Dr. Hans Morschitzky

 

Klinischer und Gesundheitspsychologe

 

Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

 

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Aufmerksamkeit

 

Intakte Aufmerksamkeitsleistungen sind eine wichtige Voraussetzung für die Bewältigung alltäglicher Anforderungen. Überall dort, wo wir es nicht mit hoch überlernten Routinehandlungen (Gewohnheitsbildungen) zu tun haben, ist Konzentration und konzentrierte Kontrolle unseres Handelns erforderlich. Aufmerksamkeitsprozesse beziehen sich auf externe Abläufe (z.B. bei der Beobachtung und Handlungskontrolle) und auf interne Abläufe (z.B. bei der Handlungsplanung oder dem Lösen eines Problems).

 

Aufmerksamkeit mit ihren unterschiedlichen Komponenten ist eine der wichtigsten Basisleistungen des Gehirns, d.h. andere höhere Hirnleistungen sind auf die Intaktheit und Verfügbarkeit von Aufmerksamkeitsleistungen angewiesen. Eine Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung hat z.B. negative Auswirkungen auf die Gedächtnisleistung, aber auch auf das Ergebnis in Intelligenztests.

 

Aufmerksamkeitsfunktionen stellen keine alleinstehende Leistung dar, sondern sind an vielfältigen Prozessen der Wahrnehmung, des Gedächtnisses, des Planens und Handelns, an der Sprachproduktion und -rezeption, an der Orientierung im Raum und an der Problemlösung beteiligt. Aufmerksamkeitsfunktionen stellen Basisleistungen dar, die für nahezu jede praktische oder intellektuelle Tätigkeit erforderlich sind. Sie sind dadurch allerdings sowohl konzeptionell wie funktionell nur schwer gegenüber anderen kognitiven Funktionen abgrenzbar.

 

Wenn wir unaufmerksam, „unkonzentriert“ sind, entgeht uns eine Vielfalt von Dingen, die sich um uns ereignen, wir schweifen ab, wir erinnern uns anschließend nicht an Einzelheiten. Bei praktischen Tätigkeiten „gehen uns die Dinge nicht von der Hand“ und es unterlaufen uns Fehler. Einschränkungen der Aufmerksamkeitsfunktionen haben daher weitreichende Folgen in Bezug auf nahezu jeden Lebensbereich. Die Wiedereingliederung in Alltag und Beruf nach schwerem OPS hängt eng mit der Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistung zusammen.

 

Durch ihren Basischarakter können gestörte Aufmerksamkeitsleistungen Einschränkungen in allen Lebensbereichen zur Folge haben. Stark schwankende Aufmerksamkeitsleistungen beeinträchtigen die kontinuierliche Leistungsfähigkeit und die Qualität jeder Arbeitsleistung. Dadurch kommt ihnen im Rahmen der neuropsychologischen Rehabilitation eine besondere Bedeutung zu.

 

Drei typische Beispiele für Aufmerksamkeitsstörungen:

 

l       Hirnorganisches Psychosyndrom. Störungen der Aufmerksamkeit gehören neben Störungen des Gedächtnisses zu den häufigsten Folgen von Hirnschädigungen unterschiedlichster Ätiologie (Ursache). Aufmerksamkeitsstörungen sind sogar die häufigsten neuropsychologischen Leistungsdefizite bei Hirnschädigungen. Sie kommen bei ca. 80% der Patienten nach Schlaganfall, Schädelhirntrauma oder anderen Erkrankungen des zentralen Nervensystems vor. Aufmerksamkeitsstörungen bestehen bei der Mehrzahl von Patienten mit einem Schädelhirntrauma (SHT) auch noch nach zwei Jahren, und zwar unabhängig von der Schwere der Schädigung. Die Feststellung, dass Störungen der Aufmerksamkeitsleistungen in keinem direkten Verhältnis zu den Indikatoren des Schweregrads eines Schädelhirntraumas stehen, ist von großer klinischer Relevanz, weil sich daraus die Notwendigkeit einer sorgfältigen und umfassenden psychodiagnostischen Untersuchung ergibt. Gerade leichtere Aufmerksamkeitsstörungen werden im klinischen Alltag häufig unterschätzt. Den Betroffenen wird häufig mangelnde Motivation und Willensstärke unterstellt („Reiß’ Dich doch mehr zusammen, damit Du nicht immer so blöde Fehler machst!“). Eine Unterschätzung des Ausmaßes des Aufmerksamkeitsdefizits im Rahmen der Neurorehabilitation führt zur Überforderung und als Folge der Überlastung zur Entmutigung des Patienten. Die Betroffenen brauchen bei jeder Art von Training mehr Pausen, weil sie ansonsten vermehrt fehleranfällig werden.

 

l       Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit und ohne hypermotorischem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen. Aufmerksamkeitsstörungen bei durchschnittlich intelligenten Kindern stellen häufig die Ursache für Minderleistungen und Unterschätzungen der aktuellen Leistungsfähigkeit dar (z.B. guter Deutschaufsatz mit vielen Flüchtigkeitsfehlern, richtiger Rechengang in Mathematik mit unnötigen Rechenfehlern wegen Unkonzentriertheit).

 

l       Aufmerksamkeitsstörungen im Rahmen psychischer Störungen, vor allem bei depressiven, schizophrenen und substanzabhängigen Patienten. Deren Leistungsfähigkeit ist oft nicht nur durch psychische Beeinträchtigungen im engeren Sinn (z.B. Stimmungsschwankungen), sondern auch durch konzentrative Beeinträchtigungen gemindert.

 

Intakte Aufmerksamkeitsleistungen stellen ein bedeutsames Potential zur Kompensation defizitärer Leistungen in anderen Bereichen dar: durch Konzentration z.B. auf die eingeschränkte Motorik oder Sprachfähigkeit können bestimmte Patienten ein adäquates Leistungsniveau erreichen. 

 

Es gibt bis heute keine verbindliche Definition der Begriffe „Aufmerksamkeit“ und „Konzentration“. Häufig werden die Begriffe synonym verwendet, oft werden Unterschiede hervorgehoben (wie in diesem Skriptum).

 

Aufmerksamkeit ist ein Zustand konzentrierter Bewusstheit, begleitet von einer Bereitschaft des zentralen Nervensystems, auf Stimulation zu reagieren.

 

Der Begriff der „Aufmerksamkeit“  umfasst verschiedene voneinander klar abgrenzbare Subsysteme, die jedoch eng miteinander verbunden sind. Man unterscheidet vier Aspekte der Aufmerksamkeit:

 

l       ungerichtete Aufmerksamkeit (tonische und phasische Wachheit)

l       gerichtete (fokussierte oder selektive) Aufmerksamkeit (Konzentration)

l       längerfristige Aufmerksamkeitszuwendung (Vigilanz, Daueraufmerksamkeit)

l       geteilte Aufmerksamkeit (gleichzeitige Konzentration/Reaktion auf mindestens zwei Reize)

 

 

 

1.  Ungerichtete Aufmerksamkeit

 

Ungerichtete Aufmerksamkeit bezeichnet die allgemeine Reaktionsbereitschaft und Wachheit  (Alertness). Die Wachheit als basale Aufmerksamkeitsdimension im Sinne einer Aktiviertheit bzw. Aktivierung des Organismus ist die Voraussetzung für die „höheren“ Aufmerksamkeitsdimensionen der selektiven und der geteilten Aufmerksamkeit. Die generelle Wachheit oder Aktivierung umfasst zwei Aspekte:

 

l       Tonische Wachheit: physiologischer Wachzustand des Organismus; allgemeine, zirkadian oszillierende Aufmerksamkeitsaktivierung. Es handelt sich um das dauernde Aktivierungsniveau, das z.B. abhängt von der Tageszeit, vom Ausmaß der medikamentösen Sedierung usw.

 

l       Phasische Wachheit: plötzliche Zunahme der Aufmerksamkeit unmittelbar nach einem Warnreiz (z.B. Warnton), d.h. kurzfristige Anhebung des Aufmerksamkeitsniveaus im Sinne einer Alarm- oder Orientierungsreaktion. Dies führt zu einer Verkürzung der Reaktionszeiten nach einem Warnreiz im Vergleich zu Reaktionszeiten ohne Warnreiz. Im EEG zeigt sich nach einem Warnreiz ein so genanntes Bereitschaftspotenzial als Zeichen der Aktivierung des Gehirns. Bei der so genannten Alarm- oder Orientierungsreaktion (arousal reaction) ist im Sinne einer Verstärkung der elementaren selektiven Aufmerksamkeitszuwendung auf einen Warnreiz (phasische Wachheit) neben einer generellen Aktivierungstonusanhebung die Ausrichtung der sensorischen Rezeptoren auf die Reizquelle enthalten. Mehrfache Darbietung des Stimulus führt zur Habituation (Gewöhnung) und Abschwächung der Orientierungsreaktion.

 

Die kognitive Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit gilt als Aspekt der tonischen und phasischen Aktiviertheit. Sie wird auch kognitive Leistungsgeschwindigkeit genannt. Aufmerksamkeit umfasst also auch den Aspekt der Reaktionsgeschwindigkeit auf bestimmte Reize. Eine Störung bewirkt eine kognitive Verlangsamung.

 

Störungen des tonischen Arousal sind z.B. dann anzunehmen, wenn ein Patient im Akutzustand nur erschwert ansprechbar ist und Anzeichen zeitlicher, örtlicher und auf die eigene Person bezogener Desorientiertheit zeigt. Zu den markanten Veränderungen nach Hirnschädigungen unterschiedlichster Ätiologie gehört eine häufig zu beobachtende allgemeine kognitive Verlangsamung.

 

Die testdiagnostische Erfassung einer reduzierten Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit bewahrt OPS-Patienten, die vom klinischen Eindruck her nach einer Phase der Besserung oft gar nicht mehr auffällig verlangsamt wirken, vor einer Überforderung.

 

Umgekehrt kann bei OPS-Patienten die Verlangsamung in Bezug auf die kognitive Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit massiv überschätzt werden (d.h. in Wirklichkeit sind die Patienten besser), weil sie beurteilt wird nach der sichtbaren motorischen Beeinträchtigung (z.B. motorische oder sprachliche Verlangsamung).

 

Untersuchungsverfahren zur Aktiviertheit umfassen Tests bezüglich der so genannten einfachen visuellen oder akustischen Reaktionszeiten, ohne oder mit Warnreizvorgabe. Die Reaktionsgeschwindigkeit nach einem visuellen oder akustischen Reiz gilt als Maß für die kurzfristige phasische Aufmerksamkeitsaktivierung, d.h. für die Fähigkeit, auf einen Warnreiz hin das Aufmerksamkeitsniveau kurzfristig zu verbessern.

 

Typische Tests zur Reaktionsgeschwindigkeit für einen kurzen Zeitraum:

 

l       Zahlenverbindungstest

l       Wiener Reaktionstest (Wiener Testsystem)

 

Nach der neurophysiologischen Aktivierungstheorie aktiviert und stimuliert ein besonderer Teil des Hirnstamms, das aufsteigende retikuläre aktivierende System (ARAS; in der Formatio reticularis) den Cortex (die äußere Schicht des Großhirns), so dass er für neue Reize empfänglich ist und damit wach bleibt, sogar während des Schlafs. Daneben kommt dem rechten frontalen Kortex eine dominante Rolle bei der Kontrolle der Intensitätsfaktoren der Aufmerksamkeit zu.

 

Bei Reizarmut wird der Cortex vom aufsteigenden retikulären Aktivierungssystem nur unzureichend stimuliert. Die Gehirnrinde erhält für die Aufrechterhaltung bestimmter Tätigkeiten daher nicht die entsprechenden „Weckimpulse“, was zur Ermüdung und damit zur Abnahme der Leistungseffizienz führt.

 

Bei geringer Informationszufuhr (keine neuen oder bedeutsamen Reize) ist die Aktivierung der Formatio reticularis gering. Das führt zu einem niedrigeren Wachheitsniveau und daher zum gelegentlichen Übersehen von Signalen bei reinen Überwachungstätigkeiten. Man kann daher von einer „Überforderung durch Unterforderung“ sprechen. Entsprechend monotone berufliche Tätigkeiten erfordern daher eine hohe Wachheit.

 

 

 

2.  Gerichtete (fokussierte oder selektive) Aufmerksamkeit

 

Gerichtete Aufmerksamkeit bezeichnet die selektive oder fokussierte Aufmerksamkeit auf relevante Reize bei gleichzeitiger Unterdrückung von Störreizen und entspricht dem  Begriff  der Konzentrationsfähigkeit.

 

Selektive Aufmerksamkeit umfasst die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit aktiv auf eine Reizquelle zu richten und dabei relevante Aspekte zu erfassen und irrelevante Aspekte zu unterdrücken (z.B. bei einer langen Buchstabenreihe alle „d“, „b“ und „q“ zu markieren). „Konzentration“ ist somit gerichtete Aufmerksamkeit.

 

Konzentration im Sinne der selektiven Aufmerksamkeit ist die kurzzeitige, mehrere Minuten dauernde, aktive Hinwendung und Einschränkung der Aufmerksamkeit, wobei selektiv relevante Merkmale einer gegebenen Aufgabe erfasst werden, irrelevante dagegen unterdrückt werden müssen.

 

Selektive Aufmerksamkeit besteht in der Fähigkeit, einen spezifischen Realitätsausschnitt zu isolieren, um ihn einer differenzierteren Analyse zu unterziehen. Dabei ist es erforderlich, den Fokus auch unter ablenkenden Bedingungen aufrechtzuerhalten und die Interferenz durch parallel ablaufende, automatische Verarbeitungsprozesse zu unterdrücken.

 

In anderer Formulierung ist selektive oder fokussierte Aufmerksamkeit die Fähigkeit, rasch und richtig auf relevante Reize zu reagieren und sich nicht von irrelevanten Aspekten einer Aufgabe oder von Störreizen ablenken zu lassen, die rasche Selektionsprozesse auf der Reiz- und/oder auf der Reaktionsseite erfordern. Relevant sind hier auch Arbeitsgedächtnisprozesse zur Abspeicherung der Stimulusbedingungen und die Fähigkeit des Probanden, Reaktionen auf Störreize aktiv zu unterdrücken.

 

Testpsychologisch werden oft Durchstreichtests (z.B. Test d2 Aufmerksamkeits-Belastungs-Test) und Wahl-Reaktions-Aufgaben zur Untersuchung dieses Aspekts der selektiven Aufmerksamkeit verwendet.

 

Die Fähigkeit zur Fokussierung der Aufmerksamkeit (Inputkontrolle) impliziert auch die Fähigkeit zum Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus, d.h. umfasst auch die flexible Aufmerksamkeitssteuerung, die es ermöglicht, bei Bedarf den Fokus zu wechseln.

 

Kognitive Flexibilität besteht im schnellen Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus zwischen verschiedenen Informationsquellen. Flexibilität stellt im Handeln und Denken eine elementare Voraussetzung für die allgemeine Leistungsfähigkeit dar. Bei der Flexibilität handelt es sich nicht um eine singuläre Funktion, sondern um ein Bündel von Teilfunktionen, die auf den verschiedenen Stufen der Informationsaufnahme und -verarbeitung anzunehmen sind.

 

Basalere Leistungen beziehen sich auf die Kontrolle des sensorischen Inputs unterschiedlicher Sinnesmodalitäten oder auf die Verlagerung des räumlichen Aufmerksamkeitsfokus.

Höhere Leistungen lenken die Aufnahme relevanter Informationen in komplexen Situationen und kontrollieren den Gedankenfluss.

 

Bei einer reduzierten Flexibilität kann es durch das Auftreten von rigidem, perseverierendem Verhalten zu einer erheblichen Einschränkung der allgemeinen Leistungsfähigkeit kommen (typisch sind Perseverationstendenzen bei Patienten mit einem schweren OPS).

 

Neben mangelnder Flexibilität ist erhöhte Ablenkbarkeit eine weitere Form gestörter Aufmerksamkeitssteuerung. Eine erhöhte Ablenkbarkeit findet man bei vielen Patienten, bei hirnorganischen Patienten besonders häufig nach frontalen Läsionen. Bei schizophrenen Patienten zeigt sich in der leichten Ablenkbarkeit die typische Filterstörung (allgemeine Reizüberflutung ohne Filterung der Information).

 

Insbesondere sind Situationen, in denen viele Ereignisse gleichzeitig ablaufen, eine schwere Belastung für zahlreiche Patienten. Bei manchen Patienten löst jeder neu auftauchende Reiz eine Orientierungsreaktion aus und unterbricht somit die momentan ausgeführte Aktivität. In ausgeprägter Form kommt es zu einer extremen Abhängigkeit von allen Reizen der Umwelt.

 

Im Zusammenhang mit selektiver Aufmerksamkeit wird auch der Begriff Ablenkbarkeit verwendet. Selektive Aufmerksamkeit fokussiert unser Interesse auf intern oder extern vorgegebene Ausschnitte unserer Umwelt. Viele Patienten sind ablenkbar („unkonzentriert“) im Sinne einer

 

l       externen Ablenkbarkeit (Anfälligkeit gegenüber äußeren Störreizen wie Lärm, Stimmen – typischer Satz: „Seid ruhig, ich kann mich nicht konzentrieren!“) oder einer

 

l       internen Ablenkbarkeit (Anfälligkeit gegenüber inneren Störreizen wie aufgabenirrelevanten Gedanken, z.B. depressives Grübeln als Interferenz beim Lesen eines Buches – typischer Satz: „Ich kann mich beim Lesen nicht mehr konzentrieren“).

 

Die selektive Aufmerksamkeit lässt sich in zwei Aspekte unterteilen:

 

l       bewusste/kontrollierte Aufmerksamkeit

l       unbewusste/automatische Aufmerksamkeit

 

Typische Tests:

 

l       Test d2 Aufmerksamkeits-Belastungstest

l       AKT Alterskonzentrationstest

l       FAIR Frankfurter Aufmerksamkeitsinventar

l       FAKT Frankfurter adaptiver Konzentrationsleistungstest (Hogrefe Testsystem)

l       Wiener Determinationstest (Wiener Testsystem)

l       Cognitrone (Wiener Testsystem)

l       Signal Detection (Wiener Testsystem)

l       Farbe-Wort-Interferenztest (Stroop-Test).

 

 

 

3.  Längerfristige Aufmerksamkeitszuwendung

 

Die längerfristige Aufmerksamkeitszuwendung umfasst nach der Häufigkeit der relevanten Reize zwei Aspekte, nämlich Vigilanz und Daueraufmerksamkeit.

 

Vigilanz ist die längerfristige Aufmerksamkeit unter monotonen Reizsituationen (niedrige Reizfrequenz). Die relevanten Reize treten über einen längeren Zeitraum selten auf (Konzentration bei kontinuierlich niedriger Stimulation, Aufmerksamkeit unter Monotonie).

Vigilanz als anhaltende Wachsamkeit in reizarmen Beobachtungssituationen ist wichtig für zahlreiche Überwachungstätigkeiten (z.B. Radarschirmüberwachung, Berufskraftfahrer bei monotonen Autobahnfahrten). In anderer Formulierung ist Vigilanz ein Zustand der Funktionsbereitschaft des Organismus, auf zufällige, schwellennahe und selten auftretende Ereignisse zu reagieren.

Vigilanzaufgaben müssen definitionsgemäß sehr eintönig sein.

 

Typischer Test: Vigilanztest (Wiener Testsystem).

 

Daueraufmerksamkeit ist die längerfristige Aufmerksamkeit bei hoher Reizfrequenz (z.B. Fließbandarbeit, Autofahren bei Gegenverkehr). Die relevanten Reize treten über einen längeren Zeitraum häufig auf (Konzentration bei kontinuierlich hoher Stimulation). Daueraufmerksamkeit bezeichnet die Fähigkeit, relevante Reize über einen längeren Zeitraum zu beachten bzw. auf sie zu reagieren. Die Daueraufmerksamkeit wird untersucht, indem eine Konzentrationsaufgabe über einen längeren Zeitraum (z.B. über eine halbe Stunde oder länger) durchgeführt wird.

 

Typischer Test: Daueraufmerksamkeit (Wiener Testsystem).

 

Patienten mit einer Störung der längerfristigen Aufmerksamkeitszuwendung ermüden bei jeder intellektuellen und praktischen Tätigkeit sehr rasch und müssen viele Pausen einlegen. Eine längere Arbeitstätigkeit ist vielen Patienten daher nicht möglich.

 

Menschen mit Kopfverletzungen, denen man nach längerer Zeit keine Beeinträchtigung mehr ansieht, werden leicht als unmotiviert angesehen, weil sie aufgrund ihrer erhöhten Fehlerhaftigkeit wenig konzentriert wirken. Tatsächlich jedoch sind sie oft (auch nach Ausschluss einer Depression) zu keiner besseren Leistungsfähigkeit in der Lage.

 

In dem Bestreben, die Unfallfolgen zu überwinden, ist der Patient bemüht, die gegebene Leistungsminderung durch eine erhöhte Anstrengung zu kompensieren. Aus dem kontinuierlichen kompensatorischen Bemühen kann sich eine allgemeine Überlastungssituation ergeben, die sich z.B. auch in vegetativen Störungen oder einer erhöhten Aggressionsbereitschaft zeigen kann.

 

 

 

4.  Geteilte Aufmerksamkeit.

 

Geteilte Aufmerksamkeit umfasst die Fähigkeit, zwei oder mehr Reize gleichzeitig zu beachten bzw. auf sie zu reagieren. Menschen mit einer Störung der geteilten Aufmerksamkeit klagen darüber, dass sie sich nicht gleichzeitig auf mehrere Dinge konzentrieren können, z.B. gleichzeitig optische und akustische Aufgaben erledigen.

 

Geteilte (distributive) Aufmerksamkeit bezeichnet das simultane Beachten verschiedener Reize in einer oder verschiedenen Sinnesmodalitäten.

 

Das Konzept der geteilten Aufmerksamkeit ist eng mit der Vorstellung einer beschränkten Aufmerksamkeitskapazität gekoppelt. Eine Einschränkung der Aufmerksamkeitskapazität manifestiert sich dann in einer Beeinträchtigung der geteilten Aufmerksamkeitsleistung.

 

Die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitsteilung ist von Verarbeitungsressourcen und von der Qualität der verschiedenen Aufgaben, welche miteinander kombiniert werden sollen, bestimmt. Je ähnlicher die Aufgaben sind, umso mehr Interferenz entsteht zwischen ihnen.

 

Die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitsteilung ist z.B. beim Autofahren sehr wichtig, da hier meist gleichzeitig mehrere Informationsströme beachtet werden müssen.

 

Das Konzept der reduzierten Aufmerksamkeitskapazität erhält auch dadurch noch eine zusätzliche Bedeutung, dass ein Patient verschiedene Leistungen, die er früher automatisch ausführen konnte (z.B. Gehen oder Sprechen), nur noch kontrolliert ausführen kann. Eine reduzierte Aufmerksamkeitskapazität beschränkt somit auch seine Möglichkeiten zur Kompensation eines Defizits.

 

Zusammenfassend gesehen, umfasst „Aufmerksamkeit“ ein breites Spektrum von Teilleistungen. Es handelt sich um ein komplexes System von zum Teil hochspezifischen, zum Teil umfassenderen Teilleistungen.

 

Aufgrund seiner Komplexität ist der Bereich der Aufmerksamkeit ein sehr verwundbares (vulnerables) System. Die Ausfälle können dabei in sehr unterschiedlichen, zum Teil sehr spezifischen Formen auftreten. Es handelt sich bei der Aufmerksamkeit um eine Basisfunktion in dem Sinne, dass jede nicht automatisierte praktische oder intellektuelle Tätigkeit eine intakte Aufmerksamkeitssteuerung voraussetzt. Insofern können Störungen der Aufmerksamkeitsleistung Einschränkungen in allen Lebensbereichen zur Folge haben.

 

Insgesamt gesehen ergibt sich bei einer Aufmerksamkeitsstörung das Bild eines Menschen,

 

l       der nicht völlig wach ist („vigilant“ im medizinischen, „alert“ im neuropsychologischen Sprachgebrauch),

l       der eine allgemeine Verlangsamung zeigt,

l       der sich nicht auf eine Aufgabe konzentrieren kann bzw. leicht ablenkbar ist,

l       der überfordert ist, wenn mehrere Dinge gleichzeitig von ihm gefordert werden oder zu beachten sind,

l       der schnell ermüdet und somit nicht länger bei einer Aufgabe bleiben kann,

l       der sich nur schwer von einer Aufgabe auf eine andere umstellen kann.

 

Bei der Messung der Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsleistung werden hauptsächlich Aspekte einer „allgemeinen Leistungsfähigkeit bzw. Leistungsbereitschaft“ erfasst, die im wesentlichen unabhängig von der Intelligenz sein sollen. Daher werden ganz einfache Aufgabenstellungen gewählt.

 

Die Hauptmerkmale von Verfahren, die die allgemeine Voraussetzung der Leistungsfähigkeit messen, beziehen sich auf einen Faktor, den man als „anhaltende Konzentration bei geistiger Tempoarbeit“ beschreiben kann.

 

Als testpsychologische Kriterien der Aufmerksamkeit gelten üblicherweise (je nach Test):

 

l       Bearbeitungsgeschwindigkeit (Reaktionsgeschwindigkeit)

l       Leistungsmenge (Quantität der Leistung)

l       Fehlerkorrigierte Leistungsmenge

l       Leistungsgüte (Genauigkeit der Leistung, Verhältnis Fehlerzahl zu Leistungsmenge),

l       Konstanz der Aufmerksamkeitsleistung (Ausmaß der Leistungsschwankungen über den Testverlauf)

 

Für den klinischen Bereich ist festzuhalten, dass viele angebliche Merkfähigkeitsstörungen tatsächlich Aufmerksamkeitsstörungen sind (z.B. häufig bei Depressiven bzw. bei Menschen, die sich wegen ihrer Ängste oder Probleme nicht konzentrieren können).

 

Viele subjektiv erlebte Merkfähigkeitsstörungen stellen in Wahrheit Störungen der Aufmerksamkeitsleistungen dar. Die Information wurde gar nicht voll aufgenommen, so dass auch gar keine Speicherung erfolgen konnte. In diesen Fällen handelt es sich häufig um Input-Störungen und nicht um Output-Störungen.

 

Nach verschiedenen Studien ist ein Training spezifischer Aufmerksamkeitskomponenten einem unspezifischen Training vorzuziehen. Die Erfahrung zeigt, dass Leistungsverbessungen nach einem computergestützten Training einzelner oder mehrerer Aufmerksamkeitskomponenten insbesondere in der Frühphase nach einer Hirnschädigung zu erzielen sind.

 

Die erzielten Leistungsverbesserungen in einzelnen Aufgaben generalisieren jedoch nicht zwangsläufig auf andere Anforderungen oder Funktionen wie etwa das Gedächtnis. Ein computergestütztes Funktionstraining sollte in jedem Fall durch ein alltagsnahes Aufmerksamkeitstraining (alltagsnahe Übungen) ergänzt werden.

 

Störungen der Aufmerksamkeitsfunktionen sind nicht – wie dies nach dieser Darstellung vielleicht scheinen mag – rein kognitiv bedingte Beeinträchtigungen. Die Fokussierung der Aufmerksamkeit ist auch von verschiedenen psychischen Zuständen abhängig und kann dementsprechend beeinträchtigt sein, z.B. durch mangelnde Motivation, depressive Lustlosigkeit oder angstbedingte Blockaden.

 

Praktische Konsequenzen von Aufmerksamkeitsstörungen im Rahmen der Psychodiagnostik:

 

Wenn mehrere Aufmerksamkeits- und Konzentrationstests im Rahmen einer stationären psychiatrischen oder neurologischen Durchuntersuchung sehr geringe Werte aufweisen, ist das Ergebnis eines ebenfalls durchgeführten Intelligenztests nicht oder nur mit Vorsicht als Ausdruck einer bestimmten Intelligenzkapazität interpretierbar, denn im erhobenen IQ-Wert spiegelt sich höchstwahrscheinlich nicht die aktuelle intellektuelle Leistungsfähigkeit („wahrer“ IQ), sondern die gegebene Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung wider. Je nach vorgegebenem Material der Intelligenztests ist die Minderleistung unterschiedlich ausgeprägt.