Klinischer und Gesundheitspsychologe
Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)
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Als Klinischer
Psychologe beschäftige ich mich nicht nur mit psychischen Störungen und deren
Behandlung, sondern auch mit neuropsychologischen Sachverhalten, z.B.
Beeinträchtigungen von intellektueller Leistungsfähigkeit,
Aufmerksamkeit/Konzentration und Gedächtnis.
Dieses
Kapitel beschreibt wichtige Aspekte des Gedächtnisses auf der Basis der
aktuellen deutschsprachigen Literatur (Markowitsch, Calabrese, Schuri, Kessler, Schmidtke u.a.).
Gedächtnis ist die geistige
Fähigkeit, Erfahrungen zu speichern und später zu reproduzieren oder wiederzuerkennen, um diese für Erleben und Verhalten
nutzbar zu machen.
Gedächtnis ist das Endprodukt eines
Lernvorgangs. Gedächtnis ist die Voraussetzung für Lernen: ohne Gedächtnis
kein Lernen! Lernen ist die längerfristige (über den Zeitraum der aktuellen
Erfahrung hinausgehende und somit gedächtnisabhängige) Verfügbarkeit einer
Erfahrung. Lernen ist die Fähigkeit, sich neue Informationen anzueignen. Ohne
Gedächtnis gäbe es auch kein Identitätsgefühl, d.h. kein Ich-Bewusstsein des
Menschen. Man hätte keine Geschichte, sondern nur ständige Gegenwart.
Gedächtnis ist für das Überleben des Individuums und der Art absolut notwendig.
Beim Menschen und bei höheren Tieren (z.B. Affen) zeigt sich im Vergleich zu anderen Tierarten: Je komplexer das Sozialverhalten und je länger die Nachkommen von ihren Eltern abhängig sind, um so wichtiger ist das Lernen und Behalten flexibler Handlungsstrukturen und individueller Reize. Nachahmungslernen (Beobachten des Muttertieres bzw. der Eltern) mit Abspeicherung des Gelernten ist die Voraussetzung für Sozialisation.
Gedächtnis wurde früher als einheitliches Gebilde verstanden. Forschungsergebnisse des Amerikaners Tulving im Humanbereich sowie Untersuchungen aus dem Tierbereich führten zur Aufgabe des Konzeptes eines einheitlichen Gedächtnisses, aber auch (im pathologischen Bereich) zur Aufgabe des Konzeptes der globalen Amnesie. Gedächtnis wird heute verstanden als in der Regel nach der Zeit und nach dem Inhalt unterteiltes Systemgeflecht, dessen Verarbeitung durch unterschiedliche neuronale Netzwerke erfolgt. Informationsaufnahme, Einspeicherung, Festigung, Ablagerung und Abruf erfolgen über teilweise sehr unterschiedliche Strukturkombinationen. Dabei sind auch – in Abhängigkeit von der Schnelligkeit des Verarbeitungsvorgangs – parallele Verarbeitungswege gegeben.
Die Fähigkeit, sich zu einer späteren Zeit an eine Information oder Erfahrung erinnern zu können, setzt den Ablauf von fünf geistigen Prozessen voraus:
1.
Informationsaufnahme. Ohne Aufmerksamkeit für Informationen bzw. auf bestimmte Reize ist
kein Gedächtnis möglich.
2.
Einspeicherung/Einprägen (Enkodierung): Übersetzung eintreffender Reizenergie in einen
einzigartigen neuralen Code, den das Gehirn
verarbeiten kann.
3.
Konsolidierung/Behalten (Speicherung, Festigung): Aufbewahrung des enkodierten
Materials über die Zeit; der Konsolidierungsprozess ist die Zeit zwischen
Einspeicherung und Ablagerung; Zeitdauer zwischen Minuten und Stunden.
4.
Ablagerung:
Speicherung in bestimmten Hirnarealen. Das Modell bestimmter Speicherorte ist
veraltet, die Speicherung erfolgt vielmehr in Netzwerken, d.h. in miteinander
vernetzten Teilen des Gehirns.
5.
Abruf (Erinnern)
als Wiederauffinden der gespeicherten Information zu
einem späteren Zeitpunkt.
Untersuchungen der
Gedächtnisfunktionen
sind nach drei Aspekten zu unterscheiden:
l
Lern-
oder Einprägungsvorgang
l
Ausmaß
des Behaltens (Fixierung im Speicher)
l
Abruf
der Gedächtnisinhalte
Die Differenzierung des Gedächtnisses erfolgt
gewöhnlich nach drei verschiedenen Aspekten:
l
Gedächtnis als Speicherung nach der Dauerhaftigkeit der Informationsverarbeitung
(zeitabhängiges Gedächtnis)
l
Gedächtnis als Speicherung nach der Tiefe der Informationsverarbeitung (parallele
Verarbeitung)
l
Gedächtnis als Speicherung nach dem Inhalt der Information (inhaltsabhängiges
Gedächtnis).
Die Unterteilung von Gedächtnis nach der Zeit
entspricht unserem Verständnis von der Vergänglichkeit gelernter Informationen.
Wir wissen, dass wir vieles nur kurz behalten, anderes länger, manches ein
Leben lang. Hieraus entwickelte sich die Ansicht einer grundsätzlich seriellen Informationsverarbeitung, die sich in
einzelne Speichertypen aufteilen lässt.
Nach der Speicherdauer
unterscheidet man drei verschiedene Gedächtnisarten:
l
Sensorisches
Gedächtnis (sensorische Spur, ikonisches u. echoisches
Gedächtnis, Ultrakurzzeitgedächtnis)
l
Kurzzeitgedächtnis:
bis zu ca. 20-60 Sekunden
l
Langzeitgedächtnis:
über das Kurzzeitgedächtnis hinausgehende Merkfähigkeit
1.
Sensorisches
Gedächtnis (Ultrakurzzeitgedächtnis,
ikonisches bzw. echoisches
Gedächtnis)
Das sensorische Gedächtnis
ist die kurzfristige, nur wenige hundert Mil1isekunden dauernde sensorische Re-präsentation nach der unmittelbaren Wahrnehmung (Bilder,
Töne, Gerüche u.a.). Man spricht auch vom Ultrakurzzeitgedächtnis.
Die physikalischen Reize, die die Sinnesrezeptoren
erreichen, werden zuerst in biochemische Prozesse umgesetzt, die Empfindungen
und Wahrnehmungen hervorrufen. Das sensorische Gedächtnis hält dann den
Originalreiz des jeweiligen Sinnesorgans für weniger als eine Sekunde fest, um
sie für das Kurzzeitgedächtnis verarbeiten zu können. Ohne sensorisches Gedächtnis
würden wir Reize nur so lange „hören“ und „sehen“, wie sie physikalisch
vorhanden sind – nicht lange genug, um sie erkennen und verarbeiten zu können.
Das sensorische Gedächtnis vermittelt ein
Gefühl der Kontinuität der Erfahrung, muss danach aber schnell zerfallen, damit
unsere Sinnesorgane neue Information aufnehmen können. Wenn alte Informationen
zu lange sensorisch repräsentiert würden, würden sie mit neuen Sinneseindrücken
interferieren. Die visuelle Erinnerung dauert etwa eine halbe Sekunde, die
akustische Erinnerung (Echo) hält mehrere Sekunden.
Die Eigenarten des sensorischen Gedächtnisses
werden sehr geschickt in der Kino- und Fernsehtechnik genutzt. Ein Film besteht
aus einer Reihe von Einzelbildern, die in sehr schneller Abfolge (24 Bilder pro
Sekunde) dargeboten werden. Während eines Bildwechsels ist objektiv nichts zu
sehen. Das sensorische Gedächtnis gleicht aber die sehr kurzen Zeiträume zwischen
den einzelnen Bildern aus, und es entsteht beim Betrachter der Eindruck eines
ununterbrochenen Bewegungsablaufs.
Aus der großen Menge der Sinneseindrücke, die man erfährt und kurz in das sensorische Gedächtnis aufnimmt, können nur die zu dauerhafteren Erinnerungen werden, die Aufmerksamkeit und Bedeutung erringen. Es gibt somit zwei Möglichkeiten, chancenreich Informationen aus dem sensorischen Gedächtnis in das Kurzzeitgedächtnis zu übernehmen:
l
Aufmerksamkeitszuwendung. Die Aufmerksamkeit wirkt stets selektiv, d.h. auswählend.
l
Bedeutungszuschreibung. Im sensorischen Speicher findet praktisch noch keine Verarbeitung der
Inhalte statt. Die dort gespeicherten Sinnesreize entsprechen weitgehend den
Merkmalen des physikalischen Reizes. Durch Bedeutungszuschreibung (z.B. in Form
von sprachlicher Benennung) wird die Speicherwahrscheinlichkeit der
sensorischen Spur erhöht. Information im sensorischen Speicher wird für längere
Speicherung verfügbar, wenn Mustererkennung auftritt.
2. Kurzzeitgedächtnis
Das Kurzzeitgedächtnis ist Teil unserer
psychologischen Gegenwart. Es setzt den Kontext für neue Ereignisse und
verbindet einzelne Episoden miteinander zu einer kontinuierlichen Geschichte.
Es ermöglicht uns die Aufrechterhaltung und ständige Erneuerung unserer
Repräsentation einer sich verändernden Situation und die Verfolgung eines
Themas während eines Gesprächs. Das Kurzzeitgedächtnis gibt uns einen Kontext
sowohl für das Verstehen als auch für neue Wahrnehmungen.
Das Kurzzeitgedächtnis
speichert Informationen zumeist akustisch bis zu 20 Sekunden, höchstens bis zu
einer Minute, es sei denn, es wird im Bewusstsein gehalten. Das Kurzzeitgedächtnis
erfordert vorwiegend akustisches oder phonologisches Kodieren.
Kurzzeitgedächtnis im streng
experimentalpsychologischen Sinn liegt im Sekundenbereich, jedenfalls deutlich unter einer Minute.
Kurzzeitgedächtnis im
neuropsychologischen Sinne kann dagegen unter günstigen Bedingungen (reizarme Umgebung, keine
Interferenz) 5-10 Minuten umfassen.
Information gelangt in das Kurzzeitgedächtnis
in Form organisierter Bilder und Muster, die üblicherweise als vertraut und
bedeutungsvoll erkannt werden. Die Speicherung erfolgt nur gelegentlich
visuell, zumeist jedoch akustisch (auch bei ursprünglich visuellen Inhalten). Die
Informationen werden sequentiell entsprechend ihrer Ankunft in zeitlicher
Abfolge gespeichert.
Das Fassungsvermögen des Kurzzeitgedächtnisses
ist im Vergleich zum sensorischen Gedächtnis recht beschränkt. Folglich müssen Prozesse
ablaufen, die aus der sehr großen Informationsmenge des sensorischen
Gedächtnisses nur so viel auswählen, wie das Kurzzeitgedächtnis fassen kann.
Die begrenzte Speicherkapazität des Kurzzeitgedächtnisses wird als unmittelbare Gedächtnispanne bezeichnet. Das
Kurzzeitgedächtnis kann neben der Zeitdauer auch nach der Menge an behaltener
Information definiert werden. Die Kurzzeitgedächtnisspanne umfasst
durchschnittlich 7 Objekte ( + 2). Wird versucht, mehr als 9 Items zu
speichern, gehen ältere Items zugunsten neuerer verloren.
Tests zur Erfassung von Störungen
des Kurzzeitgedächtnisses umfassen das so genannte Spannenmaß:
l
Zahlenspanne:
Merken und anschließendes Wiederholen vorgesagter einstelliger Zahlen
(„Zahlennachsprechen vorwärts“ und „Zahlennachsprechen rückwärts“)
l
Blockspanne:
Merken der Reihenfolge von 10 angetippten Würfeln (Beginn mit 3 Würfeln)
(Corsi-Test)
l Wortspanne: Merken und Reproduzieren von 10 vorgesagten Worten aus einer Wortliste
Kurzzeitgedächtnis im
kognitiv-neurowissenschaftlichen Sprachgebrauch unterscheidet sich von dem im deutschen
Sprachraum häufig anzutreffenden Sinn, wo Kurzzeitgedächtnis einen Umfang von
Stunden umfasst. Das Kurzzeitgedächtnis als ein im Sekundenbereich liegender
Informationsspeicher mit begrenzter Kapazität ist keine Einheit, sondern
besteht aus mehreren kurzzeitigen Speichersystemen, die durch eine
übergeordnete Instanz kontrolliert bzw. koordiniert werden. Dies wird durch den
Begriff des Arbeitsgedächtnisses betont.
Vom Amerikaner Baddeley wird das Kurzzeitgedächtnis auch Arbeitsgedächtnis genannt. Er schlug ein hierarchisch organisiertes
Mehr-Komponenten-Modell des Arbeitsgedächtnisses vor. Der Begriff des
Arbeitsgedächtnisses wird häufig verwendet, weil er Kurzzeitgedächtnis als eine
an ein überwachendes Monitorsystem gekoppeltes sensorisches (visuelles oder
auditives) Speicheraggregat ansieht und damit als einen grundsätzlich aktiven
Vorgang, während das Kurzzeitgedächtnis in seiner traditionellen Form eher als
schnell vollgelaufener (und damit passiver) Speicher
verstanden wird.
Das Modell des Arbeitsgedächtnisses enthält
mindestens zwei Subsysteme:
l
Subsystem
zur Verarbeitung verbaler Informationen („phonologische Schleife“).
l
Subsystem
zur Verarbeitung visuell-räumlicher Informationen („visuell-räumlicher
Skizzenblock“).
Nach Baddeleys Arbeitsgedächtnismodell steht ein zentrale Exekutive genanntes Aufmerksamkeitssystem im
Zentrum und koordiniert die Aktivität untergeordneter Systeme, von denen das
visuell-räumliche Subsystem (visuo-räumliche
Wiederholungsschleife) und das verbale Subsystem (phonologische Schleife) am bekanntesten sind. Das verbale
Subsystem des Arbeitsgedächtnis hält sprachliche Informationen, also vor allem
Worte und Ziffern, während das visuell-räumliche Subsystem der kurzfristigen
Speicherung von bildhaften und räumlichen Inhalten dient. Dieses lange Zeit
populäre Modell wird neuerdings von mehreren Seiten her kritisiert.
Das Arbeitsgedächtnis
dient dem kurzfristigen Halten und Manipulieren von Informationen und ist
grundlegend beteiligt an kognitiven Aktivitäten wie dem Verständnis, dem Lernen
und schließlich dem schlussfolgernden Denken bzw. ermöglicht überhaupt erst
diese Operationen. Es wird für Leistungen wie z.B. das Verstehen eines Satzes
oder Kopfrechnen benötigt wird. Es stellt somit die Schnittstelle zwischen
Gedächtnis und komplexen kognitiven Prozessen dar.
Der Großteil des Kurzzeitgedächtnisses wird
gleich wieder vergessen, ist also endgültig verloren. Einiges wird jedoch in
das Langzeitgedächtnis übernommen.
Es gibt zwei Möglichkeiten, die begrenzte
Kapazität des Kurzzeitspeichers zu steigern, so dass mehr Information von dort
in das Langzeitgedächtnis gebracht werden kann:
l
Herstellung sinnvoller Einheiten durch Verkettung. Verknüpfung von einzelnen Items (z.B.
Zahlen und Buchstaben) zu bedeutungstragenden
Informationseinheiten (z.B. Jahreszahlen, Worte). Beispiel: die Zahlen
1945195019551960196519701975 lassen sich problemlos als die Jahreszahlen 1945
bis 1975 speichern (mit Fünf-Jahres-Intervallen). 12 Zahlen, die eine
Telefon-Nummer wiedergeben, lassen sich ebenfalls durch Gruppieren zu jeweils 2
oder 3 Einheiten leichter merken.
l
Wiederholen.
Einfaches (erhaltendes) Wiederholen steigert die Aufbewahrung für Material im
Kurzzeitgedächtnis auf mehrere Minuten, exlaborierendes
Wiederholen (Analyse und Verbindung mit bereits gespeichertem Wissen) bereitet
es auf die Speicherung im Langzeitgedächtnis vor.
3. Langzeitgedächtnis
Das Langzeitgedächtnis ist der in
Form verbaler Kodierung aufgebaute Speicher für alle Erfahrungen,
Informationen, Emotionen, Fertigkeiten, Wörter, Kategorien, Regeln, Urteile usw., die ihm aus dem sensorischen und
dem Kurzzeitgedächtnis übertragen wurden, stellt also das Wissen eines jeden
Menschen über sich selbst und die Welt dar. Das Langzeitgedächtnis erfordert
semantisches (sprachliches) Kodieren.
Die Speicherung erfolgt eher semantisch, d.h. durch verbale Kodierung der
Gedächtnisinhalte. Das Langzeitgedächtnis bewahrt Informationen praktisch ein
Leben lang auf, so dass sie prinzipiell verfügbar sind (was aber noch nicht
ganz gesichert ist).
Wesentlich für die Definition von
„Langzeitgedächtnis“ ist, dass die Information zwischen Aufnahme und Wiedergabe
aus dem Bewusstsein verschwunden war und vom Arbeitsgedächtnis in der Zwischenzeit
andere Inhalte bearbeitet wurden. Langzeitgedächtnis kann daher auch schon nach
sehr kurzen Intervallen geprüft werden, wenn zwischen Aufnahme und Wiedergabe
eine Ablenkung war.
Das Langzeitgedächtnis hat eine für den menschlichen Alltag praktisch unbegrenzte Kapazität. Es stellt ebenso wie das Kurzzeitgedächtnis keine Einheit dar, sondern besteht aus verschiedenen Gedächtnissystemen. Hinsichtlich der Grobstruktur des Langzeitgedächtnisses besteht heute weitgehend Einigkeit, im Detail gibt es jedoch unterschiedliche Konzepte, z.B. hinsichtlich der Beteiligung des episodischen und semantischen Gedächtnissystems beim Erwerb neuen Wissens oder der Differenzierung von Unterformen impliziter Gedächtnissysteme.
Man unterscheidet üblicherweise grob zwischen
einem expliziten (oder deklarativen)
und einem impliziten (oder nondeklarativen)
Gedächtnis:
l
Das
explizite Gedächtnis umfasst das bewusste
Gedächtnis, wie es in Form des freien Erinnerns, des Erinnerns mit Abrufhilfen
oder des Wiedererkennens (Rekognition) im Rahmen der
Diagnostik geprüft wird. Es handelt sich um die bewusste Erinnerung
repräsentierter Informationen und umfasst persönliche Erlebnisse, die räumlich
und zeitlich determiniert sind („episodisches Gedächtnis“) sowie unser Wissen,
das unabhängig von solchen räumlich räumlich-zeitlichen Bezügen besteht
(„episodisches Gedächtnis“).
l
Beim
impliziten Gedächtnis handelt es sich um
unbewusste erfahrungsbedingte Verhaltensänderungen.
Man versteht darunter eine sehr heterogene Gruppe von Leistungen, z.B. die
Tendenz, Wortanfänge ohne entsprechende Erinnerungsinstruktion bevorzugt zu
solchen Wörtern zu komplettieren, mit denen man sich zuvor beschäftigt hat
sowie das schnellere Erkennen von Bildern, die man kurz vorher schon einmal
gesehen hat (beides Priming-Phänomene).
Die Enkodierung im Langzeitgedächtnis erfolgt
nach der Bedeutung des Inhalts. Je vertrauter das Material und je besser die Organisation,
umso besser ist das Behalten. Man erinnert sich eher an den Inhalt oder den
Sinn eines gehörten Satzes als an den tatsächlichen Wortlaut. Mit größerer
Wahrscheinlichkeit wird demnach eher die Bedeutung oder der Inhalt von Sätzen
gespeichert als deren genaue Struktur.
Ein
Satz, dessen Inhalt und Bedeutung wir nicht verstanden haben, lässt sich kaum
zu einer erinnerbaren Informationseinheit organisieren und daher nur sehr
schwer merken. Eine Reihe von Worten lässt sich leichter speichern, wenn diese
zuerst in eine sinnvolle Struktur gebracht werden (z.B. Merken nach Haupt- und
Eigenschaftswörtern, Merken nach Tier- und Blumennamen).
Gedächtnisinhalte werden dann am besten
gespeichert, wenn sie inhaltlich hoch emotional sind (Emotionen drücken
Bedeutung und Bewertung aus).
Verkettung und elaborierendes
Wiederholen helfen bei
der Vorbereitung von Material für das langfristige Speichern, weil sie es
organisieren und mit mehr Bedeutung versehen.
Bildhafte Vorstellung ist eine der effektivsten Formen
der Enkodierung, vielleicht deshalb, weil sie sowohl für verbale als auch für
visuelle Erinnerungen gleichzeitig Codes bereitstellt. Man erinnert sich an
Wörter, indem man sie mit Vorstellungsbildern assoziiert – je lebhafter und
deutlicher, desto besser.
Enkodierspezifität bezeichnet den Umstand, dass Erinnerungen aus dem episodischen Gedächtnis am leichtesten am leichtesten abgerufen werden können, wenn die Umstände des Abrufs denen des Erwerbs ähneln. Das Prinzip der Enkodierspezifität berücksichtigt den engen Zusammenhang von Enkodierung, Speicherung und Abruf. Je besser die Abstimmung zwischen der Organisation der Enkodierung und den Hinweisen, die später beim Abrufen gegeben werden, umso besser wird die Erinnerungsleistung sein. Die Speicherung ist abhängig von Kontext und Zustand beim Speichern.
Kontextabhängigkeit des Erinnerns: neues Material wird leichter
gelernt, wenn man auch die Einzelheiten der Begleitumstände der Lernsituation
(den Kontext der Enkodierung) einspeichert.
Beispiele: Wenn man etwas verloren hat, geht man den Weg
nochmals ab und findet plötzlich das Gesuchte. Taucher erinnerten Material, das
sie unter Wasser gelernt hatten, besser, wenn sie unter Wasser getestet wurden,
selbst dann, wenn das Material selbst nichts mit Tauchen oder Wasser zu tun
hatte.
Die Kontextabhängigkeit ist ein Grund dafür,
dass es nicht sinnvoll ist, in lauter Umgebung zu lernen (z.B. mit Radio), wenn
man in einem stillen Raum getestet werden soll.
Der Abruf wird besser sein, wenn es keine
großen Unterschiede im physischen oder psychischen Zustand beim Lernen und beim
Abruf gibt. Wenn man im glücklichen Zustand etwas gelernt hat, wird es einem im
traurigen Zustand schwerer fallen, sich daran zu erinnern, als wenn es einem
gelingt, die glückliche Stimmung wieder herzustellen.
Drei Beispiele
für zustandsabhängiges Lernen aus dem psychiatrischen Kontext:
l
Alkoholiker können
Verhaltensweisen, die sie unter Alkohol gelernt haben (z.B. selbstbewusstes
Verhalten, bestimmte sexuelle Aktivitäten, ein Gedicht usw.) besser wieder
unter Alkohol aktivieren als nüchtern.
l
Depressive
können in ihrer traurigen Phase kaum die glücklichen Zeiten ihrer Ehe lebhaft
erinnern, auch wenn diese nachweisbar gegeben waren.
l
Menschen
mit posttraumatischer Belastungsstörung
(Vergewaltigung, Körperverletzung) erleben ihre traumatischen Erinnerungen
deshalb so belastend, weil sie im Zustand großer Angst und Erregung gespeichert
wurden und in diesem Zustand auch wieder in Erinnerung treten.
Erinnern
und Gedächtnis als konstruktiver Prozess (Informationsverarbeitung)
Das Finden von Erinnerungen im episodischen
Gedächtnis ist häufig eine Rekonstruktion.
Erinnern ist ein konstruktiver Prozess und
nicht einfach ein Prozess des mechanischen Aufzeichnens. Beim Erinnern ergänzen
wir das Erinnerungsmaterial oft durch das Ausfüllen von Lücken nach dem Prinzip
der größten Wahrscheinlichkeit, Hinzufügen von Einzelheiten zur
Vervollständigung, Abrunden zu einem stimmigen Gesamtbild gemäß einer
bestimmten Hypothese oder Theorie, Formung des Erinnerungsmaterials nach dem
Prinzip der „guten Gestalt“, Veränderungen des Gedächtnisinhalts nach den
jeweiligen Gefühlen und Motiven.
Erinnern ist die Fortsetzung des
aktiven konstruktiven Prozesses der Wahrnehmung. Die Vorstellung, dass unsere Erinnerung das
Erlebte wie ein Foto oder Videofilm speichert und wiedergibt, ist somit
grundfalsch! Konstruktive Prozesse treten entweder auf der Stufe der
Enkodierung auf, wenn das Material zum ersten Mal verarbeitet wird oder später,
wenn es wieder abgerufen wird.
Bei konstruktiven Gedächtnisprozessen spielen
Schemata eine wichtige Rolle. Schemata sind
kognitive Strukturen, die aus vergangenen Erfahrungen aufgebaut wurden und
Erwartungen und einen Interpretationskontext für neue Erfahrungen
bereitstellen. Folglich beeinflussen sie, woran man sich erinnert. Es besteht
eine ausgesprochene Neigung, neue Informationen in das bereits Bekannte
einzuordnen. Viele der Konstruktionen und Verzerrungen beim Erinnern
resultieren daraus, dass neue Informationen im Licht der Erwartungen aufgrund bereits
existierender Schemata interpretiert werden (z.B. Erinnern des Gesichts einer
schwarzen Person gemäß den Stereotypien, die wir von Schwarzen haben).
Weitere Informationen oder falsche
Informationen, die während des Abrufs dargeboten werden, können die Erinnerung
beeinflussen, ohne dass der Erinnernde dies bemerkt.
Aus dem Gesagten ergibt sich auch die Problematik von Augenzeugenberichten bei Gericht
(z.B. anlässlich eines Autounfalls, wo verschiedene Zeugen dasselbe völlig
unterschiedlich wahrgenommen und/oder erinnert haben).
Eidetisches Gedächtnis – eine Sonderform des
bildhaften Gedächtnisses
Das so genante eidetische
Gedächtnis (ausgeprägt bildhaftes Gedächtnis) bezeichnet die Fähigkeit,
sich an ein Bild oder eine Szene nach einmaliger Betrachtung über einen relativ
langen Zeitraum hinweg bis in das kleinste Detail zu erinnern. Es kommt bei
etwa 5% der schulpflichtigen Kinder vor, bei Erwachsenen wesentlich seltener.
Beispiel: ein Eidetiker kann sich ein mit
Gegenständen überfüllten Bild so plastisch vorstellen, dass er wie von der realen
Vorlage sofort und zuverlässig ablesen kann, wie spät es auf der Uhr des
abgebildeten Kirchturms ist.
Nach dem Typ der
Information, der
Beschaffenheit des Gedächtnismaterials, unterscheidet man im Wesentlichen drei
Arten von Gedächtnis (darauf wird später näher eingegangen):
l
Das
episodische Gedächtnis (kontextabhängiges
Erlebniswissen). Behalten von Ereignissen, die in räumlich-zeitlicher
Beziehung stehen zu persönlichen autobiographischen Daten. Gedächtnis für
Ereignisse, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen (Speicherung
autobiographischer Informationen, z.B. Erinnerung an den Hochzeitstag oder
Urlaub). Erinnerungen an einzelnen, zeitlich und
situativ bestimmte Ereignisse.
l
Das
semantische Gedächtnis (kontextunabhängiges
allgemeines Wissen). Erlerntes Wissen wie Faktenwissen und universelles
Weltwissen ohne unbedingten Bezug zur Autobiographie. Gedächtnis für die
grundlegende Bedeutung von Wörtern und Begriffen. Zeit und Ort des Erlernens
gehen beim allgemeinen Wissen verloren, erhalten bleiben nur allgemeine
Informationen über diese Welt, also z.B. Regeln, Begriffe, Fakten.
l
Das prozedurale Gedächtnis (Speicher
für Bewegungsabläufe). Gedächtnis für wahrnehmungsbezogene,
kognitive und motorische Fertigkeiten; Erinnerungen, wie Dinge getan werden.
Fertigkeiten wie Fahrradfahren und Schuhe binden sind schwer zu lernen, aber
sogar noch schwerer zu vergessen. Erinnerungen an Fertigkeiten werden nur
während der frühen Phasen der Durchführung bewusst abgerufen. Experten
bewältigen Aufgaben, die ihre Fertigkeiten erfordern, ohne die jeweiligen
angemessenen Erinnerungen bewusst abzurufen. Tatsächlich ist der bewusste Abruf
oft eine Ablenkung und verschlechtert die Leistung.
Zahlreiche
neuropsychologische Befunde sprechen für das Gedächtnis als serielles
Informationsverarbeitungssystem. Die meisten so genannten Amnestiker,
also nicht-demente Patienten mit massiven und
anhaltenden Gedächtnisstörungen (prinzipiell auf fokalen, eingrenzbaren
Hirnschäden basierend), haben in der Regel ein intaktes Kurzzeitgedächtnis
(Merkspanne), manchmal sogar ein weit überdurchschnittliches, während ihr
Langzeitgedächtnis stark beeinträchtigt ist.
Dennoch gibt es auch eine parallele Informationsverarbeitung, die die Tiefe der
Informationsverarbeitung bestimmt. Informationen haben eine um so höhere
Chance, bleibend gespeichert zu werden, je tiefer, vielfältiger und intensiver
sie zu Anfang bearbeitet und damit gespeichert werden.
Ein Kurzzeitgedächtnisspeicher mag zwar daneben
und untergeordnet auch existieren, die wesentliche Gedächtnisgrundlage ist
jedoch nach dem Modell der Tiefe der Informationsverarbeitung, das der
Amerikaner Craik vorgestellt hat, die kontinuierliche Verarbeitung der Informationen. Im
Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis erfolgt demnach eine parallele Einspeicherung,
wodurch die aufgenommenen Informationen gefestigt wird.
Gedächtnis als Speicherung nach dem Inhalt (inhaltsabhängiges
Gedächtnis)
Im
Gegensatz zur Einteilung des Gedächtnisses nach der Speicherdauer hat sich die
inhaltliche Differenzierung des Gedächtnisses erst in den letzten Jahren
verbreitet. Neuropsychologische Untersuchungen sowie elektrophysiologische und Neuroimaging-Experimente haben dieses Konzept stark
untermauert.
Der bedeutende amerikanische Gedächtnisforscher
Tulving unterscheidet
zwei Gedächtnisformen nach dem Inhalt (inhaltliche Gedächtnissysteme):
l
Episodisches Gedächtnis. Es bezieht sich auf
Einzelereignisse, die deswegen autobiographischen Charakter haben und die nach
Raum und Zeit bestimmbar sind. Es handelt sich um das auf individueller
Erfahrung beruhende, persönliche, an und mit erlebten
Ereignissen gekoppelte Wissen (kontextabhängiges Wissen).
l
Semantisches Gedächtnis. Es besteht aus dem gespeicherten
Wissenssystem, das alle Kenntnisse über die Welt, die Schule, das Leben und
damit auch unser Sprachsystem einschließt (z.B. der Name der Hauptstadt
Italiens, chemische Formel für Salzsäure, Kenntnis bestimmter Fremdworte,
Merken von Worten einer Fremdsprache usw.).
Es handelt sich um kontextunabhängiges Wissen, d.h. die semantischen
Inhalte können keinem räumlichen, zeitlichen und situativen Kontext zugeordnet
werden.
Episodisches
und semantisches Gedächtnis haben gemeinsam, dass daraus abgerufene
Informationen zu Inhalten des Bewusstseins werden. Nicht nur die abgerufene
Information, sondern auch der Akt des Abrufens ist bewusst.
Tulving entwickelte das SPI-Modell des Gedächtnisses:
S steht für seriell, P für
parallel, I für independent (unabhängig).
Gemeint ist, dass die Einspeicherung seriell erfolgt, d.h. zuerst in einem
System (in der Regel dem episodischen) erfolgt und dann in das nächste (z.B.
das Kenntnissystem) übergeht. Die Ablagerung erfolgt dann aber parallel, d.h.
in unterschiedlichen Systemen. Dementsprechend ist auch der Abruf unabhängig,
d.h. wenn er über das Kenntnissystem erfolgt, ist er nicht – wie im
episodischen System – an eine Bewusstmachung und Kontexteinbettung gebunden.
Das episodische Gedächtnis wird in neuerer Zeit
differenziert zwischen einem eher neutralen,
unpersönlichen Gedächtnis (Wissenssystem) und
einem mehr affektiv-autobiographischen episodischen
Gedächtnis, was auch zu den aktuellen Forschungsergebnissen passt: beim
Abruf episodischer Informationen ist einerseits das Stirnhirn aktiviert,
andererseits der rechtshemisphärische temporopolare
Bereich.
Gedächtnis und Affekt
stehen in einem engen Zusammenhang. Ereignisse aus der Vergangenheit können nach
mehreren Tagen dann am ehesten wieder abgerufen werden, wenn die Stimmung
während der Gedächtniseinspeicherung mit der beim Gedächtnisabruf
übereinstimmt.
Das
episodische Gedächtnis erlaubt (und setzt voraus) autonoetisches
Gewahrschein seiner Vergangenheit, einschließlich der Möglichkeit zur Ekphorie (Abrufbarkeit) autobiographischer Geschehnisse.
Das episodische Gedächtnis entsteht beim Menschen vermutlich erst mit der
Entwicklung der Sprache oder noch später und kommt im Tierreich nicht vor.
Als Teilbereiche des
episodischen Gedächtnisses können folgende Gedächtnissysteme angesehen
werden:
l
Prospektives Gedächtnis (Zukunftsbezogenes Gedächtnis). Es handelt sich dabei um das
Gedächtnis für Aufträge und Vorsätze, um das Gedächtnis für Zukünftiges, z.B.
„Was will ich morgen einkaufen?“ Auf die Zukunft gerichtetes Gedächtnis für
Handlungsabsichten bezeichnet z.B. das Erinnern von Terminen oder der Einnahme
von Medikamenten. Typischerweise fallen einem die vergessenen Aufträge und
Vorsätze später wieder ein. Für gesunde Personen besteht das Problem weniger
darin, sich überhaupt an die vorgenommenen Tätigkeiten zu erinnern, als sich
zur richtigen Zeit zu erinnern. Was fehlt ist, ist jemand, der einen zum
richtigen Zeitpunkt daran erinnert, sich zu erinnern. Es handelt sich dabei um
sehr komplexe Leistungen. Das erfolgreiche Realisieren von Handlungsabsichten
stellt nicht nur Anforderungen an das episodische Gedächtnis, sondern auch an
exekutive Hirnfunktionen. Prospektive Gedächtnisleistungen stellen eine Schnittstelle
zwischen Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Handeln dar. Das prospektive Gedächtnis
ist eigentlich keine besondere Art von Gedächtnis, sondern eine besondere
Anforderung, deren Erfüllung das Zusammenwirken von episodischem Gedächtnis und
zentraler Kontrolle erfordert.
l
„Flashbulb-Memory“. Äußerst lebendig wirkendes blitzlichtartig
aufleuchtende Erinnerung an ein signifikantes Ereignis. Es handelt sich dabei
um emotional sehr nahegehende Geschehnisse, die man
sehr lebendig wiedererinnert (z.B. Hochzeit).
Derartige Erinnerungen kommen in negativer Form oft bei einer posttraumatischen
Belastungsstörung vor.
l
Quellengedächtnis.
Erinnerung an den zeitlich-örtlichen Kontext von Information, z.B. „Woher habe
ich die Information?“
Der bekannte amerikanische Gedächtnisforscher Squire unterscheidet die
folgenden zwei Gedächtniskategorien:
l
Deklaratives (explizites) Gedächtnis. „Deklarativ“
bedeutet, dass man die Information „deklarieren“, also bezeichnen, beschreiben
kann. Es handelt sich dabei um Fakten (Geburtsdatum, Name usw.) und Ereignisse
(Erlebnisse in bestimmten Lebensabschnitten), die bewusst und willentlich
abrufbar sind. „Explizit“ meint mit den dazugehörigen Konnotationen (dem
raum-zeitlichen Koordinatenmuster, d.h. dem Wie, Wann und Wo des
Erwerbsvorgangs). Expliziter Abruf stellt die abgerufene Information als
persönlich erfahrbare Episode hin. Deklaratives
Gedächtnis ist durch Erinnerung gekennzeichnet. Informationen aus dem deklarativen Gedächtnis können unabhängig vom Kontext
abgerufen werden.
l
Nicht-deklaratives (implizites) Gedächtnis. „Nicht-deklarativ“
bedeutet, dass es sich primär um ein motorisch sichtbares („handelndes“)
Gedächtnis handelt. Es handelt sich dabei um prozedurales
Lernen, Priming, assoziatives Lernen wie einfache und
operante Konditionierung, nicht assoziatives Lernen
wie Habituation oder Sensitivierung.
„Implizit“ bedeutet ohne Bewusstmachung des eigentlichen Inhaltes und seiner
Bedeutung. Das nicht-deklarative oder implizite
Gedächtnis umfasst all jene gespeicherten Informationen, bei denen trotz
erfahrungsabhängiger Verhaltensänderungen die
Lernepisode und/oder das Lernmaterial später nicht bewusst gemacht werden
können. Das implizite Gedächtnis ist ein Sammelbegriff für die dauerhaften
Lernleistungen, die verschiedene motorische und kognitive Systeme ohne
Mitwirkung des expliziten Gedächtnis zustande bringen.
Nicht-deklaratives Gedächtnis ist durch nicht-bewusste Verhaltensänderung
charakterisiert. Der Abruf des impliziten Wissens ist an die Situation des
Wissenserwerbs gebunden.
Für die Existenz unterschiedlicher
Gedächtnissysteme sprechen z.B. Befunde zu erhaltenen non-deklarativen
Gedächtnisleistungen bei amnestischen Patienten mit
stark eingeschränkten Erinnerungsvermögen bei deklarativen
Aufgaben wie der freien Wiedergabe oder dem Wiedererkennen.
Das nicht-deklarative (implizite) Gedächtnis lässt sich in mindestens zwei
Gedächtnisformen unterscheiden:
l
Prozedurales Gedächtnis. Es bezieht sich auf motorische und
mechanische Fertigkeiten und Handlungsabläufe (u.a. Regellernen). Die Steuerung
erfolgt über das Kleinhirn und die Basalganglien.
l
Priming-System. Es handelt sich dabei um ein leichteres,
wahrscheinlicheres Re-Identifizieren früher wahrgenommener Inhalte oder
Reizmuster. Priming kann definiert werden als die
Erleichterung der Identifikation oder Verarbeitung von Objekten infolge einer
vorangegangenen Wahrnehmung derselben. Obwohl die Lernepisode und das Material
der Person unbewusst bleiben, werden diese verhaltenswirksam. Man kann Priming näherungsweise mit Bahnungs- oder Prägungsvorgängen
vergleichen.
Die Tatsache, dass in Abhängigkeit vom
Hirnschaden Priming und prozedurales
Gedächtnis (z.B. Erlernen motorischer Abläufe) unterschiedlich sein können,
spricht für die Annahme unterschiedlicher neuroanatomischer Substrate in der
Vermittlung verschiedener nicht-deklarativer
Gedächtnisleistungen.
|
Lernen erfolgt durch Speicherung des Gelernten (Gedächtnis). Es gibt unterschiedliche Formen des Lernens sowie unterschiedliche Gedächtnisspeicher. Früher wurde davon ausgegangen, dass sich der „Sitz des Gedächtnisses“
in bestimmten Gehirnzentren befindet, in denen das Wissen eingespeichert und
abgerufen wird. Heute weiß man: beim Einspeichern, Abspeichern und Abrufen
von Informationen werden je nach Gedächtnissystem unterschiedliche Gehirnareale
aktiviert. Die Speicherorte sind über die ganze Hirnrinde verteilt, die Gedächtnisinhalte sind nicht streng lokalisiert abgelegt, sondern in vernetzter Weise in unterschiedlichen Hirngebieten. Im Detail ist vieles noch unbekannt. Das Gedächtnis kann nach drei Kategorien klassifiziert werden: 1. Speicherung nach der Dauerhaftigkeit der Informationsverarbeitung (zeitabhängiges Gedächtnis). 2. Speicherung nach der Tiefe der Informationsverarbeitung, z.B. nonverbale oder verbale (semantische) Speicherung. 3. Speicherung nach dem Inhalt (inhaltsabhängiges Gedächtnis). Zeitabhängiges Gedächtnis Unterscheidung des
Gedächtnisses nach der Zeitachse (Dauerhaftigkeit der Speicherung) in drei
Arten: 1.
Ultrakurzzeitgedächtnis: Sinneseindrücke für einige Augenblicke. 2.
Kurzzeitgedächtnis: Speicherung bis zu 1 Minute. 3.
Langzeitgedächtnis: Speicherung für einige Monate oder Jahre bzw. das
ganze Leben. Inhaltsabhängiges Gedächtnis
In neuerer Zeit wird die
Unterscheidung des Gedächtnisses nach dem Inhalt immer wichtiger. Das Gehirn
behandelt die eingehenden Informationen je nach ihrer Art sehr
unterschiedlich. Emotional getönte Informationen werden im Mandelkern
dauerhafter und intensiver (mit Aktivierung der seinerzeitigen körperlichen
Reaktionen) gespeichert als das Faktenwissen im Hippocampus. Fertigkeitswissen bleibt
durch den Speicherort bei Menschen mit Merkfähigkeitsstörungen länger
erhalten als Faktenwissen. Man unterscheidet
gegenwärtig mindestens vier Gedächtnissysteme, die miteinander in enger
Verbindung stehen: |
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Zwei
Formen des deklarativen (expliziten, intentionalen)
Gedächtnisses:
bewusste Wiedererinnerung |
Zwei
Formen des nicht-deklarativen (impliziten)
Gedächtnisses: unbewusste
oder vorbewusste Wiedererinnerung |
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Episodisches
(autobiographisches) Gedächtnis |
Semantisches
(sprachliches) Gedächtnis |
Prozedurales
(Fertigkeits-) Gedächtnis |
Priming
(unbewusstes Wiedererinnern) |
|
Erinnerung an Lebensereignisse („persönliches
Gedächtnis“). Die Speicherung einzelner Ereignisse erfolgt
geordnet nach Ort und Zeit. Beim Abruf werden vermutlich nicht die
Einspeicherregionen nochmals aktiviert, sondern ein Netzwerk aus
Hirnregionen, das vor allem auch emotional-limbische
Anteile umfasst. Dies erklärt die intensiven Erlebnisse bei
Erinnerungen an angstvolle Erfahrungen wie z.B. Unfall, Überfall oder Vergewaltigung.
Bei einer Störung des episodischen Gedächtnisses
können die anderen Gedächtnissysteme noch immer gut funktionieren. |
Wissenssystem für Weltkenntnisse, Schul- und
Bildungswissen, Wissen um generelle Zusammenhänge, Faktengedächtnis, sprachlich-grammatikalische
Kenntnisse. Das Faktengedächtnis arbeitet oft eng verzahnt mit
dem autobiographischen Gedächtnis, zumindest wenn es sich aufbaut. Das semantische Gedächtnis ist nötig für das
episodische Gedächtnis. Andererseits werden Fakten über Städte und Länder
durch einen Urlaubsaufenthalt dauerhafter eingespeichert. Ein persönlicher Bezug macht Faktenwissen
einprägsamer. |
Fertigkeitswissen, erlernte Bewegungsabläufe und
Handlungsstrategien (Fahrradfahren, Schifahren, Musikinstrument spielen,
Umgang mit Werkzeug, Kochen, Ankleiden, Schuhe binden u.a.). Alle Gewohnheitsbildungen. Mechanische und motorische Fertigkeiten und
Handlungsabläufe lassen sich auch noch bei Menschen mit schweren
Merkfähigkeitsstörungen trainieren. Die Betroffenen behalten neu erlernte
Fertigkeiten, wissen aber nicht, wie sie diese gelernt haben. Bei Störungen des episodischen und semantischen
Gedächtnisses können Ergotherapeuten, Physiotherapeuten u.a. durch Übungen
das prozedurale Gedächtnis verbessern. |
Unbewusstes Wiedererkennen/ Wiedererinnern
bestimmter Reize und Sinneseindrücke. Erleichtertes Erinnern von ähnlich erlebten
Situationen oder früher wahrgenommenen Reizmustern. Das vorbewusste
Wiedererkennen von Reizen und Sinneseindrücken erfolgt streng kontextbezogen. Diese Leistung gelingt oft auch noch Menschen mit
schweren Merkfähigkeitsstörungen. Das Aufstellen persönlicher Dinge im Altersheim
verhilft dementen Menschen zu einen Anschluss an
ihre Lebensgeschichte, wenn das episodische Gedächtnis gestört ist. |
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Relevante Hirnstrukturen |
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Limbisches System |
Limbisches System und Cerebraler Cortex |
Basalganglien Kleinhirn |
Cerebraler Cortex (Gebiete um die primären sensorischen Felder) |
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Cerebraler Cortex (vor allem Assoziationsgebiete) |
Cerebraler Cortex (vor allem Assoziationsgebiete) |
Basalganglien Kleinhirn |
Cerebraler Cortex (primäre
sensorische Felder) |
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Temporo-frontaler Cortex rechts (rechter vorderer Schläfenlappen und basales Stirnhirn) |
Temporo-frontaler Cortex links (linker vorderer Schläfenlappen und basales Stirnhirn) |
Basalganglien Kleinhirn |
Cerebraler Cortex |
Verschiedene Theorien versuchen den Vorgang des
Vergessens zu erklären:
1.
Spurenverfall.
Gespeicherte Informationen gehen im Laufe der Zeit allmählich verloren. Wie
dies genau erfolgt, ist jedoch noch nicht geklärt.
2.
Interferenz. Die
Information wird durch andere Informationen blockiert. Information, die nicht
durch neues Material gestört wird, wird am besten erinnert.
l
Proaktive Interferenz: vorwärtsgerichtet,
früher Gelerntes stört später zu Lernendes.
l
Retroaktive Interferenz: rückwärtsgerichtet,
später Erlerntes stört früher Erlerntes. Je größer die Ähnlichkeit zwischen
zwei Sets von Lernmaterial ist, umso größer ist die Interferenz zwischen
ihnen.
l
Misslingen des Abrufs. Die Information ist nicht mehr zu finden, wenn man den Kontext der
Speicherung vergessen hat. „Etwas auf der Zunge haben“ bedeutet, den Abrufreiz
zumindest momentan nicht zugänglich haben.
l
Motiviertes Vergessen. Die Information wird aus irgendeinem Grund vor dem Bewusstsein
verborgen (z.B. Angst, Schuldgefühl, Abneigung/Ablehnung einer Person/Sache).
Bei psychisch bedingten Amnesien bleibt das „vergessene“ Material erhalten, der
Zugang ist jedoch blockiert. Freud beschrieb als erster Erinnern und Vergessen
als dynamische Prozesse, als aktive Verdrängungsleistung des Individuums.
Anatomisch sind vier
Gehirnstrukturen mit dem Gedächtnis befasst: der Hippocampus, das Cerebellum
(Kleinhirn), die Amygdala und der cerebrale Cortex (Gehirnrinde). Schädigungen in diesen
Bereichen sind mit bestimmten Merkfähigkeitsstörungen verbunden. Darauf wird in
diesem Zusammenhang jedoch nicht näher eingegangen.
Mittlerweile ist auch allgemein akzeptiert,
dass das menschliche Gedächtnis mit Veränderungen der
Physiologie und/oder der Struktur synaptischer
Membranen zu tun hat.
Merkfähigkeits-
oder Gedächtnisstörungen (Amnesien)
Gedächtnisstörungen sind nach Aufmerksamkeitsstörungen das zweithäufigste Leistungsdefizit nach erworbener Hirnschädigung. Die wichtigsten organischen und nichtorganischen Merkfähigkeitsstörungen sind:
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Art
der Gedächtnisstörung |
Beschreibung |
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Anterograde Amnesie („Neugedächtnisstörung“) |
Unfähigkeit, neue Informationen dauerhaft in das explizite Gedächtnis aufzunehmen: Störung des Lernens und Erinnerns neuer Informationen (Störung der Enkodierung, Speicherung und Abrufbarkeit von Informationen, die nach dem Eintritt der Hirnschädigung aufgenommen wurden), d.h. Amnesie für nach der Gehirnschädigung aufgenommene Informationen. Dass Altgedächtnis ist unversehrt. |
|
Retrograde Amnesie („Altgedächtnisstörung“) |
Verlust
der Fähigkeit, bereits im expliziten Gedächtnis gespeichertes Material
abzurufen: Beeinträchtigung der Erinnerungsleistung für Informationen
(Erlebnisse, Wissen), die vor Eintritt der Hirnschädigung aufgenommen wurden,
d.h. Amnesie für vor der Hirnschädigung aufgenommene
Informationen. |
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Fokale retrograde Amnesie |
Retrograde Amnesie ohne bzw.
mit relativ geringer anterograder Amnesie
|
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Amnestisches Syndrom |
Schwere permanente anterograde Amnesie des expliziten Gedächtnisses (wobei sowohl verbale als auch nonverbale Inhalte betroffen sind) und zusätzlich retrograde Amnesie unterschiedlichen Ausmaßes bei normalen einfachen Gedächtnisspannen und impliziten Gedächtnisleistungen. Schwere Störung der Aufnahme neuer Inhalte in das explizite Gedächtnis und zusätzliche Störungen des Abrufs. Bis auf die Gedächtnisstörung weitgehend normale kognitive Leistungen (zumeist definiert als erhaltene „Intelligenz“). Auch Kurzzeitgedächtnisleistungen sind weitgehend ungestört. |
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Quellen-Amnesie |
Störung der Erinnerung an den zeitlich-örtlichen Kontext von Information, während die Informationen selbst erinnert werden |
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Posttraumatische Amnesie (PTA) |
Zeitbereich nach einem Schädel-Hirn-Trauma ohne kontinuierliches Gedächtnis (meist operationalisiert als fehlendes Tag-zu-Tag-Gedächtnis) |
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Transitorische globale Amnesie (TGA) |
Amnestische Episode mit plötzlichem Beginn und kurzer Dauer (in der Regel nicht über 24 Stunden) mit schwerer anterograder Amnesie und einer meist weniger ausgeprägten retrograden Störung. Nach Ende der TGA besteht im Wesentlichen nur mehr eine permanente Amnesie für den Zeitbereich der Episode und eventuell für Information der Zeit kurz davor. |
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Mnestisches Blockadesyndrom |
Funktionelle („psychogene“) Gedächtnisstörung ohne organische Ursachen, zumeist in Zusammenhang mit Stress und/oder depressiver Symptomatik |
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Dissoziative Amnesie |
Erinnerungsverlust für meist wichtige, kurz zurück liegende Ereignisse, zumeist traumatische Erlebnisse (z.B. Unfall, Überfall, Vergewaltigung, schwere Krankheit, Verlusterlebnisse) |
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Fugue |
Umherirren mit Erinnerungslosigkeit, in der Regel in Zusammenhang mit emotional belastenden Ereignissen (früher „hysterischer Dämmerzustand“ genannt) |
In Bezug auf ein schädigendes Ereignis (Schock, Trauma) unterscheidet man zwei Merkfähigkeitsstörungen:
l retrograde Amnesie (Altgedächtnisstörung)
l anterograde Amnesie (Neugedächtnisstörung)
Retrograde Amnesie (Altgedächtnisstörung)
Eine retrograde Amnesie (Altgedächtnisstörung) ist eine fehlende Erinnerung an Ereignisse, die vor dem Ereignis liegen, das zur Amnesie führte. Der Begriff der Altgedächtnisstörung bezieht sich auf deklarative, d.h. konkrete und mitteilbare Gedächtnisinhalte.
Altgedächtnisstörungen können auftreten, wenn aufgrund von Hirnläsionen Engramme geschädigt werden oder wenn aufgrund von Konzentrations- und Denkstörungen der organisierte Abruf von Engrammen gestört ist (z.B. spricht der Umstand, dass nach der Rückbildung eines Schädel-Hirn-Traumas oder einer dissoziativen Amnesie der Erinnerungsverlust für große Lebensbereiche schwindet, für das Vorhandensein der Engramme).
Der retrograde Erinnerungsverlust kann für
einen bestimmten Zeitbereich komplett sein, er kann sich aber auch nur auf
Detailinformationen bzw. die zeitliche Einordnung von Ereignissen beziehen. Im
Allgemeinen sind Erlebnisse und Wissensinhalte aus der Periode unmittelbar vor
Eintritt der Hirnschädigung stärker in Mitleidenschaft gezogen als früher
ausgenommene Informationen. Allerdings zeigen nicht alle Patientengruppen solch
einen „Zeitgradienten“. Während eine schwere anterograde
Amnesie nach Hirnschädigung auch ohne substanzielle
retrograde Amnesie auftreten kann, ist der umgekehrte Fall einer fokalen retrograden Amnesie
selten.
Die weitreichenden retrograden
Gedächtnisstörungen betreffen das explizite Gedächtnis. Implizites Wissen und prozedurale Fähigkeiten können selbst bei schwersten
Verlusten erhalten sein. Der Umfang des impliziten Wissens ist individuell
verschieden. Sehr oft gebrauchtes Wissen kann aus dem semantischen in das prozedurale Gedächtnis übergehen (z.B. ein bestimmtes
Kartenspiel oder Musikstück kann gespielt werden, man kann aber zur Bedeutung
und den Lernumständen nichts mehr sagen).
Weitreichende retrograde Gedächtnisstörungen
gehen immer auch mit einer gewissen anterograden
Gedächtnisstörung einher, d.h. führen zu einer Erschwernis der Aufnahme neuer
Inhalte in das Langzeitgedächtnis, während bei einer anterograden
Amnesie („amnestisches Syndrom“) die konsolidierten
Inhalte des semantischen und episodischen Gedächtnisses völlig erhalten bleiben
können. Diese Zusammenhänge erscheinen logisch, wenn man annimmt, dass beim amnestischen Syndrom die dauerhafte Aufnahme neuer Inhalte
in die Langzeitspeicher ausfällt, während bei weitreichenden retrograden
Gedächtnisstörungen die Speicher selbst geschädigt sind. Ein beschädigter
Speicher wird auch neue Inhalte nur erschwert aufnehmen und behalten.
Ein
isolierter retrograder Erinnerungsverlust, vor allem der komplette Verlust
autobiographischer Informationen (mit Identitätsverlust), ist ein Merkmal
psychogener Amnesien.
Anterograde Amnesie (Neugedächtnisstörung):
Anterograde Amnesie
(Neugedächtnisstörung) ist der Verlust der Fähigkeit, nach dem schädigenden
Ereignis Erinnerungen an neue Fakten zu bilden. Es besteht eine mehr oder minder generelle
Lernunfähigkeit, die durch Trainingsmaßnahmen zu beheben bzw. wenigstens zu
reduzieren versucht wird.
Das Kernsymptom organischer
Gedächtnisstörungen ist die anterograde Amnesie. Die anterograde Störung kann sich – wie beim amnestischen Syndrom – sowohl auf sprachliche als auch nichtsprachliche Informationen beziehen. Es gibt jedoch
auch materialspezifische Störungen, die (nach linksseitiger Hirnschädigung) nur
verbal kodierbare Informationen betreffen bzw. (nach rechtsseitiger Schädigung)
nur nonverbale Informationen.
Die anterograde Amnesie
betrifft das explizite Gedächtnis. Demgegenüber sind implizite
Gedächtnisleistungen bei den meisten Patientengruppen mit organischer Amnesie
weitgehend oder völlig erhalten. Die Patienten können daher neue motorische
Fertigkeiten erlernen und zeigen auch andere erfahrungsbedingte
Verhaltensänderungen.
In vielen Fällen sind neben den Störungen des
expliziten Langzeitgedächtnisses für neue Informationen auch Beeinträchtigungen
des Arbeitsgedächtnisses beobachtbar. Zwar gelingt es den meisten Patienten mit
anterograder Amnesie (zu den Ausnahmen zählen
Personen mit Demenz vom Alzheimer-Typ), kurze Informationssequenzen zu
reproduzieren (normale einfache Gedächtnisspannen), nicht selten haben sie
jedoch Schwierigkeiten beim gleichzeitigen Halten und Manipulieren von
Informationen.
Menschen mit schweren anterograden
Gedächtnisstörungen leiden meistens gleichzeitig unter einer retrograden
Amnesie, die vor allem das episodische, jedoch ebenfalls das semantische Gedächtnis
betrifft. Beobachtbar sind Störungen des autobiographischen Gedächtnisses, des
allgemeinen Weltwissens und des domänspezifischen
Wissens (wie z.B. Studienwissen). Aber auch basales
semantisches Gedächtnisses, wie z.B. das Wissen über Objektmerkmale kann
betroffen sein.
Der schwerste Fall einer „puren“ organischen
Gedächtnisstörung ist das „amnestische
Syndrom“.
Gedächtnisstörungen treten selten isoliert auf.
Sie werden meistens begleitet von Störungen anderer Hirnleistungen. Von
besonderer Bedeutung sind unter therapeutischen Gesichtspunkten Störungen der
Selbsteinschätzung und das Auftreten von Konfabulationen
(falschen Erinnerungen), wie sie als Folge einer Frontalhirnbeteiligung z.B.
beim amnestischen Korsakow-Syndrom oder nach Ruptur
von Aneurysmen der Arteria communicans anterior bzw. ihrem
operativen Verschluss auftreten. Wichtig für die Beurteilung von Konfabulationen ist zum einen, ob sie spontan auftreten
oder nur durch Fragen provoziert werden und zum anderen, wie sehr die Patienten
von der Richtigkeit des (falsch) Erinnerten überzeugt sind.
In Abhängigkeit von der Ätiologie bzw. der
Lokalisation lassen sich unterschiedliche Störungsmuster beschreiben. Die
Unterschiede betreffen u.a.:
l
die
Schwere der anterograden Amnesie
l
die
Relation von Störungen des freien Erinnerns und der Rekognition
l
die
Interferenzanfälligkeit
l
das
Vorhandensein von Arbeitsgedächtnisstörungen
l
die
Dauer der retrograden Amnesie
l
das
Vorhandensein eines Zeitgradienten der retrograden Störung
l
das
Auftreten von Konfabulationen
l
die
Störungseinsicht
Sowohl
anterograde als auch retrograde Gedächtnisstörungen
können sich (vor allem während der ersten Monate nach der Hirnschädigung)
substanziell bessern. So kann sich bei einem Schädel-Hirn-Trauma nach einer
kurzen posttraumatischen Amnesie das anterograde
Gedächtnis normalisieren. Auch die retrograde Amnesie kann sich bis auf einen
Zeitbereich von Minuten oder Sekunden vor dem Trauma zurückbilden.
Bei Vorliegen von Läsionen gedächtnisrelevanter Strukturen ist es jedoch auch möglich, dass sich selbst nach Jahren kein sicheres Tag-zu-Tag-Gedächtnis einstellt und die retrograde Amnesie einen Zeitbereich vieler Jahre betrifft. Gut dokumentierte Einzelfälle bei unterschiedlicher Ätiologie zeigen, dass schwere Amnesien nach bilateralen Läsionen temporo-medialer Hirnstrukturen und des anterioren Thalamus praktisch unverändert über eine oder mehrere Dekaden bestehen können.
Neben schweren persistierenden
Gedächtnisstörungen gibt es auch vorübergehende
organische Amnesien, z.B.
l
posttraumatische
Amnesien,
l
transitorische globale Amnesien,
l
Amnesien
nach epileptischen Anfällen,
l
Amnesien
nach elektrokonvulsiver Therapie
(„Elektroschockbehandlung“).
Bei der Mehrzahl der Merkfähigkeitsstörungen handelt
es sich nicht um Amnesien im engeren, klassischen Sinn, sondern vielmehr um
eine allgemeine Beeinträchtigung der intellektuellen Funktionen, insbesondere
der Aufmerksamkeit, Auffassungsgeschwindigkeit und Fähigkeit zur
Informationsverarbeitung.
Ausgeprägte, relativ isolierte Amnesien im
engeren Sinne treten nur innerhalb bestimmter klinischer Syndrome oder bei Läsionen mit ganz spezifischen Lokalisationen
auf.
Das amnestische Korsakow-Syndrom (meist als Folge von chronischem
Alkoholismus) ist ein Musterbeispiel für eine massive antero-
und retrograde Beeinträchtigung des Langzeitgedächtnisses (trotz manchmal kaum
beeinträchtigter Intelligenz). Die weniger weit zurückliegenden (d.h. die
jüngsten) Gedächtnisinhalte sind dabei am stärksten betroffen.
Selbst bei der globalen Amnesie nach
bilateralen Läsionen, d.h. den schwersten, weitgehend
irreversiblen retro- und anterograden
Gedächtnisstörungen besteht erstaunlicherweise eine Ausnahme
von dieser Lernunfähigkeit, und zwar hinsichtlich des Erwerbs sensomotorischer und anderer „prozeduraler“
Fertigkeiten, was gerade für ErgotherapeutInnen
sehr bedeutsam ist. Eine Erklärung hiefür könnte möglicherweise in der
Bedeutung des Kleinhirns für das Erlernen motorischer Abläufe liegen.
Grundsätzlich scheint das Lernen von Fertigkeiten im Vergleich zum Lernen von Fakten bezüglich der Evolution das primitivere Lernsystem zu sein (möglicherweise in den Furchen der Zentralganglien lokalisiert). Diese Strukturen bleiben unberührt von Schäden an höheren Gehirnzentren.
Als funktionelle
Gedächtnisstörung bezeichnet man eine länger anhaltende, erworbene und
alltagsrelevante Symptomatik, die nicht auf neurologische oder internistische
Erkrankungen zurückgeführt werden kann, sondern Ausdruck einer zugrunde
liegende psychischen Störung ist. Eine funktionelle Gedächtnisstörung ist dann
annehmen, wenn
l
subjektiv
eine mehr als geringfügige Einschränkung der Gedächtnisleistung vorliegt,
l
keine
relevante organische Erkrankung feststellbar ist,
l
kein
Anhalt für Simulation oder Aggravation besteht.
Eine Studie von Schmidte an ca. 50 Personen mit funktionellen
Gedächtnisstörungen („Störungen des deklarativen
Gedächtnisses ohne organische Grundlage“) erbrachte interessante Befunde. Alle
Betroffenen klagten über länger dauernde Störungen des Gedächtnisses. In den
meisten Fällen bestanden zusätzlich subjektive Defizite des
Konzentrationsvermögens. Nahezu alle Patienten klagten über verminderte Leistung
in Beruf oder Ausbildung. Viele erlebten sich den beruflichen Anforderungen als
kaum noch gewachsen, einzelnen verloren aufgrund reduzierter Leistungen ihren
Arbeitsplatz oder brachen ein Studium ab. Berufe mit höherer Qualifikation
waren auffällig überrepräsentiert (Gedächtnisstörungen wirken sich bei
überwiegend geistiger Arbeit besonders störend aus). Gleicht und Alter waren
dagegen gleich verteilt.
Es wurden subjektive Gedächtnisstörungen in
drei Bereichen gefunden:
1.
Symptome eines Neugedächtnis-Defizits:
l
Vergessen
von Vorhaben noch auf dem Weg zu ihrer Ausführung
l
Rasches
Vergessen von Mitteilungen und Aufträgen
l
Vergessen
von Aufträgen und Terminen, Verlegen von Gegenständen
l
Nicht-Aufnehmen
neuer Inhalte, z.B. aus Lektüre, Vorträgen, Besprechungen, Telefonaten und
Gesprächen
l
Schwierigkeiten,
Lernstoff oder neue Arbeitsabläufe zu erfassen
Als
besonders konstant erweise sich das Symptom des „sofortigen Vergessens“. Die
Betroffenen berichten, dass sie z.B. Mitteilungen oft schon nach Sekunden
wieder vergessen, dass Inhalte wie ausgelöscht scheinen oder sie auf dem Weg in
einen anderen Raum bereits nicht mehr wissen, was sie zu diesem Gang veranlasst
hat. Ähnlich häufig wurde geklagt, dass bei der Lektüre z.B. eines Buches am
Ende einer Seite nicht erinnerlich ist, was eben gelesen wurde.
2.
Symptome des semantischen Wissens (Störungen des Zugriffs auf früher
erworbenes, semantisches Wissen):
l
Nicht-Erinnern
des Namens gut bekannter Personen
l
„Black
out“ und Blockierungserlebnisse bei überlernten Tätigkeiten, z.B. Bedienung von
Geräten
l
Wortfindungsstörungen
Typischerweise berichten die Betroffenen, dass das momentan nicht abrufbare Wissen zu einem späteren Zeitpunkt wieder verfügbar sei. Überdauernde Erinnerungslücken für autobiographische Inhalte wurden nur vereinzelt berichtet.
3.
Symptome des Konzentrationsvermögens (Aufmerksamkeits- und
Konzentrationsstörung):
l
Situative
Zerstreutheit und Geistesabwesenheit
l
„Gedankenwandern“
und „Tagträumen“
l
Fadenriss-Erlebnisse
bei Gesprächen
l
Fehlleistungen
bei überlernten Tätigkeiten, z.B. Autofahren
l
Ermüdbarkeit,
Verlangsamung und Auffassungserschwernis
Symptome, die typischerweise
bei Personen mit organisch bedingten Gedächtnisstörungen bestehen, standen dagegen
im Hintergrund oder wurden nicht berichtet, wie z.B. Wiederholungen von Fragen
und Äußerungen, Vergessen von zahlreichen Details des Tagesablaufes,
Nicht-Aufnehmen von Gedächtnisinhalten trotz aufmerksamer Zuwendung und Unsicherheit
in der zeitlichen Orientierung.
Ein wesentliches Charakteristikum ist ferner, dass Defizite des Gedächtnisses bei der hier dargestellten Patientengruppe situativ wechselnd und im zeitlichen Längsschnitt unterschiedlich stark ausgeprägt sind, wogegen organisch bedingte Gedächtnisstörungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und bezüglich unterschiedlicher Inhalte vergleichsweise stabil sind.
Das Beschwerdebild unterscheidet sich auch
deutlich von der Symptomatik, die im Rahmen dissoziativer
Störungen beobachtet wird, d.h. bei dissoziativen Amnesien, Fugue-Zuständen,
und Störungen mit dissoziativer (früher „multipler“)
Persönlichkeitsstörung.
Diese,
meist bei jüngeren Personen auftretenden Formen der Amnesie betreffen in erster
Linie das Altgedächtnis, d.h. den Abruf früher aufgenommener Gedächtnisinhalte,
während die Speicherung neuer Inhalte fast immer ungestört ist. Die
Altgedächtnisstörung kann in diesen Fällen kurz vorausgegangene Erlebnisse,
Teile der früheren Biographie und/oder Grunddaten zur eigenen Person umfassen.
Dissoziative Amnesien und Fugue-Zustände setzen immer
plötzlich und nahezu immer im Zusammenhang mit traumatisierenden emotionalen
Ereignissen ein. In der Regel bilden sie sich innerhalb von Tagen bis Wochen
wieder zurück.
Die untersuchten Patienten mit funktionellen Gedächtnisstörungen zeigten hinsichtlich bestimmter Aspekte weitere typische Charakteristika:
l
Objektive kognitive Leistungen. Bei den meisten Patienten lag die Leistung hinsichtlich des verbalen
Langzeitgedächtnisses im Durchschnittsbereich. Patienten ohne psychiatrische
Diagnose wiesen fast durchwegs normale Leistungen auf. Eine Minderheit der
Patienten erzielte Gedächtnisleistungen im subnormalen Bereich. In dieser
Teilgruppe wurde fast durchgehend eine psychiatrische Diagnose gestellt.
„Pathologische“ Leistungen (extrem schlechte Leistungen) wurden lediglich bei
einzelnen Patienten gefunden, bei denen bereits die Diagnose einer Depression
bekannt war.
l
Psychische Befunde.
Bei rund zwei Drittel der Patienten wurde eine psychiatrische Diagnose
gestellt. Alle übrigen Patienten wiesen zumindest auffällige psychische Befunde
auf. Die häufigste Diagnose war die einer Anpassungsstörung bei andauernden
Belastungen, zum Teil mit längerer depressiver Reaktion. Die Natur dieser
Belastungen war wechselhaft. Häufig wiederkehrende Themen waren chronische
Konflikte am Arbeitsplatz und chronische körperliche Beschwerden. Die zweite
Hauptgruppe umfasste unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen. Ein depressives
Syndrom lag, einschließlich der Fälle, in denen es als begleitend eingestuft
wurde, bei ca. der Hälfte der Patienten mit psychiatrischer Diagnose vor. Der
Schweregrad zum Untersuchungszeitpunkt war nach ICD-10-Kriterien (mit einzelnen
Ausnahmen) leicht bis mittel. Auch bei Patienten, bei denen keine
psychiatrische Diagnose zu stellen war, ergab die Exploration immer psychische
Auffälligkeiten oder relevante Belastungen. Hierzu zählten akzentuierte (z.B.
ängstliche, selbstunsichere oder histrionische)
Persönlichkeiten, chronische berufliche Überlastung, Konflikte im
zwischenmenschlichen Bereich sowie andere Belastungsreaktionen. Hier lagen
keine oder nur geringfügige Symptome einer Depression vor. Mit Ausnahme der
Patienten, bei denen eine auffällige oder gestörte Persönlichkeit bestand, lag
stets ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Einsetzen von subjektiver
geistiger Leistungsminderung und psychischen Störungen vor.
l
Somatische Symptome. Somatische Symptome und Befunde traten als Nebenbefunde, als Begleitsymptome
und als mittelbare Ursachen der kognitiven Symptomatik auf. Als Nebenbefunde
sind z.B. neurologische Diagnosen zu werten, die nicht in erkennbarem
Zusammenhang mit kognitiven Defiziten stehen (etwa Migräne oder seltene
Krampfanfälle). Als Begleitsymptome lagen häufig vegetative Symptome vor, die
auch im Rahmen psychosomatischer Krankheitsbilder auftreten, insbesondere
Schlafstörungen, vermehrte Ermüdbarkeit, Benommenheits- und Beklemmungsgefühl,
Leeregefühl des Kopfes, Brustdruck und Kopfschmerzen, aber auch funktionelle
Störungen der Motorik. Als mittelbare Ursachen traten somatische Beschwerden
bei denjenigen Patienten auf, die eine Anpassungsstörung vor dem Hintergrund
belastender körperlicher Erkrankungen zeigten (z.B. chronische Schmerzen,
Schwerhörigkeit usw.).
Die Ätiologie
(Ursache) der funktioneller Gedächtnisstörungen besteht in situativen
oder dauernden Defiziten der Aufmerksamkeit und Konzentration. Auch alltägliche
Gedächtnisleistungen sind mit einiger Anstrengung verbunden. So erfordert die
Aufnahme neuer Gedächtnisinhalte eine bewusste Zuwendung, Analyse, assoziative
Verknüpfung, Kenntnisnahme des zeitlichen und situativen Kontextes und
Rekapitulation.
Der Abruf erfordert eine Analyse von
Fragestellung und verfügbaren Erinnerungshilfen, Generierung geeigneter
Suchstrategien und Prüfung der Authenitizität der
evozierten Erinnerungen. Gedächtnisstörungen infolge mangelnder Aufmerksamkeit
und Strategie können daher bei diffusen und lokalen kognitiven Defiziten
unterschiedlicher Ätiologie auftreten, auch wenn das hippocampale
System strukturell und funktionell völlig intakt ist.
Die Patienten mit funktionellen
Gedächtnisstörungen zeigten eine auffällige Diskrepanz zwischen starken
Defiziten des Gedächtnisses im Alltag und normalen oder nur mäßig reduzierten
Testleistungen. In der Testsituation konnte offenbar in der Regel eine höhere
Konzentrationsleistung mobilisiert werden. Zahlreiche Patienten waren
allerdings Akademiker, sodass durchschnittliche Leistungen auch einen relativen
Leistungsabfall widerspiegeln können.
Die Annahme eines
kausalen Zusammenhangs von psychischen und kognitiven Störungen wurde
auch durch den zeitlichen Zusammenhang unterstützt. Während die Assoziation von
kognitiven Störungen mit depressiven Syndromen bekannt ist, sind funktionelle
Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen im Rahmen anderer psychischer Störungen
bisher kaum dokumentiert.
Als Auslöser kommen die gefundenen Störungen in
Frage, vor allem Anpassungsstörungen bei andauernden Belastungen und Persönlichkeitsstörungen.
Kognitive Defizite können ihrerseits eine erhebliche Belastung darstellen, z.B.
aufgrund nachlassender beruflicher Leistungen und den daraus resultierenden
Konflikten, aber auch aufgrund der Befürchtung, an einer schwerwiegenden Erkrankung
des Gehirns zu leiden. Funktionelle kognitive Störungen können auf diesem Wege vorbestehende psychische Störungen verstärken und so zum
sekundär pathogenen Faktor werden.
Leitlinien zur Diagnostik einer
funktionellen Gedächtnisstörung:
l
Auffällige
Diskrepanz zwischen normalen oder nur leicht reduzierten Testleistungen und
angegebenen starken Beeinträchtigungen im Alltagsleben (vor allem dann, wenn
eine relevante psychische Störung vorliegt).
l
Symptome,
die für organische Erkrankungen untypisch sind.
l
Wechselhafte
Ausprägung der Symptomatik im zeitlichen Längsschnittverlauf.
l
Wieder-Einfallen scheinbar vergessener Inhalte zu einem
späteren Zeitpunkt.
l
Kontrast
zwischen präziser Anamnese (Patient kann alle Fragen zur Lebens- und
Krankengeschichte genau beantworten) und subjektiver Inkompetenz („Ich vergesse
so vieles“).
l
Detaillierte
Erinnerung an Fehlleistungen des Gedächtnisses.
l
Begleitende
psychosomatische Symptome.
l
Besserung
der Symptomatik nach Behandlung einer zugrunde liegenden psychischen Störung (Depression).
Das Vorliegen der Kriterien für
eine funktionellen Gedächtnisstörung schließt eine organische Störung nicht
aus:
l
Im
Frühstadium organischer Erkrankungen und bei nur leichtgradigen
organischen Läsionen können objektivierbare kognitive
Defizite fehlen oder nur gering ausgeprägt sein.
l
Eine
organisch bedingte Leistungsminderung kann unterschätzt werden, wenn das
kognitive Ausgangsniveau hoch war (z.B. bei Maturanten oder Akademikern).
l
Organisch
bedingte Defizite können schließlich durch psychische Störungen maskiert sein,
z.B. bei Patienten, bei denen sich im Vorfeld einer Alzheimer-Erkrankung eine
Depression entwickelt.
Umgekehrt
können funktionelle Störungen auch bei organisch Kranken auftreten. Kognitive
und allgemeine Leistungsmängel bei Patienten mit leichten Kopfverletzungen sind
nicht selten allein oder vorwiegend durch eine funktionelle Komponente
erklärbar, da viele dieser Patienten z.B. aufgrund von Unfallfolgen außerhalb
des Nervensystems, eine Anpassungsstörung und/oder eine depressive Symptomatik
entwickeln.
Bei funktionellen Gedächtnisstörungen sind
Gedächtnis- und Konzentrationsübungen nicht erfolgversprechend.
Ein erster Schritt zur Behandlung beseht in der
Aufklärung über den Zusammenhang zwischen psychischer und kognitiver Störung
sowie über ihre Rückbildungsfähigkeit. Auch die Demonstration einer normalen
Testleistung führt bei vielen Patienten bereits zu einer wesentlichen
Entlastung. Funktionelle kognitive Störungen können den Anstoß geben, eine
zugrunde liegende psychische Störung (z.B. Depression) aufzudecken und einer
Behandlung zuzuführen.
Eine funktionelle Gedächtnisstörung wird von Markowitsch als mnestisches Blockadesyndrom bezeichnet. Er beschriebt dies als
Unfähigkeit zu gedächtnisbezogener Informationsverarbeitung
ohne manifeste organische Grundlage. Es handelt sich um „psychogene“
Gedächtnisstörungen vor allem in Bezug auf den episodisch-autobiographischen
Gedächtnisbereich (es kann aber auch eine Störung des Neugedächtnisses
vorhanden sein).
Ein Schockerlebnis in der Kindheit kann z.B. zu
einer anhaltenden Blockade gedächtnisrelevanter Hirnstrukturen führen.
Derartige Phänomene lassen sich mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomographie
auch nachweisen und quantifizieren (massive Störung im Sinne einer anhaltenden
Blockade vor allem in der mesialen
Temporallappenregion und im Thalamus).
Funktionelle
Gedächtnisstörungen als Folge übermäßiger
Stresshormonausschüttung
(Kortisol)
Anhaltender Stress kann die Aktivität weitgestreuter gedächtnissensitiver Hirnregionen
blockieren. Dies ist bedingt durch die Ausschüttung stressbezogener
Hormone (Glukokortikoide). Massive Stresszustände
können die Ausschüttung von Glukokortikoiden
(Dauerstresshormon Kortisol) stark erhöhen. Infolgedessen kommt es zu
einer Änderung des Energiestoffwechsels von Neurosen, was zu neuroanatomischen
Gewebsdegenerationen insbesondere dort führen kann, wo entsprechend hohe
Rezeptordichten sitzen, und zwar vor allem im vorderen Temporallappen mit Hippocampus und Amygdala
(Mandelkern).
Das mnestische
Blockadesyndrom tritt häufig auf nach traumatischen
Erlebnissen: Kriegseinsatz, körperliche Gewalteinwirkung, Überfall,
Unfall, Vergewaltigung, massiver Stress, Verlusterlebnisse usw.
Die hypothalamisch-hypophysäre-andrenokortikale Achse (HHA) wird für den Mechanismus
nichtorganischer Gedächtnisstörungen immer wieder hervorgehoben. Neben
chronischem Stress und traumatischen Erlebnissen verändert sich auch bei
depressiven Zuständen die Glukokortikoidrückmeldung
auf der Hirnebene. Die in den letzten Jahren gefundenen Zusammenhänge zwischen Glukokortikoiden und Depression bestätigen diese
Erkenntnisse.
Dabei bestehen allerdings unterschiedliche
Reaktionsformen: bei Depressionen kommt es zu einem „Overdrive“ der Kortisolantwort, während es bei der posttraumatischen
Belastungsstörung zu einer Unterdrückung kommt.
Auswirkungen massiver Stresszustände auf die
kognitive Leistungsfähigkeit und auf die Hirnfunktion sind vielfach belegt und
lassen sich durch Annahmen über Informationen verarbeitende und Informationen
bewertende neuronale Netze beschreiben. Es gibt auch Hinweise darauf, dass eine
Prädisposition für das Entstehen von stressbedingten kognitiven Änderungen im
Erwachsenenalter durch Vorgänge in der Kindheit gefördert werden kann (z.B.
physischer und/oder sexueller Missbrauch in der Kindheit).
Schon vor 100 Jahren wurden psychogene
Gedächtnisstörungen beschrieben als „hysterischer Dämmerzustand“, „Wanderlust“
(heute Fugue), „multiple Persönlichkeit“,
„Ganser-Syndrom“ (u.a. Danebenreden). Bei den meisten
psychogenen Gedächtnisstörungen zeigt sich ein Gedächtnisverlust im
retrograd-autobiographischen Gedächtnis.
Von Pseudodemenz
wurde früher dann gesprochen, wenn der Ausprägungsgrad funktioneller Störungen
dem bei organisch bedingter Demenz nahe kommt. Zumeist wurde damit die
(reversible) Leistungsminderung von schwer depressiven Patienten bezeichnet,
die nach einer Aufhellung der Depression wieder ihr ursprüngliches kognitives
Funktionsniveau wiedererlangten. Die Bezeichnung wurde aber auch bei
Leistungsminderung im Rahmen anderer psychischer Störungen verwendet (z.B.
posttraumatische Belastungsstörung, dissoziative Störung, Persönlichkeitsstörungen).
Der Begriff der Pseudodemenz wurde in neuerer
Zeit zurecht aufgegeben. Anstelle dessen spricht man heute von kognitiver
Leistungsstörung (neuropsychologischen Beeinträchtigungen) bei Depression.
Das wichtigste Kennzeichen ist
der Erinnerungsverlust für meist wichtige, kurz zurück
liegende Ereignisse, der nicht durch organische psychische Störungen
bedingt und zu schwerwiegend ist, um durch übliche Vergesslichkeit oder
Ermüdung erklärt werden zu können.
Die Amnesie zentriert sich
gewöhnlich auf traumatische Ereignisse wie Unfälle
oder unerwartete Trauerfälle und ist in der Regel unvollständig und
selektiv. Ausmaß und Vollständigkeit der Amnesie variieren häufig von Tag zu
Tag und bei verschiedenen Untersuchern. Es lässt sich aber ein beständiger Kern
feststellen, der im Wachzustand nicht aufgehellt werden kann. Eine vollständige
und generalisierte Amnesie ist selten, dann gewöhnlich Teil einer Fugue (Umherirren mit Erinnerungslosigkeit) und ist dann
als solche zu klassifizieren.
Die affektiven
Erscheinungsbilder in Verbindung mit einer Amnesie sind unterschiedlich, eine
schwere Depression ist jedoch selten. Ratlosigkeit, Gequält sein und
Aufmerksamkeit suchendes Verhalten unterschiedlichen Ausmaßes, aber auch
ruhiges Annehmen können vorkommen. Junge Erwachsene sind am häufigsten
betroffen.
Die schwersten Fälle treten
bei Männern auf, die unter der Belastung von Kampfhandlungen stehen. Psychogene
dissoziative Zustände sind bei Älteren selten. Zielloses Umherwandern kann
auftreten; es geht in der Regel mit persönlicher Vernachlässigung einher und
dauert selten länger als ein oder zwei Tage.
Diagnostische
Leitlinien
l
Partielle oder vollständige Amnesie
für kürzliche traumatisierende oder belastende Ereignisse (diese Aspekte werden
unter Umständen nur durch fremdanamnestische Angaben
bekannt);
l
Fehlen von hirnorganischen
Störungen, Intoxikation oder extremer Erschöpfung.
Differentialdiagnose:
Bei organisch bedingten
psychischen Störungen finden sich in der Regel auch andere Störungen des
Nervensystems und deutlich erkennbare beständige Symptome von Bewusstseinstrübung,
Desorientiertheit und fluktuierender Bewusstseinsklarheit.
Ein Verlust des
Kurzzeitgedächtnisses ist typischer für organisch bedingte Störungen,
unabhängig von möglichen traumatischen Ereignissen oder Problemen. "Black outs" nach Alkohol- oder Drogenkonsum sind zeitlich
eng mit dem Missbrauch verbunden, und die verlorenen Erinnerungen können
niemals wiedergewonnen werden.
Ein Verlust des
Kurzzeitgedächtnisses wie beim amnestischen Syndrom
(Korsakow-Syndrom), bei dem die unmittelbare Wiedergabe normal, die
Wiedererinnerung aber schon nach 2 oder 3 Minuten nicht mehr möglich ist,
findet sich bei der dissoziativen Amnesie nicht.
Eine Amnesie nach Commotio
cerebri oder schwerem Schädeltrauma ist meistens retrograd, obwohl in schweren
Fällen auch eine anterograde Amnesie auftreten kann;
eine dissoziative Amnesie ist überwiegend retrograd. Nur die dissoziative
Amnesie kann durch Hypnose oder Abreaktion verändert werden.
Postiktale Amnesien bei
Epileptikern und andere stuporöse oder mutistische Zustände, die gelegentlich bei Schizophrenen
oder Depressiven vorkommen, können im allgemeinen
durch andere Charakteristika der zugrundeliegenden
Krankheit differenziert werden.
Am schwierigsten ist es, eine
bewusste Simulation der Amnesie auszuschließen; eine wiederholte und genaue
Untersuchung der prämorbiden Persönlichkeit und einer möglichen Motivation ist
notwendig. Eine bewusst simulierte Amnesie hängt gewöhnlich mit
offensichtlichen finanziellen Problemen, Lebensgefahr in Kriegszeiten oder
drohender Todes- oder Gefängnisstrafe zusammen.
Ausschluss:
l
amnestisches Syndrom, durch
Alkohol oder sonstige psychotrope Substanzen bedingt
l
anterograde Amnesie
l
nichtalkoholbedingtes organisches amnestisches Syndrom
l
postiktale Amnesie bei
Epilepsie
l
retrograde Amnesie
Dissoziative Amnesie nach den Forschungskriterien des ICD
l
Die allgemeinen Kriterien für eine dissoziative
Störung müssen erfüllt sein.
l
Entweder eine teilweise oder vollständige Amnesie für
vergangene Ereignisse oder Probleme, die traumatisch oder belastend waren oder
noch sind.
l
Die Amnesie ist zu ausgeprägt und zu lang anhaltend,
um mit einer normalen Vergesslichkeit oder durch eine gewollte Simulation
erklärt werden zu können (die Schwere und das Ausmaß der Amnesie können
allerdings von einer Untersuchung zur anderen wechseln).
Eine dissoziative Fugue ist eine zielgerichtete
Ortsveränderung von zu Hause oder vom Arbeitsplatz fort, wobei die betreffende
Person sich äußerlich geordnet verhält. Zusätzlich liegen alle Kennzeichen
einer dissoziativen Amnesie vor.
In einigen Fällen wird eine
neue Identität angenommen, im allgemeinen nur für
wenige Tage, aber gelegentlich auch für lange Zeiträume und erstaunlich
vollständig. Es kann eine Reise zu früher bekannten Plätzen und Orten mit
gefühlsmäßiger Bedeutung erfolgen. Obwohl für die Zeit der Fugue
eine Amnesie besteht, kann das Verhalten des Patienten während dieser Zeit auf
unabhängige Beobachter vollständig normal wirken.
Diagnostische
Leitlinien
l
Kennzeichen der dissoziativen
Amnesie;
l
zielgerichtete Ortsveränderung über den üblichen
täglichen Aktionsbereich hinaus (die Unterscheidung zwischen einer zielgerichteten
Ortsveränderung und ziellosem Umherwandern muss von Personen mit
Ortskenntnissen getroffen werden);
l
Aufrechterhalten der einfachen
Selbstversorgung (Essen, Waschen) und einfacher sozialer Interaktionen mit
Fremden (wie Kauf von Fahrkarten oder Benzin, Fragen nach Richtungen, Bestellen
von Mahlzeiten usw.).
Differentialdiagnose:
Die Unterscheidung gegenüber
einer postiktalen Fugue,
besonders bei Temporallappenepilepsie, ergibt sich meist eindeutig aus der
Epilepsie Anamnese, dem Fehlen von belastenden Ereignissen oder Problemen und
dadurch, dass die Aktivitäten und Reisen des Epileptikers weniger zielgerichtet und fragmentarischer sind. Wie bei der
dissoziativen Amnesie kann die Unterscheidung von bewusster Simulation einer Fugue sehr schwierig sein.
Fugue nach
den Forschungskriterien des ICD-10
l
Die allgemeinen Kriterien für eine dissoziative
Störung müssen erfüllt sein.
l
Eine unerwartete, gleichwohl äußerlich normal
organisierte Reise mit Entfernung von zuhause oder vom gewohnten Arbeitsplatz
und den sozialen Aktivitäten; während dieser Zeit bleibt die Selbstversorgung
weitgehend erhalten.
l
Entweder teilweise oder vollständige Amnesie für die
Reise, die das Kriterium C. für eine dissoziative Amnesie erfüllt.
Die Erfassung der
Behaltensleistung über einen längeren Zeitraum hinweg erfolgt mit drei
verschiedenen Methoden:
l
Wiedererlernungs- oder Ersparnismethode: Prüfung, wie viele erneute Darbietungen des
früher gelernten Gedächtnismaterials zur vollständigen Auffrischung notwendig
sind bzw. im Vergleich zum erstmaligen Lernen eingespart können.
l
Reproduktionsmethode (Methode des freien Abrufs): Prüfung der
Fähigkeit, Gedächtnisinhalte spontan zu reproduzieren. Beispiel: „Welche der 12
gezeigten und eingeprägten Gegenstände haben Sie sich gemerkt?“
l
Wiedererkennungsmethode: Prüfung des Behaltens durch Wiedererkennen des
vorher Gelernten aus einer Auswahl von Möglichkeiten. Dies ist eine leichtere
Aufgabenstellung als die Reproduktionsmethode.
Bei der Untersuchung der Gedächtnisfunktionen
wird weiters unterschieden nach
l
Arten des Gedächtnismaterials: sprachlich – nichtsprachlich
l
Sinnesmodalitäten: optisch (z.B. zeichnerische Reproduktion von Vorlagen wie beim Benton-Test;
Merken von Bildern von Gegenständen wie beim SKT; Merken gezeigter Gegenstände)
- akustisch (Zahlennach-sprechen wie beim HAWIE;
Merken von vorgesprochenen Worten oder kurzen Sätzen) - taktil - olfaktorisch.
Je nach Lokalisation der Hirnschädigung können
die nach Sinnesmodalitäten verschiedenen Gedächtnisarten unterschiedlich schwer
beeinträchtigt sein.