Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe

Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

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Somatoforme Störungen (2007)

Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund

Wien:  Springer Verlag  Bestellen bei www.amazon.de


 

 

Jeder dritte Patient geht zum Arzt mit körperlichen Beschwerden, die keine oder keine hinreichende organische Ursache haben. Diese Erkrankungen werden seit 1980 im amerikanischen Diagnoseschema DSM unter dem Überbegriff „somatoforme Störungen“ zusammengefasst.

Ihr Anteil beträgt in den Ordinationen von Allgemeinmedizinern bis zu 35%, in Allgemeinkrankenhäusern bis zu 30 %. Die neuen Diagnoseschemata haben zu einer intensiven Erforschung dieser Störungen geführt.

Das Buch beschreibt sehr anschaulich und detailliert die verschiedenen somatoformen Störungen: Konversionsstörung, Somatisierungsstörung, undifferenzierte Somatisierungsstörung, hypochondrische Störung, somatoforme autonome Funktionsstörung, somatoforme Schmerzstörung und sonstige somatoforme Störungen.

Das Buch bietet einen Überblick über Diagnostik, Differenzialdiagnostik, Häufigkeit, theoretische und therapeutische Konzepte und im Anhang einen Selbsthilfe-Teil für Betroffene.

Somatoforme Störungen erfordern eine interdisziplinäre Behandlung und sind ein Musterbeispiel für die nötige Zusammenarbeit von Hausärzten, Fachärzten, Psychologen und Psychotherapeuten.

 

Vorwort zur ersten Auflage

Jeder vierte Patient geht zum Arzt mit körperlichen Beschwerden, die keine oder keine hinreichende organische Ursache haben. Das Ergebnis der verschiedenen organischen Durchuntersuchungen ist immer wieder dasselbe: „ohne Befund“ („o.B.“ ).

Zu Beginn eines oft chronischen Leidens ist es durchaus beruhigend, keine Herz-Kreislauf-Erkrankung, keine Atemwegserkrankung, keine Magen-Darm-Erkrankung, keine Unterleibserkrankung, keine Krebserkrankung und keinen Gehirntumor zu haben. Bei anhaltenden Beschwerden wird es jedoch bald als unerträgliche Belastung erlebt, dass keine Ursache für die quälende Symptomatik gefunden werden kann.

„Sie haben nichts“, „Seien Sie froh, dass Sie gesund sind“, „So körperlich gesunde Leute wie Sie findet man selten“, „Ihr  Blutbild ist sehr schön“ wirkt oft nicht aufbauend, sondern weiterhin verunsichernd oder gar kränkend, weil sich die Betroffenen von den Ärzten nicht verstanden und mit ihren Symptomen nicht ernst genommen fühlen.

Angeblich nichts zu haben und deswegen abhängig machende Beruhigungsmittel einnehmen zu müssen oder Antidepressiva zu bekommen, wo man sich gar nicht depressiv fühlt, sondern nur verzweifelt, weil die Ärzte den Grund für die Beschwerden nicht finden können, sind immer weniger Menschen hinzunehmen bereit, sodass sie sich häufig aus Enttäuschung über die Schulmedizin und die „High-Tech-Medizin“ alternativen, manchmal sogar obskuren Behandlungsmethoden zuwenden.

Diese Tendenz wird oft noch dadurch verstärkt, dass „nicht organisch bedingt“ mit „psychisch beeinträchtigt“ gleichgesetzt wird, während sich die Betroffenen seelisch nicht kränker fühlen als die Durchschnittsbevölkerung.

Wenn die Symptome öffentlich bekannt sind, besteht mit der unveränderten Andauer der Beschwerden ein wachsender Erklärungsbedarf. Wenn man angeblich körperlich gesund ist und sich auch nicht „psychisch gestört“ fühlt,  

Wenn man nicht körperlich krank ist, muss man doch psychisch krank sein. Diese Schlussfolgerung ist oft schwer zu akzeptieren. In der Vergangenheit dauerte es daher nach verschiedenen Studien durchschnittlich sieben Jahre, bis wegen psychovegetativer bzw. psychosomatischer Probleme ein Psychotherapeut aufgesucht wurde.

Früher erhielten die Betroffenen zumeist eine der folgenden Diagnosen: vegetative Dystonie, vegetative Dysregulation, vegetative Neurose, psychovegetative Labilität, psychovegetative Störung, psychophysischer Erschöpfungszustand, nervöse Beschwerden, funktionelle Störung, psychosomatische Störung, Hysterie, Hypochondrie, Organneurose, Konversionsneurose, Neurasthenie, larvierte bzw. somatisierte Depression.

Vor allem die Diagnose einer „larvierten Depression“ stellt häufig eine Verlegenheitsdiagnose dar. Bei Ausschluss organischer Faktoren wird oft vorschnell eine depressive Symptomatik unterstellt, um nicht durch eine vielleicht ehrlichere Antwort des Arztes „Ich weiß nicht, was Sie haben“ als inkompetent dazustehen.

Die Verschreibung von Antidepressiva dokumentiert bei ärztlichen Visiten von fünf bis maximal zehn Minuten einen Behandlungsbedarf, wo in diesem Zeitraum gar nicht richtig geklärt werden kann, was eigentlich behandelt werden soll.

Körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen werden seit 1980 im amerikanischen Diagnoseschema DSM unter dem Überbegriff „somatoforme Störungen“ zusammengefasst. Im aktuellen internationalen Diagnoseschema, dem 1991 veröffentlichten ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, werden derartige Beschwerden ebenfalls zu den „somatoformen Störungen“ gezählt, wenn es sich um einen polysymptomatischen, d.h. durch zahlreiche Symptome charakterisierten Beschwerdekomplex handelt, dagegen als „dissoziative Störungen“ bezeichnet, wenn monosymptomatische, d.h. durch einzelne Symptome charakterisierte Beschwerden im Sinne pseudoneurologischer Symptome vorliegen.

die neuen Diagnoseschemata haben zu einer intensiven Erforschung dieser Störungen geführt. Im Gegensatz zu früheren Zeiten liegt derzeit bereits eine immer umfangreicher werdende Fachliteratur vor. In die klinische Praxis haben die neuen Diagnoseschemata noch nicht ausreichend Eingang gefunden. Häufig wird eine Angststörung oder eine Depression mit somatischen Symptomen diagnostiziert, wenngleich diese im Querschnitt ebenfalls gegeben sein kann, die nur im Längsschnitt erkennbare somatoforme Störung wird jedoch oft übersehen.

Somatoforme Störungen erfordern eine interdisziplinäre Behandlung. Ärzte sind ausgebildet, körperliche Ursachen für Leidenszustände zu finden und zu behandeln, Psychotherapeuten sind darauf spezialisiert, Kindheitsprobleme, familiäre Spannungen, psychosoziale Belastungen und innere Konflikte aufzuspüren und bewältigen zu helfen.

Ärzte und Psychotherapeuten müssen mit der narzisstischen Kränkung fertig werden, dass sie keine überzeugende körperliche bzw. psychische Ursache für die somatoforme Symptomatik finden können, sodass sie permanent der Frustration ausgesetzt sind, trotz Kompetenz im konkreten Fall oft hilflos, aber dennoch zuständig zu sein.

Eine intensivere Verknüpfung von Medizin und Psychotherapie wurde vor allem von der Verhaltenstherapie über den Bereich der „Verhaltensmedizin“ wahrgenommen.

Patienten mit somatoformen Störungen leben häufig wie Behinderte, obwohl sie organisch gesund sind, und weisen oft einen hohen Medikamentenkonsum, lange Krankenstandszeiten und frühzeitige Pensionierungen auf.

4-12% der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einem behandlungsbedürftigen somatoformen Syndrom. Der Anteil somatoformer Störungen beträgt in den Ordinationen von Allgemeinmedizinern 5-20%, in Allgemeinkrankenhäusern 17-30%.

Neben dem individuellen Leiden ergibt sich ein akuter Handlungsbedarf auch aus dem gesundheitspolitisch relevanten Umstand, dass  Menschen mit somatoformen Störungen im ambulanten Bereich das 14-fache und im stationären Bereich das 7-fache der durchschnittlichen Gesundheitskosten verursachen. Aus gesundheitspolitischer Sicht handelt es sich bei Menschen mit einer somatoformen Störung um eine sehr kostenintensive Patientengruppe.

Spezielle Behandlungskonzepte für somatoforme Störungen wurden in den letzten Jahren vor allem im Bereich der Verhaltenstherapie entwickelt. Für die Zukunft ist eine weitere Verbesserung der Behandlungskonzepte zu erwarten.

Eine effiziente Behandlung somatoformer Störungen erfordert bei den Psychotherapeuten und ihren Patienten ein möglichst gutes Verständnis für die Körper-Seele-Zusammenhänge. Als Klinischer Psychologe und Psychotherapeut habe ich die Notwendigkeit erlebt, mehr medizinisches Wissen zu erwerben und dieses den Betroffenen im Rahmen einer verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapie zu vermitteln. Trotz zunehmender therapeutischer Erfahrung mit zahlreichen der beschriebenen Störungen fühle ich mich als Autor nicht in der Rolle eines Experten, sondern verstehe meine Arbeit eher als Wissenschaftsjournalismus.

Das Buch beschreibt die somatoformen und dissoziativen Störungen mit ihren wichtigsten Beschwerdebildern und bietet eine allgemein verständliche  Zusammenfassung der theoretischen und therapeutischen Konzepte für einen größeren Leserkreis. Es soll dazu dienen, dass die körperlichen Symptome ohne Organbefund in der Öffentlichkeit einen größeren Bekanntheitsgrad erfahren, die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Störungen zunimmt und die Betroffenen eine adäquate Hilfeleistung erhalten. 

Im Einzelnen ergibt sich folgender Aufbau des Buches:

  1. Historische Aspekte. Ein historischer Abriss beschreibt die Entwicklung von der früher üblichen Diagnose einer „Hysterie“ bzw. „hysterischen Neurose“ zu den nunmehr so genannten „dissoziativen“ und „somatoformen“ Störungen.

  2. Diagnostik. Die dissoziativen Störungen mit Körpersymptomen (Konversionsstörungen) und die somatoformen Störungen werden anhand des internationalen Diagnoseschemas der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) und des Diagnoseschemas der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (DSM-IV) dargestellt.

  3. Differentialdiagnostik. Es wird detailliert darauf hingewiesen, von welchen anderen Krankheiten die beschriebenen Störungen abgegrenzt werden müssen.

  4. Epidemiologie, Verlauf und Komorbidität der Störungen. Statistische Daten vermitteln einen plastischen Eindruck von der Bedeutung somatoformer Störungen.

  5. Erklärungsmodelle. Die gegenwärtig vorhandenen medizinischen und psychologischen Erklärungsmodelle werden in allgemein verständlicher Weise erläutert.

  6. Behandlungskonzepte. Die neueren psychologischen und psychotherapeutischen Behandlungsansätze somatoformer Störungen werden im Überblick dargestellt.

  7. Selbsthilfemethoden. Für die Betroffenen werden als Erstmaßnahme einige Tipps zur Selbstbehandlung gegeben.

  8. Anmerkungen. Dieser Absicht bietet genaue Hinweise auf die verarbeitete Literatur.

  9. Literaturverzeichnis. Ein ausführliches Literaturverzeichnis enthält die wichtigste deutsch- und englischsprachige Fach- und Sekundärliteratur.

Das Buch enthält keine eigenen theoretischen, therapeutischen und empirischen Beiträge zur Thematik der somatoformen Störungen. Wenn bei der Darstellung die verhaltenstherapeutischen Konzepte dominieren, hängt dies nicht nur mit dem Umstand zusammen, dass meine Arbeit auf dem Fundament der Verhaltenstherapie beruht, sondern vielmehr auch damit, dass die anderen Psychotherapiemethoden (mit Ausnahme psychoanalytischer Modelle) leider noch zu wenig theoretische und therapeutische Konzepte entwickelt haben.

Das Buch wendet sich an die Vertreter aller medizinischen, psychotherapeutischen, psychologischen, psychosozialen und pädagogischen Berufsgruppen, aber auch an die Betroffenen und deren Angehörige, soweit diese die nötige Geduld mit der spröden Materie und der nüchternen Art der Informationsvermittlung aufbringen können.

Wegen der leichteren Lesbarkeit ist der Text geschlechtsneutral formuliert. Aus demselben Grund fehlt die regelmäßige Nennung von Namen und Jahreszahlen der verwendeten Fach- und Populärliteratur. Interessierte finden über die Zahlen in Klammern die verwendete Literatur im Anhang des Buches dokumentiert.

Ich danke dem Verlag Springer, Wien, vertreten durch Herrn Raimund Petri-Wieder, für die Bereitschaft, das Buch in der vorliegenden Form zu veröffentlichen, so wie dies auch bei meinem 1998 erschienenen Buch „Angststörungen. Diagnostik, Erklärungsmodelle, Therapie und Selbsthilfe bei krankhafter Angst“ der Fall war.

Das Buch über Angststörungen war letztlich der Grund dafür, ein Buch über somatoforme Störungen zu schreiben, denn die Resonanz des Buches in der Öffentlichkeit hat dazu geführt, dass viele Patienten mit der Diagnose einer Panikstörung in meine Praxis kamen, die gleichzeitig auch eine somatoforme Störung aufwiesen (meistens eine hypochondrische Störung, ein multiples somatoformes Syndrom oder eine somatoforme autonome Funktionsstörung).

Nach mehrjährigen Erfahrungen mit raschen Erfolgserlebnissen bei der Behandlung von Menschen mit Panikstörungen mit und ohne Agoraphobie habe ich mich entschlossen, in größerem Ausmaß als bisher die oft mühsamere und weniger dramatische Behandlung von Patienten mit somatoformen Störungen zu übernehmen.

Ich bin den Patienten in meiner Praxis sowie in meiner Dienststelle im Psychologischen Dienst (Klinische Psychologie/Verhaltenstherapie) der OÖ. Landes-Nervenklinik Wagner Jauregg in Linz, wo ich seit 1983 hauptberuflich und seit 1999 im Ausmaß von 20 Wochenstunden arbeite, zu großem Dank verpflichtet. Durch ihre Bereitschaft, mir einen Einblick in ihr Erleben zu gewähren, habe ich Menschen mit somatoformen Störungen über die Literatur hinaus besser verstehen gelernt.

Positive und kritische Rückmeldungen, Hinweise auf Fehler und Verbesserungsvorschläge für den Fall einer Neuauflage des Buches nehme ich gerne entgegen.

 

Vorwort zur zweiten Auflage

Auf dem Gebiet der somatoformen Störungen haben seit der Veröffentlichung dieses Buches im Jahr 2000 bedeutsame Entwicklungen stattgefunden. Die zweite Auflage erforderte daher eine gründliche Überarbeitung und Erweiterung des Inhalts bei weiterhin gleichem Aufbau. Durch die rasanten Fortschritte der Therapiemöglichkeiten, vor allem auch im Bereich der Kognitiven Verhaltenstherapie, entstanden in den letzten Jahren zahlreiche effiziente Behandlungsmöglichkeiten.

Neben einer starken Überarbeitung der diagnostischen, statistischen und konzeptionellen Abschnitte dieses Buches habe ich vor allem auf eine umfassendere Darstellung der Behandlungsmöglichkeiten geachtet, die in der Erstveröffentlichung dieses Buches zur Enttäuschung verschiedener Leser sicherlich zu kurz geraten waren. Im Anhang des Buches werden auch verschiedene Arbeitsmaterialien für Patienten vorstellt, wie sie in ähnlicher Weise in verschiedenen anderen Büchern enthalten sind.

Ich habe die erste Auflage und auch die nunmehr vorliegende zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage dieses Buches verfasst aus der Sicht eines klinischen Praktikers, und zwar konkret aus dem Blickwinkel eines psychologischen Psychotherapeuten mit dem Schwerpunkt auf Verhaltenstherapie im stationären und freiberuflichen Kontext, wobei jedoch ein integrativer, multimodaler Behandlungsansatz selbstverständlich ist.

Das Buch wendet sich primär an klinische Praktiker und alle im Bereich der somatoformen Störungen und Schmerzstörungen tätigen Fachleute, aber auch an Betroffene, deren Angehörige und sonstige Interessierte, die mit einem bestimmten Anspruchsniveau, jedoch ohne wissenschaftliches Bedürfnis nach ständigen Verweisen auf die Originalliteratur ein derartiges Buch möglichst flüssig lesen möchten. Für stärker wissenschaftlich interessierte, in die Materie jedoch noch nicht ausreichend eingelesene ärztliche, psychologische und psychotherapeutische Fachleute habe ich ein umfangreiches Literaturverzeichnis erstellt. Zur Begrenzung des Buchumfangs wurden die zahlreichen relevanten Beiträge aus bedeutsamen Werken mit vielen Autoren im Literaturverzeichnis meist nicht extra angeführt, sondern nur das gesamte Buch mit den Herausgebern.

Ich habe mich an die Arbeit gemacht in der Hoffnung, nicht nur für die Leser, sondern auch für mich selbst und meine Patienten die vorhandenen theoretischen und therapeutischen Konzepte Gewinn bringend zusammenfassen zu können. Diese Erwartung wurde nicht enttäuscht, sondern über das erwartete Ausmaß hinaus erfüllt. Die Auseinandersetzung mit der neuesten englischen und deutschen Literatur anlässlich der notwendig gewordenen Neuauflage dieses Buches hat mich selbst sehr bereichert, denn ohne diesen Druck hätte ich kein derartiges Bedürfnis zur Reflexion des aktuellen Wissensstandes im Bereich der somatoformen Störungen verspürt.

In den letzten Jahren ergaben sich bedeutsame Veränderungen meiner beruflichen Tätigkeit. Nach der Tätigkeit in der Psychiatrie seit 1983 arbeitete ich zuerst seit 2002 im Rahmen meiner 20-Wochenstunden-Anstellung in der oberösterreichischen Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg Linz auf der neu geschaffenen Psychosomatik-Station. Seit 2005 bin ich auf der psychosomatischen Tagesklinik der Linzer Nervenklinik tätig, wo schwerpunktmäßig vor allem Patienten mit somatoformen Störungen, Schmerzstörungen und Essstörungen behandelt werden. Neben der Einzelarbeit habe ich dabei auch viel Erfahrung mit der Abhaltung von Schmerzbewältigungsgruppen sowie Psychoedukationsgruppen zur Vermittlung des biopsychosozialen Krankheitsmodells gewonnen.


Auf dem Hintergrund einschlägiger beruflicher Erfahrungen im Umgang mit Menschen, die unter einer somatoformen Störung mit und ohne psychiatrische Begleitsymptomatik leiden, vor allem jedoch durch die intensive Begegnung mit Patienten, die eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung aufweisen, ergab sich im Vergleich zu früher ein noch stärkeres Interesse an den therapeutischen Behandlungsmöglichkeiten zur Linderung der Beschwerden der Betroffenen.

Im tagesklinischen Rahmen bin ich vor allem bei Patienten mit einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung tätig, in freier Praxis zunehmend bei hypochondrischen und multiplen bzw. monosymptomatischen somatoformen Patienten, die häufig jedoch mit der Diagnose einer Panikstörung kommen. In beiden Fällen habe ich gelernt, mit mehr Geduld und Beharrlichkeit als früher trotz möglicher Enttäuschungen die Chancen für Veränderungen der Beschwerden zum Wohle der Patienten im Auge zu behalten. 

Die intensive Arbeit mit Patienten mit einer somatoformen Symptomatik, vor allem auch mit einer krankheitsängstlichen Ausprägung, stellt im angestellten und freiberuflichen Bereich für mich eine persönliche Herausforderung dar. Das Ziel dieses Buches ist erreicht, wenn es gelingt, Fachleuten, Betroffenen und sonstigen Interessierten Mut zu machen und Hoffnung zu geben hinsichtlich der Behandlung bzw. Bewältigbarkeit somatoformer Störungen und in der Öffentlichkeit ein zunehmendes Verständnis für die Thematik der somatoformen Störungen zu schaffen. 

Wenn dieses Buch den Lesern, den Betroffenen, den Angehörigen, den klinischen Praktikern und allen sonstigen im Gesundheitsbereich Tätigen die Behandelbarkeit somatoformer Störungen mit psychologisch-psychotherapeutischen Mitteln anschaulich vor Augen geführt hat, dann hat es seinen Zweck erfüllt. Schließlich handelt es sich bei Patienten mit somatoformen und Schmerstörungen um eine große Gruppe von Menschen, die neben dem individuellen Leiden unserem Gesundheits- und Sozialsystem ungewollt hohe Kosten verursachen durch lange Krankenstände, häufige medizinische Untersuchungen, Einnahme von unspezifischen oder wenig wirksamen Medikamenten und vorübergehende bzw. dauernde Arbeitsunfähigkeit.

In nächster Zeit ist zu erwarten, dass die psychologischen Behandlungsmöglichkeiten bei somatoformen und Schmerzstörungen jene Qualität erreichen, wie sie für Angststörungen und Depressionen mittlerweile Standard sind. Es ist daher zu wünschen, dass trotz der chronisch leeren Kassen im Medizinsystem somatoformen und Schmerzpatienten jene ambulante oder stationäre Behandlung ermöglicht wird, die nicht nur eine Linderung ihres individuellen Leidens bedeutet, sondern auch eine volkswirschaftliche Notwendigkeit zur Reduzierung der Folgekosten.

 

Inhaltsverzeichnis der 2. Auflage

 

1.    Historische Aspekte

Von der Hysterie zu den dissoziativen und somatoformen Störungen

Hysterie im Altertum als Ausdruck eines Gebärmutterleidens

Hysterie im christlichen Mittelalter als Ausdruck von Besessenheit

Hysterie in der Neuzeit als Ausdruck einer neurologischen Störung

Hysterie in der Psychoanalyse als Ausdruck eines Konflikts

Hysterie als deskriptiver Begriff (Briquet-Syndrom)

Hysterie im alten amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema

Hysterie im vorletzten internationalen Diagnoseschema (ICD-9)

Die Auflösung der Hysterie in den neuen Diagnoseschemata

Von hysterischen Reaktionen zu Belastungsstörungen

Akute Belastungsreaktion

Posttraumatische Belastungsstörung

Vom Morbus Hypochondriacus zur hypochondrischen Störung

Von der Neurasthenie zum chronischen Erschöpfungssyndrom

Vom Schmerz als Konversionssymptom zur Schmerzstörung

Von der Umweltverschmutzung zu umweltbezogenen Körperbeschwerden

Vom Stiefkind zum Forschungsmittelpunkt – somatoforme Störungen heute .

 

2.    Diagnostik

Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen)

Dissoziative Bewegungsstörungen

Dissoziative Gang- und Standstörung

Dissoziative Lähmung

Dissoziatives Zittern (psychogener Tremor)

Dissoziative Muskelzuckungen (psychogene Myoklonien)

Dissoziative Muskelkrämpfe (psychogene Dystonien)

Dissoziativer Schwindel

Dissoziative Aphonien und Dysphonien

Dissoziative Schluckbeschwerden (Globus hystericus)

Dissoziative Krampfanfälle

Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen

Somatoforme Störungen

Somatisierungsstörung

Undifferenzierte Somatisierungsstörung

Hypochondrische Störung

Dysmorphophobie

Somatoforme autonome Funktionsstörung

Somatoforme autonome Funktionsstörung des kardiovaskulären Systems  

Herzphobie (Herzneurose)

Sonstige funktionelle kardiovaskuläre Störungen

Somatoforme autonome Funktionsstörung des Gastrointestinaltrakts

Somatoforme autonome Funktionsstörung des oberen Gastrointestinaltrakts

Funktionelle Dyspepsie (Reizmagen)

Funktionelles Luftaufstoßen

Übelkeit und Erbrechen

Ruminationen

Funktionelle Störungen der Speiseröhre

Somatoforme autonome Funktionsstörung

des unteren Gastrointestinaltrakts

Reizdarmsyndrom

Funktionelle Diarrhö

Funktionelle Obstipation

Funktionelle Blähungen

Somatoforme autonome Funktionsstörung des respiratorischen Systems

Hyperventilationssyndrom

Somatoforme autonome Funktionsstörung des urogenitalen Systems

Vegetatives Urogenitalsyndrom des Mannes

Reizblasensyndrom

Harnflut (Polyurie)

Harnverhaltung

Weibliches Urethralsyndrom

Somatoforme autonome Funktionsstörung bei sonstigen Organen

Anhaltende somatoforme Schmerzstörung

Rückenschmerzen

Kopfschmerzen

Chronische Unterbauchschmerzen bei Frauen

Nichtkardiale Brustschmerzen

Kraniomandibuläre Dysfunktion (temporomandibuläre Schmerzen)

Sonstige somatoforme Störungen

Globussyndrom

Somatoformer Schwindel

Somatoformer Juckreiz

Bruxismus

Dysmenorrhö

Syndrome im Umkreis somatoformer Störungen

Neurasthenie

Chronisches Erschöpfungssyndrom

Fibromyalgie

Umweltbezogene Körperbeschwerden

Diagnostische Verfahren zur Erfassung somatoformer Störungen

Fremdbeurteilungsskalen (Interviewverfahren und Checklisten)

Fragebogenverfahren

Neuere Tendenzen in der Diagnostik somatoformer Störungen


 

3.   Differenzialdiagnostik

Primär organisch bedingte Störungen

Körperliche Krankheiten mit psychosomatischen Faktoren

Artifizielle Störung und Simulation

Andere psychische Störungen

Angststörungen

Panikstörung

Generalisierte Angststörung

Phobien

Posttraumatische Belastungsstörung

Depressive Störung

Koenästhetische Schizophrenie

Hypochondrische Wahnstörung

Differenzialdiagnose bei somatoformen Störungen

 

4.   Statistik somatoformer Störungen

Epidemiologie

Zusammenfassender Überblick

Somatoforme Störungen in der Bevölkerung

Somatoforme Störungen in Allgemeinarztpraxen und Kliniken

Somatoforme Störungen bei Allgemeinärzten – Eine WHO-Studie

Komorbidität

Beginn, Verlauf und Prognose

Kosten somatoformer Störungen – Einsparungen durch Therapie

 

5.    Konzepte

Zentrale Begriffe

Konversion

Dissoziation

Somatisierung

Somatisierte Depression

Alexithymie

Somatosensorische Verstärkung

Abnormes Krankheitsverhalten

Stress

Schmerz

Biopsychosoziales Krankheitsmodell

Biologische Faktoren

Genetische (konstitutionelle) Faktoren

Psychoneuroimmunologische Faktoren

Neurophysiologische Mechanismen

Körperliche Erkrankungen

Psychologische Faktoren

Persönlichkeitsfaktoren

Ineffiziente Emotionsverarbeitung

Negatives Selbstkonzept

Übertriebener Gesundheitsbegriff

Dysfunktionale Kognitionen

Abnormes Krankheitsverhalten

Kopingerfahrungen (Umgang mit Belastungen)

Unsicheres Bindungsverhalten

Psychosoziale Faktoren

Soziale Lernerfahrungen

Traumatisierung

Reizarme Umweltbedingungen

Einfluss des medizinischen Versorgungssystems

 

6.    Behandlung

Anfangsphase der Therapie

Diagnostik und Anamneseerhebung

Verhaltensanalyse – Problemanalyse – Zielanalyse

Individuelle Verhaltensanalyse

Kontextuelle (systemische) Verhaltensanalyse

Auswirkungen

Bisherige Problemlösungsversuche

Erklärungsversuche

Therapieziele

Beziehungs- und Motivationsaufbau

Kognitive Therapie

Psychoedukation (Informationsphase)

Veränderung der Denkmuster und Kausalattributionen

Erarbeitung eines realistischen Gesundheitsbegriffs

Aufmerksamkeitslenkung

Reduzierung des Bedürfnisses nach Rückversicherung

Reduktion von Kontrollverhaltensweisen

Körperbezogene Therapie

Körperwahrnehmungsübungen

Achtsamkeitstherapie

Entspannungstherapie

Biofeedback-Therapie

Hypnotherapie

Aktivitätsaufbau und Abbau von Schonverhalten

Längerfristig wirksame Therapiemaßnahmen

Verhaltenstherapie bei Hypochondrie

Verhaltenstherapie bei Schmerzstörungen

Probleme bei der Therapiedurchführung

Besonderheiten der psychodynamischen Therapie

Sonstige therapeutische Methoden

Körperpsychotherapie

Fernöstliche Methoden

Kreativitätsbezogene Therapieformen

Psychopharmakotherapie

Schulungsprogramme für Ärzte

Wirksamkeitsnachweise der Therapie

Verhaltenstherapie

Psychodynamische Methoden

Sonstige therapeutische Methoden

Persönliches Schlusswort

 

7.    Anmerkungen

8 .   Literaturverzeichnis

       Arbeitsblätter