Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

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Angst als biologisch sinnvolle Reaktion

 

Angst ist ein ganz normaler menschlicher Gefühlszustand wie Liebe, Freude, Ärger, Wut oder Trauer und tritt gewöhnlich als Reaktion auf bedrohlich, ungewiss oder unkontrollierbar beurteilte Ereignisse und Situationen auf. Angst als Folge davon, dass bestimmte Gegebenheiten instinktiv oder mental als gefährlich eingeschätzt werden, veranlasst den Menschen, sich so zu verhalten, dass Gefahren überwunden oder vermieden werden können.

Als angemessene Reaktion auf tatsächliche oder vorgestellte Bedrohung stellt Angst einen notwendigen, wenngleich unangenehm erlebten Bestandteil des Lebens dar. Ohne die Fähigkeit zur Angstreaktion in Gefahrensituationen wäre der Mensch genauso schutzlos und dem Tode geweiht wie bei angeborener Schmerzlosigkeit. Angst ist ein biologisch festgelegtes Alarmsignal wie Fieber oder Schmerz und sichert das Überleben des Menschen und der Menschheit.

Das Wort „Angst“ geht auf das althochdeutsche Wort „angust“ zurück, das wiederum abgeleitet wird aus dem lateinischen Hauptwort „angustiae“ („Enge, Enge der Brust“) bzw. aus dem Zeitwort „angere“, das „(die Kehle) zuschnüren, (das Herz) beklemmen“ bedeutet. Es erfolgt auch eine Ableitung aus dem urindogermanischen Wort „Anghos“ („Enge, Beengung, Beklemmung, Bedrängnis, Zuschnüren der Kehle“). „Angst“ bezeichnet also einen Zustand, in dem es einem die Kehle zuschnürt und die Brust beklemmt, sodass einem die Luft wegbleibt.

Angst ergreift den gesamten Menschen und stellt immer eine seelische und körperliche Bedrängnis und Beengung dar. Angst ohne körperliche Symptome wie Herzklopfen, Atemnot, feuchte Hände, blasses Gesicht, Muskelzittern oder weiche Knie drückt eher eine intellektuelle Besorgtheit als eine tatsächliche Angst aus, geschweige denn eine Angststörung.

Der englische Psychiater und Verhaltenstherapeut Marks beschreibt in seinem Buch „Ängste. Verstehen und bewältigen“ die körperlichen Angstreaktionen derart:

 

„Starke Angst verursacht unangenehme subjektive Gefühle der Erregung, Herzklopfen, Muskelspannung, Zittern, Schreck- oder Alarmreaktion, ein Gefühl der Trockenheit und des ‚Zusammengeschnürtseins’ in Mund und Rachen, Beklemmung in der Brust, das Gefühl, daß der Magen sich senkt, Übelkeit, Verzweiflung, Harn- und Stuhldrang, Gereiztheit und Angriffslust, starkes Verlangen zu weinen, davonzulaufen oder sich zu verstecken, Atemnot, Prickeln in Händen und Füßen, Gefühle der Unwirklichkeit oder des Weit-entfernt-Seins, ohnmächtig zu werden und umzufallen. Wenn Angst lange Zeit andauert, werden selbst gesunde Menschen müde, deprimiert, langsamer, ruhelos und verlieren ihren Appetit. Sie können nicht schlafen, haben schlechte Träume und vermeiden alle furchterregenden Situationen.“

 

Angst gibt es auch in der Tierwelt, wie der englische Biologe Darwin 1872 anschaulich dargestellt hat:

 

„Bei allen oder fast allen Tieren, sogar bei Vögeln, bringt Terror den Körper zum Zittern. Die Haut wird blaß, Schweiß bricht aus, und die Haare richten sich auf... Die Atmung ist beschleunigt. Das Herz schlägt schnell, wild und gewaltsam... Die geistigen Fähigkeiten sind sehr gestört.“

 

Panikartige Angst bei Menschen charakterisierte Darwin folgendermaßen:

 

„Das Herz schlägt wild, oder aber es fallen Herzschläge aus, was Ohnmacht zur folge haben kann; man beobachtet eine todesähnliche Bleiche; der Atem geht schwer; die Nasenflügeln werden weit...es würgt in der Kehle, die Augen treten hervor, die Pupillen erweitern sich, die Muskeln werden hart. Wenn die Angst einen extrem hohen Punkt erreicht, entlädt sich die Panik in einem fürchterlichen Schrei. Große Schweißtropfen stehen auf der Haut. Alle Muskeln des Körpers sind entspannt, bald folgt äußerste Erschlaffung und die geistigen Kräfte versagen. Die Eingeweide sind ebenfalls betroffen. Die Schließmuskeln hören auf zu funktionieren, und der Inhalt des Körpers kann nicht mehr zurückgehalten werden.“

 

Darwin sah den Grund für die universelle Verbreitung derartiger Symptome in der evolutionären Bedeutung der Angst als Mittel der Vorbereitung auf Verteidigungsmaßnahmen. Die Erkenntnisse von Darwin stellen die theoretische Grundlage für die neurobiologische Erforschung von Angstzuständen dar.

Der amerikanische Physiologe Cannon machte 1929 durch seine Untersuchungen die körperlichen Angstreaktionen als „Kampf-Flucht-Reaktion“ weltweit populär.

Der Stressforscher Selye beschrieb eine unspezifische Alarmreaktion des Körpers in akuten Belastungssituationen, die auch bei plötzlicher Angst auftritt. Diese Aktivierung wird „Notfallreaktion“ oder „Bereitstellungsreaktion“ genannt.

Angstzustände bewirken eine Alarmreaktion des Körpers zur Vorbereitung auf Kampf oder Flucht, dienen also der Vorbereitung des Körpers auf schnelles Handeln. Die Herztätigkeit und die Atmung werden beschleunigt, die Durchblutung verstärkt und die Muskeln angespannt, um der Gefahr möglichst schnell zu entkommen. Eine derartige Alarmierung in Ruhe ohne äußere Bedrohung wird als unangenehm erlebt.

Bei akuten Gefahren (z.B. Straßenverkehr, Bedrohung im Rahmen von Überfällen, Gefährdung von Angehörigen oder Bekannten) ermöglicht Angst eine automatische, unbewusste, schnelle Alarmreaktion zur Sicherung von Leib und Leben, während bei Einschaltung der höheren geistigen Funktionen (Nachdenken, ob wirklich eine Gefahr besteht) die Reaktionsgeschwindigkeit derart verlangsamt würde, dass unweigerlich bereits nicht mehr gutzumachender Schaden entstehen könnte.

Es gibt zahlreiche Schreck- und Angstreaktionen auf bestimmte auslösende Schlüsselreize, die im Tierreich gut untersucht wurden. Solche primären Ängste sind teilweise auch noch beim Menschen vorhanden, z.B. als Abwehr- oder Fluchtreflex.

Auf bestimmte Umweltgegebenheiten (Dunkelheit, Feuer, Unwetter, Blitz und Donner, Höhen, Schlangen, Spinnen usw.) reagieren wir von Natur aus stärker mit Angst als auf andere Reize. Dies zeigt, dass wir aufgrund eines biologischen Programms, das sich im Laufe der Evolution entwickelt hat, auf das Überleben von zumindest früher gefährlichen Situationen vorbereitet sind.

In Notfallsituationen können selbst Personen mit schweren Angstzuständen rasch und richtig handeln, wenn es z.B. gilt, Angehörige aus einer lebensbedrohlichen Situation zu retten. Man entwickelt dann „übermenschliche Kräfte“.

Entwicklungsgeschichtlich gesehen, stellen die „Angststrukturen“ alte Gehirnanteile dar, die erst beim Menschen in die höheren psychischen Funktionen integriert wurden.

    Körperliche Notfallreaktionen werden in unserer modernen Gesellschaft auch durch viele Ängste und Stresssituationen ausgelöst, die keinerlei körperliche Betätigung erfordern, sodass der Körper in der Phase der Alarmbereitschaft verharrt, ohne dass eine Abreaktion der Anspannung erfolgt. Dauerstress und chronische Übererregung angesichts vermeintlicher Gefahren gelten als typische Fehlalarmierungen des biologisch sinnvollen Kampf-Flucht-Systems.

Wenn Angst ein so extremes Ausmaß annimmt, dass es zum Zusammenbruch des gesamten geordneten Denkens und Handelns kommt, spricht man von Panik. In bestimmten Katastrophensituationen (Erdbeben, Großbrand, Terroranschlag) wird Angst gewöhnlich zur Panik.

Panik im Sinne eines katastrophenbedingten Massenphänomens ist eine akute Angstreaktion mit verminderter Selbstkontrolle, die zu Fluchtverhalten ohne Rücksicht auf soziale Aspekte führt. Es erfolgt eine blinde, unüberlegte und unorganisierte Flucht, solange noch die Möglichkeit dazu gegeben ist. Der Ausfall von Fluchtmöglichkeiten ist nach sozialpsychologischen Studien verantwortlich für die Entstehung von Panik in Menschenmengen.

Das größte Ausmaß an Panik ist dann gegeben, wenn eine mittlere Wahrscheinlichkeit besteht, der Situation zu entkommen. Dies erklärt das ständige Auf-dem-Sprung-Sein vieler Angstpatienten, wenn sie in einer Angstsituation eine Fluchtmöglichkeit sehen (die Vorstellung von Flucht aktiviert zur Flucht).

Bei fehlender Fluchtmöglichkeit (Verschüttung durch Hauseinsturz oder Lawinenunglück, Absturz in eine Gletscherspalte, Eingeschlossensein durch versperrte Türen usw.) wird man oft ganz ruhig und wartet auf Hilfe oder auf den Tod. In ähnlicher Weise werden viele Angstpatienten entspannter, wenn sie in einer Angstsituation auf die Suche nach einer Fluchtmöglichkeit verzichten, d.h. wenn sie sich bewusst zum Ausharren entschließen.

Der Begriff der Panikattacke als akuter Angstanfall im Sinne eines klinischen Syndroms bedeutet eine Einengung auf eine individuelle Symptomatik. Hier fühlen sich Menschen bedroht durch massive Symptome ihres eigenen Körpers (Herzrasen, Schwindel, Atemnot, Erstickungsgefühle, Flimmern vor den Augen, Taubheits- und Kribbelgefühle usw.), sodass sie oft glauben, sterben zu müssen, obwohl sie gesund und äußerlich nicht bedroht sind.

 

 

Angstsymptome – Sozial vermittelt und kulturell geprägt

 

Angstreaktionen sind nicht nur biologisch bestimmt, sondern auch sozial vermittelt und kulturell geformt. „Ein Mann darf keine Angst zeigen“ ist ein typischer Glaubenssatz der Vergangenheit. Die Angst äußert sich dann in psychosomatischen Symptomen oder Alkoholmissbrauch. Frauen dürfen laut früherem Rollenstereotyp ängstlich sein.

Im Laufe der Jahrhunderte traten immer wieder Ängste als Massenphänomene auf, insbesondere in geschlossenen Gesellschaften. Angst kann buchstäblich „ansteckend“ sein. Der Kontakt mit einer Person, die bereits auffällige Angstsymptome hat, kann zur „Ansteckung“ einer vorher angstfreien anderen Person führen.

Viele Angstsymptome wie Hyperventilation, Ohnmachtsanfälle und Körpermissempfindungen lassen sich durch Kommunikation und modellhaftes Lernen erklären. Die Ausbreitung der Angstsymptomatik erfolgt meist über jene Menschen, die emotional recht instabil sind und aktuell unter massiven Konflikten leiden.

    Ein typisches Beispiel für die epidemische Ausbreitung körperlicher Angstreaktionen stellt die Ausbreitung folgender Symptome in einer britischen Mädchenschule dar: Hyperventilation, Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Kopfschmerzen, Kälteschauer, Übelkeit, Rücken- oder Unterleibsschmerzen, Hitzewallungen und allgemeine Erschöpfung. In jeder Klasse wurden zuerst jene Schülerinnen von den Symptomen erfasst, die einen hohen Status unter den Mitschülern besaßen und zu diesem Zeitpunkt bestimmte Probleme hatten. Im Laufe der Epidemie entwickelten zwei Drittel der 500 Schülerinnen Angstsymptome, ein Drittel musste sogar in das Krankenhaus eingeliefert werden.

Ein weiteres Beispiel für die plötzliche Ausbreitung panikartiger Angst mit massiven körperlichen Symptomen stammt aus einem Stadion in Kalifornien. Der Platzsprecher warnte die Zuschauer, Getränke aus einem bestimmten Limonadenautomaten zu entnehmen, weil vier Zuschauer nach dem Konsum der vermutlich verdorbenen Getränke unter Erbrechen litten. Daraufhin mussten viele Teilnehmer der Sportveranstaltung erbrechen oder litten unter Schwindel, einige wurden sogar bewusstlos. 191 Zuschauer wurden mit dem Verdacht auf eine akute Lebensmittelvergiftung in das Krankenhaus eingeliefert. Die anschließende Laboruntersuchung ergab jedoch keinerlei bakterielle Vergiftung der Getränke. Die Macht der Vorstellung und der ansteckende Effekt der Massenpanik hatten die Angstsymptome ausgelöst.

Aus früheren Jahrhunderten sind zahlreiche Angstepidemien bekannt, die Ausdruck der damaligen christlichen Glaubensvorstellungen waren: Angst vor Verdammung, Hölle, Teufel, Dämonen, Hexen, Weltuntergang usw.

Delumeau beschreibt in seinem Buch „Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts“ recht eindrucksvoll die epidemischen Ängste der Bevölkerung vor Pest, Krieg, Hunger, Aufständen und Naturgewalten, aber auch die von der Kirche genährten Ängste vor dem Jüngsten Gericht, Satan und seinen Helfershelfern (Frauen, Hexen, Juden, Andersgläubige).

 

Körperliche Angstreaktionen in epidemischem Ausmaß, die bei ihrem erstmaligen Auftreten rätselhaft erschienen, wurden auch bei Kriegsteilnehmern festgestellt]:

Diese Symptome stellten einen Schutz vor weiterer Bedrohung durch die Kriegsereignisse dar, indem sie eine vorübergehende Freistellung vom Kriegsdienst erbrachten.

Um die Jahrhundertwende traten bei Frauen gehäuft Ohnmachtsanfälle als Ausdruck von Angst und Schrecken auf. Neben der sozialen Machtlosigkeit von Frauen spiegelt dies oft auch Folge der Körperabschnürung durch das damals übliche Korsett wider. 

Plötzliches Einschlafen von Soldaten im Schützengraben als Schutz vor dem bewussten Erleben einer Verletzung ist aus den Kriegsjahren ebenfalls berichtet.

In anderen Kulturen finden wir epidemisch auftretende Ängste, die für uns unverständlich sind. Sie hängen häufig mit falschen Vorstellungen über Ursachen und Folgen verschiedener Phänomene zusammen, ähnlich wie dies auf den Aberglauben im früheren Europa zutrifft, und äußern sich in bestimmten somatoformen Symptomen:

 

Die Angst ist eine Kraft

 

„Die Angst ist eine Kraft“, wie Butollo  in seinem gleichnamigen Buch feststellt. Sie treibt uns an zur Bewältigung von realen Bedrohungen und dient damit der Reifung der Persönlichkeit ebenso wie der Beseitigung angsterregender gesellschaftlicher Entwicklungen (Atomkrieg, Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Erde, Beeinträchtigung des Erbgutes u.a.).

Angst führt in diesem Sinne zu einem persönlichen und gesellschaftlichen Fortschritt, während die vielen Mittel der Angstvermeidung und Angstverleugnung das individuelle und kollektive Unheil fixieren.

Die Haltung „Es wird schon nichts passieren“ nimmt mögliche Bedrohungen nicht ernst und kann sie daher auch nicht reduzieren. „Positives Denken“ ohne konkretes Handeln ist angesichts von realen Gefahren nicht hilfreich, sondern möglicherweise sogar lebensgefährlich.

Angst als Alarmreaktion in bestimmten Situationen (Prüfungssituationen, neue oder schwierige Aufgabenstellungen, Autofahren, Bergsteigen usw.) erhöht die generelle Aufmerksamkeit als Schutzmechanismus zur Bewahrung vor Fehlern.

Angst mittleren Ausmaßes verstärkt unsere Anstrengungen in Leistungssituationen und kann durchaus ein wichtiger Antrieb in unserem Leben sein. Ein wenig Angst zu haben, ist somit förderlich für die menschliche Entwicklung und Leistungsmotivation.

Während ein dosiertes Angstausmaß die Aufmerksamkeit, Wachheit, intellektuelle und motorische Leistungsbereitschaft erhöht, führen übermäßige Ängste zur Beeinträchtigung des Denkens, der Konzentration und des Verhaltens bis hin zur totalen Angstblockade oder bewirken eine panische Kurzschlussreaktion (z.B. Selbstmordversuch). 

Der Zusammenhang zwischen Angst und Leistung entspricht einer Kurve: zu wenig Angst macht uns sorglos und antriebslos, zu viel Angst macht uns ungeschickt, gehemmt und gelähmt, während uns ein mittleres Angstausmaß zu Höchstleistungen motiviert und aktiviert. Ein mittleres Ausmaß an Erregung zur optimalen Leistungsfähigkeit ist in der Psychologie als das Yerkes-Dodson-Gesetz bekannt.

Ein gewisses Ausmaß von Angst bewahrt uns auch vor Routine und bewirkt, dass wir „echt“ sind und immer wieder unser Bestes geben. In diesem Sinn ist das Lampenfieber von Schauspielern und Sängern zu verstehen, die behaupten, nicht mehr so gut zu sein, wenn sie vor dem Auftritt nicht mehr nervös seien.

Nützlich ist jene Angst, die uns hilft, im Hier-und-Jetzt zu handeln. Blockierend ist jene Angst, die uns bei der Vorstellung drohender Gefahr in unseren aktuellen Handlungsmöglichkeiten einschränkt.

Ein bestimmtes Ausmaß an sozialer Angst ist ebenfalls völlig normal. Dies hängt oft mit der Schwierigkeit der Rollenübernahme in neuen Situationen zusammen (Pubertät, Partnersuche, Elternschaft, neue Arbeitsstelle, Umzug usw.) sowie mit speziellen Anforderungen und Bewertungen der eigenen Person in bestimmten Situationen (z.B. Prüfung, Bewerbungsgespräch). Je größer die Unsicherheit ist, umso größer ist dann auch die Angst vor den anderen.

Manchmal kann es sein, dass die Angst erst nach der überwundenen Gefahr auftritt. Dies ist dann der Fall, wenn wir in der Angstsituation rasch handeln müssen, um eine Katastrophe zu vermeiden, sodass wir vorher abgelenkt sind und erst anschließend nachdenken können, wie gefährlich die erlebte Situation war. Hier erinnert uns die Angst daran, dass wir bestimmte Erfahrungen auch emotional verarbeiten müssen.

Angst schützt uns davor, dass wir uns in Situationen begeben, die wir vielleicht mit dem Leben bezahlen würden. Ohne Angst wagen wir uns sicherlich leichter in gefährliche Situationen, doch kann dies auch Ausdruck einer Selbstüberschätzung sein. Eine Schitour bei Lawinengefahr oder Klettern auf einem schwierigen Berg ohne ausreichende Erfahrung kann ebenso gefährlich sein wie Autofahren ab einem Alkoholspiegel von 0,5 Promille, der die Kritikfähigkeit und Angstbereitschaft senkt.

Wir müssen einen Weg finden zwischen Feigheit und Angst einerseits und Wagemut und Tollkühnheit andererseits. Erstrebenswert ist ein je nach Situation angemessenes Verhältnis von Mut, Vorsicht und Angst. Ängste, die uns am Erreichen unserer Ziele hindern, sollen überwunden werden, Ängsten, die uns auf mögliche Gefahren hinweisen, soll adäquat begegnet werden.

Es ist kein sinnvolles Ziel, generell angstfrei zu leben, sondern zu lernen,

Die Verhaltenstherapeutin Doris Wolf bietet in ihrem empfehlenswerten und viel gelesenen Buch „Ängste verstehen und überwinden“ sechs hilfreiche Fragenbereiche zur Prüfung an, wann Angst sinnvoll ist und wann nicht:

  1. Kann das, was ich als gefährlich ansehe, tatsächlich eintreffen? Ist das, was ich als gefährlich, katastrophal und unerträglich ansehe, wirklich lebensgefährlich? Gibt es Beweise dafür? Eine differenzierte Realitätsprüfung der möglichen Gefahren soll unnötigen Angstfantasien Einhalt gebieten.

  2. Wenn die von mir als lebensgefährlich bewertete Situation tatsächlich unangenehm sein kann, wie wahrscheinlich ist sie? Was als Gefahr grundsätzlich möglich ist, muss in einer bestimmten realen Situation noch keinen handlungsleitenden Charakter annehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem Fußgänger ein Dachziegel auf den Kopf fallen kann, ist vernachlässigbar gering, sodass man durchaus entlang einer Häuserzeile gehen kann.

  3. Gibt es Möglichkeiten, das von mir als lebensgefährlich angesehene Ereignis zu verhindern? Die Auslösung einer Alarmsituation mit allen körperlichen Folgen ist nur sinnvoll, wenn konkrete Maßnahmen zur Abwehr der Gefahr ergriffen werden.

  4. Gibt es Überlebensmöglichkeiten, wenn das von mir als lebensgefährlich eingeschätzte Ereignis tatsächlich eintritt? Was wäre, wenn ...? Die Vorstellung einer Gefahrensituation soll nicht abschrecken, sondern letztlich die Fantasie anregen, wie man diese überwinden kann.

  5. Haben alle Menschen vor diesen Situationen Angst oder meiden diese Situationen? Das Bewusstsein, dass andere Menschen mit einer bestimmten Gefahrensituation sehr wohl zurechtkommen können, erinnert an Wahlmöglichkeiten und eröffnet einen Entscheidungsspielraum.

  6. Was verliere ich, wenn ich nicht in die von mir als gefährlich angesehene Situation gehe? Was bedeutet dies beruflich, gesellschaftlich, im Privatleben und bezüglich meiner Selbstachtung? Was verlieren Angehörige und Bekannte durch meine Angstsymptome und mein Vermeidungsverhalten? Was kann ich gewinnen, wenn ich in die Situation gehe? Ist mir der mögliche Gewinn so viel wert, dass ich mich der Situation trotz Risiko aussetze? Eine Gewinn-Verlust-Rechnung kann helfen, ein neues Verhalten auszuprobieren, getreu dem Motto „Wer wagt, gewinnt!“, obwohl ein gewisses Risiko des Scheitern immer gegeben sein wird.

Es ist erstaunlich, dass die größten Bedrohungen des Menschen und der Menschheit (Atomunfall, Giftgaskatastrophe, Umweltvergiftung, unheilbare Krankheit, Autofahren usw.) oft wenig Beängstigung auslösen. Bis zu einem gewissen Grad scheint es für die psychische Gesundheit notwendig zu sein, an sich realistische Gefahren nicht ständig präsent zu haben, sondern zeitweise verdrängen zu können, um handlungsfähig zu sein.

Optimismus und Vertrauen bedeutet, beim Denken und Handeln die negativen Möglichkeiten zumindest phasenweise ausblenden zu können. Es schränkt die Lebensfreude ein, wenn man bei jedem Essen daran denkt, dass dieses möglicherweise atomar verstrahlt sein könnte.

Oft spiegelt unsere häufige Sorglosigkeit auch den Umstand wider, dass wir für bestimmte Gefahrensituationen der modernen Welt von der Evolution kein genetisches Programm mitbekommen haben, während sich viele Menschen noch immer vor kaum mehr gegebenen Umweltgefahren unserer Vorfahren fürchten. Dunkelheit, Blitz, Donner und ungefährliche Schlangen lösen oft mehr Ängste aus als Seilbahnen, Flugzeuge, Kraftfahrzeuge und elektrischer Strom.

 

 

Die existenzielle Dimension der Angst

 

Angst hat immer auch eine existenzielle Dimension: 

Die Daseins- und Zukunftsängste in einer sich ständig wandelnden Welt mit bedrohlichen Aussichten haben dazu geführt, unser Zeitalter zu einem „Zeitalter der Angst“ zu erklären. Die verschiedenen Kulturen und Religionen haben sich bemüht, den Menschen mit dem Schicksal der andauernd gefährdeten Existenz besser umgehen zu helfen.

Viele Menschen mit Panikattacken oder hypochondrischen Ängsten können letztlich die ständige Bedrohtheit des Lebens nicht akzeptieren, wenn sie immer wieder nach Belegen für ihre Gesundheit suchen. Kein Beruhigungsmittel und keine Entspannungsmethode kann die Todesangst ausschalten, die von jedem Menschen nach seinen Möglichkeiten bewältigt werden muss. Die frühere christliche Weisheit „Lebe jeden Tag so, als ob er dein letzter wäre!“ drückt aus, welche Intensität das Leben angesichts des möglichen Todes gewinnen kann. Panikpatienten mit Agoraphobie verhalten sich dagegen umgekehrt: aus Angst vor dem Tod schränken sie ihre Lebensmöglichkeiten ein.

Der Schriftsteller Max Frisch drückt den Zusammenhang von Lebensangst und Lebensfreude folgendermaßen aus:

 

„Es gibt kein Leben ohne Angst vor dem andern; schon weil es ohne diese Angst, die unsere Tiefe ist, kein Leben gibt; erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, daß wir leben. Man freut sich seiner Muskeln, man freut sich, daß man gehen kann, man freut sich des Lichtes, das sich in unserm dunklen Auge spiegelt, man freut sich seiner Haut und Nerven, die uns so vieles spüren lassen, man freut sich und weiß mit jedem Atemzug, daß alles, was ist, eine Gnade ist. Ohne dieses spiegelnde Wachbewußtsein, das nur aus Angst möglich ist, wären wir verloren; wir wären nie gewesen.“

 

Die existenzielle Dimension der Angst und ihrer Bewältigung zeigt sich auch in dem Umstand, dass die Betroffenen – frei von ihren Ängsten – sich fragen können, wofür sie nun eigentlich frei sind. Wenn die Angst vor Abhängigkeit und Eingeengtsein vorbei ist, setzt bei vielen Menschen plötzlich die Angst vor der Entscheidungsfreiheit ein.

     Wofür soll man kämpfen, wenn man plötzlich nicht mehr gegen etwas kämpfen muss? Was soll man selbstverantwortlich tun, wenn man es wirklich tun kann und nicht mehr länger daran gehindert ist?

Nach Kierkegaard ist Angst der „Schwindel der Freiheit“, der beim Anblick der vielfältigen Möglichkeiten des Lebens und des Drucks konkreter Entscheidungen mit dem Risiko von Fehlern entsteht.

Condrau stellt aus daseinsanalytischer Sicht fest:

 

„Angst ist nur auf dem Hintergrund von Freiheit möglich... Freiheit ist immer mit potentieller Angst verbunden. Je größer die Freiheit für die wachsende Fähigkeit ist, sich den eigenen Möglichkeiten der individuellen Entfaltung wie auch der Vertiefung zwischenmenschlicher Beziehungen zu stellen, und diese zu verwirklichen; je größer das Wagnis ist, sich auf neues Gebiet zu wagen, desto größer wird die Angst. Fürchtet sich aber der Mensch vor der Freiheit, wird die Angst krankhaft.“

 

Riemann beschreibt aus tiefenpsychologischer Sicht in beeindruckender Weise vier „Grundformen der Angst“, die allen möglichen Ängsten zugrunde liegen:

  1. Die Angst vor der Selbsthingabe, als Ich-Verlust und Abhängigkeit erlebt.

  2. Die Angst vor der Selbstwerdung, als Ungeborgensein und Isolierung erlebt.

  3. Die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt.

  4. Die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt.

Zu jeder Strebung gehört die Angst vor der Gegenstrebung. Jeder Mensch muss ein dynamisches Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Tendenzen finden. Die vier Grundimpulse ergänzen und widersprechen sich in folgenden Polaritäten:

Riemann weist darauf hin, dass nicht die Angst vor diesen Aspekten menschlichen Seins bzw. Verhaltens krankmachend ist, sondern deren Nichtbewältigung:

 

„Hinter den vier Grundformen der Angst stehen allgemein-menschliche Probleme, mit denen wir alle uns auseinandersetzen müssen. Jedem von uns begegnet die Angst vor der Hingabe in einer ihrer verschiedenen Formen, die als Gemeinsames das Gefühl der Bedrohtheit unserer Existenz, unseres persönlichen Lebensraumes, oder der Integrität unserer Persönlichkeit haben. Denn jedes vertrauende sich Öffnen, jede Zuneigung und Liebe kann uns gefährden, weil wir dann ungeschützter und verwundbarer sind, etwas von uns selbst aufgeben zu müssen, uns einem anderen ein Stück auszuliefern. Daher ist alle Angst vor der Hingabe verbunden mit der Angst vor einem möglichen Ich-Verlust.

Jedem begegnet auch die Angst vor der Ich-Werdung, vor der Individuation, die in den verschiedenen Formen ihres Auftretens als Gemeinsames die Angst vor der Einsamkeit hat. Denn jede Individuation bedeutet ein sich Herausheben aus bergenden Gemeinsamkeiten. Je mehr wir wir selbst werden, um so einsamer werden wir, weil wir dann immer mehr die Isoliertheit des Individuums erfahren.

Jedem begegnet auch die Angst vor der Vergänglichkeit auf seine Weise; unvermeidlich erleben wir immer wieder, daß etwas zu Ende geht, aufhört, plötzlich nicht mehr da ist. Je fester wir etwas halten, beibehalten wollen, um so mehr erliegen wir dieser Angst, deren verschiedene Formen als Gemeinsames die Angst vor der Wandlung erkennen lassen.

Und jeder begegnet schließlich auch der Angst vor der Notwendigkeit, vor der Härte und Strenge des Endgültigen, bei deren verschiedenen Ausformungen das Gemeinsame die Angst vor dem unausweichlichen Festgelegtwerden ist. Je mehr wir eine unverbindliche Freiheit und Willkür anstreben, desto mehr müssen wir die Konsequenz und die Grenzen der Realität fürchten.

Da sich die großen Ängste unseres Daseins, die so wichtig für unsere reifende Entwicklung sind, nicht umgehen lassen, bezahlen wir den Versuch, vor ihnen auszuweichen, mit vielen kleinen, banalen Ängsten. Diese neurotischen Ängste können sich praktisch auf alles werfen, und sie sind letztlich nur aufzulösen, wenn wir die dahinterliegende eigentliche Angst erkannt haben, und uns mit dieser auseinandersetzen... Die Begegnung mit den großen Ängsten ist ein Teilaspekt unseres reifenden Weiterschreitens; die Verschiebung auf jene stellvertretenden neurotischen Ängste hat nicht nur eine lähmende und hemmende Wirkung, sondern sie zieht uns auch von wesentlichen Aufgaben unseres Lebens ab, die zu unserem Menschsein gehören.

So bekommt die Angst in ihren beschriebenen Grundformen eine wichtige Bedeutung: sie ist nicht mehr nur ein möglichst zu vermeidendes Übel, sondern, und das von ganz früh an, ein nicht wegzudenkender Faktor unserer Entwicklung. Wo wir eine der großen Ängste erleben, stehen wir immer in einer der großen Forderungen des Lebens; im Annehmen der Angst und im Versuch, sie zu überwinden, wächst uns ein neues Können zu – jede Angstbewältigung ist ein Sieg, der uns stärker macht; jedes Ausweichen vor ihr ist eine Niederlage, die uns schwächt.“

 

Diese Ausführungen machen deutlich, dass es kein sinnvolles Ziel ist, keine Angst mehr zu haben, sondern mit den real vorhandenen und durchaus berechtigten Ängsten besser umgehen zu lernen. Gelungene Angstbewältigung besteht nicht in der möglichst perfekten Unterdrückung vorhandener Ängste, sondern im Annehmen und Aushalten dieser Ängste. Das Ziel ist nicht, gegen die Angst, sondern mit der Angst zu leben. Ängste sollen aktivierend und nicht blockierend wirken.

 

 

Die Lust an der Angst

 

Angst muss nicht immer ein unangenehmes und unerwünschtes Gefühl sein, sondern kann auch Ausdruck einer lustvollen Anspannung sein, wie dies etwa der Fall ist bei einem Spiel, einem Horrorfilm, einem Kriminalroman, einem Wettkampf oder einer gefährlichen Sportart (z.B. Bungeejumping, Rafting, Freeclimbing). Dazu gehört auch die prickelnde Angst, die entsteht, wenn man an der Ausübung gefährlicher Sportarten nur beobachtend (life oder via Fernsehen) teilnimmt (Formel-I-Rennen, Stierkampf, Boxen usw.).

Kinder hören die gruseligsten Märchen mit der größten Freude und lernen dadurch, mit ihren Ängsten besser umzugehen. Sie fahren gerne mit der Geisterbahn und betonen stolz, dass sie sich gar nicht gefürchtet haben.

Angst ist ein Teil des natürlichen Lebensrhythmus von Anspannung und Entspannung. Wenn auf die bewusst gesuchte Angstspannung eine Angstlösung folgt, wird dies als angenehm erlebt. Spannende Filme, Romane, Kindermärchen oder Spiele beruhen genau auf diesem Prinzip. Wir fürchten uns oft gerne, wenn wir wissen, dass die Sache letztlich gut ausgeht. Auf der Suche nach Erregung, Nervenkitzel und starken Reizen entwickeln viele Menschen eine ausgesprochene Angstlust, eine Lust am Risiko und der Gefahr.

Risikoverhalten kann ein hervorragendes Mittel gegen die Angst vor der Angst sein. Durch die Fähigkeit und die Erfahrung, Gefahren kontrollieren zu können, verliert die Angst ihren Schrecken. Durch die Ausübung risikoreicher Sportarten (Bergsteigen, Kampfsport, Motorradfahren, Fallschirmspringen) haben zahlreiche Menschen gelernt, die oft großen Ängste ihrer Kindheit zu überwinden.

    Psychoanalytiker sprechen von kontraphobischem Verhalten, wenn man seine Ängste ständig durch die Ausübung gefährlicher Tätigkeiten abzuwehren versucht.

Im Märchen der Gebrüder Grimm „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ wird die kontraphobische Haltung eines einfältigen jungen Mannes beeindruckend dargestellt. Dieser Kontraphobiker lernte, allen fürchterlichen Abenteuern angstfrei standzuhalten (er trotzte sogar dem Tod und den vielen Teufeln), lernte dann aber, zum Freier der schönen Königstochter erkoren, im Bett das Gruseln. Die Magd zog ihm die Bettdecke weg, unter der er mit seiner Gemahlin gelegen war, und schüttete lebendige Fische auf seinen Körper, die auf seiner nackten Haut zappelten.

Für heutiges Denken unverständlich, wird hier symbolisch die Thematik der Sexualangst, die Angst vor der Sexualität der Frau, angesprochen. Dieses Märchen will uns nach psychoanalytischer Auffassung lehren, dass ein Mensch erst zu sich selbst und zu einer Du-Beziehung findet, wenn er auch die Angst empfinden kann und ihm bewusst wird, wovor er eigentlich Angst hat.

 

 

Angst als Stresssymptom

 

Jeder Mensch erlebt irgendwann einmal eine Phase großer körperlicher oder seelischer Belastung. Jeder kennt Stress, doch jeder reagiert anders darauf. Herz-Kreislauf-Probleme, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Schlafstörungen, Alkoholmissbrauch u.a. können Folge einer stressbedingten Überforderung sein. Auch Angstzustände sind oft ein Signal des Organismus, dass die aktuellen Belastungen zu groß geworden sind.

Panikattacken scheinen wie aus heiterem Himmel zu kommen, lassen sich jedoch bei näherer Betrachtung häufig als explosionsartige Entladung bei einer Fülle von aufgestauten Problemen verstehen. Nicht selten stellt die erste Panikattacke eher einen unterdrückten „Wutanfall“ dar als einen „Angstanfall“ oder einen plötzlichen Spannungsabfall nach einer massiven Stressphase. Die Angst trifft oft erst als Reaktion auf die unerklärlich erscheinenden körperlichen Symptome auf. 

Die in zunehmendem Ausmaß diagnostizierte Panikstörung nach Ausschluss organischer Ursachen ist oft nur die Spitze eines Eisbergs. Viele Betroffene sind psychisch und sozial noch nicht „gesund“, wenn die Panikattacken weg sind, sondern erst dann, wenn die anstehenden Probleme gelöst sind. Eine sich verselbstständigende Paniksymptomatik konnte nur eine Zeitlang von der zugrunde liegenden Problematik ablenken.

Trotz der großen subjektiven Dramatik einer Panikattacke muss eine Psychotherapie nicht unbedingt lange dauern, wenn das richtige Vorgehen gewählt wird. Die scheinbar logische Folgerung „Eine lang dauernde Störung erfordert eine lang dauernde Psychotherapie“ wird durch die Erfolge der Verhaltenstherapie bei Angststörungen widerlegt.

 

 

Angst als ganzheitliches Erleben

 

Angst besteht aus drei Ebenen:

Wenn wir eine Situation (z.B. Bus fahren, nächtlicher Spaziergang) oder ein bestimmtes Objekt (z.B. Tier, Spritze) als gefährlich einschätzen, werden wir Angst bekommen, was wir körperlich in Form verschiedener Symptome spüren, sodass wir dazu neigen werden, aus der Angst machenden Situation zu fliehen. Unser Angstgefühl wird wiederum unser Denken verstärken, dass die betreffende Situation tatsächlich gefährlich ist, noch dazu, wo wir erleben, dass unsere Angst sofort nachlässt, sobald wir die bedrohlich erscheinende Situation verlassen.

Unser Denken an Gefahr führt zu Gefühlen der Angst und körperlichen Beschwerden und infolgedessen zu Vermeidungsverhalten, das wir auch zukünftig häufiger wählen werden, weil es sich kurzfristig bewährt hat, wenngleich sich langfristig unser Verhaltensspielraum dadurch immer mehr einengt. Ehemals selbstbewusste Menschen können auf diese Weise jegliches Selbstvertrauen verlieren.

Körperliche, gedanklich-gefühlsmäßige und verhaltensbezogene Anteile spielen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Ängsten eine entscheidende Rolle, wenngleich die verschiedenen Komponenten individuell recht unterschiedlich wahrgenommen werden können, z.B. spüren viele Menschen nur die vegetativen Angstsymptome, ohne ihre Angst machenden Gedanken zu erkennen. Andere Menschen wissen sehr gut um ihre ängstlichen Denkmuster, können sich jedoch nicht vorstellen, dass die ihnen ebenfalls bekannten körperlichen Beschwerden (z.B. Herz-Kreislauf-Probleme, chronische Muskelverspannungen, Schlafstörungen) damit zusammenhängen.

 

Die Wechselwirkungen zwischen körperlicher Befindlichkeit, Verhalten, Denken und Gefühlen können im Rahmen einer Angstbewältigungstherapie genutzt werden: 

 

Dieser Text stammt aus meinem Buch „Angststörungen“. Wenn Ihnen diese Ausführungen gefallen haben, empfehle ich Ihnen den Kauf des ganzen Buches (Bestellung durch Anklicken des Buchtitels):

Morschitzky, H. (2009). Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Wien: Springer. 731 S. € 69,90.

 

 

 

 

Gesunde und krankhafte Angst

 

 

Angst als biologisch sinnvolle Reaktion      

                                  

So paradox es für Angstkranke auch klingen mag: Angst ist zunächst einmal ein ganz normales menschliches Gefühl, genauso wie Freude, Liebe, Ärger, Wut oder Traurigkeit. Angst ist sogar ein äußerst sinnvolles Warnsignal und schaltet sich immer dann ein, wenn Ereignisse und Situationen als bedrohlich, ungewiss oder unkontrollierbar eingeschätzt werden. 

 

Angst bewirkt eine Alarmreaktion des Körpers und bereitet ihn auf Kampf oder Flucht vor – ohne langes Nachdenken: das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung wird beschleunigt und die Muskeln werden angespannt, um der Gefahr möglichst schnell zu entkommen. Angst ist Überlebensschutz – und das seit Jahrmillionen.

 

Angst ist eine Grundbefindlichkeit des menschlichen Seins. Wir können immer nur mehr oder weniger angstfrei sein, eine völlige Angstfreiheit ist ein unrealistisches und geradezu lebensgefährliches Ziel.

 

Das Wort „Angst“ geht zurück auf das lateinische Wort angustiae bzw. das urindogermanische Wort anghos. Beide Worte bedeuten dasselbe: Enge, Beklemmung. Schon unsere Vorfahren verstanden somit Angst als eine körperliche Reaktion, die die Kehle zuschnürt, das Herz bedrängt und die Brust so einschnürt, dass die Luft wegbleibt. Und das ist bis heute so geblieben – Angst, ein „Urinstinkt“.

 

 

Angst – ein Spiegel der Zeit

 

Angstreaktionen sind nicht nur biologisch geprägt, sondern auch kulturell und sozial bestimmt. Frauen dürfen mehr Angst haben, Männer sollen dagegen möglichst keine Angst zeigen und neigen daher verstärkt zum Verdrängen. Unter den diagnostizierten Angstkranken befinden sich – je nach Angststörung – zwei bis drei Mal mehr Frauen als Männer, was aber nur beweist, dass Frauen häufiger eine Behandlung aufsuchen. Angst ist nicht weiblich, Männer gehen nur anders damit um – neigen eben zum Tabuisieren – und bekommen dafür häufiger Alkoholprobleme und schwerere psychosomatische Störungen als Frauen.

 

Das Ausmaß von Ängsten ist auch von sozioökonomischen Gegebenheiten abhängig. Eine repräsentative Untersuchung nach der deutschen Wiedervereinigung hat gezeigt, dass krankhafte Ängste im Osten (16,3 Prozent) doppelt so häufig vorkommen als im Westen (7 Prozent), was nur durch die Umbruchsituation zu erklären ist. Aus der Forschung ist bekannt, dass die Unkontrollierbarkeit und Unvorhersagbarkeit von Lebenssituationen eine der wichtigsten Ursachen für Angstreaktionen darstellt.  

Zahlreiche Ängste hängen mit gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen und Gegebenheiten zusammen. Die Angst um den Arbeitsplatz, vor allem in krisengeschüttelten Branchen und bei bestimmten Arbeitnehmern (bei weiblichen, älteren, kranken und behinderten Personen) resultiert aus Veränderungen, die durch die Schlagworte Globalisierung, Rationalisierung, Umstrukturierung, Auslagerung in Billiglohnländer, steigender Kostendruck u.a. charakterisiert sind. Weniger Arbeitnehmer müssen immer mehr Arbeit bei stagnierenden Löhnen verrichten, sodass der Arbeitsdruck steigt und Panikattacken und Versagensängste zunehmen.  

Die Symptome der Angst können je nach zeitgeschichtlichem Hintergrund wechseln. Bei Frauen manifestierten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Angstsymptome oft in Ohnmachtsanfällen, bei Männern im ersten Weltkrieg nicht selten in Form von unkontrollierbarem Zittern.

 

Angst kann sich auch sehr dramatisch in Form der so genannten „Angsthysterie“ äußern, verbunden mit Schreien, Weinen, Hyperventilation oder als stummer Leidenszustand in Form verschiedener psychovegetativer und psychosomatischer Störungen.

 

In verschiedenen Kulturen führt Angst zu unterschiedlichen körperlichen Symptomen. Angst zeigt sich dabei z. B. als befürchteter Verlust der Manneskraft oder als befürchteter vorübergehender Verlust der Seele bei übermäßigem Stress. 

 

Es ist interessant und beinahe paradox, dass wir uns vor den realen Gefahren unserer technisch-industriellen Gesellschaft, wie etwa dem elektrischen Strom, bestimmten Chemikalien, Verkehrsmitteln oder Nuklearwaffen, oft weniger fürchten als vor Objekten und Situationen, die für unsere Vorfahren lebensgefährlich waren (z.B. Schlangen oder Dunkelheit). Dies zeigt, wie formbar unsere Reaktionen auf potentielle Angstreize sind, wenn wir nicht durch evolutionär bedingte und vererbte Ängste gesteuert werden.

 

Oder haben Sie etwa Angst vor dem Autofahren? Wohl kaum, obwohl es erwiesenermaßen als äußerst unsicheres Verkehrsmittel gilt. Und warum nicht? Weil wir uns schlicht und einfach daran gewöhnt haben. Dagegen äußert sich die evolutionär geprägte Höhenangst allzu oft in Panik vor dem Fliegen, einer der sichersten Fortbewegungsarten unserer Zeit.

 

 

Angst ist gelernt und kann wieder verlernt werden

 

Viele Ängste werden erlernt oder anerzogen – in der Familie, in der Schule, im Beruf, in der übrigen sozialen Umwelt und durch unterschiedlichste Lebenserfahrungen. Studien bestätigen, dass ängstliche Eltern oft auch ängstliche Kinder haben. Kein Wunder: übertriebene Fürsorge verhindert das Wachsen des kindlichen Selbstvertrauens und schürt die Entwicklung von Ängsten; auch allzu autoritäre Eltern, die ihre Kinder ständig demütigen und jede Autonomie verhindern, provozieren die gleiche Entwicklung. Das Positive daran: alles, was erlernt wird, lässt sich auch wieder verlernen! Viele Ängste aus dem Elternhaus oder aus früheren Phasen des Lebens lassen sich förmlich abstreifen wie eine zweite, überflüssig gewordene Haut. Voraussetzung ist: ein konsequenter Prozess der Selbsterziehung und das Sich-Lösen aus den alten Verstrickungen. Mit dem Rest – einer rascheren Alarmiertheit bei vermeintlicher Bedrohung – kann man besser umgehen lernen.

 

Viele Angstpatienten sehen sich gerne als passives Opfer ihrer Eltern, was in dem einen oder anderen Fall durchaus berechtigt sein mag. Geben auch Sie Ihren Eltern alle Schuld für Ihre Ängste? Nur wenn Sie selbst zum aktiven „Täter“ werden, können Sie die späten Auswirkungen eines Angst machenden Elternhauses auflösen. Kindheit ist nicht Schicksal, sondern kann durch konstruktives Handeln als Erwachsener zumindest teilweise kompensiert werden. Nehmen Sie Ihr Leben im Hier-und-Jetzt mit Mut und Vertrauen selbst in die Hand!

 

 

Angst ist eine Kraft – nutzen Sie die Chance!

 

Angst ist also ein biologisches, psychologisches und soziales Warnsignal und tritt dann auf, wenn unser Körper, unsere Ziele oder unsere Sozialbeziehungen bedroht sind. Wir können der Angst eigentlich nur dankbar sein: sie ist eine Kraft, die uns antreibt, endlich etwas anzupacken und aktiv Schritte zu tun!

 

Angst motiviert uns zur Bewältigung von realen Bedrohungen, sie hilft unserer Persönlichkeit, sich zu „häuten“ und zu dem Lebensumfeld zu finden, das wir uns wirklich wünschen. Angst fordert, ja – aber sie fördert auch!

 

Überlegen Sie nur: individuelle Angst mittleren Ausmaßes verstärkt unsere Anstrengungen in Leistungssituationen und aktiviert unseren Körper und unseren Geist zu Höchstleistungen. Und kollektive Angst führt zur Beseitigung negativer gesellschaftlicher Entwicklungen wie etwa Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Erde, Beeinträchtigung des Erbgutes, Missbrauch der Atomkraft.

 

Angst schützt uns auch vor zu gewagten Handlungen, die unsere Fähigkeiten übersteigen, wie Extrembergsteigen oder zu hohe Geschwindigkeit beim Autofahren.

 

Kennen Sie den Spruch von Erich Kästner: „Das Leben ist immer lebensgefährlich“? Unser Leben ist ständig Gefahren ausgesetzt; wir können sie nicht beseitigen, sondern nur besser bewältigen und tolerieren lernen!

 

 

Angst zeigt auf, was wichtig ist

 

Angst hat auch eine existentielle Dimension. Wir fürchten uns zu Recht davor:

·         etwas zu verlieren, was uns Sicherheit gibt: Eltern, materielle Güter, Gesundheit, Unabhängigkeit;

·         die Zuneigung anderer Menschen zu verlieren, durch deren Anerkennung wir selbstbewusst leben können;

·         zu versagen, was in unserer Leistungsgesellschaft als Makel gilt;

·         falsche Entscheidungen zu treffen, an deren Folgen wir zu leiden hätten;

·         zu früh zu sterben, sodass viele unserer Hoffnungen und Erwartungen unerfüllt bleiben könnten.

 

Nur wer nichts und niemand geliebt hat, hat keinerlei Verlustängste. Würden Sie so jemand für glücklich halten? Sie müssen also einen hohen Preis zahlen, wenn Sie tatsächlich keinerlei Ängste haben wollen!

 

Es gilt vielmehr, je nach Situation eine angemessene Balance aus Mut, Vorsicht und Angst zu entwickeln, um mit irrealen oder auch tatsächlichen Gefahren besser umgehen zu können.

Angstbewältigung besteht nicht in der Vermeidung oder gar Verleugnung der Angst, sondern in der konstruktiven Annahme unserer Ängste. Nicht die Angst an sich gilt es zu bekämpfen, sondern den richtigen Umgang mit ihr zu lernen. Kooperieren wir doch mit unserer Angst, um dank ihr ohne Einengung unsere Ziele zu erreichen!

 

 

Der „Dreiklang der Angst“: Körper – Gedanken – Verhalten  

Angst zeigt sich primär auf den folgenden drei Ebenen: 

1.     Körperlicher Anteil. Angst ist eine objektiv messbare körperliche Reaktion und äußert sich etwa im Anspannen der Muskeln, in Herzrasen und in Veränderungen der Blutgefäße, des Blutdrucks, des Hautwiderstands und der Gehirnwellen. Krankhafte Angst geht immer einher mit bestimmten körperlichen Symptomen. Viele Angstpatienten haben – konstitutionell bedingt – ein rasch ansprechbares vegetatives Nervensystem.  

2.    Subjektiver Anteil (Gedanken und Gefühle). Angst besteht aus bestimmten gedanklichen Prozessen wie Befürchtungen, Gefühle der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins und aus noch mehr Angst machenden Denkmustern („Es wird bestimmt etwas ganz Schlimmes geschehen“; „Ich kann mir in dieser Situation nicht mehr helfen“; „Mein Herzrasen ist gefährlich und kündigt bestimmt einen Herzinfarkt an“). Angstpatienten vergegenwärtigen sich oft sehr plastisch die letzte oder nächste Panikattacke, überschätzen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens bedrohlicher Ereignisse und deren Folgen, interpretieren bestimmte körperliche Symptome als Zeichen einer schweren Gesundheitsgefährdung, konzentrieren sich übermäßig auf potentiell gefährliche Situationen, beschäftigen sich zuviel mit Tod, Krankheit und Versagen, verharren in einer ständigen Bedrohungserwartung und können mit einem gewissen Restrisiko nicht umgehen.

3.    Verhalten (motorischer Anteil). Angst zeigt sich in bestimmten beobachtbaren Verhaltensweisen wie Starrwerden vor Schreck bis zur Regungslosigkeit, Zittern oder Beben, Fluchtreaktion, panikartiges Verhalten, Vermeidung von Angst machenden Situationen, Vermeidung von Blickkontakt. Eine Agoraphobie (Platzangst) ist ein Musterbeispiel für eine ständige Fluchtbereitschaft als Sicherheitsmaßnahme.

 Diese körperlichen, gedanklich-gefühlsmäßigen und verhaltensbezogenen Anteile spielen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Angststörungen eine ganz entscheidende Rolle, ihre Ausprägung ist jedoch individuell sehr unterschiedlich. Bei manchen Menschen stehen eher die körperlichen Symptome im Vordergrund, bei anderen wieder mehr die Gedanken und Gefühlszustände. Immer aber werden die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen körperlicher Befindlichkeit, Verhalten, Denken und Gefühlen im Rahmen einer Angstbewältigungstherapie sinnvoll genutzt. Denn:

 ·      Änderungen im Verhalten führen auch zu Änderungen im Denken. Auf diesem Grundsatz beruhen verhaltensorientierte Therapiemodelle wie die Konfrontationstherapie (in der Verhaltenstherapie). Sie versuchen, den Glauben an die Kontrollierbarkeit Angst machender Situationen zu stärken, indem sie dem Angstpatienten konkrete positive Bewältigungserfahrungen verschaffen.

·       Änderungen im Denken führen zu Änderungen im Fühlen und Verhalten. Diese Erkenntnis wird bei den einsichtsorientierten Therapien (z.B. der Psychoanalyse) ebenso berücksichtigt wie in der kognitiven Verhaltenstherapie. Neue Sichtweisen führen zu neuen Verhaltensreaktionen. Die glaubhaft vermittelte Information, dass starkes Herzrasen und heftiger Schwindel bei Panikattacken völlig ungefährlich sind und keinesfalls den nahen Tod bedeuten, macht Mut, den körperlichen Schongang aufzugeben und sich wieder etwas mehr zu betätigen.

·       Änderungen im gefühlsmäßigen Erleben führen zu Änderungen im Verhalten und Denken. Diesen Zusammenhang nutzen stärker emotionszentrierte Therapiekonzepte (z.B. die Gestalttherapie), aber auch bestimmte verhaltenstherapeutische Techniken.

  

Angst beginnt im Kopf: „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.“ (Erich Kästner)

Das kennen Sie sicher: allein der Gedanke an Ihre Lieblingsspeise bringt den Speichelfluss gehörig in Gang. Oder: bloß an den Kinoschocker von letzter Woche zu denken, führt blitzartig zu Gänsehaut und kalten Händen. Sie sehen: allein die anschauliche und plastische Vergegenwärtigung einer vergangenen oder zukünftigen Situation führt zu einer lebhaften körperlichen Reaktion. Was für Erfolgserlebnisse und Glücksgefühle gilt, trifft ebenso auf Angst- und Panikzustände zu. 

Denn: der Körper reagiert nicht nur auf die äußere Realität, sondern auch auf innere Zustände wie Erinnerungen und Befürchtungen. Allein die gedankliche Vorstellung einer gefährlichen Situation mobilisiert den Körper blitzartig mit dem Ziel, dieses vermeintliche Gefahrenmoment möglichst rasch abzuwenden.  

Dieser Mechanismus ist auch dann grundsätzlich sinnvoll und lebensnotwendig, wenn – wie dies häufig der Fall ist – eine Situation irrtümlich als bedrohlich eingeschätzt wird. Jeder kennt den Spruch „Das gebrannte Kind fürchtet das Feuer“. Aber worauf soll damit eigentlich hingewiesen werden? Wohl in erster Linie auf die große Bedeutung des Gedächtnisses in Zusammenhang mit – in diesem Fall – einer bedrohlichen Situation. Die negative Lernfahrung des Kindes mit dem Feuer bestimmt darüber, wie es sich jetzt und später dem Feuer gegenüber verhält. Das Gedächtnis speichert wie eine Festplatte Lernerfahrungen, die über unser künftiges Verhalten in ähnlichen Situationen bestimmen. Noch ein Beispiel. Es gibt wohl niemand, der bei Grün über den Zebrastreifen ginge und diesem Ereignis eine große Bedeutung beimessen würde. Gewöhnlich vertrauen wir bestimmten Menschen und Situationen ohne Furcht und Argwohn, in unserem Beispiel eben darauf, dass die Autos uns unbehelligt über die Straße gehen lassen. Ganz anders aber nach einer negativen Erfahrung. Eine Frau ging zum x-ten Mal voll Vertrauen über den Zebrastreifen vor ihrem Haus. Das erste Auto blieb korrekt stehen, der Fahrer des zweiten jedoch wollte unbedingt noch vorbeifahren und stieß die Frau mitten auf der Straße nieder. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt hatte sie monatelang mit schweren Ängsten zu kämpfen, wann immer sie eine Straße überqueren wollte. Nach derartigen Erfahrungen müssen unser Geist und unser Körper wieder unterscheiden lernen, wie sinnvoll eine heftige Angstreaktion in bestimmten Situationen ist, ohne dass ständig eine Überreaktion in tatsächlich ungefährlichen Situationen erfolgt. Es gilt, wieder die Balance zu finden zwischen gerechtfertigten bzw. angemessenen Angstreaktionen und übertriebenen oder grundlosen.   

Dieses Beispiel zeigt aber auch sehr deutlich, wie schwer es Angstpatienten fällt, wieder Vertrauen in die Umwelt und in den eigenen Körper zu finden, wenn eine gewöhnlich vernachlässigbare Restgefahr tatsächlich einmal eingetreten ist. Dies gilt für jede Form eines gewaltsamen Übergriffs von außen, aber auch für all jene Fälle, wo etwa nach einer ärztlichen Untersuchung ohne organischen Befund („Es ist alles psychisch“) schließlich doch eine körperliche Ursache der Störung gefunden wurde.  

Eine starke Vorstellungskraft und eine rege, bunte Phantasie: das sind Begabungen, die für jede künstlerisch-kreative Tätigkeit erforderlich sind. Bei Ängsten wirken sie sich aber sehr ungünstig aus. Menschen mit einer Neigung zu Angststörungen haben oft ein sehr ausgeprägtes bildhaftes Denken („Was wäre, wenn…“) und betreiben in ausgefeilten inneren Dialogen eine „negative Selbsthypnose“, das heißt sie können sich gefürchtete Zustände und Situationen so intensiv vergegenwärtigen, als wären sie real vorhanden. Wie ein Regisseur gestalten sie perfekt inszenierte innere Filme und Dramen, die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschwimmen.   

Dieses bildhafte Denken ist aber auch eine Begabung und sollte sowohl bei der Selbsthilfe als auch in einer Psychotherapie konstruktiv genutzt werden. Solche phantasiebegabte Angstpatienten können durchaus lernen, ihren Angstfilm im Kopf positiv zu Ende zu denken, sodass statt der Katastrophe eine positive Form der Angstbewältigung erfolgt.   

Wann immer Sie sich dazu durchringen können, sich Ihre Angstsituationen als bewältigbar vorzustellen, haben Sie schon viel geschafft! Auf jeden Fall wird die Bereitschaft verstärkt, sich dieser Situation zu stellen, anstatt ihr wie bisher immer auszuweichen. Denken Sie immer daran: jeder Weg, und sei er noch so weit, beginnt mit einem einzigen von tausenden Schritten.

 

 

Wie man sich Angst machen kann  

Die Macht der Gedanken wurde bereits vom griechischen Philosophen Epiktet (um 200 n. Chr.) sehr treffend formuliert: „Nicht die Dinge an sich sind es, die uns beunruhigen, sondern die Art und Weise, wie wir sie sehen.“ Wie sehr dies auch auf Angstzustände zutrifft! Krankhafte Angst entsteht aus der Bewertung von Situationen und Zuständen und resultiert nicht einfach aus den „Dingen an sich“. Und ist das nicht eigentlich auch sehr beruhigend? Oft ist nicht die Situation an sich angstvoll, sondern das, was wir in Gedanken aus ihr machen.  

Menschen mit Angststörungen neigen nun eben dazu, unwahrscheinliche, negative Ereignisse als sehr wahrscheinlich einzuschätzen und können ein bestimmtes Restrisiko nur sehr schwer ertragen. Die häufigsten dieser kognitiven Spiralen basieren auf einem extremen Sicherheitsdenken („Ich muss über alles informiert sein und jede mögliche Gefahr ausklammern, man kann ja nie wissen“) und einem furchtsamen Umgang mit neuen Situationen („Ich möchte lieber nichts Neues ausprobieren, es könnte ja gefährlich sein“). 

Viele Angstpatienten schätzen aufgrund einer besonderen Sensibilität bestimmte körperliche Zustände, Umstände und Situationen viel gefährlicher ein als sie tatsächlich sind:   

·         Herzrasen/Schwitzen/Atembeschwerden („Ich bekomme jetzt bestimmt einen Herzinfarkt“);

·         Schwindel/Übelkeit/Benommenheit („Gleich falle ich in Ohnmacht“);

·         Atemnot/Würgegefühl/Kloß im Hals („Bald ersticke ich“);

·         Kribbeln in den Extremitäten („In Kürze bin ich gelähmt durch einen Gehirnschlag“);

·         Magenbeschwerden („Bestimmt habe ich Krebs, und kein Arzt kann mir rechtzeitig helfen“);

·         Schwindel („Wahrscheinlich habe ich einen Kopftumor, und keiner findet ihn“);

·         den Aufenthalt in einem Geschäft („Hoffentlich falle ich jetzt nicht um, wie es mir vor drei Monaten fast passiert wäre“);

·        die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel („Bestimmt wird mir schlecht und ich muss öffentlich erbrechen oder ich bekomme einen Harn- oder Stuhldrang“);

·         den Anblick eines Hundes („Bestimmt wird mich der Hund beißen“);

·         Lift fahren („Der Lift könnte stundenlang stecken bleiben“);

·         einen Vortrag halten („Wahrscheinlich wirke ich nervös und alle halten mich für psychisch nicht belastbar“);

·         den Aufenthalt in einer kleinen Gruppe („Einige Leute werden mich bestimmt nicht mögen“);

·         die Verspätung des Kindes („Bestimmt hat mein Kind einen Unfall erlebt“);

·         die Erkrankung einer älteren Mutter („Wahrscheinlich wird meine Mutter bald sterben“);

·         verschmutzte Hände („Bestimmt war das, was ich angegriffen habe, verseucht, sodass ich mich jetzt gründlich waschen muss“);

·         rasch erledigte Arbeiten („Wahrscheinlich habe ich etwas falsch gemacht, sodass ich alles nochmals kontrollieren muss“).

  

Angst als Stressreaktion

 Unter Stress versteht man ganz allgemein alle körperlichen und seelischen Belastungen (Stressoren) sowie auch die Reaktion auf diese Belastungen. Stress entsteht nicht einfach nur durch das Auftreten eines Stressors wie eines Todesfalls, einer Scheidung oder einer Kündigung, sondern hängt vor allem auch davon ab, wie der Betroffene damit umgeht und ob er die Situation subjektiv als mehr oder weniger belastend bewertet. Ein Gefühl der Kontrolle und Einflussmöglichkeit vermindert die Auswirkungen eines Stressors, ein Gefühl mangelnder Kontrollierbarkeit und Machtlosigkeit verstärkt jeden Stress.  

Angst- und Panikstörungen sind oft die Folge einer stark belastenden und schon länger andauernden Situation, die als nicht oder nicht mehr bewältigbar empfunden wird. Während man diese Herausforderung früher spielend bewältigt hätte, ist nun das Maß der Anspannung zu groß, um sozusagen das Ruder noch herumreißen zu können. Gerade Panikattacken haben oft den Hintergrund einer bereits lang andauernden, hohen Stresssituation. Da reicht dann oft nur noch ein zusätzlicher Stressor als Auslöser wie etwa ein Streit mit dem Partner und das Fass schwappt endgültig über.  

Angst- und Panikzustände lassen sich anhand des Stressmodells gut erklären; es sind Reaktionen, denen dieselben körperlichen Vorgänge wie jedem anderen Stress zugrunde liegen. In biologischer Hinsicht werden im Übrigen auch Depressionen in zunehmendem Ausmaß als Stressreaktionen interpretiert.  

Hans Selye, der Begründer der Stressforschung, beschrieb jeden körperlichen und seelischen Stress als „allgemeines Anpassungssyndrom“ des Körpers an den Stressor und unterschied dabei drei Phasen:   

1.    Alarmreaktion bei akutem Stress 

 „Paahh, da hab ich aber einen Adrenalinausstoß gehabt...“ Diesen oft so salopp hingesagten Satz kennt wohl jeder. Und tatsächlich spielen sich bei jeder akuten körperlichen oder seelischen Belastung in Bruchteilen von Sekunden unglaublich viele Prozesse ab. Das limbische System im Gehirn, namentlich der so genannte Mandelkern, steuert den Angst-Flucht-Reflex, das Kurzstresshormon Adrenalin und das Dauerstresshormon Kortisol aktivieren blitzartig das gesamte vegetative Nervensystem und rütteln den ganzen Körper wach.  

Zuerst tritt jedoch eine kurze Schockphase auf, die Sie bestimmt schon oft als die berühmte „Schrecksekunde“ selbst erlebt haben. Dabei schaltet das vegetative Nervensystem einen Moment lang auf kurzfristige Reaktionsunfähigkeit um, die dem Atemholen, Kräftesammeln und Abschätzen der Gefahr dient, oft verbunden mit Kreislaufschwäche, Schwindel, Ohnmachtsangst, Atemnot, Übelkeit, Magenkrämpfen, Harn- oder Stuhldrang, Durchfall, Muskelschwäche („weichen Knien“), Erröten, Weinkrämpfen.  

Nach dieser Schockphase stellt sich der Körper in der Kampf- oder Fluchtphase auf eine kurzfristige Höchstleistung ein. Man spricht von einer „Bereitstellungsreaktion“ oder „Notfallreaktion“. Ein kräftiger Adrenalinschub aktiviert Herz- und Kreislaufsystem, Atmung, Skelettmuskulatur, Hirnwellen und geistige Aufmerksamkeit und blockiert im gleichen Moment alle Vorgänge, die jetzt in dieser Ausnahmesituation nicht benötigt werden (Appetit, Verdauung, Immunabwehr etc.). Alle Energien sind ausschließlich auf die Bewältigung der aktuellen Stresssituation fokussiert. Innerhalb einer Minute erfolgt diese intensive Phase der Mobilmachung für Flucht oder Kampf, wobei diese beiden Begriffe nicht unbedingt wörtlich zu nehmen sind. Mit „Kampf“ ist eher ein aktives Herangehen an die Situation gemeint, mit „Flucht“ jede Art von Rückzug, also auch Fluchtimpulse.  

Dass gerade die körperliche Leistung bei Stress im Vordergrund steht, zeigt, wie ursprünglich diese Reaktion in der Evolution ist. Bei unseren Vorfahren entschieden rein körperliche Aspekte wie Kraft und Schnelligkeit über Leben oder Tod in einer Stresssituation – eine Verhaltensweise, die nach wie vor tief in uns verankert ist. Interessanterweise läuft der gleiche körperliche Reaktionsmechanismus auch dann ab, wenn Situationen nur als bedrohlich vorgestellt werden, das heißt der Körper unterscheidet nicht zwischen realen und vorgestellten Gefahren. Bei psychischem Stress ist die körperliche Mobilisierung meist zu stark, weil ja keine entsprechende Aktivität wie Kampf oder Flucht erforderlich ist.  

Die Folgen sind: ein körperlicher Anspannungszustand, der mangels Bewegung bestehen bleibt; ein Aufbau von Energie und eine Beschleunigung von Stoffwechselvorgängen, wie dies gar nicht notwendig ist.  

2.    Widerstandsstadium bei chronischem Stress  

Damit ist jene Zeitspanne gemeint, während der die extreme Aktivierung des Körpers andauert. Meist setzt einige Minuten nach Beginn des Alarmstadiums ein Gegenregulativ ein, um den Körper wieder in Balance zu bringen, was oft mit einer erhöhten Magen- und Darmtätigkeit, mit Übelkeit etc. verbunden ist. Ein gefährlicher Nebeneffekt von Dauerstress: der Körper ist anfälliger für Krankheiten, da dafür kaum mehr Abwehrreserven zur Verfügung stehen.   

3. Erschöpfungsphase bei unzureichender Stressbewältigung  

Wenn der Stresszustand erfolgreich bewältigt wurde, setzen nun Entspannung und Erholung ein – wenn nicht, arbeitet das überaktive Nervensystem weiter, es kommt zu Irritationen der sonst perfekt eingespielten vegetativen Abläufe und letztendlich zu verschiedenen psychovegetativen und psychosomatischen Dauerstörungen. Nach dem Motto „Das schwächste Glied in der Kette reißt zuerst“ entwickeln sich in jenen Organbereichen Störungen, bei denen man am anfälligsten ist.

Angst, Aufregung und Stress lösen bestimmte biologisch sinnvolle vegetative Reaktionen aus, im negativen Fall aber auch belastende Fehlregulierungen. Alles, was zu einem drastischen Anstieg des Adrenalinspiegels im Blut führt, kann eine Panikattacke auslösen. Die Alarmierung des Körpers kann dabei durch körperliche oder seelische Stressoren erfolgen.  

Panikattacken treten oft erst nach einer starken körperlichen oder seelischen Belastung auf. War der Stresshormonspiegel über einen längeren Zeitraum erhöht, sinkt er nämlich mit nachlassender Belastung nicht sofort auf das Normalmaß zurück, sondern wird oft erst über eine Panikattacke abgebaut. Dies erklärt das häufige Auftreten von Panikattacken in Phasen beginnender Ruhe, das heißt wenn man sich gerade niedergesetzt oder in das Bett gelegt hat. Panikattacken können sogar im Schlaf auftreten, und zwar dann, wenn die chronische Verspannung erst im Schlaf nachlässt. Eine derartige Symptomatik ist mit einer Wochenendmigräne vergleichbar.  

Gerade aber dieser Umstand, dass man sich die ungewohnten körperlichen Reaktionen im Ruhezustand nicht erklären kann, führt zu neuerlicher Unruhe und ängstlicher Beobachtung des Körpers und somit erst recht wieder zur Verstärkung der körperlichen Symptome.

 

Brett vor dem Kopf: Angst kann das Denken blockieren 

Wer kennt das nicht: da hat man sich bestens vorbereitet auf eine wichtige Prüfung, fühlt sich sicher und kompetent – und in der besagten Situation ist plötzlich alles anders, das ganze Wissen wie weggezaubert, man ist wirr und durcheinander und kann keinen klaren Gedanken fassen. Das berühmte „Brett vor dem Kopf“! Nicht wenige Panikpatienten befürchten, durch die Intensität der Angstzustände verrückt zu werden, das heißt sie glauben irrtümlich, durch den starken Gefühlsdruck den Verstand zu verlieren.  

Wenn Angst ein so extremes Ausmaß annimmt, dass es zum Zusammenbruch des gesamten geordneten Denkens und Handelns kommt, spricht man von Panik.  

In bestimmten Katastrophensituationen – man denke nur an den 11. September 2001 in New York – wird Angst fast unweigerlich zur Panik. Panik im Sinne eines katastrophenbedingten Massenphänomens ist eine akute Angstreaktion mit verminderter Selbstkontrolle; die Betroffenen flüchten blind, unüberlegt, unorganisiert und ohne Rücksicht auf soziale Aspekte. Panik in Menschenmassen tritt dann auf, wenn keine Fluchtmöglichkeit mehr geortet wird. Das größte Ausmaß an Panik entsteht aber bei einer mittleren Wahrscheinlichkeit, sich retten zu können. Dies erklärt das ständige Auf-dem-Sprung-Sein vieler Angstpatienten, wenn sie in einer Angstsituation eine Fluchtmöglichkeit sehen (die Vorstellung von Flucht aktiviert zur Flucht).  

Während ein dosiertes Angstausmaß die Aufmerksamkeit, Wachheit, intellektuelle und motorische Leistungsbereitschaft erhöht, führen übermäßige Ängste zur Beeinträchtigung des Denkens, der Konzentration und des Verhaltens bis hin zur totalen Angstblockade.    

Der Zusammenhang zwischen Angst und Leistung entspricht dem folgenden Verhältnis: zuwenig Angst macht uns sorglos, träge und antriebslos, zuviel Angst macht uns ungeschickt, gehemmt und gelähmt, während uns ein mittleres Angstausmaß zu Höchstleistungen motiviert und aktiviert. Ein mittleres Ausmaß an Erregung garantiert demnach eine optimale Leistungsfähigkeit.  

Ein gewisses Ausmaß von Angst bewahrt uns auch vor Routine und bewirkt, dass wir „echt“ sind und immer wieder unser Bestes geben. In diesem Sinn ist das Lampenfieber von Schauspielern und Sängern zu verstehen, die behaupten, nicht mehr so gut zu sein, wenn sie vor dem Auftritt nicht mehr nervös seien.  

Auch erfolgreiche Leute sind in schwierigen Situationen angespannt, halten dies jedoch für normal, weil Angst einfach den Körper mobilisiert, um zu einer Lösung zu gelangen. Im Wort „Emotion“ steckt das lateinische Wort motio, das „Bewegung“ bedeutet, das heißt Gefühle sollen unseren Körper zu einer Handlung bewegen. 

Nützlich ist jene Angst, die uns hilft, im Hier-und-Jetzt zu handeln. Blockierend ist jene Angst, die uns bei der Vorstellung drohender Gefahr in unseren aktuellen Handlungsmöglichkeiten einschränkt.

 

 

Lebenseinengende Angst macht krank 

Wie zieht man aber die Linie zwischen förderlicher und hemmender Angst? Wir bezeichnen Angst dann als krankhaft, wenn sie das Leben so stark einengt, dass die soziale und berufliche Funktionsfähigkeit beeinträchtigt ist und über einen längeren Zeitraum ein großer individueller Leidensdruck gegeben ist. Dann spricht man von einer „Angststörung“. Das Wort „Störung“ wird heute gegenüber der Bezeichnung „Krankheit“ bevorzugt, weil damit kein rein biologisches Erklärungsmodell verbunden ist.  

Eine Angststörung 

·         tritt ohne reale Bedrohung auf,

·         dauert auch nach der Beseitigung einer realen Bedrohung an,

·         tritt unangemessen, zu stark und zu häufig auf,

·         dauert zu lange an,

·         ist mit starken körperlichen Symptomen verbunden,

·         kann hinsichtlich Auftreten und Dauer nicht kontrolliert werden,

·         ist nicht durch bestimmte Bewältigungsstrategien in den Griff zu bekommen,

·         kann nicht durch bestimmte Erklärungskonzepte gemildert werden,

·         ist mit belastenden Erwartungsängsten („Angst vor der Angst“) verbunden,

·         führt zur Vermeidung Angst machender, objektiv ungefährlicher Situationen,

·         führt zur Unterlassung wichtiger Aktivitäten,

·         schränkt das Leben übermäßig ein,

·         führt zu individuellen Belastungen und Leidenszuständen.

 

Krankhafte Ängste können unter drei verschiedenen Bedingungen auftreten:

1.       Körperliche Zustände, Situationen oder Objekte werden falsch, nämlich als gefährlich eingeschätzt.

2.       Die Alarm- und Bedrohungsstrukturen sind gestört. Es liegen Krankheitsprozesse des Gehirns vor.

3.       Das Warnsignal der Angst klingt nicht ab. Es erfolgt keine Gewöhnung (Habituation) an die Angst, sondern die Erregung nimmt im Gegenteil sogar noch zu, wie dies etwa bei der posttraumatischen Belastungsstörung der Fall ist. 

Mit verschiedenen starken Ängsten kann man vorübergehend ganz gut leben. Es liegt alleine in Ihrem Ermessen, ob Ihre Angst behandelt werden sollte oder nicht. Nur Sie können beurteilen, wie stark die Angststörung Ihr Leben einschränkt und wie hoch der Druck ist, unter dem Sie leiden.

 

 

Angststörungen als Ausdruck von Veränderungen im Leben

Leben bedeutet Veränderung, Fortschreiten von einer Lebensphase zur anderen. An diesen ganz normalen Aufgaben, die das Leben uns stellt, reifen wir als Menschen. Übergänge im Rahmen des Lebenszyklus sind oft auch sehr kritische und fast dramatische Ereignisse, die zu psychischen Störungen führen können, wenn sie nicht bewältigt werden.

 Angststörungen spiegeln oft die Furcht vor Veränderungen wider, die durchaus als notwendig erkannt werden. Das Alte befriedigt nicht mehr, das Neue macht jedoch Angst. Die Angst kann nicht als Kraft genutzt werden, sondern führt dazu, dass keine neuen Wege beschritten werden. Eine unglücklich machende Partnerschaft, ein belastendes Zusammenleben mit den Eltern, ein frustrierender Arbeitsplatz oder eine unpassende Berufstätigkeit können häufig nicht aufgegeben werden aus Angst vor der Ungewissheit der Zukunft. Es fehlt das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten.  

Zwangsstörungen drücken nicht selten die Schwierigkeit aus, das Vergangene vergangen sein zu lassen. Das Geschehene muss immer wieder neu auf mögliche Fehler überprüft werden, sodass die Möglichkeit zu neuen Entwicklungen eingeschränkt ist. Man beschäftigt sich lieber mit dem Vertrauten, obwohl dies schon bald unerträglich erscheint, anstatt etwas Neues zu wagen. Es fehlt der Mut zum Risiko. Und wenn doch neue Möglichkeiten erwogen werden, können Menschen mit einer Zwangsstörung nicht so einfach resignieren wie Menschen mit einer typischen Angststörung. Sie suchen nach einem Weg, wie sie eine Aufgabe perfekt bewältigen können, denn Perfektion wäre eine Garantie, ein befürchtetes Versagen zu vermeiden. Ein zwanghafter Perfektionismus ist oft auch ein Bewältigungsversuch von sonst nicht erträglichen Ängsten: wenn alles perfekt ist, braucht man sich nicht mehr zu fürchten – was sich bald als zusätzliches Problem herausstellt, denn es ist nie alles perfekt vorbereitet. 

Depressionen drücken oft die Schwierigkeit aus, von einer bereits vergangenen Lebensphase auch innerlich Abschied nehmen und sich auf neue Lebensmöglichkeiten einstellen zu können. Eine zu Ende gegangene Beziehung, der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust materieller Sicherheit, der Auszug von Zuhause, der Umzug in eine neue Gegend, das Nachlassen der körperlichen und geistigen Vitalität sind oft nur schwer zu verkraften, was die weitere Lebensentwicklung blockieren kann. Es fehlt die Kraft zum Loslassen, der Mut zum Abschied-Nehmen. Doch nur im Loslassen alter, überholter Dinge kann Neues wachsen!  

Es ist völlig normal, sich vor neuen Lebenssituationen zu fürchten, sodass in Übergangszeiten krisenhafte Entwicklungen auftreten können, die noch keineswegs pathologisch zu bewerten sind. Erst falsche Problemlösungsversuche machen aus einer normalen Lebenskrise eine klinisch relevante Beeinträchtigung.  

Wenn ganz normale Ängste vor dem Neuen und der Zukunft in Übergangszeiten durch Vermeidungstendenzen im Sinne einer Angststörung oder durch einen Perfektionismus im Sinne zwanghafter Absicherungstendenzen zu bewältigen versucht werden, weil das Vertrauen in das richtige Handeln in der Zukunft in Frage gestellt erscheint, entsteht Stagnation. Diese Gefahr ist umso größer, je mehr gleichzeitig unbewältigte Dinge aus der Vergangenheit die Ressourcenaktivierung blockieren.

 

Psychische Störungen sind oft charakterisiert durch einen Wechsel der Symptomatik. Wer ängstlich war, wird aufgrund mangelnder Erfolgserlebnisse häufig auch noch depressiv. Wer nicht depressiv werden möchte, wird nicht selten zwanghaft-perfektionistisch, um befürchteten Schuldgefühlen bei Versagen zu entgehen.

 

 

 

Der gesamte Text stammt aus meinem letzten Buch, das ich allen Betroffenen sehr empfehlen möchte:

 

Morschitzky, H. & Sator, S. (2002). Die zehn Gesichter der Angst. Ein Selbsthilfe-Programm in 7 Schritten. Düsseldorf: Walter-Verlag. 237 Seiten. € 14,90 (Österreich 15,40).