Klinischer und Gesundheitspsychologe
Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)
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Buchprojekt
Morschitzky. H. & Hartl, T. (2011). Raus aus dem Schneckenhaus. Soziale Angst überwinden.
Düsseldorf: Patmos (Erscheinungsdatum Jan./Feb. 2011)
Inhalt
Einleitung
Teil 1: Die Vielfalt sozialer Ängste – von normal bis krankhaft
Schüchternheit – Zurückhaltung und Gehemmtheit in sozialen Situationen
Sind Sie schüchtern? – dann sind Sie in guter Gesellschaft
Der Begriff der Schüchternheit – falsche Bilder in der Öffentlichkeit
Zwei Grundformen der Schüchternheit – Temperament und Lebenserfahrungen
Soziale Ängste – normale Ängste vor Peinlichkeit, Bewertung und Ablehnung
Der Begriff der sozialen Angst – Überbegriff für alle Formen sozialen Unbehagens
Vier Formen sozialer Ängste – Angst vor Beobachtung, Beurteilung, Selbstbehauptung und Kontakt
Soziale Angststörung – wenn soziale Ängste krankhaft werden
Soziale Phobie – Kriterien der Krankheitswertigkeit
Spezifische Sozialphobie – krankhafte Leistungsängste
Generalisierte Sozialphobie – krankhafte Leistungs- und Interaktionsängste
Abgrenzungsprobleme bei sozialen Angststörungen – Unterschiede zu anderen psychischen Störungen
Soziale Ängste in Zahlen – Daten belegen hohen Behandlungsbedarf
Weite Verbreitung sozialer Ängste – soziale Phobien als dritthäufigste psychische Störung
Soziale Ängste in Kombination mit anderen psychischen Beeinträchtigungen – die Gefahr von Begleit- und Folgeproblemen
Teil 2: Soziale Ängste – Ursachen, Auslöser, Verstärker
Organische Faktoren – die Macht der Biologie
Der Einfluss der Gene – Vererbung ist kein Schicksal
Biologisch geprägtes Reaktionsspektrum – Flucht, Verhaltensblockade, Ohnmachtsgefühl
Erhöhte Angstsensibilität – Übererregbarkeit der Angstschaltkreise im Gehirn
Vegetatives Nervensystem – typische körperliche Angstsignale
Erröten, Schwitzen, Zittern – Angst vor peinlichen Symptomen
Psychische Faktoren – die Macht der Gedanken und Gefühle
Ständiges Vorausdenken und Hinterhergrübeln – Erwartungsangst und „Nachbearbeitung“
Erhöhte Selbstaufmerksamkeit – Selbstbeobachtung statt Kontaktorientierung
Sicherheitsverhalten – trickreiche Kontrolle sozialer Ängste
Negative Denkmuster – falsche Überzeugungen, Annahmen und Standards
Quälende Gefühle – von Unsicherheit bis Scham
Fehlende soziale Kompetenz – Mangel an interaktionellen Fertigkeiten
Lebensgeschichtliche Faktoren – die Macht prägender Umwelteinflüsse
Fehlende Bindungssicherheit – kein Urvertrauen ohne Geborgenheitserfahrung
Ungünstige Vorbilder – keine soziale Kompetenz ohne positive Modelle
Soziale „Traumatisierungen“– keine Kontaktbereitschaft ohne Bewältigung negativer sozialer Erfahrungen
Anforderungen im Lebenszyklus – keine Fortschritte ohne laufende Veränderungen
Soziokulturelle Faktoren – die Macht der Gesellschaft
Geschlechtsspezifische Sozialisation – Männer müssen „stark“, Frauen „nett“ sein
Kulturelle Normen – Druck zu sozialer Anpassung und Angst vor dem „Out-Sein“
Teil 3: Ein Zehn-Schritte-Programm zur Bewältigung sozialer Ängste
Schritt 1: Problem- und Zielanalyse – analysieren Sie Ihre sozialen Ängste und klären Sie Ihre Ziele
Bestandsaufnahme – wie ausgeprägt sind Ihre sozialen Ängste?
Ursachenforschung – was sind die Ursachen, Auslöser und Verstärker Ihrer sozialen Ängste?
Zielklärung – was genau möchten Sie erreichen?
Schritt 2: Aufmerksamkeitslenkung – konzentrieren Sie sich auf die Umwelt und die Gegenwart statt auf sich selbst und die Zukunft
Selbstaufmerksamkeit abbauen – stellen Sie den Gesprächspartner und die Sache in den Mittelpunkt Ihrer Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeitsexperimente – testen Sie die Wirkung der Aufmerksamkeitslenkung
Horrorszenarien vermeiden – bleiben Sie im Hier und Jetzt
Schritt 3: Akzeptanztraining – nehmen Sie Ihre sozialen Ängste an und verfolgen Sie konsequent Ihre Ziele
Angstvermeidung ist Erlebnisvermeidung – akzeptieren Sie Ihre Angstgefühle
Den Körper achtsam wahrnehmen – beobachten Sie sich ohne Bewertung
Bilder sind nicht die Wirklichkeit – schaffen Sie einen Abstand zu Ihren Gedanken und Vorstellungen
Distanzierung vom situationsbezogenen Selbstbild – nehmen Sie Bezug auf Ihre ganze Person
Distanzierung vom momentanen Befinden – folgen Sie Ihren Werten und den daraus abgeleiteten Zielen
Schritt 4: Änderung der Denkmuster – entwickeln Sie neue Sichtweisen
Negative Gedanken ändern – so vermindern Sie auch belastende Gefühle und Körpersymptome
Das negative Selbstbild ändern – so gewinnen Sie auch neue Sichtweisen von anderen Menschen
Unzutreffende Unterstellungen ändern – trauen Sie anderen Menschen positivere Sichtweisen über Sie zu
Verzerrte Denkmuster vor, in und nach sozialen Situationen ändern – sehen Sie soziale Ereignisse realistischer
Verzicht auf Perfektionismus – vermeiden Sie die Überkompensation realer und vermeintlicher Schwächen
Gefühle sind nicht die Wirklichkeit – Sie sind besser, als Sie sich fühlen
Besinnung auf die eigenen Werte und Rechte – auch für Sie gelten die Menschenrechte!
Schritt 5: Mentales Training – lernen Sie, soziale Situationen in der Vorstellung zu bewältigen
Soziale Erfolge visualisieren – nutzen Sie die Kraft der Fantasie
Mentale Konfrontation mit dem Schlimmsten – so lernen Sie mit Horrorfantasien umgehen
Schritt 6: Abbau von Sicherheitsverhalten – verlassen Sie sich auf sich selbst statt auf Tricks
Sicherheitsmaßnahmen identifizieren – verzichten Sie sukzessive auf alle Hilfsmittel
Schritt 7: Symptombewältigung – stellen Sie sich den gefürchteten Symptomen
Symptombezogene Mittelpunktsübungen – tolerieren Sie sichtbare Angstsymptome ohne Gegenstrategien
Paradoxe Intention – verstärken Sie absichtlich jene Symptome, die Sie fürchten
Panikbewältigungstraining – so bewältigen Sie situationsspezifische Panikattacken
Entspannungstraining – vermindern Sie Ihre Grundanspannung
Schritt 8: Konfrontationstherapie – stellen Sie sich erfolgreich allen sozialen Situationen
Verhaltensexperimente – wagen Sie etwas Neues
Mittelpunktsübungen – Mutproben machen Sie selbstbewusster
Verhaltensprovokation – möchten Sie einmal bewusst aus der Rolle fallen?
Schritt 9: Kompetenztraining – verbessern Sie Ihre sozialen Fertigkeiten
Wahrnehmungsübungen – lernen Sie andere Menschen genau beobachten
Nonverbales Sozialverhalten – achten Sie auf Ihre Körpersignale
Verbales Sozialverhalten – so kommunizieren Sie erfolgreich
Selbstbehauptung – vertreten Sie Ihre Bedürfnisse
Experiment „Selbstsicherheit vortäuschen“ – beobachten Sie die Auswirkungen davon
Schritt 10: Stärkung des Selbstwertgefühls – erhöhen Sie Ihr Selbstvertrauen
Gesundes Selbstwertgefühl – so fürchten Sie sich weniger vor anderen Menschen
Die Quellen des Selbstwertgefühls herausfinden – besinnen Sie sich auf Ihre Stärken
Sonstige Hilfestellungen – erwägen Sie eine Psychotherapie und Medikamente für den Bedarfsfall
Psychotherapie – lassen Sie sich von Fachleuten helfen
Medikamentöse Therapie – wenn Sie es anders nicht schaffen
Schlussbemerkungen
Literaturverzeichnis
Einleitung
Wir leben in einer Welt, in der es nicht mehr genügt, einfach nur fachlich gut zu sein. „Soziale Kompetenz“ lautet das Zauberwort. Eigenschaften und Verhaltensweisen wie selbstsicheres Auftreten, Kontaktfreudigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Konfliktbereitschaft und Führungsfähigkeit gelten als Türöffner zum beruflichen und privaten Erfolg. Es kommt immer mehr darauf an, sich optimal präsentieren und „verkaufen“ zu können. Die Wortgewandten, Lautstarken, Selbstdarsteller, Mutigen und Dominanten beherrschen die Bühne des Lebens. Die Medien führen es uns vor: Auffallen um jeden Preis macht prominent, je schriller, desto besser! „Netzwerker“ haben es leichter auf dem Weg zum Erfolg. Gefordert sind Menschen, die ein soziales Beziehungsnetz aufbauen und erweitern können, um dann ihre Sozialkontakte gewinnbringend nutzen zu können. Die Erfolgsfaktoren von Führungskräften: Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Kontaktfähigkeit, Empathiefähigkeit, Rollenflexibilität, interpersonelle Flexibilität, Kompromiss- und Durchsetzungsfähigkeit.
Das Motto der Erfolgreichen lautet: Jede Chance muss genutzt werden, keine Gelegenheit darf ausgelassen werden! Schüchterne und sozial ängstliche Menschen führen dagegen ein Leben der verpassten Gelegenheiten. Sie blockieren sich in vielen sozialen Situationen durch die stets gleiche Frage: „Was werden die anderen von mir denken?“ Schüchternheit und soziale Ängste wirken sich nachteilig aus in einer Welt, in der es mehr um Schein als um Sein, mehr um Agieren als um Reagieren geht.
Gleichzeitig weisen Fachleute auf eine andere erstaunliche Entwicklung hin: Soziale Ängste sind laut Studien im Zunehmen begriffen. Spiegelt sich in diesem Trend nur der zunehmende Druck auf jeden von uns wider, noch besser bei anderen ankommen zu müssen, um in einer Welt zunehmender Individualisierung nicht unterzugehen? Oder handelt es sich dabei nur um eine Panikmache von Pharmaindustrie, Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten? Psychiatriekritiker warnen davor, soziale Ängste vorschnell zu pathologisieren, mit dem Ziel, daraus ein Geschäft zu machen. Die Pharmakonzerne würden durch die relativ neue Diagnose der sozialen Phobie nur den Kreis der Konsumenten ihrer Medikamente erweitern, die Psychotherapeuten die Zahl ihrer Klienten und die Länge ihrer Therapien erhöhen mit dem irrealen, nie erreichbaren Ziel, zu einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein zu verhelfen.
Trotz aller Kontroversen steht fest: Die Thematik der sozialen Ängste hat seit etwa 20 Jahren in der Bevölkerung und in der Fachwelt zunehmende Bedeutung erlangt, wie die steigende Anzahl von Veröffentlichungen an Fachbüchern und Selbsthilferatgebern belegt. Im Vergleich zum dramatischen Verlauf einer Panikstörung, die zu häufigem stationären und ambulanten Hilfesuchen führt, handelt es sich bei der sozialen Phobie um eine eher „stille“ Störung, die oft erst wegen ihrer langjährigen negativen Auswirkungen behandelt wird.
Unser Buch möchte in allgemein verständlicher Weise über die ganze Bandbreite sozialer Ängste – von Schüchternheit über normale soziale Ängste bis hin zu sozialen Phobien und sozialen Angststörungen – informieren, zu deren selbstständigen Bewältigung anregen und bei Bedarf eine Psychotherapie vorbereiten. Es umfasst drei Teile: Der erste Teil beschreibt die Vielfalt normaler und krankhafter sozialer Ängste, der zweite Teil deren Ursachen, Auslöser und Verstärker, der dritte Teil vermittelt hilfreiche Strategien im Umgang damit. Teil 3 ist umfangreicher als Teil 1 und 2 zusammen, weil wir nicht nur informieren, sondern auch zahlreiche konkrete Hilfestellungen anbieten möchten. Durch unser Buch zieht sich eine zentrale Botschaft: Kämpfen Sie nicht ständig gegen Ihre sozialen Ängste, sondern akzeptieren Sie diese als einen momentanen Zustand. Dann können Sie alle Energie dafür aufwenden, das zu tun, was Sie in Gesellschaft anderer Menschen tun möchten.
Unser Buch berücksichtigt die drei Phasen der Veränderung:
· Erkennen und Verstehen. Zahlreiche Informationen sollen Ihnen zu einem umfassenden Selbstverständnis verhelfen.
· Akzeptieren und Integrieren. Mehr Selbsterkenntnis ermöglicht Ihnen eine bessere Akzeptanz Ihres Wesens in dem Sinn, dass Sie Schüchternheit und soziale Ängstlichkeit in Ihre Persönlichkeit integrieren können, ohne sich deswegen zu schämen oder gar abzulehnen.
· Handeln und Ändern. Wissen und Akzeptieren erleichtert Ihnen die Veränderung, weil Sie sich innerlich nicht mehr abwerten, sondern alle Kraft zum Handeln nutzen. Wir möchten Sie zu sozialen Aktivitäten ermutigen und anleiten, damit Sie neue Erfahrungen machen können, die das Vertrauen in Ihre Fähigkeiten sowie in Ihre Mitmenschen stärken.
Wir danken der Lektorin des Patmos-Verlags, Frau Dr. Neuen, für die Anregung, dieses Buch zu schreiben, und für ihre wertvolle Unterstützung bei der Gestaltung des Textes.
Hans Morschitzky
Thomas Hartl