Klinischer und Gesundheitspsychologe
Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)
A-4040 Linz, Hauptstraße 77 Tel. 0043 732 77 86 01 E-Mail: morschitzky@aon.at
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(nur kostenpflichtige telefonische Online-Beratung) Seite aus: www.panikattacken.at
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INTERVIEW FÜR www.wienweb.at (das größte Wiener News-Portal im Internet) im Juni 2004
Interview mit Dr. Hans Morschitzky, Gesundheitspsychologe und Klinischer Psychologe an der Landesnervenklinik Linz, Verhaltenstherapeut in eigener Praxis. Spezialgebiet: Angsterkrankungen und psychosomatische Störungen.
Wienweb: Beschreiben sie bitte kurz ihren beruflichen Werdegang. Seit wann beschäftigen sie sich intensiv mit Angststörungen? Warum ist die Beschäftigung damit zu einem zentralen Anliegen für sie geworden? Welche Angebote gibt es für Angstpatienten in der Klinik? Welche in der privaten Praxis?
Hans Morschitzky:
Ich habe in den 70er Jahren in Salzburg Psychologie studiert und im Laufe der Jahre zwei Psychotherapieausbildungen abgeschlossen (Verhaltenstherapie und systemische Psychotherapie). Ich war zuerst drei Jahre lang beim Arbeitsmarktservice OÖ. in der Berufsberatung für Maturanten tätig und arbeite seit 21 Jahren in der OÖ. Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg Linz, die ersten 10 Jahre in der Jugendpsychiatrie, dann 9 Jahre in der Erwachsenenpsychiatrie und die letzten zwei Jahre in der neu geschaffenen Psychosomatik-Abteilung.
Mit Angststörungen beschäftige ich mich seit den 90er Jahren und habe dazu 1998 das Fachbuch „Angststörungen“ veröffentlicht, das im Herbst 2004 in der dritten überarbeiteten Auflage beim Verlag Springer, Wien, erscheint. Im Jahr 2002 habe ich zusammen mit der damaligen ORF-Journalistin Sigrid Sator beim deutschen Walter-Verlag das populäre Buch „Die zehn Gesichter der Angst. Ein Selbsthilfe-Programm in 7 Schritten“ veröffentlicht, das bereits in 3. Auflage erschienen ist und 2005 gleichzeitig in China und Taiwan auf den Markt kommt.
Der Grund meiner Beschäftigung mit Angststörungen liegt in dem Bestreben, den zahlreichen Betroffenen ohne Medikamente eine Bewältigung ihrer krankhaften Ängste zu ermöglichen und eine weitere Verschlimmerung zu verhindern, denn nicht erfolgreich behandelte Angststörungen stellen die Einstiegsstörungen in schwerere psychische Störungen wie Depressionen, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit dar. Außerdem ermöglicht die effiziente Behandlung von Angststörungen raschere Behandlungserfolge als bei verschiedenen anderen psychischen Störungen – was auch der Seele eines psychologischen Psychotherapeuten gut tut!
In der Nervenklinik findet man vor allem jene Angstpatienten, die bereits eine Depression oder einen sekundären Alkohol- oder Beruhigungsmittelmissbrauch entwickelt haben. Neben der stationär-psychiatrischen Akutbehandlung dieser Folgesymptome werden erste psychologisch-psychotherapeutische Hilfestellungen zur Bewältigung der jeweiligen Angststörung vermittelt.
In meiner Praxis in Linz-Urfahr, Hauptstraße 77, behandle ich vor allem „reine“ Angstpatienten, zahlenmäßig am häufigsten Menschen mit Panikstörungen, Platzangst (Agoraphobie) und Sozialphobie.
Wienweb: Angst gehört unvermeidlich zum Leben eines jeden Menschen. Was unterscheidet „gesunde“ Angst von krank machender Angst? Wie unterscheiden sich Angst und Panik?
Hans Morschitzky:
Gesunde Angst schützt das Leben, krankhafte Angst engt es ein.
Angststörungen sind dann gegeben, wenn die Ängste zu lange andauern, das Leben belasten und einschränken, trotz aller individuellen Lösungsversuche nicht bewältigbar erscheinen und somit ein großes Leiden für die Betroffenen und auch deren Angehörige darstellen.
Unter „Panik“ vesteht man gewöhnlich einen akuten Angstzustand, der sich in Form von an sich ungefährlichen, aber subjektiv oft lebensbedrohlich erscheinenden Symptomen äußert, z.B. Herzrasen, Atemnot, Ohnmachtsgefühle, Schwindel, Angst verrückt zu werden oder die Kontrolle zu verlieren.
„Angst“ ganz allgemein ist das Ergebnis einer Bedrohungseinschätzung, eines subjektiven Gefühls der Gefährdung und äußert sich ebenfalls in körperlichen Symptomen, die jedoch im Gegensatz zu Panikattacken als nicht so gefährlich, wohl aber lästig erlebt werden, z.B. Übelkeit, Schwitzen, chronische Muskelverspannung.
Wienweb: Eine Panikattacke kommt aus heiterem Himmel. Wie äußert sie sich? Was sind die Merkmale eines solchen Angstanfalles?
Hans Morschitzky:
Eine Panikattacke besteht aus mindestens vier von 14 möglichen Symptomen, die ganz plötzlich auftreten. Man unterscheidet dabei körperliche und so genannte kognitive (geistige) Symptome. Die wichtigsten Vorgänge sind schnell beschrieben:
Plötzliches Herzrasen wird als möglicher Herzinfarkt, akute Atemnot als Erstickungsgefühl, Schwindel als Ohnmachtsgefühl oder drohender Gehirninfarkt interpretiert.
Die hohe innere Anspannung kann aber auch als Gefühl, neben sich zu stehen, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden interpretiert werden.
Wienweb: Kann jeder Mensch eine Panikattacke bekommen? Neigen manche mehr dazu? Warum?
Hans Morschitzky:
Grundsätzlich kann jeder Mensch eine Panikattacke bekommen. Überlastungen, Nachwirkungen von Erkrankungen, Alkohol, Drogen oder Medikamenten können eine Panikattacke begünstigen.
Verschiedene Menschen neigen eher zu Panikattacken, einerseits weil sie mit Stress nicht gut umgehen können, andererseits weil sie – oft aufgrund bestimmter Lebenserfahrungen wie Verlusterlebnisse oder schwere Erkrankungen im sozialen Umfeld – die auftretenden Symptome unnötigerweise als gefährlich interpretieren.
Wienweb: Man gewinnt den Eindruck, dass immer häufiger von Panikattacken und Angststörungen die Rede ist. Eine Vielzahl von Büchern zu diesem Thema sind erschienen. Wie viele Menschen leiden derzeit daran? (Daten aktueller Studien?) Nehmen diese in letzter Zeit zu? Welche Gründe gibt es dafür?
Hans Morschitzky:
Aktuelle Studien ergeben übereinstimmend: Rund 9 % der Bevölkerung leiden unter Angststörungen. Im Laufe des Lebens sind 20-25 % davon betroffen. Irgendwann im Leben leiden 3 % unter einer Panikstörung, jeweils 5 % unter einer generalisierten Angststörung oder einer Agoraphobie (Platzangst) und jeweils 13 % unter einen sozialen oder einen spezifischen Phobie.
Angststörungen nehmen eindeutig zu, vermutlich bedingt durch den zunehmenden Stress und Leistungsdruck in unserer Gesellschaft, wohl aber auch verstärkt durch die zunehmende Undurchschaubarkeit und Unkontrollierbarkeit des Lebens und der Welt (Stichworte „Rationalisierung“ und „Globalisierung“ mit Folgen wie Bedrohung des Arbeitsplatzes).
Wienweb: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Stress und Angst?
Hans Morschitzky
Chronischer Stress in der Familie und im Beruf ist häufig die allgemeine Grundlage von Angststörungen, die dann durch spezielle Umstände (Verlusterlebnis durch Tod oder Scheidung, Alkohol- oder Drogenmissbrauch) ausgelöst werden.
Wienweb: Welche Anlässe lösen häufig Panikattacken aus?
Hans Morschitzky:
Typische Auslöser sind: zu viel Alkohol, Drogen oder Kaffee, Nebenwirkungen von Medikamenten, Allergien, zu wenig Schlaf, körperliche Erschöpfung (aber auch plötzliche völlige Entspannung nach länger dauerndem Stress), Hyperventilation (übermäßige Atmung), heftige Emotionen wie Wut oder Ärger, große Zukunftsängste, unüberwindliche Krankheitsängste oder Verlusterlebnisse (Scheidung oder Tod eines Elternteils).
Wienweb: Was sind die Ursachen/Hintergründe, dass ein Mensch eine Panikattacke erleidet? Gibt es genetische oder andere Prädispositionen?
Hans Morschitzky:
Die tieferen Ursachen und Hintergründe können ganz unterschiedlich sein. Angst zeigt, was im Leben wichtig ist – und wenn man gerade das zu verlieren droht, kann Panik resultieren. Das häufigste Ursachengeflecht ist jedoch eine Kombination von familiären und beruflichen Problemen mit der Folge einer Überlastung. Genetische Faktoren können eine Rolle spielen. Jedenfalls kommt in Familien mit einem „panischen“ Elternteil auch häufiger ein angstkrankes Kind vor. Dabei spielen aber auch Lernprozesse eine Rolle. Nicht selten kommt – wenn der akute Stress und die Folgen beseitigt sind – eine seit Kindheit an oder zumindest seit Jahren bestehende erhöhte Krankheitsängstlichkeit zum Vorschein.
Wienweb: Eine einzelne Panikattacke kann der Auslöser für eine tief greifende Angststörung sein. Wie geht das vor sich?
Hans Morschitzky:
Zuerst besteht oft ein lang dauernder Stresszustand – dann kommt eine akute Belastung hinzu – in der Folge davon treten körperliche und/oder kognitive Symptome auf – diese werden mangels besseren Wissens unnötigerweise als gefährlich interpretiert – dadurch steigt das Angst- und Bedrohungsgefühl sprunghaft an – die Symptome werden noch ärger – schließlich löst deren Bewertung als lebensbedrohlich eine Panikattacke aus. Diese Vorgänge laufen aber so schnell ab, dass sie den Betroffenen anfangs gar nicht so klar sind.
Wienweb: Was sind darüber hinaus häufige Folgen einer Angsterkrankung?
Hans Morschitzky:
Wie bereits erwähnt, sind die bedrohlichsten Folgen einer unbewältigten Angststörung das Auftreten von Depressionen sowie der Missbrauch oder die Abhängigkeit von Alkohol und/oder abhängig machenden Beruhigungsmitteln (den so genannten Tranquilizern wie Xanor, Temesta, Lexotanil oder Valium). Weitere häufige Folgen sind familiäre oder partnerschaftliche Probleme bis hin zur Scheidung oder zum Gegenteil, nämlich einer ungesunden Nähe und einer geradezu symbiotischen Beziehung zu den engsten Angehörigen. Häufige Krankenstände und vorübergehende Arbeitsunfähigkeit können zum Herausfallen aus der Arbeitswelt und zur Langzeitarbeitslosigkeit führen oder wegen der erwähnten zusätzlichen Folgen eine Berufsunfähigkeitspension nach sich ziehen.
Wienweb: Können Menschen von ihren Panikattacken, von ihrer Angststörung geheilt werden? Wie? Genügt Selbsthilfe? Welche Formen therapeutischer Unterstützung sind besonders geeignet? Warum? Halten sie die Einnahme von Beruhigungsmitteln oder angstlösenden Medikamenten für sinnvoll?
Hans Morschitzky:
Menschen, die eine reine Panikstörung haben, können von ihren Symptomen vollständig geheilt werden, und zwar umso schneller, je rascher sie in Psychotherapie kommen und nicht zuerst jahrelang obskure Praktiken anwenden oder auf eine rein medikamentöse Behandlung setzen. Allein die Tipps auf meiner Homepage www.panikattacken.at (vor allem die Infos „Ängste“, „Panikattacken“ und „Panikstörung“) haben schon vielen Menschen ohne weitere Therapie geholfen. Oft genügt Selbsthilfe, wenn man weiß, was mit einem los ist und wie man mit Panikattacken umgehen kann. Wenn Wissen nicht hilft, dann zeigt sich das typische Problem, dass sich Gefühle eben nicht allein durch Informationen steuern lassen, sondern im Rahmen einer Therapie bearbeitet und bewältigt werden müssen. Dies ist auch der Grund, warum das Wissen um die Ursachen der Panikattacken meistens noch nicht zu deren Überwindung führt. Grundsätzlich kann jede Psychotherapiemethode hilfreich sein. Als Verhaltenstherapeut empfehle ich jedoch, gestützt auf die Erkenntnisse der Wissenschaft, zumindest eine kürzere Verhaltenstherapie, die bei Bedarf entsprechend ausgeweitet werden kann. Dabei geht es nicht einfach um das „Weg-Machen“ von Symptomen, sondern um das Verstehen der Zusammenhänge sowie um einen anderen Umgang mit Stress, sozialen Beziehungen, bestimmten Werten – insbesondere aber auch um einen hilfreichen Umgang mit der spezifischen Symptomatik.
Wienweb: Bezahlen die Krankenkassen die therapeutische Behandlung von Angststörungen? Wem? In welchem Ausmaß?
Hans Morschitzky:
Viele Krankenkassen zahlen Ihren Versicherten nach Einreichen der Honorarnote seit Anfang der 90er Jahre nur einen seither gleich gebliebenen Kostenzuschuss von € 21,80 bei Psychotherapeuten in freier Praxis. Wegen des bereits zweimal gescheiterten Kassenvertrags gibt es in den verschiedenen Bundesländern jedoch für viele Versicherte günstigere Sonderlösungen, die jeder Betroffene erfragen muss.
Der Berufverband der österreichischen PsychotherapeutInnen will endlich einen österreichweiten Kassenvertrag erreichen, der aufgrund der leeren Kassen jedoch immer mehr in weite Ferne rückt.
Wienweb: Wie wird in unserer (heutigen) Gesellschaft im Allgemeinen mit Ängsten umgegangen? Wie mit Menschen, die an einer Angststörung leiden?
Hans Morschitzky:
Ängste werden häufig verdrängt, denn es gilt gerade bei Männern als Schwäche, Angst zu haben, oder sie werden von Nicht-Betroffenen bagatellisiert („Ich habe auch manchmal Angst, aber ich steigere mich nicht so hinein“). Wenn die Ängste offenbar werden, müssen sie um jeden Preis rasch beseitigt werden, z.B. durch langfristig abhängig machende Beruhigungsmittel wie Xanor, oder man erhält über Monate oder Jahre bestimmte Antidepressiva mit der falschen medizinischen Begründung, dass dem Gehirn sonst bestimmte Botenstoffe wie Serotonin fehlen würden (ähnlich wie einem anderen Menschen Eisen fehlen kann). Tatsächlich jedoch wirken sich psychische Anspannungen natürlich auch körperlich sowie im Gehirn aus; wenn jedoch wieder die innere und äußere Ruhe einkehrt, können die Betroffenen plötzlich ganz ohne Medikamente auskommen, was beweist, dass ihnen nicht wirklich etwas fehlt, sondern nur vorübergehend die Botenstoffe im Gehirn durcheinander gekommen sind. Ein Grundproblem in unserer Leistungsgesellschaft ist, dass man ständig fit sein muss und man Schwäche nicht durch vorübergehendes Annehmen und Aushalten-Lernen überwinden möchte.
Wienweb: Was raten sie Betroffenen?
Hans Morschitzky:
Stellen Sie sich Ihren Ängsten, blicken Sie der Angst ins Angesicht, vergegenwärtigen Sie sich, dass Sie – gerade nach einer körperlichen Untersuchung – gesund sind und Sie gewöhnlich „nur“ großen Stress haben, der dadurch ärger wird, weil nicht wissen, wie Sie mit Panikattackenganz gut umgehen lernen können. Helfen Sie sich selbst durch Selbsthilfebücher wie das meine („Die zehn Gesichter der Angst. Ein Selbsthilfe-Programm in 7 Schritten“), gehen Sie im Internet auf interessante Seiten wie www.panikattacken.at oder www.panik-attacken.de, schließen Sie sich zusammen mit gleichfalls Betroffenen mit dem Ziel gegenseitiger Hilfe. Wenn Ihre Eigenbemühungen ergebnislos bleiben, nehmen sie nur kurzfristig Medikamente und setzen Sie langfristig auf die positive Wirkung einer Psychotherapie, vor allem einer Verhaltenstherapie, die nachweislich die größten Behandlungserfolge erzielt.
Wienweb: Was raten sie den Angehörigen von Angstpatienten?
Hans Morschitzky:
Unterstützen Sie Ihren angstkranken Angehörigen auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit, machen Sie ihm Mut, lassen Sie sich von ihm jedoch nicht einengen! Leben Sie auch Ihr eigenes Leben, denn Ängste schaffen oft eine ungesunde und überenge Nähe, die die persönliche Entwicklung aller Beteiligten behindert.
Wienweb: Abschließende Bemerkung?
Hans Morschitzky:
Panikattacken mögen sehr dramatisch sein und interessieren nach wie vor die Medien am meisten, das stille Leiden der viel größeren Zahl von Menschen mit einer generalisierten Angststörung oder einer sozialen Angststörung wird aber noch immer vernachlässigt – wie auch bei Ihren Fragen deutlich wird. Bei grundsätzlichem Interesse Ihrer LeserInnen haben Sie also nochmals die Gelegenheit, mich zu fragen, wie es diesen armen Teufeln geht, die häufig wegen einer generalisierten Angststörung eine Depression oder wegen einer Sozialphobie eine Alkoholabhängigkeit entwickeln.
Wienweb: Vielen Dank für das Gespräch!
Viele Selbsthilfe-Infos über www.panikattacken.at
Bücher:
Morschitzky, H. (2002): Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe (2., überarbeitete und erweiterte Auflage), Wien: Springer. 650 Seiten, € 59,80.
Morschitzky, H. (2004). Die zehn Gesichter der Angst. Ein Selbsthilfe-Programm in 7 Schritten (3. Auflage). Düsseldorf: Walter Verlag. 237 S, € 15,40.
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Thema: Somatoforme Störungen - Das Interview mit Dr. Hans Morschitzky (2001) |
aus: http://www.astrid-krueger-medizin.de/schwerpunkte/texte/somatoform-interview.htm
Herr Dr. Morschitzky ist Autor des Buches "Somatoforme Störungen", das im Jahr 2000 im Springer Verlag, Wien, erschienen ist.
Dr. Morschitzky ist klinischer Psychologe sowie Psychotherapeut mit Ausbildung in Verhaltenstherapie und systemischer Familientherapie. Seit 1983 arbeitet er in der oberösterreichischen Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, sowie seit 1986 auch in freier Praxis.
Seine Behandlungsschwerpunkte sind Angststörungen, Zwangsstörungen und somatoforme Störungen. Daneben versucht er als klinischer Praktiker in einer Art Wissenschaftsjournalismus den Stand des Wissens zu bestimmten Themenbereichen in Buchform zusammenzufassen. In diesem Sinn hat er bislang drei Bücher geschrieben und veröffentlicht zum Thema Angststörungen, Ängste von Jugendlichen sowie über somatoforme Störungen.
Welches sind die wichtigsten Erkrankungen, die man unter dem Begriff der "somatoformen Störungen" zusammenfasst?
Somatoforme Störungen sind körperliche Störungen, die nicht oder nicht ausreichend durch organische Ursachen erklärbar sind. Sie sehen aus wie körperliche Krankheiten, sind es aber nicht.
Nach dem ICD-10, dem neuen internationalen Diagnoseschema, das in Deutschland seit 2000 und in Österreich seit 2001 verbindlich ist, unterscheidet man sechs Formen von somatoformen Störungen.
Die Somatisierungsstörung ist charakterisiert durch mindestens zwei Jahre andauernde multiple und wechselnde körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen. Die körperliche Überbesorgtheit führt zu zahlreichen Arztkontakten, die Betroffenen können die Versicherung der medizinischen Unbedenklichkeit der Symptome jedoch nur kurz oder überhaupt nicht glauben. Insgesamt müssen sechs von 14 Symptomen aus zwei von vier verschiedenen Organbereichen vorhanden sein.
Die undifferenzierte Somatisierungsstörung ist eine unvollständige Somatisierungsstörung mit weniger strengen Kriterien.
Die somatoforme autonome Funktionsstörung bezeichnet eine nicht organische vegetative Erregung in mindestens einem oder mehreren (meistens zwei) der folgenden Organbereiche: Herz-Kreislaufsystem, oberer Verdauungstrakt, unterer Verdauungstrakt, Atmungssystem, urogenitales System, sonstige Organe oder Organsysteme. Insgesamt müssen mindestens drei von 12 definierten Symptomen vorhanden sein. Die Betroffenen sind - im Gegensatz zu Patienten mit einer Somatisierungsstörung - auf die vermeintliche Störung eines einzelnen Organs oder Organsystems fixiert. Eine bestimmte Zeitdauer der Störung ist nicht erforderlich.
Die hypochondrische Störung, die anstelle dieser etwas abfälligen Bezeichnung besser Gesundheitsangststörung heißen sollte, besteht aus einer mindestens sechs Monate anhaltenden Überzeugung, an einer schweren körperlichen Krankheit zu leiden. Zu diesem Störungsbereich wird auch die so genannte Dysmorphophobie gezählt, die als schwer korrigierbare Angst, körperlich entstellt zu sein, definiert wird.
Die somatoforme Schmerzstörung umfasst alle mindestens sechs Monate an den meisten Tagen anhaltenden, schweren und belastenden Schmerzen ohne ausreichende organische Ursachen. Die Schmerzen stehen ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Betroffenen.
Die sonstigen somatoformen Störungen sind als Restkategorie von nicht organisch bedingten Störungen des vegetativen Nervensystems anzusehen.
Nach dem amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-IV zählen zu den somatoformen Störungen auch die so genannten Konversionsstörungen, d.h. die dissoziativen Störungen mit Körpersymptomen, die wie neurologische Störungen aussehen. Diese Auffälligkeiten wurden früher als "hysterische Symptome" bezeichnet. Es handelt sich dabei um nicht organische Krampfanfälle, Sensibilitätsstörungen und Bewegungsstörungen.
Welche Symptome lassen bei einem Patienten darauf schließen, dass die Beschwerden, über die er klagt, im diesem Bereich anzusiedeln sind?
Alle möglichen Körperbeschwerden können als "somatoform" bezeichnet werden, wenn sie nach ausführlicher medizinischer Durchuntersuchung keine ausreichende organische Grundlage aufweisen.
Es handelt sich vor allem um vegetative Störungen und Schmerzzustände, z.B. Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Schmerzen in den Armen und/oder Beinen, Brustschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schluckbeschwerden ("Kloßgefühl"), Druckgefühl im Bauch, Völlegefühle, Durchfall, häufiger Stuhlgang, häufiges Wasserlassen, Druckgefühl in der Herzgegend, Herzklopfen oder Herzrasen, Schweißausbrüche, Hitzewallungen oder Erröten, Atemnot, Hyperventilation, rasche Ermüdung bei nur leichter Anstrengung.
Wie häufig sind "somatoforme Störungen"?
Bis zu 13 Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einem behandlungsbedürftigen somatoformen Syndrom. Der Anteil somatoformer Störungen beträgt in Allgemeinarztpraxen bis zu 35 Prozent, in Allgemeinkrankenhäusern bis zu 30 Prozent. Jeder vierte Patient geht zum Arzt mit körperlichen Beschwerden, die keine oder keine hinreichende organische Ursache haben.
Worin besteht die besondere Schwierigkeit dieses Beschwerdebild zu diagnostizieren?
Oft ist die Abgrenzung gegenüber organischen Störungen gar nicht so einfach, weshalb eine gründliche Durchuntersuchung unbedingt erforderlich ist. Nicht selten bestehen leicht abnorme körperliche Zustände, die jedoch das ganze Beschwerdebild nicht ausreichend erklären können.
Viele Menschen erleben im Laufe ihres Lebens nicht organisch bedingte Körperbeschwerden, leiden jedoch nicht übermäßig darunter. Patienten mit einer somatoformen Störung sind derart eingeengt auf die Beschwerden und fixiert auf organische Ursachen, dass die berufliche oder soziale Funktionsfähigkeit eingeschränkt ist.
Das Hauptproblem ist nicht das Auftreten von körperlichen Beschwerden an sich, sondern ihre Bewertung als gefährlich, was Anlass für ständige Sorgen über den Gesundheitszustand gibt.
Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad der Panikattacken erleben sich viele Menschen oft als reine Panikpatienten. Häufig waren schon längst vor einer Panikattacke massive somatoforme Symptome (z.B. nicht organischer Schwindel oder verschiedene Schmerzzustände) vorhanden oder traten als Folge der bewältigten Panikstörung als anhaltend belastende Körpermissempfindungen auf.
Welche Faktoren begünstigen die Entstehung solcher Erkrankungen?
Die Ausprägung somatoformer Störungen wird durch biologische, psychologische und soziale Faktoren begünstigt: genetisch-konstitutionelle Aspekte, z.B. erhöhte Schmerzempfindlichkeit, psychoneuroimmunologische Faktoren, z.B. vermehrte Stresshormonausschüttung in Belastungssituationen, mangelnde Wahrnehmung des inneren Gefühlszustandes, ständige ängstliche Überaufmerksamkeit auf die momentanen Körperempfindungen, Bewertung der relativ harmlosen Symptome als gefährlich, übertriebener Gesundheitsbegriff, psychosoziale Belastungsfaktoren, Häufung von Krankheiten der eigenen Person oder von Familienmitgliedern in der Lebensgeschichte der Betroffenen, Modelllernen, d.h. wie die soziale Umwelt mit Körpersymptomen und Krankheiten umgeht, Traumatisierungen verschiedener Art (z.B. sexueller Missbrauch), ständige organische Durchuntersuchungen, reizarme Umwelt, d.h. mangelnde Stimulierung durch attraktive Lebensbedingungen.
Wie verläuft die Therapie somatoformer Störungen sowohl psychotherapeutisch als gegebenenfalls auch medikamentös?
Nach einer genauen Diagnostik und einer umfassenden Analyse der Bedingungen, die die somatoformen Symptome ausgelöst haben und gegenwärtig aufrecht erhalten, wird den Betroffenen im Rahmen einer Informationsphase zuerst einmal ein hilfreiches Körper-Seele-Modell vermittelt, das heute als bio-psychosoziales Erklärungsmodell bekannt ist. Danach erfolgt eine kognitive und eine körperbezogene Therapie.
Die kognitive Therapie umfasst die Veränderung der Kausalattributionen, d.h. wie sich die Betroffenen die Entstehung ihrer Symptome erklären, die Entwicklung eines realistischen Gesundheitsbegriffs, die Reduzierung des Bedürfnisses nach Rückversicherung und der ständigen Kontrollverhaltensweisen sowie die Bearbeitung hypochondrischer Ängste.
Die Körpertherapie beruht auf Körperwahrnehmungsübungen, Entspannungstherapie (z.B. autogenes Training, Imaginationstechniken, Atemtherapie, Biofeedbacktherapie) und körperlichen Aktivierungsübungen.
Längerfristig wirksame Therapiemaßnahmen beziehen sich auf das, was die Betroffenen zusätzlich noch brauchen, z.B. ein Stressbewältigungstraining, ein Emotionstraining, ein Genusstraining, ein soziales Kompetenztraining, ein Kommunikationstraining, eine Partner- oder Familientherapie, eine Hilfestellung zur Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität oder der beruflichen Situation sowie Strategien zur Rückfallsvorbeugung.
Für die medikamentöse Behandlung somatoformer Störungen stehen bislang keine spezifischen Medikamente zur Verfügung. Bestimmte neuere Antidepressiva haben sich als hilfreich erwiesen, auch wenn die Betroffenen nicht depressiv sind.
Bei somatoformen Schmerzstörungen werden verschiedene Schmerzmittel verabreicht.
Der Patient, der unter einer somatoformen Störung leidet, kann eigentlich froh und zufrieden sein, dass es sich bei seinen Beschwerden nicht um eine schwerwiegende körperliche Erkrankung handelt. Trotzdem ist oftmals schwer zu erkennen, dass die Symptome einem psychischen Problem entspringen, gerade und besonders auch bezüglich der Reaktionen im Umfeld des Betroffenen.
Wo besteht hier noch Aufklärungsbedarf?
Den Betroffenen muss man sagen: Weil Ihre körperlichen Symptome nicht oder nicht ausreichend organisch erklärbar sind, deshalb bilden Sie sich die Symptome nicht ein, sondern Sie haben sie wirklich, deshalb sind sie nicht unbelehrbar, sondern einfach noch nicht richtig informiert worden, wie Körper und Seele zusammenhängen, deshalb sind Sie nicht psychisch schwer gestört oder gar "nervenkrank", sondern erleben im und am Körper nur die Ihnen meist ohnehin bekannten psychosozialen Belastungen, mit denen Sie halt nicht ausreichend zurecht kommen.
Den Ärzten und den gesundheitspolitisch Verantwortlichen muss man sagen: Menschen mit somatoformen Störungen werden durch noch so viele apparative Durchuntersuchungen allein nicht geheilt.
Die Betroffenen brauchen auch viele Gespräche, in denen sie Verständnis für ihre Symptome, Aufklärung über die Körper-Seele-Zusammenhänge und konkrete Hilfestellungen im Umgang mit den körperlichen Beschwerden bekommen.
Danke.
(c) Astrid Krüger