Klinischer und Gesundheitspsychologe
Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)
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Hyperventilation
Bei Angst,
Aufregung, Wut und Stress ist die Atmung oft entweder rasch und
flach mit eingestreuten Seufzerzügen oder sie wechselt von unruhiger Mittellage
zur Hyperventilation (schnell und tief). Plötzliches Erschrecken kann zu einem
vorübergehenden Atemstillstand führen, gefolgt von einer intensivierten
Atmung.
Das Hyperventilationssyndrom wird im amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema als eine Unterform der Panikstörung angesehen, ähnlich wie die Herzphobie, nach dem ICD-10, dem internationalen Diagnoseschema der Weltgesundheitsorganisation, stellt das Hyperventilationssyndrom eine somatoforme autonome Funktionsstörung (respiratorisches System) dar.
Das Hyperventilationssyndrom tritt vor allem bei jüngeren
Menschen auf, bevorzugt im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt.
Die Art der Atmung (fast ausschließlich
Brustatmung, geringe oder fehlende Bauchatmung) kann bei ansonsten unklaren
Symptomen den Verdacht auf ein Hyperventilationssyndrom untermauern. Zur Überprüfung
dient ein Hyperventilationstest für drei Minuten, wobei die Betroffenen
erkennen lernen, wie ihre Symptome entstehen.
Hyperventilation ist in über 95% der Fälle
psychisch bedingt. Wenn keine Auslösung durch psychische Erregung (Angst, Ärger,
Wut) erkennbar ist, sollten mögliche organische Ursachen ausgeschlossen werden,
z.B. Kaliummangel oder -überschuss, Magnesiummangel, Kalziummangel,
metabolische Azidose oder Alkalose.
Menschen mit Ängsten,
chronischer Stressbelastung und Verspannung atmen flach und unergiebig aus dem
oberen Brustkorb heraus und nutzen damit nur ein Drittel bis zur Hälfte der
Lungenkapazität. Bei mehr Sauerstoffbedarf atmen sie noch stärker mit
dem Brustkorb statt intensiver mit dem Zwerchfell. Durch die schnelle Atmung
kommt es zum belastenden Herzrasen. Den Betroffenen fällt die Hyperventilation
oft gar nicht auf, so dass sie diese auch nicht als die Ursache ihres Herzrasens
erkennen können.
Die generelle Einatmung durch den Mund, wie sie insbesondere bei Menschen mit Allergien, Asthma oder Atemwegserkrankungen vorkommt, begünstigt bei Angst, Aufregung oder Stress ohne gleichzeitige Bewegung eine Hyperventilation. Oft wird die Hyperventilation nicht durch Angst, sondern durch Wut oder Aggression ausgelöst.
Hyperventilation wird einerseits häufig
durch chronische Muskelverspannungen im Brustkorb begünstigt, führt
andererseits aber auch zu Brustschmerzen, wenn bei fast vollständig gefüllter
Lunge hyperventiliert wird (so genannte. aufgesetzte Hyperventilation). Hyperventilation
führt zur Überdehnung der Muskeln zwischen den Rippen, was Schmerzen bzw.
Ziehen in der Brust hervorruft. Weiteres, noch tieferes Einatmen führt zu verstärktem
Schmerz bzw. Ziehen.
Die Betroffenen sollten die körperlichen
Vorgänge bei einer Hyperventilation genau verstehen, um die so häufige
Beunruhigung durch die dabei auftretenden Symptome zu vermindern. Deshalb wird
im Folgenden eine ausführliche Erklärung geboten.
Unter dem
Hyperventilationssyndrom versteht man eine über das physiologische Bedürfnis
hinausgehende Beschleunigung und Vertiefung der Atmung, wodurch im Blut der
Sauerstoffanteil ansteigt und der Kohlendioxidgehalt stark abfällt.
Das
Atemminutenvolumen liegt durchschnittlich 95%, im Anfall sogar bis zu 500% über
dem Soll.
Hyperventilation
bedeutet, dass man schneller und/oder tiefer atmet, als es für die Versorgung
des Körpers mit Sauerstoff und den Abbau von Kohlendioxid nötig ist. Es wird
zuviel Sauerstoff eingeatmet und zuviel Kohlendioxid ausgeatmet. Ohne körperliche
Bewegung sinkt der Kohlendioxidanteil im Blut besonders stark ab, weil nicht genügend
Kohlendioxid in den Muskeln gebildet wird.
Hyperventilation bewirkt eine
Fehlregulation des Gasstoffwechsels im Bereich der Lungenbläschen und
infolgedessen eine Verminderung des Kohlendioxidpartialdrucks, wodurch es zu
einer Verschiebung des Säure-Basen-Gleichgewichts kommt.
Kohlendioxid ist zwar
ein Abfallprodukt, muss jedoch in einem bestimmten Verhältnis zum Sauerstoff im
Körper vorhanden sein. Durch den Kohlendioxidmangel steigt der pH-Wert (Säure-Basen-Verhältnis
im Blut): das Blut wird basisch. Das massive Absinken des Säuregehalts im Blut
wird „respiratorische Alkalose“ genannt. Bei starker Hyperventilation kann
der Kohlendioxidanteil im Blut in weniger als 30 Sekunden um 50% abnehmen.
Innerhalb einer Minute treten Symptome auf.
Bei einem Absinken des Kohlendioxidanteils unter 3 % funktioniert der Gasaustausch in der Lunge nicht mehr. Bei einem zu geringen Kohlendioxidanteil können die roten Blutkörperchen nicht mehr Sauerstoff an die Zellen abgeben.
Hyperventilation
bewirkt über die Kohlendioxidreduktion eine Erniedrigung der
Kalziumionen-Konzentration im Blut, d.h. der Anteil von ionisiertem Kalzium im
Blut sinkt ab, wodurch die Nervenzellen erregbarer werden und leichter eine
Alarmreaktion (Bereitstellungsreaktion) ausgelöst werden kann. Wenn das
Kohlendioxid, das von Eiweißkörperchen im Blut transportiert wird, durch die
Hyperventilation (insbesondere bei fehlender körperlicher Bewegung) im Blut
stark abnimmt, lagert sich normalerweise neben anderen Stoffen das
Erdalkalimetall Kalzium enger an das Eiweiß.
Kalzium ist ein wichtiger Bestandteil des
Blutes und wird neben der Stärkung der Knochen u.a. auch zur Funktionsfähigkeit
der Nervenzellen und der Muskel benötigt. Kalzium ist im Blut teilweise an
Eiweiß gebunden, teilweise schwimmt es als freier Bestandteil ohne Verbindung
zu anderen Blutbestandteilen im Blut herum. Das freie Kalzium im Blut wird um so
weniger, je mehr Stellen am Bluteiweiß wegen des stark abgeatmeten
Kohlendioxids frei werden.
Das freie Kalzium im Blut ist u.a. dafür
verantwortlich, dass die Muskeln geschmeidig arbeiten können. Wenn weniger
freies Kalzium im Blut ist, werden die Nerven erregbarer, und die Muskeln
beginnen sich zu verkrampfen. Gewöhnlich merkt man dies zuerst an einem
Kribbeln in den Lippen bzw. im Bereich des Mundes, bald darauf ziehen sich die
Lippen zusammen („Kussmundstellung“). Dann kribbelt es in Händen und Füßen,
und die Finger ziehen sich zusammen, so dass die Hände wie Pfoten aussehen
(„Pfötchenstellung“) und im Extremfall gar nicht mehr bewegt werden können.
Neben Kribbeln, Pelzigkeit und Taubheitsgefühlen können in Brust und Hals auch
Druck- oder Engegefühle entstehen.
Durch die engere Bindung der Kalziumionen an das Eiweiß im Blut verengen sich auch die Blutgefäße im
Gehirn, was die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn beeinträchtigt und zu Schwindel,
Konzentrationsstörungen und Schwarzwerden vor den Augen führt und die
bestehende Angst und Unruhe verstärkt. Gleichzeitig wird das sympathische
Nervensystem aktiviert, so dass eine Notfallsreaktion immer wahrscheinlicher
wird, die dann als Panikattacke erlebt wird.
Hyperventilation führt über den
Kalziumabfall zur Verkrampfung der Bronchien und der Stimmritzen. Wegen der
zunehmenden Angst, keine Luft zu bekommen, und wegen des Drucks im Brustkorb
atmen die Betroffenen noch tiefer und heftiger. Da weiterhin keine Bewegung
erfolgt, wird der Kohlendioxidmangel im Blut noch größer.
Nicht einmal im
Extremfall führt hyperventilationsbedingte Sauerstoffnot zur Ohnmacht,
wie eine niederländische Studie an Versuchspersonen ergab, die mindestens 90
Minuten lang so schnell und tief atmeten, als sie konnten. Es ist jedoch eine
Hyperventilationstetanie möglich, d.h. ein krampfartiger Anfall, der für
Unerfahrene wie ein epileptischer Anfall ausschaut, so dass Beobachter
unnötigerweise den Notarzt rufen.
Der Arzt verabreicht oft eine
Kalziumspritze zur Krampflösung. Die künstliche Zufuhr von Kalzium löst rasch
den Muskelkrampf (Tetanie). Eigentlich handelt es sich dabei um einen typischen Placeboeffekt, weil bei einer Hyperventilation nur ein relativer und kein
absoluter Kalziummangel gegeben ist. Die Kalziuminjektion bewirkt ein
subjektives Wärmegefühl in Händen und Füßen, was dem Gefühl des Absterbens
der Extremitäten entgegenwirkt.
Bei starken Tetanien wird oft auch eine
Beruhigungsspritze (Valium®, Rivotril®) verabreicht, was
meist unnötig ist, weil deren Wirkung weit über den Hyperventilationszeitraum
hinaus anhält, so dass man sich noch Stunden später benommen fühlt.
Richtige, langsame
Atmung, gleichzeitige Bewegung während der Atmung bzw. eine Papiertüte, ein
Taschentuch oder die hohle Handinnenfläche vor dem Mund, um das ausgeatmete
Kohlendioxid wieder einzuatmen, sind gut geeignet, den Kohlendioxidgehalt im
Blut rasch zu steigern und die Muskeln geschmeidiger zu machen.
Eine Hyperventilation bewirkt folgende Symptome:
anhaltendes Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, verbunden mit dem
Zwang, ein paar Mal tief durchatmen zu müssen, Atemnot und Druck auf der Brust,
Herzklopfen und Herzrasen, Herzschmerzen, Brustschmerzen (durch Überspannung
der Muskeln zwischen den Rippen), Engegefühl über der Brust (Gürtel- und
Reifengefühl), Gefühllosigkeit, Kribbeln („Ameisenlaufen“) und Zittern an
Händen (besonders in den Fingerspitzen), Füßen und Beinen, Kribbeln um die
Mundregion, taube Lippen, Globusgefühl (Zusammenschnüren der Kehle),
Verkrampfung der Hände („Pfötchenstellung“), kalte Hände und Füße,
Zittern, Muskelschmerzen, Druck im Kopf und Oberbauch, Bauchbeschwerden (durch
das Luftschlucken), Übelkeit, Schwindel, Benommenheit, Unwirklichkeitsgefühle,
Pupillenerweiterung, Sehstörungen, Gefühl, wie auf Wolken zu gehen, Angst,
ohnmächtig zu werden, und Todesangst (wegen der Erstickungsgefühle).
Im Extremfall einer
Hyperventilationstetanie führt der Sauerstoffmangel zu Ohnmacht und Krampfzuständen.
In der Ohnmacht normalisiert sich die Blutzusammensetzung schnell wieder, weil
man richtig atmet, so dass man rasch und problemlos von alleine zu sich kommt.
Hyperventilation führt auch zu Veränderungen der Wahrnehmung. Sehen und Hören
sind beeinträchtigt, das Selbsterleben bekommt eine andere, Angst machende
Dimension, was die Paniksymptome verstärkt, insbesondere die Angst vor dem Verrücktwerden.
Bei starker Hyperventilation treten binnen einer Minute Symptome auf. Sie sind
zwar unangenehm, bewirken aber keine bleibenden Schäden.
Eine zu rasche und
zu tiefe Atmung im Sinne einer Hyperventilation führt paradoxerweise zu einem
Sauerstoffmangel, verbunden mit dem Angstgefühl zu ersticken, so dass noch
schneller und tiefer geatmet wird (was die Symptomatik verschärft).
Trotz des Überatmens besteht ein Gefühl
von Luftnot, das sich bis zur Erstickungsangst steigern kann. Dies hängt damit
zusammen, dass die normale Atmung vor allem durch einen Kohlendioxidüberschuss und in
geringerem Ausmaß auch durch einen Sauerstoffmangel angeregt wird. Bei einer
Hyperventilation ist gerade das Umgekehrte der Fall, so dass das Atemzentrum die
Atmungsvorgänge vermindert.
Menschen, die chronisch hyperventilieren,
haben oft keine eindeutig abgrenzbaren akuten Anfälle, nur relativ
unspezifische und vage Beschwerden, selten Atemstörungen oder Tetaniezeichen.
Als Leitsymptome des chronisches Hyperventilationssyndroms gelten: Schwindel,
Brustschmerzen, kalte Hände und Füße sowie verschiedene psychische
Beschwerden (Müdigkeit, Schlappheit, Schläfrigkeit, Wetterfühligkeit,
Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Reizbarkeit, Angespanntheit, ängstliche
oder depressive Symptomatik).
Panikattacken
lassen sich nach neueren Untersuchungen nicht generell durch die direkte
biologische Wirkung der Hyperventilation erklären, wenngleich im Einzelfall
Hyperventilation oft zu Panikattacken führen kann. Panikattacken dürfen nicht
einfach mit dem Hyperventilationssyndrom gleichgesetzt werden. Viele
Panikpatienten hyperventilieren überhaupt nicht. Provokationstests bewirkten
bei Panikpatienten keinen erniedrigten Kohlendioxidpartialdruck des Blutes, der
bei chronischer Hyperventilation zu erwarten gewesen wäre.
Dieser Text stammt aus meinem Buch „Angststörungen“. Wenn Ihnen diese Ausführungen gefallen haben, empfehle ich Ihnen den Kauf des ganzen Buches (Bestellung durch Anklicken des Buchtitels):
Morschitzky, H. (2009). Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Wien: Springer. 731 S. € 69,90.
Lesen Sie auch mein Info www.panikattacken.at/atmung/atmung.htm
Der folgende Text stammt aus meinem Buch „Somatoforme Störungen“. Wenn Ihnen der Text gefällt, empfehle ich Ihnen den Kauf des ganzen Buches (Bestellung durch Anklicken des Buchtitels):
Morschitzky, H. (2000). Somatoforme Störungen. Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund. Wien: Springer. 267 S, ATS 476,00, DM 68,00.
Somatoforme
autonome Funktionsstörung des
respiratorischen Systems
Einige Monate später bekommt sie in einer
Diskothek eine Hyperventilationsattacke mit einem Krampfanfall, der auf die
Umstehenden so beeindruckend wirkt, dass sie glauben, Augenzeugen eines
epileptischen Anfalls geworden zu sein. Die herbeigerufene Rettung bringt die
Patientin auf eine neurologische Abteilung zur Durchuntersuchung bei Verdacht
auf eine Epilepsie. Mit den besten Untersuchungsmethoden ergeben sich keine
Hinweise auf eine erhöhte zerebrale Krampfbereitschaft, sodass die Patientin
mit Verdacht auf eine Hyperventilationstetanie entlassen wird. Sie ist von der Mächtigkeit
des Anfalls stark beeindruckt und fürchtet sich vor einem neuerlichen Anfall.
Ein Arzt erklärt ihr daher ganz genau die Vorgänge bei einer Hyperventilation
und rät ihr, immer eine Papiertüte mit sich zu führen, um das vermehrt
ausgeatmete Kohlendioxid auf diese Weise wieder einatmen zu können.
Vier Monate später bekommt sie im
Elternhaus des Freundes eine neuerliche Hyperventilationsattacke. Sie misstraut
den Ergebnissen der letzten Untersuchung und wünscht eine Durchuntersuchung auf
der neurologischen Abteilung eines anderen Krankenhauses, wobei sie den letzten
stationären Aufenthalt bewusst verschweigt. Die Diagnose einer Hyperventilation
wird bestätigt durch den beigezogenen Konsiliarpsychiater, der ihr zu einer
Psychotherapie rät, da der Verdacht auf eine emotionale Problematik bestehe.
Die Patientin macht davon keinen Gebrauch, weil sie nicht verstehen kann, wie
ihr ein Psychotherapeut bei ihrer Hyperventilationsneigung helfen könne. Sie hält
mehr von dem Vorschlag eines anderen Arztes, im Falle einer spürbarer
Beunruhigung rasch einen im Sinne einer Bedarfsverordnung verschriebenen
Tranquilizer einzunehmen.
Drei Monate später befindet sich die
Patientin mit ihrem Freund auf einem Sommerurlaub in den Bergen. Nach einem
geselligen Beisammensein mit anderen Urlaubsgästen bekommt sie in Anwesenheit
ihres Freundes eine heftige Hyperventilationsattacke, die dazu führt, dass er
sie in das nächstgelegene Bezirkskrankenhaus bringt, wo nach einer kurzen
Untersuchung und der Erhebung der Vorgeschichte eine Panikstörung
diagnostiziert wird. Es wird ihr abermals zu einer Psychotherapie geraten. Zu
Hause erkundigt sie sich über die Möglichkeiten einer Psychotherapie bei ihrem
Hausarzt, der ihr drei Psychotherapeuten zur Auswahl nennt. Wegen der
diagnostizierten Panikstörung kommt sie in meine Praxis, weil sie der Hausarzt
davon informiert hat, dass ich mich auf die Behandlung von Patienten mit einer
Panikstörung spezialisiert habe.
Nach genauer diagnostischer Abklärung
ergibt sich eher das Bild eines Hyperventilationssyndroms als das Vollbild einer
Panikstörung, sodass die Diagnose einer somatoformen autonomen Funktionsstörung
des respiratorischen Systems angebracht erscheint.
Die Verhaltensanalyse ergibt eindeutige
Zusammenhänge mit der Partnerschaft. Vor der ersten stationären Aufnahme warf
die Patientin ihrem Freund mehrfach verärgert vor, dass er sich zu wenig um sie
kümmere und verabredete Treffen nicht einhalte, sodass sie überlegte, ob sie
die Beziehung überhaupt noch fortsetzen sollte. Die Hyperventilation in der
Diskothek hing mit dem Umstand zusammen, dass sie verärgert war, wie intensiv
er mit anderen jungen Frauen in Gespräche verwickelt war und sie dabei zu wenig
beachtete. Die Hyperventilation im Elternhaus des Freundes erfolgte nach einem
unterdrückten Ärger über ihren Freund, der bei einer Diskussion den
Standpunkt seiner Mutter eingenommen hatte, sodass sie sich von ihm im Stich
gelassen fühlte. Die Hyperventilation im Urlaub trat nach einer
Meinungsverschiedenheit auf, wie man den Tag verbringen könnte. Sie hatte den
Eindruck, dass ihr Freund zu wenig auf ihre Wünsche eingehe.
Unter Einbeziehung des Freundes in die
Psychotherapie bestätigt sich die Vermutung, dass die Hyperventilation in
Verbindung mit einem Machtkampf zwischen dem Paar zu sehen ist. Der Freund wirft
ihr vor, dass sie ihn zu sehr binden wolle, was er sich nicht gefallen lasse,
weil er in der Beziehung seine Selbständigkeit bewahren wolle. Die Patientin ärgert
sich einerseits über ihn und bekommt andererseits Angst, dass er sie nicht mehr
lieben und daher bald verlassen könnte.
Eine somatoforme autonome Funktionsstörung des respiratorischen Systems
(F45.33) umfasst funktionelle Beeinträchtigungen der Atemregulation bei
intaktem Atemapparat (Thoraxwand, Lungen, Atemmuskulatur). Die wichtigste Störung
ist das Hyperventilationssyndrom.
Der Kohlendioxidabfall führt zu einer Reduktion des ionisierten Kalziums im Blut (das für die Geschmeidigkeit der Muskeln erforderliche freie Kalzium im Blut nimmt stark ab), was eine Übererregbarkeit (Tetanie) der Muskulatur bewirkt. Die Hypokapnie erhöht den zerebralen Gefäßwiderstand und vermindert dadurch den Blutfluss im Kopf.
Als Folge der physiologischen Veränderungen treten zahlreiche Symptome auf: anhaltendes Gefühl nicht richtig durchatmen zu können, verbunden mit dem Zwang, ein paar Mal tief durchatmen zu müssen, Atemnot („Lufthunger“), Druck auf der Brust, Brustschmerzen, Engegefühl über der Brust, Herzklopfen und Herzrasen, Herzschmerzen, Gefühllosigkeit, Kribbeln und Zittern an Händen (besonders in den Fingerspitzen), Füßen und Beinen, Kribbeln um die Mundregion, taube Lippen, Globusgefühl (Zuschnüren der Kehle), Verkrampfen der Hände („Pfötchenstellung“), kalte Hände und Füße, Muskelschmerzen, Druck im Kopf und Oberbauch, Bauchschmerzen (durch das Luftschlucken), Übelkeit, Sehstörungen, Gefühl „wie auf Wolken zu gehen“, Angst ohnmächtig zu werden, Todesangst.
Bei längerer Hyperventilation kommt es aufgrund des Krampfzustandes der Blutgefäße zu einer Minderdurchblutung des Gehirns mit der Folge von geistigen Symptomen wie Benommenheit, Schwindel, Unwirklichkeitsgefühlen, Konzentrationsstörungen und leichten Bewusstseinsstörungen.
Bei richtiger Atmung normalisiert sich der pH-Wert des Blutes rasch wieder, sodass keine medizinische Intervention (Kalzium-Spritze, Beruhigungsspritze, Plastiktüte vor dem Mund) erforderlich ist.
Bei Angst, Aufregung, Wut und Stress ist die Atmung oft entweder rasch und flach mit eingestreuten Seufzerzügen oder sie wechselt von unruhiger Mittellage zur Hyperventilation (schnell und tief). Plötzliches Erschrecken kann zu einem vorübergehenden Atemstillstand führen, gefolgt von einer intensivierten Atmung.
Das Hyperventilationssyndrom wird oft als Unterform der Panikstörung angesehen, ähnlich wie die Herzphobie. Beiden gemeinsam ist der appellative Charakter der Symptomatik. Das Hyperventilationssyndrom tritt vor allem bei jüngeren Menschen auf, bevorzugt im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt.
Die Symptomatik kommt bei Frauen dreimal so häufig vor wie bei Männern. Menschen mit einem chronischen Hyperventilationssyndrom weisen in weniger als 1% der Fälle eine Zwerchfellatmung auf.
Serie: Funktionelle Störungen – Funktionelle
Atemstörungen: Das Hyperventilationssyndrom
Deutsches Ärzteblatt 96, Heft 11 vom 19.03.99,
Seite A-694 [MEDIZIN: Zur Fortbildung]
Das akute Hyperventilationssyndrom ist eine häufige
Störung, die selten diagnostische oder therapeutische Probleme bereitet. Die
vielfältigen Beschwerden der chronischen Hyperventilation lassen sich
einerseits durch die zugrundeliegenden psychischen Störungen und andererseits
durch die respiratorische Alkalose erklären. Die Diagnose wird durch Anamnese,
Provokation der Symptome im Hyperventilations-Expositionsversuch und durch eine
direkte Messung des pCO2 gesichert. Die Therapie des Hyperventilationssyndroms
stützt sich auf das ärztliche Gespräch mit entsprechender Information des
Patienten (Psychoedukation), auf eine Verbesserung der Atemtechnik durch
physiotherapeutische Techniken, Entspannungsverfahren sowie auf Psychopharmaka
(Antidepressiva).
Schlüsselwörter: Hyperventilationssyndrom, respiratorische Alkalose, Angst,
pCO2, Somatisierungsstörung
Das Krankheitsbild ist definiert durch eine über die physiologischen Bedürfnisse
hinausgehende Erhöhung der Atemfrequenz und Atemtiefe, die zur Verminderung des
pCO2 im Blut führen. Zu den pathophysiologischen Vorgängen, die zu einer
beschleunigten Atemfrequenz führen, gehören das Absinken des arteriellen pCO2
und Anstieg des pCO2, eine Gewebshypoxie, metabolische Veränderungen (Azidose),
eine direkte Reizung des Atemzentrums, erhöhter O2-Bedarf oder eine periphere
Reflexstimulation. Angst, Panik und akute Stressoren sind die wichtigsten
psychosozialen Ursachen für eine Hyperventilation.
Das Hyperventilationssyndrom ist charakterisiert durch die psychisch bedingte,
anfallsweise auftretende, beschleunigte und vertiefte Atmung mit den typischen
tetanischen Symptomen. Hyperventilation ist eine häufige, alltägliche
Erscheinung, die - vor allem bei jüngeren Frauen - zu erheblicher Morbidität führen
kann (9) und damit von großer gesundheitsökonomischer und - wegen der Frühberentungen
- auch versicherungspolitischer Bedeutung ist.
Nach dem DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, American
Psychiatric Association [12]) sind funktionelle Erkrankungen
"Somatisierungsstörungen", das Hyperventilationssyndrom ist weder beschrieben
noch klassifiziert und kann - wie alle anderen funktionellen Erkrankungen - nur
als "Somatisierungssyndrom" (F45.0 nach ICD-10) klassifiziert werden. Nach der
ICD-10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen [2]) sind
funktionelle Erkrankungen "somatoforme Störungen" beziehungsweise "somatoforme
autonome Funktionsstörungen", und dementsprechend ist das
Hyperventilationssyndrom eine somatoforme autonome Funktionsstörung des
respiratorischen Systems (F45.33 nach ICD-10). Mit diesen Klassifikationen
werden die funktionellen Erkrankungen zu psychiatrischen Krankheitsbildern,
obwohl es sich - schon aufgrund der historischen Entwicklung (15) - um
internistische Krankheitsbilder handelt. Darüber hinaus kommen Patienten mit
funktionellen Beschwerden primär zum Hausarzt, zum Allgemeinmediziner oder
Internisten und nicht zum Psychiater.
Epidemiologie
Obwohl nach der klinischen Erfahrung überwiegend junge Frauen unter dem
klinischen Bild eines akuten Hyperventilationsanfalls in den Notfallstationen
der Akutkliniken oder der Praxis des niedergelassenen Arztes betreut werden,
zeigen epidemiologische Untersuchungen, daß die Häufigkeit gleichmäßig auf
die beiden Geschlechter verteilt ist (8). Mit fortschreitendem Alter nimmt die Häufigkeit
bei beiden Geschlechtern ab: Wie bei den Patienten mit anderen funktionellen
Syndromen manifestiert sich ein Hyperventilationssyndrom vor allem im zweiten
und dritten Lebensjahrzehnt, bei über 60jährigen Menschen ist ein
Hyperventilationssyndrom eher selten (16). Etwa sechs bis zehn Prozent der
Patienten einer internistischen Praxis (8) und sechs bis elf Prozent der
Patienten einer Allgemeinpraxis (1) sollen an einem Hyperventilationssyndrom
leiden.
Ätiologie und Pathogenese
Unter den klinischen Symptomen der Angstneurose beschrieb Sigmund Freud 1894 (3)
auch Störungen der Atmung, die er als "nervöse Dyspnoe" beschrieb:
" . . . diese Anfälle sind nicht immer von kenntlicher Angst
begleitet". In der Folgezeit haben eine Reihe von Autoren Emotionen, vor
allem Angst, als Ursache der Hyperventilation beschrieben, psychodynamisch
werden die Symptome der Hyperventilation als Strafe für bewußte oder unbewußte
ambivalente Gefühle gegenüber verlorenen oder entfremdeten Bezugspersonen der
Kindheit erlebt (6). Sheehan schlug dann 1982 (13) vor, das
Hyperventilationssyndrom zusammen mit den funktionellen kardiovaskulären und
abdominalen Störungen als endogenes Angstsyndrom zu klassifizieren. Als Ursache
der phobischen Zustände, die bei Hyperventilationspatienten häufig auftreten,
sah er die durch Angst und Panik konditionierten Reaktionen auf bestimmte
Situationen wie Menschenansammlungen, Lift- oder Autofahren.
Situationen, in denen starke Affekte wie Angst oder Wut unterdrückt werden müssen
(beispielsweise am Arbeitsplatz), sind häufig die auslösende Ursache für
einen Hyperventilationsanfall. Im ausführlichen ärztlichen Gespräch kann häufig
keine belastende oder konfliktreiche Situation gefunden werden. Allerdings können
die Symptome der Hyperventilation zu Todesangst führen, obwohl der akute
Hyperventilationsanfall immer spontan endet. Nur selten kommt es zu einem
hyperkapnischen, tetanischen Koma mit konsekutiver Apnoephase und Wiederanstieg
des pCO2.
Pathophysiologische Aspekte
Hyperventilationspatienten atmen hauptsächlich mit dem Thorax und weniger mit
dem Zwerchfell, das heißt der Atemtyp ist verändert. Dies ist insofern von großer
Bedeutung, da bei Menschen, die vorwiegend mit dem Thorax atmen, der pCO2 gewöhnlich
unter 40 mmHg liegt und bereits in Richtung auf eine Hypokapnie weist.
Ursache der gesteigerten Ventilation bei dieser Erkrankung ist die hohe
Atemfrequenz mit inspiratorischer Verschiebung der Atemruhephase durch den veränderten
Atemtypus. Bei der arteriellen Blutgasanalyse findet sich eine respiratorische
Alkalose mit erniedrigtem pCO2. Bereits in der anfallsfreien Zeit liegt der pCO2
bei Patienten mit Hyperventilationssyndrom meist unter 35 mmHg, während der
pCO2 bei gesunden Kontrollpersonen eher bei 40 mmHg liegt.
Die Erniedrigung des arteriellen pCO2 durch die beschriebene alveoläre
Hyperventilation führt sekundär zu einer Reihe pathophysiologisch bedingter
Veränderungen, durch die in ganz unterschiedlichen Organbereichen auftretende
Symptome erklärt werden können (Textkasten: Somatoforme Störungen).
Die durch - oft nicht wahrgenommene - starke Gefühle wie Angst oder Wut
induzierte Hyperventilation führt zu unangenehmen Symptomen, die wiederum Angst
und Hyperventilation verstärken und so häufig einen Circulus vitiosus in Gang
setzen.
Klinik
Die Symptomatologie des Hyperventilationssyndroms wird - wie oben beschrieben -
durch die pathophysiologischen Veränderungen infolge der durch die alveoläre
Hyperventilation bedingten respiratorischen Alkalose erklärt.
- Respiratorische Symptome: Häufig berichten die Patienten, "nicht richtig
durchatmen zu können", gleichzeitig bestehen - neben einem Engigkeitsgefühl
im Thorax - ein Zwang, tief atmen zu müssen, und Atemnot, die oft Ursache für
die Konsultation ist. Es findet sich eine Tachypnoe, die von unmotiviertem Gähnen,
einer Seufzeratmung oder nervösem Hüsteln oder trocknem Reizhusten begleitet
sein kann.
- Neuromuskuläre Symptome: Charakteristisch sind Parästhesien
("Ameisenlaufen"), Gefühllosigkeit und Zittern in den Extremitäten,
Kribbeln perioral sowie Verkrampfungen der Akren, Lähmungen, Zittern und
Muskelschmerzen.
-
Zerebrale Symptome: Viele Patienten klagen über Benommenheit, Kopfschmerzen,
Schwindel, Sehstörungen und ein Gefühl der Benommenheit
("Mattscheibe", "auf Wolken gehen").
- Kardiale Symptome: Die bei der Hyperventilation auftretenden linksthorakalen
Beschwerden werden - ähnlich wie beim funktionellen kardiovaskulären Syndrom -
von den Patienten entweder als stechender Schmerz oder als dumpfes Druckgefühl
retrosternal und linksthorakal erlebt. Über Palpitationen wird häufig
berichtet (17).
- Gastrointestinale Symptome: Oberbauchbeschwerden entstehen meist durch eine
die Hyperventilation begleitende Aerophagie, die Aufstoßen, Meteorismus,
Flatulenz und Dysphagie (selten dadurch auch Anorexie) verursachen kann (1). Die
Beschwerden entsprechen häufig dem klinischen Bild funktioneller
Unterbauchbeschwerden ("Colon irritabile").
- Vegetative und psychische Symptome: Viele Patienten klagen über Müdigkeit
und Schläfrigkeit, Konzentrationsstörungen, Vergeßlichkeit, Reizbarkeit sowie
Wetterfühligkeit. Schwitzen, Harndrang sowie kalte Hände und Füße werden
ebenfalls häufig angegeben.
Aus einer depressiven oder ängstlichen Stimmungslage können sich phobische
oder Panikzustände entwickeln (13).
Das chronische Hyperventilationssyndrom
Während der akute Hyperventilationsanfall kaum diagnostische Probleme bietet,
bereitet das chronische Hyperventilationssyndrom oft große Schwierigkeiten, da
akute Anfälle oft fehlen, die Beschwerden sehr vage und sehr mannigfaltig sind
und andere nicht direkt auf eine Hyperventilation zurückzuführenden
psychischen oder somatischen Symptome im Vordergrund stehen (Testkasten:
Leitlinien der Somatosierungsstörung). Zu den Leitsymptomen zählen
Schwindelgefühle (kein Dreh- oder Schwankschwindel!), thorakale Beschwerden,
kalte Extremitäten sowie psychische Symptome wie Müdigkeit, Angst und Nervosität,
die nicht selten zu kardiologischen, neurologischen und psychiatrischen Abklärungen
führen (9). Im Hyperventilationsversuch sind die Symptome oft nicht - wie beim
akuten Hyperventilationssyndrom - reproduzierbar, da der Organismus meist an die
chronische respiratorische Alkalose gewöhnt ist und diese metabolisch
kompensiert ist.
Diagnose
Durch die eingehende biopsychosoziale Amamnese lassen sich somatische und
psychische Befunde sowie biographische Kontextzusammenhänge in einem
Arbeitsgang erheben (5). Häufig finden sich starke Affekte (Angst) und eine
depressive Stimmung. Bei der körperlichen Untersuchung imponiert die
Thoraxatmung mit Tachypnoe im akuten Anfall, aber ohne Zyanose. Die
Muskeleigenreflexe können sehr lebhaft sein, und die Muskeln können bei
Beklopfen intensive Zuckungen zeigen. Chovostek- und Trousseau-Zeichen sind
positiv, darüber hinaus sind Karpopedalspasmen, "Karpfenmaul",
Tremor, kalte Akren, Tachykardie, positive vegetative Stigmata (Dermographismus
ruber) sowie lebhafte Darmgeräusche charakteristisch. In der arteriellen
Blutgasanalyse findet sich eine respiratorische Alkalose mit deutlich
erniedrigtem pCO2 .
Der über drei Minuten durchgeführte Hyperventilations-Expositionsversuch ist
positiv, wenn ein Großteil der im Alltag des Patienten auftretenden Beschwerden
wie Kribbeln in den Extremitäten, Verkrampfungen perioral, Schwindel, Sehstörungen,
Gefühl des Nicht-Durchatmen-Könnens, linksthorakale Beschwerden (wie
Herzklopfen), Globusgefühl und Angst vom Patienten berichtet werden.
Kontraindiziert ist ein Hyperventilationsversuch bei Patienten mit zerebrovaskulären
und kardialen Erkrankungen sowie Asthma bronchiale, da die willkürliche
Hyperventilation einen Asthmaanfall auslösen kann.
Differentialdiagnose
Bereits durch die Anamnese können somatische Ursachen einer Hyperventilation
wie Lungenerkrankungen oder eine Herzinsuffizienz ausgeschlossen werden. Zu den
weiteren körperlichen Ursachen einer Tetanie zählen Enzephalitiden oder
Hirntumoren (direkte Stimulation des Atemzentrums), Kalzium- und
Magnesiummangel, Hyperkaliämie, Hyperparathyreoidismus (zum Beispiel strumipriv),
Infektionskrankheiten (Tetanus) oder Intoxikationen. In die weiteren
diffentialdiagnostischen Überlegungen müssen das funktionelle kardiovaskuläre
Syndrom, die Konversionsneurose sowie der Formenkreis der Angststörungen
eingeschlossen werden, wobei - auch nach neueren Untersuchungen - das
Hyperventilationssyndrom nicht unter den Panikstörungen subsumiert werden kann
(4).
Therapie
Während des akuten Anfalls sollten zuerst der Patient und meist auch die Angehörigen
beruhigt werden. Mit einer Plastik- oder Papiertüte, die von unten her über
Mund und Nase gehalten wird, klingen die Beschwerden durch die Rückatmung und
den Anstieg des arteriellen pCO2 rasch ab. Bei der häufig geübten Praxis einer
intravenösen Injektion von 10 ml einer zehnprozentigen Kalziumlösung handelt
es sich um einen Plazeboeffekt, der in keiner Weise indiziert ist (14). Auch die
Gabe von Benzodiazepinen ist meist weder indiziert noch gerechtfertigt. Bei der
chronischen Hyperventilation sollten die Patienten - ebenso wie beim akuten
Anfall - empathisch und genau über diese Störung der gewohnheitsmäßigen
Atmung aufgeklärt werden. Weitere psychoedukative Maßnahmen sind dann
notwendig, wenn physische oder psychische Symptome weiterhin auftreten.
Von besonderer Bedeutung ist die physiotherapeutische und atemtherapeutische
Behandlung, und zwar das Erlernen der Zwerchfellatmung sowohl im Anfall als auch
in Ruhe. Hierzu sollte der Patient täglich zweimal 20 Minuten die
entsprechenden Atemübungen durchführen und zusätzlich im Alltag immer wieder
auf seine Atmung (Zwerchfellatmung) achten. Psychotherapeutische Maßnahmen sind
vor allem beim chronischen Hyperventilationssyndrom indiziert. Ziel ist, daß es
dem Patienten möglich wird, die Beziehung zwischen auslösender Situation,
Affekt und Hyperventilation zu erkennen. Darüber hinaus haben
Entspannungsverfahren (Autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Hypnose
oder Yoga) oder verhaltenstherapeutische Techniken ebenfalls einen hohen
Stellenwert in der Therapie des Hyperventilationssyndroms: Mit diesen Verfahren
kann nicht nur die Angst vermindert, sondern können auch Beschwerden und
Anfallshäufigkeit reduziert werden (6).
Psychopharmaka sind nur bei Patienten mit ausgeprägten Angstzuständen und
Depressionen indiziert, und zwar vor allem trizyklische (beispielsweise
Imipramin) und serotonerge (beispielsweise Paroxetin) Antidepressiva. Von
Bedeutung ist eine ausreichend lange und genügend hohe Dosierung, zum Beispiel
eine Behandlung mit trizyklischen Antidepressiva in einer oralen Dosierung von
100 bis 150 mg täglich über mindestens zwei Monate. Benzodiazepine sind wegen
ihres hohen Suchtpotentials nur bei schweren Anfällen kurzzeitig indiziert. Der
Einsatz von kardioselektiven Betablockern ist bei vorherrschender kardialer
Symptomatik (wie Tachykardie, Palpitationen) sinnvoll, um den beschriebenen
Circulus vitiosus zu durchbrechen (10).
Prognose
Beim akuten Hyperventilationssyndrom ist die Prognose günstig, wenn sie nicht
iatrogen durch die Diagnose einer "Organerkrankung" (wie
Hypoparathyreoidismus oder koronare Herzkrankheit) verschlimmert wird und damit
die Beschwerden fixiert werden. Beim chronischen Hyperventilationssyndrom kommt
es trotz verschiedener geeigneter Behandlungen nur bei 60 Prozent der Patienten
zu einer Besserung.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-694-697
[Heft 11]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den
Sonderdruck beim Verfasser und über die Internetseiten (unter http://www.aerzteblatt.de)
erhältlich ist.
Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Jörg M. Herrmann
Leitender Medizinaldirektor
Reha-Klinik Glotterbad der
LVA Württemberg · 79286 Glottertal