken durch den Computer bedingt) und haben uns in aller Ruhe über das Thema unterhalten.

Ich fühlte mich ein wenig gestärkt, weil ich zuvor mit dem Auto wieder selbst zu einem Termin gefahren bin. Ich hatte zwar große Angst, bin aber dann trotzdem gefahren, weil mir bewusst geworden ist, dass mich weniger die finanzielle Abhängigkeit zu meinem Mann stört, wenn ich nicht arbeiten würde, sondern die mobile Abhängigkeit.

Als mir klar wurde, dass ich auf jeden Fall mobiler werden muss, um mich aus dieser Abhängigkeit zu lösen, bin ich dann zu diesem Termin gefahren. Ich saß die ganze Zeit mit einem dicken Kloßgefühl im Hals da, konnte mich aber trotzdem ganz gut auf das Gespräch konzentrieren. Auch ließ die Angst vor der Rückfahrt nicht nach (warum auch - geht ja auch nicht von heute auf morgen weg). Aber ich dachte die ganze Zeit nur, selbst wenn du gleich wieder mit Angst ins Auto steigst, du wirst schon wieder zurückkommen. Und so war es dann auch. Auf dem Rückweg ging es mir sogar besser, als ich gedacht hätte, konnte ich doch noch kurz vorher kaum laufen.

Ich hatte mir in der letzten Zeit viele Gedanken darüber gemacht, was macht das mit unserer Beziehung, wenn ich mich weiterhin weigere, ein Kind zu bekommen und welche Chancen zur Weiterentwicklung könnten für uns in einer gemeinsamen Elternschaft stecken?

Gestärkt durch den ersten kleinen Erfolg, bat ich meinen Mann, mit mir Essen zu gehen. Dort unterhielten wir uns noch einmal in aller Ruhe über die Kinderfrage. Wir waren sehr offen zueinander und gaben uns gegenseitig unsere Bedenken, aber auch unsere Einstellungen zu. Wir stellten beide fest, dass wir beide an einem Entwicklungsschritt stehen, wo wir stagnieren. Dass wir uns weiterentwickeln wollen, auch wenn wir uns noch nicht so richtig vorstellen können, wie wir uns als Eltern verhalten werden. Auch wollten wir die Vereinbarkeit mit dem Beruf auf uns zukommen lassen und nicht mehr so krampfhaft im Vorfeld alles klären. Wir stellten fest, dass wir beide Kompromisse eingehen werden und ich mich nicht alleine „opfern“ werde – auch wenn ich mir bestimmt oft so vorkommen werde – das liegt in der Natur der Sache.

Mir wurde klar in dem Gespräch, dass ich bei der Entscheidung, meinem Mann ins Auge sehen muss und nicht für mich alleine aus mir heraus erzwingen kann. Auch wurde mir bewusst, dass wir viel zu früh in unserer Beziehung über das Thema diskutiert haben, nämlich am Anfang unserer Beziehung, als wir noch gar nicht wussten, wie sich die Beziehung entwickeln wird. Das Thema Kinder hing immer wie ein Damoklesschwert über uns. Ich hatte die ganze Zeit mich verbogen, um zu einem Punkt zu kommen, den ich nicht erreichen konnte, weil ich ja von vornherein alles perfekt haben wollte. Ich habe in dem Punkt nie so richtig gelebt und die Zukunft auf mich zukommen lassen, sondern wollte alles planen. Das ging ja nicht, das Schicksal machte mir ja einen Strich durch die Rechnung.“

 

Noch am selben Tag beschrieb Kicki, dass sie jetzt an die Thematik Schwangerschaft anders heran geht als früher:

 

„Das hört sich vielleicht jetzt wirklich banal an, nach dem Motto, da macht die eine 100-seitige Online-Beratung und die führen einmal ein gemeinsames Gespräch und schon treffen sie die Entscheidung. Aber so banal ist das nicht. Wir haben schon geredet früher, aber eher über meine „Krankheit“ und dass ich mir das als psychisch kranke Frau nicht mehr vorstellen könne, ein Kind zu bekommen, oder wir führten Machtkämpfe, weil ich darauf bestand, dass ich als Frau das Recht hätte, arbeiten zu gehen, dann aber schnell wieder zurückzog, weil mein Mann die besseren Argumente hatte und unzufrieden das Feld verließ. Ich muss zugeben, dass ich immer noch viele Ängste und Zweifel habe. Ich möchte diese Entscheidung erst mal so stehen lassen, mit allen Ängsten und Zweifeln, die ich noch in mir habe.“

 

In den nächsten Emails bis Ende Mai 2001 berichtete Kicki über verschiedene kleinere Fortschritte

im Umgang mit Ihrer Agoraphobie ohne Anleitung meinerseits (Aushilfe in einem Lokal, Autofahren).

 

„Da mir das Autofahren sehr wichtig ist, übe ich jetzt immer öfter. Da ich früher kein Auto gefahren bin, waren für mich öffentliche Verkehrsmittel weniger bedrohlich, als alleine mit dem Auto zu fahren. Nichts desto trotz, bin ich mir bewusst, dass ich auch in Bus und Bahn wieder Ängste entwickelt habe, aber es ist nicht so traumatisierend verankert bei mir wie das Autofahren. Denn wenn ich mich richtig zurück erinnere, hatte ich bei meinem Rückfall die erste richtige Panikattacke, als ich alleine Auto gefahren bin. Ich hatte es schon fast wieder verdrängt, da die richtigen Probleme ja erst in dem neuen Job entstanden sind. Außerdem muss ich auch Auto fahren können, wenn ich freiberuflich arbeiten will. Die meisten Probleme mit dem Fahren habe ich, wenn ich an der Ampel stehen muss. Da ich ja jetzt gelernt habe, dass dies auch mit Agoraphobie zu tun hat, wundert mich das nicht mehr.

Ich habe zwar weiterhin Schwierigkeiten, alleine einkaufen zu gehen, dafür fange ich an, es weniger zu bewerten.

Am letzen Wochenende hatte ich wieder begonnen, mich der Welt zu öffnen, habe viel Besuch gehabt und bin mit meinem Besuch nach draußen gegangen mal zum Kaffee trinken und mal zum Essen. Erst wollte ich so nah wie möglich an Zuhause bleiben, musste aber aus Rücksicht auf die anderen, mich dann doch weiter in das Stadtzentrum reinwagen. Und es war wirklich schön.

Ich gönne es mir tatsächlich, die Dinge langsam anzugehen. Ich gestehe mir zu, bei meinen Fortschritten, auch Rückfälle zu erleben und ich gestehe mir zu, dass ich weder jetzt noch später alles können muss. Aber ich fange wieder an, mich nach außen zu orientieren und mache mir dabei so meine Gedanken, die mehr mit der Realität zu tun haben, als mit neurotischen Ängsten.“

 

 

Zusammenfassung der Online-Beratung

 

Mit Stand vom 8. Juni 2001 erstelle ich folgende Zusammenfassung über den bisherigen Stand der Online-Beratung zur Thematik „Agoraphobie – was dahinter steht“:

 

Von der aktuellen Symptomatik her ist (klinisch gesehen) nach dem ICD-10 sicherlich von einer „Agoraphobie mit Panikstörung“ auszugehen (F40.01). Doch dahinter stehen zwei andere Diagnosen, deren Probleminhalt zuerst zu bewältigen ist, damit eine Konfrontationstherapie Wirkung zeigen kann (wenn Verhaltenstherapeuten dies nicht berücksichtigen, setzen sie sich zu Recht dem Vorwurf einer reinen und dementsprechend ineffektiven Angst-Symptomtherapie aus):

  1. Längere depressive Reaktion (F43.21) als Reaktion auf eine länger anhaltende Belastungssituation, die zwei Jahre nicht überschreitet. Der Verlust von zwei zentralen Bezugspersonen, der Verlust des Arbeitsplatzes sowie interkulturelle Probleme durch die Ehe mit einem Partner aus einem anderen Kulturraum (darauf bin ich in diesem Artikel nicht ausführlich eingegangen) haben zu einer einfühlbaren depressiven Anpassungsstörung geführt, die auch bei anderen Menschen mit ähnlichen Belastungen eine Erschöpfungsreaktion und eine vorübergehende Funktionseinschränkung bewirken kann.
  2. Generalisierte Angststörung (F41.1) als grundlegende pathologische Reaktionsbereitschaft angesichts von an sich normalen, jedoch neuen Lebenssituationen, die aufgrund der Persönlichkeitsstruktur starke Verunsicherungen und Befürchtungen auslösen.

 

Aus existenzieller Sicht - fern jeder psychiatrischen Pathologisierung - stellt die Lebensgeschichte von Kicki ein wunderschönes Beispiel dar für die Thematik dieses Artikels. Es ist ganz normal, sich vor neuen Lebenssituationen zu fürchten, sodass es in Übergangs-Zeiten zu krisenhaften Entwicklungen kommen kann, die noch keineswegs pathologisch zu bewerten sind. Erst falsche Problemlösungsversuche machen nach Watzlawick aus einem normalen Lebensproblem ein klinisch relevantes Problem. Wenn ganz normale Ängste vor dem Neuen in Übergangs-Zeiten durch Vermeidungstendenzen im Sinne einer Angststörung oder durch einen Perfektionismus im Sinne zwanghafter Absicherungstendenzen zu bewältigen versucht werden, weil das Vertrauen in das richtige Handeln in der Zukunft in Frage gestellt erscheint, entsteht eine Perpetuierung des Status quo, wodurch jeder Fortschritt in Richtung notwendiger Veränderungen verhindert wird. Diese Gefahr der Stagnation ist umso größer, je mehr zugleich auch unbewältigte Angelegenheiten aus der Vergangenheit die Aktivierung aller Ressourcen zur Lösung aktueller Aufgaben blockieren. Gerade in diesem Sinn ist das aktuelle Grundproblem von Kicki letztlich als normaler Konflikt vieler Frauen zu verstehen, vor allem von Akademikerinnen: Welche Bedeutung hat angesichts der langen Ausbildungszeit eine entsprechende Berufstätigkeit und wie lässt sich dies mit dem Bedürfnis nach einem Kind, nach Mutterschaft, verbinden, sodass die optimale Erfüllung beider Aufgabenbereiche möglich ist? Diese Aufgabenstellung muss jede Frau für sich bewältigen.

 

Die Leser dieses Artikels haben miterlebt, wie ich als männlicher Psychotherapeut und Vater von fünf Kindern Kicki über das Internet geholfen habe, einen Weg zu finden aus diesem Dilemma „Beruf oder Kind“ bzw. „Beruf und Kind“. Wie Kicki die Bewältigung dieses Problems im Laufe der Zeit gelungen ist, wird jeder Interessierte nachlesen können im Forum „Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen. Ein Internetbuch als Hilfe zur Selbsthilfe“ unter www.panik-attacken.de/forumB  

 

 

P.S. Oktober 2001:  Die im April 2001 begonnene Online-Beratung wurde im Oktober erfolgreich abgeschlossen, soweit es die Agoraphobie betrifft.