Dr. Hans Morschitzky

Klinischer Psychologe, Psychotherapeut

Verhaltenstherapie, Systemische Familientherapie

A - 4020 Linz,  Hauptplatz 17,    Tel. / FAX   0043  (0)732  77 86 01

Homepage:  www.panikattacken.at      E-Mail:  hans.morschitzky@aon.at 

Ein Tipp für Buchbestellungen: www.amazon.de

 

 

 

KICKI:  Agoraphobie - Was dahinter steckt

 

 

Vorbemerkung

Die Korrespondenz mit Kicki (Pseudonym) auf der Angst- und Panik-Selbsthilfe-Homepage  www.panik-attacken.de (jetzt www.angstselbsthilfe.de) wurde im April 2001 im Forum
"Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen. Ein Internetbuch als Hilfe zur Selbsthilfe" begonnen und hat wesentlich zur Entwicklung dieses Forums beigetragen. Die Korrespondenz mit Kicki stellte die erste diesbezügliche, sehr umfassende kostenlose Online-Beratung dar.


Die Korrespondenz zur Thematik der Agoraphobie wurde im Oktober 2001 erfolgreich abgeschlossen. Eine Kurzfassung davon wurde als Buchartikel veröffentlicht, gratis zu lesen unter panikattacken.at/angst-lebenszyklus/angst-lebenszyklus.htm

Hier wird dokumentiert, dass es möglich ist (sogar mit einer Internet-Online-Beratung), eine Symptomatik wie eine Agoraphobie zu bewältigen, ohne alle Hintergründe und Ursachen zu kennen. Nach der Überwindung der Agoraphobie zeigen sich dann oft weitere Probleme, die man vorher oft nicht sehen wollte oder konnte, und die zu therapieren vor der Beseitigung der Symptome wenig gebracht hätte.

Dies war auch bei Kicki der Fall, doch nach übereinstimmendem Wunsch von Kicki und mir wird hier nichts öffentlich darüber berichtet, denn selbst im Internet und unter dem Schutz der Anonymität hat jeder ein Recht auf sein Privatleben, vor allem, wenn direkt oder indirekt auch andere Menschen davon betroffen sind.


Kicki 20.04.2001 - 12:13

Lieber Herr Morschitzky,

ich leide seit ca. 10 Jahren unter Agoraphobie. Das erste Mal wurde sie ausgelöst durch einen mehr oder weniger schweren Panikanfall in einem Kaufhaus. Zu der Zeit wollte ich mich gerade von meinem Freund trennen und bin trotzdem ihm zuliebe mit ihm zusammengezogen.

Mit Hilfe einer Verhaltenstherapie konnte ich mich Stück für Stück wieder aufbauen und lernte mit der Störung zu leben. Zwischendurch war ich sogar fast angstfrei. Nach 8 Jahren kam die Agoraphobie schleichend wieder zurück.

Einen richtigen Zusammenbruch erlitt ich nach einem starken Panikanfall. Ich hatte gerade nach dem Studium eine Stelle angetreten, bei der mir die Verantwortung noch sehr schwer fiel. Leider hatte ich am Anfang auch noch einen kleinen Konflikt mit einer Kollegin, der das ganze nicht vereinfachte. Ich machte zu der Zeit seit einem Jahr eine Gruppenanalyse, da ich wissen wollte, wo meine Panikattacken herkamen.

Bei meinem Rückfall rieten mir alle möglichen Leute, doch eine andere Therapie zu machen, da sie mir anscheinend nicht ausreichen würde. Ich entschloss mich aber weiterzumachen, und um die Stelle zu behalten, ein Medikament zu nehmen (Amitryptilin). Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Nebenwirkungen ging es mir langsam besser und ich konnte dieses Jahr (es war ein Jahresvertrag) beenden.

Ein paar Monate später starb meine Mutter. Trotz Angst vor einem erneuten Rückfall kam ich mit der Situation relativ gut klar. Sie war sehr krank gewesen und ich war froh für sie, dass sie nicht weiter leiden musste.

Genau ein Jahr später (vor 6 Monaten) kam dann ein erneuter Rückfall. Ich hatte gerade wieder eine neue Stelle angetreten. In dem Unternehmen fühlte ich mich anfangs sehr wohl, doch nach einer Woche schlichen sich wieder erneute Ängste ein, die dann in einen nächtlichen Panikanfall ausuferten. In dieser Nacht dachte ich, dass ich nie wieder arbeiten gehen könnte. Von da an begann ein neuer Kampf. Nur war diesmal alles anders. Ich hatte keine Motivation, alles wieder von vorne zu beginnen und hinzu kam, dass mir die Stelle plötzlich nicht mehr gefiel und ich nicht wusste, wofür ich kämpfen sollte.

Zur gleichen Zeit verunglückte meine Lieblingstante – die Schwester meines Vaters – bei einem schweren Autounfall und starb 2 Wochen später an den Folgen. Ich hatte noch nicht mal die Kraft zur Beerdigung zu gehen. Ich verkroch mich zu Hause und ließ mir wieder Amitryptilin verschreiben. Dies löste bei mir aber diesmal so starke Nebenwirkungen aus, dass ich einen extrem hohen Puls bekam und das Medikament wieder absetzen musste. In der Zwischenzeit verschrieb mir mein Hausarzt einen Betablocker gegen den hohen Puls. Durch den wurde ich aber müde und unkonzentriert und ich hatte das Gefühl in ein tiefes Loch zu fallen.

Nach 2 Monaten wurde mir dann die Stelle gekündigt. Von da an hieß es für mich meinen Selbsterhaltungstrieb aufrechtzuerhalten. Denn nichts war mehr wie vorher. Durch die beiden Todesfälle zerbrach die Familie, ich hatte kein Ziel mehr und Angst, dass ich nie wieder eine Stelle antreten kann, ohne Panikattacken zu bekommen.

Ich machte mir ein eigenes Programm, um wieder auf die Beine zu kommen. Doch dies strengte mich sehr an und wenn ich Fortschritte machte, konnte ich mich noch nicht mal freuen. Früher war ich stolz auf mich, wenn ich in angstbesetzte Situationen ging. Diesmal blieb diese Wirkung aus. Vielleicht aus Angst, dass es ja eh wieder zu einem Rückfall kommen könnte und ich dann wieder alles von neuem losgeht.

Nach 4 Monaten geriet ich in eine Sinn- und Lebenskrise. Ich zweifelte alles um mich rum an, sogar den Sinn des Lebens. Dies erschreckte mich so sehr, dass ich mich wieder entschloss ein Medikament zu nehmen. Da Amitryptilin für mich zu stark war, bekam ich Fluvoxamin. Darauf reagierte ich noch extremer. Ich hatte nachts das Gefühl, innerlich zu verbrennen und den Geschmack von Chemie im Mund, einen Blutdruck von 170/105 und tagsüber motorische Unruhe.

Mein Hausarzt glaubte mir diese Nebenwirkungen nicht und meinte, ich sei halt sehr empfindlich. Als es nach ein paar Tagen immer schlimmer wurde, ging ich wieder in die Praxis. Er konnte sich immer noch nicht vorstellen, dass das was ich beschreibe Nebenwirkungen von den Medikamenten sind und meinte, dass es eher etwas Seelisches sei, was da hoch käme. Da es kurz vor Ostern war, gab er mir noch den Tipp, dass ich, wenn ich es nicht mehr aushalten würde, immer noch in die Klinik könne. Das bestätigte meine größte Angst, dass ich jetzt wirklich krank sei und dass ich vielleicht durchdrehen könnte und mir was antun könnte. Ohne Absprache mit dem Arzt entschloss ich mich darauf, das Medikament doch abzusetzen. Gute Freunde unterstützten mich dabei.

Als es mir aber nach 4 Tagen immer noch nicht besser ging, suchte ich eine weitere Ärztin auf, die mir dann endlich die Nebenwirkungen, die ich hatte, bestätigte. Sie konnte mich beruhigen und sagte mir, dass das Medikament leider erst nach einer Woche den Körper verlassen würde. Damit hatte sie recht. Langsam ging es mir besser. Jetzt stehe ich wieder am Punkt Null und suche nach einem Anker, um dann die Ruhe zu haben, neue Schritte zu gehen.

Von meinen Freunden und Bekannten werden die Rufe nach einem Therapiewechsel wieder laut. Mir ist zwar mittlerweile auch klar, dass die Gruppenanalyse mir in dieser Krisensituation nicht ausreicht, aber ich möchte einen laufenden Prozess nicht gerne unterbrechen. Mir ist es zur Zeit einfach wichtig, an dem festzuhalten, was ich habe, um einen Anker zu haben. Trotzdem habe ich mir überlegt, zusätzlich eine kognitive Verhaltenstherapie zu machen, da ich alleine mit meinem Selbsthilfeprogramm nicht voran komme.

Durch die Arbeitslosigkeit bin ich noch mehr ans Haus gekettet. Ich habe das Gefühl, nicht mehr am Leben teilnehmen zu können, verspüre aber immer noch zu starke Widerstände, einen neuen Job anzutreten.

Nun meine Frage: Ist es sinnvoll zwei Therapien parallel laufen zu lassen? Was kann ich tun, damit meine Motivation wieder zurück kommt? Wie gewinne ich wieder Stärke und Kraft, die Dinge anzugehen? Können sich Depressionen so manifestieren, dass aus normalem Frust und Trauer eine klinische Depression wird?

Vielen Dank im voraus

Kicki


Kicki 20.04.2001 - 12:33

Ich habe noch einen Nachtrag, der vielleicht sehr wichtig ist.

Seit ich verheiratet bin, war für meinen Mann und mich klar, dass wir Kinder haben möchten. Da wir beide noch unsere Ausbildung abschließen wollten, haben wir diesen Schritt auf später vertagt. Für mich war immer klar, dass ich zunächst eine feste Stelle haben möchte, in der ich mich eingearbeitet habe und ev. nach dem Erziehungsurlaub wieder zurück kann.

Die berufliche Verantwortung habe ich immer gleichgesetzt mit der Verantwortung, die ich für ein Kind tragen würde. Dadurch habe ich mich viel zu sehr kontrolliert und unter Druck gesetzt. Denn an der beruflichen Verantwortung scheiterte es dann immer und so begann ein Teufelskreis.

Zur Zeit habe ich die Frage nach Kindern erst einmal gestrichen, da ich nicht mehr einsehe, in diesem Teufelskreis weiterzumachen. Ich glaube, dass damit aber auch meine Sinn- und Lebenskrise zusammenhängt. Ein Konstrukt, das ich mir selbst auferlegt hatte, ist gescheitert und ein neues habe ich noch nicht gefunden.

Liegt hier vielleicht die Antwort für meine mangelnde Motivation der Genesung? Ich merke nämlich, ich bin gar nicht so richtig bereit, mich angstbesetzten Situationen auszusetzen. Am liebsten würde ich mich eine zeitlang vom Leben ausklinken. Doch dann habe ich Angst, dass ich immer tiefer rutsche und es später noch schwerer wird.

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu viel auf einmal. Doch mir war es einfach wichtig, dies noch hinzuzufügen.

Kicki

 

Hans Morschitzky 21.04.2001 - 0:00

Hallo Kicki!

Ohne mich zu kennen und zu wissen, wie ich reagieren werde, legen Sie in zwei Beiträgen gleich in sehr persönlicher Weise los.

Dies zeigt einerseits Ihre Not, andererseits den Vertrauensvorschuss, den Sie mir entgegen bringen.

Auf Ihren ausführlichen Beitrag möchte ich vorerst nur sehr kurz antworten:

Neben einer laufenden Therapie (Gruppenanalyse) sollten Sie nicht gleichzeitig eine andere Therapie (kognitive Verhaltenstherapie) machen.

Dies ist so, wie wenn Sie zur Panikbehandlung auf Dauer Tafil/Xanor/Xanax und gleichzeitig ein Antidepressivum wie Seropram, Seroxat oder Zoloft/Gladem/Tresleen nehmen würden. Wem vertrauen Sie dann wirklich?

Es ist nicht immer besser, mehr zu machen, sondern dem, was man macht, mehr zu vertrauen!

Es ist paradox: Menschen mit einem Kontrollzwang werden mit jeder Kontrolle immer unsicherer.

Warum dies so ist? Wenn man durch einen Kontrollzwang die eben erst erfolgte Kontrolle wieder in Frage stellt, lernt man sich selbst bald immer weniger vertrauen.

Ich mache Ihnen das Angebot einer Online-Beratung unter dem Titel "Chronische Agoraphobie - warum die Konfrontationstherapie oft nicht wirkt"

Die Beratung würde auf den Grundsätzen der kognitiven Verhaltenstherapie beruhen. Was Sie dann noch an Therapie machen wollen, bleibt Ihnen überlassen.

Wir würden die Korrespondenz im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe so lange fortsetzen, bis Sie das Gefühl haben, dass Sie zumindest einen kleinen Schritt weiter gekommen sind.

Als einzige Bedingung bitte ich Sie, dass ich die Korrespondenz im Sinne des obigen Arbeitstitels verwenden darf und dass Sie mir nie - was auch immer kommen mag - an mein privates E-Mail schreiben, damit die Leser den gesamten Prozess mitbekommen.

Für den Fall der Zustimmung möchte ich Sie bitten, sich so kurz vorzustellen, dass Ihre Anonymität gewahrt bleibt.

Bei Zustimmung folgt eine ausführlichere Antwort zu Ihren Beiträgen.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky


 

Kicki 21.04.2001 - 16:32

Lieber Herr Morschitzky,

danke für Ihre Antwort. Es bestätigt meine Einstellung, dass man erst einmal bei dem bleiben soll, was man hat. Mein Gefühl sagt mir auch, dass ich mehr Geduld aufbringen muss.

Ihr Angebot der Online-Beratung möchte ich gerne annehmen, wobei ich für mich aufpassen muss, dass ich meine Grenzen nicht überschreite. Denn wie Sie schon festgestellt haben, bin ich sehr offen und damit auch leicht verführbar, mehr von mir zu zeigen, als mir recht ist.

Auch gefällt mir der Arbeitstitel noch nicht so gut. Denn im Grunde glaube ich schon an die Konfrontationstherapie, mehr als an Medikamente. Denn hier weiß ich, dass ich die Dinge in der Hand habe und meine Entscheidungen treffe, wann und wo ich mich in Situationen begebe, die mir Angst bereiten.

Ich würde es eher unter dem Aspekt betrachten, warum die Konfrontationstherapie nicht vor Rückfällen schützt bzw. die Ursachen der Agoraphobie nicht heilen kann. Mir hat sie bisher immer geholfen, wieder ins Leben zurückzufinden. Sie zeigt schnellere Wirkung als die Psychoanalyse. Diese hatte ich begonnen, als es mir gut ging, um herauszufinden, warum ich die Ängste habe.

Was die Angabe meiner Daten betrifft, ist mir noch nicht ganz klar, welche Daten für Sie interessant sein könnten.

Ich bin 35 Jahre, weiblich und verheiratet. Für weitere Informationen, würde ich Sie um genaue Fragen bitten.

Bis bald

Kicki

 

Hans Morschitzky 21.04.2001 - 17:19

Hallo Kicki!

Besten Dank für Ihre Antwort und Ihre Bereitschaft zu einer Muster-Online-Beratung.

Der vorgeschlagene Arbeitstitel "Chronische Agoraphobie - warum die Konfrontationstherapie oft nicht wirkt" war etwas unglücklich formuliert.

Gefällt Ihnen folgender Titel: "Agoraphobie - was steht dahinter"?

Als Verhaltenstherapeut glaube ich nicht, dass man eine Psychoanalyse machen muss, um die Ursachen einer Agoraphobie zu ergründen. Ich halte dies für einen wesentlichen Bestandteil einer Verhaltenstherapie (genannt "Verhaltensanalyse").

Ich glaube jedoch sehr wohl daran, dass einem auch eine Psychoanalyse und bei Ängsten vor allem auch eine Gruppenpsychoanalyse helfen kann.

Es gibt in einigen deutschen Kliniken Beispiele für eine erfolgreiche Kombination von Konfrontationstherapie und Psychoanalyse, was ich in meinem Buch "Angststörungen" durch folgenden Abschnitt dargestellt habe:


Eine monate- oder gar jahrelange Psychoanalyse bei Angstpatienten ohne Reduktion des phobischen Vermeidungsverhaltens wird auch von anerkannten Psychoanalytikern als problematisch angesehen. Zur raschen Symptomreduktion werden im Rahmen einer Psychoanalyse zunehmend verhaltenstherapeutische Behandlungsmethoden eingesetzt.

Bassler und Hoffmann integrieren die Konfrontationstherapie in ein psychoanalytisch orientiertes stationäres Gesamtkonzept:

"Wir sind davon überzeugt, dass für eine erfolgreiche psychoanalytische (stationäre) Behandlung von Angsterkrankungen angstexponierende Therapieelemente unabdingbar sind (Freud empfahl bereits 1919 eine solche Vorgehensweise bei der Psychoanalyse von Phobien)."

Dies schaut in der integrativ, primär psychoanalytisch ausgerichteten psychosomatischen Fachklinik in Mainz folgendermaßen aus:

"Speziell für Angstpatienten haben wir seit 1992 ein Angstkonfrontationstraining eingeführt, das abgestimmt auf den einzelnen Patienten die aktive Auseinandersetzung mit der angstauslösenden Situation bzw. Stimulus intendiert. Dabei wird mit dem Patienten intensiv in Einzel- und Gruppengesprächen über seine dabei gemachten Erfahrungen, Eindrücke bzw. Phantasien gesprochen. Insgesamt bleibt also die Grundorientierung am Angstsymptom als Ausdruck bzw. Folge unbewusster Konflikte weiterhin ohne Einschränkungen erhalten, jedoch erscheint es uns unerlässlich, für Angstpatienten auch übende verhaltenstherapeutische Elemente in das Konzept von stationärer Psychotherapie zu integrieren."

Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten selbst eine zweijährige analytisch orientierte Selbsterfahrungsgruppe absolviert. Dies war zu einer Zeit, als ich noch überlegte, ob ich Psychoanalytiker oder Gruppenpsychoanalytiker werden sollte.

Dann ging ich jedoch andere Wege:

- zuerst Ausbildung in klientenzentrierter Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers, jedoch nicht abgeschlossen,

- dann Ausbildung in Systemischer Familientherapie,

- danach Ausbildung in Verhaltenstherapie (seit 1983 tätig in der Verhaltenstherapie-Abteilung des Psychologischen Dienstes in der Oberösterreichischen Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, Österreich).

Sie haben darauf hingewiesen, dass Sie sich vor zu großer Öffnung schützen möchten. Dies möchte ich auf jeden Fall respektieren.

Ich möchte Sie daher bitten, dass wir auf dem Hintergrund Ihrer beiden Beiträge noch einmal von vorne beginnen, und zwar durch folgende Fragen, um deren Beantwortung ich Sie ersuche.

1. Was glauben Sie selbst, warum dieselben Techniken einer erfolgreichen Angstbewältigung durch Konfrontationstherapie früher gewirkt haben und jetzt auf einmal nicht mehr, obwohl Sie doch wissen, wie es geht?

2. Wann hätte eine kürzere Online-Beratung mit mir Sinn gehabt, sodass wir sie beenden können?

3. Was wäre, wenn Sie morgen in der Früh aufwachen und keine Agoraphobie mehr hätten?

Ihre Agoraphobie drückt ja, wie Sie selbst schreiben, letztlich nichts anderes aus als einen momentanen Pattzustand, wahrscheinlich in einer Phase des Übergangs im Rahmen des Lebenszyklus.

Ich schreibe derzeit gerade einen Artikel für ein Viel-Autoren-Buch, das in Wien erscheinen wird:

Bindungen - Brüche - Übergänge, herausgegeben von Klaus Rückert und Gerda Klammer.
Mein Artikel heißt: "Die Entwicklung krankhafter Ängste im Rahmen normaler angstmachender Übergänge in neue Lebensabschnitte".

Falls Ihnen das Ganze neben einer Gruppenpsychoanalyse doch zu viel werden sollte, dann können Sie von meinem Angebot gerne zurücktreten, denn dann freut sich der Nächste, für den ich mir Zeit nehme.

Ich war im ersten Moment nur beeindruckt von Ihrer großen Bereitschaft sich zu outen, weshalb ich mir gedacht hatte, Sie könnten doch mehr Hilfestellung wünschen als nur eine Antwort auf die Frage, ob man zwei Psychotherapien nebeneinander machen kann bzw. soll.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

Kicki 22.04.2001 - 0:23

Lieber Herr Morschitzky,

zunächst einmal möchte ich Ihnen für Ihre Antwort danken.

Ich glaube ihr Artikel "Die Entwicklung krankhafter Ängste im Rahmen normaler angstmachender Übergänge in neue Lebensabschnitte" trifft mein momentanes Problem. Wobei ich schon bei der Beantwortung Ihrer ersten Frage bin.

Da mir schon mehrmals die Techniken der Konfrontationstherapie geholfen haben, nach meinem letzten schweren und früheren kleineren Rückfällen auf die Beine zu kommen, hat es mich diesmal irritiert, dass die Wirkung nur in bestimmten Fällen einsetzt, bzw. neu erworbene Fähigkeiten nicht lange von Dauer sind. D.h. ich kann zwar wieder in näherer Umgebung einkaufen gehen, entwickle aber immer wieder eine Erwartungsangst, dass ich es nicht durchstehen könnte. Dabei habe ich mehr Angst davor, dass ich vor der Kasse abhauen würde, als dass ich eine Panikattacke bekommen könnte.

Ähnlich geht es mir, wenn ich mich mit Freunden in einer Kneipe zum Kartenspielen treffe. Ich habe viel mehr Angst davor, dass ich das Spiel nicht bis zum Ende spielen möchte oder aggressiv werde, als vor der Menge der Menschen.

Ich glaube, das Hauptproblem, dass die Konfrontation nicht die frühere Wirkung zeigt, ist, dass ich mitlerweile "zu viel" über die Panikattacken und deren Bekämpfung weiß. Ich habe viel über das Thema gelesen und zum Teil verinnerlicht und weiß aus Erfahrung, dass es irgendwann wieder vorbei geht.

Ich denke, diesmal kommen vielleicht die wahren Gründe für meine Agoraphobie zum Tragen: Meine Angst vor Gefühlen oder Gefühlsausbrüchen, die andere stören oder schädigen könnten bzw. die mich schädigen könnten; Angst vor Gedanken oder Erkenntnissen, die ich mich nicht wagen möchte weiterzudenken.

Angst vor Entscheidungen, die mein Leben entscheidend ändern könnten.
Angst vor einem neuen Lebensabschnitt, der mir zur Zeit nicht passt, weil ich die Ereignisse der letzten beiden Jahren noch nicht verarbeitet habe.

Nun zu Ihrer zweiten Frage. Die habe ich leider nicht verstanden. Vielleicht formulieren Sie sie einfach noch mal um.

Zur dritten Frage möchte ich Ihnen eine kurze Episode erzählen, die ich vor kurzem erlebt habe.

Ich fuhr mit meinem Mann zu einer Party und merkte auf dem Weg dort hin, dass ich auf einmal gar keine Angst mehr hatte. Auf der Party fühlte ich mich zunächst sehr wohl, da ich mich freute, mich mal wieder ungezwungen mit meinen Freunden unterhalten zu können. Doch plötzlich wendete sich das Blatt. Ich beobachtete meine Freunde, die irgendwie angespannt und genervt wirkten. Sie hatten alles erreicht, von dem ich bis dahin träumte: Berufseinstieg und Kinder.

Mit Blick auf die genervten Gesichter stellte ich plötzlich alles in Frage. Warum quälen sich Menschen für Job und Kinder, was hat das alle für einen Sinn? Da ich damit meine wichtigsten Ziele anzweifelte, zweifelte ich auf einmal den Sinn des ganzen Lebens an.

Das hat mich so erschrocken, dass ich auf einmal ganz traurig wurde und schnellstmöglich nach Hause wollte.

Ich denke, für viele Menschen sind solche Situationen und Gedanken völlig normal und gehören zur Entwicklung des Menschen (solange sie nicht täglich sind natürlich). Ich habe mir diese Gedanken verwehrt, weil ich mich für undankbar gehalten habe. Das Schicksal hat mir zwar in den letzen Jahren des Öfteren einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber auch sehr schöne Dinge und viele liebe Menschen beschert.

An dem Sinn des Lebens zu zweifeln hat mich total verwirrt und ich bekam Angst, nun ganz durchzudrehen und den Verstand zu verlieren. Dies hatte sich ja durch die Einnahme der Medikamente, was ich im ersten Bericht geschrieben hatte noch verstärkt.

Die Angst durchzudrehen trage ich immer noch ein Stück in mir drin, auch wenn ich zum Glück langsam begreife, dass es zur Zeit meine Aufgabe ist, speziell meinem Leben wieder einen Sinn zu geben und dass dafür Veränderungen anstehen. Insofern weiß ich - glaube ich - wenn ich morgen früh aufstehen würde und keine Agoraphobie mehr hätte, ich mich mit anderen Dingen im Leben beschäftigen müsste, als mit den täglichen Übungen, die Angst vor der Angst zu verlieren.

In diesem Sinne

Bis bald

Kicki
 

 

Hans Morschitzky 22.04.2001 - 13:03

Liebe Kicki!

Besten Dank für Ihren ausführlichen Beitrag, der mir zeigt, dass Sie eine Musterschülerin für eine Online-Beratung ist. Als ich Ihnen das Angebot spontan nach Ihrer ersten Kontaktaufnahme gemacht hatte, war ich mir nicht ganz sicher, ob ich Ihnen nach einer an sich erfolgreichen Verhaltenstherapie und einer laufenden Gruppenpsychoanalyse noch etwas wirklich Substanzielles zu bieten haben werde.

Ihr vorletzter und Ihr letzter Beitrag weisen jedoch bereits auf die zentralen Punkte Ihrer Problematik hin. Sie wissen bereits "alles" über Agoraphobie und Panikattacken an sich und auch über die bei Ihnen gegebenen Hintergründe.

Es ist sehr menschlich, dass Sie kurzfristig dennoch nicht allein weiter gekommen sind.

Warum? Weil Sie ein Problem haben, das man nach Sigmund Freund mit den Begriffen "Konflikt" oder "Ambivalenz" umschreiben kann. Hier könnte die Verhaltenstherapie bei Angst- und Panikstörungen endlich einmal etwas von der Psychoanalyse lernen und tiefer gehen, als nur die Symptome zu beseitigen.

Aber Sie können mir glauben: von vielen Verhaltenstherapeuten wird dies auch so gesehen, wie ich dies darstelle. Denn mit einer anderen Begrifflichkeit ist das Konfliktmodell auch längst in der Verhaltenstherapie salonfähig geworden, jedenfalls in der kognitiven Verhaltenstherapie, und diese sollte Bestandteil jeder guten Verhaltenstherapie sein.

Durchaus in verhaltenstherapeutischer Terminologie formuliert (z.B. Plananalyse nach Caspar mit Über- und Unterplänen), haben Sie einen klassischen Zielkonflikt, wo es Ihnen bislang noch nicht gelungen ist, verschiedene Bestrebungen in eine solche Über- und Unterordnung zu bringen, sodass Sie wissen, was Sie als nächstes tun sollten. Und der plötzliche Rückfall in die Agoraphobie schafft eine Pattsituation, den Sie mit derselben Konfrontationstherapie wie früher nicht bewältigen können.

Ich glaube, ich habe schon mehrere Hundert Frauen mit Agoraphobie und Panikattacken in Therapie gehabt, wo es um folgende zentrale Konflikte ging (Auflistung ganz nach freiem Einfall ohne Systematik):

1. Ich bin sehr unglücklich in der Beziehung, kann meinen Partner aber dennoch nicht verlassen (Meine ständige Zusatzfrage: Wegen der plötzlichen Agoraphobie, die Sie daran hindert? Weil Sie ihn jetzt schlicht und einfach brauchen oder weil Sie ihn doch noch lieben?).

2. Wie verbinde ich den Plan einer Familie mit dem Plan einer weiteren Berufstätigkeit?

2. Wann genau ist der richtige Zeitpunkt, dass ich ein Kind bekomme, sodass ich leider zumindest kurzfristig aus jenem Beruf aussteigen muss, der mir gerade so sehr taugt?

3. Ist der jetzige Partner auch der richtige Partner, mit dem ich ein Kind haben möchte?

4. Ich möchte den jetzigen Partner nicht verlassen, auch wenn er überhaupt kein Kind haben möchte, aber ich möchte unbedingt ein Kind und bin schon 36 Jahre – wie soll das gehen?

5. Ich liebe meine zwei Kinder über alles, aber ich kann mir nicht vorstellen, für immer zu Hause zu bleiben, obwohl sich dies mein Mann so vorstellt, ich bin also einerseits gerne zu Hause als Mutter und andererseits doch frustriert zu Hause und bekomme schon alle möglichen Symptome.

6. Ich halte das Zusammenleben mit den Schwiegereltern (zumeist mit der Schwiegermutter) nicht mehr aus, sodass ich am liebsten ausziehen würde (zusammen mit eventuell vorhandenen Kindern), aber mein Mann hat gesagt, er wird auf keinen Fall aus seinem Elternhaus ausziehen, das er erben wird.

7. Ich habe einen anderen Partner kennen gelernt, der viel netter ist als mein langjähriger Partner, wegen meiner plötzlichen Angstzustände weiß ich aber jetzt nicht, was ich tun soll.

8. Wie kann ich eine gute Mutter sein und gleichzeitig doch auch gut im Beruf sein? aber neben meinen Kindern kann ich mich beruflich doch nicht so engagieren, wie ich dies selbst und wie die anderen dies bei meiner beruflichen Position erwarten, die ich habe bzw. die ich demnächst bekommen könnte.

9. Ich habe Angst davor einmal keine Angst mehr zu haben, denn ich weiß nicht, ob ich mich dann nicht von meinem Partner trennen würde, weil ich dann ja allein leben könnte (oder selbstbewusst wäre zu glauben, dass ich für einen anderen Mann liebenswert genug bin).

10. Wenn ich jetzt mit 33 Jahren nach einem Stellenwechsel eine neue Tätigkeit annehme, weiß ich, dass ich dann mindestens fünf Jahre im Beruf bleiben sollte, doch in der Zwischenzeit hätte ich schon auch gerne mein erstes Kind, denn ich möchte mein erstes Kind nicht zu spät bekommen.

11. Ich möchte gerne einmal Familie und Beruf verbinden, ich möchte dies aber besser machen als meine Mutter, die mich in der Kindheit durch ihre Berufstätigkeit extrem vernachlässigt hat, was ich ihr auch jetzt noch immer nicht verzeihen kann. Wie kann ich wissen, ob ich es wirklich besser machen werde?

12. Ich möchte neben Kindern berufstätig sein, habe zur Kinderbetreuung aber nur meine Mutter, der ich meine Kinder jedoch auf keinen Fall überlassen möchte, weil sie schon mich psychisch geschädigt hat. Aber wenn ich meine Kinder nicht doch meiner Mutter überlasse (die dadurch wieder Macht und Einfluss in unserer Familie gewinnt, wo ich sie vorher schon so erfolgreich ausgebremst habe), kann ich leider auch nicht in den Beruf eintreten, was mir aber schon sehr wichtig wäre.

13. Ich bin jetzt arbeitslos, könnte jedoch bestimmt irgendeinen Job bekommen, doch dies hätte möglicherweise Folgen, die ich auch wiederum nicht haben will (z.B. weil ich eigentlich ein Kind haben möchte; weil mein Partner bei einer Berufstätigkeit sauer wäre, denn er will jetzt eigentlich ein Kind haben, um mich vollständig an zu Hause zu binden, damit ich ihm nicht auskomme; weil ich noch eine Ausbildung machen müsste, um einen besseren Job zu bekommen, denn die angebotenen Tätigkeiten sind nicht das meine).

14. Ich möchte einen bestimmten Job unbedingt haben, doch dann müsste ich mich geografisch verändern, aber ich weiß nicht, ob mein Partner da mitmachen würde, sodass ich ihm zuliebe wohl darauf verzichten muss, obwohl dies mein Traumjob wäre.

15. Haben Mann und Frau in der Partnerschaft die gleichen Rechte und Pflichten oder muss selbst bei einem "aufgeklärten" Partner die Frau doch die größeren Opfer bringen (z.B. bezüglich Beruf, Wohnort, Kinder)?

16. Ich möchte gerne meine Berufstätigkeit fortsetzen, doch mein Kind hat immer größere Probleme (z.B. in der Schule), sodass ich eigentlich zu Hause bleiben sollte, aber ich will jetzt nach dem erfolgreichen Berufseinstieg vor zwei Jahren nicht wieder aufhören, aber ich leide darunter, dass ich mein Kind neben meiner Berufstätigkeit zu wenig fördern und unterstützen kann. Ich vernachlässige mein Kind jetzt so, wie ich meiner Mutter vorgeworfen habe, dass sie dies bei mir getan hat.

17. Ich möchte mit meinem Mann jetzt am liebsten gar keinen Sex haben, denn ich muss die Pille schlucken, um kein Kind zu bekommen, obwohl ich doch sofort eines haben möchte, aber er will (noch) kein Kind haben. Und wenn ich jetzt auch noch in einen Beruf einsteigen würde, dann hätte er "gewonnen", denn dann bekomme ich auch in de nächsten Jahren kein Kind, was ihm ganz recht wäre.

Ich könnte noch endlos fortfahren, doch welche Fragen würden Sie bis jetzt für Sie relevant finden?

Wenn nichts auf Sie zutreffen sollte, dann ersuche ich Sie, dass Sie so wie ich jetzt nach freiem Einfall sich Ambivalenzen – ganz normale Zwiespältigkeiten – vergegenwärtigen, die für Ihre momentane Lebenssituation charakteristisch sind.

Weiters erinnere ich Sie an folgende Aspekte bei einer Agoraphobie und einer Konfrontationstherapie.

Agoraphobie ist

- die Angst, "in der Falle" zu sitzen,
- keine Fluchtmöglichkeit zu haben, sodass man sich ausgeliefert fühlt (doch wem wirklich?),
- keinen autonomen Entscheidungsspielraum mehr zu haben.

Lässt sich diese Thematik wirklich immer mit einer Konfrontationstherapie bewältigen?

Kennen Sie meinen Artikel zu Agoraphobie aus meinem Buch „Angststörungen“:

panikattacken.at/platzangst/platz.htm

Ich möchte Sie jetzt mit den "Vorbemerkungen" zu meinem Beitrag "Konfrontationstherapie" auf meiner Homepage "konfrontieren":

panikattacken.at/konfrontationstherapie/konfron.htm

Die Konfrontationstherapie ist eine wichtige Methode zur Behandlung von Angststörungen, vor allem von Phobien, speziell von Agoraphobien mit und ohne Panikattacken. Die Frage ist nur, womit man sich als Angstpatient wirklich konfrontieren muss.

Es geht nicht wirklich um die Konfrontation mit großen, weiten Plätzen, engen Räumen, überfüllten Sälen, einsamen Wäldern, hohen Türmen oder Aufzügen, Menschenmassen, weiten Entfernungen usw.

Es geht vielmehr darum, sich zu konfrontieren mit
- den eigenen Gefühlen,
- den Zuständen von Hilflosigkeit,
- den unangenehmen Körpererlebnissen,
- den körperlichen und geistigen Kontrollverlustängsten,
- dem Ausgeliefertsein gegenüber anderen Menschen,
- der Verletzlichkeit durch einen Partner, wenn man sich auf ihn einlässt,
- der Angst nicht geliebt und verlassen zu werden,
- der Möglichkeit seinen ganzen Ruf und sein Sozialprestige verlieren zu können,
- den Fragen nach dem Sinn des Lebens,
- den Möglichkeiten eines zu frühen Todes,
- den Unwägbarkeiten des Lebens,
- den Unsicherheiten in der Familie und auf dem Arbeitsplatz,
- der Möglichkeit einer schweren Erkrankung (z.B. Krebs) oder körperlichen Behinderung,
- den Befürchtungen, seine Kinder nicht mehr bis zum Erwachsen-Werden begleiten zu können,
- den Befürchtungen, sein geplantes Leben nicht vollenden zu können,
- dem Risiko, dass alles schief gehen kann, wenn man mutig ist, etwas zu wagen,
- den Gedanken, was passiert, wenn sich nie etwas ändern würde.

Ich ermutige alle meine Patienten, sich den verschiedenen Situationen des Lebens und der sozialen Umwelt zu stellen. Die Konfrontation erfolgt dabei jedoch immer letztlich mit sich selbst. Vertrauen können gegenüber anderen Menschen und gegenüber der Umwelt beruht immer auf dem Umstand, dass man (wieder) auf sich selbst vertrauen kann.

In einer Verhaltenstherapie lernen Menschen mit Panikattacken, sich wieder selbst mehr vertrauen zu können durch bestimmte Übungen und körperbezogene Erfahrungen. Im Rahmen einer guten Therapiebeziehung lernen die Betroffenen sicherlich zuerst einmal vertrauen auf die Hilfestellungen eines verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapeuten, bis sie wieder das Vertrauen in sich gefunden haben.

Wer im Laufe der Psychotherapie nicht auf sich selbst vertrauen gelernt hat, wird immer nur vertrauen können auf Medikamente, pflanzliche Mittel, Bachblüten, Handy, Tabletten, Krankenhäuser, Ärzte, Psychotherapeuten, Verwandte, Bekannte usw.

Ich mache mit meinen Patienten keine stundenlangen Angstübungen in der Stadt - nicht mehr. Panikpatienten mit Agoraphobie haben früher ohnehin alles problemlos geschafft. Die Begleitung durch den Psychotherapeuten ist nicht wirklich eine Angstbewältigungsübung, sie ersetzt nur den ständig an der Seite weilenden Partner oder Freund.

Ich mache vielmehr Übungen in der Therapiestunde im Sinne eines mentalen Trainings. Es geht darum, mit den inneren Bildern, die jeden Augenblick zu äußeren Erlebnissen zu werden drohen, besser umgehen zu lernen.

Man muss es wieder mental und emotional durchleben lernen, was man in der Realität keinesfalls mehr erleben möchte und sich dennoch immer wieder im Sinne einer Angst vor der Angst dafür fürchtet.

Ich behandle meine Panikpatienten wie Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, d.h. wie Menschen mit unbewältigten Unfällen, Überfällen, Misshandlungen, Vergewaltigungen, Technik- oder Naturkatastrophen.

Ich gehe davon aus, dass die (zumeist erste) Panikattacke wie eine todesähnliche Erfahrung zu werten ist. Die traumatische Erfahrung von einer oder mehreren Panikattacken mit massivem Herzrasen, starkem Blutdruckanstieg, beängstigender Atemnot, heftigem Schwindel usw. ist wie ein Unfall, Überfall usw. unauslöschlich im Gedächtnis gespeichert, und zwar im so genannten Mandelkern (Amygdala) im Zwischenhirn. Man kann diese Erinnerungen nicht löschen wie bei einem Computer die Festplatte, sondern nur emotional und mental in die Gesamtpersönlichkeit integrieren.

Diese biologischen Gegebenheiten werden genau beschrieben auf meiner Homepage:

panikattacken.at/angst-biologie/angst-biologie.htm

Eine massierte Konfrontationstherapie, d.h. eine so genannte Reizüberflutung (Flooding) in der Realität, mache ich als Verhaltenstherapeut nicht (mehr).

Die Betroffenen erhalten vielmehr eine Anleitung, wie sie mit den sie überflutenden Erinnerungen, Fantasien und Befürchtungen besser umgehen können. Erst danach erfolgt eine gestufte Angstbehandlung in der Realität in dem Ausmaß, in dem sich die Betroffenen dies zutrauen. Dabei üben die Betroffenen allein, auch ohne therapeutische Begleitung, die letztlich wie ein Schutz wirkt und nur den Partner ersetzt.

Positives Denken ("Es kann doch nichts passieren, weil ich doch ganz gesund bin") hilft nicht wirklich weiter. Es ist nämlich schon etwas passiert - nämlich die Erfahrung absoluter Hilflosigkeit, völligen Ausgeliefertseins gegenüber den Panikattacken mit den bekannten körperlichen und kognitiven Symptomen.

Positiv denken kann in so einem Fall, wo man derartige Erinnerungen in seinem Gedächtnis unauslöschlich abgespeichert hat wie eine reale Todesbedrohung, nur bedeuten, dass man trotz des erlebten Horrors wieder so zu handeln lernt, dass man den Körper, die Gefühle und den Geist, das eigene Leben und die soziale Umwelt wieder steuern kann und sich nicht ständig gesteuert fühlt.

Ich verstehe diese langen Ausführungen als Hilfe zur Selbsthilfe für Sie und alle Leser und Leserinnen, an die ich natürlich auch gedacht habe, während ich Ihnen geschrieben habe (Ihr Problem haben sehr viele Frauen, wie mir als Mann aufgefallen ist).

Aus Ihrer Darstellung habe ich den Eindruck gewonnen, dass ich viele Patienten wie Sie in Therapie habe.

Frauen mit Agoraphobie sage ich gewöhnlich:

Der Grund Ihrer jetzigen Agoraphobie liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft.

In der Vergangenheit liegt nur der Anfang Ihrer Agoraphobie. Damals können andere Ursachen vorhanden gewesen sein.

Angst bezieht sich immer auf die Zukunft, nicht auf die Vergangenheit, dort hat sie nur begonnen!

In der Vergangenheit mag Ihre Agoraphobie vielleicht andere Ursachen gehabt haben, aber aus psychoanalytischer Sicht könnte es ebenfalls um etwas gegangen sein, was man in der Psychoanalyse einen "Konflikt" nennt und womit man sich auch in einer guten Verhaltenstherapie auseinandersetzen muss.

Meistens geht es bei einer Agoraphobie um die Konfliktdynamik

- Abhängigkeit und Unabhängigkeit
- Bindung und Freiheit
- Nähe und Distanz

Diese Konfliktdynamik habe ich auch in Ihrer Reaktion auf meine erste Antwort vermutet.
Sie haben zuerst sehr offen geschrieben, dann erklärt, Sie möchten sich doch nicht zu viel öffnen, weshalb ich Ihnen zu Ihrem Schutz die 2. Frage gestellt habe:

2. Wann hätte eine kürzere Online-Beratung mit mir Sinn gehabt, sodass wir sie beenden können?

In Ihrem letzten Brief waren Sie wiederum sehr offen, aber ich habe Ihr ursprüngliches Anliegen, sich etwas schützen zu können, noch immer nicht vergessen. Außerdem halte ich Sie für eine kompetente Frau, die die gegenwärtige Problematik bestimmt bewältigen wird.

Daher bleibt meine Frage aufrecht, halt anders formuliert:

Was genau erwarten Sie sich von mir in diesem öffentlichen Dialog? Wann können Sie sagen: Danke, das genügt!

Mir ist es wichtig, dies ungefähr zu wissen, damit wir nicht endlos miteinander kommunizieren, weil Ihnen vielleicht nur ein paar neue Sichtweisen und Impulse reichen. Doch welche könnten dies sein? Geht es dabei darum, Ihnen ganz konkret eine Hilfestellung zu bieten zur Thematik "Beruf und Kinderwunsch" – oder um was geht es Ihnen letztlich, weshalb Sie sich an mich gewandt haben?

Ich möchte Ihnen nicht mehr helfen, als Sie an Hilfe von mir brauchen, denn ich halte Sie für eine kompetente Frau mit einem ganz normalen menschlichen Konflikt und möchte Sie nicht kränker machen als Sie sind.

Mit besten Grüßen bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky

 

 

Hans Morschitzky 22.04.2001 - 13:15

Liebe Kicki!

Sie haben offensichtlich ein Studium absolviert (was haben Sie studiert?), daher möchte ich Ihnen nach meinem letzten Beitrag meine nicht ganz so leicht lesbare Zusammenfassung der Darstellung der Psychoanalyse bei Angststörungen schicken, wie ich sie in meinem Buch "Angststörung" unternommen habe. Dies soll auch ein Beitrag sein, die Gräben zwischen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie endlich zu überwinden.


Angst als Bedrohung des Ichs – Das Modell der Psychoanalyse

Sigmund Freud beschrieb drei Arten von Angst:

1. frei schwebende oder Erwartungsangst (Angstneurose),
2. Angstanfälle (Panikattacken, zur Angstneurose bzw. Hysterie gezählt),
3. phobische oder Situationsangst (Phobien).

In ihrer starken und akuten Form wurden Ängste als "traumatische Angst" und in ihrer milderen Erscheinung als "Signalangst" bezeichnet. Die Signalangst entspricht einer Realangst, die traumatische Angst einer neurotischen Angst.

Realangst ist eine auf eine äußere Gefahr gerichtete Angst, sie ist angemessen und dient dazu, durch Flucht oder Aggression äußere Gefahr zu beseitigen.

Neurotische Angst ist eine unangemessene, übertriebene und in keiner Weise zweckdienliche Angst. Angst stellt nach Freud das Grundproblem der Neurosen dar.

Freud entwickelte zwei Angsttheorien. Nach der ersten, biologischen Angsttheorie ist Angst die Folge der Blockierung von körperlicher Erregung oder Triebansprüchen, vor allem von sexuellen und aggressiven Impulsen. Die Stauung libidinöser Triebenergie setzt sich mangels adäquater körperlicher Abfuhr im psychischen Erleben als Angst um, wobei es zusätzlich zu körperlichen Begleiterscheinungen kommt. Angst wird als pathologische Manifestation von nicht abreagierter Triebenergie verstanden. Es handelt sich um eine biologisch orientierte Angsttheorie, die auf dem überholten physikalischen Triebmodell des 19. Jahrhunderts beruht. Angst und Aggression (z.B. Wut) bewirken nach heutiger Auffassung dieselbe sympathikotone Aktivierung, die mangels einer akuten äußeren Gefahr oft zu keiner adäquaten motorischen Aktivität führt.

Die zweite, psychologische Angsttheorie Freuds enthält gegenteilige Aussagen:

1. Angststätte ist nicht das Es (die Triebe), sondern das Ich. Das Ich ist der Ort, wo die Angst auftritt. Die Angst ist um so größer, je mehr sich das Ich bedroht fühlt. Die Fähigkeit zur sinnvollen Kontrolle der Angst ist ein Maß für die Ich-Reife.

2. Nicht die Verdrängung erzeugt Angst, sondern die Angst erzeugt Verdrängung. Triebimpulse führen zu Angst, wenn deren Regung durch äußere oder innere Verbote nicht akzeptiert werden kann. Angst als Signal setzt die Abwehrmechanismen der Verdrängung und Unterdrückung in Gang, um damit fertig zu werden. Beim reifen Abwehrmechanismus der Verdrängung ist völlige Angstfreiheit möglich, weil Affekt- und Vorstellungsanteil eines bedrohlichen Triebimpulses aus dem Bewusstsein ausgeschlossen werden. Wenn dies nicht gelingt, entstehen neurotische Ängste, die je nach Art der Abwehrmechanismen unterschiedlich geformt sind. Eine Agoraphobie wird von Freud z.B. als Angst vor sexuellen Impulsen interpretiert und als Unsicherheit, damit umzugehen. Durch die Agoraphobie erfolgt die Lösung des sexuellen Konflikts in dem Sinn, dass keine Versuchungssituation mehr möglich ist.

Man kann in der neueren Psychoanalyse neben dem ursprünglichen Modell (Angst als Triebstau) drei Modelle der Angstentstehung unterscheiden:

1. Angst als Folge eines Konflikts (Konfliktmodell),
2. Angst als Folge von Ich-Schwäche (Strukturschwächemodell),
3. Angst als Bindungsverlustangst (bindungstheoretisches Modell).


Angst als Folge eines Konflikts (Konfliktmodell)

Die zweite Angsttheorie Freuds kann nur auf dem Hintergrund seiner Vorstellungen zur Struktur des Psychischen verstanden werden. Demnach wird das Ich von zwei Seiten her bedrängt, nämlich von den Triebansprüchen (Es) und dem Gewissen (Über-Ich), wodurch Konflikte entstehen. Angst entwickelt sich auf dem Hintergrund eines Konflikts. Intrapsychische Konflikte sind als zentrale Ursache von Angst anzusehen.

Das psychoanalytische Neurosenkonzept ist ein Drei-Phasen-Modell: am Anfang steht ein unlösbarer psychischer Konflikt, dieser wird mit Hilfe bestimmter Abwehrmechanismen abgewehrt, das Verdrängte kehrt schließlich im Symptom wieder.

Der Konflikt beginnt mit einer „auslösenden Situation“, die zu einer Stimulation oder Frustration von Triebimpulsen führt. Diese Triebimpulse müssen vom Bewusstsein ferngehalten werden, weil sie entweder übermächtig und unkontrollierbar werden könnten (z.B. aggressive Impulse) oder weil sie verboten sind (z.B. sexuelle Impulse).

Die Angst bewirkt im Sinne einer Anpassungsfunktion ein regressives Ausweichen, was zugleich jedoch zur Wiederbelebung früherer Konfliktsituationen ähnlicher Ausprägung führt. Statt der angestrebten Konfliktentlastung wird die innere Konfliktspannung erhöht, was zusätzliche Abwehrbemühungen mobilisiert. Wenn auch diese versagen, wird die Gefährdung durch die einbrechenden Triebimpulse vom Ich bewusst erlebt, was einerseits zu Angst als Symptom führt, andererseits dem Ich als Signal für eine drohende Reizüberflutung dient. Dadurch schaukelt sich die Angstentwicklung immer mehr auf, bis sie in einen intensiven Angstanfall mündet (wenn nicht doch noch eine Flucht aus der Situation möglich ist).

Der Grundgedanke von Freuds zweiter Angsttheorie besteht darin, dass durch Angst als letztes Mittel eine traumatische Reizüberflutung des Ichs verhindert wird.

Ängste stehen in engem Zusammenhang mit spezifischen Konflikten im Rahmen der frühkindlichen Entwicklungsphasen. Die phasentypischen Ängste in der kindlichen Entwicklung sind als normal anzusehen und führen bei entsprechender Bewältigung zur reifen Ich-Entwicklung.

Entwicklungspsychologisch werden folgende Gruppen von Ängsten unterschieden:

1. Angst vor Verlust des Objekts oder Trennungsangst.
2. Angst vor Verlust der Liebe des Objekts.
3. Angst vor Strafe bei Verstoß gegen äußere Gebote und Verbote.
4. Über-Ich- oder Gewissensangst. Sobald die elterlichen Normen verinnerlicht und in ein eigenständiges Gewissen integriert sind, entsteht die Angst vor dem eigenen Gewissen. Bei überstrenger Gewissensinstanz entwickeln sich Gewissensängste.
5. Angst vor dem Verlust der körperlichen Integrität.

Wenn entwicklungsphasenspezifische Konflikte nicht ausreichend gelöst werden, kommt es zu einer latenten Fixierung im Sinne einer späteren erhöhten Verwundbarkeit. Im Erwachsenenalter kann dies bei ähnlich gelagerten Konfliktsituationen zu einer Regression auf infantile Erlebnisse führen. Erwachsene beurteilen im Zuge ihrer Regression den real anstehenden Konflikt als überfordernd und reaktivieren infantile Ängste, wobei sie unter dem Druck dieser Ängste zunehmend hilflos werden.

Ungelöste Ambivalenzen, wie sie in den frühkindlichen Prägephasen erworben wurden, können unter den speziellen Anforderungen späterer Reifungsabschnitte wieder voll durchbrechen und zu Angststörungen führen.

Bei einem aktuellen Konflikt werden über regressive Prozesse unbewusste Inhalte in der "symptomauslösenden Situation2 aktiviert. Entsprechende Impulse, Wünsche oder Phantasien werden vom Ich als innere Gefahr gewertet. Dies führt zur Entwicklung von Angst als Signalangst mit dem Zweck, geeignete Abwehrmaßnahmen zu mobilisieren, die das Auftreten einer intensiven und überwältigenden Angst verhindern sollen. Im besten Fall der Angstbewältigung erfolgt eine Verdrängung oder Sublimierung.

Bei Angststörungen sind die Abwehrmechanismen des Ich nicht mehr in der Lage, den unbewussten Reiz ausreichend abzuwehren, sodass er sich mit dem aktuellen Reiz in der "symptomauslösenden Situation" verbindet. Derartige Symptombildungen dienen dem Zweck, konflikthafte Strebungen bzw. Einstellungen im Individuum durch einen Kompromiss miteinander zu versöhnen und dadurch das psychische Gleichgewicht um den Preis einer neurotischen Konfliktlösung zu erhalten.

Die neurotische Konfliktlösung durch Verschiebung auf ein äußeres Objekt führt zu einer Phobie, die Verschiebung auf den eigenen Körper (Körpersymptome) bewirkt eine Hypochondrie. Wenn die Angstbindung durch Verschiebung ausfällt, bricht die Angst als manifeste, frei flottierende Angst im Sinne einer Angstneurose durch.

Das Konfliktmodell dient zur Erklärung phobischer Störungen.

Phobien können auch durch kontraphobische Vermeidung - ähnlich wie bei einer Zwangsstörung - bewältigt werden. Kontraphobische Patienten suchen gerade jene Situationen recht häufig auf, die sie in Wahrheit besonders fürchten. Sie leugnen oder verdrängen jede Angst und wirken nach außen hin sehr mutig, unterschätzen dabei jedoch reale Belastungs- und Gefahrensituationen.


Angst als Folge von Ich-Schwäche (Strukturschwächemodell)

Die Strukturen von Ich und Selbst können aufgrund von traumatischen frühkindlichen Erfahrungen, mangelhaften Entwicklungsbedingungen oder konstitutionellen Gegebenheiten schwer beeinträchtigt sein, sodass eine "Brüchigkeit des Ichs" gegeben ist. Eine derartige Ich-Entwicklungsstörung wird nach der neueren Terminologie der Psychoanalyse als "narzisstische Störung" bezeichnet. Den klinischen Extremfall stellt die Borderline Persönlichkeitsstörung dar. Als Folge der Ich-Struktur-Schwächen können schon kleinere innere oder äußere Bedrohungen vom Ich nicht mehr gebunden, verarbeitet oder bewältigt werden, sodass es zum unmittelbaren Angstaffekt kommt. Die Ängste brechen ungehemmt und scheinbar grundlos durch, sind meist objektlos, d.h. frei flottierend, oder stark körperbezogen ausgeprägt.

Das Strukturschwächemodell dient in der Psychoanalyse zur Erklärung von angstneurotischen Störungen und Panikstörungen.


Angst als Bindungsverlustangst (Bindungstheoretisches Modell)

Unter Bezugnahme auf die Bindungstheorie von Bowlby kann Angst als Reaktion auf eine Bedrohung der fundamentalen Bindungen im Leben verstanden werden. Die größte Angst ist die Angst vor dem Verlust des Objekts (d.h. der primären Bezugspersonen) oder die Angst vor Trennung, die sich in der frühesten Kindheit bei zunehmender Differenzierung zwischen dem Selbst des Kindes und seinen engsten Bezugspersonen entwickelt. Die Trennungsangst besteht anfangs in der Angst vor dem unmittelbaren Objektverlust, später mit fortschreitender kognitiver und affektiver Entwicklung in der Angst vor dem Verlust der Liebe des Objekts.

Ein bindungsunsicherer Mensch hat in der frühen Kindheit keinen stabilen Halt einer warmherzigen, gewährenden Beziehung zu bestimmten primären Bezugspersonen erlebt, bedingt durch Trennungserlebnisse oder schwere Deprivationserfahrungen. Die Betroffenen haben als Erwachsene Schwierigkeiten, Bindungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, weil das Vertrauen zu anderen Menschen entweder fehlt oder schwer beeinträchtigt ist. Jede Bindung wird immer wieder auf ihre Verlässlichkeit hin getestet. Angstsymptome können ein Mittel sein, den Partner intensiv an sich zu binden.

Nach der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie konnten Menschen mit verunsichernden Beziehungserfahrungen keine stabilen bzw. verläßlichen Objekt- und Selbstrepräsentanzen entwickeln. Sie bleiben daher auf ein „Hilfs-Ich“ angewiesen.

Bei Angststörungen erscheinen verschiedene gefürchtete Situationen gerade deswegen so bedrohlich, weil in ihr der Schutz einer Sicherheit gebenden Bezugsperson vermisst wird. Die Angst von Agoraphobikern, auf offener Straße umzufallen und hilflos auf dem Boden zu liegen, kann als konkrete Gefahr interpretiert werden, ohne begleitenden Schutz durch eine Bezugsperson sich nicht ausreichend selbst steuern zu können und hilflos zu werden. In diesem Sinn macht Angst abhängig oder macht Angst Abhängigkeitswünsche realisierbar.

Das bindungstheoretische Modell dient zur Erklärung von Panikstörungen mit und ohne Agoraphobie sowie zum Verständnis der Herzphobie, die in der neueren Diagnostik zu den Panikstörungen gezählt wird.


Differenzierung von Angststörungen nach Art und Ausmaß der Angstbindung

Angststörungen werden in der Psychoanalyse durch unterschiedliche Abwehrmechanismen und unterschiedliche Angstbindungskapazität voneinander abgegrenzt.


Phobien - Verschiebung und Vermeidung der Angst

Bei der Phobie wird der Angstinhalt auf äußere Objekte oder Situationen verschoben, der Angstaffekt kann durch Ausweichen vor diesen Objekten und Situationen vermieden werden. Eine ursprünglich intrapsychische Gefahrenquelle (z.B. eine unbewusste verpönte Phantasie) wird nach außen verlagert und steht damit in symbolischer Beziehung zur eigentlichen inneren Bedrohung. Gefürchtet werden nicht so sehr die realen angstauslösenden Objekte, sondern die unbewussten Phantasien, die sich mit diesen Objekten assoziativ verbinden.

Durch assoziative Verknüpfungen kann sich eine spezifische Phobie immer mehr ausweiten. Es werden immer mehr Objekte und Situationen vermieden (Generalisierung), insbesondere dann, wenn der phobieauslösende Triebimpuls sehr bedrängend wirkt und eine deutliche Ich-Schwäche gegeben ist.

Bei einer Phobie besteht nur eine teilweise Beeinträchtigung der Ich-Struktur, sodass die Abwehr der Verschiebung noch gelingt. Die äußere Situation, die gefürchtet wird, steht symbolisch für die innere Bedrohung. Es kommt zu einer Verschiebung des Angstobjekts von innen nach außen. An die Stelle der ursprünglichen angstmachenden Inhalte (bestimmte Triebregungen, Vorstellungen, Gefühle) werden belanglose äußere Situationen gesetzt. Hinter der phobischen Angst vor harmlosen Messern stehen z.B. Ängste vor der eigenen Aggression gegenüber der Mutter.

Durch die Vermeidung des äußeren Angstobjekts wird Konfliktfreiheit und damit Angstfreiheit erreicht. Die Angst als Affekt ist zwar vorhanden, sie kann jedoch durch die Vermeidung der angstauslösenden Objekte und Situationen kontrolliert werden.

Phobiker sind nach psychoanalytischer Auffassung weniger stark psychisch gestört als Angstneurotiker. Sie können durch Vermeidung Beschwerdefreiheit erlangen, was angesichts der frei flottierenden Ängste bei einer Angstneurose nicht möglich ist. Der Vermeidungsprozess bei einer Phobie wird durch Lernprozesse eingeübt.

Eine Phobie stellt eine Abwehrform gegen eine bestimmte Angst dar, die allerdings im gefürchteten Objekt symbolisch dennoch zum Ausdruck kommt. In der Psychoanalyse wird der zugrundeliegende Konflikt aufzudecken und zu bearbeiten versucht. Nach der traditionellen psychoanalytischen Theorie stehen Phobien vorwiegend mit genitalen bzw. ödipalen Konflikten in Zusammenhang.

Neuere Auffassungen innerhalb der Psychoanalyse betonen immer mehr die Tatsache, dass Phobien (in ähnlicher Weise wie auch andere Angstreaktionen) sich auf einen Objektverlust (Liebesentzug) beziehen und somit primär mit einer Gefährdung der dyadischen Mutter-Kind-Beziehung in Zusammenhang stehen.


Agoraphobie - Die Angst vor der Selbständigkeit

Das zentrale Problem agoraphobischer Patienten besteht in einem unlösbaren Bindungs-Autonomie-Konflikt. Es handelt sich um einen Konflikt zwischen dem Wunsch auszubrechen, autonom und erwachsen zu werden, und dem Wunsch, die damit verbundene Angst zu vermeiden. Im Mittelpunkt steht das Dilemma von Trennung und Individuation. In der konfliktreichen und ambivalenten Partnerbeziehung spiegelt sich eine ähnlich gelagerte Beziehung wie zu den eigenen Eltern wider.

Am Beginn einer Agoraphobie stehen oft ein reales oder gefürchtetes Verlusterlebnis (Tod, Krankheit oder Trennung des Partners) oder eigene Trennungsabsichten, die letztlich nicht bewältigbar erscheinen. Die agoraphobische Symptomatik drückt dann eine Bedrohung der zentralen Lebensbeziehung in der Form aus, dass entweder unbewusste Weglauftendenzen aus der Ehe bestehen oder der Verlust des Partners gefürchtet wird, der über die Agoraphobie eng an sich gebunden wird.

Agoraphobiker und auch Panikpatienten weisen ein ängstlich-anklammerndes Beziehungsmuster auf. Die Angst vor Liebesverlust und vor dem Verlust der Beziehung überhaupt führt zu einer starken Bindung an die Eltern bzw. an den Partner bei gleichzeitig sehr ambivalenter Einstellung ihnen gegenüber. Der Partner, von dem man sich abhängig fühlt und dem gegenüber man sich ausgeliefert erlebt, wird über die agoraphobische Symptomatik in verhüllter Form manipuliert und gegängelt. Oft ist der Partner selbst ein "latenter Angstneurotiker". Die Partnerschaft funktioniert dann nur aufgrund der gegenseitigen Komplementarität, wie Jürg Willi in seinem Kollusionsmodell gezeigt hat. Oft bestehen bei beiden Partnern unbewusste Emanzipationswünsche und Trennungsängste. Endlose Machtkämpfe zermürben das aneinandergekettete Paar.


Herzphobie - Existenzangst zwischen Bindungs- und Trennungswünschen

Psychodynamisch ähneln Herzphobiker eher angstneurotischen Patienten als Panikpatienten. Im Verhalten zeigen sich Ähnlichkeiten mit Agoraphobikern. Die herzphobische Trennungsangst ist nicht nur eine Angst vor der Entwicklung zur persönlichen Unabhängigkeit, sondern auch eine Angst vor den eigenen aggressiven und expansiven Phantasien und Impulsen. Selbständiges Handeln mobilisiert Todesangst mit der Befürchtung, das Herz könnte stehen bleiben.

Die massive Abhängigkeit vom Partner oder von der Mutter fördert latente Aggressionstendenzen und verstärkt die unbewusste Ambivalenz. Die erste Herzattacke entwickelt sich oft im Rahmen eines partnerschaftlichen Ambivalenzkonflikts.

Herzphobiker leben häufig in der angstvollen Erwartung der Trennung, die sie zugleich wünschen und fürchten. Bei einer Trennungs-Bindungs-Ambivalenz sind folgende Konflikte angstauslösend: Bei Zunahme der Bindung steigen die Schwierigkeiten sich abzugrenzen, die unbewussten Weglauf- und Willkürimpulse nehmen zu. Die Abhängigkeit von Schutz- und Hilfspersonen löst andererseits große Wut und gefährliche Vernichtungsphantasien aus. Die Angst vor der eigenen Trennung bzw. Aggression wird schließlich in der Herzphobie somatisiert und gebunden.


Angstneurose - Angstüberflutung infolge des Versagens der Abwehrmechanismen

Bei der Angstneurose versagen die Abwehrmechanismen aufgrund einer Ich-Schwäche. Der Mensch wird von intensiver Angst und vegetativen Symptomen überflutet. Ein Meidungsverhalten wie bei der Phobie ist unmöglich, weil es keine bestimmten gefürchteten Objekte gibt. Es besteht eine Angst vor allem und jedem.

Angstneurotische Patienten haben keine ausreichend stabilen Ich-Fähigkeiten, um bei äußeren oder inneren Gefahrensituationen adäquate Signalangst entwickeln und ertragen zu können. Wenn das Ich die alltäglichen Konflikte nicht ausreichend bewältigen kann, entwickelt es schon bei relativ geringen Belastungen inadäquate Ängste. Bei ich-strukturell schwer gestörten Personen treten massive Angstzustände auf. Selbst die eigenen (insbesondere aggressiven) Triebregungen werden als stark bedrohlich erlebt.

Im Laufe des Lebens erfolgte nur eine mangelhafte Differenzierung verschiedener Ich-Funktionen (Wahrnehmung, Interesse, Gedächtnis, formales Denkvermögen) und eine unzureichende Differenzierung des Angstaffekts hinsichtlich körpernaher und diffuser Unlustspannungen einerseits und reiferen Angstformen (Signalangst) andererseits.

Diese mangelhafte Ich-Organisation ist darin begründet, dass das Kind in seinen Beziehungserfahrungen mit der Mutter entweder traumatisch überfordert wurde (z.B. längere Trennungen) oder umgekehrt eine überfürsorgliche Mutter dem Kind wesentliche Erfahrungen mit seinen eigenen Affekten und deren Auswirkungen auf die soziale Umwelt verunmöglichte.

In bestimmten Gefahrensituationen können bei ich-strukturell gestörten Menschen zwei Regressionsformen auftreten:

- eine Ich-Regression und eine Einschränkung der Ich-Funktionen,
- eine Regression bzw. Entdifferenzierung reiferer Angstformen zugunsten früher Ängste.

Akute Ängste werden bei angstneurotischen Patienten vor allem dann ausgelöst, wenn äußere, ich-stützende Mechanismen in Frage gestellt werden, z.B. drohender Verlust einer nahe stehenden Bezugsperson oder Verlust von sozialer Anerkennung. Ich-strukturell gestörte Patienten werden dadurch rasch hilflos, weil die Selbststeuerung, die nur in Verbindung mit einer Sicherheit gebenden Bezugsperson bestand, akut gefährdet erscheint.

Bei angstneurotischen Patienten erfüllt der Partner oft die Rolle eines Hilfs-Ichs. Der Partner muss stützende Ich-Funktionen übernehmen und so die fehlende stabile Innensteuerung ausgleichen. Für klinische Praktiker ist es oft sehr beeindruckend, wie gut und subtil gerade angstneurotische Patienten ein soziales Arrangement herstellen können, das ihnen diese Außensteuerung gewährleistet.

Die Unangemessenheit der neurotischen Angstreaktion beruht darauf, dass der bewusst wahrgenommene Reiz durch einen unbewussten, dem Patienten nicht erkennbaren Reiz verstärkt, modifiziert oder ersetzt wird. Die unbewussten Reize (frühkindliche Phantasien, bestimmte Wünsche und Vorstellungen, aggressive oder sexuelle Impulse, traumatische Erlebnisse) sind aufgrund von Abwehrmechanismen des Ichs nicht Bewusstseinsfähig und sollen durch eine psychoanalytische Therapie aufgedeckt werden.

Bei einer Angstneurose besteht eine Ich-Regression aufgrund von Defekten in der Ich-Struktur. Die Ich-Schwäche zeigt sich darin, dass keinerlei Angst ertragen werden kann, nicht einmal die Angst vor der Angst. Angstneurotische Patienten erleben auch ohne Auslöser immer wieder das angstmachende Gefühl der inneren Brüchigkeit und Verletzlichkeit als Folge ihrer Ich-Schwäche.

Generalisierte Ängste können wegen der Ich-Schwäche nur unzureichend bewältigt werden und kommen in bestimmten konkreten Ängsten immer wieder zum Ausdruck. Das ständige Versagen bei der Bewältigung von selbst sehr unwesentlichen Ängsten kann zu einer schweren chronifizierten Angststörung führen, die eine stationäre Behandlung erfordert.

Neben Bassler und Hoffmann, deren Ausführungen hier wiedergegeben wurden, haben auch Mentzos u.a. die Angstneurose aus psychoanalytischer Sicht sehr anschaulich beschrieben. Die Ursachen einer schweren Angstneurose liegen auch nach diesen Autoren in einer Pathologie der Objektbeziehungsfähigkeit, d.h. in einer fundamentalen Beziehungsstörung.

Menschen mit einer ausgeprägten Angstneurose haben eine Unzuverlässigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen erlebt mit der Folge, letztlich niemand mehr vertrauen zu können. Sie provozieren in Sozialbeziehungen immer wieder Ablehnung, weil sie sich aufgrund ihrer Lebensgeschichte so verhalten, dass sie Zurückweisung erwarten. Wichtige Bezugspersonen werden immer wieder auf die Probe gestellt, ob sie tatsächlich vertrauenswürdig sind.

In der therapeutischen Übertragungsbeziehung werden die ursprünglichen Beziehungsmuster aktiviert und aufgearbeitet, deren Ursachen näher analysiert und anschließend vertrauensvollere Interaktionsmuster aufgebaut. Vorübergehend lässt der Analytiker aus therapeutischen Gründen eine starke Regression zu, d.h. eine starke Abhängigkeit des Patienten von ihm, in der Hoffnung, dass der Patient danach reifere Beziehungsformen entwickeln lernt.

Der angstneurotische Anfall ist ein akuter Zustand intensiver Angst, der sich im Gegensatz zu den Phobien weniger auf konkrete Objekte oder Situationen bezieht. Im Vordergrund steht eine diffuse Angst. Die Betroffenen werden körperlich von Angst buchstäblich überflutet. Hinter der Angst vor Beeinträchtigung oder Versagen eines Organs (z.B. das Herz bei der Herzphobie) steht eine fundamentale Angst vor dem schwer vorstellbaren und sehr bedrohlichen Selbstverlust mit den damit verbundenen Gefühlen der Hilflosigkeit, der absoluten Verlassenheit und Verzweiflung.

Der angstneurotische Bewältigungsmechanismus besteht darin, dass aus der ursprünglichen Selbstverlustangst (Angst vor dem Sterben) eine Angst vor dem Versagen körperlicher Funktionen oder vor dem Angstanfall selbst wird, und zwar in der Art einer phobischen Symptombildung (Angst vor einer neuerlichen Panikattacke). Hinter der erlebten Todes- oder Vernichtungsangst des Angstneurotikers steht verhüllt eine Lebensangst, die auf die Angst vor den körperlichen Symptomen verschoben wurde.

Faktische oder symbolische Trennungssituationen sind die häufigsten Auslöser einer angstneurotischen Symptomatik. Nach psychoanalytischer Auffassung stehen hinter angstneurotischen Zuständen stets Verlustängste bezüglich wichtiger Bezugspersonen und/oder bezüglich der eigenen Existenz und des eigenen Selbst.

Eine Plananalyse im Rahmen einer Verhaltenstherapie, d.h. eine Analyse der hierarchisch geordneten Lebenspläne eines Patienten, führt häufig zu derselben Erkenntnis.

Beim Mechanismus der Verschiebung auf oberflächlichere Gegebenheiten wie bei einer Phobie (Angst vor Messern, Höhen, bestimmten körperlichen Erkrankungen usw.) sind die zugrunde liegenden Existenzängste oft nicht sofort zu erkennen, weshalb Psychoanalytiker eine "aufdeckende" Therapie anbieten. Verhaltenstherapeuten glauben, dass sie dasselbe Ziel mit einer Verhaltens- und Plananalyse in Verbindung mit einer Konfrontationstherapie schneller erreichen.

Die typische Angst des Angstneurotikers ist die Angst vor Bindungsverlust und damit die Angst vor Verlust des eigenen Halts. Angstneurotiker haben ein Bedürfnis nach starken Schutzfiguren. Sie sind für ihr Wohlergehen auf die konkrete Anwesenheit ihres Partners angewiesen, beklagen jedoch zugleich, dass der Partner sie krank mache, abwerte oder in ihren Selbständigkeitsbestrebungen entmutige.

Der angstneurotische Mensch hat nur vordergründig Angst, andere zu verlieren. Im tiefsten Inneren steht hinter der Angst vor dem Verlust der wichtigsten Bezugspersonen die Angst, sich selbst zu verlieren, sich selbst ausgeliefert zu sein in allen unberechenbaren Situationen des Lebens.

Angstneurotiker fürchten nichts so sehr wie das Alleinsein mit sich selbst. Sie spüren ihre innere Leere und Haltlosigkeit und fürchten sich extrem vor diesen Erfahrungen. Durch die Verschiebung auf die Besorgtheit um ihre körperliche Gesundheit, wie dies im Falle einer extremen Agoraphobie der Fall ist (z.B. nicht allein zu Hause bleiben zu können) verbergen Angstneurotiker sich und anderen das Erleben dieser existenziellen Grundängste.


Psychoanalytische Konzepte bei Angststörungen

Die Psychoanalyse versteht sich als aufdeckendes oder persönlichkeitsumstrukturierendes Verfahren. Ziel ist die Änderung der Persönlichkeit in einer Weise, dass den Angstsymptomen der Boden entzogen wird. Früher wurde dieser Ansatz der Verhaltenstherapie gegenübergestellt, die zudeckend und symptomzentriert arbeite, was zwar momentan wirke, jedoch wegen fehlender Behandlung der Grundstörung nicht lange anhalte oder nur zu einer Symptomverschiebung führe (aus dem Symptom Angst werde dann eine Depression, eine psychosomatische Störung oder ein Partnerkonflikt).

Die Polemiken zwischen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie sind als überholt anzusehen. Beide Psychotherapiemethoden haben sich weiterentwickelt und sind bereit, voneinander zu lernen, wie man an ihren Vertretern jeweils erkennen kann. Verhaltenstherapeuten anerkennen die Problem- und Sachlage, auf die Psychoanalytiker hinweisen (ein Konflikt als Grundlage bei vielen Angststörungen, Angst als Symptom für etwas "Tieferliegendes", wie dies z.B. bei Panikstörungen oft augenfällig ist, die Bedeutung von Persönlichkeitsfaktoren, lebensgeschichtliche Aspekte usw.), formulieren sie jedoch in einer Sprache, die mehr aus der Welt der wissenschaftlichen Psychologie stammt, und verwenden andere Strategien, um eine Bewältigung zu erreichen.

Das Buch "Praxis der Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch für Psychoanalyse und Verhaltenstherapie" von Senf und Broda dokumentiert die Annäherung der beiden Therapiemethoden.

Das allgemeine Behandlungsziel einer Psychoanalyse ist nur in geringem Umfang oder überhaupt nicht auf bestimmte Symptome gerichtet, sondern auf die psychische Struktur und unverarbeitete Lebensgeschichte des Patienten. Bei Angststörungen wird jedoch oft im Rahmen einer analytischen Kurz- oder Fokaltherapie ähnlich stützend und symptomzentriert vorgegangen wie in der Verhaltenstherapie.

Die klassische Psychoanalyse ist bei vielen Angstpatienten überhaupt nicht bzw. jedenfalls nicht zu Beginn anwendbar, wie viele psychoanalytische Theoretiker und Praktiker offen zugeben. Repräsentative Beispiele dafür sind der von Mentzos herausgegebene Sammelband über die "Angstneurose" sowie die Arbeiten von Bassler und S. O. Hoffmann.

Der Wiener Psychoanalytiker Schuster stellt Überlegungen an, denen auch Verhaltenstherapeuten in vielen Fällen zustimmen können:

"Die psychoanalytische Feststellung, dass jedem (psychischen) Symptom ein (unbewusster) psychischer Konflikt zugrunde liegt und dass diese Konflikte wiederum Ausdruck von Entwicklungsproblemen und damit Hinweis für die unzureichende Entfaltung von Persönlichkeitsanteilen darstellen, stellt den verantwortungsbewussten Psychotherapeuten vor die schwierige Aufgabe, inwieweit er einem psychischen Leidenszustand eines Patienten ausschließlich mit therapeutischen Methoden antworten soll, die auf die Eliminierung des Leidenszustandes ausgerichtet sind, oder ob er seine Bemühungen daraufhin ausrichten soll und darf, dem Betroffenen einen Weg zu einer grundsätzlichen Revision seiner psychischen Strukturen zu eröffnen. Die in dieser ‚Nachträglichkeit’ zu erzielende ‚Wiedergutmachung’ von für die jeweilige persönliche Entwicklung ungünstigen zum Teil schicksalsgebundenen, zum Teil personenbezogenen Widrigkeiten könnte dem Patienten vielleicht die Chance auf ein erfüllteres Leben eröffnen (Erzielung von ‚Arbeits- und Liebesfähigkeit’, Kreativität und Beziehungsfähigkeit; auch als Prävention gegen die zirkuläre Wiederholung und Weitergabe neurotischen Leids)."

Nach Auffassung der meisten psychoanalytischen Experten besteht das Hauptziel bei der Behandlung angstneurotischer Patienten in der Ich-Stärkung bzw. Nachreifung angesichts ihrer ich-strukturellen Störung.

Die Art des psychoanalytischen Behandlungsansatzes bei Angststörungen hängt vom Ausmaß der Ich-Schwäche des Patienten ab. Schwer ich-gestörte Patienten geraten durch das klassische Setting der Psychoanalyse in eine für sie bedrohliche Regression und werden in ihrer ohnehin brüchigen Ich-Struktur noch zusätzlich erschüttert. Im ungünstigen Fall kann dies bis zur psychotischen Entgleisung führen. Es geht bei diesen Personen zunächst nicht um das rasche Aufdecken von Konflikten, den dabei beteiligten Triebstrebungen und eingesetzten Widerstandsmustern, sondern um die Verbesserung der Angstbewältigungsmöglichkeiten. Dies kann auch im Rahmen einer psychoanalytisch orientierten Krisenintervention oder Kurzzeittherapie erfolgen.

Das Ausmaß der Angst stellt nicht notwendigerweise einen Hinweis auf das Ausmaß der Ich-Störung dar. Besonders "hysterische" Patienten mit relativ guter Ich-Struktur können mit massiven Angstzuständen reagieren, wenn diese Angstanfälle einer bestimmten Konfliktlösung dienen (den Partner zu binden, sich selbst am Ausscheren aus der Ehe zu hindern usw.). Bei phobischen und zwangsneurotischen Patienten besteht dagegen meistens eine bessere Ich-Struktur, sodass eine klassische Psychoanalyse ohne große Probleme durchgeführt werden kann.

Neuerdings werden in psychoanalytisch ausgerichteten psychosomatischen Stationen in Deutschland auch Elemente aus der Verhaltenstherapie berücksichtigt.

Freud hatte bereits 1917 in "Wege der Psychoanalytischen Therapie" als Voraussetzung für eine erfolgreiche Psychoanalyse bei Phobien die Forderung erhoben, den Patienten zu ermutigen, sich den angstauslösenden Situationen zu stellen, anderenfalls könne mit der psychoanalytischen Methode der freien Assoziation („Sagen Sie alles, was Ihnen spontan einfällt“) kein konfliktrelevantes Material zutage gefördert werden. Die in der phobischen Situation tatsächlich auftretende Angst und die sie begleitenden Phantasien seien dann in den Analysestunden zu besprechen.

Freud musste es wissen, hatte er doch seine eigenen Ängste in seinem vierten Lebensjahrzehnt auf eine Weise behandelt, wie dies heutzutage Verhaltenstherapeuten nicht besser vorschlagen könnten. Auch die Begründung für eine derartige Konfrontation mit den gefürchteten Reizen, wie sie am Ende des folgenden Zitats von Freud gegeben wird, trifft genau die Intentionen einer Verhaltenstherapie:

"Unsere Technik ist an der Behandlung der Hysterie erwachsen und noch immer auf diese Affektion eingerichtet. Aber schon die Phobien nötigen uns, über unser bisheriges Verhalten hinauszugehen. Man wird kaum einer Phobie Herr, wenn man abwartet, bis sich der Kranke durch die Analyse bewegen lässt, sie aufzugeben. Er bringt niemals jenes Material in die Analyse, das zur überzeugenden Lösung der Phobie unentbehrlich ist. Man muss anders vorgehen. Nehmen Sie das Beispiel eines Agoraphoben; es gibt zwei Klassen von solchen, eine leichtere und eine schwerere. Die ersteren haben zwar jedesmal unter Angst zu leiden, wenn sie allein auf der Straße gehen, aber sie haben darum das Alleingehen noch nicht aufgegeben; die anderen schützen sich vor der Angst, indem sie auf das Alleingehen verzichten. Bei diesen letzteren hat man nur dann Erfolg, wenn man sie durch den Einfluß der Analyse dazu bewegen kann, sich wieder wie Phobiker ersten Grades zu benehmen, also auf die Straße zu gehen und während dieses Versuches mit der Angst zu kämpfen. Man bringt es also zunächst dahin, die Phobie so weit zu ermäßigen, und erst wenn dies durch die Forderung des Arztes erreicht ist, wird der Kranke jener Einfälle und Erinnerungen habhaft, welche die Lösung der Phobie ermöglichen."

Bassler und Hoffmann erstellten folgende Richtlinien für die psychoanalytische Behandlung angstneurotischer Patienten:

1. Bei somatisierten Angstzuständen (z.B. Herzphobie), wo aufgrund des fehlenden Angstaffekts die somatischen Angstäquivalente, d.h. die körperlichen Beschwerden, im Vordergrund stehen, wird auf eine ausführliche organische Durchuntersuchung geachtet, anschließend jedoch von jeder weiteren medizinisch-diagnostischen Untersuchung abgeraten.

2. Viele angstneurotische Patienten streben weniger eine innere Veränderung an als eine rasche Entlastung von ihrer Angst. Ihre mangelhafte Angsttoleranz als Folge ihrer Ich-Schwäche führt häufig zu Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Diese Patienten sind daher stark suchtgefährdet. Bei schwer ich-gestörten Patienten wäre es eine Überforderung, als Voraussetzung für eine Psychoanalyse den vollständigen Verzicht auf Beruhigungsmittel zu fordern. Auf ein langsames Absetzen dieser Medikamente im Rahmen der Psychotherapie ist allerdings zu achten.

3. Bei angstneurotischen Patienten steht zunächst der Aufbau einer vertrauensvollen Therapeut-Patient-Beziehung im Vordergrund. Die Autoren fanden bei Durchsicht der psychoanalytischen Literatur wenig systematische Überlegungen zur Behandlung angstneurotischer Patienten. Es wird häufig nur die Empfehlung abgegeben, die mangelhaften Ich-Funktionen in der therapeutischen Beziehung nachreifen zu lassen. Vor allem der Sammelband von Mentzos über die Angstneurose zeigt die behandlungstechnischen Probleme bei angstneurotischen Patienten auf.

4. Bei angstneurotischen Patienten ist ein strafferes psychoanalytisches Setting erforderlich als bei anderen Patienten. Angstneurotiker leiden sehr unter ihren starken Ängsten und möchten beruhigt werden. Sie klammern sich stark an den Therapeuten an und verlangen oft seine räumliche Nähe und ständige Verfügbarkeit. Der Therapeut wird wie der Partner oder andere nahe Bezugspersonen zu einer ständig stützenden Person degradiert, die den Patienten immer wieder neu beruhigen und ermuntern muss. Psychoanalytische Deutungen bleiben in dieser Phase meist wirkungslos, müssen aber dennoch begonnen werden, um den Patienten auf die Art der von ihm gewünschten "nährenden" Beziehung hinzuweisen und ihn langsam an reifere Interaktionsmuster heranzuführen. Im Laufe der Nachreifungszeit sollte auch eine stärkere Angsttoleranz gelingen.

Eine monate- oder gar jahrelange Psychoanalyse bei Angstpatienten ohne Reduktion des phobischen Vermeidungsverhaltens wird auch von anerkannten Psychoanalytikern als problematisch angesehen. Zur raschen Symptomreduktion werden im Rahmen einer Psychoanalyse zunehmend verhaltenstherapeutische Behandlungsmethoden eingesetzt.

Bassler und Hoffmann integrieren die Konfrontationstherapie in ein psychoanalytisch orientiertes stationäres Gesamtkonzept:

"Wir sind davon überzeugt, dass für eine erfolgreiche psychoanalytische (stationäre) Behandlung von Angsterkrankungen angstexponierende Therapieelemente unabdingbar sind (Freud empfahl bereits 1919 eine solche Vorgehensweise bei der Psychoanalyse von Phobien)."

Dies schaut in der integrativ, primär psychoanalytisch ausgerichteten psychosomatischen Fachklinik in Mainz folgendermaßen aus:

"Speziell für Angstpatienten haben wir seit 1992 ein Angstkonfrontationstraining eingeführt, das abgestimmt auf den einzelnen Patienten die aktive Auseinandersetzung mit der angstauslösenden Situation bzw. Stimulus intendiert. Dabei wird mit dem Patienten intensiv in Einzel- und Gruppengesprächen über seine dabei gemachten Erfahrungen, Eindrücke bzw. Phantasien gesprochen. Insgesamt bleibt also die Grundorientierung am Angstsymptom als Ausdruck bzw. Folge unbewusster Konflikte weiterhin ohne Einschränkungen erhalten, jedoch erscheint es uns unerlässlich, für Angstpatienten auch übende verhaltenstherapeutische Elemente in das Konzept von stationärer Psychotherapie zu integrieren."

Sie sehen also, liebe Kicki, ich kenne die zentralen psychoanalytischen Konzepte bei Angststörungen und berücksichtige sie auf meine Weise in einer verhaltenstherapeutisch und systemisch orientierten Psychotherapie.

Was davon kann Ihnen helfen?

Liebe Grüße!

Hans Morschitzky

 

 

Hans Morschitzky 22.04.2001 - 15:24

Liebe Kicki!

Ich wage es nun doch, nach allen theoretischen Ausführungen über die Psychoanalyse das zu schreiben, was ich mir schon nein ersten Lesen Ihres ersten Beitrags gedacht habe - auch wenn ich Ihnen, ohne Sie noch näher zu kennen, dabei zu nahe treten sollte.

Aber ich denke mir, warum soll ich Sie vor meiner üblichen Direktheit beschützen? Wenn es Ihnen nicht recht ist, werden Sie sich schon zu schützen wissen, und wenn dies nur durch einen Kontaktabbruch möglich sein sollte.

Also gehen wir die Sache einmal ganz direkt so an. Sie schreiben, dass Sie auf der Suche nach den Ursachen Ihrer Panikattacken und Ihrer Agoraphobie sind. Sie wissen doch alles! Sie können nur mit Ihren Gefühlen nicht umgehen!

1. Vor 10 Jahren hatten Sie Ihre erste Panikattacke, und zwar in Zusammenhang mit Spannungen mit Ihrem damaligen Freund, von dem Sie sich trennen wollten, und dann doch mit ihm zusammengezogen sind! Ein klassischer Ambivalenzkonflikt nach Freud, der zu einer so genannten "Somatisierung" des Konflikts geführt hat - bei Ihnen eben in Form einer "Panikattacke", die eigentlich eher mit einem unterdrückten Wutanfall zu tun hat als mit einem Angstanfall. Sie haben die Richtung gewechselt. Anstelle sich mit der Art der Beziehung zu Ihrem damaligen Freund intensiver auseinanderzusetzen, haben Sie sich ängstlich mit Ihrem Körper beschäftigt. Im Sinne der Psychoanalyse war dies eine Verschiebung des Konflikts auf ein scheinbar leichter lösbares Problem.

2. Nach 8 Jahren, also vor zwei Jahren, kam die Agoraphobie schleichend zurück, haben Sie geschrieben. Welcher Konflikt hat sich da wieder im Sinne der Psychoanalyse an Sie herangeschlichen? Dann kam doch wieder eine heftige Panikattacke. Da war es dann ganz offensichtlich: wieder kein Angstanfall, sondern abermals ein Wutanfall! Denn nach dem Studium hatten Sie eine Ihnen nicht wohlgesinnte Kollegin, die Ihnen die Stelle "streitig" machen wollte.

3. Sie haben später eine neue Stelle angetreten, aber wegen Ihrer "Panikattacken" nicht halten können. Wie kommen Sie da wieder dazu, sich abermals vor sich selbst zu fürchten? Hatte es auch wieder mit Wut und Ärger zu tun? Schließlich schreiben Sie, dass Ihnen die Stelle nicht gefallen hat. Oder spiegelt sich hier ein anderes Gefühl wider als Angst, Wut und Ärger? Nämlich angemessene, aber doch unverarbeitete Traurigkeit nach dem Tod der schon vorher sehr kranken Mutter, dann auch noch Ihrer Tante. Mit dem Verlust dieser beiden Frauen, schreiben Sie, haben Sie die Geborgenheit, das Fundament Ihres Lebens, verloren. Wo bleibt da zumindest Ihr Vater? Wiederum haben Sie nach psychoanalytischer Auffassung Ihr Problem verschoben: von den schmerzvollen Verlusten auf Ihren Körper mit seinen Panikattacken und depressiven Zuständen, sodass Sie nach schmerzlichen Verlusterlebnissen Antidepressiva gebraucht haben, um den Gefühlen Ihrer Traurigkeit besser umgehen zu können. Schließlich muss man ja im Beruf funktionieren, haben Sie geschrieben – bis es eben dann doch nicht mehr ging. Alle ganz normalen Gefühle von Traurigkeit und Schmerzen wegen der Verlusterlebnisse müssen offensichtlich möglichst rasch überfahren werden, um zu "funktionieren" in unserer Leistungsgesellschaft!

4. Im Zusammenhang mit der Psychopharmakotherapie haben Sie starke Nebenwirkungen erlebt, die Ihnen anfangs nicht geglaubt wurden. Also wieder einmal andere Körpergefühle als nur Panikattacken und Depressionen! Neuerlich Wut und Enttäuschung.

5. In Ihrem 2. Beitrag, einem Nachtrag, den Sie als "vielleicht sehr wichtig" betrachten, berichten Sie von einem Problem, einem Konflikt, der ebenfalls nichts mit krankhaften Angst- und Panikzuständen zu tun hat, sondern wiederum mit ganz normalen Gefühlen, diesmal wohl mit einem starken Gefühl der Sehnsucht nach einem Kind, das Sie sich als 34-jährige Frau innerlich offensichtlich sehr wünschen. Als Mann kann ich Sie diesbezüglich sehr gut verstehen, denn auch ich freue mich über Kinder. Ich bin gerne Vater von 5 Kindern (drei Buben und zwei Mädchen im Alter zwischen 23 und 10 Jahren). Und wiederum meldet sich plötzlich neben Ihrem inständigen Kinderwunsch ein anderes Gefühl, das Sie jetzt nicht schwanger werden lässt: Ihr Gefühl, dass Sie alles perfekt machen müssen: Mutter sein und einen Beruf optimal ausfüllen. Habe ich recht? Wenn ja, dann wäre dies doch die Bestätigung, dass Sie kein Angsthase, sondern eine Perfektionistin sind, oder?

6. Die abgesprochene Sinnfrage drückt ebenfalls ganz normale Gefühle und Gedanken aus – und nicht gleich eine krankheitswertige Depression. Was macht jetzt wirklich den Sinn Ihrer Arbeitslosigkeit aus? Soll die Arbeitslosigkeit in nichts anderem bestehen, als "nur" gesund werden zu wollen – und dann wiederum nicht zu wissen, was Sie tun sollen? Ich frage meine Patienten immer: "Stellen Sie sich vor, es geschieht ein Wunder, Sie machen morgen früh und sind völlig gesund, was würden Sie da tun?" Ich gehe davon aus, dass Ihr Partner wirklich der richtige Mann für das ganze Leben ist und der Vater Ihres gewünschten Kindes sein soll. Ich sehe keinen Grund dies zu bezweifeln, solange Sie nicht selbst diesbezüglich verunsichert sind, aber davon haben Sie nichts geschrieben (vor 10 Jahren haben Sie ja gewusst, dass Sie zum falschen Mann gezogen sind, ich gehe daher davon aus, dass Sie den richtigen Mann geheiratet haben).

Zur gegenwärtigen Situation schreiben Sie im Nachtrag zu Ihrem ersten Beitrag:

Zur Zeit habe ich die Frage nach Kindern erst einmal gestrichen, da ich nicht mehr einsehe, in diesem Teufelskreis weiterzumachen. Ich glaube, dass damit aber auch meine Sinn- und Lebenskrise zusammenhängt. Ein Konstrukt, das ich mir selbst auferlegt hatte, ist gescheitert und ein neues habe ich noch nicht gefunden.
Liegt hier vielleicht die Antwort für meine mangelnde Motivation der Genesung. Ich merke nämlich, ich bin gar nicht so richtig bereit, mich angstbesetzten Situationen auszusetzen. Am liebsten würde ich mich eine zeitlang vom Leben ausklinken. Doch dann habe ich Angst, dass ich immer tiefer rutsche und es später noch schwerer wird.

Also jetzt ist es wohl endgültig klar, was den aktuellen Konflikt darstellt. Sie wissen es, aber Sie können ihn offensichtlich nicht lösen und schieben das Problem darauf, was nun die richtige Therapie für Sie sei: zuerst eine Konfrontationstherapie, dann eine Gruppenanalyse, dann eine medikamentöse Therapie, dann wieder eine Gruppenpsychoanalyse, nun vielleicht doch eine kognitive Verhaltenstherapie – oder doch am besten alles zusammen? Eine klassische Problemverschiebung im Sinne der Psychoanalyse!

Daher jetzt eine sehr direkte und indiskrete Frage:

Stellen Sie sich vor, Sie setzen unabhängig von Ihrer momentanen Befindlichkeit mit der Empfängnisverhütung aus, sind damit bereit für eine Schwangerschaft und sind übernächstes Monat tatsächlich schwanger – wie geht es Ihnen bei dieser Vorstellung? Lassen Sie diese Vorstellung einmal wie einen Film ganz lebendig vor Ihren Augen ablaufen! Was kommt da zuerst, was dann? Hoffentlich keine Panikattacke, denn dann hätten Sie das Grundproblem, nach dem Sie suchen, wieder auf die Panikattacke verschoben.

Bis wann spätestens möchten Sie Ihr erstes Kind bekommen? Wie viele Jahre müssen Sie vorher noch arbeiten? Wie "gesund"“ müssen Sie für eine Schwangerschaft sein? Haben Sie Angst vor einer Panikattacke, wenn Sie schwanger sind?

Ich habe schon einmal einer Klientin in meiner Praxis gesagt und in diesem Forum einer Frau geschrieben: Bei jedem Orgasmus und bei jedem Wutanfall über Ihren Partner bekommen Sie mehr Herzrasen als bei einer Panikattacke. Ist das nun klar genug?

Ihre Herkunftsfamilie ist zerfallen durch den Tod Ihrer Mutter. Sie haben einen ganz verständlichen Wunsch nach einer eigenen Familie. Doch irgendetwas hält Sie ab, diese "Ersatzgeborgenheit" einer eigenen Familie zu wählen. Ist dies wirklich ein "neurotischer" Konflikt, den man zuerst wegtherapieren muss? Ich halte dies für ein ganz normales Bedürfnis, wenn es wirklich so sein sollte.

Aber vielleicht hält Sie doch die Angst vor Panikattacken und unbewältigten Depressionen, die Ihrer Fantasie nach vielleicht durch Schwangerschaft und Geburt noch verstärkt werden könnten, davon ab, in der nächsten Zeit schwanger zu werden.

Wie lange müssen Sie noch arbeitslos und/oder "krank" sein, bis Ihr Konflikt gelöst ist? Wird die Suche nach den Ursachen Ihrer Agoraphobie mit Panikattacken Ihr aktuelles Problem wirklich lösen, wo Sie die Ursachen jetzt doch schon wissen?

Was wollen Sie noch wissen, bevor Sie schlicht und einfach die Entscheidung treffen können: "Ich bin bereit schwanger zu werden und freue mich darüber, sobald der Körper dazu bereit ist".

Sollte das Motto nicht lauten: "Ich bin zwar jetzt arbeitslos, aber nicht weil ich so krank bin, sondern weil ich gar keine neue Arbeitsstelle mehr antreten wollte – nicht wegen der Angst vor einer Panikattacke, sondern aus dem Wunsch nach einem Kind heraus".

Wo haben Sie da einen Motivationsmangel, eine Konfrontationstherapie zur Bewältigung Ihrer Agoraphobie zu unternehmen? Sie wissen doch, wie’s geht. Sie haben es ja schon oft erfolgreich geschafft mit der Konfrontationstherapie.

Die Verhaltenstherapeuten sagen immer: die Konfrontationstherapie wirkt nach-weislich bei 80% anhaltend. Das möchte ich gerne glauben. Es ist jedenfalls ein gutes Argument für die Werbung in meiner Praxis.

Innerlich weiß ich jedoch: zu mir kommen immer gerade die anderen 20%, doch ich habe damit umzugehen gelernt - unter Einbeziehung psychoanalytischer Konzepte wie Ambivalenzkonflikt usw., die man mittlerweile auch in verhaltenstherapeutischen Begriffen ausdrücken kann.

Womit müssen Sie sich jetzt wirklich konfrontieren:

- mit Ihrem Kinderwunsch,
- Ihrer Abneigung, jetzt irgendeinen Job anzutreten, der ihnen nicht gefällt, aber dennoch als Übergangslösung bis zur Schwangerschaft unvermeidlich ist,
- mit dem Wunsch nach einem Traumjob, der jedoch, sollte er sich einstellen, dazu führen wird, dass Sie Ihren intensiven Kinderwunsch in den nächsten Jahren abschreiben können?

Ich sage Ihnen als Mann (gar nicht einmal als Therapeut): Sie haben ein Problem, das in dieser Art oft bei Akademikerinnen vorkommt. Jede studierte Frau muss damit zurecht kommen lernen. Habe ich Ihr Problem getroffen? Wenn ja, dann sage ich Ihnen noch abschließend: machen Sie sich daher nicht kränker als nötig!

Mit lieben Grüßen!

Hans Morschitzky

 

 

Kicki 22.04.2001 - 15:31

Antwort auf die vorletzten Beiträge, die von eben, habe ich gerade erst gesehen.

Lieber Herr Morschitzky,

langsam wird die Sache spannend. Ihre ausführlichen Antworten zeigen mir, dass Sie in dem Thema sehr engagiert sind und so wie ich - als Betroffene - daran interessiert sind das Phänomen Agoraphobie noch intensiver zu beleuchten, ja vielleicht sogar ein Stück weit aufzudecken.

Ihre theoretischen Ausführungen haben ja gezeigt, dass sich hohe Kapazitäten seit Jahren mit dem Thema beschäftigen, dass es aber - meiner Meinung nach - immer noch nicht die "optimale" Lösung zur Heilung des Phänomens gibt. So vielfältig wie die Theorien sind, so vielfältig sind auch die Ansätze im Einsatz von Therapiemethoden. Und eines habe ich jetzt kapiert: Betroffene sind an der Aufklärung und Lösung des Problems mitverantwortlich und können kein Patentrezept erwarten.

Jetzt kann ich auch Ihre 2. Frage beantworten, die Sie mir in einem früheren Beitrag gestellt haben. Mein Anliegen an Sie bestand zunächst darin, bestätigt zu bekommen, dass ich relativ normal bin, nicht durchdrehe und mein Leben ungeklärt wegwerfe und auf dem Weg bin, meine Probleme anzugehen.

Wahrscheinlich habe ich deshalb auch am Anfang so ausführlich berichtet. Ich denke meistens in komplexen Zusammenhängen und glaube auch fest daran, dass nicht jeder Mensch gleich strukturiert ist und in jedes Schema passt. Insgeheim habe ich gehofft, dass je detaillierter ich mich und meine momentane Situation beschreibe, desto genauer könnte Ihre Antwort ausfallen.

Durch unseren für mich mittlerweile sehr interessanten Dialog ist mir aber klar geworden, dass Sie mir gar keine detaillierte Antwort anbieten können, sondern mich dabei unterstützten können, die für mich wichtige Lösung zu finden.

In Ihren Beiträgen habe ich mich oft gefunden, aber genauso oft konnte ich mich auch distanzieren.

Ich versuche nun auf die Aussagen eingehen, von denen ich glaube, dass sie zur Zeit ein zentrales Thema für mich sind.

Ja, ich habe studiert und zwar das Fach Soziologie und im Nebenfach Pädagogik und Psychologie. Von daher sind mir zumindest in Teilen die einzelnen Theorien bekannt. Aber gerade mit Freuds Theorie der Triebunterdrückung und die vor allem auf sexuelle Triebe zurückzuführenden Störungen konnte ich bislang nicht viel anfangen.

Womit ich viel mehr anfangen kann ist das Problem der Ambivalenz. Ich würde mich in vielen Dingen als ambivalent bezeichnen, was auch schon vielen Freunden von mir aufgefallen ist. Einerseits strotze ich vor Selbstbewusstsein und bin stolz auf alles, was ich erreicht habe, andererseits können mich die kleinsten Dinge aus der Bahn werfen und machen mich hilflos und angreifbar.

Gerade in Krisensituationen entwickle ich enorme Stärken, um bei anderen oder mir selbst Hilfestellungen zu finden, auf der anderen Seite fühle ich mich wie ein rohes Stück Fleisch, das dem Leben und Schicksal ausgeliefert ist.

Wie Sie schon richtig erkannt haben, habe ich große Schwierigkeiten, ein Gleichgewicht zwischen Über- und Unterforderung herzustellen. Das macht mich ruhelos und unausgeglichen gleichzeitig aber kreativ und aktiv.

Ich suche nach dem Gleichgewicht und habe gleichzeitig Angst davor in einer Situation zu verharren. Das passt für mich zu den aufgeführten Aspekten bei einer Agoraphobie:

- die Angst, "in der Falle" zu sitzen
- keine Fluchtmöglichkeit zu haben, sodass man sich ausgeliefert fühlt
- keinen autonomen Entscheidungsspielraum mehr zu haben

Es stimmt, nicht die Konfrontation mit der angstbesetzten Situation ist das Problem, sondern sich zu konfrontieren mit

- den eigenen Gefühlen
- den Zuständen der Hilflosigkeit
- den unangenehmen Körpererlebnissen
- den körperlichen und vor allem den geistigen Kontrollverlustängsten
- den Fragen nach dem Sinn des Lebens
- den Möglichkeiten eines zu frühen Todes
- den Unabwägbarkeiten des Lebens
- den Unsicherheiten in der Familie und auf dem Arbeitsplatz
- der Möglichkeit einer schweren Erkrankung (z.B. wie meine Mutter Krebs)
- dem Risiko, dass etwas schief gehen kann und man mich deshalb zur Verantwortung ziehen kann
und vor allem
- den Gedanken, was passiert, wenn sich nie etwas ändern würde.

Ich habe trotz bisher immer wieder erfolgreicher Behandlung der Agoraphobie mit Hilfe der Konfrontationstheorie oft das Gefühl gehabt, der Zahn ist nun gezogen, aber irgendwie ist noch ein Stück der Wurzel drin geblieben. Diese kann sich eine Zeit lang ruhig verhalten, aber aus medizinischem Blickwinkel weiß ich ganz genau, dass es irgendwann zu einer Entzündung führen kann.

Deshalb habe ich nie innere Ruhe gefunden, sondern eine Erwartungsangst entwickelt, dass an irgendeiner Stelle, vielleicht sogar, wenn ich noch nicht mal damit rechne, die Angst wieder zurück kommt. Und dann wird sie noch schlimmer als vorher und wirft mich vielleicht sogar ganz um.

Meine Rückfälle waren meiner Meinung nach zum Teil selbsterfüllende Prophezeiungen. Oft haben sie mich gerade dann erwischt, wenn ich am glücklichsten war, wenn ich ein Ziel erreicht hatte oder ich auf Wegen wandelte, die in eine "geordnete" Richtung gingen.

Als bekennende Perfektionistin habe ich die Rückfälle sehr schlecht als Zeichen, dass vielleicht etwas nicht in Ordnung ist gedeutet, sondern als persönliche Niederlage, eine Bestätigung, dass ich doch nicht die Talente habe, die hin und wieder in meiner Brust aufflackern etc.

Der Rückzug, der darauf folgte, gab mir aber auch nicht die Befriedigung, die ich erwartete. Einerseits beschützte er mich davor, die Verantwortung für die Situation zu übernehmen, auf der anderen Seite bereitete er mir Unwohlsein, da mir bewusst war, dass das Leben draußen stattfindet und nicht - nur - in meiner Wohnung.

Nach Ihrer Beschreibung gehöre ich zum Glück anscheinend zu den Phobikern ersten Grades. Ich leide zwar darunter, mit Ängsten auf die Straße zu gehen, ertrage aber nicht zu viel Hilfestellung. Von daher finde ich es gut, dass Sie nicht mit Ihren Patienten durch die Stadt marschieren. Trotzdem "gönne" ich mir so manche "Dienstleistungen" von meinem Partner - wie mich z.B. zur Therapie fahren -. Dabei geht es mir nicht unbedingt besser, denn ich bin mir der Abhängigkeit noch voll bewusst. Aber wie ich Ihnen schon berichtet habe, bin ich anscheinend innerlich noch nicht bereit zu genesen.

Es könnte mein Perfektionismus sein, der mich diesmal dazu treibt, die Sache zu Ende zu bringen, die Wurzel also endgültig zu entfernen. Die Wurzel hat bei mir keinen Namen, also es heißt für mich nicht, dass ich das Bedürfnis habe, jetzt eine Hypnosebehandlung zu machen und mein mögliches Trauma zu erarbeiten. Vielmehr geht es mir darum, die Lösung zu finden, mit den Ängsten leben zu lernen, sie zu akzeptieren und nicht immer als Bedrohung für meine Zukunft zu sehen.

Unsere Beratung könnte also aus meiner Sicht zu Ende, wenn ich auf dem Weg zur Lösungsfindung bin, wenn ich nicht mehr zu viele Hacken schlage, sondern einen Anker gefunden habe. Ich hoffe Sie haben so viel Zeit und Geduld.

Eine wichtige Sache habe ich noch vergessen. Da ich durch die Arbeitslosigkeit bedingt sehr viel Zeit zur Verfügung habe, befasse ich mich auch mehr oder weniger ausschließlich mit meinem Problem. Dies ist m.E. nach auch mit ein Grund, warum die Konfrontationstherapie nicht so optimal fruchtet. Denn es ist ja wohl ein großer Unterschied, wenn ich nach erfolgreich überstandenen Arbeitstag mal eben noch in einen Supermarkt gehe, oder ob das Betreten des Supermarktes mein einziges Training für den Tag ist.

Weiterhin in freudiger Erwartung einer Antwort.

Bis bald

Kicki

 

 

Hans Morschitzky 22.04.2001 - 18:34

Hallo Kicki!

Danke für Ihren sehr ausführlichen Bericht. Ich habe keine Unterschiede erkannt.

Es freut mich, wenn ich Ihnen bereits eine erste Orientierung bieten konnte.

Es geht, wie Sie gesehen haben, letztlich um sehr existenzielle Ängste, und nicht einfach nur um die Angst vor Panikattacken.

Ich möchte Ihnen als "bekennender Perfektionistin" nur in Erinnerung rufen, wofür Perfektionismus gut ist: Perfektionismus ist der Versuch, keine Angst haben zu müssen, dass etwas schief geht, dass einen keiner mag usw.

Ambivalenz ist übrigens etwas völlig Normales. Wäre es nicht so, würden die meisten Psychotherapeuten kein Geschäft machen. Wenn wir immer vernünftig leben würden, wären wir auch gesünder und die Ärzte würden weniger Geschäft machen.

Psychotherapeuten leben daher im wahrsten Sinn von der "Un-Vernunft" der Leute, von dem, wo die Ratio aussetzt.

Deswegen haben Panikpatienten - wie Sie - ja auch gleich Angst, bald verrückt zu werden und offen "durchzudrehen", nur weil sie einen großen inneren Gefühlsdruck haben, der sie zum Zerreißen gespannt macht. Es ist ein typisches Merkmal vieler Panikpatienten mit massiven äußeren Belastungen und großen inneren emotionalen Anspannungen, dass sie das Gefühl haben, bald "durchzudrehen", "überzuschnappen", alles laut herauszuschreien und auszuflippen, eventuell sogar alles zusammenzuschlagen, um eine kurzfristige Entlastung vom inneren Anspannungszustand zu erleben.

Ich habe Leute in meiner Praxis gehabt, die behauptet haben, sie hätten mein Buch "Angststörungen" zur Gänze gelesen - und dennoch sind sie danach zu mir in Therapie gekommen.

Es ist wie bei zwei erfolgreichen Partnertherapeuten, deren Ehe selbst schief gehen kann - was ja auch oft genug der Fall ist. Wissen allein ist zu wenig! Jeder von uns ist verstrickt in seine Gefühle und zentralen Denkmuster - und überträgt im Sinne der Psychoanalyse immer wieder Sachen aus der Vergangenheit auf Personen der Gegenwart.

Ich habe gelesen, Sie lassen sich jetzt gerne überall hin bringen und genießen die Betreuung. Dann stehen Sie doch dazu! Nennen Sie es bloß nicht mehr Agoraphobie, wenn Sie eigentlich wissen, wie Sie durch eine Konfrontationstherapie sehr rasch wieder alles allein unternehmen könnten. Verstehen sie dies als Bedürfnis nach Zuwendung, das Sie derzeit nur unter dem Titel der Krankheit, der Agoraphobie, annehmen können.

Die Arbeitslosigkeit mag Sie sicherlich deprimieren und zwingt Sie auch nicht einfach zur Konfrontation mit der Realität. Doch vielleicht gehen Sie derzeit gerne Ihren Träumen nach und verarbeiten in Ruhe den Tod Ihrer Mutter und Ihrer Tante.

Können Sie bewusst folgende Vorstellungsübung durchführen:

Sie gehen auf der Straße überall hin, wo Sie wollen und Sie treffen auch alle Leute, die Sie sehen wollen. Und alle fragen Sie, was Sie jetzt gerade tun und was Sie arbeiten. Und Sie sagen einfach, dass Sie die letzte Stelle aufgegeben haben, weil sie nicht gepasst habe (warum sollten Sie immer nur von Panik-Agoraphobie-Depression reden?) und sind jetzt am Überlegen, ob Sie überhaupt noch eine Arbeitsstelle antreten sollen oder lieber ein Kind bekommen sollen."

Wie geht es Ihnen bei einer derartigen Vorstellungsübung?

Ich stehe Ihnen gerne so lange zur Verfügung, bis Sie Ihren Lösungsweg gefunden haben.

Was sagt übrigens Ihr Gatte zu Ihrer jetzigen Situation?

Weiß Ihr Gatte von unserer Korrespondenz?

Wenn Ihr Gatte davon weiß, lassen Sie ihn unsere Korrespondenz lesen. Ob ja oder nein - warum halten Sie dies so?

Wenn Sie wollten, wäre Ihr Gatte jetzt sofort mit einem Kind einverstanden?

Was glaubt Ihr Gatte, worin Ihr jetziges Problem tatsächlich besteht?

Mit lieben Grüßen, vor allem auch in Erwartung der Beantwortung meines letzten, sehr gewagten Beitrags. Habe ich Sie dabei zu tief getroffen und soll ich zukünftig zurückhaltender sein mit dem Spekulieren?

Hans Morschitzky

 

 

Kicki 22.04.2001 - 21:31

Lieber Herr Morschitzky,

ich freue mich über Ihre sehr einfühlsamen und für mich sehr bestätigenden Antworten.
Ich möchte nun chronologisch auf ihre letzten beiden Beiträge antworten und beziehe mich zunächst auf den vorletzten.

Es ist sehr treffend formuliert, dass ich meinen aktuellen Konflikt im Grunde meines Herzens schon erkannt habe, aber noch nicht in der Lage bin, ihn zu lösen. Die Frage nach einer anderen Therapie richtete sich m.E. nach vor allem darauf: Wo finde ich die Unterstützung, die ich im Moment brauche, um mein Problem zu lösen?

Mir ist bewusst, dass ich für mich nie richtig geklärt hatte, ob ich wirklich Kinder will oder ob die Ängste, die ich davor entwickelt habe, vorgeschoben sind. Nichts desto trotzt empfinde ich die Ängste oder nenne ich es lieber meine Sorgen real.

Meine Großmutter war krankhaft depressiv und konnte sich nicht um ihre Kinder kümmern. Sie war viele Jahr in einer Psychiatrie untergebracht, so dass meine Mutter bei Ihrer Tante aufwuchs. Ich selbst habe meine Mutter als sehr fürsorglich aber auch überängstlich erlebt. Dadurch war sie oft sehr nervös und hat mir das Gefühl gegeben, dass Kinder belastend sind. Dieses Schuldgefühl behielt ich bis kurz vor ihrem Tod. Erst in den letzten Monaten zeigte sie sich von einer ganz anderen Seite. Sie konnte sich mir zum ersten mal öffnen, Anregungen oder Trost annehmen und auch Zärtlichkeiten austauschen.

Als die Kinderfrage nun immer näher rückte, befürchtete ich, dass ich die Kette der Ängste und Depressionen weiterführen könnte.

Darüber habe ich mich auch mit meinem Mann unterhalten. Ich machte mir Sorgen, dass er mir später Vorwürfe machen könnte. Er versuchte mich in diesem Punkt zu beruhigen und machte mir klar, dass meine 3 Schwestern auch gesunde Kinder bekommen haben.

Hinzu kommt ein Erlebnis, das ich bei meinem letzten Rückfall hatte. Ich wollte wirklich nicht mehr zur Arbeit gehen. Ich sah den Kampf nicht mehr ein, um eine Stelle, die mir mittlerweile nicht mehr gefiel. Ich dachte über mein Leben nach und ob ich immer wieder durch dieses tiefe Tal gehen müsse, wenn ich auf Schwierigkeiten stoße. Dabei wurde ich so deprimiert, dass ich dachte, ich kann Mütter verstehen, die ihre Kinder mit in den Tod nehmen, wenn sie es nicht mehr aushalten. Es war eher der Impuls, dass ich meinem (ja noch nicht mal gezeugten) Kind diese Belastungen ersparen wollte, als der ernsthafte Gedanke daran, dass ich jemals einem Kind was Böses antun könnte.

Diese Gedanken haben mich so sehr erschrocken, dass ich aufsprang und zur Arbeit ging. Ich schwor mir, lieber gehe ich mit Angst und Frust arbeiten, als jemals wieder so einen Gedanken zu haben. Von da an entwickelte sich meine Angst, ich könnte in der Schwangerschaft oder nach der Geburt so belastet sein, dass ich wieder in so ein Loch fallen könnte und wenn ich es nicht mehr aushalten würde, tatsächlich mir und meinem Kind etwas antun.

Ich habe mich mit vielen Müttern darüber unterhalten und mir bestätigen lassen, dass sie alle hin und wieder Gedanken haben, die sie sich gar nicht auszusprechen wagen, aber in Wahrheit ihrem Kind nie ein Haar krümmen könnten. Dann habe ich mir vorgestellt, was ich machen würde, wenn ich wirklich in der Situation wäre und mir war klar, dass ich so laut um Hilfe schreien würde, bis ich sie gefunden habe.

O.K. auch wenn ich dies erkannt habe, ist die Sorge darum immer noch präsent und wird vielleicht erst dann weg sein, wenn ich den Schritt gewagt und die erste Krisensituation überstanden habe.

Somit haben Sie das Problem sehr gut erkannt, als Sie schrieben "Vielleicht hält Sie doch die Angst vor Panikattacken und unbewältigten Depressionen, die Ihrer Fantasie nach vielleicht durch Schwangerschaft und Geburt noch verstärkt werden könnten, davon ab, in der nächsten Zeit schwanger zu werden."

Auch wenn ich mir nie selbst die Frage gestellt habe, ob ich "Kinder" will - ich habe es als normal vorausgesetzt - haben Sie wiederum treffend erkannt, dass ich eine große Sehnsucht nach Familie habe. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob ich diese "Opferrolle" wie sie mir von vielen Müttern, die ich beobachten konnte, bekannt ist, spielen kann und will. Ich brauche einen großen Freiraum - auch räumlich gesehen.

Also bereitet mir die Vorstellung, alleine ein Kind im Körper zu haben oder die ersten Jahre zumindest tagsüber alleine zu sein mit einem Kind große Beklemmungen. Hin und wieder "übe" ich schon mal mit den Kindern von Freundinnen. Auch wenn ich diese Kinder abgöttisch liebe, fällt es mir oft schwer, die Bedürfnisse, die ich habe, in der Zeit in der ich mit Ihnen alleine bin, zurückzustellen. Ich glaube, es ist wieder das Problem des Perfektionismus. Die Bereitschaft sich auf Schwangerschaft und Kinder einzustellen, war für mich immer gleichgestellt mit der Bereitschaft zur völligen Veränderung.

Dass ich mir wohl insgeheim doch ein Kind wünsche, habe ich auch erfahren, als meine beste Freundin, die mir von ähnlichen Sorgen berichtet, schwanger wurde. Ich spürte einen von mir noch nie erlebten starken Neid, dass mein Mann mich darauf aufmerksam machte, dass ich mich nicht freuen würde.

Zu Ihrer Frage, bis wann ich spätestens mein erstes Kind bekommen möchte, muss ich antworten "vorgestern". Mein terminliches Ziel habe ich weit überschritten.
Verantwortungsbewusst wie ich bin, wollte ich mein erstes Kind bekommen, bevor ich zu den Risikoschwangeren gehöre. Diesen Termin habe ich weit überschritten.

Den Vergleich mit dem Panikanfall und einem Orgasmus in der Schwangerschaft finde ich lustig. Nein, vor einem Panikanfall in der Schwangerschaft hatte ich keine Angst. Höchsten vor unkontrollierten Wutausbrüchen oder einer postnatalen Depression.

Sowieso, da ich ja mittlerweile weiß, dass ich die Panikattacken überwinden kann, habe ich eh viel mehr Angst vor Depressionen und zwar den Depressionen, die schädlich für mich und andere sein können. Ich glaube mittlerweile zu meinen ganzen realen Problemen kommt ein Problem der extrem großen Phantasie. Alles, was ich schon mal gehört habe, was passieren könne, könnte auch mir zustoßen.

Deshalb bin ich um so erleichterter, dass Sie mir geholfen haben, die Ereignisse der letzten beiden oder vielleicht der letzen 10 Jahre zu relativieren.

Nun zu dem Motto "Ich bin zwar jetzt arbeitslos, aber nicht weil ich so krank bin, sondern weil ich gar keine neue Arbeitsstelle mehr antreten wollte - nicht wegen der Angst vor einer Panikattacke, sondern aus dem Wunsch nach einem Kind heraus." So weit war ich schon vor 3 Monaten. Ich ging sogar so weit zu sagen, dass dies nun ein glücklicher Zufall sei und ich mich in Ruhe auf diese Phase vorbereiten könne. Ein paar freiberufliche Aufträge von außen gaben mir sogar das Gefühl, eine neue Existenz bzw. einen anderen Weg des Berufseinstiegs zu machen.

Ich kann leider nicht sagen, warum mir dies nicht geholfen hat. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass ich mich mit dieser Aussage doch selbst betrügen würde. Aber ich glaube, es hatte auch was damit zu tun, dass ich dann mit noch größeren Schritten auf die ausstehende Schwangerschaft zugehen würde.

Und da ich nun merke, dass ich mich wieder im Kreis drehen würde, wenn ich da weiter darauf eingehen würde, gehe ich lieber auf ihren zweiten Beitrag ein.

Auch hier haben Sie wieder ins Schwarze getroffen:

Die Angst verrückt zu werden beruht mit Sicherheit auf einem extrem großen Gefühlsdruck. Diesen Druck spürte ich in der letzten Zeit vor allen Dingen im Kopf. – Seltsamerweise verspüre ich diesen Druck im Moment nicht.

Ich finde es sehr schön, dass Sie mein Bedürfnis mich überall hinbringen zu lassen, nicht als persönliches Versagen ansehen, nicht gegen die Agoraphobie zu kämpfen, sondern eher als mein Bedürfnis nach Ruhe und Verarbeitung.

Nun zu meinem Mann. Wie Sie schon erkannt haben, habe ich nun den richtigen Mann geheiratet. Wenn überhaupt, möchte ich nur mit ihm gerne Kinder. Er ist über meine jetzige Situation informiert und auch über unsere Korrespondenz. Er gibt mir alle Freiheiten der Welt. Zeigt viel Geduld und unterstützt mich vor allem darin, indem er meine realen Probleme ernst nimmt. Doch mittlerweile wünscht er sich doch endlich ein Kind. Er würde es zwar akzeptieren, wenn ich mich dagegen entscheiden würde, wäre aber mit Sicherheit sehr traurig und in seinen Lebensplänen eingeschränkt.

Ich habe ihn einen Teil unserer Korrespondenz lesen lassen, vor allem die Antworten von Ihnen. Offenheit ist ein großes Thema bei uns wobei ich ihm auch nicht alles erzähle und auch nicht alle Beiträge - vor allem die von mir - lesen lassen möchte. Ich würde es ja auch nicht für sinnvoll halten, ihn mit zur Therapie zu nehmen. Selbst wenn ich ihm viel erzähle. Meistens erzähle ich ihm die verarbeiteten Dinge.

Mein Gatte glaubt, dass mein jetziges Problem darin besteht, dass ich zu hohe Ansprüche an mich habe und versteht nicht, warum ich glaube, dass ich mit einem Kind allein dastehen würde. Auf der anderen Seite signalisiert er mir schon klar, dass er die Hauptverantwortung bei mir sieht.

So ich hoffe, der Beitrag war nun nicht zu lange. Bisher fühle ich mich sehr wohl bei der Korrespondenz. Ich finde Ihre Fragen auch nicht zu gewagt und Ihre Antworten nicht zu direkt.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung

Kicki
 

 

Hans Morschitzky 24.04.2001 - 0:36

Liebe Kicki!

Die für mich sehr beeindruckende Korrespondenz mit Ihnen hat entscheidend dazu beigetragen, dass ich mich entschlossen habe, Klarheit zu gewinnen, wie ich nach Ablauf des April-Expertenforums weiter machen könnte.

Ich habe mich entschlossen, mit der Unterstützung von Steve als Informatiker folgendes Projekt zu wagen:

"Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen. Ein Internet-Buch als Hilfe zur Selbsthilfe".

Ich bin sehr beeindruckt von Ihrer sehr differenzierten Darstellung. Es freut mich, wenn ich oft den Nagel auf den Kopf getroffen habe und Ihnen bisher eine Hilfe sein konnte.

Sagen Sie Ihrem Mann einen schönen Gruß von mir. Ich bin ganz seiner Meinung. Sie gehen eine eventuelle Mutterschaft viel zu perfektionistisch an!

Die Angst, einem (geliebten!) Kind etwas Schreckliches antun zu können, ist übrigens eine häufige Zwangsbefürchtung. Hier nimmt Ihr Perfektionismus geradezu ein zwanghaftes Ausmaß an!

Doch habe ich dafür eine sehr menschliche, einfühlsame Erklärung: nach den Todesfällen sind Sie einfach nur angemessen traurig. Sie haben keine schwere Depression, die mit Selbstmordgedanken einhergeht.

Sie haben vielmehr den typischen Gedanken vieler ängstlicher Mütter: "Was wäre, wenn ich einmal in einem Black-Out-Zustand nicht mehr leben wollte und dann auch gleich mein Kind mit in den Tod nehmen würde?"

Habe ich recht?

Dies ist kein Gedanke an einen erweiterten Suizid, sondern ein klassischer, sicherlich sehr angstmachender (Zwangs-) Gedanke vieler liebevoller Mütter, denen halt manchmal alles zu viel wird, die aber auf jeden Fall leben wollen und das Beste für ihr Kind tun wollen.

Ich hatte einmal eine Patienten in meiner Praxis, der - im vierten Monat schwanger - der Freund aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war. Sie hatte in dieser Belastungssituation Angst, sich etwas anzutun oder verrückt zu werden. Ich versuchte sie in dieser Drucksituation zu beruhigen und zu unterstützen, weil sie unkorrigierbar befürchtete, sie könnte sich und damit auch ihr Kind im Mutterleib töten. Zur zweiten Sitzung kam sie nicht mehr. Nach drei Wochen suchte sie mich in meinem Zimmer in der Nervenklinik auf. Sie war schon längere Zeit stationär und durfte die offene Station nicht verlassen - wegen ihrer "Selbstmordgedanken". Sie hatte allen - der Ärztin, den Schwestern, den Mitpatientinnen - erzählt, sie sei sehr gefährdet, sich aus dem Fenster zu stürzen, sodass niemand in ihrer Nähe ein Fenster öffnen dürfe. Die Station befand sich im 1. Stock. Ich war der erste, der erkannte, dass sie nach wie vor nicht selbstmordgefährdet war, sondern sie nur größte Sorge hatte, sich in dieser emotionalen Drucksituation etwas anzutun - eine typische Kontrollverlustangst, die sie mit zwanghaften Bewältigungsstrategien in den Griff zu bekommen versuchte! Sie wollte nämlich unbedingt leben, meinte aber ständig, wie würde "durchdrehen", daher sei sie gleich sicherheitshalber in die Psychiatrie gegangen, um ihr Kind nicht zu gefährden.

Zwänge sind eine Form, mit unkontrollierbaren Ängsten besser zurecht zu kommen, doch bald werden diese selbst zu einem noch größeren Problem.

Zwanghafter Perfektionismus ist auch einer der häufigsten Gründe, warum eine Konfrontationstherapie oft nicht so wirkt, wie man sich dies vorstellt.

Warum eine Konfrontationstherapie oft nicht wirkt, hat oft folgende Gründe:

Meiner Erfahrung nach treten Endlos-Konfrontationstherapien mit durchaus sichtbaren Erfolgen, jedoch noch immer unzureichenden Erfolgserlebnissen unter folgenden Bedingungen auf:

1. Fehlende Bereitschaft zu einer Panikattacke.

Die Betroffenen stellen sich zwar allen Situationen, jedoch nur so, dass sie dabei auf keinen Fall eine Panikattacke erleben. Dies allein hält bereits eine Daueranspannung aufrecht. Ohne die echte Bereitschaft zu einer heftigen Panikattacke wird immer wieder ein Dauerstress bestehen bleiben, weil man ja ständig Vermeidungs- und Unterdrückungsmechanismen anwenden muss.
Die "Angst vor der Angst" ("Was wäre, wenn ...") hält ständige Erwartungsängste aufrecht.

2. Die ärgste Angst wird nicht erkannt (Was ist die ärgste Angst bei einer Konfrontation?)

Die wichtigsten Fragen bei einer Konfrontation lauten meiner Meinung nach:
- Was fürchte ich am meisten, wenn ich mich allen Situationen stelle?
- Welche Situationen fürchte ich am meisten, sodass ich ihnen jetzt noch immer auszuweichen versuche, soweit es geht?
- Welche Symptome fürchte ich am meisten, sodass alles auftreten darf, nur nicht diese?

3. Perfektionismus als Mittel der Angstbewältigung.

- Jeder Perfektionismus ("Wenn schon, dann muss ich alles super schaffen") ist bei einer Konfrontationstherapie schädlich, weil er von der kognitiven Seite her den Stress erhöht.
- Der Versuch, erlebte positive Erfahrungen mit der Angstbewältigung zu generalisieren auf andere Situationen scheitert an der mangelnden Fähigkeit zur Generalisierung von Erfahrungen, d.h. der hoffnungsvollen Übertragung des Gelernte auf neue Situationen. Der Grund liegt im Perfektionismus: "Es ist jetzt schon 20 mal gut gegangen, doch wer sagt, dass nicht beim 21. Mal etwas passieren könnte?"

4. Sozialphobische Züge in einer agoraphobischen Situation.

Sozialphobische Komponenten halten bei einer Konfrontationstherapie eine ständige Anspannung aufrecht:
- Was werden sich die anderen denken, wenn sie meine Symptome bemerken?
- Wenn ich tatsächlich auffalle, bin ich dann "nervenschwach", "psychisch nicht belastbar", ein Schwächling, weniger liebenswert, weil schwach?

5. Die Einnahme oder Verwendung bestimmter Mittel

- Keine Tranquilizer einnehmen oder mitführen!
- Keinen Alkohol als Pillenersatz verwenden!
- Keine Notfallstropfen, denn es besteht kein Notfall!
- Kein Handy, denn es besteht keine Lebensgefahr!
- Kein Verlass auf andere Personen (nicht das Vertrauen auf sich selbst durch das Vertrauen auf andere ersetzen!)

6. Ständige Ablenkungsversuche statt Zuwendung.

Man wird komischerweise eher ruhig, wenn man sich nicht pausenlos abzulenken versucht, sondern sich zu seinen Symptomen hinwendet: "Ich spüre jetzt meinen Schwindel, mein Herzklopfen, meine weichen Knie usw., ich gehe aber dennoch in die Situation und bleibe so lange ich will und nicht so lange mich die Symptome lassen."

7. Sekundärer Krankheitsgewinn.

Gibt es letztlich auch Vorteile aus der Agoraphobie?
- Was will ich eigentlich vermeiden?
- Welchen anderen Konflikten gehe ich aus dem Weg, die sofort und unweigerlich auftreten, wenn ich alle Situationen problemlos meisten kann?

8. Aktuell depressive Symptomatik oder depressive Verstimmung

Eine depressive Symptomatik ist u.a. charakterisiert durch eine körperliche und psychische Kraftlosigkeit. Man sollte es daher in einer depressiven Phase gar nicht versuchen, durch eine derartige Aktivierung, wie sie bei einer massierten Konfrontationstherapie erforderlich ist, sein Selbstwertgefühl aufzubauen, denn es kann nur zu einem Misserfolg kommen, der die depressive Symptomatik noch weiter verstärkt. Eine Konfrontationstherapie ist daher höchst ungeeignet, das schwache Selbstbewusstsein in der Depression aufzubauen, weil wieder alles auf Leistung und Durchhalten ausgerichtet ist - was oft genau die Gründe waren, warum es zu einer "Erschöpfungsdepression" gekommen ist.

9. Mangelnde Veränderungsziele nach der Konfrontationstherapie.

- Was will ich eigentlich im Leben erreichen, wenn ich keine Symptome habe? Wenn es einem nicht mehr schlecht geht, dann muss es einem noch lange nicht gut gehen!
- Wofür loht sich der ganze Aufwand?
- Was würde ich sofort, in einem Monat, in sechs Monaten, in einem Jahr tun, wenn ich keine Ängste (Agoraphobie, Panikattacken) mehr hätte?

Liebe Grüße in der Hoffnung, dass Sie weitere Klarheit gewinnen können.

Hans Morschitzky
 

 

Kicki 24.04.2001 - 13:30

Guten Morgen Herr Morschitzky,

Ihre Idee ein Projekt mit dem Titel "Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen. Ein Internet-Buch als Hilfe zur Selbsthilfe" finde ich sehr gut, obgleich ich mit dem Wort "Internet-Buch" noch nicht viel anfangen kann. Die Dimension die das Internet übernimmt hat mich eh in den letzten Jahren begeistert, auch wenn vor allem Menschen, die beruflich viel damit zu tun haben das Medium als anzweifeln. Ich sehe dies wie mit vielen anderen Dingen: Wenn es mir oder anderen nützt, finde ich es gut. Wichtig finde ich dabei nur, dass ich für mich immer klar habe, dass das Leben weiterhin "draußen" stattfindet und ich hier Anregungen und Wege finden kann, das Leben draußen zu meistern. So sehe ich das auch mit der Online-Beratung.

Was dies betrifft, muss ich Ihnen ein dickes Kompliment von meinem Mann machen.

Wir haben uns gestern Abend darüber unterhalten, dass es mir jetzt seit fast 7 Monaten unverändert schlecht geht. Er kennt mich seit 10 Jahren mit allen Höhen und Tiefen, hat mich aber noch nie so lange in einem so tiefen Loch erlebt. Die Gespräche mit Ihnen helfen mir sehr und so langsam gewinnt auch mein Mann Einblick in meine Schwierigkeiten.

Doch nun zu Ihrer letzen Antwort. Sehr entscheidend fand ich die Passage:

"Sie haben vielmehr den typischen Gedanken vieler ängstlicher Mütter: "Was wäre, wenn ich einmal in einem Black-Out-Zustand nicht mehr leben wollte und dann auch gleich mein Kind mit in den Tod nehmen würde?"

Genau darum ging es bei mir. Neben den "unrealistischen" oft sehr bedrückenden Gedanken konnte ich zum Glück immer wieder klar denken und mir selbst klar machen, dass ich dies nie tun würde. Doch machte mir das Aussprechen der Gedanken Angst, dass vielleicht doch jemand denken könnte, dass ich in irgendeiner Art gefährdet bin oder einmal gefährdet sein könnte.

Von daher konnte ich auch Ihre Patientin gut verstehen, die dann zum eigenen Schutz bzw. zum Schutz ihres Kindes lieber in die Psychiatrie gegangen ist. Sie zeigte für mich damit ein sehr großes Verantwortungsbewusstsein sich und ihrem ungeborenen Kind gegenüber. Vielleicht suchte sie ja auch so wie ich, nach einem großen Verlust bzw. Enttäuschung eine Geborgenheit, die man ihr in ihrer Umgebung nicht geben konnte, bzw. die sie nicht in der Lage war anzunehmen.

Gerade Menschen mit einem geschwächten Selbstbewusstsein - das man in einer Krise ja noch verstärkter hat - suchen nach einem Halt durch eine "höhere" Instanz.

Mir war es bisher immer wieder wichtig, kilometerweit von einer Psychiatrie zu sein, denn dort befürchtete ich nur eine von vielen zu sein und mit Medikamenten ruhig gestellt zu werden. Von daher müsste bei mir schon sehr viel passieren, bis ich mich "ganz aufgeben" würde und in die Psychiatrie gehen würde.

Sie könnten recht haben mit Ihrer Aussage, dass ich mittlerweile unter einem zwanghaften Perfektionismus stehe und deshalb die Konfrontationstherapie behindert wird.

Die 9 Punkte, die Sie aufgeführt haben, könnte ich blind unterschreiben und ich finde es gleichzeitig faszinierend wie erschreckend, dass man theoretisch in ein Lehrbuch passt.

Ich versuche alles perfekt zu machen, sogar eine Therapie. Selbst wenn ich irgendwo "aufmucke", ist dies ein gezielter und wohl überlegter Einsatz von mir, denn ich weiß ja mittlerweile, dass man seine Gefühle nicht unterdrücken soll.

Der Zwang, bald wieder gesund zu werden, setzt mich unter einen so enormen Druck, dass ich seit ein paar Tagen starke Nackenschmerzen habe und das Gefühl habe, einen Zementsack auf den Schultern zu tragen.

7 Monate in einem Zustand zu verharren, kommt mir schon ziemlich lange vor. Vielleicht da ich oft vor meinen Problemen weggelaufen bin und mir immer schnell ein neues Ziel oder eine neue Aufgabe gesucht habe. Doch diesmal merke ich, dass es anders ist. Ich glaube mittlerweile, dass der Erfolg deshalb nicht eintreten will oder kann, weil die Sache noch nicht "ausgesessen" ist. Aber auch hier sehe ich wieder einen Erfolgszwang unserer Gesellschaft. Psychische Probleme sind so lange "normal" und akzeptiert, wie man auch etwas "dagegen" tut. Also sobald jemand merkt, dass er in einer Krise ist, muss er auch etwas dagegen tun. Nur dann nimmt man sein Schicksal selbst in die Hand. Damit verleugne ich aber auch die inneren Heilungsprozesse bzw. Verarbeitungsprozesse des Körpers, der Seele und des Geistes.

Ich fühle mich tatsächlich krank seit 7 Monaten. Körperlich geschwächt und nicht belastbar. Jegliche Anstrengung, die in Richtung "Heilung" geht, wie die Konfrontation im Supermarkt, das Treffen mit Freunden, das Kartenspiel am Abend, sogar das Schreiben hier im Internet strengen mich an. Wobei ich das Schreiben im Internet nicht missen möchte. Ich habe mir schon oft überlegt, dass ich vielleicht trotz besseren Wissens eine körperliche Krankheit habe, die ich mit der Konzentration um meine Psyche total übersehe. Doch interessanter Weise schlafe ich hervorragend. Zum späten Abend hin werde ich meistens ruhig und wenn ich morgens wach werde, fühle ich mich für die ersten Sekunden sehr wohl. Sobald ich merke, dass wieder ein neuer Tag beginnt, werde ich schlecht gelaunt und müde. Am besten geht es mir im Moment, wenn ich mich um meinen Haushalt kümmere, also Dinge tue, bei denen ich nicht großartig nachdenken muss. Dann sind auch meine Gedanken klarer und ich fühle mich körperlich fitter.

Dies zeigt mir dann deutlich, dass nicht mein Körper die extreme Ruhe braucht, sondern mein Geist.

Sie sehen, ich versuche gerade mein Tempo selbst zu bestimmen, auch wenn es mir sehr schwer fällt. Denn ich betrachte immer alles von zwei Seiten: Mit dem Auge der Vernunft "Du darfst dich nicht komplett gehen lassen" und meinem Instinkt "Du brauchst noch viel Ruhe und Zeit". Es wäre schön, wenn man wüsste, dass alles sich von selbst regeln könnte. Wenn man wüsste, in zwei Monaten wachst du auf und fühlst dich wie neu geboren.

Nach meinem Gefühl befinde ich mich immer noch in der Trauer, auch wenn ich nicht bewusst daran denke. Im Gegenteil, für meine Begriffe und auch für manche Außenstehende habe ich mich nach dem Tod meiner Mutter viel zu cool verhalten. Ich habe für mich festgestellt, dass ich ganz anders mit dem mit dem Tod meiner Tante umgegangen bin.
Dort spürte ich, dass es mir das Herz zerreißt, dass ich sie vor Ihrem Tod weder sehen noch sprechen wollte, dass ich es kaum aushalten konnte, zu ihrer Beerdigung zu gehen, aus Angst, ich könnte dort zusammenbrechen.

Bei meiner Mutter war einfach die Vernunft zu groß bzw. der Gedanke daran, dass es ihr jetzt besser geht, wo ihr noch weitere schlimme Schmerzen erspart blieben. Ich war dem Schicksal und vielleicht sogar Gott dankbar, dass sie von weiterem Leid verschont blieb.

Nur durch diese Vernunft habe ich auch den Bezug zu ihr verloren. Durch ihre Krankheit hatte ich sie von einer ganz anderen und neuen Seite kennen gelernt. Sie war auf einmal die verletzliche, die Liebe zeigende und annehmende Mutter, die ich mir immer gewünscht hatte. Doch diese Zeit war einfach viel zu kurz.

Wenn ich die Augen schließe, weiß ich nicht mehr, welche Mutter ich mir vorstellen soll, die die ich zum Schluss kennen gelernt habe, oder die, die ich mein ganzes Leben lang kannte. Ich glaube dass dies meinen Trauerprozess behindert.

Mir ist auch immer noch nicht so ganz klar, was mir am meisten zu schaffen macht: Die Vergangenheit oder die Zukunft.

Ich befinde mich zur Zeit in einem Vakuum, das ich am liebsten nicht verlassen würde, wenn da nicht der Gedanke wäre, dass mir die Zeit davon läuft und dass ich doch jetzt bald das recht dazu habe wieder glücklich zu sein.

Mir fällt gerade etwas Wichtiges ein, auch wenn ich mittlerweile merke, dass mein Beitrag mal wieder sehr lang geworden ist.

Ich glaube ein zentrales Problem liegt darin, dass meine inneren Heilungsprozesse immer wieder durch Ereignisse von außen beeinflusst worden sind.

Was ich damit sagen möchte, ist, dass ich bei allen Bemühungen und Anstrengungen, die ich in den letzten Jahren auf mich genommen habe, mein Schicksal anzunehmen, neue Hoffnung zu schöpfen und neue Wege zu beschreiten ein neuer Schicksalsschlag von außen kam, vor denen ich mittlerweile kapituliere und laut schreie:

"JETZT IST ES ABER GENUG"

Kann ich nicht mein Leben endlich mal genießen, die Lorbeeren meiner Anstrengungen ernten und mich schlicht und ergreifend mal einfach nur auf mich konzentrieren. Ich stehe mittlerweile so sehr im Mittelpunkt meines Lebens, dass ich keine Lust mehr habe, durch irgendjemanden gestört zu werden.

Vielleicht auch deshalb die "Weigerung" jetzt einfach so weiterzumachen, als wenn nichts wäre. Zur allgemeinen Aussöhnung mit dem Schicksal jetzt ein Kind bekommen, wovor ich eh Angst habe, und was mich vielleicht noch verletzbarer macht, oder eine neue Stelle anzutreten, bei der ich eine große Angst entwickeln würde, wieder enttäuscht zu werden.....

Tut mir leid, ich musste jetzt einfach auch mal um mich jammern und hatte das Bedürfnis mal "Nein" zu sagen zu dem Schicksal, das ich mir nicht ausgesucht habe.

Immer noch in großer Hoffnung, dass ich irgendwann die Lorbeeren ernten kann und wieder glücklich werde, immer noch voll Sehnsucht nach Erleichterung und immer noch ein Stück weit glücklich und stolz auf das was mir geblieben ist

Kicki

 

Kicki 24.04.2001 - 14:46

Ich habe mich gerade so in Rage geschrieben, dass mein Herz bis oben hin klopft und ich das Gefühl habe, ich muss meiner Wut noch mehr Raum geben.

Ich bin wütend auf alle Menschen um mich rum, denen es schlecht geht und mich deshalb davon abhalten, mein Leben zu leben. "Lasst mich doch in Ruhe mit eurem Leid, sucht euch doch jemand anderen, der sich darum kümmert und macht mir doch kein schlechtes Gewissen, wenn ich merke, dass ich nicht mehr kann."

Ich bin wütend auf alle Menschen um mich rum, die mich lieb haben und mir helfen wollen aus dem Loch rauszukommen. "Lasst mich doch in Ruhe mit euren Ratschlägen und eurem Wunsch, dass ich wieder die alte werde. Wenn ihr mein Leid nicht mehr ertragen könnt, dann bleibt weg und versucht mir nicht einzureden, dass ich in eine Kur soll. Ich möchte hier bleiben und hier in meiner Wohnung klar kommen. Ich möchte einen Ruhpunkt in mir finden und nicht in einer tollen Landschaft. Dort gehe ich hin, wenn ich das Bedürfnis dazu habe."

Ich bin wütend auf alle Menschen um mich rum, die glücklich sind und von nichts anderem reden: "Lasst mich doch in Ruhe mit euren ständigen Beweisen, dass das Leben auch schön sein kann. Ich kann es im Moment nicht sehen und will es auch nicht sehen. Ich weiß aber, dass ich es irgendwann wieder sehen werde."

Ich bin wütend auf alle Menschen, die mir in der letzten Zeit weh getan haben, weil sie mich verlassen haben oder weil sie mich nicht bei sich haben wollten. "Ihr habt mich nicht danach gefragt, ob ich das auch will. Ihr habt es einfach geschehen lassen und mich um Verständnis gebeten. Ich habe auch Verständnis gehabt und es gezeigt, selbst als mir gekündigt wurde. Ich habe sowieso in meinem ganzen Leben immer die andere Wange hingehalten, wenn ich geschlagen wurde. Ich frage mich nur, wann ist Schluss damit."

Ich bin wütend auf alle Menschen um mich rum, die bisher immer besser wussten, was für meine Seele gut ist. "Du kannst doch deine Trauer nicht unterdrücken, das ist schädlich für deine Seele." "Nein, dafür bist du doch viel zu sensibel, das würde ich lieber lassen". "Du mit deinen Ängsten und deinen Problemen Auto zu fahren, willst aufs Land ziehen. Da sehe ich schwarz für dich, du wirst vereinsamen und unglücklich werden." Als wenn ich hier glücklicher wäre! "Glaubst du in deiner Situation wäre es nicht besser dies zu tun oder jenes zu tun..."

Ich weiß, alle haben es nur gut gemeint und die, denen es schlecht ging, hatten ein Recht auf Unterstützung. Aber ich war nicht in der Lage, ihnen zu helfen. Ich hatte einfach keine Kraft mehr.

Lieber Herr Morschitzky,
Sie hatten recht, ich war wahrscheinlich nie wirklich suizidgefährdet oder gefährdet irgendjemandem etwas schlechtes anzutun. Ich wollt mich nur mal eine zeitlang aus dem ganzen Elend ausklinken. Kein Verständnis für andere haben, keinen Ansprüchen genügen und vor allem nicht immer "vernünftig" sein.
Das Schöne daran, hier zu schreiben, ist für mich im Moment, dass ich mir vieles von der Seele schreiben kann, ich aber niemanden zwinge, mir zuzuhören oder zu antworten. Und trotzdem freut es mich, wenn mir jemand zuhört und mich versteht. Mir das Gefühl gibt, nicht für mein Leben lang als „psychisch Gestörte“ verharren zu müssen, sondern eher das Gefühl gibt, völlig normal zu sein und lediglich, wenn vielleicht auch etwas überzogen auf Dinge zu reagieren, die man im Leben als Schicksalsschläge, Hürden oder sonst was bezeichnen könnte.

Ich gewinne mittlerweile wieder den Glauben daran, dass es irgendwann überstanden ist und ich vielleicht tatsächlich mit oder ohne Hilfe einer neuen Therapie lerne, mit Schicksalsschlägen anders umzugehen. Ich habe wahrscheinlich viel zu lange geschluckt und alles was um mich rum passierte auf mich und mein Unvermögen damit umzugehen projiziert.

Ich möchte lernen, die Dinge, die mir gehören, an mich ranlassen zu können und die Dinge, die nicht zu mir gehören, zu sehen aber nicht darunter zu zerbrechen.

Wenn ich das Forum hier als Mülleimer benutzen sollte, dann tut es mir leid. Aber hat nicht jeder das Recht auf einen Ort, wo er seine Dinge abladen oder vielleicht zwischenlagern kann?

Kicki

 

Hans Morschitzky 24.04.2001 - 20:47

Liebe Kicki!

Ich sehe, Sie sind eben dabei, Ihre eigenen therapeutischen Reflexionen und Fortschritte zu erzielen, und zwar indem Sie alles zulassen und in Worte zu formulieren versuchen, was Ihnen an Gefühlen und Gedanken unterkommt.

Dies ist gut so. Kicki, Sie verwenden das Forum nicht als Mülleimer, sondern schlicht und einfach als öffentliches Tagebuch, um alle anderen zu ermutigen, ihre Gefühle ebenfalls in Worte zu fassen, um alles klarer zu bekommen.

Verbalisierung der Gefühle - geschrieben in Tagebuchform, Briefform oder online, gesprochen in Form einer Psychotherapie - bewahrt vor Somatisierung!

Ich dachte mir's doch, dass neben Angst und Panik auch viel Trauer, aber noch viel mehr Wut und Ärger in Ihnen steckt.

Warum wollten Sie anfangs alles nur Agoraphobie und Panikattacken nennen, wenn Sie schlicht und einfach nur andere starke Gefühlszustände hatten, die Sie bewegten, die Sie früher jedoch schwer zugelassen hatten und falsch etikettiert hatten als "Panikattacken"?

Ich möchte hier Ihre Worte, die sehr klar und verständlich sind, nicht im einzelnen kommentieren und zerpflücken, ich lasse vieles einfach so stehen, wie es von Ihnen spontan geschrieben wurde und lasse mich davon beeindrucken.

Es freut mich, dass Sie sich gleich in allen neun Punkten wiedererkennen, die ich für typische Endlos-Konfrontationstherapien zusammengestellt habe. Dies zeigt Ihnen doch, dass Sie sich der Außenwelt wieder stellen werden, wenn Sie Ihre Innenwelt bewältigt haben!

Mit besten Grüßen bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky

Abschließend noch ein Auszug aus meinem Buch "Angststörungen", um Ihre "Schreibtherapie" zu ermutigen und zu unterstützen.

Tagebuchschreiben und Tonbandgespräche - Therapeutischer Dialog mit der Angst

Dem regelmäßigen Tagebuchschreiben und Besprechen eines Tonbandes bei großem inneren Druck ist von amerikanischen Forschern längst ein therapeutischer Effekt zugebilligt worden. Der verbale Ausdruck von Gefühlen führt zu einer ersten emotionalen Entlastung, das Reden über traumatische Erfahrungen kann vor psycho-vegetativen Störungen bewahren. Das Schreiben über ein früheres traumatisches Ereignis an vier aufeinander folgenden Tagen führt zu einem Rückgang der Arztbesuche in den nächsten 6 Monaten. Jene Personen, die nicht nur über die Fakten des traumatischen Ereignisses, sondern auch über ihre Gefühle schreiben, profitieren vom Niederschreiben ihrer Erfahrungen am meisten. Diese Erkenntnisse hat der amerikanische Psychologe Pennebaker durch mehrere Studien gewonnen.

Belastende emotionale Zustände in Worte fassen zu können, hat eine therapeutische Wirkung. Psychovegetative und psychosomatische Störungen sind oft ein sprachloser Ausdruck dafür, dass es irgendwo drückt. Mit dem Begriff "Alexithymie" wird der Umstand bezeichnet, dass die betroffenen Patienten ihre Gefühlszustände nicht wahrnehmen, differenzieren und sprachlich ausdrücken können, sodass sich diese in körperlichen Zuständen einen Weg bahnen.

Nehmen Sie sich für Ihre Angstgedanken täglich etwas Zeit (10 Minuten können ausreichend sein) und schreiben Sie in Tagebuchform auf, was Sie gerade beschäftigt. Schreiben Sie in Angstsituationen oder möglichst danach alles auf, was Sie gerade denken und zu sich sagen. Sprechen Sie derartige Gedanken auch nach freiem Einfall auf ein Tonband. Lesen und hören Sie Ihre Aufzeichnungen immer wieder, um sich damit auseinanderzusetzen, bis die entsprechenden Dinge für Sie "erledigt" sind.

Beim Schreiben oder Reden zwingen Sie sich dazu, Ihre konfusen Gedanken zu ordnen, Ihre vagen Befürchtungen zu Ende zu denken und damit irgendeinen Lösungsweg anzupeilen. Beim reinen Nachdenken besteht die Gefahr, dass Sie ständig "im Kreis" denken. Die Wirkung von Therapiegesprächen beruht zum Teil auf einem ähnlichen Effekt wie das Tagebuch- oder Briefschreiben und das Besprechen eines Tonbandes.

Analysieren Sie später, wenn Sie einen gewissen Abstand dazu haben, Ihre Gedanken und Befürchtungen, die Sie auf Papier bzw. Tonband gebracht haben, um daraus zu lernen, was Sie ändern müssen, wenn es Ihnen besser gehen soll.

Zu Beginn des Schreibens oder Sprechens auf Tonband kann es sein, dass es Ihnen seelisch und körperlich nicht besser, sondern schlechter geht, weil Sie Ihre bislang gemiedenen Gefühle bewusst provozieren, um damit umgehen zu lernen. Dies weist darauf hin, dass nicht Verdrängen, sondern Bewältigen von schmerzvollen Gefühlen zu dauerhaften Zustandsverbesserungen führt.

Führen Sie einen Dialog mit Ihrer Angst:

- Stellen Sie sich vor, Ihre Angst wäre eine menschliche Person, mit der Sie reden könnten oder der Sie einen Brief schreiben könnten ("Meine liebe Angst!").
- Stellen Sie sich Ihre Angst als personifizierten Teil in Ihnen vor, der zu Ihnen gehört und mit dem Sie auch in Zukunft leben und zusammenarbeiten müssen. Stellen Sie sich daneben auch einen personifizierten Teil der Stärke und des Selbstvertrauens in Ihnen vor und lassen Sie diese beiden Teile oft miteinander in Dialog treten, mit allem Respekt voreinander, wie auch sonst Gespräche geführt werden sollen.


Kicki 25.04.2001 - 16:13

Lieber Herr Morschitzky,

es ist interessant, wie sich die Dinge parallel zu unserer Korrespondenz entwickeln.

Ich konnte gestern Abend erst spät Ihre Antwort lesen und finde es interessant, so viele Parallelen zu dem Erlebten und Ihren Ausführungen zu finden.

Ich habe mich mit vielen Menschen darüber unterhalten, ob sie mir zutrauen Mutter zu werden, als wollte ich mir von ihnen die Legitimation geben lassen. Dabei waren allen davon überzeugt, dass ich „trotz“ Panikattacken, eine gute Mutter sein würde.

In der ganzen Legitimationsfrage ist mir noch einmal bewusst geworden, dass es weniger darum geht, ob ich ein Kind haben darf oder nicht, sondern ob ich ein Kind will oder nicht. Und diese Frage kann mir niemand außer mir selbst beantworten.

Ich finde immer noch kein 100%iges ja zu einem Kind. Aber vielleicht auch deshalb, weil ich mir das alles noch gar nicht vorstellen kann mit allen positiven und belastenden Gefühlen und Aufgaben. Ich glaube aber mittlerweile, dass es dieses 100%ige "ja" gar nicht gibt. Die wenigsten machen sich wahrscheinlich so viele Gedanken wie ich darum.

Was ich aber auf jeden Fall mit "ja" beantworten kann, ist meine große Sehnsucht nach einer Familie. Ich bin ein sehr familiärer und geselliger Mensch. Nachdem ich meine Kernfamilie verlassen hatte und in eine andere Stadt zog, fand ich eine neue Familie in meinen neuen Freunden und Bekannten. Ich erlebte Familie bei der Arbeit und später im Studium. Doch musste ich immer wieder erfahren, dass diese Konstrukte nie von Dauer waren. Entweder ich entwickle mich weg davon, oder die anderen. Meistens waren es aber die anderen, denn ich kann mich nur schwer von dem, was schön ist, trennen. Viele haben mittlerweile eine eigene kleine Familie und sich aus zeitlichen Gründen oder wegen eines anderen Lebensrhythmus distanziert. Sie sind in meinem Herzen immer noch präsent und ich vermisse sie sehr.

So ist es wahrscheinlich immer im Leben. Menschen gehen einen Weg gemeinsam und trennen sich wieder - ohne böse Absichten. Ich leide meistens sehr unter diesen Auflösungsprozessen, schaue eine zeitlang zu und lasse es über mich ergehen, bis ich irgendwann erkenne, dass ich, wenn ich mich jetzt nicht selbst bewege, irgendwann alleine zurückbleibe.

Jetzt ist wahrscheinlich mal wieder ein Punkt für mich gekommen, bei dem ich mich bewegen muss. Mein Schwager meinte zu mir, ich müsste jetzt eine 180 Grad-Drehung vollziehen, um zu erkennen, dass der Weg schon da ist.

Dies erinnert mich an eine Tarotkarte, die mir sehr am Herzen liegt. Es ist die Karte der 5 Kelche. Eine Frau steht in Trauer gekleidet an einem Flussufer. Vor ihr liegen 3 Kelche, die umgefallen sind. Da sie den Blick nach unten richtet, erkennt sie nicht, dass eine Brücke über den Fluss führt. Auch erkennt sie nicht, dass ihr im Rücken noch 2 Kelche stehen, die ihr geblieben sind. Wenn sie sich um 180 Grad drehen würde, könnte sie sie sehen.

Ich glaube, ich bin im Moment an dem Punkt, dass ich weiß, dass die beiden Kelche mir im Rücken stehen. Die beiden Kelche sind meine Freunde und meine Familie, die mir geblieben sind. Die zwar nicht mehr alle vollständig sind und perfekt, so wie ich das manchmal wünschen, aber sie sind da. Es ist wahrscheinlich wichtig für mich, zu akzeptieren, dass die 3 Kelche, die vor mir liegen, sich nicht mehr bewegen können. Wenn ich aber weiter die Augen geschlossen halte und einen Schritt nach hinten mache, könnte ich die beiden anderen Kelche aus Versehen zertreten.

Die 180-Grad-Drehung ist vielleicht der erste Schritt. Aber mal ganz provokant ausgedrückt, was nutzt mir dieser Schritt. Eigentlich will ich ja über die Brücke. Dort befindet sich vielleicht ein Leben, das ich noch nicht kenne und das mir viel Freude bereiten wird.

Darf ich mich diesmal trennen und einfach über die Brücke gehen? Ich könnte mich ja noch kurz umdrehen und sie bitten mitzukommen oder ihnen sagen, wo sie mich finden könnten, wenn sie mich suchen. Wenn ich mich nur nach den beiden übrig gebliebenen Kelchen ausrichte, laufe ich Gefahr, dass sie auch irgendwann umfallen und ich dann wieder ganz alleine da stehe.

So nun habe ich eine neue Nuss zu knacken. Aber es ist sehr angenehm zu wissen, dass die beiden Kelche da sind.

Ich hatte kurz überlegt, die letzten Zeilen nur für mich zu behalten bzw. in ein privates Tagebuch zu schreiben. Aber dann habe ich mir überlegt, nein ich zensiere nicht. Wer es nicht lesen möchte, kann es ja sein lassen oder bestimmte Passagen überspringen.

Irgendwie macht es mir unheimlichen Spaß, hier zu schreiben. Es ist für mich ein neues Ventil. Irgendwann werde ich mich von diesem Medium lösen, denn ich merke, dass ich anfange, die Fragen nach innen zu richten und nicht mehr so stark nach außen. Trotzdem habe ich immer noch das Bedürfnis, meine Gedanken mitzuteilen. Vielleicht sollte ich mit meiner ganzen Schreiblust Bücher schreiben.

Lieber Herr Morschitzky,
es ist tatsächlich so, beim Schreiben oder Reden zwingt man sich dazu, seine konfusen Gedanken zu ordnen, die vagen Befürchtungen zu Ende zu denken und damit irgendeinen Lösungsweg anzupeilen.

Ich muss wohl dazu sagen, als ich gestern über meine Wut geschrieben habe, ging es mir danach ganz elend. Ich hatte einen super hohen Blutdruck und das Gefühl, dass es mir die Beine weghaut, sobald ich aufstand.

Aber auch das hat sich für mich wieder relativiert, als ich las "Zu Beginn des Schreibens oder Sprechens auf Tonband kann es sein, dass es Ihnen seelisch oder körperlich nicht besser, sondern schlechter geht, weil Sie Ihre bislang gemiedenen Gefühle bewusst provozieren, um damit umgehen zu lernen."

Was ich auch sehr interessant finde, ist, dass Sie mir zeigen, meine Wortwahl zu ändern. Denn ich hatte gestern Abend einen Gedankengang, bei dem ich das Gefühl bekam, einen Panikanfall zu entwickeln. Siehst du, da ist es schon wieder, dachte ich. Doch beim näheren Hinsehen wurde mir klar, es war kein Panikanfall, sondern schlicht und ergreifend ein schlechtes Gewissen, das sich mir aufdrängte.

Heute morgen fragte mich mein Mann, wer Brötchen holt. "Angst" schoss mir direkt durch den Kopf. Nein, es war pure Faulheit, die mich daran hinderte, mich vor dem Frühstück anzuziehen und zum Bäcker zu laufen.

Ich möchte das nun weiter beobachten, wie oft ich zu Gefühlen oder Gedankengängen "Angst" sage!!!

In dem Sinne bis bald

Kicki
 

 

Kicki 25.04.2001 - 17:11

Hallo,

ich bin es mal wieder mit einem Nachtrag, mir ist gerade etwas Lustiges eingefallen.

Was mich in der letzten Zeit oft genervt hat, waren die Aussagen von Freunden:

"Ich kann ja verstehen, dass du dich zur Zeit in einer Krise befindest, aber ich habe das Gefühl, du bewegst dich nicht."
Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich nicht bewege, mir war klar, dass ich auf der Suche bin, wo ich den nächsten Schritt hinsetzen soll. Aber auch das ist Bewegung.

Also werde ich in Zukunft sagen: "Ich bewege mich schon, ihr könnt es nur nicht sehen".

In diesem Sinne, weiterhin mit Entenschritten unterwegs

Kicki
 

 

Kicki 26.04.2001 - 4:41

Manchmal ist die Theorie einfacher als die Praxis.

Ich hatte heute Abend einen kleinen Streit mit meinem Mann, der mich nicht Schlafen lässt.
Ich hatte ja für mich beschlossen, dass wenn jemand glaubt, dass ich mich nicht bewege oder genügend bewege, ich ihm sage, dass ich das schon tue, er es aber nicht sehen kann.

In der Diskussion mit meinem Mann, bei der ich die Bestätigung suchte, dass ich ja jetzt einiges für mich tue, kam heraus, dass er glaubt, dass es nicht genug sei. Ich sollte mehr für mich tun, um wieder Spaß am Leben zu haben.

Was mich daran störte, war das Gefühl, dass ich ihm nicht genüge. Es war unheimlich schwer für mich, ihm zu glauben, dass es ihm um mich geht und nicht um ihn. Ich ging innerlich sogar so weit, ihm zu unterstellen, dass er mit seinen Bemerkungen klein halten wollte. Dass er gar nicht will, dass ich mich verändere und aus meinem Loch rauskomme. Ich habe Angst, dass ich mich von ihm distanziere, weil er mir im Moment gar nicht so richtig helfen kann.

Ich kenne dieses Gefühl und diese Situation von früher. Meistens haben die Menschen, die es gut mit mir meinten, das Gegenteil bei mir erreicht. Sie machten mich wütend und ich versuchte innerlich von ihnen los zu kommen. Dann entwickelte ich so eine Art Heldentum und den Gedanken "Euch werde ich es schon zeigen". Dann marschierte ich los und erst viel später konnte ich erkennen, dass sie doch den "richtigen" Nerv getroffen haben, ohne dies vielleicht bewusst zu steuern.

Sollte es diesmal wieder der Fall sein? Es fällt mir sehr schwer, dies zu glauben. Denn warum muss ich erst geschubst werden, bis ich mich bewege? Ich merke, dass ich mich verändert habe und es tut mir weh. Vielleicht tut es den anderen ja auch weh, das zu sehen und sie hoffen, mit ihrem Schubs, wieder die alte Kicki zu haben. Die die viel lacht, stolz auf sich ist und vor allem sich bewegt. Wie kann ich ihm nur glauben und nicht aus Trotz weitermarschieren sondern aus Überzeugung, dass er ja vielleicht wirklich recht hat.

Vielleicht hänge ich ja jetzt wirklich lange genug in meinem Loch und habe es von allen Seiten genug ausgekostet. Ich weiß nur eines, es muss was passieren bzw. es passiert schon was, auch wenn es mich nicht schlafen lässt.

Kicki

 

 

Hans Morschitzky 28.04.2001 - 17:01

Liebe Kicki!

Ihre Berichte sind wirklich sehr beeindruckend! Danke, dass Sie mich und andere Leser an Ihrem Entwicklungsprozess teilnehmen lassen. Ich möchte sie bewusst im einzelnen nicht kommentieren, weil sie ohnehin für sich sprechen.

Es ist eine gute Idee, immer zu überprüfen, ob alles wirklich immer "Angst" und "Panik" ist.
Auch meinen depressiven Patienten sage ich immer: Verwenden Sie in dieser Stunde einmal andere Worte als "depressiv" und "Depression", und Sie werden sehen, dass Sie mehr sind als ein Diagnoseschema auf zwei Beinen".

Es ist interessant, dass Sie aus Ärger auf Ihren Mann nicht schlafen konnten. Es ist also nicht immer alles gleich Angst. Sie sprechen mit Ihrem kleinen Streit etwas an, was oft vorkommt: Welche Auswirkungen haben Symptome auf die Beziehung? Während man oft lange vergeblich in der Kindheit herumgräbt, könnte man in der Gegenwart doch oft so fündig werden!

> Was mich daran störte, war das Gefühl, dass "ich" ihm nicht genüge. Es war unheimlich schwer für mich, ihm zu glauben, dass es ihm um mich geht und nicht um ihn. Ich ging innerlich sogar so weit, ihm zu unterstellen, dass er mit seinen Bemerkungen klein halten wollte. Dass er gar nicht will, dass ich mich verändere und aus meinem Loch rauskomme. Ich habe Angst, dass ich mich von ihm distanziere, weil er mir im Moment gar nicht so richtig helfen kann. Ich kenne dieses Gefühl und diese Situation von früher.

Wie glauben Sie, möchte Sie Ihr Mann "klein" machen, wenn Sie sich durch die Symptome selbst nicht mehr klein machen?

> Wie kann ich ihm nur glauben und nicht aus Trotz weiter marschieren, sondern aus Überzeugung, dass er ja vielleicht wirklich recht hat.

Wie können Sie das beliebte Partnerspiel "Wer dem anderen Recht gibt, hat verloren" beenden, ohne dass Sie nun vielleicht auch noch eine Partnertherapie brauchen, wo der Partnertherapeut zum Vermittler werden muss?

Tagebuch schreiben ist eine sehr gute Methode, sich und seine Gefühle zu entdecken. Sie können gerne dieses Forum dazu gebrauchen.

Bei Ihren Berichten zieht sich immer durch, wie wichtig Ihnen einerseits die Meinung der anderen Menschen ist und wie sehr es Sie andererseits ärgert, wenn Ihnen Freunde und Verwandte immer gut gemeinte Ratschläge geben wollen. Dies ist eine klassische Ambivalenz, die Sie einmal auflösen müssen, erst dann wird die übliche Konfrontationstherapie wirken.

Auf meiner Homepage informiere ich bereits Jugendliche mit sozialen Ängsten darüber, welche Falle es sein kann, wenn man durch die Rückmeldungen der sozialen Umwelt sicherer werden möchte. Im Folgenden ein Auszug aus meinem Online-Buch "Ängste Jugendlicher":

panikattacken.at/aengste_jugendlicher/angstjug.htm

Menschen mit sozialen Ängsten möchten es allen recht machen, um gefürchteter Kritik zu entgehen. Was dabei herauskommt, wird durch eine schöne orientalische Geschichte veranschaulicht.

In der glühenden Mittagshitze zogen ein Vater, sein kleiner Sohn und ein Esel durch die staubigen Gassen einer Stadt. Der Vater saß auf dem Esel, während der Junge daneben herging. Da sagte ein Vorübergehender: "Der arme Junge. Seine kurzen Beine können mit dem Tempo des Esels kaum mithalten. Wie kann ein Vater so faul auf dem Esel sitzen, während das kleine Kind vom Laufen ganz müde wird." Der Vater beherzigte diese Worte und setzte den Jungen auf den Esel. Bald darauf kam ein anderer Mann vorbei und rief: "So eine Unverschämtheit. Der kleine Bengel sitzt wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft." Dies schmerzte der Jungen, der daraufhin den Vater bat, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. Bald darauf rief eine vorbeigehende Frau entrüstet aus: "Hat man so etwas schon gesehen? So eine Tierquälerei! Der Rücken des armen Esels hängt völlig durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre die arme Kreatur ein Diwan!" Daraufhin stiegen Vater und Sohn wortlos vom Esel herunter. Einige Schritte weiter machte sich ein Fremder über sie lustig: "So dumm möchte ich nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und nicht einmal einen von euch trägt?" Jetzt erst zog der Vater die richtige Schlussfolgerung und sagte zu seinem Sohn: „Gleichgültig, was wir machen, es findet sich immer jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.

Wenn Sie bei mir in Therapie wären, würde ich darauf aufpassen, dass ich Ihnen nicht einen "Persil-Schein" in Richtung Mutterschaft ausstellen muss, sondern würde Ihnen anhaltend helfen, selbst die Entscheidung zu treffen. Wenn Sie daher bezüglich "Kind ja oder nein?" noch immer nicht sicher sein sollten, können Ihnen vielleicht noch folgende Gedanken weiterhelfen.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie nach dem Verlust von Mutter und Tante sowie nach dem Verlust der Arbeit Ihren Selbstwert nicht einfach "nur" durch ein Kind aufbauen wollen. Doch wann wissen Sie, dass Sie dieses Thema abhacken können, dass Sie jetzt nicht aus Versagen, weil sonst nichts geht, sondern einfach Mutter so werden wollen?

Es ist andererseits auch ein verständlicher Wunsch, die nötige Selbstbestätigung durch eine interessante berufliche Tätigkeit zu bekommen, bevor Sie zu Hause "nur" Mutter sein können.

Dies ist wiederum eine Ambivalenz. Wie lösen?

Probieren Sie einmal folgende Vorstellungsübung:

Sie verzichten jetzt bewusst auf ein Kind und werden in den nächsten fünf Jahren beruflich sehr erfolgreich tätig sein. Sie erreichen beruflich all das, wonach Sie immer gestrebt haben, und halten es sich offen, mit 39 Jahren eventuell noch ein Kind zu bekommen. Jetzt jedenfalls entscheiden Sie sich für die nächsten fünf Jahre für eine herausfordernde berufliche Tätigkeit.

Wie geht es Ihnen da? Welche Gedanken kommen Ihnen da? Geht Ihnen ein Kind ab? Werden Sie vielleicht keine interessante Arbeit finden? Oder haben Sie Angst, dass Sie danach nicht mehr aus dem Beruf aussteigen möchten und niemals ein Kind bekommen werden?

Also es geschieht ein Wunder, Sie wachen morgen früh auf und sind völlig gesund. Was werden Sie dann tun? Empfängnisverhütung absetzen oder Arbeit suchen? Gibt es einen dritten Weg? Der jetzige dritte Weg ist jedenfalls der Weg der Symptome, die über Ihr Leben entscheiden.

Für eine Teilnehmerin an einer psychoanalytisch orientierten Gruppentherapie habe ich da noch ein schönes und berühmtes Freud-Zitat:

Wo ES war, soll ICH sein.

Wo ES (Triebe, Urängste usw.) früher die Oberhand gehabt habt, soll zukünftig das ICH (autonome Personinstanz) bestimmen, was zu geschehen hat. Für Menschen mit Angststörungen bedeutet dies, selbst das Steuer im Leben zu übernehmen und sich nicht mehr weiter durch seine Symptome steuern zu lassen – aber auch andere nicht mehr durch Symptome zu steuern, sondern durch direkte gezielte und selbstverantwortliche Einflussnahme.

Mit besten Grüßen und Wünschen!

Hans Morschitzky


Kicki 28.04.2001 - 21:30

Hallo Herr Morschitzky,

schöner Zufall, dass Sie heute geschrieben haben.

Ich hatte auch gerade so gegen 17.00 Uhr einen langen Beitrag geschrieben, der dann leider verloren gegangen ist, weil mein Computer abgestürzt ist. Schade, denn ich weiß nicht, ob ich das alles noch einmal so zusammenbekomme. Die mir wichtigen Dinge, werden mir aber bestimmt wieder einfallen.

Mir macht es weiterhin viel Spaß, hier meinen Entwicklungsprozess zu beschreiben, da es mich wirklich weiterbringt. Von der völligen Verzweiflung, zur Suche, zum Finden und Umsetzen ist es ein weiter Weg. Es ist mir selbst wichtig, diesen schriftlich festzulegen, damit ich mich beim nächsten Rückfall - falls es ihn denn geben sollte - wieder an den Weg aus der Angst erinnern kann. Wenn ich versuche, mich an die anderen beiden Male zu erinnern, bekomme ich ein verzerrtes Bild, je nach meiner momentanen Stimmung.

Wenn ich hier schreibe, bin ich im Hier und Jetzt und jeden Tag kommt eine neue Erfahrung oder eine neue Erkenntnis dazu. Wenn ich anderen Betroffenen damit helfen kann, ihren eigenen Weg aus der Angst oder mögliche Parallelen zu finden, macht es mich glücklich und stolz und bestätigt mich gleichzeitig, dass das, was ich zur Zeit erlebe, nicht so falsch sein kann.

Mir ist sowieso aufgefallen, wenn ich die anderen Beiträge lese, dass es sehr viele Parallelen gibt. Die meisten beschäftigen sich - so wie ich - hauptsächlich mit ihren Symptomen. Obwohl viele schon in Therapie sind, zig Bücher über Panikattacken und Ängste gelesen haben, in der Regel wissen, dass ihre Symptome ungefährlich sind und sie sich viel besser mit den Problemen, die dahinter lagern beschäftigen sollten, haben sie Zweifel und Sorgen, dass doch etwas anderes "Bedrohliches" dahinter stecken könnte.

Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass gerade Menschen wie ich, die schon mehr als einmal den Weg aus der Angst geschafft haben, fast symptomfrei waren und dann doch wieder einen Rückfall erlitten haben, die größten Zweifler sind. Man braucht doch lediglich einen Schalter umzulegen und die Erfahrungen aus der Vergangenheit hoch zu holen. Und trotzdem funktioniert es nicht, also muss es zumindest diesmal eine schwerwiegende Erkrankung sein.

Beim ersten mal war es die Verhaltenstherapie, die mir den Weg gezeigt hat. Beim zweiten mal waren es die Tabletten, die mir wieder auf die Beine geholfen haben. Diesmal möchte ich es aus mir heraus schaffen. Hilfe zur Selbsthilfe. Das war es doch, was ich über meinen ersten Beitrag geschrieben habe... und doch zielten meine Fragen auf die Notwendigkeit einer neuen oder zusätzlichen Therapie. Sie haben den Braten sehr schnell gerochen und mich bewusst oder unbewusst genau auf den Weg zurückgeführt, den ich suchte. Denn was mache ich im Kongo, wenn kein Therapeut und keine Medikamente in der Nähe sind? Dann habe ich nur mich, auf die ich vertrauen kann. Nicht dass ich unbedingt in den Kongo möchte, aber ich sehe meinen Weg in eine mögliche Schwangerschaft und das daraus entstehende neue Leben schon als eine weite Reise an.

Bevor ich aber jetzt beschreibe, welche Gedanken mir zum Thema Selbsthilfe gekommen sind, möchte ich Ihnen erst Ihre Fragen beantworten.

Es kommt relativ selten vor, dass ich mich mit meinem Mann so streite, dass ich nicht schlafen kann. In der Regel klären wir unsere Dinge sofort. Dies ist auch das Wichtigste und Verlässlichste, was ich zur Zeit habe, die Beziehung zu meinem Mann. Doch mir wird langsam bewusst, dass ich den Bogen überspanne und seine Geduld auf die Probe stelle. Ich verhalte mich wie ein kleines Kind, das nicht weiß, ob es das rote oder das grüne Bonbon möchte.

Wenn ein Wunder geschehen würde und ich morgen früh völlig gesund wach werden würde, wüsste ich immer noch nicht, wofür ich mich entscheiden würde. Denn ich möchte beide Bonbons haben und dies möglichst ohne Aufwand und Belastung.

Ich merke, dass mir zum Muttersein noch die nötige Bereitschaft fehlt, mich - zumindest die erste Zeit -ausschließlich um Kind und Haushalt zu kümmern. Diese würde ich aber mit Sicherheit nicht erlangen, wenn ich jetzt eine Stelle antreten würde. Denn dann hätte ich Sorge, dass ich so viel Spaß daran gewinne, dass ich erst recht nicht dazu bereit wäre, es wieder aufzugeben.

Ich gehe soweit eine Selbstdiagnose zu stellen: infantiler Egoismus geprägt mit einem Stück Wohlstandsneurose.

Ich möchte jetzt nicht hingehen und alle Menschen mit Panikattacken oder ähnlichen Erkrankungen durch den Dreck zu ziehen. Doch ich behaupte, dass diese Erkrankung ein Stück weit damit zu tun hat, dass wir uns viel zu sehr um uns selbst drehen, uns beobachten und ach so viele Sorgen um unser Leben und unseren Körper machen. (Wenn das vor kurzem jemand zu mir gesagt hätte, hätte ich ihm eine gescheuert.)

Wenn unsere Eltern so gedacht hätten wie ich, dann würde es uns nicht geben und unsere Großeltern usw. auch nicht. Ich bin bestimmt nicht die Retterin der Menschheit, indem ich mir selbst den "Persil-Schein" ausstelle. Aber man sagt ja, Selbsteinsicht ist der beste Weg zur Besserung.

Mir ist dieses Eingeständnis nicht leicht gefallen und ich muss sagen, es tut verdammt weh. Aber wenn ich meinen Mann betrachte, der sich alle mögliche Gedanken zu dem Thema gemacht hat, der seit Jahren darauf wartet, bis ich eine Ausbildung nach der anderen mache, immer wieder eine neue Bestätigung suche, um mir dann im Endeffekt immer wieder selbst zu beweisen, dass ich ja so unfähig bin, die Verantwortung, die ich mit 35 übernehmen sollte, zu tragen, dann wird mir schlecht.

Ich gebe zu, ich möchte tatsächlich das rote UND das grüne Bonbon. D.h. ich hätte schon gerne Familie und Beruf. Aber mir wird auch langsam klar, dass ich dafür einen Preis zahlen muss. Und dass ich, wenn ich mich egal wofür ich mich zuerst entscheide, die Konsequenzen tragen muss. Entscheide ich mich zuerst für ein Kind, dann werde ich die nächsten Jahr mit Sicherheit erst mal zu Hause verbringen und "nur" Hausfrau sein. Entscheide ich mich zuerst für den Beruf, verbringe ich meine Schwangerschaft (wie fast 90 % aller werdenden Mütter) in einem festen Arbeitsverhältnis, wo ich ob mir morgens übel ist oder nicht, meine Verantwortung tragen muss und an feste Zeiten gebunden bin.

Mal schauen, was Freud zu dem Thema sagt: Wo ES war, soll ICH sein.

In meinem Fall übersetzt: Wo das kindliche Bedürfnis nach uneingeschränkter Aufmerksamkeit um meine eigene Person war, soll eine Erwachsene sein, die selbst entscheidet, welchen Weg sie wählt und bereit ist, zu diesem Weg zu stehen. Die keine Aufmerksamkeit und Bestätigung von außen braucht, sondern bereit ist, von dem was sie bisher so reichlich erhalten hat, ein Stück abzugeben.

Ups, das hört sich schrecklich vernünftig an, klingt aber nicht falsch.
So das reicht an Selbsterkenntnis für heute.

Wende ich mich lieber wieder der Hilfe zur Selbsthilfe zu.

Was mir zur Zeit hilft:

1. Das Schreiben hier, weil ich indem ich öffentlich zu meinen Gefühlen und Gedanken stehe, ich sie mir selbst eingestehe.

2. Schöne Musik hören, die meine Stimmung positiv beeinflusst.

3. Sport: Da ich von den Medikamenten und beim "Entzug" motorisch so schrecklich unruhig war, fand ich Erleichterung beim Radfahren, immer schön Runden um den Block ziehen. Das mache ich jetzt täglich seit 3 Wochen 20 Minuten. Ich wunderte mich selbst, dass mein Kreislauf nicht schlapp machte. Ich bekomme wieder mehr Kraft in den Beinen und eine bessere Haltung. Außerdem bekomme ich somit noch ein wenig von draußen mit. Mein Ziel ist es, die Runden immer größer zu machen, um gleichzeitig meinen persönlichen Umkreis, wo ich mich alleine hintraue zu erweitern.

4. Eine 5 auch mal grade stehen zu lassen. Wenn ich mal das Gefühl habe, jemanden mit einer Aussage verletzt zu haben oder mich wundere warum, jemand sich so oder so verhält, gehe ich darüber hinweg, schreibe es mir aber auf und wenn ich es am nächsten Tag immer noch wichtig finde, spreche ich denjenigen darauf an, ansonsten lasse ich es bleiben. Man muss schließlich nicht immer alles bis ins letzte Detail geklärt haben.

5. Wenn ich mich mit meinen Freunden über meine Problem unterhalte, versuche ich nicht mehr auf die Symptome einzugehen, denn hierbei können sie mir eh nicht helfen, weil sie sie nicht kennen und nie verstehen werden. Vielmehr bemühe ich mich, die Dinge anzusprechen, die mich wirklich stören, wie z.B. dass ich die Diskussion darüber, dass Arbeitslose "Drückeberger" sind in der Öffentlichkeit zum Kotzen finde, weil ich mich dadurch persönlich angegriffen fühle.

6. Wenn mir typische Gedanken kommen - wie z.B. im Supermarkt heute: "Jetzt gehst du schon zum 100. Mal hier in den Supermarkt und dir wird immer noch schwindlig" versuche ich gegenzukonditionieren "Wenn dir schwindlig wird, hast du das Recht dazu, dich abzulenken, das hilft, also konzentriere dich jetzt auf deinen Einkauf oder etwas anderes".

7. Wenn auf eine Aktion keine direkter Erfolg wie Erleichterung, Ruhe oder Zufriedenheit folgt, versuche ich darüber hinwegzugehen und es nicht zu bewerten. Meistens stellt sich viel später die gewünschte Zufriedenheit ein.

8. Möglichst viel Ablenkung mit alltäglichen Dingen im Leben wie Hausarbeit, Computerspielen etc. gelingt nicht immer - aber immer öfter

Lieber Herr Morschitzky,
Sie fragten mich ganz am Anfang mal, wann unsere Zusammenarbeit hier beendet sein könnte. Ich habe mir dafür ein Ziel gesteckt:

Wenn ich es geschafft habe, nicht mehr einkaufen zu gehen, zum "Üben", sondern weil ich Hunger habe und was Leckeres kochen möchte, wenn ich wieder nach draußen gehe, weil mich das schöne Wetter reizt und nicht die "Verpflichtung" hin- und wieder auch mal frische Luft zu bekommen, wenn ich in die Stadt gehe, weil ich mir etwas Schönes kaufen will und dafür die Angst als das geringere Übel ansehe, wenn ich mich mit Freunden treffe, weil ich mich auf sie freue und nicht weil ich denke, dass es in meiner Situation wichtig ist, unter Menschen zu sein, wenn ich mir lieber mit meinem Mann einen schönen Film anschaue, als hier im Expertenforum zu lesen oder zu schreiben. Dann habe ich mein Ziel erreicht und sehe unsere Zusammenarbeit als beendet an.

Viele liebe Grüße

Kicki


 

Hans Morschitzky 29.04.2001 - 9:25

Liebe Kicki!

Ganz ehrlich gesagt, Sie sind eine sehr dankbare Gesprächspartnerin (ist mir lieber als "Patientin") für mein geplantes Online-Buch. Denn an Ihnen kann man vieles sehen, was für viele so genannte "Angstpatienten" gilt. Deshalb nehme ich mir für Sie besonders viel Zeit.

Sie haben vom Kongo geschrieben. Da fällt mir folgende Geschichte ein. Wissen Sie, wie besti
mmte Eingeborene angeblich Affen fangen? Sie stellen – im Boden fest verankert – eine Vase auf und geben Bananen hinein. Der Affe kommt und umfasst sie. Solange er dies tut hat er sich selbst gefangen – auch im Angesicht der Eingeborenen, die nach seinem Leben trachten. Er will zwar sein Leben behalten – aber die Bananen will er auch!

Sie wollen also Kind und berufliche Selbstbestätigung. Dies kann ich verstehen, denn ich habe das auch – ich habe wirklich beides! Ich habe fünf Kinder und viel Erfolg im Beruf. Dies ist leider der Unterschied zwischen Ihnen und mir. Die Kinder hat meine Frau geboren, ich war bei vier Kindern wohl bei der Geburt dabei, aber das war’s dann schon auch. Trotz meiner Unterstützung muss sie selbst vieles allein zu Hause machen.

Ich kenne Ihr Problem aus der Sicht meiner Frau ganz gut. Sie wollte viele Kinder – ich jetzt auch und bin meiner Gattin sehr dafür dankbar. Wir haben schon über die Kinderzahl gestritten, noch bevor wir überhaupt eines gehabt haben.

Meine Frau sta
mmt aus einer Familie, wo sich die Eltern scheiden ließen, als die drei Jahre alt war. Als sie fünf Jahre alt war, stürzte ihr Vater in den Bergen tödlich ab. Sie war ein vernachlässigtes Einzelkind, weil ihre Mutter eine vielbeschäftigte Geschäftsfrau war. Sie wurde praktisch von Ihrer verwitweten Tante im gemeinsamen Haushalt aufgezogen. Sie sollte das Friseurgeschäft übernehmen. Doch das sollte sie nicht. Für Ihre Mutter war nur eines gleichwertig: Abitur (bei uns „Matura“) machen! Doch danach stellte sich dieselbe Frage. Nur studieren ist gleichwertig einer Geschäftsfrau! Womit meine Schwiegermutter dazu beigetragen hat, dass wir uns auf der Universität kennen lernen konnten.

Meine Frau blieb dabei: beruflich erfolgreich tätig sein und viele Kinder haben. Ich kenne dieses Thema vieler Frauen also aus der eigenen Familie. Nach drei Kindern zog sie sich aus der gemeinsamen Praxis zurück und ist jetzt „nur“ Hausfrau.

Als männlicher Therapeut habe ich das Problem von vielen Akademikerinnen ausreichend kennen gelernt, dass Beruf und Familie/Kinder nicht so einfach zu verbinden sind wie bei einem Mann.

Wie sagte Freud: Wo ES war, soll ICH sein?

Wie können Sie es verbinden, dass Sie jetzt noch viel für sich haben wollen (Sie nennen dies „infantil“), obwohl Sie andererseits auch ein Kind möchten, wo Sie von der Natur her zum Geben aufgefordert werden?

Man kann es auch so sehen: Wo fühlen Sie sich selbst mehr bestätigt in Ihren Fähigkeiten:

- etwas zu geben im Beruf oder
- etwas zu geben als Mutter?

Doch Sie machen es wie der Affe im Kongo. Sie wollen beides haben: ein freies Leben und den Genuss der Früchte.

Wenn Sie schon eine analytische Therapie machen, sollten Sie das tun, was man in der Psychoanalyse „Trauerarbeit“ nennen – ohne diese wird es besti
mmt nicht gehen!!

Nach dem Verlust von Mutter, Tante und Arbeitsstellen müssen Sie jetzt noch einen weiteren, selbst verursachten Verlust verarbeiten, der sofort eintritt, wenn Sie sich entscheiden: Arbeit oder Kind.

Jeder von uns will gewinnen. Doch es geht im Leben leider nicht immer so. Perfektionisten wollen i
mmer alles haben.

Wissen Sie, wovor Sie meiner Meinung nach jetzt Angst haben? Sie haben Angst davor, dass Sie wirklich in eine „Depression“ fallen könnten, wenn Sie sich für eines von beiden entschieden haben.

Freud hat sinngemäß gesagt, eine Depression ist eine überfahrene Trauer bei einem realen Verlusterlebnis, sodass eine „Trauerarbeit“ nötig ist. Sie sehen, ich schlage Sie jetzt mit den Waffen der Psychoanalyse – weshalb es i
mmer gut ist, wenn man als Verhaltenstherapeut auch die Psychoanalyse gut kennt.

Doch was sollten Sie betrauern? Ganz einfach eines von beidem:

„Ich bin traurig, dass ich mich jetzt für die Mutterschaft entscheide und – zumindest vorübergehend – meine berufliche Selbstverwirklichung aufgeben muss.“

„Ich bin traurig, dass ich mich jetzt für die berufliche Selbstverwirklichung entschieden habe und meinen Wunsch nach einem Kind momentan nicht verwirklichen kann, und dies in einer Zeit, wo ich mich nach dem Zerfall meiner Herkunftsfamilie so sehr nach einer eigenen Familie sehne.“

Ihre „Angstzustände“ die Sie jetzt so sehr einengen, machen vorübergehend einen Sinn: solange Sie sich nicht entscheiden können bzw. wollen, müssen Sie sich auch mit der gefürchteten, selbst verursachten „Depression“ beschäftigen.

Ja, Sie haben Angst – aber letztlich Angst vor der großen Traurigkeit, wenn Sie sich entschieden haben – wenn es dann nur ein Bonbon gibt: Kind oder Berufstätigkeit.

Ihr aktuelles Problem liegt also in Ihnen, nicht in der Umwelt, nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, die in einer selbst gewählten Pattsituation besteht, und in den Bildern, die Sie sich über die Zukunft machen, wie es Ihnen dann gehen könnte.

Wenn Sie jetzt agoraphobische Tendenzen haben, dann beschützen Sie diese davor, den Beruf zu wählen. Wie sollen Sie sich gegenwärtig frei bewegen können, wenn Sie derart behindert sind?

Zu Hause können Sie sich jetzt nicht für die Schwangerschaft entscheiden, weil dies ja eine Niederlage wäre, sich mit Ihrem momentanen Schicksal zu versöhnen und das Beste daraus zu machen.

Es hat Sie beruhigt, dass Ihnen Ihr Analytiker in der Gruppe ein Kind gleichsam zugetraut hat. Und was haben Sie jetzt davon? Sie können sich noch immer nicht entscheiden.

Es ist das Wesen eines Konflikts, einer Ambivalenz im psychoanalytischen Sinn, dass unter dem emotionalen Druck eine körperliche Symptomatik eintritt. Nach Freud erfolgt dann eine Verschiebung des Grundproblems auf das aktuelle Problem, auf die Symptome. Wenn man diese dann zu lösen versucht, ist es zwar gut, aber das Grundproblem bleibt ungelöst.

Sie kennen das ja schon von früher im Zusammenhang mit Partnerproblemen. Da läuft es in derselben Weise:
Es ist es mit dem Partner nicht auszuhalten, aber solange man eine Panikstörung mit Agoraphobie hat, kann man sich auch nicht trennen, weil man nicht allein leben kann, man könnte höchstens von einem Partner auf den anderen umsteigen. So bleibt man bei jenem Partner, von dem man sich trennen wollte, damit einem dieser Schutz vor den eigenen Ängsten gibt. Ein undankbarer Job für den Mann. Wenn die Frau wieder ohne Angst ist, ist sie weg! Also unterstützen "sicherheitshalber" viele Männer agoraphobischer Frauen die Ängste, obwohl sie ständig darüber klagen. Dies gilt aber nicht bezüglich Ihres jetzigen Partners, der Ihnen wirklich nur helfen will.

Wer dies alles nicht sieht, wird mit einer Konfrontationstherapie baden gehen, wenn die Störung komplexer ist, als dies nach dem früheren, sehr einfachen Konditionierungsmodell der Verhaltenstherapie erklärbar ist.

Wenn ich jemand zu einer Konfrontationstherapie ermutige, dann tue ich dies immer mit dem Hinweis darauf, welche „wahren“ Probleme dann sichtbar werden könnte.

Ich stelle dann i
mmer die Wunderfrage nach Steve DeShazer, wie ich dies in der systemischen Ausbildung gelernt habe. Und Sie sehen, wie Sie auf die Wunderfrage geantwortet haben:
„Ich will beide Bonbons“.

So lange Sie dies so sehen, würde ich nicht die Verantwortung dafür übernehmen wollen, dass Sie durch eine Wunder-Konfrontationstherapie plötzlich vor einem Problem stehen, das ärger ist alles Bisherige.

Also: nicht Angstbewältigung, sondern Trauerarbeit im psychoanalytischen Sinn ist jetzt bei Ihnen angesagt. Vielleicht gar nicht mehr die „Aufarbeitung“ der erlittenen Verlusterlebnisse, sondern jene Traurigkeit, die eigentlich ganz normal sein wird, wenn Sie sich entschieden haben.

Sie können jetzt alle möglichen schönen Dinge tun, alles wird recht sein, um Ihnen das momentane Leben erträglicher zu machen. Ich kann verstehen, das es Sie jetzt aufregt, wenn sie ständig hören: „Tu etwas für Dich!“ Doch dies ist letztlich alles nicht hilfreich für jene Entscheidung, die Ihnen noch bevorsteht. Sie sind ein typisches Beispiel für meinen geplanten Artikel in den Buch:

Klaus Rückert, Gerda Kla
mmer (Hg) Bindungen/ Brüche/ Übergänge.

Ich hatte in diesem 10-20 Seiten langen Artikel, den ich bis Ende Juni erreichen muss, zwar etwas anderes vor, doch darf ich eine Kurzfassung Ihrer Thematik zur Illustration verwenden?

Ich glaube nicht, dass nur Sie dieses Problem haben. Sie haben es jedoch als sehr mutige Frau gewagt, es offen darzustellen.

Als Mann gestehe ich Ihnen zu, dass es hier nicht wirklich um die „richtige“ Diagnose und auch nicht um die richtige Behandlung (Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie?), sondern darum, dass Sie ein Problem haben, das ein Mann (ihr Mann, ihr Schwager usw.) aus seiner Situation heraus oft nicht verstehen kann.

Ich habe es auch erst verstehen gelernt durch meine Frau und durch eine Vielzahl weiblicher Klientinnen.

Oft läuft das Problem bei vielen Fragen in der umgekehrten Reihenfolge als bei Ihnen. Was ich Ihnen jetzt salopp schreibe, ist statistisch gut abgesichert:

Man nehme eine fähige Frau mit gutem schulischem und beruflichem Erfolg, verheirate sie, lasse sie zwei Kinder kriegen und warte ab, bis sie eine Panikstörung mit Agoraphobie entwickelt.

Diese Agoraphobie drückt wiederum das Dilemma vieler Frauen aus:

„Ich bin gerne Mutter, aber der Erfolg im Beruf geht mir schon sehr ab. Alle meine Freundinnen sind berufstätig und ich sitze frustriert zu Hause, obwohl ich gerne Kinder habe.“

Meine Frau wurde von Ihren ehemaligen Schulkolleginnen bei einem Klassentreffen folgendermaßen begrüßt:

"Du warst unsere Klassenbeste, hast so viele Ausbildungen gemacht, die so viel Geld gekostet haben - und jetzt sitzt Du bei fünf Kindern zu Hause?"

Wer macht da den Frauen in unserer heutigen Gesellschaft heute Druck? Die Männer oder die Frauen?

Die Panikstörung mit Agoraphobie bewahrt diese Frauen vor dem Konflikt, der auftritt, wenn sie in den Beruf eintreten. Denn je besser und erfolgreicher sie im Beruf sein werden, um so mehr Angst haben sie, ihr Ideal einer guten Mutterschaft zu „verraten“. Und plötzlich kommen auch die Schatten der Vergangenheit hervor:

„Wie kann ich meiner Mutter vorwerfen, dass sie zu wenig für mich da war, wenn ich bei meinen Kindern jetzt dasselbe mache?“

Ich habe eine Bitte: drucken Sie diesen Beitrag aus und geben Sie ihn Ihrem Gatten und diskutieren Sie hinterher darüber. Wenn er dies alles versteht, können Sie sich alle möglichen unnötigen Diskussionen ersparen und werden in ihm jene Stütze finden, die Sie bei noch so vielen Therapeuten vergeblich suchen werden, wenn Sie nicht auf die hier angesprochenen Themen eingehen.

Mit besten Grüßen und Wünschen bis zum nächsten Mal!
Schönen Grüß auch an Ihren Gatten unbekannterweise!

Sagen Sie ihm: er kann nur eines tun: nichts tun! Sie müssen die Entscheidung selbst treffen, denn es ist Ihr innerer Konflikt, der nur völlig unnötig zu einem Partnerkonflikt ausufern kann.

Hans Morschitzky

 

 

Kicki 29.04.2001 - 15:58

Lieber Herr Morschitzky,

ich bzw. wir (damit meine ich meinen Mann und mich) scheinen ja wirklich auf dem richtigen Weg zu sein.

Wir haben uns gestern Abend sehr ausgiebig über das Thema unterhalten. Und Sie haben recht, ich habe in ihm den besten Begleiter, den man nur haben kann. Er zeigt viel Geduld, äußert offen seine Meinung, wirft mich aber immer wieder auf mich selbst zurück. Er möchte, dass ich die Entscheidung unabhängig von ihm treffe, denn im Gegensatz zu mir ist er bereit, im Leben seinen Preis zu zahlen. Er wäre auch bereit dazu, zu Hause zu bleiben und die Kinder zu erziehen. Er stellt lediglich die Anforderung an mich, dass ich das auch durchziehe bis zum Rentenalter, denn sobald er aus seinem Beruf austritt, kann er ihn abschreiben. Da reicht schon ein Jahr aus. Ich hingegen befinde mich noch nicht mal drin im Beruf.

Meinen inneren Konflikt würde ich u.a. als einen klassischen Rollenkonflikt in unserer modernen noch undefinierten freiheitsbezogenen Gesellschaft bezeichnen.

Ach was war es früher doch so einfach, als es noch die klassische Rollenaufteilung gab. Da waren sich Frauen ihrer Rolle bewusst und haben sich darüber definiert. Heute können wir durch die Freiheit der unzähligen Möglichkeiten den Erfolg der außerfamiliären Bestätigung schnuppern. Warum darauf verzichten, wo wir doch erkannt haben, dass Männer beides haben können. Doch der Konflikt überträgt sich auch auf die Männer, denn wenn wir Frauen uns nicht dazu entscheiden, ihnen die Kinder zu gebären, können sie auch nicht beides haben, es sei denn sie suchen sich eine neue Partnerin, die bereit ist, ihnen ihren Wunsch zu erfüllen.

Ist es jetzt also der Neid auf meinen Mann, oder ist es der unterdrückte Wunsch des Kindes in mir, erwachsen zu werden, aber den Tribut dafür nicht zahlen zu wollen. Ich denke es ist beides.

Wir haben gestern auch über die Trauerarbeit gesprochen, die bei mir jetzt schon begonnen hat, nicht erst, wenn ich die Entscheidung getroffen habe. Oder habe ich die Entscheidung schon längst innerlich getroffen und bin nur noch nicht in der Lage sie anzuerkennen?

Ich fand es sehr interessant, dass Ihre Frau ähnliche Probleme hatte. Ich sehe da auch noch eine andere Parallele. Auch sie hatte eine ehrgeizige Mutter, für die das Mutterglück nicht an erster Stelle stand. Nur im Gegensatz zu meiner Mutter lebte sie dieses Bedürfnis aus. Meine Mutter war vor dem ersten Kind beruflich sehr erfolgreich. Bei ihren Erzählungen darüber hatte ich immer das Gefühl, dass wir Kinder schuld daran waren, dass sie ihre Karriere aufgeben musste. Außer Haushalt, den sie perfekt erledigte, hatte sie kaum Hobbys und wenn, dann waren diese auch zeitlich genau geplant, damit sie nicht in ihrem Konzept durcheinander kam.

Was lebe ich nun innerlich aus? Den inneren Auftrag meiner Mutter - Haushalt und Familie als belastend bzw. beschneidend zu empfinden und die Angst meiner Familie später auch dieses Gefühl zu vermitteln? Ich kann sie leider nicht mehr fragen, ob dieses Bild, das ich teilweise von ihr habe, überhaupt der Wahrheit entspricht.

Vielleicht hatte sie ja gar keinen inneren Konflikt damit, dass sie ihren Beruf für die Familie aufgegeben hat. Vielleicht war sie sogar sehr glücklich darüber, dass sie zu Hause bleiben konnte und somit auch viele Freiheiten hatte, sich tagsüber mit Freundinnen zu treffen. Vielleicht war gerade ihr zeitlich perfekt organisierter Haushalt ihre berufliche Erfüllung. Vielleicht litt sie mehr unter der mangelnden Anerkennung von uns - die wir ihr wirklich nicht gaben - als unter der Tatsache, dass sie ihn außerhalb der Familie nicht finden konnte.

Es macht mich traurig, dass ich ihr dafür nicht mehr danken kann. Dass ich heute mehr denn je verstehen kann, dass sie manchmal keine Lust hatte, hinter uns her zu räumen. Dass ich nicht bei ihr sein konnte, als sie starb. Dass ich den Bezug zu meinen Gefühlen zu ihr verloren habe und vor allem, dass ich sie als Mensch verloren habe. Dass ich sehr lange nicht trauern konnte, weil ich nur die Erleichterung gespürt habe, dass die schwere Zeit nun vorbei sein sollte. Dass ich die Wesenszüge, die ich immer bei ihr vermisst habe, erst in ihrer Krankheit erkennen konnte.

Ich habe große Angst davor, sie in mir wiederzuerkennen, dass ich in Schwangerschaft und Geburt noch mehr an sie erinnert werde und erst dann nachvollziehen kann, was in einer Mutter vorgeht. Dass ich mein Bild über sie gerade rücken muss, um die Verantwortung für mein Leben selbst übernehmen zu können.

Dies wäre der Preis, den ich für meine Entscheidung zahlen muss. Weniger die Angst vor mangelnder beruflicher Erfüllen. Wer sagt denn, dass ich sie nicht nach ein paar Jahren wieder finden kann, oder dass ich sie später überhaupt noch will.

Ich müsste erkennen, dass ich undankbar bin. Dass ich mein Leben lang genommen habe und nicht in der Lage war, ihr etwas zurückzugeben. Dass ich das gleiche zur Zeit bei meinem Mann praktiziere, dass ich seine ganze Aufmerksamkeit und Geduld in Anspruch nehme, mich von ihm finanziell "aushalten" lasse, aber nicht in der Lage bin, seine Sehnsucht nach Familie zu erfüllen.

Aber ist der Preis, den ich im Moment zahle nicht viel größer. Beschränke und beschneide ich mich nicht viel mehr, indem ich mich gar nicht bewege, indem ich an dem Leben da draußen gar nicht teilnehmen kann, indem ich mich von meinen Symptomen leiten lasse. Dass ich aus Angst vor Gefühlen, auch vor positiven Gefühlen, meinem Körper gar nicht zugestehe ein Kind in ihm zu tragen. Dass ich aus Angst vor Fehlern und dafür von meinem Kind dazu zur Rechenschaft gezogen zu werden, die Verantwortung ablehne, die ich mir innerlich doch wünsche.

Ich merke gerade, dass ich den Prozess, der bei mir ausgelöst wurde - und das schon vor meiner Arbeitslosigkeit - gar nicht mehr bremsen kann. Ich glaube sogar, dass die Arbeitslosigkeit mir dabei geholfen hat, mich darauf zu konzentrieren. Dass das annehmen eines neuen Jobs, den Prozess überlagert hätte, weil ich mich mit anderen Konflikten beschäftigen müsste. Dass ich theoretisch dem Schicksal dankbar sein müsste, dass ich die Stelle verloren habe - oder habe ich es selbst provoziert?

Ich danke Ihnen, dass Sie Sich so viel Zeit für mich nehmen und mich in dem Prozess begleiten. Sie können gerne meine Geschichte in verkürzter Form für ihr Buch verwenden. Mir wäre es dabei nur wichtig, dass die Anonymität meiner Familie gewahrt wird, denn ich habe mich für mich entschieden hier zu schreiben, das kann ich vertreten und möchte sie da nicht reinziehen. Ich merke eh, dass es eine Grandwanderung ist, dieses Medium zu nutzen, da es dazu verleitet, um das Bild rund werden zu lassen, Details aus dem Umfeld zu erzählen. Ich glaube, dass ich diese Gradwanderung bisher ganz gut gemeistert habe und habe (noch) kein schlechtes Gewissen.

Bis bald

Kicki

 

Hans Morschitzky 29.04.2001 - 22:15

Liebe Kicki!

Vielen Dank für Ihre Erlaubnis, eine gekürzte Fassung unserer Korrespondenz in inhaltlicher Zusa
mmenfassung in meinem geplanten Artikel verwenden zu dürfen. Es wird alles sehr anonym gehalten. Bei derartigen Artikeln ist es oft sogar üblich, bewusst einige Veränderungen zur besseren Anonymisierung vorzunehmen. Der Artikel wird allen Lesern auf dieser Homepage auch zugänglich gemacht. Soweit es Sie betrifft, werden die Leser daher nichts anderes erfahren, als sie hier schon mitbekommen haben. Es wird nur noch mein Kommentar hinzugefügt, der Sie vielleicht interessieren wird im Kontext des ganzen Artikels. Mein Artikel muss bis Ende Juni fertig sein und ich hoffe, dass ich bis dahin den Prozess richtig zusammenfassen kann.

Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, Ihr letzter Beitrag war der für mich vielleicht wichtigste, um Sie besser verstehen zu können und Ihnen damit auch noch ein wenig helfen zu können. Aber eigentlich haben Sie sich schon selbst geholfen. Ich hinke bereits hinter Ihnen her und merke, dass ich Ihnen bald nicht mehr viel helfen kann, und Sie werden Ihren eigenen Weg gehen. Bald werden Sie sich auch wundern, dass Sie so lange Beiträge schreiben mussten, um jenen Weg zu finden, der so klar vor Ihnen liegt. Und Sie werden vielleicht auch verwundert sein, dass Sie sich so viel in der Psycho-Szene bewegen mussten, um die entscheidenden Dinge selbst zu erkennen.

Als Therapeut gehe ich bei Klienten vor wie die Kriminalpolizei. Alle Puzzles zusa
mmen ergeben ein Gesamtbild. Doch zuerst muss man alles beachten, bevor man weiß, was wirklich wichtig ist. Ihr letzter Beitrag ist schon so konkret, dass die Polizei eine ausreichende Indizienkette zusammengestellt hätte, dass ein Richter einen hieb- und stichhaltigen Beweis für eine Anklage in der Hand hätte.

Auf Sie übertragen bedeutet dies folgenden Kern der Problematik, wie ich dies jetzt sehe:

Welches Selbstbild als Frau und als (potenzielle) Mutter dürfen bzw. sollen Sie haben auf dem Hintergrund der Erinnerung an Ihre Mutter?

Ich hole jetzt etwas aus, um Ihnen zu zeigen, wie nahe bei Ihnen Angst, Depression und zwanghafter Perfektionismus beisa
mmen liegen, und zwar als Beispiel dafür, dass man deswegen nicht wirklich krank ist, sondern nur psychisch krank werden kann, wenn man die jeweilige Aufgabenstellung, die das Leben gerade in einer Übergangsphase für uns bereit hält, nicht richtig zu bewältigen vermag. Dies ist auch der Kern meines geplanten Artikels. Deswegen habe ich das Gefühl, dass sich bei Ihnen genau all dies widerspiegelt, weshalb ich meinen Artikel umgeplant habe und unseren Dialog einbaue.

Agoraphobie mit Panikattacken schafft eine Pattsituation, um einen aktuellen Konflikt nicht lösen zu müssen, weil es momentan noch keinen Lösungsmechanismus gibt. Angst und Phobie leben von der Flucht vor den gestellten Aufgaben und bestehen in der Vermeidung notwendiger Schritte aus Sorge, man könnte das Falsche tun (z.B. sich scheiden lassen, längerer Krankenstand statt Kündigung ohne berufliche Alternative in einer schwierigen Berufssituation, als Mutter eine Arbeit annehmen).
Angststörungen bedeuten, dass man letztlich Angst vor sich selbst, vor der eigenen Darstellung, vor der risikoreichen Selbstverwirklichung, vor der Zukunft im allgemeinen hat – und nicht primär Angst vor agoraphobischen und sozialphobischen Situationen.

Depression bedeutet, dass man in der Vergangenheit oft etwas verloren hat, das man aber noch nicht wirklich hergegeben hat (z.B. Partner durch Scheidung, Mutter durch Tod, Arbeit durch Kündigung). Häufig geht dies einher mit Schuldgefühlen bezüglich der Vergangenheit. Deshalb ist die Trauerarbeit oft so schwer abzuschließen, weil man sich selbst beschuldigt, an den Ereignissen irgendwie mit Schuld zu sein. Es besteht das Gefühl, etwas falsch gemacht oder unterlassen zu haben, dessen Folgen man nun tragen muss. Depressive machen sich oft Schuldgefühle bezüglich der Vergangenheit (z.B. „Hätte ich mich doch mehr um meine Mutter gekü
mmert und Ihr meine Liebe und Dankbarkeit gezeigt, als sie noch lebte“, „Hätte ich meinem früheren Partner doch mehr Zuneigung gegeben, dann hätte er mich vielleicht nicht verlassen“; "Wäre ich doch nicht berufstätig gewesen, dann wäre mein Kind nicht so ein schlechter Schüler gewesen“).

Zwang (oder zwanghafter Perfektionismus in milderer Form) bedeutet, höchste Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Was auch immer passieren wird, man wird daran Schuld sein, wenn man seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Man kann es sich nicht so leicht machen wie Angstpatienten, die einfach in (agora-)phobischer Weise vor allem und jedem davonlaufen. Anders formuliert, kann man einen Zwang auch als Versuch sehen, jenes Problem zu vermeiden, das der Depressive mit der Vergangenheit hat. Ein Zwang ist daher das intensive Bemühen, alles 100% richtig zu machen, damit man hinterher nicht depressiv werden muss, sich nicht vorwerfen muss, in der Vergangenheit einen Fehler gemacht zu haben. Weil Leute mit einem Zwang so perfekt sein wollen und jeden Fehler vermeiden wollen, ziehen sie immer mehr Ihre soziale Umwelt in den Prozess mit ein, die ihnen helfen soll, die nötigen Entscheidungen zu treffen und damit auch die Alleinverantwortung abnehmen. Sie schreiben z.B. „Dass ich aus Angst vor Fehlern und dafür von meinem Kind dazu zur Rechenschaft gezogen zu werden, die Verantwortung ablehne, die ich mir innerlich doch wünsche“. Wenn das kein zwanghafter Perfektionismus ist!

Sie waren in einer Angstsituation, gekennzeichnet durch eine Agoraphobie. Nirgendwo hingehen können heißt vorerst einmal bei dem zu bleiben, was momentan ist. Sie haben nichts verändert und damit auch nichts falsch gemacht, wenngleich Sie dieses Patt auf Dauer nicht vor Problemen schützen kann, weil es selbst zu neuen Problemen führt.

Sie haben sich im Gedenken an Ihre Mutter im Laufe der letzten Zeit jenen Gefühlen gestellt, die Ihre „Depression“ ausmachen: jene Vorwürfe, sie nicht zu ihren Lebzeiten ausreichend geschätzt zu haben, undankbar gewesen zu sein, was sie für Sie getan hat. Sie schreiben in Ihrem letzten Beitrag ganz deutlich davon, z.B. „Es macht mich traurig, dass ich ihr dafür nicht mehr danken kann“.

Sie stehen vor der Möglichkeit Ihrer eigenen Mutterschaft und versuchen zwanghaft nach dem bestmöglichen Weg, wie Sie eine gute Mutter sein können, wenigsten so gut wie Ihre Mutter – doch wie soll dies gehen, wo Sie (im Gegensatz zu Ihrer Mutter) vorhaben, im Falle einer Mutterschaft vielleicht auch wieder in den Beruf einzusteigen möchten? Perfekt als Mutter und perfekt im Beruf! Als Mutter mindestens so gut wie Ihre Mutter, im Beruf besser, als Sie bisher die Chance dazu hatten.
Stress lass nach! Doch nur so kann es gehen, damit Sie sich später nichts vorwerfen müssen, damit Sie später nicht depressiv werden müssen, wenn Sie erkennen sollten, Sie hätten es nicht einmal so gut gemacht wie Ihre Mutter.

Depression bezüglich der Vergangenheit, Angst bezüglich der Zukunft, Zwang/Perfektionismus als Versicherung, weder Angst haben zu müssen, weil alles passt, noch depressiv werden zu müssen, weil man einen schweren Fehler begangen hat.

Und all dies sind ganz normale Gefühle und Gedanken! Nur wer auf Dauer nicht damit zurecht ko
mmt, marschiert durch das halbe ICD-10, fällt von einer Diagnose in die andere, geht von einem Arzt zum anderen, versucht diese und jene Psychotherapie, probiert diese und jene Medikamente, bleibt verbunden mit der Drehtürpsychiatrie.

Was ist der innere Auftrag Ihrer Mutter an Sie? Jede Mutter wünscht ihrem Kind wohl, dass es glücklich sei. Was dies nun bedeutet, müssen Sie ganz allein bestimmen. Sie müssen es Ihrer Mutter nicht mehr recht machen. Denn dies macht es aus, dass Sie erwachsen geworden sind. Nicht dass Sie vermuten, was Sie von Ihnen wollte, ist Ihre Aufgabe, sondern dass Sie zeigen, Sie möchten aus Ihrem Leben etwas machen, wofür sie die Grundlage gelegt hat, doch was auf diesem Boden tatsächlich wächst, ist der Samen, den Sie gesät haben.

So wird sich bald das Bild abrunden (auch für unsere Leser), warum bei Ihrer „Agoraphobie“ eine Konfrontationstherapie nicht mehr so wirken konnte wie vor Jahren. Sie müssen sich jetzt mit ganz anderen Dingen konfrontieren: können Sie geben, wenn Sie auch ausreichend nehmen dürfen?

Abschließend möchte ich Ihnen noch ein Zitat aus dem Buch „Grundformen der Angst von Fritz Riemann vor Augen führen, wie es auch in meinem Angstbuch zu finden ist:

Riemann beschreibt aus tiefenpsychologischer Sicht in beeindruckender Weise vier „Grundformen der Angst“, die allen möglichen Ängsten zugrunde liegen:

1. Die Angst vor der Selbsthingabe, als Ich-Verlust und Abhängigkeit erlebt.
2. Die Angst vor der Selbstwerdung, als Ungeborgen sein und Isolierung erlebt.
3. Die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt.
4. Die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt.

Zu jeder Strebung gehört die Angst vor der Gegenstrebung. Jeder Mensch muss ein dynamisches Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Tendenzen finden. Die vier Grundimpulse ergänzen und widersprechen sich in folgenden Polaritäten:

- das Streben nach Selbstbewahrung und Absonderung und das Gegenstreben nach Selbsthingabe und Zugehörigkeit,
- das Streben nach Dauer und Sicherung und das Gegenstreben nach Wandlung und Risiko.

Riemann weist darauf hin, dass nicht die Angst vor diesen Aspekten menschlichen Seins bzw. Verhaltens krankmachend ist, sondern deren Nichtbewältigung.

„Hinter den vier Grundformen der Angst stehen allgemein-menschliche Probleme, mit denen wir alle uns auseinandersetzen müssen. Jedem von uns begegnet die Angst vor der Hingabe in einer ihrer verschiedenen Formen, die als Gemeinsames das Gefühl der Bedrohtheit unserer Existenz, unseres persönlichen Lebensraumes, oder der Integrität unserer Persönlichkeit haben. Denn jedes vertrauende sich Öffnen, jede Zuneigung und Liebe kann uns gefährden, weil wir dann ungeschützter und verwundbarer sind, etwas von uns selbst aufgeben zu müssen, uns einem anderen ein Stück auszuliefern. Daher ist alle Angst vor der Hingabe verbunden mit der Angst vor einem möglichen Ich-Verlust.

Jedem begegnet auch die Angst vor der Ich-Werdung, vor der Individuation, die in den verschiedenen Formen ihres Auftretens als Gemeinsames die Angst vor der Einsamkeit hat. Denn jede Individuation bedeutet ein sich Herausheben aus bergenden Gemeinsamkeiten. Je mehr wir wir selbst werden, um so einsamer werden wir, weil wir dann i
mmer mehr die Isoliertheit des Individuums erfahren.

Jedem begegnet auch die Angst vor der Vergänglichkeit auf seine Weise; unvermeidlich erleben wir i
mmer wieder, dass etwas zu Ende geht, aufhört, plötzlich nicht mehr da ist. Je fester wir etwas halten, beibehalten wollen, um so mehr erliegen wir dieser Angst, deren verschiedene Formen als Gemeinsames die Angst vor der Wandlung erkennen lassen.
Und jeder begegnet schließlich auch der Angst vor der Notwendigkeit, vor der Härte und Strenge des Endgültigen, bei deren verschiedenen Ausformungen das Gemeinsame die Angst vor dem unausweichlichen Festgelegtwerden ist. Je mehr wir eine unverbindliche Freiheit und Willkür anstreben, desto mehr müssen wir die Konsequenz und die Grenzen der Realität fürchten.

Da sich die großen Ängste unseres Daseins, die so wichtig für unsere reifende Entwicklung sind, nicht umgehen lassen, bezahlen wir den Versuch, vor ihnen auszuweichen, mit vielen kleinen, banalen Ängsten. Diese neurotischen Ängste können sich praktisch auf alles werfen, und sie sind letztlich nur aufzulösen, wenn wir die dahinter liegende eigentliche Angst erkannt haben, und uns mit dieser auseinandersetzen... Die Begegnung mit den großen Ängsten ist ein Teilaspekt unseres reifenden Weiterschreitens; die Verschiebung auf jene stellvertretenden neurotischen Ängste hat nicht nur eine lähmende und hemmende Wirkung, sondern sie zieht uns auch von wesentlichen Aufgaben unseres Lebens ab, die zu unserem Menschsein gehören.

So beko
mmt die Angst in ihren beschriebenen Grundformen eine wichtige Bedeutung: sie ist nicht mehr nur ein möglichst zu vermeidendes Übel, sondern, und das von ganz früh an, ein nicht wegzudenkender Faktor unserer Entwicklung. Wo wir eine der großen Ängste erleben, stehen wir immer in einer der großen Forderungen des Lebens; im Annehmen der Angst und im Versuch, sie zu überwinden, wächst uns ein neues Können zu - jede Angstbewältigung ist ein Sieg, der uns stärker macht; jedes Ausweichen vor ihr ist eine Niederlage, die uns schwächt.“

Diese Ausführungen machen deutlich, dass es kein sinnvolles Ziel ist, keine Angst mehr zu haben, sondern mit den real vorhandenen und durchaus berechtigten Ängsten besser umgehen zu lernen. Gelungene Angstbewältigung besteht nicht in der möglichst perfekten Unterdrückung vorhandener Ängste, sondern im Annehmen und Aushalten dieser Ängste. Das Ziel ist nicht, gegen die Angst, sondern mit der Angst zu leben.

Liebe Grüße bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky

 


Kicki 30.04.2001 - 14:38

Hallo Herr Morschitzky,

UPS,
haben Sie den Stein fallen gehört... bis nach Österreich, er hat einen ganz schön lauten Knall gemacht und es fallen noch ganz viele kleine Felsbrocken nach.

Es stimmt, ich laufe Ihnen bald davon, denn bei meinem Tempo, das ich zur Zeit vorlege, ist es auch schwer hinterherzukommen. Sie sind aber ein guter Läufer. Auch ich habe innerlich das Gefühl, bald an des Rätsels Lösung angekommen zu sein und Ihre vielen theoretischen Ausführungen über Freud, Riemann und Morschitzky helfen mir sehr dabei, mich selbst (wieder) zu finden.

Was mich am meisten in den letzten Monaten irritiert hat, ist dass ich mich selbst nicht mehr kannte. Gedanken, Reaktionen und Gefühle, die mir doch so fremd waren. Die mit meinem teilweise grenzenlosen Optimismus nicht mehr übereinstimmten und vor allem immer der Gefahr ins Auge blickend, dass ich mich "am Rande" einer Krankheit befinde.

Wenn Sie mir vor 2 Wochen gesagt hätten, dass bei mir Agoraphobie, Depression und Zwang sehr nah beisammen liegen, wäre ich innerlich zusammengebrochen, aber wohl eher wäre ich Ihnen ins Gesicht gesprungen. Im Moment belastet es mich nicht so sehr, da ich denke, dass es zum Teil auf mich zutrifft und dass "Gott sei Dank" mein Verstand noch funktioniert, der mir Hilft diese 3 Faktoren in ein Gesamtbild einzuordnen.

Ihre letzte Antwort hat mir geholfen, einen Schlüssel zu finden, auf dessen Suche ich war. Ich sage jetzt nicht, dass dieser Schlüssel nun das Tor öffnet zu einem besseren erträglicheren Leben, sondern dass er mir einen Weg zeigt, mehr Verständnis für mich und mein Leben zu haben.

Ich finde es unheimlich schön zu hören, dass Sie glauben, dass ich mich nur für eine begrenzte Zeit in der Psycho-Szene bewegen werde, denn es ist anstrengend und zehrt an allen Kräften des Körpers. Aber tief in mir drin, war der Wunsch, dies zu tun, um endlich Klarheit zu haben.

Ich möchte nun Stück für Stück Ihren letzten Beitrag aufarbeiten.

Sie sprachen von meinem Selbstbild als (potenzielle) Mutter auf dem Hintergrund der Erinnerung an meine Mutter.

Eigentlich hatte ich schon vor zwei Jahren geglaubt, damit abgeschlossen zu haben, denn ihre Krankheit war für uns ein wichtiger Prozess. Ich habe ja schon öfter geschrieben, dass ich sie zu der Zeit von einer ganz anderen Seite kennen gelernt hatte. Wir haben viel miteinander telefoniert und sehr intensive Gespräche geführt. Ich war glücklich ihr zuzuhören und hatte auch den Eindruck, dass ich dadurch, dass ich so weit weg war, für sie ein wichtigerer Gesprächspartner war, als die Menschen, die um sie rum lebten. Die waren ja von morgens bis abends mit ihrer Krankheit konfrontiert und mussten ihren eigenen Umgang damit finden. In diesen Gesprächen konnte ich ihr auch danken, für das was sie für uns getan hat und sogar verzeihen, als sie von gemachten Fehlern sprach.

Durch die weite Entfernung, hatte ich aber auch ständig ein schlechtes Gewissen, dass ich ihr nicht noch auf einem anderen Wege helfen konnte und dass ich ihr in der Nacht, in der sie gestorben ist, nicht zur Seite stehen konnte (auch wenn ich froh war, dass ich nicht dabei war - Selbstschutz).

Nach ihrem Tod war ich vergeblich auf der Suche nach der üblichen Trauer. Ich empfand nur Erleichterung, dass sie jetzt alles hinter sich hatte. Ich hatte noch nie so ein warmes und friedvolles Gefühl ihr gegenüber, als an dem Tag, an dem ich in der Leichenhalle vor ihrem Sarg saß.

Bei der Beerdigung wäre ich am liebsten im Erdboden versunken, doch ich wollte standhaft sein, sie hatte mich unter Schmerzen geboren und egal was im Laufe der Jahre zwischen uns stand, ich wollte für sie dort stehen, den Schmerz aushalten, zulassen, dass mich die Menschen weinen sahen und ertragen, von dem ich glaubte, dass man es nicht ertragen kann.

Ich war in der Zeit sehr zufrieden mit mir und fühlte mich sehr erwachsen. Zufällig arbeitete mein Mann damals in einer anderen Stadt, so dass ich die Woche über alleine war und dementsprechend auch alleine mit der Situation fertig werden musste. Alles wäre für mich zufriedenstellend verlaufen, wenn nicht eine Bekannte genau das angesprochen hätte, was ich innerlich vermisst habe, wo bleibt meine Trauer.

Auch Sie haben von Trauerarbeit gesprochen, der Pfarrer hat es getan, aber niemand kann einem sagen, wie Trauerarbeit aussieht.

Als dann meine Tante starb, sie starb viel zu schnell und die Ereignisse überschlugen sich, war alles anders. Ich wusste, dass sie mir und meinen Geschwistern eine kleine Erbschaft hinterlassen würde. Sie hatte es gut gemeint. Sie hatte keine Kinder und wollte ihr Vermögen an die Kinder ihres einzigen Bruders verteilen. Ich war stolz, ein für sie wichtiger Menschen zu sein und freute mich wie ein Kind.

Doch dies passte nicht mit meinem Erwachsenen-Ich zusammen. Ich rügte und beschuldigte mich, raffgierig, egoistisch und unmenschlich zu sein. Ich konnte mich gar nicht mehr darauf konzentrieren, was ich bei ihrem Tod empfand, weil es stark beeinträchtigt wurde von meinen Schuldgefühlen. Das ging so weit, dass ich nicht mehr in der Lage war, zu ihrer Beerdigung zu gehen. Ich war so verstrickt in Angst, Panik und Schuld, dass ich nicht mehr klar kam.

Ich gebe zu, dass da auch noch andere Gefühle hinzukamen. Ich liebte diese Frau wirklich von vollem Herzen, weil sie immer für mich da war, weil sie mir immer das Gefühl gegeben hatte, etwas besonderes in ihrem Leben zu sein. Wie passte das zusammen damit, dass ich mich über das Geschenk, das mit ihrem Tod verbunden war, freute?

Auch bei der Aufteilung ihres Erbes bekam ich Schuldgefühle. Sie besaß sehr schöne Dinge und es war mir innerlich unangenehm, dass ich mir immer die schönsten und wertvollsten Dinge aussuchte. Meine Schwestern sind um einiges älter als ich und leben gut situiert mit ihren Ehemännern in eigenen Häusern. Für sie waren die materiellen Dinge nicht so wichtig, sie freuten sich höchstens für mich, dass mein Mann und ich jetzt endlich mal eine vernünftige Wohnungsausstattung bekamen. Auch beim Aufteilen unter den anderen Familienmitgliedern hatte ich Probleme. Wir konnten ja nicht alles alleine behalten, aber ich hatte ein komisches Gefühl, den Menschen, mit denen sie sich nicht so gut verstanden hatte, etwas abzugeben.

Es kamen aber noch weitere Schuldgefühle hinzu. Da ich nun den Tod meiner Tante anders erlebte als den Tod meiner Mutter und beide auch noch nun auf dem gleichen Friedhof liegen, fiel es mir immer schwerer, zu den beiden Gräbern zu gehen. Wer war mir nun wichtiger, wen besuchte ich denn nun wirklich?

Schuldgefühle über Schuldgefühle. Mir ging es von Tag zu Tag schlechter, und ich dachte, jetzt bist du wirklich krank. Anschließend, wollte ich mich erst einmal nur erholen. Doch die Erholung stellte sich nicht ein. Ich kannte mich ja nicht mehr. Ich hatte nun die Aufgabe, mich selbst wiederzufinden, das Neue mit dem Alten verbinden und mich gleichzeitig auf etwas ganz Neues vorbereiten.

Hinzu kamen dann ja langsam die Reaktionen von außen, die meinten, dass jetzt bald Schluss sein sollte mit meiner Selbstfindung, dass ich mich nicht so gehen lassen sollte und jetzt endlich was tun müsste. Wieder Schuldgefühle. Ich belaste sie, sie kommen mit mir nicht mehr klar...

Ich grabbelte immer wieder aus meinem Loch raus und fiel wieder runter. Ich hatte noch nie so viele Aufs und Abs erlebt wie in den letzten Monaten. Ich habe es immer wieder auf meine Ängste geschoben, auf meine Unfähigkeit mich zu bewegen, und verlor so langsam den Glauben an mich selbst.

Jetzt wird mir so langsam klar, dass es einfach schlicht und ergreifend zu viel war, dass man das Leben erst mal wieder begreifen muss, um wieder aufzustehen und es erleben zu können. Ich verstehe nun langsam die Depression, die wirklich gespickt ist mit allen möglichen Ereignissen und Gefühlen.

Dass Depression, Angst und Zwang dann vor allen Dingen zusammenkommen, wenn das Leben sich an einem Punkt befindet, wo man gleichzeitig das alte verarbeiten, sich auf das neue vorbereiten und das möglichst gut machen möchte.

Das wird bestimmt nicht immer in meinem Leben so sein. Aber ich habe es einfach in einen Topf geworfen und ein dickes "Ich bin schwach" daraus gemacht.

Daraus ergibt sich ja dann bekanntlich eine Kette von Kausalzusammenhängen, die man nun in die Vergangenheit und die Zukunft überträgt.

Im Grunde genommen, wäre es jetzt meine Aufgabe, alles noch einmal zu zerpflücken und einzuordnen. Das sind die kleinen Felsbrocken, von denen ich gesprochen habe.

Ich kann mich sehr gut in den Grundformen der Angst von Fritz Riemann wiederfinden.

1. Die Angst vor Selbsthingabe, als Ich-Verlust und Abhängigkeit erlebt

Gerade wenn man viele Ambivalenzen in sich hat, weiß man ja nicht mehr, welchem Trieb oder Impuls man nachgeben soll. Immer wird man etwas aufgeben oder verlieren. Was ist nun das wahre Ich? Welches Ich werde ich verlieren oder aufgeben müssen?
Dies ist eine schwere Aufgabe im Leben, vor allem dann, wenn man ständig Angst um seine Seele hat.
Ich hatte gestern eine lustige Eingebung. Wenn sich nicht die beiden ambivalenten Seelen in meiner Brust entscheiden können, ich also keine Bauchentscheidung treffen kann, warum lasse ich nicht den Verstand entscheiden? Es ist im Moment der beste Zeitpunkt meines Lebens, um ein Kind zu bekommen. Ich bin im richtigen Alter, ich habe viel erlebt und kann noch viel erleben, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Alle Wege sind mir noch offen, aber wenn ich die beiden Bedürfnisse in mir noch weiter miteinander ringen lasse, läuft mir die Zeit davon. Dann muss ich tatsächlich eines von beiden aufgeben. Wenn ich mich aber jetzt dazu entscheide, ein Kind zu bekommen, stehen mir auch im Beruflichen noch alle Türe offen.

2. Die Angst vor Selbstwerdung, als Ungeborgen sein und Isolierung erlebt.

Dies erinnert mich an die Geschichte mit den 5 Kelchen auf der Tarotkarte und meinem Bedürfnis über die Brücke zu gehen, in dem Wissen, dass ich dann alte Gewohnheiten, Freunde und Familie hinter mir lassen muss, weil es sich bei der Geburt eines Kindes um so etwas Intimes handelt, dass andere einen gar nicht begleiten können.

3. Die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt.

Was bedeutet Wandlung? Sich umdrehen und einen neuen Weg einzuschlagen. Das Alte hinter sich lassen und das Neue bejahen. Holt mich die Vergangenheit irgendwann wieder ein? Werde ich mich irgendwann wieder an diesem Punkt befinden, wenn ich sie nicht mitnehme auf meinem Weg? Wann hat man wirklich mit der Vergangenheit abgeschlossen? Wann kann man wirklich sagen, jetzt ist Schluss, jetzt gehe ich einen neuen Weg, auf dem die Vergangenheit keinen Platz mehr hat.

4. Die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt.

"Wer sagt eigentlich, dass man alle Brocken fressen muss, die man auf seinen Weg geworfen bekommt?"
Wir Menschen sind ja nicht mehr nur instinktgesteuert sondern mit zunehmenden Maße vernunftgesteuert. Wir wissen, dass wir gewisse Entwicklungsprozesse durchlaufen müssen, dass wir Hürden im Leben überwinden müssen. Dies stellt uns aber auch vor eine erschreckende Tatsache, dass wir gar nicht so selbstbestimmt sind, wie wir immer glauben. Wenn ich jetzt anfange, vor jeder Hürde zu überlegen, ob ich sie nehmen möchte oder nicht, verliere ich viel Zeit und Kraft, die man lieber für das Nehmen der Hürde verwenden sollte. Aber wir zweifeln, haben Angst um unser Leben und um das Aufgeben einer Freiheit, von der wir glauben, dass wir sie erfunden haben, indem wir die Natur mit Füßen treten.

Ich weiß, ich philosophiere jetzt und komme ein Stück weit weg von mir. Aber ich finde mich in allem wieder und kann es nur aus meiner Sicht betrachten.

Für mich bedeutet das Ganze übersetzt:

Die Angst vor der Selbsthingabe ist die Angst, als Mutter mehr zu geben, als man zurückbekommt und dies als Abhängigkeit zu erleben. Ein Stück meiner Freiheit aufzugeben, die ich auf meinem Weg zum Erwachsenwerden erworben habe.

Die Angst vor der Selbstwerdung, mich zu lösen von Meinungen und Unterstützungen von außen. Nicht mehr alles perfekt machen zu wollen - nicht für mich, sondern für andere, damit ich nicht angreifbar bin.

Die Angst vor der Wandlung, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und zu sagen, ich muss nicht bis ins letzte Detail meine Kindheit aufarbeiten, alle Verletzungen noch einmal durchleben, sondern im Hier und Jetzt lernen, mit Verletzungen umzugehen.

Die Angst vor der Notwendigkeit, nicht als Einengung und Freiheitsberaubung zu erleben, sondern als ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem erfüllten Leben.

So jetzt bin ich müde und ausgelaugt. Ich hoffe, dass ich mich bald aus der Psycho-Szene verabschieden kann, um meinen Weg dort draußen zu finden. Denn irgendwann muss ja schließlich auch Schluss sein mit der Selbsterkenntnis.

Bis bald

Kicki

 

 

Hans Morschitzky 01.05.2001 - 21:54

Liebe Kicki!

Besten Dank dafür, dass Sie sehr ausführlich und schonungslos offen auf meinen letzten Beitrag eingegangen sind. Inhaltlich kann ich leider erst in den nächsten Tagen darauf eingehen. Ihr langer Beitrag ist so wichtig, dass ich nicht nur mit ein paar Zeilen darauf reagieren möchte.

Ehrlich gesagt, ich habe schon geahnt, dass "mehr" als eine simple Agoraphobie hinter Ihrer Agoraphobie steht, aber dass wir dort ankommen, wo wir jetzt stehen, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht vorherzusagen gewagt - und dies obwohl ich es gewohnt bin, mit allen Betroffenen bald auch über etwas anderes zu reden als über ihre Angst- und Panikstörung, deretwegen sie gerade zu mir als Verhaltenstherapeuten mit dem Ziel einer symptombezogenen Behandlung gekommen sind.

Je besser die Therapie - hier die Online-Beratung - läuft, um so größer werden die Abstände. Daher ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ich Sie nicht durch eine zu rasche Reaktion hetze, wenn Sie gerade eine Verschnaufpause bei unserem atemberaubenden Tempo benötigen.

Es gilt das Motto: Veränderung braucht Zeit.

Was kognitiv und emotional erarbeitet wurde, muss einfach auch Zeit haben,

- sich etwas zu setzen, bis es verhaltensrelevant wird,
- sich unauslöschlich in das Gehirn einzuprägen wie ein Lernstoff, der bei Tag erarbeitet wurde, erst in der Nacht vom Gehirn verarbeitet wird.

Im Folgenden möchte ich Ihnen hier für Ihre bisherige Korrespondenz ganz öffentlich danken. Denn der Dialog mit Ihnen hat wesentlich dazu beigetragen, dass etwas entstanden ist, was ich mir Anfang April nie hätte träumen lassen, nämlich die "Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen. Ein Internetbuch als Hilfe zur Selbsthilfe".

Als Untertitel habe ich sogar den Namen des Beitrags verwendet, mit dem Sie unsere Korrespondenz begonnen haben.

An ein derartiges Projekt hatte ich zwar schon auch einige Tage vor Beginn unserer Korrespondenz gedacht, doch erst im Dialog mit Ihnen bin ich mir sicher geworden, dass ein derartiges Projekt auch sinnvoll durchführbar ist und erfolgreich sein wird.

Diesbezüglich ermutigt haben mich auch die Anmerkungen von Lesern, die ausdrücklich darauf hingewiesen haben, dass sie in unserer Korrespondenz Anregungen für ihr eigenes Leben gefunden haben.

Sie können sich also als Geburtshelferin für das neue Forum ansehen.

Sie haben unsere Korrespondenz am 20. April eingeleitet.
Heute, am 1. Mai, habe ich unseren bisherigen Dialog in das neue Forum übertragen. Ich habe nur das Layout etwas verbessert und Ihre und meine Rechtschreibfehler korrigiert.
Sie können das Ergebnis einsehen unter der neuen Forum-Adresse, die bald für alle gelten wird:

http://www.panik-attacken.de/forumB/index.php3

Wir schreiben noch im alten Forum weiter, bis Steve für alle den Umstieg in das neue Forum erklärt. Ich werde dann auch alle weiteren Beiträge, die wir noch in diesem Forum erstellen, in das Online-Forum hinüberkopieren.

Mit besten Grüßen bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky



Kicki 01.05.2001 - 23:20

Lieber Herr Morschitzky,

ich danke Ihnen für Ihre Antwort.

Ich finde es richtig, das Tempo etwas zu verlangsamen, da ich merke, dass sich bei mir einige Sachen setzen müssen.

Ich sehe die Fortschritte, die sich aus dem Dialog kristallisieren und bin auch froh, wenn andere Betroffene dadurch eine Anregung für ihr Leben bekommen.

Auch wenn ich hier anonym schreibe, merke ich langsam, dass ich mich in einem öffentlichen Medium entblättere und das macht mich verletzbar. Deshalb möchte ich Ihnen an dieser Stelle einige entscheidenden Fragen stellen.

Wo ist die Grenze zwischen einer Online-Beratung und einer Online-Therapie, oder befinden wir uns vielleicht schon in einer solchen? Wie können wir das Setting gestalten, dass ich weiterhin meine Grenzen wahren kann, denn ich merke, dass es zur Zeit für mich eine Gradwanderung wird, was kann ich in der Öffentlichkeit vertreten und was nicht.

Ich möchte dies mit Ihnen in meiner eigenen Verantwortung reflektieren, finde es aber auch für andere Betroffene wichtig, die sich vielleicht durch unsere offene Korrespondenz ermutigt fühlen, ähnliche Beiträge zu schreiben.

Ich sehe diese Arbeit hier nämlich mittlerweile nicht mehr nur als meine Beratung an, sondern auch als eine gemeinsame Arbeit zwischen Ihnen, Steve und mir.

Deshalb spreche ich an dieser Stelle auch Steve an. Es wäre gut, wenn wir gemeinsam klären würden, inwieweit die Betroffenen, die hier schreiben, einen Einfluss darauf haben, während der Beratung oder nach der Beratung, Teile löschen zu lassen, die ihnen vielleicht im Nachhinein unangenehm sind bzw. wo sie merken, dass die Anonymität durch zu viele Informationen, die vielleicht für die Beratung wichtig sind, aber nicht für alle Ewigkeit in ein öffentliches Medium gehören.

In diesem Sinne

bis bald Kicki



Hans Morschitzky 02.05.2001 - 6:51

Liebe Kicki!

Ich kann Sie sehr gut verstehen, daher antworte ich Ihnen jetzt noch kurz, bevor ich in die Nervenklinik fahre.

Grundsätzlich ist es so, dass jeder, der in einem Forum private Dinge darlegt, damit rechnen muss, dass jedermann auf die Daten auch nach Jahren noch Zugriff hat.

Ich habe mir mittlerweile auch andere Angst-Panik-Selbsthilfe-Homepages mit den jeweiligen Foren angeschaut.
Überall werden im Schutz der Anonymität sehr private Dinge ins Internet gestellt.

Natürlich kann ich um so zielführendere Ratschläge geben, je detailliertere Informationen mir zukommen. Doch halte ich es auch in einer Therapie so, dass ich nicht alle intimen Dinge wissen möchte, die mit der aktuellen Problemlösung nichts zu tun haben.

Kicki, wir sind bisher eine schwierige Gradwanderung gegangen. Wir beide haben dies von Anfang an gewusst.

Sie haben jederzeit das Recht, im Online-Forum, das von mir redigiert wird (schließlich habe ich auch einige Ihrer Rechtschreibfehler verbessert und das Layout etwas verändert), einige Dinge zu ändern, um Ihre Anonymität besser anzusichern und Ihre intimsten Gedanken besser vor der Öffentlichkeit zu schützen.

Ich mache Ihnen daher folgenden Vorschlag:

Kopieren Sie jene Beiträge, wo Sie Veränderungen anbringen möchten, auf Ihrem PC in eine Worddatei, verändern Sie den Text nach Bedarf und schicken Sie ihn dann an meine E-Mail-Adresse:

morschitzky@aon.at

Ich stelle die veränderte Version dann wieder ins Netz.

Ich gehe davon aus, dass Sie nicht alles Wesentliche streichen, denn dann wäre unsere Korrespondenz für andere wenig ergiebig.

Sie haben sogar das Recht, die ganze Korrespondenz von Forum Online-Beratung zurückzuziehen. Ich will niemand austricksen oder hier gar eine Show mit dem Leid von Menschen veranstalten, wo die anderen dann zu Ihrer eigenen Unterhaltung daran teilnehmen, wie dies derzeit im deutschen Privatfernsehen modern ist. All dies liegt mir sehr fern.

Ich möchte auch keine Frau Lämmle werden, wie ich dies im deutschen Fernsehen gesehen habe.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Sie gerade in Ihrem letzten Beitrag nicht derart detailliert die ganzen inneren und äußeren Ereignisse rund um den Nachlass Ihrer Tante hätten berichten müssen - auch wenn Ihnen durch das Schreiben vieles klarer geworden sein mag, als dies vorher der Fall war.

Es reicht, wenn deutlich wird, dass Sie diesbezüglich noch unverarbeitete Schuldgefühle haben und wieder einmal sich und den anderen bewiesen haben, dass nicht immer alles Angst ist.

Beruhigen Sie meine Worte? Wenn nicht, dann können Sie auch Ihre gesamte Korrespondenz von der Online-Beratung zurückziehen. Ich würde dies zwar sehr schade finden, aber ich respektiere voll und ganz Ihren Wunsch, wenn dies so sein sollte.

Sie und alle Leser müssen aber auch verstehen, dass ich das Online-Forum einstellen würde, wenn mir dies dreimal im Laufe der nächsten drei Monate passieren sollte.

Mehr als ein Rückzug der gesamten Korrespondenz durch die jeweiligen Teilnehmer pro Monat wäre das Ende dieses Forums.

Wenn jemand diese Korrespondenz als Ersatz für eine (schlecht laufende) Psychotherapie finden würde, dann würde ich mir selbst benutzt vorkommen und die Konsequenzen ziehen. Sie haben Recht, eine Ersatzpsychotherapie möchte ich nicht anbieten, wie Sie im von mir verfassten Text zum Online-Forums erkennen können.

Ich arbeite hier aus rein idealistischen Gründen. Würden mir andere Motive unterstellt, würde ich die Online-Beratung sofort einstellen und in meiner Praxis 140,00 pro Stunde verlangen. Da hätten dann auch meine Kinder mehr davon.

Ich habe gemerkt, Sie nicht alles zurückziehen wollen, sondern nur einiges zum besseren Schutz Ihrer Anonymität und zum Schutz Ihrer Familie verändern wollen.

Ich erwarte daher Ihre veränderten Beiträge. Ich habe ohnehin noch nicht alles im neuen Forum korrigiert. Die dritte Seite habe ich noch gar nicht verbessert. Die Korrekturen merken Sie daran, dass am Ende des Beitrags steht, wann ich den Text editiert habe. Und bei den Beiträgen auf der dritten Seite steht noch gar nichts.

Ich hoffe, dass die Leser aus unserer Korrespondenz für sich selbst lernen. Bei Ihnen als "Geburtshelferin" dieses Forums mache ich gerne mehr Ausnahmen als bei anderen. Schließlich sind wir dabei, alle mitsammen bestimmte Lernerfahrungen zu machen und die richtigen Lehren daraus zu ziehen.

Alles klar? Ich hoffe, ich kann Sie durch meine Worte beruhigen.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky
 



Kicki 02.05.2001 - 10:07

Lieber Herr Morschitzky,

zum Glück kann man über manche Dinge schlafen und heute morgen habe ich den Beitrag geöffnet, um Ihnen mitzuteilen, was mir die ganze Nacht durch den Kopf gegangen ist.

Ich habe gestern Abend zum Glück Steve noch im Chat getroffen, der mir noch einmal ganz klar bestätigt hat, was mit den Beiträgen passiert und das ist O.K. so.

Sie sind keine Frau Lämmle und auch kein Domian. Wir haben in diesem Prozess sehr viel Mühe und Zeit investiert und es wäre sehr schade, wenn dies vernichtet würde. Ich denke ich weiß, wenn der Prozess abgeschlossen ist, sehr klar, welche Passagen - vielleicht aber auch nur - gestrichen oder zusammengefasst werden müssten, aber zur Zeit ist das wahrscheinlich gar nicht so wichtig.

Es ist im Grunde genommen gerade eine Reaktion, die ich zur Zeit feststelle, die gar nicht so negativ ist, wie das im ersten Moment dachte. Ich merkte gestern Abend, dass ich wirklich auf dem Weg bin "verletzbar" zu werden, oder nennen wir es lieber, ich werde (wieder) weich, das Kind in mir kam wieder hoch und das machte mir Angst.

Genau kann ich da im Moment noch nicht drauf eingehen, da auch ich gerade nicht viel Zeit habe. Ich kann nur soviel sagen, dass nicht das "Kind" in mir hoch kam, sondern dass langsam meine Gefühle wieder zurückkommen. Dass so viel in meinem Kopf angefangen hat zu rattern, dass ich stundenlang hier schreiben könnte. Dass es keine schrecklichen Erlebnisse aus der Vergangenheit, sind, von denen ich immer dachte, dass sie hinter meiner Agoraphobie stecken, sondern ein falsches Verständnis vom Erwachsenenwerden.

Dass ich in die Welt gezogen bin, um erwachsenen zu werden und als Ziel hatte, meine Angst zu verlieren. Dass ich angefangen habe auf Kosten meiner Gefühle und damit meiner Selbst, gegen etwas zu kämpfen, was Riemann als "normale" Angst bezeichnet. Dass ich versucht habe mit dem Kopf erwachsen zu werden, was aber nicht gelingen kann, wenn damit das Kind in sich, seine Gefühle unterdrückt. Dass ich innerlich gemerkt habe, dass ich kein Kind bekommen kann, wenn ich weiterhin ein so starkes "Über-Ich" in mir habe, das meine vielleicht ganz normalen Gefühle, Triebe etc. bewertet und unterdrückt.

Aber wie gesagt, ich kann darauf aus zeitlichen Gründen nicht näher eingehen.

Ich danke Ihnen weiterhin für alles, was bisher passiert ist, denn ich merke, es ist der richtige Weg, auch wenn es sich vielleicht dramatisch anhört, ich habe das Gefühl, ich finde wieder zu mir selbst und das ist gar nicht so schlimm, wie es in meiner Phantasie aussah.

Kicki
 

 

Hans Morschitzky 06.05.2001, 01:03:58

Liebe Kicki!

Vorerst einmal möchte ich Ihnen danken dafür, dass Sie sich nach dem ersten Schock wieder gefasst haben und unsere Korrespondenz allen interessierten Lesern weiterhin unverändert zur Verfügung stellen.

Wir haben längst erkannt, dass man statt "Angst und Panik" oft viel besser "Wut, Ärger, Zorn" sagen könnte. Sie haben unseren Lesern nun durch Ihre sehr offene Darstellung gezeigt, dass es noch viele andere Gefühle gibt, und zwar noch mindestens drei sehr wichtige im Zusammenhang mit Ihren Problemen: Schuldgefühle, Schuldgefühle und Schuldgefühle:

- Sie waren in den Phasen der schwersten Zeit des Lebens Ihrer Mutter nicht bei ihr, obwohl sie zu dieser Zeit eine warmherzige Mutter geworden war (Warum bekommen Sie Schuldgefühle, wenn Sie als Erwachsene den Weg durch Ihr Leben zu gehen haben?).

- Sie waren in der Nacht ihres Todes nicht an ihrer Seite (Hätten Sie da nach Hause ziehen müssen, um nichts anderes zu tun, als in ihrer Nähe zu warten, bis sie stirbt?).

- Sie haben ihr angesichts ihrer schweren Krankheit die Erlösung durch den Tod gewünscht, obwohl sie gerne noch mehr von ihr zu Lebzeiten gehabt hätten (Darf man dies nicht, wenn es nur mehr menschenunwürdiges Leid gibt? Hätten Sie gewollt, dass man Ihre Mutter noch länger mit den Segnungen der High-Tech-Medizin quält, wenn dies noch möglich gewesen wäre?).

- Sie waren laut einer Bekannten nach dem Tod ihrer Mutter gar nicht "angemessen" traurig (Bestimmen andere, wie und wie lange Sie traurig sein müssen? sie waren für diese kritische Anfrage nur deshalb so sensibel, weil Sie selbst sich diese Frage auch schon gesellt hatten und keine innerlich befriedigende Lösung finden konnten).

- Sie haben nach dem Tod Ihrer Tante mehr geerbt als jene, die Ihre engsten Verwandten sind und waren vorher nicht einmal bei ihrem Begräbnis dabei (Wie lange müssen Sie noch krank sein, damit Ihr Fehlen durch eine sehr schwere Krankheit ausreichend legitimiert ist? Haben Sie dem Begräbnis fernbleiben "müssen", weil Sie den totalen Kontrollverlust am Grab gefürchtet haben oder weil Sie wegen der Konfusion Ihrer Gefühle nicht gewusst haben, welche Gefühle Sie da am offenen Grab haben und zeigen sollten?).

- Sie nehmen das an, was Ihre Tante Ihnen persönlich vererbt hat und verhalten sich nicht so großzügig, dass Sie zum Verteilen beginnen unter Ihrer Verwandtschaft (Wer kann Sie dazu auffordern, das Testament Ihrer Tante zu ändern?).

- Sie haben sich über das Erbe gefreut, obwohl es nur über den Tod der geliebten Tante erreichbar war (Warum können Sie es nicht so sehen, dass dies jene Form ist, wie Ihre Tante weiterhin "bei Ihnen" sein kann?).

- Sie haben Schuldgefühle, wenn Sie – so wie die anderen Erben – von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, das aus dem Nachlass zu bekommen, was Ihnen am besten gefällt. (Hätten Sie nur nehmen sollen, was Sie weniger wertvoll fanden?)

- Sie bekommen ein schmerzliches, schuldhaft verarbeitetes Gefühlswirrwarr, wenn Sie zum Grab fahren? Zu welchem Grab – der Mutter oder der Tante? Wessen Tod betrauern Sie mehr? Soll man wirklich so fragen? Ist es nicht vielmehr so, dass Sie in jeder Verstorbenen etwas anderes verloren haben? Warum müssen Sie ständig vergleichen und lassen nicht jeweils Ihre Gefühle ganz spontan zu. (Wenn Sie - so wie ich - fünf Kinder hätten, wäre es auch ganz natürlich, die Gefühle zuzulassen, dass man nicht alle Kinder immer spontan gleich liebt und doch tut für jedes Kid das Beste).

- Sie haben Schuldgefühle, die anderen jetzt mit Ihrer Krankheit zu belasten (Wenn Sie es schon tun, dann stehen Sie besser dazu und sagen Sie sich: "Ich möchte nichts zudecken und überfahren, das später wiederkommt. Ich habe jetzt endlich die verzögerte Trauerarbeit, deren Fehlen man früher kritisiert hatte. Ich war vorher in einem derartigen Schockzustand, wo zum Schutz vor Gefühlsüberflutung alle Gefühle einfach weg waren, und jetzt, weil ich es aushalten kann, kehren schön langsam die Gefühle zurück, sodass die Trauerarbeit und die Gefühlsentwirrung einsetzen konnte. Dies ist ganz normal dass am Grab alle anderen zusammenbrechen und die engsten Angehörigen oft funktionieren wie ein Uhrwerk. Und dann, wenn alle anderen längst zur Tagesarbeit übergegangen sind, dann kehrt bei den engsten Angehörigen die Trauer über den Verlust ein, weil man erst jetzt Zeit dazu hat, alles in Ruhe zu verarbeiten.")

- Und Sie haben vielleicht auch Schuldgefühle, dass Sie aufgrund des Erbes eigentlich nicht arbeiten müssten und Ihr Leben anders verbringen könnten (Können Sie sich sagen: "Durch eine glückliche Fügung, die leider über den Tod der Tante, an dem nicht ich, sondern die Ärzte schuld sind, kann ich so leben, dass ich nicht arbeiten muss und kann das Leben mehr genießen als jene, die es sich durch einen Job erst verdienen müssen. Wenn ich es nach einem Kind wirklich wann, kann ich noch immer so in den Beruf einsteigen, wie ich es will, aber vielleicht kann ich dann eine andere Form der Berufstätigkeit finden, als irgendwo eingezwängt zu sein, sodass ich berufliche Erfüllung und Mutterschaft besser verbinden kann, als dies anderen Menschen möglic ist").

Und so geht das ständig weiter. "Schuldgefühle über Schuldgefühle" schreiben Sie.

Wie lange müssen Sie noch leiden, bis Sie nach dem Tod der Mutter und der Tante das Leben genießen dürfen?

Ich hatte vor einem halben Jahr eine Frau zahlreiche Wochen in der Psychiatrie in Therapie, deren Gatte Alkoholiker war, der dann an den Folgen (u.a. Krebs) gestorben war. Sie war erleichtert darüber, denn sie hatte vieles mitgemacht, gerade weil sie sich nicht hatte scheiden lassen und ihn betreut hatte, obwohl er ihr früher vieles angetan hatte. Nach dem Tod fühlte sie sich jedoch erleichtert. Plötzlich sagte eine Freundin einige Monate später zu ihr: "Du bist ja eine ganz schön lustige Witwe!" Innerhalb einiger Wochen wurde sie wegen dieser Schuldgefühle so schwer depressiv, dass sie bei uns stationär aufgenommen werden musste.

Ist Ihr Leiden der Preis, den man als Auserwählte für ein Erbe zahlen muss, um den anderen zu zeigen, dass sie zwar nichts bekommen haben, dafür jetzt aber auch nicht "psychisch krank" sind?

Ihre persönlichen Worte in Zusammenhang mit den 4 Urängsten nach Riemann finde ich so beeindruckend, dass ich es nicht wage, sie zu kommentieren.

Kicki, Sie sind wirklich schon sehr weit gekommen auf dem Weg zur Gesundheit, der in nichts anderem gipfelt als in der Botschaft an sich selbst:

"Ich darf wieder leben und das Leben genießen. Ich darf meine Wege gehen und glücklich sein – mit oder ohne Kind. Mein Sinn besteht in der Selbstverwirklichung – und was dazu passt, wird mich zufrieden machen."

Der Verlust von Mutter und Tante lassen sich nicht durch ein Kind ersetzen! Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Nur wenn das Kind nicht den Verlust ersetzen soll, den Sie erlitten haben, werden Sie sich auf ein Kind freuen können, ansonsen hängen Ihnen immer wieder "alte Geschichten" nach.

Passt da jetzt in dieser Hinsicht bald ein Kind? Kann man das Thema auch so sehen oder stellt ein Kind immer nur eine Freiheitseinschränkung dar?

Ich kann Sie gut verstehen. 1977 hatte meine Schwiegermutter bereits so schwere Krebsfolgen (überall Metastasen), dass ihr Tod jederzeit möglich war. Wir wussten dies jedoch nicht, weil die Ärzte uns aus Mitleid mit meiner (damals noch nicht) Gattin nicht die volle Wahrheit gesagt hatten.

Meine Gattin war das einzige Kind, und wir studierten beide noch Psychologie in Salzburg, während meine Schwiegermutter in Linz lebte. Die Ärzte wollten es meiner Frau ersparen, dass sie ihre Zeit ständig in Linz bei ihrer Mutter im Krankenhaus verbringt und dadurch Verzögerungen im Studium erleiden könnte.

Doch eine Krankenschwester teilte uns die volle Wahrheit mit und sagte zu meiner Gattin: "Wenn Sie möchten, dass Ihre Mutter noch Ihre Hochzeit erlebt, dann sollten Sie bald heiraten."

Wir lebten als Studenten bereits zwei Jahre lang zusammen, sodass es kein Problem war, gerade jetzt zu heiraten. Ich wollte meiner Frau und meiner Schwiegermutter diese Freude der Hochzeit bereiten im Angesicht des bevorstehenden Todes Ihrer Mutter.

Eine schöne Gefühlsverwirrung bereits von Anfang an! Wir setzten für drei Monate später unseren Hochzeitstermin fest und planten trotz der schweren Krebserkrankung meiner Schwiegermutter, die selbst alles so gut als möglich alles aus Krankheitsverleugnung überspielte, eine große Hochzeit mit über 100 Leuten. Darf man denn nicht trotzdem feiern? Auch meine Schwiegermutter freute sich darauf.

Die Hochzeitsvorbereitungen liefen, doch da sagte uns die erwähnte Krankenschwester an einem ganz bestimmten Tag (was uns wiederum die Ärzte aus Mitleid mit meiner Frau nicht sagen wollten und wir aufgrund der Morphiumbehandlung meiner Schwiegermutter nicht einschätzen konnten): "Ihre Mutter wird höchstwahrscheinlich heute Nacht sterben. Wenn Sie dabei sein möchten, sollten Sie sich darauf einstellen".

Also kämpften wir mit den Ärzten, dass meine Schwiegermutter in ein Einzelzimmer kam, um in Würde sterben zu können und wir dabei sein könnten. Die Ärzte waren am Anfang unwillig, uns dies zuzugestehen. Wir sollten uns nicht zu viel hineinsteigern. Es sei noch nicht so weit.

Die Krankenschwester hatte jedoch recht. Es war die Nacht des Todes meiner Schwiegermutter. Er war ein langer und schauriger Todeskampf, den ich nie vergessen werde. Ich hatte mit Zustimmung meiner anwesenden Gattin und deren Tante meiner Schwiegermutter immer wieder den Blutdruck gemessen mit der Einstellung: "Wann fällt er endlich so weit, so dass wir ihr die Erlösung gönnen können!" Das werde ich nie vergessen. Kurz vor Mitternacht starb dann meine Schwiegermutter.

Wir gaben uns dann eine kurze Verschnaufpause, dann musste ich zur nächsten Handlung schreiten: Was glauben Sie wohl, was ich tun musste? Dies würden Sie nie erraten. Ich musste kurz nach Mitternacht alle Hochzeitsgäste ausladen, denn am nächsten Vormittag war seit drei Monaten unsere Hochzeit festgesetzt. Ich verbrachte also die geplante Hochzeitsnacht am Sterbebett meiner Schwiegermutter.

Ein halbes Jahr später holten wir die Hochzeit dann im kleinen Kreis nach.

Im Gegensatz zu Ihnen hatte meine Frau nichts geerbt. Ihre Mutter hinterließ zwar ein Friseurgeschäft mit 10 Angestellten, die jetzt auf meine Frau jenen Druck ausübten, das Geschäft ohne fachliche Kenntnis zu übernehmen, den bereits ihre Mutter früher immer wieder auf sie ausgeübt hatte.

Wir hatten in dieser Zeit nur einen wirklich guten Berater, und dies war der Wirtschaftstreuhänder (auf den meine Schwiegermutter seit Jahren nicht hören wollte, wie er uns erzählt hatte). Es sagte uns, was uns meine Schwiegermutter nie gesagt hatte: Das Geschäft war aus verschiedenen Gründen so überschuldet, dass wir die Erbschaft unbedingt ablehnen müssten, wenn wir als Studenten nicht mit einer Menge Schulden weiter leben wollten. Ich hatte mir nie im Leben vorstellen können, dass man auch Schulden erben kann. Also musste sich - gegen den Willen der Angestellten - meine Gattin des Erbes entschlagen.

An dieser persönlichen Lebensgeschichte können Sie ersehen, dass ich weiß, was ein Gefühlsdurcheinander ist, weil ich es selbst erlebt hatte. Ich wusste manchmal nicht, ob ich wegen des Todes meiner Schwiegermutter mehr traurig sein sollte oder mehr wütend, dass sie uns nicht in die finanziellen Belange eingeweiht hatte.

Meine Gattin hatte aufgrund der Umstände lange gebraucht, dies zu verarbeiten. So hart kann das Leben sein!

Obwohl wir wussten, wie Verhütung geht, hatte meine Frau fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Todestag ihrer Mutter einen Sohn geboren. Das Schicksal hatte es so gewollt.

Meine Mutter hatte nur eine Sorge: wie man als Studenten gerade jetzt unbedingt ein Kind haben will! Sie dürfte außerdem zurückgerechnet und erkannt haben, dass wir unseren Sohn, der uns dann viel Freude bereitet hat, gerade in ihrem Haus gezeugt hatten.

Mein Vater, ein einfacher und gewissenhafter Mann und Arbeiter, hatte meiner Frau dann gesagt, dass er leider jetzt nicht auch noch sie erhalten könne. Er hatte es bestimmt nicht bösartig gemeint, sondern nur voller Sorge. Dies hatte meine Frau jedoch so sehr gekränkt, sodass Sie längere Zeit nicht auf Besuch zu meinen Eltern mitfuhr. Sie hatte die spätere Übergabe von Geldgeschenken demonstrativ abgelehnt mit dem Hinweis, sie habe es nicht notwendig, sich von meinem Vater erhalten zu lassen, weil sie aufgrund der Umstände (Höchststipendium, doppelte Waisenrente als Studentin) sich selbst erhalten könne.

Aufgrund dieser persönlichen Lebensumstände kann ich Sie gut verstehen.

Nun wieder zu Ihnen:

> Dass es keine schrecklichen Erlebnisse aus der Vergangenheit, sind, von denen ich immer dachte, dass sie hinter meiner Agoraphobie stecken, sondern ein falsches Verständnis vom Erwachsenenwerden.

Dazu passt mein ständiges Statement gegenüber Angstpatienten:

"Die Ursachen Ihrer Angst liegen nicht in der Vergangenheit, daher werden Sie sie durch eine übliche Psychoanalyse nicht erkennen und bewältigen können. Denn die Ursachen Ihrer Angst liegen in der Zukunft. In der Vergangenheit liegen nur die Auslöser Ihrer Angst, liegen die Quellen, nunmehr gilt es jedoch, den Fluss des Lebens zu kanalisieren in eine Richtung, die Sie bestimmen. Diesen Ausblick auf die Zukunft können Sie so lange nicht gewinnen als Sie in die Vergangenheit blicken. Wohin soll es gehen? Was steht Ihnen bevor? Wovor fürchten Sie sich, dass Sie im Moment noch die Pattsituation einer Agoraphobie, die totale Unbeweglichkeit benötigen? Damit müssen Sie sich konfrontieren, nicht mit den vielen Orten und Plätzen, die Sie früher problemlos aufsuchen konnten."

Wenn Sie am Ende unseres gemeinsamen Weges sind, schlage ich Ihnen vor, das Grab von Mutter und Tante aufzusuchen und beiden innerlich zu versprechen, dass Sie wieder leben möchten, weil Sie beide Ihnen eine Zukunft ermöglichen wollten.

Ihre Mutter hat Sie dazu geboren und Ihre Tante hat Ihnen darüber hinaus auch noch die finanziellen Möglichkeiten bereit gestellt.

Wenn Sie so weit sind, können Sie dies auch schon in der nächsten Zeit in Form eines Mentalen Trainings tun. Sie wollen wissen, wie "Trauerarbeit" geht, weil jeder davon redet?

Bei Ihnen jedenfalls geht dies so, dass Sie Verlusterlebnisse und Traurigkeit einerseits und Schuldgefühle andererseits auseinander halten lernen sollten. Sie können Mutter und Tante wegen Ihrer Schuldgefühle nicht wirklich gehen lassen und müssen alles immer wieder "aufwärmen".

Sigmund Freud hat sinngemäß gesagt: Eine Depression ist eine nicht geleistete Trauerarbeit in dem Sinn, dass man noch nicht hergeben kann, was man ohnehin schon verloren hat.

Sie können Ihre Mutter und Ihre Tante wegen Ihrer Schuldgefühle nicht im Grab lassen.

- Wann sind Ihre Schuldgefühle abgetragen?
- Haben Sie noch nicht genug gelitten?
- Welche Buße müssen Sie noch erbringen, bis Sie frei sind von den Schatten der Vergangenheit?

Mutter und Tante sind gegangen, doch Sie konnten Sie noch nicht gehen lassen. Die Tante haben Sie geliebt, die Mutter haben Sie lieben gelernt und konnten Ihr dies leider nicht mehr länger zeigen. Ihre pathologische Traurigkeit war und ist meiner Meinung nach (neben dem normalen Verlusterlebnis), dass Sie leider aufgrund Ihres Durcheinanders der Gefühle beide noch nicht wirklich begraben konnten, obwohl sie schon längst gestorben waren. Sie gingen ja nicht einmal auf das Begräbnis Ihrer geliebten Tante.

Nunmehr werden Sie jedoch bald den Weg der Freiheit gehen können, wozu ich Ihnen abschließend noch einige Zitate aus meinem Buch "Angststörungen" präsentieren möchte, die vor dem Riemann-Zitat stehen.

Die frühere christliche Weisheit "Lebe jeden Tag so, als ob er Dein letzter wäre!" drückt aus, welche Intensität das Leben angesichts des möglichen Todes gewinnen kann. Panikpatienten mit Agoraphobie verhalten sich dagegen umgekehrt: aus Angst vor dem Tod schränken sie ihre Lebensmöglichkeiten ein.

Der Schriftsteller Max Frisch drückt den Zusammenhang von Lebensangst und Lebensfreude folgendermaßen aus:

"Es gibt kein Leben ohne Angst vor dem andern; schon weil es ohne diese Angst, die unsere Tiefe ist, kein Leben gibt; erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, dass wir leben. Man freut sich seiner Muskeln, man freut sich, dass man gehen kann, man freut sich des Lichtes, das sich in unserm dunklen Auge spiegelt, man freut sich seiner Haut und Nerven, die uns so vieles spüren lassen, man freut sich und weiß mit jedem Atemzug, dass alles, was ist, eine Gnade ist. Ohne dieses spiegelnde Wachbewusstsein, das nur aus Angst möglich ist, wären wir verloren; wir wären nie gewesen."

Die existenzielle Dimension der Angst und ihrer Bewältigung zeigt sich auch in dem Umstand, dass die Betroffenen - frei von ihren Ängsten - sich fragen können, wofür sie nun eigentlich frei sind. Wenn die Angst vor Abhängigkeit und Eingeengt sein vorbei ist, setzt bei vielen Menschen plötzlich die Angst vor der Entscheidungsfreiheit ein. Was soll man selbstverantwortlich tun, wenn man es wirklich tun kann und nicht mehr länger daran gehindert ist?

Nach Kierkegaard ist Angst der "Schwindel der Freiheit", der beim Anblick der vielfältigen Möglichkeiten des Lebens und des Drucks konkreter Entscheidungen mit dem Risiko von Fehlern entsteht.

Condrau stellt aus daseinsanalytischer Sicht fest:

"Angst ist nur auf dem Hintergrund von Freiheit möglich... Freiheit ist immer mit potentieller Angst verbunden. Je größer die Freiheit für die wachsende Fähigkeit ist, sich den eigenen Möglichkeiten der individuellen Entfaltung wie auch der Vertiefung zwischenmenschlicher Beziehungen zu stellen, und diese zu verwirklichen; je größer das Wagnis ist, sich auf neues Gebiet zu wagen, desto größer wird die Angst. Fürchtet sich aber der Mensch vor der Freiheit, wird die Angst krankhaft."

Ich wünsche Ihnen, dass Sie bald frei genug sind, diesen Weg zu gehen.

Dann wird unsere Korrespondenz enden, die von Anbeginn unter dem Titel stand: "Agoraphobie - was dahinter steckt".


Mit lieben Grüssen!

Hans Morschitzky

 

Kicki 06.05.2001, 19:06:00

Lieber Herr Morschitzky,

Ich habe viel Zeit gehabt darüber nachzudenken, warum ich auf einmal wieder den Schutz der Anonymität suchte, warum ich in einem Prozess, wo ich schon so viel von mir preisgegeben habe, zu meinem Vertrauensvorschuss, den ich Ihnen von Anfang an gegeben habe, noch ganz viel Vertrauen dazu kam, plötzlich ins Wanken geriet. Ich kenne diese Reaktion von mir und sie hat mir schon viele Steine in den Weg gelegt bzw. in meinem Umfeld für Verwirrung gesorgt. Ich habe mehr als 5 verschiedene Erklärungsansätze gefunden, die auf Anhieb zutrafen, aber nicht als alleinige Ursache zu sehen sind. Die Sorge, etwas zu schreiben, was man später vielleicht bereuen könnte, das schlechte Gewissen, zu besseren Verdeutlichung der Gesamtsituation, Dinge zu schreiben, die nicht nur einen selbst betreffen, sondern auch andere, der Wunsch seinen eigenen Weg zu gehen und zu erkennen, dass man dabei auf die Hilfe anderer angewiesen ist, die Wut über sich selbst, dass man sich dabei von der Meinung anderer abhängig macht „hoffentlich sagt er jetzt nicht etwas, was ich vielleicht nicht hören will“, das schlechte Gewissen, sich selbst zu erkennen und auch noch stolz darauf zu sein, die Stimmen im Ohr, die mich fragen, was machst du denn da, bist du nicht zu vertrauensselig .....

Wenn das nicht agoraphobisch ist, dann weiß ich es nicht.

Mir ist durch diese Aktion und im Grunde noch mal durch die gesamte Korrespondenz deutlich geworden, wie viele Fassetten meine eigene Persönlichkeit hat, geprägt durch meine bisherigen Erfahrungen und meine derzeitigen Wünsche, Hoffnungen und Ängste, wie komplex die Ursachenforschung ist, um dann letztendlich zu dem Punkt zu kommen, dass es nicht eine Ursache gibt, die allgemeingültig für alles steht, was natürlich auch die Problembewältigung erschwert, weil man nicht so richtig weiß, an welcher Front man sich nun bewegen soll.

STRESS LASS NACH würden Sie jetzt sagen.

Wenn ich die Beiträge der anderen lese, könnte ich mich in jedem finden. Aber in jedem nur ein kleines Stück. Ist mein Problem noch viel komplexer als Agoraphobie und Depression und Zwänge und Panik und generalisierte Angststörung und soziale Phobie, Hypochondrie und gleichzeitig Krankheitsverneinung und und und

Oder bin ich schlicht und ergreifend „nur“ ein ganz normaler Mensch, der sich in vielen anderen Menschen wiedererkennt. Der so einfühlsam ist, dass er jeden verstehen kann, weil er jedes Problem in seinem Leben in vollen Zügen „genossen“ hat. Der jegliche verquere Gedankengänge kennt, dem das Leid der anderen oft so nah geht, dass er sich nicht distanzieren kann, der sich dafür lieber schöne Gedanken macht und dann auch noch ein schlechtes Gewissen hat, weil er einen wichtigen Anpassungsprozess geschafft hat.

Wissen Sie was ich mich oft gefragt habe, wenn ich die Angst vergessen habe und in eine Situation reingegangen bin, die anderen Menschen Angst macht: Bist du eigentlich noch ganz normal, alle Menschen haben Angst vor Prüfungen, vor neuen Jobs, haben Angst davor in der Öffentlichkeit ihre Meinung zu vertreten und du stehst hier auf und argumentierst mit Worten, die anderen vielleicht nicht einfallen würden , wirst bewundernd angeschaut und fühlst dich tief in deinem inneren total schwach und ängstlich, weil du Angst hast in einen Supermarkt zu gehen? So schnell kann man gar nicht schauen, wie die Angst dann zurückkommt.

Ich wollte berichten von meinem Wunsch, in die Welt zu ziehen und erwachsen zu werden und weil ich glaubte, dass dies nur über den Weg der Angstbewältigung geht, alle Hürden mit Anlauf nahm und hoffte, dass nach jeder einzelnen die Angst weggeht.

Es war eine falsche Vorstellung vom Erwachsenwerden und was habe ich geerntet, Angst, Angst und nichts als Angst.

Richtige Panikattacken hatte ich gar nicht so viele in meinem Leben vielleicht 5-6, wenn ich mich recht erinnere. Mittendrin fand ich es teilweise sogar total angenehm, wenn sie sich aufbäumte und dann in einer großen Entspannung endetet.

Ich hasse viel mehr die Anspannung, die sich über einen ganzen Tag ziehen kann, wenn man die Angst, die Wut, die überschäumende Freude, die Sorgen, das schlechte Gewissen und was auch immer versucht zu unterdrücken.

Ich hasse es, wenn Mensch glauben, dass ich nicht weiß, was gut für meine Seele ist und mich mit ihren Bemerkungen darüber, dass ich mich in manchen Situationen anders verhalte als andere ins Zweifeln bringen.

Ich habe in den letzten Wochen etwas interessantes festgestellt. Wenn ich die Probleme in der Gegenwart lösen will, dann muss ich lernen, die Vergangenheit zu verstehen. Doch ich hatte immer eine falsche Vorstellung davon. Die Gegenwart hat mir gezeigt, dass ich auch in Zukunft immer noch die gleichen Fehler machen werde, wenn ich sie nicht verstanden habe bzw. wenn ich sie falsch interpretiert habe.

Sie haben viel von Glaubenssätzen gesprochen, davon habe ich eine ganze Menge. Ich dachte immer die ganzen Verletzungen aus meiner Kindheit, hätten mir einen Schaden zugefügt. Im Moment entsteht bei mir der Eindruck, dass es weniger die Verletzungen waren, als meine Reaktionen darauf und die Glaubenssätze, die ich daraus entwickelt habe.

Ich dachte als Kind oft, meine Mutter würde mich ablehnen, weil ich ihr nicht gehorche. Auch dachte ich, dass sie mich mit ihren vielen Sprüchen, Weissagungen und vor allem mit ihrer Angst klein halten wollte, damit sie sich keine Sorgen machen muss. Ihre Wut mir gegehnüer empfand ich oft als Hass. Doch mittlerweile zweifle ich daran, dass es Ablehnung oder Hass war, sondern ihre übersteigerte Angst, uns vor Krankheiten, Unfällen und Dingen im Leben, die man nicht verkraften kann zu schützen.

Da ich schon als kleines Kind – nach ihrer Auskunft – einen starken Hang zur Autonomie hatte, alles alleine machen wollte, mir zu viel zutraute und vor allem fremden Menschen gegenüber zu vertrauensselig war, bekam ich viele Leitsprüche mit auf mit auf den Weg: „Pass auf, dass dir dies und jenes nicht passiert“ oder „das verkraftest du nicht, da bist du zu sensibel für, ich habe Angst um deine Seele“, „pass auf deine Gesundheit auf“, „du bist viel zu leichtsinnig“. Etc. Ich glaube wir führten in all diesen Dingen einen ständigen Machtkampf. Denn ich schaute mich sehr intensiv in meinem Umfeld um. Dort erlebte ich viele Dinge anders und zweifelte oft daran, dass sie es „nur“ gut mit mir meinte. Ich lebte einfach in den Tag hinein. Da ich sie oft als genervte und unzufriedene Frau erlebt hatte, dachte ich oft, dass sie nur eifersüchtig sei und dass sie mir mein schönes Leben nicht gönne.

Wie weit meine inneren und äußeren Wuttiraden gingen, möchte ich hier gar nicht ausführen, doch ich kann bestimmt sagen, dass ich für sie nicht angenehm war. Hinzu kamen meine schon früh entwickelten Schuldgefühle. Sie ließ uns Kinder nicht viel selbständig machen, beschwerte sich aber gleichzeitig darüber... Sie hatte für mich eine große Schwachstelle: Sie hatte Angst!

Ich glaube aber, am meisten kämpfte ich mit meinem schlechten Gewissen ihr gegenüber.

Meine Mutter hatte auch einen Kontrollzwang, so kam es mir als Kind zumindest vor. Sie kontrollierte in meiner Abwesenheit oft mein Zimmer und wenn ich aus der Schule nach Hause kam, hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, ob sie wieder etwas gefunden hat, was ich vor ihr verstecken wollte. Dieses schlechte Gewissen ihr gegenüber hat sich dann irgendwann verselbständigt.

Da ich dies alles nicht verstand, beschwerte ich mich oft bei meinen Freundinnen über sie. Auf der anderen Seite konnte ich es aber nicht ertragen, wenn sie sich dann über sie lustig machten. Also begann ich sie wieder vor allen zu verteidigen und zu entschuldigen.

Ich denke, wir zwei hatten schon ein besonderes Verhältnis zueinander. Doch es war bestimmt von einer Ambivalenz, die ich nie begriffen habe.

Sie haben mich noch mal deutlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich in meinem Leben viele Ambivalenzen habe. Das stimmt. Ich habe mich immer noch nicht von meiner Mutter gelöst bzw. ich weiß noch nicht welchen Teil ich von ihr gehen gelassen habe. Ich vermute es war der „gute“ Teil in ihr. Den, der ein schlechtes Gewissen in mir ausgelöst hat, konnte und wollte ich noch nicht gehen lassen, bis ich ihn verstanden habe. (Gehe ich recht in der Annahme, dass es gar nicht die „gute“ und die „böse“ Mutter gibt, sondern nur die, die versucht hat, ihr bestes zu geben und hin und wieder an ihren eigenen Grenzen gescheitert ist?)

So ambivalent ist auch für mich das Schreiben hier. Ich weiß, dass ich damit ein wichtiges Familientabu breche, spüre aber auf der anderen Seite, dass es wichtig für mich ist.

In ihren Lebzeiten wäre es ihr mit Sicherheit nicht recht gewesen, da bin ich mir sicher. Aber jetzt wo sie tot ist, hat sie wahrscheinlich – wenn sie es mitbekommen würde – eine andere Einstellung dazu. Ich bin sogar hingegangen, das war weit bevor ich hier angefangen habe zu schreiben und habe ihr einen Brief geschrieben. Ich habe mich darin entschuldigt, dass ich wahrscheinlich Schritte gehen muss, die ihr früher nicht gefallen hätten, dass ich Dinge über sie sagen werde, die sie nicht hätte hören wollen, dass ich sie aber um ihre Hilfe bitte, dies zu tun, weil es hier um mein Leben geht.

Insofern haben Sie in Ihrem letzten Beitrag so viel Wahres gesagt. Ich befinde mich mitten in der Trauerarbeit, auch wenn ich nicht wusste wie es geht. Ich möchte sie endlich gehen lassen, indem ich die schlechten Erinnerungen an sie versuche zu verstehen und somit genauso beerdigen kann, wie die Mutter, die ich über alles geliebt habe und der ich wünschte, dass sie vor Schmerzen und noch größerem Leid bewahrt wird. Alles werde ich mit Sicherheit nicht verstehen. Aber vieles wird schon klarer. Und das ging nur, indem ich mich mit meiner eigenen Frage nach Mutterschaft auseinandergesetzt habe – war mir aber bis gerade nicht klar.

Nachdem ich gemerkt habe mit wie viel Angst (und hier könnte ich alle 4 Merkmale der Angst von Riemann zitieren) dieser Schritt verbunden ist, wird mir immer stärker bewusst, welchen eigenen Ängsten sie ausgesetzt war. Da ich mich nach ihrem Tod viel mehr mit ihrer Lebensgeschichte auseinandergesetzt habe und ich auf der Ursachen nach meinen Ängsten auf ihre gestoßen bin, die ich immer abgelehnt habe, weil sie mich in meiner Freiheit beschränkt haben, stelle ich mir nun die Frage: Kämpfe ich eigentlich mehr gegen meine Ängste oder gegen ihre Ängste?

Dies passt für mich zur Theorie der erlernten Ängste. Habe ich sie nun überrascht, dass noch mehr hinter einer Agoraphobie stecken kann, als das was wir alles schon herausgearbeitet hatten? Sie haben sich keine einfache Gesprächspartnerin als „Geburtshelferin“ gesucht.

Ich muss gestehen, dass ich immer noch nicht an dem Punkt angelangt bin, mir ein Kind zu wünschen, dass ich immer noch nicht das Bedürfnis habe, mich von diesem Forum zu lösen und dass ich jetzt ganz viel Mut brauche, diesen Beitrag hier abzuschicken.

Denn ich breche damit ein Familientabu und möchte dafür keine Schuldgefühle haben (und erst recht keine Psychose bekommen)

Können Sie nun auch verstehen, warum ich mich rückversichern wollte, ob ich Beiträge löschen kann, falls ich doch ein schlechtes Gewissen bekomme?

In diesem Sinne, bis bald

Kicki

 

Hans Morschitzky 06.05.2001, 21:46:44

Hallo Kicki!

Sie haben um "wenigstens ein kurzes Statement" gebeten. Hier folgt ein längeres, weil ich gerade Zeit habe.

Danke vorerst einmal für Ihren sehr offenen und ausführlichen Beitrag, der aufzeigt, dass die Probleme, die das Leben uns bereiten kann, oft gar nicht mit einer einzigen Diagnose abzudecken sind. Doch bringt es etwas, wenn man - wie der sprichwörtliche Medizinstudent, der gerade von bestimmten Krankheiten im Studium hört - plötzlich glaubt, all diese selbst auch schon zu haben oder bald zu bekommen?

Diese Sichtweisen sollen uns nur helfen, uns besser verstehen zu können, um uns leichter verändern zu können, und sollen keine Festschreibung der "Wirklichkeit" bedeuten in dem Sinn, dass etwas nun eben so sei und man es nicht ändern könne, wie viele Paniker glauben.

Ich halte viel vom Spruch des bekannten deutschen Philosophen Feuerbach, den leider die Kommunisten für Ihre Zwecke missbraucht haben:

"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern."

Als ausgebildeter systemischer Familientherapeut (diesen Aspekt übersieht man bei mir oft) vertrete ich eine so genannte konstruktivistische Sichtweise in der Psychotherapie:

"Wahr ist das, was nützlich ist."

Es gibt nicht die objektive "Wirklichkeit", nicht die Vergangenheit, wie sie "wirklich" wahr, sondern wie man sie jeweils sieht. Dies gilt auch für Altersregressionen unter Hypnose.

Wir haben immer bestimmte Sichtweisen, die mehr oder weniger nützlich sind in dem Sinn, dass sie uns helfen, etwas so zu sehen,
- dass wir besser damit leben können, wenn wir es schon nicht ändern können, oder
- dass wir etwas ändern können, weil wir es so sehen, dass es änderbar ist.

Sichtweisen, die nichts verändern, sind in diesem Sinn nicht "wahr", weil sie nicht nützlich sind, sondern nur schaden, soweit es die Entwicklung von Lebensmöglichkeiten betrifft.

Ich möchte als Psychotherapeut immer glauben, dass etwas änderbar ist, und wenn etwas nicht änderbar ist, dass man dann doch besser damit leben lernen kann als früher, wo einen bestimmte Sichtweisen sehr eingeengt haben.

Neue Sichtweisen führen zu neuen Handlungsmöglichkeiten. Dies ist das Wesen einer Kurzzeittherapie, wie ich sie häufig durchführe, nachzulesen unter:

panikattacken.at/kurzzeittherapie/kurzther.htm

Daran schließt sich auch ein bestimmtes Verständnis von Verhaltenstherapie an:

panikattacken.at/verhaltenstherapie/vt.htm

Kicki, Sie sind dabei, durch neue Sichtweisen neue Realitäten zu schaffen und die rigiden Glaubensmuster Ihrer Mutter und Ihrer Großmutter zu überwinden.

Man wird nicht dadurch "verrückt", dass man die Dinge "zurechtrückt". Wir haben die Möglichkeit, sehr rigide Muster so zu durchbrechen, dass wir ein befreiteres Leben führen können, ohne dass wir dabei zerbrechen.

Das Thema der Sozialphobie (darüber haben wir uns noch zu wenig unterhalten) lautet: Wer setzt die Normen? Wer bestimmt, was richtig ist und wie man zu leben hat?

Dies wird genau beschrieben unter:

panikattacken.at/sozialphobie/sozial.htm

Sozialphobie ist eine Beurteilungsangst. Wenn man also - aus der Sicht des Familienmythos Ihrer Mutter - nach außen hin über sich nichts sagt, dann können einen die anderen nicht beurteilen und daher auch nicht verurteilen.

Doch wer setzt die Normen, wer bestimmt, wie man zu sein hat?

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, wo die Werte und Normen nicht mehr so starr vorgegeben sind wie früher, sodass man sich innerhalb der gültigen Gesetze seine eigenen normativen Leitbilder erstellen muss, nach denen man beurteilen kann, ob man seinen Zielen entsprechend gut im Leben unterwegs ist.

Ihre Mutter war eine fromme Frau. Man hätte ihr sagen müssen: In der Bibel heißt es: "Die Wahrheit wird Euch frei machen". Martin Luther hat darauf hingewiesen, dass die Kirche die Menschen nicht frei gemacht hat und hat daher seine bekannte Schrift "Von der Freiheit des Christenmenschen" veröffentlicht. Selbst die katholische Kirche hat trotz Ihrer strengen Aufforderung, in allem ihren Lehren zu gehorchen, immer (zumindest in der Theorie) darauf hingewiesen, dass man letztlich seinem Gewissen gehorchen müsse. Dieses Gewissen müsse man zwar z.B. an den Veröffentlichungen des Papstes orientieren, doch der Begriff der "Sünde" setzt voraus, dass man etwas getan hat, was man selbst als falsch erkannt hat.

Es zählt also letztlich die Verantwortung sich selbst, seinem Gewissen, gegenüber. Wer kognitiv nicht in der Lage ist, ein derartiges "Ge-Wissen" zu bilden, ist in unserer Strafprozessordnung nicht schuldfähig - wie schwer auch immer sein Verbrechen war. Er kommt daher in eine Anstalt für "geistig Abnorme" - oder wird z.B. exkulpiert als "akut psychotisch".

Die neuerdings sehr beliebte (und auch von mir oft gestellte) Diagnose der "sozialen Phobie" bedeutet nichts anderes, als dass man sich in einer ständigen Werte- und Normendiskussion befindet, wenn man über "Angst" redet.

Angst wovor? Angst vor der Reaktion der anderen Menschen! Doch wie kommen die anderen Menschen dazu, dass sie recht haben? Weil wir ihnen recht geben - und schon ist unser Leben eingeschränkt.

Etwas macht uns nur deshalb Angst, weil wir es als bedrohlich einschätzen. Insofern kann plötzliches Herzrasen genauso gefährlich erscheinen als die erlebte, vernichtend erscheinende Kritik vonseiten anderer Personen.

Sie haben schon immer einen Kampf geführt gegen das Wertesystem Ihrer Mutter - und deren Mutter. Doch Sie haben ihn nur durchgestanden mit schlechtem Gewissen und einer Menge von Symptomen bis über das Grab Ihrer Mutter hinaus.

Die meisten meiner Angstpatientinnen habe ich als sehr temperamentvolle Frauen kennen gelernt. Sie, Kicki, stelle ich mir genau so vor. Die jeweils geltenden Normen haben dieses Temperament jedoch oft unterdrückt.

Das Ergebnis ist eine Menge von körperlichen Symptomen, weil das Temperament und die "Triebe" nicht ausgelebt werden dürfen. Nach Freud kämpfen da ständig das ES und das ÜBER-ICH gegeneinander, während das ICH klein und schwach bleibt, wie dies bei vielen Angstpatienten der Fall ist.

Das Ziel der Psychoanalyse ist bekanntlich: Wo ES war, soll ICH sein. Das Reich der Emotionen und Triebe soll dabei nicht voll unterdrückt und ersetzt werden, sondern nur in individuell verantwortlicher Weise geformt werden, wobei das ÜBER-ICH zwar eine leitende Position behält, jedoch nicht mehr derart lebensbehindernd wirken soll wie früher.

Ich bezeichne viele Agoraphobiker als Sozialphobiker, weil sie sich zu sehr an den Normen der anderen ausrichten: Schwitzen, Zittern, Rot werden, Umfallen, Auffallen - alles ungefährlich, aber dennoch lebensbedrohlich - den sozialen Ruf, das Sozialprestige in fundamentaler Weise bedrohend!

Was werden sich die anderen denken, wenn man sich so zeigt, wie man ist? Sie werden über einen herfallen und einen zumindest verbal vernichten. Das ist das Drama bei einer Sozialphobie. Da möchte man manchmal lieber an einer Panikattacke sterben oder im Erdboden versinken.

Hat man als bald 35-jährige jetzt ein Kind zu bekommen, weil alle sagen: "Jetzt geht es noch, später wird es zu riskant"? Wie viel Zeit lässt Ihnen Ihre soziale Umwelt noch bis zum ersten Kind? Sie werden doch keine Risikoschwangerschaft eingehen wollen - und wie lauten diese Sprüche alle?

Sie schreiben oft, Sie können vieles nicht mehr hören, was Ihre Umgebung sagt, und warten doch auf deren Reaktionen. Als Leitlinie oder nur zur Orientierung?

Heute spricht man überall von "belief systems", von Glaubenssätzen, die unser Leben bestimmen.

Wenn Sie einmal sagen werden: "Ich habe die (krankhafte) Angst überwunden", dann bedeutet dies, dass Sie andere Glaubenssätze entwickelt haben, als Sie von Ihren Eltern und deren Eltern übermittelt bekommen haben.

Dann haben Sie die Fesseln der Agoraphobie gesprengt, die Ihren (sozialen) Bewegungsradius eingeengt haben.

Angst bedeutet Einengung. "Angst" kommt vom lateinischen Wort "angustiae" und bedeutet "Einengung, Beklemmung, Beklemmung des Herzens, Zuschnüren der Kehle, Beengung des Brustkorbs". Im Mittelalter wurde daraus "angust", dann "angst". Im Indogermanischen heißt dieselbe Wortwurzel "anghos" und beschreibt dasselbe wie die alten Römer.

Das Gegenteil von Angst ist daher "Freiheit", "Autonomie".

Die Lösung der Agoraphobie besteht daher in einem gestärkten Vertrauen in sich selbst, in die eigenen Handlungsmöglichkeiten, und zwar auch unter Bedingungen, die man gar nicht vorhersehen kann. Wer kein ausreichendes Vertrauen in sich entwickelt, wird daher leicht abhängig von Tabletten, Alkohol, Vertrauenspersonen, Ärzten und Therapeuten.

Wenn Sie sich in Ihren Lebensmöglichkeiten durch Ihre Mutter eingeengt erlebt haben, dann haben Sie deren Glaubenssätze eingeengt, ob diese nun kirchlich fundiert waren oder nicht.

Wenn Sie nun innerlich gegen Ihre Mutter "kämpfen", dann kämpfen Sie nicht gegen sie als Person, sondern nur gegen ihre Glaubenssätze. Da dürfen Sie so fanatisch sein wie nur möglich, wenn es Ihnen hilft, Ihre Freiheit zu erringen bzw. zu bewahren.

Doch es gibt Ihre Mutter auch noch als reale Person aus Fleisch und Blut, wenngleich jetzt nur mehr in Ihrem Gedächtnis. Diese Mutter können Sie gleichzeitig wieder mehr lieben lernen, vor allem auch verstehen lernen als Person, die sich durch ihre Glaubenssätze in ihrer Freiheit so eingeengt hat, dass immer nur zählte, wie etwas zu sein hatte, ohne dass reflektiert wurde, wie diese Normen zustande kamen.

Ihre Mutter ließ Sie als Baby deshalb stundenlang am Balkon schreien, weil ihr die Kinderärztin gesagt hatte, dass dies gut sei für Ihre Lungen, wie man aus Ihrem Beitrag entnehmen kann. Ihre Mutter war also eine sehr autoritätshörige Frau. Sie folgte nicht ihren Gefühlen, sondern dem, was nach Meinung der Kirche und angeblich gescheiter Leute richtig ist.

Sie können es Ihrer Mutter lassen, so gelebt zu haben, wie sie dies getan hat. Aber sie hatte nicht das Recht, Sie in Ihrer Freiheit einzuengen und Ihnen mit ihren Normen einen Mühlstein um den Hals zu hängen. So können Sie mit Ihrer Mutter innerlich die Versöhnung finden.

Die von Ihnen beschriebenen Ängste Ihrer Mutter hängen mit deren Glaubenssätzen zusammen. Wenn Sie die Glaubenssätze Ihrer Mutter auszutauschen wagen (anfangs mit Angst, wie ich an dem sehe, wie viel Kraft es Sie kostete, den letzten Beitrag abzuschicken), dann können Sie schon nicht mehr dieselben Ängste haben - höchstens andere, je nach Ihren Glaubenssätzen.

Dies ist das Ziel einer so genannten kognitiven Verhaltenstherapie, bei der allerdings neben den Kognitonen auch die Emotionen eine stärkere Bedeutung haben als im Konzept der Konfrontationstherapie, wo eine Löschung von Symptomen durch Habituation (Gewöhnung, Anpassung) im Vordergrund steht. So kann man auch Tiere trainieren, sich an etwas zu gewöhnen. Unser Hirn stimmt in vielem mit dem Hirn höherer Tiere überein. Daher wirken dieselben Prinzipien bei Mensch und Tier, wie man in der Lernpsychologie und in klassischen Lernexperimenten herausgefunden hat. Weil Menschen jedoch mehr sínd als Tiere, brauchen Sie oft auch mehr Hilfestellung zu Ihrer Heilung als die Konfrontation mit gefürchteten Situationen, die man früher problemlos bewältigen konnte.

Wenn Ihr Vater es geschafft hat, seine Panikattacken ein Leben lang vor Ihnen zu verbergen und auch nicht darüber zu sprechen, dann sehen Sie, wie stark der Glaubenssatz sein kann, dass man seine Gefühle nicht einmal seinen nächsten Angehörigen zeigen darf.

Wie würden Sie übrigens die zentralen Glaubensätze Ihres Vaters zusammenfassen? Über Ihren Vater haben wir noch kaum unterhalten. Welche Beziehung wünschen Sie zu Ihrem Vater? Als systemischer Familientherapeut frage ich Sie auch: Haben Sie eine bestimmte Position innegehabt zwischen Ihren Eltern? Waren Sie z.B. die Vermittelnde oder die Konfliktumleitende?

Angst ist oft "nur" Angst von bestimmten Gefühlen und Gedanken, weil diese nicht so sein dürfen - jedenfalls nach bestimmten normativen Vorstellungen, die nicht (mehr) die Ihren sind.

Frei ist der, der seinem eigenen "Ge-Wissen" folgt. Dies wünsche ich Ihnen und allen unseren Lesern.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

Hans Morschitzky 06.05.2001, 21:46:44

Hallo Kicki!

Sie haben um "wenigstens ein kurzes Statement" gebeten. Hier folgt ein längeres, weil ich gerade Zeit habe.

Danke vorerst einmal für Ihren sehr offenen und ausführlichen Beitrag, der aufzeigt, dass die Probleme, die das Leben uns bereiten kann, oft gar nicht mit einer einzigen Diagnose abzudecken sind. Doch bringt es etwas, wenn man - wie der sprichwörtliche Medizinstudent, der gerade von bestimmten Krankheiten im Studium hört - plötzlich glaubt, all diese selbst auch schon zu haben oder bald zu bekommen?

Diese Sichtweisen sollen uns nur helfen, uns besser verstehen zu können, um uns leichter verändern zu können, und sollen keine Festschreibung der "Wirklichkeit" bedeuten in dem Sinn, dass etwas nun eben so sei und man es nicht ändern könne, wie viele Paniker glauben.

Ich halte viel vom Spruch des bekannten deutschen Philosophen Feuerbach, den leider die Kommunisten für Ihre Zwecke missbraucht haben:

"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern."

Als ausgebildeter systemischer Familientherapeut (diesen Aspekt übersieht man bei mir oft) vertrete ich eine so genannte konstruktivistische Sichtweise in der Psychotherapie:

"Wahr ist das, was nützlich ist."

Es gibt nicht die objektive "Wirklichkeit", nicht die Vergangenheit, wie sie "wirklich" wahr, sondern wie man sie jeweils sieht. Dies gilt auch für Altersregressionen unter Hypnose.

Wir haben immer bestimmte Sichtweisen, die mehr oder weniger nützlich sind in dem Sinn, dass sie uns helfen, etwas so zu sehen,
- dass wir besser damit leben können, wenn wir es schon nicht ändern können, oder
- dass wir etwas ändern können, weil wir es so sehen, dass es änderbar ist.

Sichtweisen, die nichts verändern, sind in diesem Sinn nicht "wahr", weil sie nicht nützlich sind, sondern nur schaden, soweit es die Entwicklung von Lebensmöglichkeiten betrifft.

Ich möchte als Psychotherapeut immer glauben, dass etwas änderbar ist, und wenn etwas nicht änderbar ist, dass man dann doch besser damit leben lernen kann als früher, wo einen bestimmte Sichtweisen sehr eingeengt haben.

Neue Sichtweisen führen zu neuen Handlungsmöglichkeiten. Dies ist das Wesen einer Kurzzeittherapie, wie ich sie häufig durchführe, nachzulesen unter:

panikattacken.at/kurzzeittherapie/kurzther.htm

Daran schließt sich auch ein bestimmtes Verständnis von Verhaltenstherapie an:

panikattacken.at/verhaltenstherapie/vt.htm

Kicki, Sie sind dabei, durch neue Sichtweisen neue Realitäten zu schaffen und die rigiden Glaubensmuster Ihrer Mutter und Ihrer Großmutter zu überwinden.

Man wird nicht dadurch "verrückt", dass man die Dinge "zurechtrückt". Wir haben die Möglichkeit, sehr rigide Muster so zu durchbrechen, dass wir ein befreiteres Leben führen können, ohne dass wir dabei zerbrechen.

Das Thema der Sozialphobie (darüber haben wir uns noch zu wenig unterhalten) lautet: Wer setzt die Normen? Wer bestimmt, was richtig ist und wie man zu leben hat?

Dies wird genau beschrieben unter:

panikattacken.at/sozialphobie/sozial.htm

Sozialphobie ist eine Beurteilungsangst. Wenn man also - aus der Sicht des Familienmythos Ihrer Mutter - nach außen hin über sich nichts sagt, dann können einen die anderen nicht beurteilen und daher auch nicht verurteilen.

Doch wer setzt die Normen, wer bestimmt, wie man zu sein hat?

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, wo die Werte und Normen nicht mehr so starr vorgegeben sind wie früher, sodass man sich innerhalb der gültigen Gesetze seine eigenen normativen Leitbilder erstellen muss, nach denen man beurteilen kann, ob man seinen Zielen entsprechend gut im Leben unterwegs ist.

Ihre Mutter war eine fromme Frau. Man hätte ihr sagen müssen: In der Bibel heißt es: "Die Wahrheit wird Euch frei machen". Martin Luther hat darauf hingewiesen, dass die Kirche die Menschen nicht frei gemacht hat und hat daher seine bekannte Schrift "Von der Freiheit des Christenmenschen" veröffentlicht. Selbst die katholische Kirche hat trotz Ihrer strengen Aufforderung, in allem ihren Lehren zu gehorchen, immer (zumindest in der Theorie) darauf hingewiesen, dass man letztlich seinem Gewissen gehorchen müsse. Dieses Gewissen müsse man zwar z.B. an den Veröffentlichungen des Papstes orientieren, doch der Begriff der "Sünde" setzt voraus, dass man etwas getan hat, was man selbst als falsch erkannt hat.

Es zählt also letztlich die Verantwortung sich selbst, seinem Gewissen, gegenüber. Wer kognitiv nicht in der Lage ist, ein derartiges "Ge-Wissen" zu bilden, ist in unserer Strafprozessordnung nicht schuldfähig - wie schwer auch immer sein Verbrechen war. Er kommt daher in eine Anstalt für "geistig Abnorme" - oder wird z.B. exkulpiert als "akut psychotisch".

Die neuerdings sehr beliebte (und auch von mir oft gestellte) Diagnose der "sozialen Phobie" bedeutet nichts anderes, als dass man sich in einer ständigen Werte- und Normendiskussion befindet, wenn man über "Angst" redet.

Angst wovor? Angst vor der Reaktion der anderen Menschen! Doch wie kommen die anderen Menschen dazu, dass sie recht haben? Weil wir ihnen recht geben - und schon ist unser Leben eingeschränkt.

Etwas macht uns nur deshalb Angst, weil wir es als bedrohlich einschätzen. Insofern kann plötzliches Herzrasen genauso gefährlich erscheinen als die erlebte, vernichtend erscheinende Kritik vonseiten anderer Personen.

Sie haben schon immer einen Kampf geführt gegen das Wertesystem Ihrer Mutter - und deren Mutter. Doch Sie haben ihn nur durchgestanden mit schlechtem Gewissen und einer Menge von Symptomen bis über das Grab Ihrer Mutter hinaus.

Die meisten meiner Angstpatientinnen habe ich als sehr temperamentvolle Frauen kennen gelernt. Sie, Kicki, stelle ich mir genau so vor. Die jeweils geltenden Normen haben dieses Temperament jedoch oft unterdrückt.

Das Ergebnis ist eine Menge von körperlichen Symptomen, weil das Temperament und die "Triebe" nicht ausgelebt werden dürfen. Nach Freud kämpfen da ständig das ES und das ÜBER-ICH gegeneinander, während das ICH klein und schwach bleibt, wie dies bei vielen Angstpatienten der Fall ist.

Das Ziel der Psychoanalyse ist bekanntlich: Wo ES war, soll ICH sein. Das Reich der Emotionen und Triebe soll dabei nicht voll unterdrückt und ersetzt werden, sondern nur in individuell verantwortlicher Weise geformt werden, wobei das ÜBER-ICH zwar eine leitende Position behält, jedoch nicht mehr derart lebensbehindernd wirken soll wie früher.

Ich bezeichne viele Agoraphobiker als Sozialphobiker, weil sie sich zu sehr an den Normen der anderen ausrichten: Schwitzen, Zittern, Rot werden, Umfallen, Auffallen - alles ungefährlich, aber dennoch lebensbedrohlich - den sozialen Ruf, das Sozialprestige in fundamentaler Weise bedrohend!

Was werden sich die anderen denken, wenn man sich so zeigt, wie man ist? Sie werden über einen herfallen und einen zumindest verbal vernichten. Das ist das Drama bei einer Sozialphobie. Da möchte man manchmal lieber an einer Panikattacke sterben oder im Erdboden versinken.

Hat man als bald 35-jährige jetzt ein Kind zu bekommen, weil alle sagen: "Jetzt geht es noch, später wird es zu riskant"? Wie viel Zeit lässt Ihnen Ihre soziale Umwelt noch bis zum ersten Kind? Sie werden doch keine Risikoschwangerschaft eingehen wollen - und wie lauten diese Sprüche alle?

Sie schreiben oft, Sie können vieles nicht mehr hören, was Ihre Umgebung sagt, und warten doch auf deren Reaktionen. Als Leitlinie oder nur zur Orientierung?

Heute spricht man überall von "belief systems", von Glaubenssätzen, die unser Leben bestimmen.

Wenn Sie einmal sagen werden: "Ich habe die (krankhafte) Angst überwunden", dann bedeutet dies, dass Sie andere Glaubenssätze entwickelt haben, als Sie von Ihren Eltern und deren Eltern übermittelt bekommen haben.

Dann haben Sie die Fesseln der Agoraphobie gesprengt, die Ihren (sozialen) Bewegungsradius eingeengt haben.

Angst bedeutet Einengung. "Angst" kommt vom lateinischen Wort "angustiae" und bedeutet "Einengung, Beklemmung, Beklemmung des Herzens, Zuschnüren der Kehle, Beengung des Brustkorbs". Im Mittelalter wurde daraus "angust", dann "angst". Im Indogermanischen heißt dieselbe Wortwurzel "anghos" und beschreibt dasselbe wie die alten Römer.

Das Gegenteil von Angst ist daher "Freiheit", "Autonomie".

Die Lösung der Agoraphobie besteht daher in einem gestärkten Vertrauen in sich selbst, in die eigenen Handlungsmöglichkeiten, und zwar auch unter Bedingungen, die man gar nicht vorhersehen kann. Wer kein ausreichendes Vertrauen in sich entwickelt, wird daher leicht abhängig von Tabletten, Alkohol, Vertrauenspersonen, Ärzten und Therapeuten.

Wenn Sie sich in Ihren Lebensmöglichkeiten durch Ihre Mutter eingeengt erlebt haben, dann haben Sie deren Glaubenssätze eingeengt, ob diese nun kirchlich fundiert waren oder nicht.

Wenn Sie nun innerlich gegen Ihre Mutter "kämpfen", dann kämpfen Sie nicht gegen sie als Person, sondern nur gegen ihre Glaubenssätze. Da dürfen Sie so fanatisch sein wie nur möglich, wenn es Ihnen hilft, Ihre Freiheit zu erringen bzw. zu bewahren.

Doch es gibt Ihre Mutter auch noch als reale Person aus Fleisch und Blut, wenngleich jetzt nur mehr in Ihrem Gedächtnis. Diese Mutter können Sie gleichzeitig wieder mehr lieben lernen, vor allem auch verstehen lernen als Person, die sich durch ihre Glaubenssätze in ihrer Freiheit so eingeengt hat, dass immer nur zählte, wie etwas zu sein hatte, ohne dass reflektiert wurde, wie diese Normen zustande kamen.

Ihre Mutter ließ Sie als Baby deshalb stundenlang am Balkon schreien, weil ihr die Kinderärztin gesagt hatte, dass dies gut sei für Ihre Lungen, wie man aus Ihrem Beitrag entnehmen kann. Ihre Mutter war also eine sehr autoritätshörige Frau. Sie folgte nicht ihren Gefühlen, sondern dem, was nach Meinung der Kirche und angeblich gescheiter Leute richtig ist.

Sie können es Ihrer Mutter lassen, so gelebt zu haben, wie sie dies getan hat. Aber sie hatte nicht das Recht, Sie in Ihrer Freiheit einzuengen und Ihnen mit ihren Normen einen Mühlstein um den Hals zu hängen. So können Sie mit Ihrer Mutter innerlich die Versöhnung finden.

Die von Ihnen beschriebenen Ängste Ihrer Mutter hängen mit deren Glaubenssätzen zusammen. Wenn Sie die Glaubenssätze Ihrer Mutter auszutauschen wagen (anfangs mit Angst, wie ich an dem sehe, wie viel Kraft es Sie kostete, den letzten Beitrag abzuschicken), dann können Sie schon nicht mehr dieselben Ängste haben - höchstens andere, je nach Ihren Glaubenssätzen.

Dies ist das Ziel einer so genannten kognitiven Verhaltenstherapie, bei der allerdings neben den Kognitionen auch die Emotionen eine stärkere Bedeutung haben als im Konzept der Konfrontationstherapie, wo eine Löschung von Symptomen durch Habituation (Gewöhnung, Anpassung) im Vordergrund steht. So kann man auch Tiere trainieren, sich an etwas zu gewöhnen. Unser Hirn stimmt in vielem mit dem Hirn höherer Tiere überein. Daher wirken dieselben Prinzipien bei Mensch und Tier, wie man in der Lernpsychologie und in klassischen Lernexperimenten herausgefunden hat. Weil Menschen jedoch mehr sínd als Tiere, brauchen Sie oft auch mehr Hilfestellung zu Ihrer Heilung als die Konfrontation mit gefürchteten Situationen, die man früher problemlos bewältigen konnte.

Wenn Ihr Vater es geschafft hat, seine Panikattacken ein Leben lang vor Ihnen zu verbergen und auch nicht darüber zu sprechen, dann sehen Sie, wie stark der Glaubenssatz sein kann, dass man seine Gefühle nicht einmal seinen nächsten Angehörigen zeigen darf.

Wie würden Sie übrigens die zentralen Glaubensätze Ihres Vaters zusammenfassen? Über Ihren Vater haben wir noch kaum unterhalten. Welche Beziehung wünschen Sie zu Ihrem Vater? Als systemischer Familientherapeut frage ich Sie auch: Haben Sie eine bestimmte Position innegehabt zwischen Ihren Eltern? Waren Sie z.B. die Vermittelnde oder die Konfliktumleitende?

Angst ist oft "nur" Angst von bestimmten Gefühlen und Gedanken, weil diese nicht so sein dürfen - jedenfalls nach bestimmten normativen Vorstellungen, die nicht (mehr) die Ihren sind.

Frei ist der, der seinem eigenen "Ge-Wissen" folgt. Dies wünsche ich Ihnen und allen unseren Lesern.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

Kicki 06.05.2001, 23:47:07

Guten Abend Herr Morschitzky,

Zunächst vielen Dank, dass Sie sich mehr Zeit genommen haben als für ein kurzes Statement.

War ganz schön viel Power drin, oder kam mir das nur so vor?

Eigentlich wollte ich heute Abend noch mal genau darauf eingehen, aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich noch gar nicht alles verstanden habe.

Also werde ich mir den Beitrag jetzt noch ein paar mal durchlesen und Ihnen dann in Ruhe antworten.

Ich möchte lieber etwas zu meinem momentanen Zustand sagen bzw. eine kurze Rückmeldung geben.

Wissen Sie, wie Sie im Moment auf mich wirken? Wie ein Fluglotse, der die Piloten durch eine für sie schwierige Situation leitet, ihnen dabei aber den Steuerknüppel nicht aus der Hand nimmt. Einen Menschen, der aus seinem Bauch heraus handelt und dies mit seiner beruflichen Erfahrung und wissenschaftlichen Kenntnissen belegt. Der von sich selbst sagt, dass er die Wahrheit nicht gepachtet hat, sondern an das glaubt, was momentan hilft.

So stelle ich mir tatsächlich einen Therapeuten vor, der mehr Interesse daran hat, dass die Patienten an sich (wieder)erkennen was noch gesund ist und somit nützlich ist, als was noch krank ist und somit unveränderbar scheint.

Ich bin sehr erleichtert darüber, dass wir den Faden nicht verloren haben, auch wenn ich für einen kurzen Moment befürchtet hatte, dass etwas ins Schwanken kam. So sind nun mal Projekte, sie leben von ihrer Dynamik.

Auch ich handle viel aus dem Bauch heraus, doch fehlt mir in vielen Dingen noch die Sicherheit dazu.

Hin und wieder habe ich von Ihnen leise Rufe gehört, Kicki, flieg schon los, du weißt doch, wie es geht.

Aber ich fühle mich im Moment noch sehr wohl hier und genieße auch ein Stück weit, dass ich langsam anfange mich erst mal wieder auf dem Boden wohl zu fühlen. Vielleicht übe ich einfach zwischendurch ein wenig mit dem Flügelschlag. Trockenübungen - mentales Training.

bis bald

Kicki

 

Hans Morschitzky 07.05.2001, 10:54:33

 

Liebe Kicki!

Danke für Ihr Lob. Was aufbaut, führt immer dazu, dass man dort weitermacht, was gefällt. Wenn mir das Forum Onlineberatung nicht selbst Spaß machen würde, hätte ich mich schon längst zurückgezogen.

Sie schreiben:

> Hin und wieder habe ich von Ihnen leise Rufe gehört, Kicki, flieg schon los, du weißt doch, wie es geht.

Wenn es Ihnen noch hilft, dann passt es für mich so lange, wie es für Sie passt. Alles klar?

Ich erlebe es immer als Herausforderung, sich mit etwas auseinandersetzen zu müssen. Ich habe meine zwei Springer-Bücher nicht deshalb geschrieben, weil ich mein Wissen weitergeben wollte, sondern weil ich selbst das lernen wollte, was in den Büchern drinnen steht. Das glauben mit die Leute dann nicht, wenn ich dies so behaupte. Ich sitze spätabends oft lieber vor dem PC als vor dem Fernsehapparat. Ich erlebe meinen Beruf noch immer als mein liebstes Hobby.

Ein traditionelles Buch schreiben wollte ich nicht mehr, weil ich mir und den anderen bewiesen habe, dass ich das schon kann, sodass eben ein Internetbuch fällig war. Mal was Neues, was es in dieser Form - glaube ich jedenfalls - noch nicht gibt. Man könnte es auch nennen "Internetgespräche über die Angst".

Ich lerne erst so richtig für mich etwas, wenn ich mich mit etwas bzw. jemand auseinandersetzen und etwas erarbeiten muss. Ich schreibe also Bücher, um selbst etwas zu lernen, um nicht satt und selbstzufrieden zu sein. Wenn ich etwas "nur" lese, bin ich halb so motiviert als wenn ich denselben Text in eigenen Worten zusammenfassen muss. Dies nennt man dann bekanntlich "etwas verarbeiten".

Daher sage ich vielen Leuten mit Problemen und psychischen Symptomen auch:

"Schreiben Sie ein Tagebuch, nicht wie ein Polizeiprotokoll, sondern mit Schwerpunkt Gefühle, Gedanken, körperliche Befindlichkeit, Wünsche und Sehnsüchte - oder schreiben Sie einen ähnlich strukturierten Brief an eine bestimmte oder fiktive Person, ohne dass sie diesen dann abschicken".

Dabei wird vieles klarer, ähnlich wie durch ein fortlaufendes Gespräch im Rahmen einer Psychotherapie.

Das Forum Online-Beratung ist daher der Versuch zu testen, ob dies auch mit Unterstützung des Internets, des Mediums der Zukunft, auch in aller Öffentlichkeit, aber unter dem Schutz der Anonymität, so funktionieren kann. Bis jetzt bin ich in meinen Erwartungen mehr als bestätigt worden. Sie haben mich einerseits beflügelt, andererseits mit Ihrer Angst, zu viel Persönliches geschrieben zu haben, verunsichert. Doch jetzt läuft wieder alles wie geplant, weil die Dinge geklärt sind, oder?

Ich habe allen bisher 10 Teilnehmern an der Online-Beratung sehr gerne geschrieben. Wie gesagt, wenn dies nicht mehr der Fall wäre, würde ich lieber aufhören als nicht quälen weiterzumachen, weil ich es ja nicht notwendig habe.

Ich wollte auf diese Weise - über meine Bücher und meine Homepage hinaus - den Therapieraum verlassen im Sinne einer breiten Öffentlichkeitsarbeit. Men Ziel ist der mündige Patient. Daher stellen meine Springer-Bücher eine möglichst umfassende Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes dar. Wissen heilt zwar nicht automatisch, hilft einem aber in der Informationsgesellschaft, in der wir leben, als Patient am Wissen der Fachleute teilzuhaben, damit man nicht so das Gefühl hat, dass da ständig über einen gesprochen wird, wo man die Hälfte nicht versteht.

Ich weiß, dass meine Ausdrucksweise nicht immer einfach ist. Sie haben mir ja im letzten Beitrag berichtet, dass das Ganze aufmal zu viel war, selbst für Sie als Akademikerin sodass Sie es noch mehrfach lesen müssen.

Sie waren ja in der Sozialpädagogik tätig. Ich hatte auch ein Angstbuch für Jugendliche geplant, weil ich 10 Jahre in der Jugendpsychiatrie tätig war (vorher war ich drei Jahre lang im Arbeitsamtsbereich tätig, und zwar in der Berufsberatung für Schüler ab 16 Jahren sowie für Studenten und Akademiker mit Berufsproblemen).

Der Lektorin des größten österreichischen Schulbuchverlages war das Manuskript jedoch selbst nach der dritten Überarbeitung für 15-19-jährige Schüler noch immer zu kompliziert. Ich wollte es nicht mehr überarbeiten, denn dann wäre ein Niveau erforderlich gewesen, wie es gerade ein Journalist haben muss, und ich bin nun einmal kein Journalist. Ich hätte das Manuskript dann einfach zurückgezogen, weil es der Lektorin jedoch gefiel, wurde es in anderer Weise veröffentlicht.

Daher finden Sie das nicht veröffentlichte Buch auf meiner Homepage unter:

panikattacken.at/aengste_jugendlicher/angstjug.htm

Derselbe Text wurde dann als Buch für Erwachsene veröffentlicht, in etwas veränderter Form:

Wenn Jugendliche ängstlich sind. Ratgeber für Eltern, Lehrer und Erzieher. Wien: ÖBV & HTP (auch in Deutschland erhältlich)

Während ich jetzt gerade schreibe, schwitzt neben mir jemand bei Tests. Ich habe heute Vormittag und frühen Nachmittag zwei Begutachtungen für die Pensionsversicherung (insgesamt 6 Sunden, da ich es bei allen sehr genau nehme). Phasenweise habe ich dabei Zeit, im Nebenraum - wie jetzt - hier Beiträge zu schreiben.

Vielleicht haben Sie sich schon gewundert, warum am Ende Ihrer Beiträge oft steht:

- Editiert von Dr. Hans Morschitzky am 06.05.2001, 23:57 -

Ich kann durch eine besondere Zugriffsberechtigung im Form Onlineberatung alle veröffentlichten Texte verändern. Ich nehme immer kleinere Fehlerkorrekturen und Formatveränderungen vor. Inhaltlich streiche ich nichts aus den Anfragen anderer.

Bei mir nehme ich hinterher jedoch öfter Erweiterungen gegenüber dem früheren Text vor. Zum Beispiel habe ich mich bei meinem vorletzten Beitrag an Sie erst nachträglich entschlossen, auch eigene persönliche Erfahrungen hinzuzufügen. Da Sie sich geoutet haben, habe ich dies auch ein wenig getan, indem ich einmal etwas über meine Schwiegermutter und meine Gattin geschrieben habe. Dabei habe ich erlebt, wie dies wirkt, wenn man so persönliche Erlebnisse ganz offen ins Internet stellt, auch wenn Sie schon 24 Jahre "veraltet" sind. Ich bin auch in der Psychotherapie eher persönlich und offen, was Die Klienten ebenfalls dazu ermutigt.

Ich weiß, dass man sich als Psychotherapie-Klient oft so nackt vorkommt wie bei FKK, während man von einem Angezogenen (dem Therapeuten) wie von einem Voyeur angeschaut wird. Ich glaube, dass man als Psychotherapeut nur gut ist, wenn man ebenfalls "echt" und offen ist, gerade bei Angstpatienten, wo es sehr um Gefühle geht.

Eine Angstbewältigungstherapie (egal in welcher Form) erfordert einen sehr aktiven Therapeuten, auf den man sich als Patient in seiner Angst verlassen kann. Ich nehme also anfangs durchaus bereitwillig die Funktion eines Hilfs-ICH an und ziehe mich im Laufe der Zeit immer mehr zurück, sodass der Patient immer aktiver wird, je nach seinen Möglichkeiten, ohne ihn zu überfordern. So halte ich es auch hier in diesem Forum.

Wenn Sie mir davonfliegen wollen, werden Sie dies schon zum richtigen Zeitpunkt tun.
In der Therapie nenne ich dies dann einen vorläufigen Therapieabschluss mit der Möglichkeit, bei Bedarf jederzeit wieder kommen zu können. Ich stelle keinen Garantieschein aus wie eine Produktionsfirma.

In diesem Forum wird dies bedeuten: wenn es für Sie Zeit ist zu gehen, wird Ihr Titel geschlossen (so hat mir Steve dies erklärt). Wenn Sie es später einmal wünschen, können wir die Korrespondenz wieder eröffnen.

Mit besten Grüßen bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky

 

Kicki 07.05.2001, 12:31:03

Dieser Beitrag bezieht sich nicht auf Ihren letzen Beitrag, da ich den gerade erst gesehen habe, als ich die Datei einfügen wollte. Steve hat mir den Tipp gegeben, erst mal alles in Word zu schreiben und dann zu übertragen. Weiteres also später. -

Hallo Herr Morschitzky,

ich habe mir gerade Ihre letzten beiden Antworten und meinen eigenen Beitrag noch einmal durchgelesen, das ist der Vorteil, wenn man in Form von Schreiben kommuniziert.

Dabei ist mir aufgefallen, dass ich in meinem letzten Beitrag kaum auf Ihren vorherigen eingegangen bin, sondern wieder einen neuen Aspekt reingebracht habe, was das Abschließen des vorangegangen erschwert.

Dies kenne ich aus vielen Gesprächen mit Freunden, aus Diskussionen im beruflichen Bereich und vor allen Dingen in meiner bisherigen Lebensweise.

Oft habe ich geglaubt, Dinge schon verändert zu haben, neue Sichtweisen gewonnen zu haben und falle dann wieder zurück. Das macht das Leben und somit die eigene Entwicklung oft schwer.

Dies liegt glaube ich daran, dass ich oft zu schnell springe, mir nicht die Ruhe und Zeit gönne, die Dinge wirklich abzuschließen und somit immer ein kleines Stückchen übrig bleibt.

Um den Faden zu behalten und vielleicht wirklich mal etwas abzuschließen, möchte ich deshalb mit Ihrem vorletzten Beitrag beginnen.

Sie schrieben:

„Bestimmen andere, wie und wie lange Sie traurig sein müssen? Sie waren für diese kritische Anfrage nur deshalb so sensibel, weil Sie selbst sich diese Frage auch schon gestellt hatten und keine innerlich befriedigende Lösung finden konnten.“
Das stimmt. Sie konnte mich nur verunsichern, weil ich mir selbst nicht sicher war. Dabei gibt es wahrscheinlich kein richtig oder falsch bei Trauer. Hier habe ich mir eigentlich nichts vorzuwerfen und hoffe den Punkt abschließen zu können.

„Wie lange müssen Sie noch krank sein, damit Ihr Fehlen durch eine sehr schwere Krankheit ausreichend legitimiert ist? Haben Sie dem Begräbnis fernbleiben müssen, weil Sie den totalen Kontrollverlust am Grab gefürchtet haben oder weil Sie wegen der Konfusion Ihrer Gefühle nicht gewusst haben, welche Gefühle Sie da am offenen Grab haben und zeigen sollten?“
Bingo, es war die Konfusion der Gefühle. Dem kann ich nichts hinzusetzen. Aber es wäre bestimmt nicht in ihrem Sinne gewesen, wenn ich mich weiterhin mit Schuldgefühlen bestrafe.

„Sie haben sich über das Erbe gefreut, obwohl es nur über den Tod der geliebten Tante erreichbar war. Warum können Sie es nicht so sehen, dass dies jene Form ist, wie Ihre Tante weiterhin „bei Ihnen“ sein kann?“
Diese Verwirrung haben viele bei mir nicht verstanden, ich selbst nicht. Ich glaube ich war hier viel zu moralisch mir selbst gegenüber. Sie ist damit viel offener umgegangen. Noch am Krankenbett hat sie viel verschenkt an Menschen, denen sie dankbar war. Sie wollte uns eine Freude machen. Meine Moral hat mir verboten, ihr dies zu zeigen. Diese Art von Moral sollte man in den Mülleimer werfen. Denn sie ist nicht offen und ehrlich.

„...Ist es nicht wirklich so, dass sie in jeder Verstorbenen etwas anderes verloren haben? Warum müssen Sie ständig vergleichen und lassen nicht jeweils Ihre Gefühle spontan zu.“
Klar habe ich in jeder Verstorbenen etwas anderes verloren. Sie haben sich gegenseitig ergänzt. Vielleicht ist es sogar eher die Dramatik, beide auf einmal verloren zu haben. Als meine Mutter starb, dachte ich, wenigstens habe ich noch meine Ersatzmutter. Dann war sie auch noch weg. Es fällt mir wirklich schwer beide auf einmal loszulassen. Das müsste ich nämlich tun, wenn ich nicht ständig zwischen den beiden vergleichen will.

„Sie haben Schuldgefühle, die anderen jetzt mit Ihrer Krankheit zu belasten...“
Es ist wohl eher so, dass ich bei der Verarbeitung des ganzen so viel nehme, von dem ich nicht weiß, ob ich es jemals zurückgeben kann. Meine Ambivalenz in diesem Punkt könnte ich höchstens lösen, indem ich es zulasse zu nehmen, ohne mich in Verpflichtung zu fühlen es zurückzugeben. Auch wäre es hilfreich, nicht ständig darüber nachzudenken, ob ich zu viel nehme, sondern darauf zu achten, dass ich nur so viel nehme, wie ich auch wirklich brauche.

„Kicki, Sie sind wirklich schon sehr weit gekommen auf dem Weg zur Gesundheit, der in nichts anderem gipfelt als in der Botschaft an sich selbst: Ich darf wieder leben und das Leben genießen. Ich darf meine Wege gehen und glücklich sein – mit oder ohne Kind. Mein Sinn besteht in Selbstverwirklichung – und was passt, wird mich zufrieden machen.“
Selbstverwirklichung ist wichtig und auch notwendig, wenn man sein Leben genießen will. Doch habe ich dieses Wort oft falsch verstanden. Meine bisherigen Versuche der Selbstverwirklichung endeten oft in einem Hang zur Selbstverliebtheit und mich nur noch im Mittelpunkt meines Lebens zu sehen. Ich glaube mit 35 Jahren ist es jetzt auch an der Zeit zu akzeptieren, dass es wichtig ist ein Mittelmaß zu finden. Dass Selbstverwirklichung nicht zwangsläufig Egoismus bedeutet und Selbsthingabe nicht zwangsläufig Freiheitsberaubung zur Folge hat.

„Der Verlust von Mutter und Tante lassen sich nicht durch ein Kind ersetzen!...Nur wenn das Kind nicht den Verlust ersetzen soll, den Sie erlitten haben, werden Sie sich auf ein Kind freuen können, ansonsten hängen Ihnen immer wieder alte Geschichten nach.“
Das trenne ich eigentlich schon ganz klar. Denn hier handelt es sich ja um verschiedene Rollen und einen neuen Lebensabschnitt. Ich gehe höchstens davon aus, dass ich, wenn ich Mutter werden sollte, meine eigene Mutter in einer neuen Rolle wieder in mir spüren werde und auch hier lernen muss, damit umzugehen.

Nun zu Ihrer eigenen Geschichte, die Sie freundlicherweise zur Veranschaulichung der Problematik mit eingebracht haben, was nicht selbstverständlich ist.

Es ist wirklich ein Gefühlsdurcheinander, wenn man seine Wege im Leben gehen will und Ereignisse von außen, diesen Weg beschneiden. Wenn man dann nicht mehr weiß, ist man jetzt traurig, dass man das eine verloren hat, oder ist man wütend, dass die Tatsache, dass jemand gestorben hat, eine neue Aufgabe, nämlich die der Verarbeitung, als Hürde auf den Weg stellt. Es fällt mir schwer diesen Lauf des Lebens zu akzeptieren, auch wenn ihn jeder Mensch erleben wird. Es fällt dem Tod nun mal nicht ein, darauf zu warten, ob jemand sich gerade in einer Phase befindet, wo es passt. Wir Menschen können mittlerweile ja schon viel beeinflussen, aber Schicksalsschläge nicht. Es ist bestimmt einfacher sie anzunehmen, als gegen sie zu kämpfen und sie wahrscheinlich noch zu versuchen abzuwehren. Das ist ja – wie sie schon oft beschrieben haben – das Problem von vielen Menschen, die unter dem Problem der Agoraphobie leiden. Indem wir alles meiden, was nach Gefahr oder Belastung aussieht, laufen wir nicht dem Schicksal davon, sondern erwirken noch, dass wir in einem Zustand der Verharrung und Unsicherheit von ihm getroffen werden können.

„Wenn Sie am Ende unseres gemeinsamen Weges sind, schlage ich Ihnen vor, das Grab von Mutter und Tante aufzusuchen und beiden innerlich versprechen, dass Sie wieder leben möchten, weil Sie beide Ihnen eine Zukunft ermöglichen wollten.“
Hiermit habe ich noch sehr große Schwierigkeiten. Ich merke tatsächlich, ich lebe zwar, aber doch nicht wirklich. Ich verbringe mehr Zeit hier am Computer, als in meinem Haushalt. Damit meine ich, ich verbringe noch mehr Zeit in meinem Innenleben, als in meinem Außenleben. Doch hier möchte ich einfach dem Prozess seinen freien Lauf lassen und darauf hoffen, wie ich es aber auch aus der Vergangenheit her kenne, dass ich irgendwann das Gefühl habe, jetzt gibt es – vorerst – nichts mehr zu klären, jetzt hast du viel gelernt und jetzt heißt es nur noch üben, üben, üben, d.h. das Gelernte in den Alltag zu integrieren und umzusetzen.

Den Teil über die Trauerarbeit möchte ich nicht kommentieren, weil ich diesen ja gerade in der Praxis erlebe.

Da ich jetzt eine Pause machen möchte, schicke ich diesen Teil schon mal los.

Bis dann

Kicki

 

Kicki  07.05.2001, 16:26:19

Lieber Herr Morschitzky,

nun zu ihrem Beitrag von gestern Abend.

Sie schrieben

„...der aufzeigt, dass die Probleme, die das Leben uns bereiten kann, oft gar nicht mit einer einzigen Diagnose abzudecken sind.“
Es sind tatsächlich die Probleme des Lebens, die uns in Aktivität versetzen, und wenn es die des Rückzugs ist, um erst einmal auszuharren. Ich habe vor kurzem gelesen, dass wir ja in Problemen immer etwas negatives sehen, aber warum heißt es dann Pro = für etwas?
Es passiert etwas im Leben, das wir erst einmal gegen uns werten. Ein guter Freund sagte vor kurzem zu mir: „Warum wertest du eigentlich immer alles gegen dich und glaubst, dass du verkehrt bist. Sind es nicht eher die Dinge, die um dich rum passieren, die verkehrt sind und die du nun wieder verändern musst?“

„Diese Sichtweisen (Sie meinten damit glaube ich die Diagnosen) sollen uns nur helfen, uns besser verstehen zu können, um uns leichter verändern zu können, und sollen keine Festschreibung der „Wirklichkeit“ bedeuten in dem Sinn, dass etwas nun eben so sei und man es nicht ändern könne, wie viele Paniker glauben.“

Korrekt, Diagnosen können erschlagen, bedeuten sie doch oft Krankheit.
Im Studium und vor allem in den Psychologieseminaren saßen wir alle oft wie versteinert da, als uns die einzelnen Symptome der Krankheiten vorgetragen wurden. Jede/r konnte mit dem einen oder anderen Symptom was anfangen. Wer kennt nicht das klassische Morgentief oder so genannte Frustphasen.


Jede Diagnose bedeutet meiner Meinung nach für Betroffene erst einmal Erleichterung, weil man ja nun weiß was man hat, und gleichzeitig eine Belastung, weil man sich darauf festgelegt fühlt. Ich betrachte diese Beratung hier (aber auch meine Therapie zu der ich weiterhin gehen werde) als ein Geben und Nehmen. Die Diagnose am Anfang ist doch nur eine vorläufige Beschreibung des Problems, damit man einen ersten Eindruck gewinnt. Wir haben ja gesehen, wie viele einzelne Facetten es gibt.

Es geht also um Veränderung. Wir haben schon etwas verändert, indem wir uns an dieses Projekt getraut haben. Wir haben unsere eigenen Glaubenssätze gebildet, dass man über dieses Medium Hilfe geben kann bzw. in meinem Fall Hilfe erfahren kann.

Damit haben wir alte Glaubenssätze über Bord geworfen: Dass man z. B. in der Öffentlichkeit - auch wenn es anonym ist - nichts privates aus der Familie erzählen soll.

Wir setzen uns Kritik aus: von Menschen, die diese Beratung beobachten z.B. andere Therapeuten, die beobachten, wie Sie arbeiten, andere Betroffene die nicht viel davon halten, weil sie keinen Sinn darin sehen.
Aber in der Regel werden die Leser Menschen sein, die – genau wie ich – auf der Suche nach dem richtigen Weg für sich sind.

Damit haben wir einige Meilensteine gesetzt und ich bin stolz darauf, dass ich dabei sein durfte, auch wenn ich alle Alarmanlagen anhatte, die man so zur Verfügung hat.
Sie sind immer noch an, denn wir sind ja noch nicht am Ende unserer Beratung. Aber das sind wahrscheinlich die natürlichen Alarmanlagen, die uns vor Gefahr schützen. Die uns zurückhalten, wenn wir leichtsinnig werden und die immer mit einkalkulieren, dass etwas schief gehen kann und dabei helfen, Fehler zu erkennen und zu korrigieren.

Sie sehen, ich habe schon gelernt.

„Wir haben immer bestimmte Sichtweisen, die mehr oder weniger nützlich sind in dem Sinn, dass sie uns helfen, etwas zu sehen,
- dass wir besser damit leben können, wenn wir es schon nicht ändern können, oder
- dass wir etwas ändern können, weil wir es so sehen, dass es änderbar ist.“
Ich persönlich habe immer Probleme damit, zu akzeptieren, wenn man etwas nicht ändern kann. Ich glaube viel lieber an Veränderung, dass ich nur manchmal zu stur oder zu faul bin, es auch umzusetzen. Das löst aber auch Frust aus. Die Definition meines Mannes zum Thema Depression ist: „Depression ist für mich die Trauer darüber, dass ich weiß, dass ich etwas erreichen kann, aber zu faul dazu bin es durchzuziehen.“
Ich möchte für mich lernen, dass wenn ich etwas nicht erreichen oder verändern kann, aus welchem Grund auch immer, dass ich es dann wenigstens lassen kann, also es akzeptieren kann.

„Man wird nicht dadurch „verrückt“, dass man die Dinge „zurechtrückt“. Wir haben die Möglichkeit sehr rigide Muster zu durchbrechen, dass wir ein befreites Leben führen können, ohne dass wir dabei zerbrechen.“
Ich weiß nicht warum wir Menschen immer wieder gerne auf alles hören, was schief gelaufen ist und uns nicht daran orientieren, was gut gelaufen ist. Immer wieder hört man Horrorstorys, was alles in Therapie passieren kann. Dass man schlimme Dinge aus seiner Kindheit erfahren kann, dass man dann eine Psychose bekommen kann usw.
Diesen Satz von oben, werde ich mir irgendwo hinhängen, damit ich mich immer daran erinnere.

„Das Thema Sozialphobie lautet: Wer setzt die Normen? Wer bestimmt was richtig ist und wie man zu leben hat?“
Dies ist eine schwierige Frage. Erst mal setzen die Eltern die Normen, dann Lehrer, Ausbilder, Freunde usw. irgendwann „sollten“ wir erwachsen sein und unsere eigenen Normen setzen. Ich habe zwar schon viele neue Normen entwickelt, aber leider noch nicht die alten überprüft (zum Teil natürlich schon). Das löst dann wahrscheinlich die Konflikte in mir aus, weil ích nicht mehr so ganz weiß - was ist alt, was ist neu, was passt noch, was kann in den Müll.... Aha so kommt man also zu seinem "eigenen" Gewissen (die guten ins Töpfhen, die schlechten ins Kröpfchen.)

„Man hat als bald 35-jährige jetzt ein Kind zu bekommen, weil alle sagen: jetzt geht es noch, später wird es riskant. Wie viel Zeit lässt Ihnen Ihre soziale Umwelt noch bis zum ersten Kind? Sie werden doch keine Risikoschwangerschaft riskieren wollen – und wie lauten diese Sprüche alle?“
Ich kann Ihnen ein paar nennen: „Man spürt das in sich drin, wenn man ein Kind möchte“ „Man fühlt sich dazu berufen“ „Wenn du dieses Gefühl nicht kennst, dann bist du noch nicht bereit dazu“....
Aber ich darf meinem sozialen Umfeld deswegen keine Vorwürfe machen. Ich habe sie alle bis ins letzte Detail gelöchert, weil ich Angst – und ich sage jetzt bewusst Angst, denn hier passt sie meiner Meinung nach hin – vor diesem Schritt habe.
Und ich habe nie richtig zugehört, wenn sie mir sagten, dass man da reinwächst, dass sie sich nicht mehr so genau erinnern können, ob sie das Gefühl hatten, dass sie plötzlich schwanger waren und somit andere Gedanken hatten usw.

Auf neuen Wegen suche ich immer (noch) einen starken Halt. Da komme ich ins Strudeln und Straucheln, würde lieber an Naturgesetze und Zwangsläufigkeiten glauben wie „Wenn du das Kind auf dem Arm halten wirst, ist alles vergessen“ (dann legt sich nur ein Schalter um, und es macht klick?)
oder „Nur wenn man das Gefühl tief in sich drin hat, bist du bereit Mutter zu werden.“ (Also kann ich noch 10 Jahre darauf warten, denn so lange ich vom Kopf her nach dem Gefühl suche, wird es nie erscheinen.)


Bis bald

Kicki

 

Kicki  08.05.2001, 16:37:57

So, ich habe nun das Problem gedreht und gewendet, von allen Seiten betrachtet, alle Steine, die es vielleicht verdecken könnten zur Seite geräumt, es ist nicht verschwunden dadurch, hat sich nicht in Luft aufgelöst und liegt nun prall und nackt vor mir und mir fällt nichts mehr ein, was es noch verdecken könnte:

Ich kann mich nicht FÜR ein Kind entscheiden.

Ich kann mich auch nicht DAGEGEN entscheiden.

Ich stoße wahrscheinlich jetzt allen Menschen, die denken, das muss man doch wissen, das muss man spüren, das ist eine Entscheidung, die man mit dem Gefühl trifft und nicht mit dem Verstand, vor den Kopf, aber ich denke mittlerweile, was hab´ ich zu verlieren?

Spielen wir es doch mal durch: Sie sagen doch gerne, stellen Sie Sich mal vor, morgen früh werden Sie wach, und...ja, was wäre, wenn ich morgen früh wach würde und ich hätte ein Kind.

Eines weiß ich mit Sicherheit, ich würde mich nicht mehr mit dem Gedanken quälen, ob ich eines möchte oder nicht. Dann wäre es nämlich da und ich müsste mich drum kümmern. Ich hätte wahrscheinlich andere Sorgen als die Frage im Kopf, hab ich es denn nun wirklich gewollt oder nicht? Ich würde mich eher fragen, wie soll ich damit umgehen. Wie packe ich es an, damit ich ihm nicht weh tu. Dann hätte ich ganz große ANGST, dass ich etwas falsch machen würde, wenn ich es versuche zu stillen, zu baden, zu wickeln...

Ich hätte ANGST, wenn es nachts schläft, dass es vielleicht erstickt, ich könnte nicht schlafen vor Angst und vor Müdigkeit, weil ich völlig aufgedreht bin....

Tagsüber wäre ich völlig gereizt und überfordert, weil ich nachts nicht gut geschlafen habe und ich im Grunde genommen nicht weiß, was ich den ganzen Tag mit dem Kind anfangen soll....

Zwischendurch würde mich der Frust packen, weil ich keine Sekunde alleine sein kann, weil ich mich eingeengt fühle, weil ich nichts mehr auf die Reihe bekomme, weil ich sauer auf meinen Mann bin, dass er nur abends da ist, weil ich sauer auf all meine Freundinnen bin, weil sie gar nicht so oft vorbeikommen, wie sie es versprochen haben, ....

Dann muss ich auch noch einkaufen gehen, vielleicht sogar mit einem schreienden Kind, bin also noch mehr überfordert, Angst im Supermarkt und alle Leute schauen mich entsetzt an, weil ich noch ein schreiendes Kind vor mir herschiebe... zitternd vor Wut und Scham würde ich vor der Kasse stehen und innerlich beten, dass ich es überstehe....

Dann das schlechte Gewissen, dass ich kein Auto fahre, Angst vorm Busfahren habe und zu jedem Arzttermin mit dem Taxi fahren muss.

Dann soll ich auch noch meinen Haushalt machen, die schmutzige Wäsche waschen und Bügeln und abends was warmes auf dem Tisch haben....

Meine Freundinnen haben mittlerweile größere Kinder und ich fühle mich noch kleiner als vorher....

Alle anderen gehen arbeiten und ich sitze zu Hause. Ich bin total gefrustet, dass ich nichts aus mir gemacht habe, bevor das Kind kam. Dass ich aus der erstbesten Stelle rausgeflogen bin und dass ich es nicht geschafft habe, mir eine Stelle zu sichern, zu der ich, falls ich nach dem Erziehungsurlaub noch Lust dazu habe, wieder zurück kann....

Ich würde mich wahrscheinlich ständig fragen, ob ich diesen Schritt nicht bereuen werde...

Was hätte sich also geändert? NICHTS?
Nichts, außer dass ich nun nicht mehr diese quälenden Gedanken im Kopf hätte, warum spüre ich meinen Wunsch nach dem Kind nicht.

Wie lange könnte dieser Zustand andauern? Entweder so lange bis das Kind groß ist, das wäre der schlimmste Fall.

So wie ich mich kenne, würde er irgendwann von selbst wieder aufhören, sobald ich mich in die Rolle eingefunden habe, sobald wir die ersten Krisen überstanden haben und sobald ich merke, dass es zur Routine wird, und ich akzeptiert habe, dass sich mein Leben verändert hat und dass dies der einzige Schritt im Leben ist, den ich nicht rückgängig machen kann. Ich würde versuchen, mich mit der Situation zu arrangieren, vielleicht sogar neue Ziele stecken, neue Hobbys finden, eine neue Erfüllung finden... Wer weiß, was mir in meinem Leben noch alles begegnet?

Wenn ich erst mal NUR an MICH denke, wäre dieser Schritt erträglicher, als in einem Loch zu sitzen und nicht rauszukommen. Sein Leben nicht mehr als sinnvoll zu empfinden, weil man weiß, dass es so nicht weitergeht und jeder Weg Vor- und Nachteile hat, dass der nächste Schritt in irgendeine Richtung geht, die Konsequenzen hat, egal wozu ich mich entscheide.

Es ist aber immer noch besser, als auszuharren. Ich brauche auch keine Angst zu haben, dass ich mich überfordert fühlen werde, ich werde es schlicht und ergreifend sein, bis ich es kann.

Wahrscheinlich würde ich schlicht und ergreifend nichts anderes empfinden, als jede andere Frau auch, die irgendwann mal eine Entscheidung getroffen hat, nicht, weil sie sich dazu berufen gefühlt hat und nicht weil sie die ganz große Sehnsucht in sich spürte. Sondern, weil sie auf einmal schwanger war und die Entscheidung treffen musste, bekomme ich das Kind nun oder nicht. Diese Fälle vergisst man allzu oft.

Ich weiß, dass in diesem Forum niemand die Verantwortung dafür übernehmen wird, mir die Entscheidung abzunehmen, dass es auch niemand in meinem Umfeld tun wird, noch nicht mal mein Mann, auch wenn er es sich so wünscht.

Ich dachte immer, ich fühle es deshalb nicht, weil ich am Anfang unserer Beziehung meinem Mann das Versprechen dafür gegeben habe und ich mich nun dazu verpflichtet fühle. Er hat mich von dem Versprechen befreit, auch wenn er weiterhin sagt, dass er es sich wünscht, dass er bereit ist, Opfer einzugehen und sein Leben zu ändern aber dass er mich nicht verlässt, wenn ich mich gegen ein Kind entscheiden würde.

Also auch diesen Stein hätten wir weggeräumt.

Mehr fällt mir im Moment dazu nicht ein.

Kicki

 

Kicki  08.05.2001, 20:15:13

 

Lieber Herr Morschitzky,

Meine Gedanken gehen weiter. Deshalb habe ich mich entschlossen auch weiterzuschreiben.

Es ist wie ein Sog, der mich immer wieder an den Computer zieht. Ich spüre das schon seit Tagen. Zwischendurch kann ich mich ein wenig ablenken, vor allem wenn ich merke, dass die Spannung immer größer wird, aber dann gehen die Gedanken trotzdem weiter und so sitze ich wieder hier.

Vielleicht ist es die Anonymität, vielleicht ist es aber auch mein Glück, dass ich so schnell schreibe, wie ich denke, deshalb werden meine Texte auch immer so elendig lang.

Als ich eben abgeschlossen hatte, war ich zunächst erleichtert aber merkte, dass mich immer noch etwas zieht. Es war der ständige Gedanke "Ich will, dass ich will."

Das ist doch bescheuert, entweder will ich oder ich will nicht. Mein Verstand sagt mir, dass man etwas nicht erzwingen kann. Aber warum will ich gerade das "Wollen" erzwingen.

Um dies zu beantworten muss ich leider noch mal ausholen.

Ich habe mir schon sehr früh Gedanken über Kinder gemacht. Ich glaube, es hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. In der Pubertät habe ich wahrscheinlich wie jedes Mädchen bei allen möglichen Reaktionen meiner Mutter gedacht, bei meinem Kind mache ich das mal so oder so -hauptsache anders.

Nach dem Abitur machte ich erst einmal eine Ausbildung in einer Bank. Ich war sehr glücklich in meinem Beruf, das einzige was mich störte, war die Vorstellung, dass ich nun für immer diesen Beruf machen sollte. Also begann ich irgendwann mein Studium. Meinen Studiengang wählte ich so, dass mir viele Möglichkeiten offen blieben.

Das Fach Soziologie wählte ich, damit ich später vielleicht mal in großen Unternehmen tätig sein kann, vielleicht etwas mit Arbeitszeitregelungen usw. zu tun habe. Die Fächer Psychologie und Pädagogik, sollten mir die Möglichkeit bieten, mit Jugendlichen oder Erwachsenen vielleicht in Beratungseinrichtungen zu arbeiten. Oder vielleicht eine Lehramtstätigkeit anzunehmen, die sich bestimmt gut mit Kindern verbinden lässt.

Ich schrieb sogar meine Magisterarbeit über das Thema „Flexible Arbeitszeitregelungen in öffentlichen und privaten Unternehmen“.

Als ich meinen jetzigen Mann kennenlernte, unterhielten wir uns schon früh über Kinder. Er stammt aus einer großen Familie und wollte mindestens 4 Kinder. Da ich damals noch im Studium war, dachte ich das erste mal gar nicht so sehr über Kinder nach, weil ich danach erst einmal arbeiten wollte. Doch ich versprach ihm, wenn ich erst einmal Fuß gefasst habe, und erst einmal eine feste Stelle habe, in die ich nach dem Erziehungsurlaub wieder zurück kann, wir unser erstes Kind bekommen werden. Auf weitere Diskussionen ließ ich mich nicht ein, weil ich mir dachte, wenn wir erst mal eins haben, wird er noch sehen, ob er dann immer noch 4 will. Ich war damals sehr feministisch veranlagt, das lag an den Seminaren, die ich zum Teil im Studium belegt hatte. Dass eine Frau, die Möglichkeit hat sowohl Kinder als auch einen Beruf vereinbaren kann, war mir sehr wichtig.

Meine erste Stelle war leider nur ein Jahresvertrag. Da ich am Anfang direkt wieder Panikattacken bekam, entwickelte ich eine große Angst, dass ich auch in Zukunft Schwierigkeiten damit haben werde. Um so wichtiger war es mir dann, eine feste Stelle zu finden, wo ich nicht wieder kurz nach der Einarbeitungszeit mich schon auf den Abschied vorbereiten musste. Außerdem wünschte ich mir eine Stelle, wo ich mich so sicher fühle, dass ich mir auch vorstellen konnte, trotz möglicher Ängste oder Schwierigkeiten in der Schwangerschaft, gute Arbeit leisten könnte.

Diese Stelle fand ich dann auch. Am Anfang gefiel sie mir sehr gut. Doch ich merkte schnell, dass es schwierig für mich werden würde, in dieser Stelle schwanger zu werden. Innerhalb der ersten Wochen entwickelte ich wieder Panikattacken und habe ja dann auch die Stelle verloren.

So nun sitze ich hier und habe die geeignete Stelle - Hausfrau - die man sehr gut mit Mutterschaft verbinden kann, in der ich die Geborgenheit habe, die ich suchte, um schwanger zu werden.

Und jetzt soll ich nicht mehr wollen. Das kann doch nicht sein. Da kam ich das erste mal auf die Idee, dass es vielleicht das Versprechen, das ich meinem Mann gegeben hatte, war das mich davon abhielt.

Ich konnte es als Kind schon nicht ertragen, wenn ich zu irgendetwas gezwungen wurde oder wenn ich mich zu etwas verpflichtet fühlte. Heute als Erwachsene weiß ich, dass ich vieles aus Trotz nicht getan habe, was mir noch nicht mal zum Vorteil war.

Ist das die Angst vor Hingabe und damit dem Verlust der Freiheit? Ich habe jetzt keine Lust nachzuschauen. Mir kommt es jedenfalls so vor. Ich prüfe alles und wäge ab, ob ich es auch wirklich will.

In diesem Prozess hindert es mich mehr denn je. Denn bei anderen Entscheidungen, habe ich ja immer die Umkehrmöglichkeit. Diesmal nicht.

Im Moment bin ich total verwirrt, weil ich nicht mehr weiß, welchem Glaubenssatz ich trauen soll. Muss ich wirklich alles was ich mache, darauf überprüfen, ob ich es auch wirklich will, wenn ich noch nicht mal weiß, ob ich es will.

Ich komme mir vor, als wäre ich schon in den Presswehen, weil ich merke, dass die Entscheidung fällig ist und raus muss.

Wenn Sie mich fragen würden, was dabei raus kommen soll, antworte ich nur, es ist mir egal - ob Junge oder Mädchen - Hauptsache gesund. Mein Druck ist so groß, dass ich das Gefühl habe, mein Kopf platzt - ich habe auch schon seit Wochen einen hohen Blutdruck.

Also, egal wie die Entscheidung ausfällt, es ist mir mittlerweile egal. Ich werde mich mit allem arrangieren. Hauptsache sie kommt raus.


Im Moment weiß ich nicht mehr weiter. Aber ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr lange dauert.

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu sehr dramatisiert, aber ich habe keine Lust mehr alles durchzulesen, bevor ich es abschicke.

Keine Angst, mir geht es ansonsten gut. Ich fühle mich stark und habe wieder Vertrauen in mich selbst. Denn ich glaube, ich lasse den Prozess immer mehr zu. Mein Mann ist bei mir und "beschützt" mich, auch wenn er mittlerweile gar nicht mehr mitkommt, weil ich ihm nicht mehr so viel erzähle, was ich hier schreibe. Ich denke, für ihn ist nur die Entscheidung wichtig.

Kicki


 

Hans Morschitzky 08.05.2001, 20:50:21

 

Liebe Kicki!

Ich antworte im Folgenden auf Ihren vorletzten Beitrag, den ich in WORD verfasst habe und sehe nun Ihren letzten Beitrag, den ich bewusst noch nicht gelesen habe, weil ich Ihnen zuerst meinen Eindruck zu Ihrem vorletzten Beitrag übermitteln möchte.

Ich sehe es auch so wie Sie: wir haben das Problem gedreht und gewendet, von allen Seiten betrachtet, alle Steine weggeräumt, alles durchschaut und erkannt, alle möglichen Glaubenssätze diskutiert und auch die Gefühlswelt analysiert - und dennoch hat sich auf der Verhaltensebene noch nichts Sichtbares verändert.

Wundert Sie dies? Mich nicht! Ich bin dies bei vielen meiner Patienten so gewohnt. Ich mache daher als Verhaltenstherapeut derartige Analysen nicht drei Jahre lang wie ein Psychoanalytiker, weil ich überzeugt bin, dass durch ein "Mehr desselben", wie dies bei Paul Watzlawick heißt, also durch ein noch Mehr an Wissen nichts besser wird. Und wenn wir noch "tiefer" gehen, wird sich dadurch auch nichts automatisch ändern auf der Verhaltensebene.

Warum dies so ist? Meine (etwas überspitzte) Standardantwort: weil die Ursachen Ihrer Angst nicht in der Vergangenheit liegen (dort liegen nur die Auslöser), sondern in der Zukunft.

Sie bewahren sich davor, Angst zu bekommen und können daher auch nicht lernen, mit der Angst vor dem Versagen umzugehen. Wer ein perfektes Vermeidungsverhalten entwickelt, hat kaum mehr Angst. Aber eigentlich käme die Angst wieder, sobald man sich typischen Angst machenden Situationen aussetzt.

Wenn Sie jetzt meinen, ich hetze Sie vielleicht doch im Sinne einer Konfrontationstherapie durch die Gegend, dann hätten Sie sich getäuscht, denn auf diese Weise würde nur durch einen scheinbaren Aktivismus das Gefühl überdeckt, dass jetzt "alles steht" - trotz aller schönen Erkenntnisse.

Es ist zwar auch in einer Verhaltenstherapie wichtig, auf die Vergangenheit einzugehen, doch etwas ändern können wir nur im Hier und Jetzt und in der Zukunft. Bezüglich der Vergangenheit können wir nur die Sichtweisen ändern und nur insofern ändert sich auch die Realität der Vergangenheit.

Meinen Sie jetzt, dass ich resigniert wirke nach unserer langen Korrespondenz? Keinesfalls!

Merken Sie, wie Sie jede zukünftige Angst (bezüglich eines Kindes, ob Sie dann alles richtig machen werden usw.) durch einen zwanghaften Perfektionismus zu bewältigen versuchen? Ein zwanghafter Perfektionismus ist eine Form, keine Angst haben zu müssen, tatsächlich einmal einen Fehler zu machen.

- Wann wissen Sie, dass alles perfekt ist?
- Wann wissen Sie, dass es jetzt endlich so weit ist, ein Kind zu bekommen oder darauf zu verzichten, weil Sie lieber arbeiten gehen, um sich selbst zu verwirklichen?

Vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, verpasst man die Chancen des Lebens und verharrt in Resignation. Lieber nichts machen als etwas falsch machen!

Sie haben im letzten Beitrag auch sehr klar herausgearbeitet, dass Sie nichts mehr fürchten als eine neue Form der Abhängigkeit, und zwar diesmal durch den Umstand, dass Sie ein Kind haben.

Die Ursachen Ihres Problems liegen also in der Zukunft:

- dort, wo Sie die Vorstellung haben, dass Sie ängstlich und verwundbar sein werden durch mögliche Probleme rund um Ihr Kind,
- dort, wo Sie glauben, als Mutter Ihrem Kind einen Schaden zufügen zu können ("damit ich ihm nicht weh tu"),
- dort, wo Sie Angst bekommen, dass Ihrem Liebsten, Ihrem Kind, etwas passieren könnte und Sie es nicht ausreichend vor allen Gefahren des Lebens beschützen könnten ("vielleicht erstickt"),
- dort, wo Sie die Freiheit des jetzigen Lebens zu verlieren glauben ("eingeengt"),
- dort, wo Sie meinen, durch den Stress der Kindererziehung "völlig gereizt und überfordert" zu sein,
- dort, wo Sie vielleicht meinen, in eine Abhängigkeit von Ihrem Gatten zu geraten, wenn Sie - zumindest vorübergehend - zu Hause bleiben,
- dort, wo Sie als ehrgeizige Frau im Gegensatz zu anderen Akademikerinnen nicht zeigen können, was in Ihnen steckt, sodass Sie die beruflichen Misserfolge der Vergangenheit in der nächsten Zeit nicht kompensieren können,
- dort, wo Sie Mutterschaft und berufliche Selbstverwirklichung als unüberbrückbare Alternativen sehen.

Sie vermeiden jetzt letztlich nicht einfach nur im Sinne einer Agoraphobie, sondern im Sinne der Befürchtung, sich im Falle einer Entscheidung für das Falsche entschieden zu haben. Also derzeit noch keine Entscheidung, lieber zwanghafte Perfektionsfantasien ohne Entscheidung.

Sie haben sich mehrfach als faul und bequem bezeichnet. Mag schon sein, dass dies öfter der Fall ist. Wer ist dies nicht? Doch glaube ich nicht, dass dies das Grundproblem ist.
Wenn es so wäre, hätten Sie kein psychisches, sondern ein moralisches Problem.
Wenn es so wäre, dann müsste man sich einfach nur mehr zusammenreißen - und dann wären alle Psychotherapeuten arbeitslos!

Sie beschreiben sich lieber als wohlstandsverwahrlost, bequem usw., als dass Sie Folgendes als Hauptproblem bezüglich einer Schwangerschaft zugeben würden:

Sie haben Angst, aus Angst dieselben Fehler zu machen wie Ihre Mutter!!
Nur wenn Sie perfekter wären, hätten Sie das Recht ein Kind zu gebären und zu erziehen, sonst schaden Sie Ihrem Kind genauso wie Ihre Mutter Ihnen geschadet hat.
Sehen Sie schon, worauf es hinausläuft?

Sie möchten als Mutter besser und liebevoller sein als Ihre Mutter, denn nur dann hätten Sie weiterhin ein Recht, über die Fehler Ihrer Mutter Ihnen gegenüber zu schimpfen. Sonst müssten aufgrund der eigenen Erfahrungen mit Ihrer Mutter viel nachsichtiger umgehen.

Wenn ich aufgrund Ihrer Aussagen Ihrer Mutter eine Diagnose geben müsste, was glauben Sie, welche dann angemessen wäre? Ich glaube, die folgende könnte passen: generalisierte Angststörung. Lesen Sie dazu:

panikattacken.at/generalisierte_angststoerung/gen_angst.htm

Was glauben Sie, welche Diagnose ich Ihnen geben müsste, wenn Sie von Ihren Ängsten um das noch gar nicht geborene Kind schreiben: generalisierte Angststörung! Sicher nicht Panikstörung!!

Wie lösen Sie dieses Problem? Anstatt ständiger "unkontrollierbarer Sorgen und Befürchtungen bezüglich des alltäglichen Lebens, vor allem bezüglich der Familienangehörigen" (was den Kern der generalisierten Angststörung darstellt) gehen Sie bislang den Weg des Vermeidens. Denn nur um das, was man liebt, sorgt man sich gewöhnlich.

Kennen Sie die Geschichte vom "Kleinen Prinzen"? Da sagte sinngemäß der Fuchs zum kleinen Prinzen, um ihn dazu anzuhalten, seine geliebte Rose zu gießen: "Man ist für das verantwortlich, was man liebt."

Liebe - Verantwortung - Angst, den Erfordernissen nicht zu genügen.
Man hat Angst um das, was man liebt. Oder umgekehrt formuliert: man muss plötzlich aufpassen, das man das Liebste nicht gefährdet (z.B. das Baby nicht fallen zu lassen). Dies ist eines der zentralen Themen bei Zwangsstörungen.

Sie möchten diesem Dilemma auskommen durch einen zwanghaften Perfektionismus. Ihre Mutter, schrieben Sie, hatte einen "Kontrollzwang" Ihnen gegenüber. Sie musste alles kontrollieren, um durch Wissen über Sie etwas mehr Ruhe und Sicherheit zu bekommen. Würden Sie aus Angst um Ihr Kind heraus ebenfalls eine Mutter sein nach dem Motto: "Vertrauen ist gut, Kontrolle noch besser"? Natürlich alles viel besser begründet durch akademische Überlegungen, aber letztlich genauso emotional bestimmt wie bei Ihrer Mutter.

Sie haben einen gewissen "Kontrollzwang" ("Wann bin ich perfekt genug, dass ich alles richtig mache?") schon vor der Geburt Ihres Kindes.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Sie sind Ihrer Mutter ähnlicher (zumindest bezüglich der Ängste und Sorgen um ein Kind), als Sie bisher reflektiert haben. Diese Sichtweise kann Sie mit Ihrer Mutter vielleicht mehr versöhnen, als Sie bisher für möglich gehalten hätten.

Es ist Ihr Leben, wenn Sie sich derzeit nicht bewusst für ein Kind entscheiden können.

Ich würde nur - um es nochmals klar zu sagen - das Problem umdefinieren:
Sie haben Angst vor der sehr verletzlich machenden Angst um Ihr Kind und versuchen dies im Sinne eines typischen zwanghaften Perfektionismus zu vermeiden in der Form, dass Sie derzeit noch keine Entscheidung treffen.

Wie viel Zeit haben Sie? Wie viel Zeit geben Sie sich? Davon hängt doch alles ab.

Von Gorbatschow stammt der schöne Spruch: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

Frei nach Watzlawick: Man kann niemals nie entscheiden. Man hat auf jeden Fall entschieden, wenn man nicht entscheidet. Zumindest so lange man nicht entscheidet, hat man sich bewusst für den Status quo entschieden. Sie sollten dies dann halt nur ohne ständige Vorwürfe sich selbst gegenüber besser aushalten können.

Übrigens möchte ich schon anfragen, ob Sie sich das Schwangerwerden nicht zu "perfekt einfach" vorstellen. Sie wollen es plötzlich - und schon funktioniert es. Dann viel Spaß dabei! Für manche Paare ist dies mehr harte Arbeit als man glauben möchte.

Angenommen, Sie möchten plötzlich ein Kind, werden dann aber im nächsten halben Jahr doch nicht schwanger, was würden Sie dann im nächsten halben Jahr tun?


Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

Kicki  09.05.2001, 10:49:19

Lieber Herr Morschitzky,

Sie haben recht, mein letzter Beitrag erklärt sich von selbst, und im Grunde brauchen Sie darauf gar nicht mehr großartig zu antworten, denn die Antwort steht in ihrem letzten Beitrag.

Es geht auch nicht mehr darum, welchen Weg ich gehen soll, die Entscheidung habe ich innerlich anscheinend schon vor langer Zeit getroffen, sondern wann ich mich endlich in der Lage fühle, diesen Schritt zu gehen.

Ja Sie haben recht, ich wünsche mir einerseits Mutter zu werden, auf der anderen Seite habe ich so viel Angst davor, dass ich es perfekt gestalten wollte, um keinen Fehler zu machen und vor allem, um die Angst zu überlisten.

Ich habe all meine Freundinnen vorausschreiten lassen, um mir aus der Ferne anzusehen, wie es geht und anstatt die Angst zu lindern, wurde sie nur noch größer.

Meinen Freundinnen sind so allerlei Dinge passiert, die einer Mutter passieren können, selbst wenn sie es noch so gut machen möchte.

Sie haben es getragen und ertragen, sie haben es auch überlebt. Und sie sind glücklich mit ihren Kindern.

Auch meine Mutter hat viel ertragen und getragen. Sie war eine sehr starke Frau und vor allen Dingen sehr tapfer.

Selbst in diesem Punkt haben Sie recht. Ich bin ihr im Moment näher denn je, ich war es anscheinen immer schon. Deshalb konnte ich es auch nie ertragen, wenn jemand sie angriff oder sich über sie lustig machte. Das durfte nur ich.

Sie sind sehr einfühlsam und respektvoll mit dem, was ich über meine Mutter schrieb, umgegangen, genauso, wie Sie auch mit mir umgegangen sind. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum wir überhaupt eine Chance hatten an einen Punkt wie diesen zu kommen. Sie haben nicht geurteilt und verurteilt, sondern erklärt und mir geholfen zu klären.

Ich danke Ihnen für Ihre Kraft und Ausdauer, denn es gibt bestimmt wenige Menschen, die diese Energie aufbringen können. In der Regel gelang es mir immer wieder, über das Gesagte drüber zu wischen, Hacken zu schlagen, zu manipulieren, und wenn ich mein Gegenüber immer noch nicht abgeschreckt hatte, auf der Beziehungsebene Verwirrungen zu stiften. Sie sehen, ich bin Meisterin im Verdrängen und Verwischen.

Den Beitrag über generalisierte Angststörung habe ich durchgelesen. Den unterschreibe ich – zum größten Teil – mit links. Selbst die körperlichen Symptome stimmen.

Die Angst um meine Familie habe ich übernommen, ich könnte hier viele Beispiele aufzeigen, müsste aber dann auf deren Lebensgeschichte eingehen, was ich vermeiden möchte.

Zum Teil, kann ich mich davon distanzieren, sonst würde ich an dieser Angst zugrunde gehen. Doch ich muss auch dazu sagen, dass man mit Distanz alleine nicht weiterkommt, denn dadurch verliert man auch den Bezug zu ihnen.

Ich möchte lernen, damit besser umgehen zu können, ohne sie von mir abzuspalten. Damit meine ich die Angst und die Menschen, um die ich Angst habe.

Ich möchte diesen Weg beschreiten, in der Akzeptanz, dass die Angst vorhanden ist, und dass sie immer da sein wird.

Denn ich möchte leben und vor allen Dingen wieder glücklich sein!

Ich habe die besten Voraussetzungen, die es gibt, um Mutter zu werden.

Ich lebe in einer gesicherten Beziehung mit einem Mann, mit dem ich alle Höhen und Tiefen erlebt habe, die das Schicksal auf seiner Speisekarte hat.

Wir haben uns immer gegenseitig unterstützt und vor allen Dingen, ertragen und getragen.

Wir haben das Wunder vollbracht, über alle Grenzen zu gehen und zwei Kulturen zusammenzubringen, obwohl uns viele Steine in den Weg gelegt wurden.

Wir haben Normen gebrochen und neue Normen gesetzt, erst für uns ganz alleine und anschließend in unseren Familien und unserem Freundeskreis.

Wir sind finanziell – so gut es geht – abgesichert und brauchen uns keine Sorgen darum zumachen. Und selbst wenn, als wir Studenten waren, lebten wir fürstlich, weil wir das wenige, was wir hatten genießen konnten.

Ich habe schon bewiesen, dass ich Verantwortung übernehmen kann, ohne dabei perfekt zu sein.

Ich habe meinem Mann gestern meine letzten beiden Beiträge vorgelesen und Ihre Antwort dazu. Ich dachte, jetzt ist er bestimmt ganz geschockt und will mit mir überhaupt keine Kinder mehr. Doch er nahm mich nur in den Arm und sagte, dass er daran glaubt, dass ich eine gute Mutter sein könnte.

Meine Entscheidung, mich auf diesen Weg zu begeben, würde also bedeuten:

Mich der Angst zu stellen, sie zuzulassen und zu akzeptieren und lernen mit ihr zu leben. (was der schwierigste Teil sein wird)

Zu akzeptieren, dass ich sie auch gängeln muss, bzw. auch streng sein muss, wenn sie die Grenzen überschreiten, um sie zu geleiten und begleiten. Damit aber hin und wieder ihre Gunst verliere.

Dass ich es zulassen muss, dass sie auch sehen, wenn ich schwach bin und es ertragen muss, wenn sie damit schon mal nicht umgehen können.

Dass ich nur gut sein kann, wenn ich auch echt bin, wie ein guter Therapeut.

Mit Sicherheit ist Ihnen aufgefallen, dass ich im Moment wenig über meine beruflichen Bedürfnisse spreche. Ich habe viel gearbeitet in meinem bisherigen Leben, eigentlich immer. Ich habe alle möglichen Jobs gemacht und sie meistens auch gut gemacht. Im Grunde habe ich schon viel berufliche Erfüllung erlebt. Mein Studium habe ich für mich gemacht, für mich ganz alleine, weil ich meinen Horizont erweitern wollte. Die Lorbeeren habe ich im Grunde genommen schon eingesteckt, aber nicht geschätzt, weil ich immer weitere Ziele hatte.

Ich habe immer noch Ziele, auch in beruflicher Hinsicht. Aber ich sehe mich nicht mehr ganztags in einem Unternehmen, sondern eher freiberuflich von zuhause arbeitend in Kombination mit meinem Hauptjob.

Das war immer mein Traum und die Wege dazu sind sogar schon geebnet. Ich habe Aufträge von außen, von Menschen, die mich kennen und meine Arbeit schätzen. Ich hatte in der letzen Zeit nur sehr wenig Muße, diese Jobs zu erfüllen bzw. ich konnte mich nicht darauf konzentrieren.

Das Glück liegt im Grunde genommen schon vor mir, ich muss es nur ergreifen und dabei einen für mich schweren Weg beschreiten.

Aber ich will!

Ich habe unsere ganze Korrespondenz ausgedruckt und in eine schöne Mappe getan. Die bewahre ich wie einen Schatz. Vielleicht werde ich diesen Schatz irgendwann mal meinen Kindern vererben.

Ihr letzter Beitrag, hat mir die Stimme geraubt. Ich hatte Schwierigkeiten, ihn meinem Mann vorzulesen. Er hat mir die Kehle zugeschnürt, weil ich spürte, dass wir schon auf dem Weg sind. Da war sie, die Erkenntnis und die ANGST. Aber ich habe es überlebt und konnte auch gut schlafen. Ich wusste, morgen ist ein neuer Tag und dann werde ich den nächsten Schritt gehen.

Ich habe meine geschäftlichen Termine abgesagt, weil ich spürte, dass ich lieber mit mir Frieden schließen wollte. Es war kein Problem. Ich brauchte mich nicht zu erklären. Wenn ich weiß, wie es mit mir weitergeht, werde ich die Aufträge zu Ende führen.

Ich musste gestern lachen, als sie schrieben, dass Sie mich nicht in einem wilden Aktionismus durch eine Konfrontationstherapie schicken werden – damit wir nicht wieder den Zustand der Stagnation überwischen.

Was glauben Sie wohl, was ich gestern getan habe, nachdem ich den letzten Beitrag abgeschickt habe.

Erst wollte ich mich ausruhen und entspannen, was mir nicht gelang. In meinem Kopf drehte sich alles und ich wollte nicht mehr denken. Dann beschloss ich, mich auf´s Fahrrad zu setzen und ein paar Runden zu drehen, damit ich den Bezug zur Außenwelt nicht verliere. Bei meiner ersten Runde merkte ich schon, dass ich nicht mehr im Kreis fahren wollte. Es machte mich krank, dass ich weiterhin diese Runden immer schön um unseren Wohnblock drehen sollte, um die Sicherheit des Zuhauses nicht zu verlieren. Ich spürte, dass es mich weiter weg zog und dann habe ich mich umgedreht und bin in eine andere Richtung gefahren. Nicht allzu weit, aber es war schon mal eine andere Richtung. Diesen Sog, in eine andere Richtung zu gehen bzw. zu fahren hatte ich in der letzten Zeit öfter gespürt. Wenn ich so in Gedanken lief, merkte ich, dass ich vom Verstand her immer im Kopf hatte, mich nicht zu weit weg zu bewegen von zu Hause, dass ich vom Gefühl her aber gerne gegangen wäre.
Als ich gestern zurück fuhr, kam die Beklemmung wieder in mir hoch. Ich wollte schon gar nicht mehr so richtig in das alte Zuhause, weil ich es als Gefängnis empfinde.

Aber es ist kein Gefängnis, das Gefängnis ist in mir.

Da ich Sie bisher als guten Lotsen empfunden habe und ich auch glaube, dass ich meinen eigenen Part übernommen habe, würde ich mir wünschen, dass Sie mich noch ein Stück begleiten, auf diesem neuen Weg. Ich weiß nicht wie viel Zeit und Kraft sie noch haben und bitte Sie, mir rechtzeitig Bescheid zu sagen, wenn Sie merken, dass es Ihnen zu viel wird.

Ich kann Ihnen an dieser Stelle nur noch einmal meinen großen Dank und meine Anerkennung aussprechen, denn Sie müssen schon fast ein Löwenbändiger sein, um mit meinem Innenleben umgehen zu können.

Bis bald

Kicki

 

Kicki  10.05.2001, 10:30:47

 

Lieber Herr Morschitzky,

die Spannung lässt langsam nach, mein Kopf wird langsam klarer und ich mache neue (erschreckende) Erkenntnisse für mich.

Ja, es sti
mmt.

Ich habe mich meinem Mann gegenüber verpflichtet gefühlt und tu es i
mmer noch.
Ich habe mich so weit gequält, dass ich das Gefängnis gewählt habe, um eine Entscheidung zu erzwingen, die ich in Freiheit nicht getroffen hätte.

Ja, es sti
mmt.

Ich gehöre zu den Frauen, die als Priorität die Erfüllung im Beruf sieht.
Ich habe viele Jahr gearbeitet und gerne gearbeitet. Meistens war ich mit Leib und Seele dabei.
Ich habe mich an einer Grenze gespürt und diese Grenze überschritten, indem trotz meines früheren Berufes noch studiert habe.
Ich habe das erste mal erfahren, dass ich mich ohne Scheu in Akademikerkreisen bewegen kann, meine Meinung vertreten kann auch wenn mein Gegenüber eine Autoritätsperson ist, dass ich gute Leistungen bringen kann, so lange die Arbeit mit Spaß verbunden ist und diesen Anspruch habe ich, auch wenn alle Welt mir vermitteln will, dass Arbeit hauptsächlich zum Geldverdienen gedacht ist. (Das Privileg habe ich nun mal als Frau, wenn ich nicht als Haupternährer verantwortlich bin)

Mit dem Versprechen meines Mannes habe ich mir einen Strick um den Hals gelegt, der i
mmer enger wurde.
Er hat mich in meinem Studium verfolgt, in der Auswahl beiden letzten Stellen.

Schon von Anfang an, als ich die Türschwelle betrat, wusste ich, ich gehöre eigentlich gar nicht dazu, weil ich wieder gehen werde.
Ich kann mein Herz an diese Stelle gar nicht verlieren, weil es gebrochen würde, sobald es mir anfängt Spaß zu machen, und ich wieder gehen muss.
Ich wollte die unfreiwillige Pattsituation dazu nutzen, um mich mit dem Zuhausebleiben anzufreunden und es wurde i
mmer schlimmer.

So lange mein Mann selbst noch im Studium war und ich mich relativ frei fühlte, das Versprechen noch nicht einlösen zu müssen, konnte ich zeitweise auch dieses Gefühl nachempfinden. In der Zeit konnte ich träumen und mir eine Zukunft ausmalen, die durch jegliche „Behinderungen“ wie – nicht Autozufahren, Schwierigkeiten mit dem Busfahren, Angst vor der Mutterschaft, Angst vor den Verantwortungen im Beruf, Depression und Trauer verschwommener wurde.

Ich liebe die Kinder meiner Freunde und meine Nichten und Neffen von ganzem Herzen, aber ich bin froh, wenn sie sich mit sich selbst beschäftigen und ich nur in ihrer Nähe sein brauche.

Ich habe den Schmerz noch nicht verwunden, dass ich in meinem Beruf noch keinen Fuß fassen konnte, dass ich keine Stelle gefunden habe, zu der ich möglicherweise nach dem Erziehungsurlaub wieder zurück kann.

Jetzt sitze ich hier mit vielen Fragezeichen im Kopf und frage mich, was ich damit anfange. Aber ich bin auf eine seltsame Art und Weise ruhig.

Ich bin nicht perfekt, ich wollte es nur perfekt gestalten, was mir nicht gelang.

Ja es sti
mmt auch,

dass ich Angst habe Fehler zu machen. Mein daraus resultierender zwanghafter Perfektionismus, den ich im realen Leben gar nicht so sehr brauche, war hauptsächlich auf die Zukunft gemünzt, weil ich wusste, dass ich eine Doppelbelastung eingehen würde, wenn ich meinen Träumen folge.

In meinen Träumen besitze ich mit meinem Mann ein Haus, wir gehen beide arbeiten und haben eine Haushälterin zu Hause, die sich um Haushalt und Kinder kü
mmert. Wenn wir abends nach Hause kommen sind wir alle glücklich, weil jeder tagsüber seinen eigenen Interessen nachgehen konnte und wir abends und am Wochenende eine Gemeinschaft sind. Es gibt niemanden, der wegen eines falsch verstandenen Opfertums gefrustet ist und somit diese glückliche Gemeinschaft mit Wut und Zynismus vergiftet.

Lebe ich zu sehr in meiner Traumwelt?

Mein Mann wäre nie damit einverstanden, wenn sich eine fremde Person um seine Kinder kü
mmert. Er hätte Angst, dass sie dadurch einen Bezug zu einer Person aufbauen, die nicht zu unserer Familie gehört. Dass uns vielleicht dadurch etwas verloren geht und die Kinder einen Schaden davon trage würden.

Ich bin der Meinung, dass die Qualität der Beziehung zu einem Kind nicht davon abhängt, wie viel Zeit ich mit ihm verbringe, sondern dass es spüren kann, dass es willko
mmen ist, dass es ein wichtiger Bestandteil unserer Gemeinschaft ist, und dass es ein Recht darauf hat, geliebt zu werden.

Da ich ja bekanntlich noch nicht einmal im Beruf drin bin und alle Anzeichen dafür stehen, dass ich gute Chancen hätte von zuhause aus zu arbeiten, habe ich im Laufe der letzten Zeit meine Träume verändert.

Ich sehe mich dann eher (i
mmer noch in einem schönen Haus) tagsüber zuhause, aber auch hier würde ich mein Leben leben, würde meine Arbeit machen und mein Kind an meinem Leben beteiligen.

Wir wären in einem Raum zusa
mmen, das Kind spielt und ich würde mich um meine Arbeit kümmern. Zwischendurch würden sich unsere Blicke treffen, wir würden miteinander spielen oder schmusen, vielleicht gemeinsam in den Garten gehen, uns mit anderen Müttern und Kindern treffen und den Abend gemeinsam mit meinem Mann verbringen. Am Wochenende würden wir je nach Lust und Laune mit den Kindern wegfahren oder uns mit Freunden treffen.

Die Realität vieler Mütter die ich kenne, sieht aber anders aus. Der Tagesablauf richtet sich ganz nach einer bestmöglichen Förderung der Kinder.

Wäre ich eine so schlechte Mutter, wenn ich mein Kind nicht zu allen möglichen Fördermaßnahmen bringe, wenn ich es an meinem Leben beteiligen, aber nicht für es alleine leben würde?

Ich hoffe, ich habe jetzt nicht wieder alles zugewischt, von dem was ich die letzten beiden Tage geschrieben habe und Hacken geschlagen.

Mir ko
mmt es nicht so vor.

Bis bald

 

Kicki
 

Kicki  10.05.2001, 12:24:44

Lieber Herr Morschitzky,

es ist mir schon fast peinlich, aber ich zeige gerade aller Welt, wie zerrissen ich bin und wie sehr nach psychoanalytischer Sicht das ES und das ÜBER-ICH miteinander kämpfen und das ICH dabei auf der Strecke bleibt. Wie schnell diese beiden Pole springen können und dass das eine immer dem andern folgt sieht man an der Kürze der Abstände zwischen meinen Beiträgen.

Sobald ich einen Beitrag, wie den eben abgeschickt habe, kommen Vernunftgedanken, (das ist glaube ich meine Wischtechnik), die das vorherige bewerten und verurteilen.

Nachdem ich den letzten Beitrag abgeschickt hatte, war ich total happy, so ehrlich über meine Träume geschrieben zu haben.

Dann las ich mir den Beitrag noch einmal in Ruhe durch, und dann kamen sie, die Vernunftgedanken:

Wenn du so redest, sollte man glauben, dass du nur Spaß im Leben haben möchtest, dass du nicht bereit bist Verantwortung zu tragen und dass du lieber tagsüber eine fremde Frau die Familienarbeit machen lässt und dich lieber im Büro vergnügst. Das sind doch Serienphantasien wie in der Schwarzwaldklinik oder wie Uschi Glas das im Fernsehen immer präsentiert. Doch sei mal ehrlich, sobald du im Beruf Schwierigkeiten hättest, würdest du dir wünschen, zu Hause geblieben zu sein. Denn auch hier müsstest du Verantwortung tragen. Du müsstest mit Sicherheit viel Reisen und hättest einen großen Horror davor, weil du dafür deine Familie verlassen müsstest und Angst hättest, dass dir auf der Reise was passiert.

So wie du deine Alternativ-Vorstellung nach einem Leben - mit einem Kind zu Hause zu bleiben, und von dort aus zu arbeiten - präsentierst, würde es in der Realität gar nicht aussehen. Denn auch hier müsstest du das Haus verlassen, um einkaufen zu gehen, um mit dem Kind zum Arzt zu gehen, es wenn es größer ist in den Kindergarten bringen und dazwischen hättest du auch noch einiges an Hausarbeit zu tun. Auch hier musst du dich von Punkt A nach B bewegen und in der momentanen Verfassung wärst du gar nicht dazu in der Lage dies zu tun. Dein Kind ist auch mit Sicherheit nicht immer gut gelaunt und spielt vergnügt in der Ecke, während Madame sich ihren ach so akademischen Stuss aus der Birne drückt. Eure Blicke werden sich nicht einfach so zufällig treffen, sondern ihr werdet einen ständigen Machtkampf führen, wer nun die größeren Bedürfnisse hat. Wenn dein Mann abends nach Hause kommt, hat er dann nicht nur ein schreiendes Kind zu trösten, sondern auch noch eine hysterische Frau, die glaubt in ihrer Freiheit eingeengt zu sein. Wahrscheinlich würde durch das ganze Gezeter auch noch der Haushalt liegen bleiben und er könnte sich sein Essen selbst machen.

Ich glaube das reicht, um zu präsentieren, wie schnell ich im Moment springe. Aber es wird mir wenigstens bewusst.

Ich verstehe auch so langsam, was Sie damit meinen, dass Sie in der Therapie am Anfang ein Hilfs-Ich anbieten. Dieses vermittelt zwischen den beiden Polen.

Also wäre es meine Aufgabe hier, zu lernen, selbst zwischen den beiden Polen zu vermitteln ?!?!?

Heißt dies vielleicht "Erwachsen zu werden", zwischen Traumwelt und "scheinbarer" Realität zu vermitteln. Von beiden Polen die "Spitzen" also die Extreme zu kappen und schauen, was dazwischen übrig bleibt? Die Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß zu erkennen und irgendwann sich eine Graufärbung auszusuchen und zu sagen, das passt am besten zu mir?

Interessanter Weise, fühle ich mich immer noch relativ ruhig und die Spannung ist auch geringer als vorher, wenn ich geschrieben habe. Durch das Schreiben und anschließende Lesen wird mir nämlich viel klarer, womit ich zur Zeit mein Leben verbringe und warum ich abends davon so müde bin.

In diesem Sinne

Kicki

 

Hans Morschitzky  10.05.2001, 15:52:46

Hallo Kicki!

Ich habe Ihre letzten Beiträge aufmerksam gelesen und bin sehr beeindruckt davon.

Die Online-Beratung mit Ihnen spiegelt sehr gut wider, wie ich auch in Therapien vorgehe:

1. Ich bin am Anfang sehr aktiv, indem ich jede Menge Informationen anbiete (Wissenserwerb als Möglichkeit, ein "mündiger Patient" zu werden").

2. Danach mache ich sehr ausgedehnte Analysen auf der individuellen Ebene (Kognitionen, Emotionen, Verhalten, Physiologie) und auf der systemischen bzw. psychosozialen Ebene (Problemanalyse in der Gegenwart und auch in Bezug auf die Vergangenheit).

3. Erst danach erfolgt eine sehr differenzierte Zielanalyse ("Was wollen wollen Sie mit meiner Hilfe bis wann auf welche Weise erreichen?", "Woran würden Sie in drei Monaten usw. erkennen, dass Sie einen Fortschritt erreicht haben?").

4. Auf der Basis dieser Analysen erfolgen verschiedene Aufgabenstellen in und außerhalb des Therapieraumes.

5. Nach einer aktiven Phase lehne ich mich zurück, lasse mir von den Fortschritten berichten, ermutige zu weiteren Veränderungen und Verbesserungen, bespreche mögliche Rückfallsrisken usw.

6. Im Laufe der Therapie gebe ich meinen PatientInnen das Gefühl, dass Sie sich mit meiner Hilfe letztlich selbst geholfen haben. Wenn sie dies nicht glauben, werden sie übermorgen bald wieder vor meiner Tür stehen und sagen "Doktor, mach mal wieder, es fängt schon wieder an!"

7. Zum Schluss sage ich meinen Patienten, das sie eigentlich ein völlig "normales" Problem gehabt haben, wie dies andere Menschen auch haben können, sie haben es nur auf "abnormale" Weise zu lösen versucht, nämlich durch reines Bekämpfen der Symptome, wo doch die Symptome einen zugrunde liegenden Konflikt ausgedrückt haben, während andere Menschen das zugrunde liegende Problem direkt angegangen sind. In diesem Punkt denke ich wie Psychoanalytiker. Als Verhaltenstherapeut würde ich dasselbe einen "Ziel- und Wertekonflikt" nennen (Was ist jetzt wichtiger, wenn beides zugleich nicht geht: Beruf oder Mutterschaft?). Als systemischer Familientherapeut spreche ich vom Unterbrechen "familiärer Muster" und "Familienmythen".

8. Ich entschuldige mich bei meinen Patienten abschließend dafür, dass ich Ihnen eine Diagnose geben musste, doch ohne diese hätte die Krankenkasse leider nichts gezahlt, was alle einsehen.

Kicki, wir sind jetzt an einer Phase angelangt, wo ich mich schon zurücklehnen und vertrauensvoll Ihren Berichten folgen kann. Womit Sie sich durchaus aufgefordert fühlen können, so weiterzumachen wie bisher. Wenn ich es notwendig finde, werde ich etwas mehr dazu sagen.

Für jetzt möchte ich nur so viel sagen/schreiben: wir sind über den Umweg "Mutter-Tante" sowie "Frau als Mutter und Berufstätige" zu Ihrem Mann zurückgekehrt, dem gegenüber Sie sich gebunden und verpflichtet gefühlt haben. Das haben Sie immer gewusst.

Ich habe es auch geahnt, aber absichtlich nicht mehr als bisher darüber geschrieben. Wissen Sie, warum ich dies hier so sicher schreiben zu wage? Eben weil ich Ihren wahren Namen kenne (Doppelname: 2. Teil ein ausländischer Name). Ich arbeite wie ein Kriminalpolizist: jedes Detail kann wichtig sein.

Da dachte ich mir: So wie bisher können Sie in alle Ewigkeit höchstens mit einem deutschen Partner umgehen, anderenfalls könnte vielleicht die Beziehung krachen - obwohl Sie ja geschrieben haben, dass dies nicht der Fall sei, doch Sie wussten, dass Sie Ihrem Mann schon sehr viel zumuten. Ich dachte mir, Ihr ausländischer Partner hat bestimmt einen anderen kulturellen Hintergrund, wo Kinder sehr wichtig sind (4 Kinder wollte er haben, schrieben Sie bereits).

Sie haben auch erwähnt, dass Sie einen Mann aus einer anderen Kultur geheiratet haben. Aus der ursprünglichen Eintragung Ihres richtigen Doppelnamens unter Topuser konnte ich also erschließen, das Ihr Mann aus dem arabischen Raum stammen muss. Dort ist es wohl eine Schande, nie im Leben ein Kind gezeugt zu haben (abgesehen von der Liebe zu Kindern).

Ihre eigenständige Erkenntnis bleibt um so besser im Gedächtnis haften, je mehr emotionale Beteiligung dabei war, letztlich selbst darauf gekommen zu sein. Denn gewusst haben Sie es ja immer, Sie waren nur noch nicht in der Lage, es wissen zu wollen. Ich habe Ihnen sehr viel direkt gesagt, doch diese Erkenntnis, die Sie ohnehin immer schon hatten, wollte ich Sie lieber selbst wiedergewinnen lassen.

"Agoraphobie - Was dahinter steckt" lautet der Titel unserer Online-Beratung.

Und was steht dahinter? Das Geheimnis lüftet sich immer mehr:

Sie mussten sich in den letzten Monaten buchstäblich über die Agoraphobie zu Hause "anbinden", denn sonst würden Sie Ihrem Mann neuerlich in den Beruf weglaufen und ihn vielleicht kinderlos zurück lassen, und dies obwohl Sie ja selbst mindestens ein Kind wollten. Wofür denn sonst so viel Aufwand mit Ihrer Abschlussarbeit und Ihren visionären und sozialrevolutionären Ideen?

Nun, da alles klar und offen vor Ihnen liegt, geht es um Ihre freie Entscheidung, ob und wann Sie Ihrem Mann ein Kind schenken wollen. Das Ziel einer Psychotherapie ist die Entwicklung von mehr Freiheit und Autonomie.

Sie sollen sich bewusst für ein Kind entscheiden und nicht, weil Sie wegen Ihrer Agoraphobie jetzt ohnehin nicht weit kommen. Bei der Mehrzahl der Frauen mit einer Agoraphobie läuft es umgekehrt, wie ich Ihnen bereits geschrieben habe: zuerst heiraten, Kinder kriegen und dann eine Agoraphobie entwickeln - als Schutz davor, Mann und Kindern davon zu laufen in den Beruf bzw. an der vermeintlichen Überforderung von Mutterschaft und Berufstätigkeit zu scheitern.

Ich frage meine Patientinnen oft, was sie tun würden, wenn ihre Agoraphobie weg wäre. Häufige Antworten: berufstätig werden, Führerschein machen, aufgrund von eigenem Einkommen die Partnerbeziehung verändern im Sinne von weniger Abhängigkeitsgefühlen - manchmal bis hin zu Trennungsüberlegungen, wenn die Beziehung weiterhin nicht so gut laufen sollte.

Sie waren aufgrund Ihrer Ängste, Ihres zwanghaften Perfektionismus und natürlich auch der realen Abhängigkeitsängste als Folge eines Kindes in der Lage, Ihrem Gatten bis zu Ihrem 35. Lebensjahr ein Kind vorzuenthalten!

Aber jetzt, wo er alle ernähren kann, weil er die Ausbildung ganz abgeschlossen hat, ist Ihr Traum zu Ende, dass Sie das Kinder-Kriegen noch länger hinausschieben können.

Jetzt ist es so weit. Wundern Sie sich daher nicht, wenn Sie die Empfängnisverhütung absetzen, in drei Monaten schwanger werden und anstatt Freude erst einmal eine Panikattacke bekommen.

Es wäre ganz normal, wenn Sie auch die Ankunft Ihres Kindes in Ihrem Bauch mit genauso gemischten Gefühlen erleben würden (Freude, Angst und Panik "Jetzt hat es eingeschlagen, jetzt ist es passiert, jetzt komme ich nicht mehr aus") wie den Tod Ihrer Mutter (Erlösung und Traurigkeit). So ist das Leben!

Sie haben einfach nur ein Herz: es schlägt in bestimmten Situationen einfacher schneller, egal welches Gefühl/Erlebnis Sie gerade haben: Wut, Ärger, Angst, Panik, sexuelle Lust.

Nur wenn wir unseren Herzschlag als gefährlich interpretieren, bekommen wir Panik und verlassen ungern die Wohnung. Sonst freuen wir uns darüber, dass wir auf diese Weise z.B. auch Liebesgefühle erleben.

Dies wünsche ich Ihnen für die nächste Zeit - mit allen damit verbunden Folgen!!

Ich möchte Sie ja nicht stressen, aber ich gehe schon davon aus, dass ich noch solange in diesem Forum tätig bin, bis Sie öffentlich Ihre Schwangerschaft verkünden.

Dann wird die Story "Agoraphobie - Was dahinter steckt" ein happy end gefunden haben.

Als fünffacher Vater sage ich Ihnen aus meiner Erfahrung: lieber Realängste um Kinder, die man verlieren kann, als neurotische ("generalisierte") Ängste um Kinder, die Schaden erleiden könnten, obwohl man diese noch gar nicht bekommen hat.


Mit lieben Grüßen!

Hans Morschitzky


 

Kicki  10.05.2001, 16:47:40

Hallo Herr Morschitzky,

ehrlich gesagt bin ich ein wenig geschockt. Ich schreibe auch jetzt spontan, damit ich auch keine Zeit habe, darüber nachzudenken und das Gesagte wieder zurecht rücken zu wollen. Sie haben mich aus der Reserve gelockt.

Glauben Sie, mein Problem könnte hauptsächlich die arabische Herkunft meines Mannes sein. Sie haben Recht, seine Familie stammt tatsächlich aus einem arabischen Land. Aber er ist in Frankreich aufgewachsen und somit sehr europäisch geprägt. Seine Eltern sind später wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt, so dass er schon sehr früh auf sich alleine angewiesen war. Nach meiner Banklehre habe ich ein Jahr lang in Frankreich gearbeitet, wo wir uns dann kennen gelernt haben. Später ist er dann zum Studium nach Deutschland gekommen und irgendwann haben wir geheiratet.

Ich habe mich mit dieser Kultur sehr intensiv auseinandergesetzt und sie lieben gelernt. Das liegt auch daran, dass meine Schwiegerfamilie eine sehr liberale Familie ist. Auch wenn sie alle auf den männlichen Nachfolger von männlicher Kette her warten (da hätten wir das Vorurteil bestätigt), würde mich niemand dazu überreden oder zwingen wollen.

Ich glaube mein Problem liegt eher darin, dass wenn ich sie besuche, ich das Gefühl haben, dass ich mich entschuldigen muss, dass ich weder einen Job noch Kinder habe, weil die meisten Frauen in der Familie beides tun. Ich würde so gerne dazu gehören, auch wenn ich es faktisch schon tue. Denn als Frau meines Mannes bin ich akzeptiert, egal was ich tue.

Ich denke, dass auch ein deutscher Partner, der nun an einem Punkt ist, wo er sich Kinder wünscht, nicht sehr glücklich über den Zustand wäre, dass seine Frau diese Entscheidung nicht treffen kann.

Trotzdem lasse ich mir ihren letzten Beitrag noch einmal durch den Kopf gehen. Vielleicht ist ja viel mehr dran, als ich vermutet habe.

Übrigens seit ich das mit der generalisierten Angststörung gelesen habe, bin ich mit meiner "Diagnose" zufriedener, denn sie passt für mich in mein gesamtes bisheriges Leben. Ich werde lernen damit umzugehen.

Bis bald

Kicki
 

Hans Morschitzky  10.05.2001, 17:54:19

Liebe Kicki!

Als systemischer Partner- und Familientherapeut bin ich fest davon überzeugt, dass Angststörungen sehr oft mit der Partner- und Familiensituation zu tun haben.

Bei Ihnen war ich mir schon von Anfang an ziemlich sicher, dass es nicht bloß um ein Kind gehen kann, sondern dass dies etwas ganz Bestimmtes mit Ihrer Ehe zu tun haben könnte. In welcher Weise, das wusste ich natürlich nicht.

Aber es hat mich schon etwas stutzig gemacht, dass Sie geschrieben haben, ihr Mann habe Ihnen versichert, er würde Sie nicht verlassen, wenn Sie kein Kind wollten. Reden zwei Partner üblicherweise so miteinander?

Ich dachte mir: wenn da nicht doch noch ein gröberer Partnerkonflikt dahinter steht (vom Exfreund wollten Sie ja gerade kein Kind, von Ihrem Mann dagegen schon, haben Sie geschrieben), dann muss es wohl um zentrale "Glaubensfragen" gehen, um ganz fundamentale Wertvorstellungen, die durch eine chronifizierte Agoraphobie nicht angesprochen werden müssen.

Da denke ich wie die Psychoanalytiker. "Unbewusst" macht vieles einen Sinn, der bewusst nicht erkannt wird. Als Systemiker würde ich sagen: das Problem wird so lange durch ein Symptom "gelöst", bis eine andere Lösung möglich wird.

Nur "naive", rein lerntheoretisch orientierte Verhaltenstherapeuten glauben, dass immer auch das (Grund-)Problem beseitigt ist, wenn das aktuelle Symptom weg ist, und wollen alles durch eine Konfrontationstherapie lösen. Man muss sich nur mit den richtigen, den "wahren" Problemen konfrontieren! Eine Agoraphobie lenkt davon nur ab und schafft eine Pattsituation.

Ich glaube, dass Weltbilder immer unser Leben bestimmen, ob wir nun in religiösem Sinn gläubig sind und oder nicht. Normen, Werte und Sinnfragen sind für unser Leben von entscheidender handlungsleitender Bedeutung.

Bei Ihnen geht es sogar um kulturübergreifende Fragen, wie nun endgültig klar geworden ist. Was ist die Rolle einer Frau? Was ist die Rolle eines Mannes? Was ist Freiheit? Wer bestimmt das? Welche Normen gelten mehr? Wem soll man es recht machen?

Angst- und Panikstörungen sind in diesem Sinn ebenfalls "nichts anderes" als "belief systems":

Ich glaube, jetzt bekomme ich einen Herzinfarkt, gleich werde ich verrückt (Panikstörung).

Ich glaube, dass mir etwas passiert, wenn ich mich in das Unbekannte, Unvorhersehbare oder Unkontrollierbare wage (Agoraphobie).

Ich glaube, dass meinen Liebsten etwas passiert, wenn ich mich nicht genug um sie sorge (generalisierte Angststörung).

Ich glaube, dass mich die meisten Leute so wie ich bin nicht mögen können, daher muss ich besser sein, sonst werde ich wirklich abgelehnt (Sozialphobie).

Ich glaube, in mir steckt etwas Krankhaftes, und ich muss sterben, wenn es kein Arzt findet (Krankheitsängste - Hypochondrie).

Ich glaube, dass von mir Gefahr ausgeht und ich meinen Liebsten etwas antun könnte (Zwangsstörung).

Viele Leute sagen: "Ich glaube an nichts mehr."
Angstpatienten sagen noch dazu: "Ich glaube nicht einmal mehr, dass mir ein Arzt oder Therapeut helfen kann."
Aber an die Macht Ihrer Ängste glauben sie noch immer, auch wenn sie sonst an nichts mehr glauben.

Dass Sie mit Ihren ganz normalen generalisierten Ängsten besser umgehen lernen werden, das glaube ich ganz bestimmt und verbleibe bis zum nächsten Mal

mit besten Grüßen

Hans Morschitzky

 

Kicki  10.05.2001, 23:18:37

Lieber Herr Morschitzky,

ich sage Ihnen wahrscheinlich nichts Überraschendes, wenn ich Ihnen jetzt schreibe, dass Sie mich gerade an meiner verwundbarsten Stelle getroffen haben.

Der Stachel sitzt tief und tut sehr weh. Aber das ist ja Ihr Job!

Mir wird fast schwindlig vor Angst, aber ich werde versuchen darauf einzugehen.

Sie haben in Ihrem vorletzten Beitrag genau das „angegriffen“ (zumindest hat es im ersten Moment auf mich so gewirkt – sie kennen bestimmt die 4 Ohren von Schulz von Thun), was ich wie eine Löwin verteidige – mein Liebstes (meinen Mann und meine Beziehung zu ihm) und seine arabische Herkunft („Dort ist es wohl eine Schande, nie im Leben ein Kind gezeugt zu haben“).

Ich habe gerade die ganze Geschichte unserer Beziehung und anschließenden Ehe aufgeschrieben und folgendes herausgearbeitet:

Punkt 1: Unsicherheit in meiner Rolle als Frau.

- Durch die Widerstände und Vorurteile, die meine Familie und meine Freunde vor unserer Ehe meinem Mann gegenüber aufgebracht hatten, habe ich alles daran gesetzt, mich nicht so zu verhalten, wie sich in „unseren“ Augen eine arabische Frau verhalten würde – unterwürfig und abhängig d.h. ich hatte innerlich die Vorurteile übernommen bzw. mir meine eigenen nicht eingestanden. Ich kämpfte sehr stark um eine partnerschaftliche Arbeitsteilung, selbst wenn ich mehr Zeit zur Verfügung hatte als mein Mann.
- Durch meinen Aufenthalt in seinem Heimatland wurde ich sehr beschämt, weil die Frauen alles andere auf mich wirkten als unterwürfig – sie waren sehr weiblich und stolz darauf eine Frau zu sein, sie waren gebildet und lebten das Leben mit absoluter Gelassenheit. Sie „bedienten“ nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, sie waren einfach gastfreundlich. Die Männer hatten dafür andere Jobs.
- Da ich kaum arabisch sprach, hatte ich wenig Möglichkeiten, meinen geistigen Inhalt zum Besten zu geben und war somit sehr stark auf meine Gefühlswelt zurückgeworfen. Am Anfang litt ich und im Laufe der Zeit schwamm ich in der Welle mit. Ich wurde auf einmal auch sehr weiblich, war das erste mal in meinem Leben glücklich und stolz darauf eine Frau zu sein und sah es nicht mehr als Nachteil an. Auch sah ich meinen Mann mit anderen Augen an. Auf einmal waren die Rollen verteilt und ich fühlte mich wohl darin.
- In Deutschland zurückgekommen verfiel ich nach einiger Zeit wieder in meine gespaltene Rolle zurück. Da war die Rolle der ehrgeizigen Frau, die sich benachteiligt fühlte, weil sie im Falle einer Mutterschaft durch ein Kind beruflich beeinträchtigt würde und da war die weiche, sensible Frau, die sich im Schutz der Familie sehr geborgen fühlte.


Punkt 2: Geben und Nehmen in einer Beziehung

Beim Aufschreiben wurde mir klar, dass eigentlich immer ich diejenige war, die genommen hat. Als mein Mann schwach wurde, wurde ich nicht stark, ich wurde entweder zickig oder selbstbezogen oder ich bekam schlicht und ergreifend „Panikattacken“. Hin und wieder beruhigte ich mein schlechtes Gewissen, indem ich „für“ ihn seine Hemden bügelte oder ihm sein Lieblingsessen kochte.

Er war immer für mich da. In jeder schweren Stunde hat er mir beigestanden. Er stand immer zu mir, egal wie ich mich verhielt. Ich kannte seine Wünsche, war aber nicht bereit sie ihm zu erfüllen, in jeglicher Beziehung, nur hin und wieder, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Ein befreundetes Ehepaar sagte vor kurzem über uns „Eure Beziehung sieht von außen so aus, als wäre sie ein Teller. Den Innenteil füllst du aus und versuchst dich selbst zu verwirklichen und dein Mann arrangiert sich als Rand darum. Mir stockte fast der Atem.

Das einzige, was ich jemals in unserer Beziehung so richtig selbstlos und aus Liebe gemacht habe, war ihn zu heiraten.


AUS DEM OPFER DER VERGANGENHEIT WURDE EIN TÄTER

Mein Mann steht für alles gerade, was mir in der Vergangenheit jemals angetan wurde, von dem ich glaubte, dass ich mich nicht befreien könne, dass ich mich deswegen nie ändern könne.

Sie sprachen von einem „gröberen Partnerkonflikt“. Wenn das kein grober Partnerkonflikt ist, dann weiß ich es nicht.

Denn meine Beziehung ist (ich weiß nicht ob dies ein Freud´scher Versprecher war) ich meine natürlich unsere Beziehung ist das einzige, was mir im Moment noch Rückhalt gibt.

Ich habe Angst, meinen Mann zu verlieren, wenn ich ihn weiterhin so verletze.

Ich weiß wirklich nicht, woher er seine Geduld nimmt, sein Verständnis und vor allem seine Liebe zu mir.

1. Meine größte Angst ist vielmehr, dass ich „seinem“ Liebsten etwas antun würde, nämlich seinen Kindern. Und da haben wir wieder die Frage nach den Glaubenssätzen.
Glaubenssatz: Ich glaube, dass von mir Gefahr ausgeht und ich seinem Liebsten etwas antun könnte (Zwangsstörung)

2. Da er sehr kritisch ist und ich weiß, dass er dies äußern wird, habe ich Angst Fehler zu machen.
Glaubenssatz: Ich glaube, dass wenn ich Fehler mache, ich in seinen Augen nicht gut genug für seine Kinder bin (Soziale Phobie)

3. Ich habe auch Angst um mich selbst, wenn ich merke, dass ich mich schuldig fühlen werde.
Glaubenssatz: Ich glaube, dass mir etwas passiert, wenn ich mich in das Unbekannte, Unvorhersehbare oder Unkontrollierbare wage (Agoraphobie).

4. Ich habe Angst, dass mein Körper der Belastung der Schwangerschaft nicht gewachsen ist, weil ich mit ihm sehr schlecht umgehe.
Glaubenssatz: Ich glaube, mein Körper ist so verseucht von Nikotin und schlechter Ernährung, dass ich eine Risikoschwangerschaft erleben werde (Krankheitsängste – Hypochondrie)

Punkt 3: Vertrauen in einer Beziehung

Ich habe durch meine unbewussten Vorurteile und meine Frage an ihn, ob er mich verlässt, wenn ich mich gegen ein Kind zeige, eigentlich deutlich gezeigt, dass ich ihm nicht 100 % ig traue, obwohl ich immer davon überzeugt war, dass ich dies tue.

Ich glaube das liegt daran, dass ich grundsätzlich ein Problem mit Vertrauen habe.

Er hat mir in den ganzen Jahren deutlich bewiesen, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Er ist aber auch sehr verschlossen und lässt mich nicht so sehr an seinem Innenleben teilnehmen, so dass für mich immer ein paar Fragen offen bleiben.

4. Punkt: Liebe in einer Beziehung

Ich frage mich im Moment, ob ich überhaupt noch in der Lage bin zu lieben, wenn ich so viel Angst vor der Hingabe habe?

Kicki

 

Hans Morschitzky  11.05.2001, 00:04:29

Hallo Kicki!

Sie sehen, Sie gewinnen immer wieder neue Erkenntnisse. Nun sind wir doch bei der Partnerschaft angelangt, wie dies in meiner Praxis häufig der Fall ist. Ich hätte Ihnen dies gerne erspart, daher habe ich so lange nicht darüber geschrieben, weil ich nicht wusste, was dies bei Ihnen auslösen könnte.

Denn ich habe es ja leicht, von Österreich aus irgendwo hineinzustechen, aber fühlen, wie weh dies tut, können nur Sie. Daher wäre ich gerne rücksichtsvoller gewesen. Doch Sie sind auf alle meine Hinweise eingegangen und haben sich ganz öffentlich geoutet.

Ich bin beeindruckt, was Sie aus dem machen, was ich nur andeute, auf wie viele Dinge Sie selbst draufkommen.

Sie schreiben:

> Ich glaube das liegt daran, dass ich grundsätzlich ein Problem mit Vertrauen habe.

> Ich frage mich im Moment, ob ich überhaupt noch in der Lage bin zu lieben, wenn ich so viel Angst vor der Hingabe habe?

Meine Antwort:

Sie können Ihrem Partner nur dann wirklich vertrauen, wenn Sie sich selbst vertrauen können, wenn Sie sich auf sich selbst verlassen können - anderenfalls werden Sie abhängig, müssen sich ständig dankbar fühlen und bekommen Angst, dass er sie einmal ausnutzen, "benutzen" könnte. Aus Angst davor lässt man sich dann lieber nicht ganz auf den Partner ein.

Jede Beziehungstherapie ist vorerst eine Beziehungstherapie in Bezug auf sich selbst. Ich mache selbst bei Partnerproblemen immer häufiger Einzeltherapien. Denn in Beziehungen besser kommunizieren kann man nur, wenn man bei sich selbst besser wahrgenommen hat, wie es einem geht, was man braucht, was man will usw. Erst dann kann man dies dem Partner mitteilen.

Ich sehe, Sie haben erkannt, dass Ihr wirkliches Problem nicht in der Vergangenheit liegt, sondern in der Gegenwart und Zukunft.

Man kann sich immer wieder mit seiner Vergangenheit beschäftigen - und damit die Konfrontation mit der Gegenwart und der Zukunft vermeiden. Sie sind jetzt auf dem richtigen Weg.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

Kicki  11.05.2001, 01:39:36

Hallo Herr Morschitzky,

Danke, dass Sie mir heute Nacht noch mal geschrieben haben.

Mir ging es wirklich schlecht, als ich das Posting abgeschickt hatte. Ich hatte das Gefühl, es zieht mir den Boden unter den Füssen weg, und ich konnte mich noch nicht mal bei meinem Mann ausheulen.

Ich war peinlich berührt und beschämt und wusste einfach nicht mehr weiter, denn meine Ehe ist mir wirklich sehr wichtig, wichtiger als alles andere auf der Welt, und sollten wir Probleme haben, die wir bei dem ganzen Kladdaradatsch überdeckt haben, werden wir sie in den Griffe bekommen.

Ich war selbst erstaunt über mich, was ich da herausgearbeitet habe, denn erst habe ich einen 5-seitigen Beitrag in Word geschrieben, wie unsere Ehe zustande kam, und wie sie sich entwickelte. Noch während des Schreibens war ich überzeugt davon, dass wir alles gemeinsam durchgestanden haben, haben wir im Endeffekt auch irgendwie. Aber mir war nie bewußt, dass ich wirklich so wenig gegeben habe im Verhältnis zu dem, was ich bekommen habe.

Und diese Pille war bitterer als alles andere bisher.

Dann dachte ich mir, für Sie und die Leser ist das Ergebnis eher interessant, als alles andere, was dazu geführt hat.

Sie sehen, ich bin eine gute Schülerin ;)

Ich merke, dass meine Gedanken auch eher zielorientiert gerichtet werden. Es wird Sie mit Sicherheit auch freuen, dass das Gefühl der Depression nicht mehr da ist. Das Verschwand, als wir die Mutter-Tante-Geschichte aufgearbeitet haben.

Ich freue mich, dass Sie glauben, dass ich jetzt auf dem richtigen Weg bin. Da wollte ich eigentlich gar nicht hin ;)

Meine Beziehung war ein Heiligtum, das ich nie anzweifeln wollte, und dann hatten sie gerade da reingestochen, wo ich wirklich empfindlich war.

Es war aber auch der geeignete Zeitpunkt. Einen Schritt davor, hätte ich es vielleicht nicht so akzeptieren können. Im ersten Moment dachte ich nur, jetzt kipp´ ich wieder um. Doch dafür war anscheinend schon zu viel verarbeitet, so dass ich anscheinend wieder zu etwas Stabilität gefunden habe.

(Außerdem hat Steve mir geholfen. Den habe ich heute zum Glück noch im Chat getroffen, wenigstens eine Schulter zum ausheulen, auch wenn sie nur virtuell war)

Sie sehen, ich brauche lange, bis ich richtig vertraue, denn Sie haben recht, man braucht erst einmal wieder etwas Vertrauen zu sich selbst, bis man anderen vertrauen kann.

Ich war aber auch wütend auf Sie, das muss ich Ihnen lassen, die Lektion saß.

So nun ist aber Schluss für heute, bin mal gespannt wie ich morgen früh drauf bin.

Gute Nacht

Kicki

 

Hans Morschitzky  11.05.2001, 23:44:39

Liebe Kicki!

Sie haben sich jetzt schon selbst richtig in Therapie genommen. Ich halte mich weiterhin an den Grundsatz, dass Sie mittlerweile alles wissen, was Sie für eine Veränderung zu tun haben, sodass ich mich weiterhin zurücklehnen kann und nur noch gelegentliche "Treffer" abgebe, während ich weiterhin interessiert Ihre Entwicklung online verfolge.

Ich setze darauf, dass Sie irgendwann einmal jene Erkenntnisse in entsprechende Taten umsetzen, die Sie bereits bei Ihrem früheren Therapeuten gewonnen haben, wenn Sie da z.B. schreiben, dass Ihnen Ihr Therapeut einmal gesagt habe, Sie möchten wohl, dass niemand etwas von Ihrem Körper habe, weder Mann noch Kind!

Was soll ich Ihnen dann noch sagen? Sie wissen ja schon alles! Doch was folgt daraus?

Sollen wir vielleicht noch einmal in die Vergangenheit zurückgehen? Als Verhaltenstherapeut würde ich dies die perfekte Vermeidung der Gegenwart und der Zukunft nennen.

Bei Ihrer Mutter waren wir ja schon. Muss wirklich auch noch die Beziehung zu Ihrem Vater "aufgearbeitet" werden? Was käme denn da noch anderes heraus als das, was Sie ohnehin schon wissen? Ein mehr oder weniger großer so genannter "Ödipuskomplex", den ich finden könnte, wäre ich Psychoanalytiker? Doch werden Sie dadurch schwanger, wenn dieser "aufgearbeitet" ist?

Nein, den König Ödipus überlasse ich als Verhaltenstherapeut und Systemiker lieber der Geschichte! Ich sage Ihnen hier nur, dass ich die Ödipus-Geschichte gut kenne und im verhaltenstherapeutischen Kontext ganz gut damit umgehen kann.

Ich stelle Ihnen dazu z.B. nur folgende Fragen:

- Wie sehr haben Sie Ihren Vater durch Ihren Freund ersetzt?
- Schaut so die psychoanalytische Auflösung des Ödipuskomplexes aus?
- Doch wer sagt, dass Sie dies ändern müssen, wenn es beiden so gefällt?

Sie haben zwar Schuldgefühle, aber ich glaube doch, dass es Ihnen gefällt, wenn Sie so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Ihres Mannes stehen, wie dies bei Ihrem Vater der Fall war. So lange Sie sich selbst nicht mehr als jetzt lieben und annehmen können, müssen Sie dies halt immer vonseiten Ihres Gatten her erleben.

Ich teile Ihnen nun Freuds Meinung zur Agoraphobie mit. Hat Ihnen Ihr Analytiker schon gesagt, was laut Freud der Hintergrund einer Agoraphobie ist? Nein? Dann sage ich es Ihnen, da werden Sie sich jetzt aber wundern (oder Sie wundern sich schon lange über gar nichts mehr):

Nach Freud beschützt eine Agoraphobie eine Frau davor, in der Öffentlichkeit von einem Mann in sexuelle Versuchung geführt zu werden!

Ich bringe Ihnen noch einen neuen Gesichtspunkt, was noch hinter Ihrer Agoraphobie stehen könnte, zumindest aus der Sicht Ihrer Mutter.

Wo geht der Weg hin: von Jesus Christus zu Mohammed, von der Kirche zur Moschee?

Stellen Sie sich innerlich vor, Sie gehen zum Grab Ihrer Mutter, vergegenwärtigen sich, welch christliche (offensichtlich katholische) Frau sie war und sagen ihr dann:

"Du hast mich christlich erzogen, doch Dein Enkelkind wird ein Mohammedaner werden! Du hast es nicht verhindern können. Nur ich selbst kann es noch verhindern, wenn ich es will, durch eine Endlostherapie bis zum Wechsel - mit allen Folgen, die dies dann für mich haben könnte."

Mehr möchte ich heute nicht thematisieren. Ich habe nicht vor, Ihnen den Ast abzusägen, auf dem Sie gut sitzen, d.h. ich habe nicht vor, Ihre Beziehung in irgendeiner Weise in Frage zu stellen, selbst dann nicht, wenn Sie tatsächlich noch auf reale Probleme daraufkommen sollten.

Ich bin ein sehr direkter, aber kein zudringlicher Therapeut. Wenn es jemand finanziell und emotional zu viel wird, mache ich oft auch eine Therapiepause.

Zeit ist Geld, und das haben viele meiner Patienten nicht in solchen Mengen. Die österreichischen Krankenkassen zahlen nämlich nur S 300,00 pro Therapiestunde dazu (rund DM 43,00).

Ich sage so: wenn meine Patienten so viel Geld für mich haben, dann habe ich auch so viel Geduld für sie.

Dies gilt auch für Sie, obwohl hier alles gratis ist.

Liebe Grüße!

Hans Morschitzky

 

Kicki  12.05.2001, 04:13:59

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

Ich möchte Ihnen kurz Ihre Fragen beantworten:

- nein, meinen Vater habe ich nicht durch meinen Mann ersetzt, weil sie zwei grundverschiedene Rollen haben
- ich kenne die psychoanalytische Auflösung des Ödipuskomplexes nicht, weil ich mich in der Psychoanalyse kaum auskenne. Unsere Gruppentherapie arbeitet überhaupt nicht mit wissenschaftlichen Ansätzen, sondern wir gehen auf alltägliche Probleme ein. Tiefer gingen die Ansätze bisher nie. Von daher gab es bisher auch keine Vergangenheitsbewältigung.
- Leider konnte ich mit der 3. Frage nichts anfangen, weil ich hier nie und nimmer über ein sexuelles Thema reden wollte. Ich hoffe, das ist nicht in den falschen Hals gekommen (es stand hier nur, wie bei vielen Panikpatientinnen die Angst dahinter, dass es einen Zusammenhang zwischen Panikattacken und der Beziehung zum Vater geben könnte)

Ich möchte hier keine Endlostherapie machen, ich denke die Fakten sind klar. Ich merke meine Fortschritte und die sind wichtiger, als vielleicht doch noch ein neues Pusselstein auszupacken und daran rumzuexperimentieren, das habe ich heute gemerkt. Auch ist mir bewusst, dass wir hier gratis arbeiten und ich wollte Sie nicht dazu benutzen, mir dabei zu helfen, zu den "gleichen" Erkenntnissen zu kommen, wie mein Therapeut (was in einem Punkt zufällig passte). Ich sehe darin zwei verschieden Paar Schuhe, genau so wie Sie.

Ich glaube nicht, dass das Thema Religion eine Rolle spielt in meiner Angst vor der Mutterschaft, sondern das, was wir bisher herausgearbeitet haben und daran möchte ich weiterarbeiten.

Es stimmt, ich habe mich verunsichern lassen, als Sie auf meine Beziehung zu sprechen kamen und ich kann dazu nur sagen, dass ich wohl eher die Geduld und Aufmerksamkeit meines Mannes zu sehr in Anspruch genommen habe, wie ich es glaube ich auch hier gemacht habe.

Ich werde mich nun langsam aus dem Forum zurückziehen, weil ich merke, dass mir schon mehr geholfen wurde, als ich erwarten konnte. Nichts desto trotz, werde ich weiterhin von meinen Ergebnissen berichten und mich freuen, hin und wieder von Ihnen zu hören.

Danke für alles

Kicki


 

Hans Morschitzky  12.05.2001, 14:24:00

Liebe Kicki!

Wie ich sehe, habe ich Sie etwas verunsichert, indem ich Sie im Interesse Ihrer Person und zum Schutz Ihrer Familie "etwas" eingebremst habe.

Wir haben außerhalb dieses Forums über unser privates Email vereinbart, Ihre Beiträge vom 11.5.2001 zu streichen, was hiermit den Lesern bekannt gegeben wird, weil sie nicht unmittelbar mit dem Thema "Agoraphobie - was dahinter steckt" zu tun haben und auch nicht unmittelbar zu einer entsprechenden Problemlösung beitragen.

Manchmal ist es besser, mit einer geringeren Zahl an Fakten und Erkenntnissen eine Entscheidung zu treffen, als immer wieder neue Themen zu beginnen, die nur zu einer unnötigen Ausweitung der ursprünglichen Themas führen.

Wenn man eine Entscheidung zu einer bestimmten Zeit noch nicht treffen kann, ist es besser, sich Zeit zu lassen. So mache ich es bei vielen Patienten, denen es beruflich und/oder privat schlecht geht, sodass sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt die Kündigung oder die Scheidung einreichen möchten, um sich auf diese Weise unter Zugzwang zu setzen, aber eigentlich sind sie inhaltlich noch nicht so weit.

Es ist dabei nicht notwendig, gleichsam "ersatzweise" verschiedene andere Themen anzugehen, um sich damit zu trösten, dass man ja emsig an einer Problemlösung arbeitet.

Genau diese Sichtweise wollte ich Ihnen, Kicki, näher bringen. Ich wollte Ihnen nur sagen: stressen Sie sich nicht, eine Entscheidung zu treffen, wenn Sie noch nicht so weit sind!

Gestehen Sie sich das aber auch ein, dass es so ist und machen Sie sich nicht künstlichen Druck, dass doch alles schneller gehen muss - und wenn es dann doch nicht geht, fangen Sie nicht zu viele Themen an, um sich zu zeigen, Sie tun ja eh was. Das wäre zwanghafter Perfektionismus.

Sie hätten meine Worte völlig falsch verstanden, wenn Sie auf Grund meines letzten Beitrags glauben sollten, ich würde mich von Ihnen benutzt fühlen, weil hier ja alles "gratis" sei. So habe ich es nicht gemeint.

Denn wir haben von Anfang an ein "Geschäft" gemacht:

- Ich helfe Ihnen hier, soweit ich dies kann, in Form einer Online-Beratung.
- Sie überlassen mir die Korrespondenz als Muster-Online-Beratung zum Zweck, anderen auf diese Weise in Form des besprochenen Internetbuches helfen zu können.

Also benutzt keiner den anderen!

Ich habe Sie nur aus zwei Gründen eingebremst:

1. Ich wollte Ihre Privatsphäre stärker schützen (weshalb Ihre letzten Beiträge aufgrund unserer gemeinsamen Vereinbarung gelöscht wurden).

2. Es ist für den Zweck meiner Online-Beratung nicht nötig, dass ich so viel als nur irgendwie möglich über Sie in Erfahrung bringe.

Ich bin ein sehr zielorientierter Therapeut: wenn das eine Ziel nicht schneller erreicht werden kann, bleibe ich dennoch dabei und überlege mir, was geändert werden muss, um das eine Ziel zu erreichen, ohne gleichzeitig mehrere "Fronten" (Themen, Ziele) zu eröffnen.

Nur dies, Kicki, wollte ich Ihnen sagen, und dass ich dabei die entsprechende Geduld habe. Dies gilt es auch für Sie in diesem Forum.

Daher sind Sie weiterhin eingeladen, zur Thematik der Ängste zu berichten - auch über die anstehenden Probleme!

Mit dem Hinweis auf Ihre Vaterbeziehung und dem psychoanalytischen Reizwort "Ödipuskomplex" (für einen Verhaltenstherapeut kein hilfreiches Konstrukt zur Bewältigung von Angststörungen) wollte ich Ihnen nur zeigen, wie ich dies auch machen könnte: weil Ihre Ängste noch immer nicht so einfach verschwinden, vereinbaren wir, dass wir noch "tiefer" gehen müssten, weil dann alles leichter und dauerhafter lösbar sein würde.

Ich erlebe dauernd, wie Psychotherapien bei anderen Kollegen auf diese Weise ungebührlich verlängert werden, ohne dass sich die betreffenden Kollegen jemals die Frage stellen müssen, warum sie innerhalb von 2-3 Jahren noch immer nichts "zusammengebracht" haben.

Ich möchte mir die Geduld bewahren, warten zu können und nicht meine Klienten immer weiter und "tiefer" in angeblich heilsame therapeutische Prozesse hineinzutreiben.

Dies gilt auch für mich hier bei dieser Online-Beratung mit Ihnen. Kicki. Denn heute, am 12.5.2001, stellen wir für alle Leser ganz klar fest: wir haben aufgrund unserer seit 20.4.2001 laufenden intensiven Korrespondenz noch immer nicht die von Anfang an bekannten Probleme gelöst.

Veränderung dauert jedoch Zeit, Wissen muss erst emotional, körperlich und verhaltensmäßig verarbeitet werden. Sie sind, so glaube ich, auf dem besten Weg dazu, denn wir haben viele Stolpersteine weggeräumt.

Wir werden in diesem Forum von Ihnen regelmäßig hören, wie sich die Dinge gut bei Ihnen entwickeln werden. Jedenfalls wünsche ich Ihnen dies und verbleibe mit besten Grüßen bis zum nächsten Mal

Hans Morschitzky


 

Kicki  15.05.2001, 23:46:45

Lieber Herr Morschitzky,

nach einer kleinen Pause, die mir ganz gut getan hat, um das bisherige etwas sacken zu lassen, möchte ich ein kleines Resumee ziehen zu dem, was wir bisher erarbeitet haben und dem, was für mich dabei herauskommt.

Wir haben begonnen mit der von mir selbst ausgesprochenen Diagnose „Agoraphobie“. Die Agoraphobie führte ich auf meine Panikattacken zurück, die ich in schwierigen Lebenssituationen bekomme.

Wir haben sehr schnell erkannt, dass die Agoraphobie u. a. das Problem überlagert, die Entscheidung zu treffen, welchen Weg soll ich nun gehen: Schwangerschaft oder Beruf?

Zunächst haben wir herausgearbeitet, dass ich Angst davor habe, wenn ich mich für einen der beiden Wege entscheide, ich Gefahr laufe einen meiner „Träume“ zu verlieren, selbst wenn sie auf lange Sicht gesehen zu kombinieren wären.

In einem nächsten Schritt stellten wir fest, dass nicht nur die Entscheidung an sich mir Sorge bereitet, sondern dass hinter beiden Wegen reale Ängste verborgen sind, denen ich mich nicht aussetzen wollte bzw. dass ich eine falsche Auffassung von Angstbewältigung hatte.

Hinzu kam eine Überlagerung der Allgemeinproblematik durch die erst kurz zurückliegenden Schicksalsschläge, die ich noch nicht verarbeitet hatte. Dabei stellte sich heraus, dass nicht die Schicksalsschläge an sich, das Problem waren, sondern meine Umgehensweise damit. Durch meine Schwierigkeit, Gefühle zuzulassen bzw. richtig zu deuten, kam ich in einen Gewissenskonflikt, nicht genug getrauert zu haben bzw. der Situation entsprechend gehandelt oder gedacht zu haben.
Es stellte sich heraus, dass ich starke Schuldgefühle deswegen hatte, die eine Verarbeitung der Situation erschwerten und mich somit in eine depressive Grundstimmung versetzten.

Über den Umweg der Vergangenheitsbewältigung, wollte ich herausfinden, ob meine Probleme und Ängste an der Wurzel zu lösen sind. Leider musste ich erkennen, dass ich ein falsches Bild von mir entwickelt hatte, nämlich lediglich ein „Ofper“ der Vergangenheit bzw. ein „Opfer“ meiner selbst zu sein und dass ich nie gelernt hatte, mich aus dieser Rolle zu befreien. Auch wurde deutlich, dass ich neben meiner Agoraphobie eine generalisierte Angststörung entwickelt hatte, die latent wahrscheinlich immer schon vorhanden war und in Krisensituationen überhand nimmt.

Da ich mich als Kind durch eine ähnliche Angststörung meiner Mutter sehr stark beeinträchtig gefühlt hatte, wollte ich durch einen zwanghaften Perfektionismus schon vor meiner Schwangerschaft diesem Mechanismus entfliehen. Aber leider ohne Erfolg. Denn dadurch wurde ich noch unsicherer, weil ich merkte, dass man Ängste nicht kontrollieren kann und jedes Konstrukt, das zum Ziel hat, Fehler vorzubeugen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil man dadurch abhängig von seinem Konstrukt wird und das Leben seine eigenen Wege geht.

Die „Diagnose“ generalisierte Angststörung gab mir wieder etwas Sicherheit, da ich hier zum ersten mal erkannte, dass ich eine Problemlösung ohne Lösung heraufbeschworen hatte. Dass ich mich meinen realen Ängsten bisher noch nicht ausreichend genug gestellt hatte und dass ich nicht mit noch mehr Nachdenken, eine Lösung erzwingen kann.

Einerseits hatte ich erkannt, dass ich die besten Voraussetzung für eine Mutterschaft hatte, auf der anderen Seite stellte ich den Beruf in den Vordergrund. Meine Zerrissenheit wurde immer deutlicher und gleichzeitig fingen die bisherigen Ergebnisse der Beratung Früchte zu tragen. Ich erkannte, dass ich egal wofür ich mich entscheide, Konsequenzen zu tragen habe. Dass meine Zerrissenheit nicht zwischen den beiden Wegen lag, sondern in der Ambivalenz, meinen Gefühlen oder den realen - teilweise von mir sehr überzogen gesehenen - Anforderungen, die ich der jeweiligen Entscheidung zuschrieb, einen zu großen Raum einzuräumen und dass die Lösung in der Akzeptanz liegen muss, zwischen den beiden Polen.

Sie glaubten gerade sich gemütlich zurücklehnen zu können und meinen weiteren Erkenntnissen folgen zu können, als das Thema, das bisher immer unberührt geblieben war und von uns beiden galant umschifft worden war, angesprochen wurde:

Meine Beziehung zu meinem Mann, meinem Gefühl, ihm gegenüber verpflichtet zu sein, schwanger zu werden und seine kulturelle Herkunft.

Von da an kippte für mich die Beratung in eine sehr stark emotional gelagerte Richtung, die ich nicht mehr unter Kontrolle glaubte.

Ich erkannte die Angst bzw. die Warnhinweise, die sie mir geben wollte, ließ sie aber links liegen, weil sie mir in der Wahrheitsfindung als störend vorkamen.

Ich verstrickte mich innerhalb kurzer Zeit wieder in alte Verhaltensmuster, die ich schon vorher von mir kannte:

Eingehen auf das Problem, Verwischen und wieder Hacken schlagen und zum Schluss diesmal sogar absolut unbewusst die Beziehungsebene anzusprechen.

Dabei überschritt ich nicht nur meine Grenzen, sondern auch die anderer.

Ich versuchte zu manipulieren, ein Bild abzugeben und es wieder anders darzustellen, Ursachen und Gründe für dieses Bild zu finden und am besten wieder in die Opferrolle reinzufallen, aus der ich glaubte schon längst raus zu sein.

Zum Glück haben Sie mich ja an dem Punkt ausgebremst und dies gelang Ihnen am besten, indem Sie mich mit meinen eigenen Waffen schlugen: der Beziehungsebene.
Jeder Satz in Ihrem letzten Beitrag brannte sich in mein Herz ein, wie ein Peitschenhieb. Ich habe ihn bestimmt 10 mal gelesen und immer wieder anders gedeutet.

Wütend, beschämt und verständnislos... dann erkennend, verständnisvoll und wieder wütend und beschämt, verließ ich das Forum und wollte mich in mein Schneckenhaus wieder zurückziehen.

Doch dann wäre alle Arbeit umsonst gewesen und ich hätte nichts gelernt.

Gerade aus dieser Situation konnte ich viel lernen und ich hoffe, dass sich diese Erfahrung auch irgendwann in meinem Unterbewusstsein niederlässt.

Ich konnte folgendes erkennen:

In Bezug auf Angst besitze ich 2 ambivalente Glaubenssätze:

1. Wenn ich mich der Angst hingebe, werde ich bewegungsunfähig und eingeschränkt in meinen Handlungen. Wenn ich mich frei bewegen möchte, muss ich die Angst verlieren.
2. Wenn ich die Angst ganz verliere, kann sie mich nicht mehr schützen und ich laufe Gefahr, nur noch meinen Emotionen zu folgen und unkontrolliert zu handeln. Wenn ich nicht Gefahr laufen möchte, Fehler zu machen, muss ich die Angst behalten, sonst beeinflusse ich nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld.

Trotz Aufarbeitung dieser Glaubenssätze hatte ich noch keine neuen gebildet und bin in die „Gefahr“ reingelaufen und habe die Folgen gespürt.

Da ich spüre, dass ich hier durch eine gute Schule gegangen bin, möchte ich beginnen, die Glaubenssätze zu durchbrechen und dies kann nur auf der Handlungsebene passieren.

Da ich aber noch nicht weiß, ob ich auch eine gute Schülerin bin bzw. mich nicht unter Druck setzen möchte, eine zu sein, werde ich die ersten Schritte heimlich für mich alleine üben und dann von den Ergebnissen berichten.

Veränderungen brauchen Zeit, haben Sie geschrieben, das Wissen und die Erkenntnisse müssen erst einmal emotional verarbeitet werden. Das stimmt.

Was ich vor allen Dingen gemerkt habe, ist die Tatsache dass Veränderungen einen ganz wichtigen Baustein brauchen, nämlich den GLAUBEN an die Veränderung. Hinzu kommt die BEREITSCHAFT, sich zu verändern und die Offenheit und Ehrlichkeit zu sich selbst, dass man sich in erster Linie nicht für andere verändern muss, sondern für sich selbst. Und das bedeutet „Maske fallen lassen“ sich selbst gegenüber, das ist die SELBSTERKENNTNIS und die tut weh, weil man sich lieber in einem anderen Blickwinkel betrachtet – nämlich in dem als Opfer: Als Opfer seiner selbst oder als Opfer anderer.

Die Veränderung passiert nicht zwangsläufig, wenn man die Vergangenheit aufgearbeitet hat, oder gelernt hat, gemachte Erfahrungen richtig zu deuten.

Sie ist eine eigenständige Aufgabe, die ich als einen neuen Schritt auf meinem bisherigen Weg betrachte.

Davor befindet sich für mich aber die Analyse, was ist notwendig zu verändern, um einen bestimmten Weg zu gehen, was bin ich davon bereit zu verändern, wozu fühle ich mich in der Lage zu ändern, und was kann ich nicht verändern, selbst wenn ich mich noch so sehr anstrenge.

„Gott gebe mir die Gelassenheit, hinzunehmen, was nicht zu ändern ist,
Mut, zu ändern, was ich ändern kann
und Weißheit zwischen beiden zu unterscheiden.“

Bei diesen Spruch, den ich oft gelesen habe - auch hier auf der Seite - und immer sehr gut fand, muss ich zugeben, dass ich ihn anscheinende immer sehr oberflächlich gelesen habe bzw. nie so intensiv verstanden habe.

In diesem Sinne

Kicki

 

Hans Morschitzky  16.05.2001, 23:31:18

 

Liebe Kicki!

Ich kann mir vorstellen, dass ich Ihnen durch meine letzten Beiträge ganz arge Turbulenzen bereitet und auch zugemutet habe.

Ich habe Sie einerseits ermutigt, aus sich heraus zu gehen, andererseits wieder abgeb
remst, als ich dachte, Sie hätten sich zuviel geoutet.

In der Korrespondenz mit Ihnen habe ich zwar die Möglichkeiten des Internets, aber auch die Grenzen einer Online-Beratung erfahren.

Einige meiner Aussagen hätte ich vielleicht lieber zurückhalten sollen, weil sie - auf dem kalten Monitor gelesen - anders wirken als wenn ich Ihnen diese in meiner Praxis mit einem emotional waren Unterton übermittelt hätte.

Ich dachte schon, ich hätte den Bogen überspannt und Sie zu tief getroffen, sodass Sie eventuell an einen totalen Rückzug aus dem Forum denken könnten.

Wie sehr auch i
mmer ich Sie emotional verwirrt haben mag, Ihr letzter Beitrag ist jedenfalls von einer derartigen Präzision und Klarheit der Gedanken getragen, dass ich als emotional weniger betroffener Dialogpartner keine bessere Zusammenfassung des bisherigen Verlaufs der Online-Beratung erstellen könnte. Ich bin ganz beeindruckt von der Art Ihrer Darstellung!

Jeder Leser kann sich selbst ein Bild über den erreichten aktuellen Stand der Online-Beratung machen. Ich brauche daher Ihrem Beitrag nichts mehr hinzufügen, weil dies nur ein überflüssiger Kommentar im Sinne eines Zerredens Ihrer emotional und kognitiv fundierten Erkenntnisse wäre.

Als Verhaltenstherapeut messe ich den Erfolg einer Therapie - hier einer Online-Beratung - jedoch i
mmer daran, dass neben Einblicken, Durchblicken, Ausblicken usw. auch Veränderungen auf der Verhaltensebene eintreten.

Nach dem psychoanalytischen Konfliktmodell müsste bezüglich der Agoraphobie eine Besserung eintreten, wenn der zugrunde liegende Konflikt "Kind - ja oder nein?" gelöst ist.

Eine Somatisierung wird dann überflüssig,
- wenn eine vorübergehende Lösung nicht mehr durch ein Symptom gewährleistet werden muss,
- wenn eine bewusste Entscheidung in die eine Richtung (Kind: ja) oder in die andere Richtung (Kind: nein) getroffen ist.

Als Verhaltenstherapeut würde ich die Online-Beratung - ähnlich wie bei meinen Therapien - daher nur dann als letztlich erfolgreich bezeichnen,

- wenn auch in Ihre Agoraphobie buchstäblich Bewegung hineingekommen ist, d.h. wenn Sie auf ein Ausmaß zusa
mmengeschrumpft ist, dass sie nicht mehr derart lebensbeeinträchtigend ist wie bisher,
- wenn Sie hier bekannt geben werden, dass Sie sich für oder gegen ein Kind entschieden haben.

Als Therapeut fühle ich mich nur dafür verantwortlich, Ihnen zu einer Entscheidung zu verhelfen. Diese kann auch gegen ein Kind sein.
Ich bin nur für psychische Probleme und deren Lösung zuständig, nicht für die Vermehrung der Menschheit!

Wenn die Entscheidung jedoch für ein Kind ausfallen sollte, würde ich natürlich schon behaupten, dass bei meiner bislang umfangreichsten Online-Beratung wirklich "etwas herausgeko
mmen" ist - und wer könnte dies dann bestreiten?

Die lange Geschichte von der "Agoraphobie - Was dahinter steckt" hätte dann wahrlich ein Happy End gefunden. Aufgrund der Produktivität wäre ich dann echt ermutigt, so weiter zu machen wie bisher.

Liebe Grüße!

Hans Morschitzky

Kicki  17.05.2001, 23:29:33

Hallo Herr Morschitzky,

danke für Ihr Kompliment bezüglich der Zusammenfassung. Es zeigt mal wieder, dass ich in der Theorie besser bin, als in der Praxis (oder ist das auch Praxis?)

Ich musste mal wieder den Überblick bekommen. Ansonsten habe ich mich in den letzen Tagen etwas ausgeruht (zumindest geistlich) und wieder etwas den alltäglichen Dingen wie der Hausarbeit gewidmet.

Das hat mir sehr gut getan, denn in der letzten Zeit habe ich ja ständig am Computer gesessen und wusste zum Schluss nicht mehr, wie ich jemals davon wieder loskommen kann. (Konnte es nicht mehr kontrollieren ;) Dabei haben Sie ja oft zu mir gesagt, ich werde es schon merken, wenn es zeit ist zu gehen.

Das stimmt, ich merke langsam, dass ich nicht mehr so viel lesen und schreiben möchte wie früher hier. Die Gedanken fangen langsam an zu sacken und ich hoffe, dass ich jetzt nicht wieder alles vergesse, wenn ich wieder ins Leben zurückkehre. Denn da will ich langsam wieder hin.

Sie schrieben in ihrem letzen Beitrag: „Eine Somatisierung wird dann überflüssig, wenn eine vorübergehende Lösung nicht mehr durch ein Symptom gewährleistet werden muss, wenn eine bewusste Entscheidung in die eine Richtung (Kind: ja) oder in die andere Richtung (Kind: nein) getroffen ist.“

Eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung bezüglich des Kindes habe ich vor zwei Tagen mit meinem Mann getroffen. Wir saßen uns mal seit langer Zeit wieder gegenüber und nicht wie in der letzten Zeit so oft (Rücken an Rücken durch den Computer bedingt) und haben uns in aller Ruhe über das Thema unterhalten.

Ich fühlte mich ein wenig gestärkt, weil ich zuvor mit dem Auto wieder selbst zu einem Termin gefahren bin. Ich hatte zwar große Angst, bin aber dann trotzdem gefahren, weil mir bewusst geworden ist, dass mich weniger die finanzielle Abhängigkeit zu meinem Mann stört, wenn ich nicht arbeiten würde, sondern die mobile Abhängigkeit.

Das ist ein Punkt, den ich nie so richtig überwunden hatte, auch nach dem ersten Rückfall nicht. Mir ist das erst vor ein paar Tagen so richtig bewusst geworden, dass ich immer irgendwelche Leute gefunden hatte, die mich irgendwohin mitnehmen. Mich alleine von Punkt A nach Punkt B zu bewegen, ist also immer noch ein Problem. Je nach meiner Verfassung mache ich es dann, aber eher selten. Ich bin im Organisieren gut geworden, was ich für einen Selbstbetrug in dem Punkt halte, denn ich war und bin immer abhängig von irgendwelchen Menschen.

Dies bereitete mir auch schon vor meinem letzten Rückfall Sorgen in Bezug auf ein Kind. Immer mit dem Kind zuhause zu sein, ist auf die Dauer bestimmt sehr langweilig. Aber ohne Mobilität komme ich nicht weit.

Als mir klar wurde, dass ich auf jeden Fall mobiler werden muss, um mich aus dieser Abhängigkeit zu lösen, bin ich dann zu diesem Termin gefahren. Ich saß die ganze Zeit mit einem dicken Kloßgefühl im Hals da, konnte mich aber trotzdem ganz gut auf das Gespräch konzentrieren. Auch ließ die Angst vor der Rückfahrt nicht nach (warum auch- geht ja auch nicht von heute auf morgen weg?). Aber ich dachte die ganze Zeit nur, selbst wenn du gleich wieder mit Angst ins Auto steigst, du wirst schon wieder zurückkommen. Und so war es dann auch. Auf dem Rückweg ging es mir sogar besser, als ich gedacht hätte, konnte ich doch noch kurz vorher kaum laufen.

Ich hatte mir in der letzten Zeit viele Gedanken darüber gemacht, was macht das mit unserer Beziehung, wenn ich mich weiterhin weigere, ein Kind zu bekommen und welche Chancen zur Weiterentwicklung könnten für uns in einer gemeinsamen Elternschaft stecken?

Gestärkt durch den ersten kleine Erfolg, bat ich meinen Mann mit mir Essen zu gehen. Dort unterhielten wir uns noch einmal in aller Ruhe über die Kinderfrage. Wir waren sehr offen zueinander und gaben uns gegenseitig unsere Bedenken aber auch unsere Einstellungen zu. Sie waren sehr ähnlich. Wir sind beide bisher nicht die Menschen gewesen, die gerne auf die Kinder von Freunden aufgepasst haben oder uns längere Zeit mit ihnen beschäftigt haben.

Aber wir genehmigten uns als Motivationsgrund für ein Kind, dass wir beide an einem Entwicklungsschritt stehen, wo wir stagnieren. Dass wir uns weiterentwickeln wollen auch wenn wir uns noch nicht so richtig vorstellen können, wie wir uns als Eltern verhalten werden. Auch wollten wir die Vereinbarkeit mit dem Beruf auf uns zukommen lassen und nicht mehr so krampfhaft im Vorfeld alles klären. Wir stellten fest, dass wir beide Kompromisse eingehen werden und ich mich nicht alleine „opfern“ werde – auch wenn ich mir bestimmt oft so vorkommen werde – das liegt in der Natur der Sache.

Mir wurde klar in dem Gespräch, dass ich bei der Entscheidung, meinem Mann ins Auge sehen muss und nicht für mich alleine aus mir heraus erzwingen kann. Auch wurde mir bewusst, dass wir viel zu früh in unserer Beziehung über das Thema diskutiert haben, nämlich am Anfang unserer Beziehung, als wir noch gar nicht wussten, wie sich die Beziehung entwickeln wird. Das Thema Kinder hing immer wie ein Damoklesschwert über uns. Ich hatte die ganze Zeit mich verbogen, um zu einem Punkt zu kommen, den ich nicht erreichen konnte, weil ich ja von vornherein alles perfekt haben wollte. Ich habe in dem Punkt nie so richtig gelebt und die Zukunft auf mich zukommen lassen, sondern wollte alles planen. Das ging ja nicht, das Schicksal machte mir ja ein Strich durch die Rechnung.

Ich schrieb ja am Anfang mal „Mein altes Konstrukt ist zerstört und ein neues habe ich noch nicht gefunden.“ Es gibt kein neues Konstrukt. Basta. Ich werde es jetzt einfach auf mich zukommen lassen und in der Situation, wenn ich merke, ich werde unzufrieden, versuchen eine Lösung zu finden.

Das hört sich vielleicht jetzt wirklich banal an, nach dem Motto, da macht die eine 100-seitige Online-Beratung und die führen einmal ein gemeinsames Gespräch und schon treffen sie die Entscheidung. Aber so banal ist das nicht. Wir haben schon geredet früher, aber eher über meine „Krankheit“ und dass ich mir das als psychisch kranke Frau nicht mehr vorstellen könne, ein Kind zu bekommen, oder wir führten Machtkämpfe, weil ich darauf bestand, dass ich als Frau das Recht hätte, arbeiten zu gehen, dann aber schnell wieder zurückzog, weil mein Mann die besseren Argumente hatte und unzufrieden das Feld verließ.

Ich muss zugeben, dass ich immer noch viele Ängste und Zweifel habe. Auch habe ich mich lange nicht getraut, hier im Forum darüber zu schreiben, denn ich hatte Angst, ich könnte wieder einen Rückzieher machen oder auf die Idee kommen, noch mal von vorne anzufangen und alles zu überprüfen.

Ich möchte diese Entscheidung erst mal so stehen lassen, mit allen Ängsten und Zweifeln, die ich noch in mir habe. Ich glaube sie sind, wie sie schon sagten, ganz real: Komme ich damit klar, kommt mein Körper damit klar, welche gesundheitlichen Risiken gehe ich ein, wie werde ich mich meinem Kind gegenüber verhalten, wenn ich überfordert und genervt bin, werde ich zickig in der Schwangerschaft, bin ich mir auch wirklich sicher.....sollte ich nicht noch diesen oder jenen Punkt beachten...

Verbunden natürlich mit dem Problem der mangelnden Mobilität, da muss ich was dran tun.
Damit verderbe ich mir nämlich jegliche Flexibilität. Auch habe ich festgestellt, dass ich vor meinem „Rückfall“ noch gar nicht so befreit war von anderen Auswirkungen der Agoraphobie, dass ich mich aber damit arrangiert hatte.

Die Zwangsgedanken – wie ich sie auch schon bei anderen gelesen habe – dass ich vielleicht ein Baby fallen lassen könnte, oder dass ich meinem Kind in einem Blackoutzustand etwas antun könnte werfe ich erst einmal symbolisch in den Papierkorb. Sie haben ja mehrfach betont, dass man dies nie machen wird. Und wenn es tatsächlich passieren sollte, habe ich es bestimmt nicht bewusst herbeigeführt.

Auch möchte ich mir nicht mehr so große Gedanken darüber machen, dass ich vielleicht nach der Geburt eine Depression bekommen könnte. Auch da haben Sie bei einer Betroffen drüber geschrieben. Es wäre ja nichts, was ich absichtlich herbeiführen würde, sondern so weit ich informiert bin eh eine hormonelle Sache.

So, was möchte ich noch in den Mülleimer werfen. Vielleicht ein Stück meines Perfektionismus, dass ich z.B. perfekt sein muss, bevor wir mit dem „Projekt-Baby“ beginnen wollen. Ich möchte nur noch ein wenig stabiler werden, also mich freier bewegen können draußen und die ganzen inneren Spannungsprozesse loswerden. Aber ich merke ich werde schon ein wenig ruhiger.

Ich hatte mir wohl vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören, bevor ich schwanger werde. Mein Ziel war es immer mindestens ½ Jahr vorher dies zu tun. So lange möchte ich aber dann doch nicht mehr warten, sonst überlege ich es mir noch anders.

In ein paar Wochen habe ich Geburtstag und werde 35. Das ist laut Statistik die Hälfte meines Lebens. Bis dahin möchte ich mein Leben noch voll ungesund genießen.

Danach beginnen wir mit den Vorbereitungen. Aber ich verspreche nichts, wenn ich es nicht schaffen sollte, mit dem Rauchen und dem Sport, wie ich es mir vorgenommen habe, werde ich mich nicht verteufeln und wieder in eine Depression fallen. Dann muss es halt langsamer gehen mit dem Aufhören. Ich kann nicht beurteilen, ob ich nicht im Falle einer Schwangerschaft eh sofort aufhören würde. Aber das wollte ich mir selbst nicht antun. Entzug und Übelkeit – wäre vielleicht auch nicht so schlecht, hat man es wenigstens auf einmal.

So, was ich natürlich ganz aus dem Auge verloren haben, ist, was mache ich in der Zwischenzeit. Trete ich wieder eine neue Stelle an oder richte ich unsere neue Wohnung, die wir uns noch suchen müssen ein?

Mit diesen Gedanken werde ich mich in der nächsten Zeit beschäftigen.

Glauben Sie nun die Geschichte mit der Agoraphobie – was steckt dahinter hätte nun ein Happy End?

Zumindest für heute Abend, denn ich weiß nicht was morgen ist oder übermorgen. Aber ich will mir im Moment keine Gedanken darüber machen, sonst drehe ich mich wieder im Kreis.

Denn mit der Entscheidung an sich ist es ja noch nicht getan. Jetzt muss ich mir und meinem Mann auch beweisen, dass ich es ernst meine. Sollte ich es jemals schaffen – so Gott will, der hat ja schließlich auch noch ein Wort mitzureden – schicke ich Ihnen auf jeden Fall ein Baby-Photo.

Das heißt ich müsste langsam wieder anfangen, mir zu vertrauen.

Das tue ich für heute, indem ich den Beitrag jetzt abschicke, denn sie kommen schon wieder so langsam von hinten gekrochen...die ÄNGSTE und die ZWEIFEL, aber ich schubs sie erst mal weg, die schau ich mir höchstens morgen noch mal an, schön dosiert, wenn ich Lust dazu habe.....

Viele liebe Grüße

Kicki

 

Kicki  18.05.2001, 15:40:41

Nachtrag:

Ich möchte meinen eigenen Beitrag kommentieren, da mir immer mehr etwas ins Bewusstsein kommt, was ich schon seit langer Zeit in mir verspüre, es aber nicht so richtig deuten konnte.

Ich möchte dieses Gefühl anhand einiger Beispiele beschreiben:

Als ich am stärksten in meiner Sinn- und Lebenskrise war, fühlte ich mich ja ständig getrieben, etwas zu tun. Egal was, Hauptsache Bewegung.
Also fing ich an Fahrrad zu fahren, aber immer schön im Kreis, nah an unserer Wohnung.

Zwischendrin, als es mir langsam besser ging, bekam ich dann den Rappel, wollte nicht mehr im Kreis fahren und fuhr in eine andere Richtung.
Das nächste mal fuhr ich in die entgegengesetzte Richtung.

Beide Richtungen gefielen mir gut und ich merkte, dass ich gerne weiter gefahren wäre, dass ich aber Angst hatte, mich zu weit von zu Hause zu entfernen.

Ein weiteres Beispiel ist meine Arbeit hier im Online-Forum. Es tut mir sehr gut, ich fühle mich unterstützt und gut beraten und spüre in mir drin immer einen Sog, weiter und weiter zu schreiben.

Bis ich dann merkte, dass ich mich zu sehr von meinem Mann und meinen Freunden entferne. Ich hatte schon keine Lust mehr mit ihnen zu reden. Bis es zu der kleinen Unterbrechungspause kam. Nach ein paar Tagen konnte ich wieder ein wenig abschalten und mich sogar wieder freier bewegen in meinem Alltag.

Als ich wieder anfing zu schreiben, merkte ich wieder den Sog. Es kam mir unnatürlich vor, dass ich lieber am Computer sitze, um zu schreiben, als mich mit meinem Umfeld zu befassen.

In meinem letzten Beitrag schrieb ich, dass ich Probleme habe, mich von Punkt A nach Punkt B zu bewegen. Dies ist auch so, wenn ich in Begleitung bin, nur etwas schwächer.

Als Resumee aus diesen 3 Beispielen ziehe ich für mich die Konsequenz, dass ich Schwierigkeiten habe mich zu lösen.

Ich glaube, dass mir auch deshalb die Entscheidung so schwer fiel, weil ich wusste, dass ich mich dann in Bewegung setzen muss.

Beide Wege (Richtungen) sind schön, aber sie sind mit der Angst besetzt, dass ich dann mein altes Leben aufgeben muss.

Wenn ich so an Reisen denke, waren für mich immer die Tage vor der Reise die schlimmsten. Auf der Reise an sich ging es mir meistens besser, als ich dachte. Die war zwar immer noch mit Angst besetzt, aber je näher ich meinem Ziel kam, desto sicherer und glücklicher wurde ich. Auf der Rückreise war es dann ähnlich. Obwohl ich mich auf zu Hause freute, wäre ich am liebsten z.B. nicht in das Flugzeug gestiegen.

Es ist immer so im Leben, wenn man das eine haben will, muss man das andere lassen. Wenn ich also den neuen Entwicklungsschritt gehen will, muss ich die Vergangenheit lassen und vor allen Dingen den anderen Weg lassen.

Viele Menschen machen diese Schritte unbewusst oder vielleicht gehen sie sie absolut bewusst, lassen sich aber nicht so von ihren Gefühlen leiten.
Ich brauche immer sehr lange, bis ich mich von etwas trennen kann.

Ich weiß, wenn ich meinen Weg weitergehe, den ich nun gewählt habe, dass es mir sehr schwer fallen wird, mich von dem Forum zu lösen.

Können Sie das verstehen oder irgendwie deuten?

Ich weiß ja nicht, ob ich diese Zusammenhänge nun richtig sehe. Was mich vor allen Dingen beschäftigt, ist die Tatsache, dass ich im Moment sehr wenig Kontakt zu anderen Menschen möchte, obwohl ich normalerweise sehr kontaktfreudig bin und gerne Menschen um mich herum habe.

Versuche ich deshalb, diese Phase so lang wie möglich zu ziehen, weil ich weiß, dass ich nie mehr im Leben so viel Zeit für mich alleine haben werde?

Hat mein Problem, mich nicht von Punkt A nach B bewegen zu können, etwas damit zu tun, dass ich mich nicht lösen kann, oder mit der Angst, dass mir unterwegs etwas passiert und ich mein Ziel dann nicht mehr erreiche?

Kennen Sie da Praxisbeispiele, wo das ähnlich ist?

Kicki

 

Hans Morschitzky  20.05.2001, 08:31:09

Liebe Kicki!

Es freut mich, hier von Ihnen ganz öffentlich zu hören, dass in die Frage „Kind – ja oder nein?“ so richtig Bewegung hineingekommen ist. Es kann mir ja egal sein (wie in Therapien), ob meine Online-Teilnehmerinnen nun schwanger werden oder nicht. Doch bei Ihnen ging und geht es um die Thematik „Agoraphobie – was dahinter steckt“. Nur in diesem Zusammenhang interessiert mich diese Ihre höchst private Angelegenheit.

Sie hatten bisher nämlich ein ganz bestimmtes Glaubenssystem von Mutterschaft, das geprägt war durch die Erfahrungen mit Ihrer Mutter, wohl aber auch durch den transkulturellen Vergleich mit den Angehörigen Ihres Gatten.

Mutter zu werden und zu sein bedeutete für Sie bislang::

- nicht mobil sein,
- abhängig sein vom Mann,
- fehlende persönliche Weiterentwicklungsmöglichkeit,
- Aufgefressen werden von so einem kleinen Wesen (das Kind als Monster, obwohl es doch so klein und lieblich ausschaut?),
- in einem Bereich ohne jegliche Erfahrung plötzlich von Anfang an im Interesse eines von Ihnen völlig abhängigen Kindes selbstsicher und zuversichtlich sein müssen, dass alles gut geht,
- vielleicht auch mehr von Ihrem Mann getrennt und unabhängig sein müssen, d.h. vieles allein entscheiden zu müssen, zumindest soweit es das Kind und die Kindererziehung betrifft, denn er steht Ihnen ja nicht immer zur Verfügung,
- vertrauen müssen in die Spontaneität Ihrer Entscheidungen, ohne zu wissen, ob dies nun gut für Ihr Kind ist,
- in der Schwangerschaft vielleicht auch keine Kontrolle zu haben über Ihren Körperumfang (bedeutet dieses ganz normale Zunehmen für Sie ein Problem?),
- durch die Hormonumstellungen nach der Geburt eine Depression zu riskieren (eine ganz „normale“ Depression oder gar eine früher so genannte „Stillpsychose“?).

Ich sage allen Leuten mit einer Agoraphobie:

„Sie sollten durch die Therapie bei mir u.a. wieder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren können und bestimmte Orte aufsuchen können. Nur weil Sie später wissen, dass Sie dazu in der Lage sind, können Sie auch sagen, heute fahren Sie lieber mit dem Auto, gehen Sie lieber nicht dorthin usw., weil Sie wirklich wissen, dass Sie nach Lust und Laune gehen können und nicht als Sklave Ihrer Angst agieren müssen.“

So würde ich es bei Ihnen, Kicki, machen, wenn Sie bei mir in Therapie wären:

„Sie lernen sich ganz intensiv vorstellen, wie Sie gerade ein Kind empfangen, wie Sie Ihre Schwangerschaft von Monat zu Monat ganz intensiv durchleben, wie die Geburt verläuft, wie Sie nach der Geburt mit dem Baby zusammen sind, wie Sie Ihr Kind stillen, wie die Anwesenheit Ihres Kindes die Beziehung zu Ihrem Gatten beeinflusst usw.“

Dabei erleben Sie alle Höhen und Tiefen mit einem (noch gar nicht geborenen) Kind. Im imaginierten Erleben des Schönen lernen Sie auch die Probleme erkennen. Sie machen die mentale und emotionale Erfahrung, dass Sie es mit einem Kind schaffen würden.

Doch gerade weil Sie durch eine derart intensive Erfahrung in der Therapie auch die schönen Seiten erleben würden (ich garantiere Ihnen, Sie würden weinen!), können Sie lernen, darauf zu verzichten, wenn Sie sich doch gegen ein Kind entscheiden würden. Sie würden es jedenfalls aus anderen Gründen tun als wegen purer Angst vor dem Ungewissen und Ihrem Gefühl, eine unfähige Mutter zu sein.

Ich verstehe Therapie als Möglichkeit, dass meine Patientinnen wieder mehr Entscheidungsfreiheit haben und nicht mehr so stark von Ihren Symptomen getrieben werden, so und nicht anders zu handeln.

Ich würde die Therapie dann nicht endlos fortsetzen, weil ich Ihnen ja die Umsetzung zutrauen würde. Ich würde Ihnen aber anbieten, im Falle einer Mutterschaft wegen bestimmter, erst später auftretender Probleme wiederum zu inhaltlich umschriebenen Sitzungen kommen zu können. Es ist doch ganz normal, dass später andere Probleme auftreten können. Da ist es doch besser, wenn man später wiederkommt, als wenn man eine Vorbeuge-Therapie in dem Sinn macht, dass man alles, was möglicherweise auftreten könnte, schon vorher zu bewältigen lernt. Dies entspräche der Kombination von generalisierter Angststörung mit zwanghaftem Perfektionismus als Lösungsversuch.

> Viele Menschen machen diese Schritte unbewusst oder vielleicht gehen sie sie absolut bewusst, lassen sich aber nicht so von ihren Gefühlen leiten.
Ich brauche immer sehr lange, bis ich mich von etwas trennen kann.
Ich weiß, wenn ich meinen Weg weitergehe, den ich nun gewählt habe, dass es mir sehr schwer fallen wird, mich von dem Forum zu lösen.
Können Sie das verstehen oder irgendwie deuten?

Wovon fällt es Ihnen schwer, sich zu lösen: vom Forum oder von mir? Blöde Frage, oder?

Ich glaube Ihnen, dass das Forum Ihnen trotz Ihrer Anonymität ein ganz normales Gefühl von Bedeutung gegeben hat in dem Sinn: „Ich habe etwas zu sagen, das ganz offensichtlich auch andere interessiert, und jetzt soll das plötzlich nicht mehr sein“. Ist doch normal, oder?

Ich kann es auch nachvollziehen, wenn Ihnen die „Ablösung“ von mir schwer fallen würde. Ist doch auch normal, in meiner Person jemand „aufgeben“ zu müssen, dem Sie, wie Sie geschrieben haben, einiges verdanken. Nur weil Sie diese Gefühle zulassen und nicht verdrängen, können Sie sie auch bewältigen.

Glauben Sie mir, es geht mir ähnlich wie Ihnen. Ich bin auch als Therapeut zu meinen Patientinnen sehr offen und persönlich, denn es wirkt auch in der Verhaltenstherapie nie die Technik an sich, sondern alles wirkt nur über die Beziehung, was viele Verhaltenstherapeuten noch immer unterschätzen.

Ich werde Sie auch sehr vermissen in diesem Forum, wenn es einmal so sein wird. Nur wenn ich mir dies eingestehe, kann ich es bewältigen. Wenn ich Ihnen jetzt nicht gerne schreiben würde, würde ich Ihnen überhaupt nicht mehr schreiben, denn ich habe keine Notwendigkeit dazu.

Durch das Forum der Online-Beratung haben so viele Teilnehmer eine derart „virtuelle“ Nähe zu mir aufgebaut, wie ich selbst nie geglaubt habe, dass dies möglich sein könnte durch das Medium Internet. Dazu muss ich sagen, dass ich – im Gegensatz zu meinen Kindern – vorher noch nie in einem Chat war, wo man dies sicherlich auch erlebt.

Wenn mich die Tätigkeit hier nicht selbst bereichern würde, würde ich den Einsatz als Zeitverlust erleben. Ich mache hier als Therapeut selbst Erfahrungen, die ich in meiner Praxis in dieser Form nicht so schnell mache. Ich bin beeindruckt von der radikalen Offenheit aller Teilnehmer und Teilnehmerinnen und von der persönlichen Nähe zu den Teilnehmerinnen, obwohl alles nur virtuell ist.

Sie waren aufgrund Ihrer umfangreichen Beiträge die erste, wo ich gemerkt habe, wie intensiv auch eine nur „virtuelle“ Beziehung sein kann. Wenn Sie sich das Forum der Online-Beratung anschauen, werden Sie merken, dass ich auch zu vielen anderen Teilnehmerinnen eine emotionale (Internet-)Beziehung aufgebaut habe.

Ich sage mir immer: wenn man die Menschen nicht mehr „liebt“, mit denen man es in meinem Beruf zu tun hat, dann sollte man lieber mit Objekten arbeiten.

Die gemachten Erfahrungen bestätigen meinen Eindruck, ich sollte einmal ein „Internet-Buch“ schreiben, weil dies doch etwas Neues wäre. Damals wusste ich allerdings noch nicht, welche starke emotionale Beteiligung mir selbst dabei abverlangt würde. Ich stellte mir dies einfacher vor als in Therapien.

Ich warte immer noch darauf, dass mir jemand echt zornig ist wegen meiner direkten Art und den Kontakt abbricht, denn schließlich könnte mir einmal ein schwerer Fehler passieren, etwas zu schreiben, was ein absoluter Blödsinn ist, denn ich kenne die Forum-Teilnehmer ja gar nicht. Doch ist dies bislang nicht passiert. Es war vielmehr umgekehrt, dass ich manche frustrieren musste, weil ich auf die angebotenen Themen nicht so intensiv wie erhofft eingehen wollte.

Ich werde es auch mit Ihnen als Internet-Gesprächspartnerin so machen wie mit meinen Patientinnen. Sie können immer wieder auch einmal anrufen und etwas fragen (bei Ihnen: das Internet verwenden). Doch die Intensivtherapie ist aus. Oder die Therapie beginnt später zu einem bestimmten Zeitraum neuerlich für eine bestimmte Zeit. Motto: Rückfälle und Unerwartetes sind jederzeit möglich.

> Was mich vor allen Dingen beschäftigt, ist die Tatsache, dass ich im Moment sehr wenig Kontakt zu anderen Menschen möchte, obwohl ich normalerweise sehr kontaktfreudig bin und gerne Menschen um mich herum habe.
Versuche ich deshalb, diese Phase so lang wie möglich zu ziehen, weil ich weiß, dass ich nie mehr im Leben so viel Zeit für mich alleine haben werde?

Wie wahr, Sie sagen es! Jedenfalls glauben Sie, dass es so sei. Sie meinen, als Mutter müssten Sie schon immer und jederzeit jede Minute für Ihr Kind da sein – so wie Ihre Mutter dies bei Ihnen gemacht hat, obwohl Sie dies immer extrem gestört hat! Was folgt daraus? Wenn Sie wieder glauben, dass Sie auch später – auch als Mutter – für sich ganz allein Zeit haben werden, dass Sie Ihr Partner nicht „hängen“ lassen wird, dann haben Sie es geschafft, dann müssen Sie jetzt nicht mehr auskosten, was Sie glauben, nie mehr später in dieser Form erleben zu können. Sie müssen auch als Mutter abschalten können, wenn Sie einmal ohne Ihr Kind fort sind, und darauf vertrauen, dass Ihr Gatte oder sonst jemand Ihr Kind gut umsorgt. Sonst werden Sie eine Glucke – wie Ihre Mutter, und das wollen Sie doch bestimmt nicht.

Liebe Kicki, wenn ich als fünffacher Vater so denken würde wie Sie, dann könnte ich Ihnen schon längst nicht mehr schreiben. Nähe und Distanz in Beziehungen ist nicht nur in der Partnerschaft wichtig, sondern auch in der Beziehung zu seinen Kindern. Man muss nicht ständig auf seinen Kindern kleben!

Soll ich Ihnen sagen, warum viele Kinder ängstlicher Mütter ebenfalls ängstlich sind (das Folgende ist sicherlich etwas überzeichnet)? Weil die Kinder von klein auf nie gelernt haben, allein zu sein, sodass sie dann, wenn sie einmal allein waren, sich immer gleich verlassen gefühlt haben. Die Dunkelheitsangst bei Kindern ist eine ganz normale, biologisch fundierte Angst, mit der alle Menschen von klein auf umgehen lernen müssen. Schließlich haben wir erst seit 100 Jahren das elektrische Licht, und früher bedeutete Dunkelheit ständige potenzielle Lebensbedrohung durch einen Feind. Es ist ganz normal, dass Kinder daher ständig in das elterliche Schlaffzimmer laufen, wenn sie sich allein in ihrem Zimmer fürchten. Doch es ist notwendig, dass die Kinder als Kinder damit umgehen lernen – damit sie nicht später letztlich deshalb eine Therapie brauchen, weil immer wieder gleich die Welt zusammenbricht, wenn sie allein sein müssen, weil sie dies als einsam sein, als verlassen werden erleben.

Darüber sollten Sie – auch als Sozialpädagogin – einmal nachdenken. Als Sozialpädagogin fördern Sie die Autonomie von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, oder? So werden Sie auch als Mutter handeln, wo Sie sicher emotional viel stärker angesprochen sind.

Wenn Sie sich nun für ein Kind entscheiden sollten, dann rate ich Ihnen, die Sache „locker“ anzugehen. Sie haben in der nächsten Zeit auch etwas anderes zu tun, als bei jedem „passenden“ Verkehr darauf zu achten, dass Sie jetzt unbedingt schwanger werden müssen.

Wissen Sie, was passiert, wenn ein Paar, das früher guten Sex miteinander hatte, beim Verkehr zukünftig nur mehr darauf aus ist, ein Kind zu zeugen, und sie es aber monatelang nicht schaffen? Es stellt sich plötzlich eine sexuelle Lustlosigkeit ein. Solche Frauen habe ich auch schon in Therapie gehabt.

Ich rate Ihnen daher: fahren Sie „zweigleisig“, wenn Sie Mutter werden wollen. Tun Sie etwas für sich, auch (neben-) beruflich und schauen Sie halt, wie lange es bei Ihnen dauert, bis Sie schwanger werden. Tun Sie nebenbei auch etwas anderes, als nur zu beobachten, wie Sie von Monat zu Monat an Leibesfülle zunehmen und denken Sie nicht nur nach, wie die Geburt und das Danach ausschauen werden.

Meine Frau hat ihr Psychologie-Studium in der zweiten Schwangerschaft beendet und mit dickem Bauch (nach 8 Monaten Schwangerschaft) an der Studienabschlussfeier teilgenommen.

Meine Frau hat in der ersten Schwangerschaft - als schon der Geburtstermin nahe war - mit großer Leibesfülle eine Wanderung von St. Gilgen nach St. Wolfgang am Wolfgangssee durch den Wald gemacht, in der Hoffnung, dass endlich die Wehen beginnen würden. Ich konnte mir dann wegen Ihres Ehrgeizes von älteren Frauen, die des Weges kamen, anhören, was ich für ein brutaler Mann sei, der seine Frau in diesem Zustand durch einsame Wälder schleife, wo sie doch gleich ein Krankenhaus brauche.

Ihre radikalen Lösungen „Entweder – Oder“ sollten zu einem „Einerseits – Andererseits“, zu einem „Sowohl – Als auch“ werden.

In diesem Sinne alles Gute und beste Grüße bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky


 

Kicki  20.05.2001, 15:23:15

Lieber Herr Morschitzky,

ich hatte leider noch nicht viel Zeit, Ihren Beitrag zu lesen. Ich konnte ihn heute morgen nur kurz überfliegen und sehe viele Punkte genau so wie Sie. Ich werde Ihnen noch in Ruhe darauf antworten.

Aber dafür bin ich im Moment zu aufgeregt, denn ich bin ganz stolz, dass ich heute morgen das erste mal wieder arbeiten war. Da ich früher gerne gekellnert habe, hatte ich spontan das Angebot angenommen, heute eine Vertretungsschicht bei einem früheren Arbeitgeber zu übernehmen. Es war zwar nicht die Hölle los, aber es waren für mich 4 Stunden, in denen ich mich immer wieder überwinden musste mit heißen Tellern und vollen Tabletts durch die Gegend zu laufen. Und ich fand es bis zum Schluss super anstrengend.

Zufriedene Gäste und ein gutes Trinkgeld waren mir mehr Lohn als das was ich dabei verdient habe.

Kleine Erfolgen tun gut und bestätigen weiterzumachen!

Für meine Zukunft wünsche ich mir aber, auch mit Misserfolgen umgehen zu können, ohne dass ich wieder so stark ins Schwanken komme, dass es mir den Boden unter den Füssen wegzieht.

In diesem Sinne und bis bald

Liebe Grüsse

Kicki

Kicki  22.05.2001, 14:05:54

Hallo Herr Morschitzky,

ja, in die Frage „Kind – ja oder nein?“ ist nun endlich Bewegung gekommen.

Ich habe in den letzten Tagen einiges in Eigenregie gemacht, weil ich schon mal üben wollte, was ich von dem hier Gelernten, auch umsetzen kann. Vor allen Dingen wollte ich herausfiltern, was übrig bleibt, was mir noch wichtig ist zu klären und welche Fragen noch offen sind.

In einem ersten Schritt habe ich mir erst einmal meine Wünsche (nicht nur in Bezug auf ein Kind) aufgeschrieben. Denn die habe ich ja bisher schändlich vernachlässigt. Dann habe ich mir aufgeschrieben, was ich bereit bin, zu ändern, zu geben, anzunehmen etc. Erst dann habe ich mich wieder mit meinen Ängsten beschäftigt und den Zweifeln, aber um einen guten Abschluss zu finden, mit meinen Hoffnungen.

Ich muss sagen, ich habe hier zwar alles aufgeschrieben, aber nicht sehr intensiv durchgeackert. Es reichte mir, es erst einmal alles schwarz auf weiß vor Augen zu haben.

Danach habe ich angefangen, mich ein wenig nach draußen zu bewegen. Hier muss ich leider feststellen, dass ich noch viel Geduld brauche und vor allen Dingen eine größere Frustrationstoleranz. Beim kognitiven Lernen habe ich mich gerne sehr tief in die Materie fallen lassen und mir viel Zeit gelassen. In der Umsetzung scheitert es bei mir aber noch ein wenig (deshalb auch die Aussage in meinem letzten Beitrag, in der Theorie scheine ich besser zu sein, als in der Praxis).

So kann ich mich nur schwer damit abfinden, dass ich immer noch sehr instabil bin, wenn ich mich mit anderen Leuten treffe. Ein kleiner Pust oder Streit und ich falle wieder um. Doch etwas hat sich geändert, ich merke mittlerweile, wenn ich mich zu sehr reinsteigere und wenn ich zu sehr alles auf mich beziehe oder verallgemeinere.

Da mir das Autofahren sehr wichtig ist, übe ich jetzt immer öfter. Mein Mann und ich haben jetzt eine Absprache, dass wenn wir Freunde besuchen, ich fahre (ist ja auch toll für ihn, kann er wenigstens was trinken) und bei meinen eigenen Terminen möchte ich nach Möglichkeit alleine fahren. Da wir erst seit einem Jahr ein Auto haben, waren für mich öffentliche Verkehrsmittel weniger bedrohlich, als alleine mit dem Auto zu fahren. Nichts desto trotz, bin ich mir bewusst, dass ich auch in Bus und Bahn wieder Ängste entwickelt habe, aber es ist nicht so traumatisiert bei mir, wie das Autofahren. Denn wenn ich mich richtig zurück erinnere, hatte ich bei meinem Rückfall die erste richtige Panikattacke, als ich alleine Auto gefahren bin. Ich hatte es schon fast wieder verdrängt, da die richtigen Probleme ja erst in dem neune Job entstanden und den habe ich letztendlich nicht wegen den Panikattacken verloren, sondern weil ich mich weigerte, in die nächste Stadt mit dem Firmenwagen über die Autobahn zu fahren. Auch ist mir aufgefallen, dass egal, welchen Job ich machen werde, ich ein Auto brauche, da in meinem Bereich oft „übers Land“ gefahren werden muss, wo die öffentlichen Verkehrsmittel versagen.

Die meisten Probleme mit dem Fahren habe ich, wenn ich an der Ampel stehen muss. Da ich ja jetzt gelernt habe, dass dies auch mit Agoraphobie zu tun hat, wundert mich das nicht mehr. Die Bewegung kommt dann nämlich zum Stillstand und ich kann nicht nach vorne und zurück. Bisher habe ich noch keine geeignete Technik gefunden, die Beklemmungen in dem Moment loszuwerden. Oft fahre ich dann wieder wie eine Gehetzte an und fühle mich dann noch mehr unter Druck.
So viel zur Praxis. Wie gesagt, meine Frustrationstoleranz ist noch sehr gering, da ich ja auch im Fortschritte machen leicht perfektionistisch veranlagt bin.

Dabei geht es mir emotional noch gar nicht so gut. Die Spannungen lassen zwar langsam nach, doch kam in den letzen Tagen dieses seltsame Gefühl wieder, das ich mal mit Depression bezeichnet habe.

Obwohl ich vorgestern viele „positive“ Erfahrungen gemacht habe, ging es mir abends sehr schlecht. Leider konnte ich diese Erfahrung nicht als positiv bewerten, anstatt dessen machte sich ein Schwere-Gefühl in mir breit machte. Es kam mir vor, als wolle mich etwas zu Boden drücken. Dazu wurde ich noch unendlich traurig. Dieses Gefühl hatte ich auch in meiner „Sinn- und Lebenskrise“, die mir wie ein Trauma noch im Nacken steckt. Immer wenn dieses Gefühl kommt, erinnere ich mich daran oder umgekehrt, das kann ich jetzt nicht mehr nachvollziehen, wo hier die Henne oder das Ei war. Ich denke beides stimmt. Normalerweise habe ich das Gefühl so schnell wie möglich verdrängt oder mich einfach bewegt, damit ich eine Gegenreaktion mache.

Vorgestern habe ich dann versucht das Gefühl einfach zuzulassen. Das gelang mir dann auch. Es war zwar sehr unangenehm, hat mich aber im Endeffekt auch nicht umgebracht. Als es sehr massiv wurde, kam mein Mann nach Hause, so dass ich davon abgelenkt wurde. Ich kann deshalb nicht sagen, ob es von selbst weggegangen wäre, oder ob ich irgendwann vielleicht, um mir Erleichterung zu verschaffen, etwas getan hätte, damit es mir besser geht. Am nächsten Tag war es dann wieder weg. Doch seither schlafe ich sehr schlecht. Es verfolgt mich hin und wieder tagsüber oder gegen Abend, aber ich weiß nicht, ob es gut ist, ihm noch mehr Beachtung zu schenken.

Zuerst habe ich versucht, eine Ursache für dieses Gefühl zu finden, aber es fallen mir dazu viel zu viele Sachen ein, dass ich es dann doch nicht eingrenzen kann. Ich denke es ist alles zusammen: Die Wunden aus der Vergangenheit, die nur schwer heilen, die Enttäuschung über den momentanen Zustand, der mich immer noch ans Haus fesselt und die Angst vor der Zukunft.

Ich hatte noch nie einen guten Umgang, mit negativen Gefühlen. Entweder ich habe sie vollkommen verdrängt, oder ich habe mich davon lenken lassen – so wie bei der Angst.

Ja, ich kann sie noch nicht einmal richtig deuten.

Auch die Angst habe ich oft versucht zu deuten und dabei sehr viele Gedankenfehler gemacht, so dass ich sie irgendwann als ein bestimmtes Ohmen für Dinge betrachtet habe. So war ich jahrelang der Meinung, dass ich Panikattacken bekomme, wenn ich eine Entscheidung getroffen hatte, die ich im Unterbewusstsein nicht so richtig wollte. Da ist mit Sicherheit etwas dran, aber wenn ich unseren Dialog noch einmal zurückverfolge, war es wohl eher die Tatsache, dass ich meine Entscheidung noch nicht so richtig akzeptiert hatte. So hätte ich ja damals auch bei meinem Freund bleiben können, und unserer Beziehung eine reale Chance geben. Doch ich war nur enttäuscht darüber, dass ich nicht stark genug war, mich von ihm zu trennen. Bei der Stelle war es ähnlich. Ich hatte mich zwischen zwei Stellen entschieden, wobei die, die ich gewählt hatte, nicht die war, die mich wirklich interessierte. Es gelang mir nicht so richtig, mich darauf einzulassen, weil ich die Enttäuschung noch nicht verarbeitet hatte, dass ich einer Stelle den Laufpass gab, aus Angst, dass sie mich überfordern könnte. Ein bisschen war aber auch der Gedanke dabei, wenn ich mich auf die andere Stelle einlasse (sie war im Managementbereich), dann wirst du dich tatsächlich irgendwann einmal zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen. Ich wusste auch, dass diese Firma eine hohe Flexibilität erwartet, wahrscheinlich sogar einen räumlichen Stellenwechsel.

Und somit hatte ich die Entscheidung ja schon im Vorfeld getroffen. Auf Kosten meiner Beziehung und den möglichen Verzicht auf eine eigene Familie, wollte ich diese Stelle nicht haben. Erst recht nicht, weil ich wusste, dass sich mein Mann eine eigene Familie wünscht. Sie hatten mir Ihrer Bemerkung schon recht, dass ich Angst hatte durch den Einstieg in den Beruf bzw. in eine Stelle, an die ich mein Herz verlieren könnte, meinem Mann davon zu laufen und ihn kinderlos zurückzulassen.

Und somit sind es ganz natürliche Entscheidungskriterien gewesen, die ich aber innerlich noch nicht so richtig akzeptieren konnte, weil ich der Meinung war, dass ich nur durch meine Angst gesteuert war.

Ups – so hatte ich das noch gar nicht gesehen.

Vielleicht fühle ich mich auch deshalb so unwohl im Moment.

Die Entscheidung ist getroffen und ich kenne auch die Entscheidungskriterien. Anscheinend kann ich mir noch nicht so richtig eingestehen, dass sie für mich eine große Bedeutung haben.

Und vor allen Dingen kann ich mir innerlich noch nicht so richtig eingestehen, dass ich diese Entscheidung für mich getroffen habe. Selbst wenn ich sie FÜR die Beziehung getroffen habe, bin ich ein Bestandteil dieser Beziehung, an die ich glaube und an der ich festhalten möchte.

Ich finde Ihren Abschlusssatz aus ihrem letzten Beitrag in dem Punkt sehr treffend.

Ich sollte mir eingestehen, dass ich diese Entscheidung sowohl für mich – die ja das Muttergefühl kennen lernen möchte, sich weiterentwickeln möchte und sich nicht der Angst beugen will – als auch für meinen Mann – der es verdient hat, dass er etwas von dem zurückbekommt, was er seit Jahren in unsere Beziehung investiert hat – als auch für die Beziehung selbst, die bisher allen Höhen und Tiefen stand halten konnte, getroffen habe.

Ich gebe zu, ich bin noch nicht 100-prozentig überzeugt und das macht mir noch ein wenig Sorge. Denn wenn ich nicht 100-Prozent von etwas überzeugt bin, zweifele ich an meiner eigenen Integrität. Diesen Konflikt muss ich noch lösen. Auch hier versuche ich mal umzudeuten mit der Aussage "einerseits - andererseits".

Es stimmt, einerseits bin ich davon überzeugt, dass ich ein Kind möchte, andererseits habe ich ja noch gar keine Erfahrungen auf dem Gebiet, so dass mir die Sicherheit fehlt, das es auch das richtige für mich ist.

Dabei kann die Überzeugung nur wachsen, indem ich meine Erfahrungen sammle und dadurch Sicherheiten bilde. Eine 100-prozentige Überzeugung für etwas, was man ja noch nicht einmal kennt, wird es bestimmt nicht geben. Überzeugung hat also auch etwas mit Vertrauen und Akzeptanz zu tun, in sich selbst, in andere aber auch in das Schicksal.

Ähnlich sollte ich es auch mit meinen Fortschritten sehen.

Meine stärkste Motivationsbremse, mich in einem Punkt weiterzuentwickeln oder den Kampf gegen die Angst anzugehen, war die Furcht vor einem erneuten Rückfall. Dass ich dann nicht mehr aufstehen werde, weil ich die Enttäuschung nicht verkraften kann.

Im Moment mache ich täglich die Erfahrung, dass ich sowohl Fortschritte als auch Rückschläge habe.

Ich glaube, wenn ich akzeptiert habe, dass ein Heilungsprozess kein linearer Verlauf ist, sondern dass er geprägt ist von erneuten Hindernissen und Hürden, die immer wieder überwunden werden müssen, wo man aber auch immer wieder erst mal dran scheitern kann, ich aber darauf vertraue, dass ich trotzdem wieder aufstehen werde, dann habe ich viel erreicht.

Wenn sich dieser Mechanismus in meinem Kopf verankert hat, dann glaube ich auch mit Rückschlägen in der Zukunft besser umgehen zu können.

Mein bisheriges Bild von Mutterschaft haben sie gut durchschaut. Ich habe ja auch in meinem Umfeld nur die negativen Seiten dieses Bildes betrachtet. Dass ich zwischendurch ganz eifersüchtig war, wenn sich ein Kind nur von seiner Mutter trösten lassen wollte, oder wenn nur sie das Gewohnheitsrecht hatte, das Kind auf dem Schoß zu halten, wenn es müde und somit sehr anschmiegsam wurde, habe ich sichtlich verdrängt.

Auch habe ich oft übersehen, dass ich gerade dann, wenn die Eltern in der Nähe waren, ganz ungezwungen auf die Kinder zugehen konnte und somit auch die Wärme, die zwischen uns bestand, genießen konnte. Das ist ganz klar die Angst vor der Verantwortung und keine Ignoranz den Kindern gegenüber, die ich mir manchmal eingebildet habe.

Welche Chancen in der Gründung einer eigenen Familie für mich stecken können, habe ich auch sehr gerne übersehen. Ich glaube ich wollte einfach nicht blind in etwas hineinlaufen, wo ich dann später enttäuscht werde.

Doch ich sollte langsam erkannt haben, dass Enttäuschungen mit zur Entwicklung gehören und dass man sich nicht davor schützen kann, höchstens lernen kann, besser damit umzugehen.

Ich habe vor kurzem etwas Interessantes gelesen über Enttäuschungen. Kann es aber noch nicht so richtig für mich Umsetzen.

Dort stand, dass eine Ent-täuschung ja im Grunde genommen schon einen positiven Fortschritt darstellt, denn man hat sich getäuscht und ist nun ent-täuscht d.h. die Täuschung ist nun aufgedeckt. Das hört sich für mich sehr philosophisch an.

So nun habe ich wieder einen superlangen Roman geschrieben, aber ich bin noch nicht fertig.

Ich möchte noch auf Ihren letzen Beitrag eingehen.

Schade dass ich nicht bei Ihnen in Therapie bin, die Vorstellungsübung mit der Schwangerschaft hätte ich gerne gemacht. Vielleicht schaffe ich es ja für mich alleine. In der Sozialpädagogik läuft ja auch viel über mentales Training. Hier haben wir z. B. oft mit Phantasiereisen gearbeitet.

Mir fällt dazu eine gute Übung ein. Eine Phantasiereise über die Schwangerschaft und die Geburt und anschließend einen Brief an mich selbst schreiben, wovor ich Angst habe, was ich mir wünsche und welche Hoffnungen ich habe. Anschließend den Brief in einen Umschlag stecken, versiegeln und in der Schublade aufheben.

Wenn ich denn auch wirklich schwanger werden sollte, werde ich den Brief später einmal öffnen und nachschauen, was von dem, ich glaubte, dass es eintreten wird, in Erfüllung gegangen ist – sowohl positiv als auch negativ.

Und nun zu unserem Loslösungsprozess, der mich wahrscheinlich deshalb so belastet, weil ich im realen Leben noch nicht so richtig Fuß gefasst habe.

Klar fällt es mir in diesem Zusammenhang schwer, mich vom Forum zu lösen, weil ich hier etwas zu sagen hatte, was auch andere interessieren könnte. Menschen, die unsere Erfahrungen mit Angst und Panik nicht kennen, haben Schwierigkeiten, uns zu verstehen, selbst wenn sie sich noch so anstrengen. Aber die dahinter liegenden Probleme, können sie schon eher verstehen. Mir ist aufgefallen, dass ich in der ganzen Beratung, noch nicht einmal davon gesprochen habe, was ich eigentlich kann und was ich noch nicht kann. Das fing erst zum Schluss an. Auch habe ich nie über Symptome gesprochen.

Mir ist schon klar, dass die Symptome zweitrangig sind, weil sie unsere Probleme überlagern. Doch bestimmen sie auch unseren Alltag. Deshalb würde ich zum Auslaufen der Beratung hin, noch gerne das ein oder andere mit Ihnen besprechen, wie mit den Symptomen oder sagen wir lieber mit den einzelnen Gefühlen - vor allen Dingen den negativen – besser umgehen kann.

Die Loslösung von Ihnen und der emotionalen Bindung, die wir trotz Virtualität miteinander aufbauen konnten, fällt mir deshalb so schwer, weil es mir noch nicht so richtig gut geht. Ich habe dann Angst, dass ich zu früh loslasse und mich dann aus Scham nicht mehr traue, später noch einmal einzusteigen.

Einerseits weiß ich, dass ich loslassen muss, um irgendwann mal wieder meinen eigenen Weg gehen zu können, auf der anderen Seite fällt es mir schwer, solange ich noch nicht das Gefühl habe, einen festen Boden unter den Füssen zu spüren.

Dass es zu emotionalen Verbindungen zwischen Therapeut und Patient bzw. zwischen Berater und Klient kommen kann, wusste ich aufgrund meiner eigenen Arbeit bzw. meines Studiums. Es ist ja auch eine wichtige Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Wenn die Chemie nicht stimmt, läuft nichts, höchstens aus Trotz, nach dem Motto, dem werde ich es schon zeigen.

Leider habe ich bisher überwiegend umgekehrte Erfahrungen gemacht. Vor allen Dingen im Studium, wurde von den StudentInnen in Selbsterfahrungsseminaren oder in der Supervision (die teilweise Pflicht waren) erwartet, dass sie sich öffnen und ihre Gefühle zeigen. Die Dozenten selbst haben sich dann oft hinter ihren dicken Mauern verschanzt und von sich sehr wenig preis gegeben. Das ist für mich eine einseitige Emotionalität, die auch noch eine doppelte Abhängigkeit schafft:
1. Glaube ich nun das, was er (oder sie) über mich gesagt hat?
2. Wie kann ich mich jetzt wehren, ohne dass ich durch den Kurs falle.
Mir ist es dann schon mal passiert, als ich mich in einem dieser Settings weigerte, meine Gefühle zu zeigen, dass mir dadurch mehr oder weniger gedroht wurde, nach dem Motto: Wenn sie ihre Gefühle unterdrücken, dann sind sie für den Beruf nicht geeignet, denn ich mache mir Sorgen um ihre Seele.

Pauf, der Hammer saß. Ich wusste ja aufgrund meiner Angstgeschichte, dass ich meine Gefühle oft unterdrücke. Ich brachte sie ja allzu oft mit der Angst in Verbindung, so dass ich lieber gleich alles negative in Schach hielt.
Seither entwickelte ich eine große Angst, mich entweder zu wenig zu öffnen und dann einen Fehler zu machen, oder zu viel und dann wieder einen Satz gesagt zu bekommen, der auf mich sehr bedrohlich wirkte.

Deshalb war ich trotz meiner großen Offenheit hier immer auf der Hut. Zwar habe ich Ihnen einen großen Vertrauensvorschuss gegeben, weil mir Ihre Beiträge gefielen und Ihre Einstellung zu dem Thema, aber aufgrund meiner Erfahrungen hatte ich auch immer die Alarmanlagen an. Irgendwann wurde das Vertrauen tiefer, so dass ich nicht mehr so ängstlich auf eine Antwort von Ihnen wartete. Auch gefiel mir ihr Ton, der sehr wohl über das Internet rüber kommt. Denn man kann auch geschriebenen Worten eine emotionale Betonung geben. Ich fühlte mich in der Regel verstanden und gefördert, aber auch schon mal „getadelt“ und aufgefordert, etwas zu ändern an meinen Einstellungen oder meinem Verhalten.

Ich dachte immer, man reift vor allen Dingen an den negativen Erfahrungen und ich bin froh, dass sich das Bild für mich langsam wandelt. Ich konnte hier eine positive Erfahrung machen und bin froh, dadurch wieder etwas mehr Vertrauen in die Psychoszene aber auch ins Leben zu gewinnen – auch wenn letzteres sehr stark damit verbunden ist, wie sehr ich mir selbst wieder vertraue.

Im Grunde bin ich ein positiv denkender Mensch, aber dies wurde mir oft zum Verhängnis. Pessimistisch bin ich vor allen Dingen dann, wenn ich mich klein und schwach fühle. Oder wenn ich Angst habe, über mich selbst hinauszuwachsen. Aber das ist glaube ich, die normalste Sache der Welt.

Deshalb ist es gerade dann wichtig, mit Menschen Kontakt zu haben, die eine absolut positive Grundeinstellung zum Leben haben. Und mit den Beiträgen aus Ihrer Familie und dem Stolz auf Ihre 5 Kindern, kommt das schon rüber.

Ich glaube, gerade für Angstpatienten ist es wichtig, dass jemand authentisch ist. Dass er nicht versucht, die Dinge zu beschönigen, aber auch nicht hingeht und alles zu dramatisch sieht.

Das Streben nach Mittelmaß, das von Ihnen rüberkommt, ist die Quintessenz, die ich aus der ganzen Beratung ziehe.

Insofern stimme ich Ihnen voll und ganz zu, wenn Sie schreiben:

„Ihre radikalen Lösungen – Entweder – Oder sollten zu einem Einerseits – Andererseits, zu einem Sowohl - Als auch werden.“

Auf dass mir dies in Zukunft gelingt

Bis bald

Kicki

P. S.: Eigentlich hatte ich den Beitrag heute morgen begonnen, um Ihnen davon zu erzählen, wie schlecht ich mich im Moment fühle. Im Laufe des Schreibens hat sich vieles wieder relativiert. Ich glaube ich sollte meine eigenen Beiträge am Tag 10 mal durchlesen, damit ich auch selber daran glaube, dass in mir im Moment nicht nur die Frustrierte und immer noch ein wenig Verzweifelte steckt, sondern auch die Motivierte und Optimistische.

 

Kicki  22.05.2001, 15:46:47

Nachtrag:

Mir wird so langsam bewusst, warum ich noch nicht nach draußen will.
Ich komme gerade vom Metzger und da hat es mich wieder erwischt, das Gefühl und hier hatte ich meinen direkten Zusammenhang.

Die Wunden, von denen ich glaubte, dass sie längst verhält wären, sind nun offener denn je.

Ich habe so viel darüber geschrieben und nachgedacht, so dass jetzt kein Verdrängen mehr funktioniert.

Beim Metzger war das Thema Sterben und die dazugehörigen Krankheiten das Thema. Das ist die Realität!!

Die Menschen reden über ihre Probleme und damit über das Leben mit allen Schattenseiten.

Wenn ich mich also der Realität wieder stelle, gibt es keinen Schutzraum mehr, da muss ich durch die Gefühle durch.

Ich bin so schnell wie möglich aus dem Laden raus und habe gesagt, dass ich damit im Moment nicht umgehen kann, weil ich ihre Erfahrung teile. Punkt aus.

Als meine Mutter und meine Tante gestorben sind, konnte ich viel darüber reden. Ich glaube damals war ich weniger emotional betroffen als jetzt, denn jetzt kommt die Realität immer mehr ins Bewusstsein.

Ich denke, auch das gehört zum Heilungsprozess.

In diesem Sinne

Kicki

 

Kicki  22.05.2001, 16:49:07

Nachtrag II

Und nun kommt das Happy End dieser kleinen Episode.

Ich bin noch mal in das Geschäft gegangen und habe mich bei der Metzgerin entschuldigt, dass ich so schnell abgehauen bin. Ich dachte mir, sie wollte ja schließlich auch nur über ihre Sorgen sprechen, denn ein Angehöriger von ihr liegt gerade im Sterben. Wir haben uns dann noch kurz darüber unterhalten und sie konnte mein Verhalten gut verstehen. Sie erzählte mir davon, wie ihr Vater gestorben war, auch an der gleichen Krankheit wie meine Mutter, und wie es ihr danach ging. Ich fühlte mich auf einmal dieser Frau, die ich vielleicht zwei mal in der Woche sehe, sehr nah und verließ irgendwie erleichtert das Geschäft.

So spielt das Leben nun mal. Im Grunde machen alle Menschen irgendwann mal die gleichen Erfahrungen. Ob sie sich nun als emotional stark fühlen oder nicht. Der Schmerz ist der gleiche!

In diesem Sinne

bis bald

Kicki

 

Hans Morschitzky  24.05.2001, 12:17:53

Hallo Kicki!

Ich habe Ihre Beiträge an zwei verschiedenen Tagen jeweils genau zur Gänze gelesen.

Ich sehe, dass ich bei Ihnen dort angelangt bin, wohin ich auch nach einer kürzeren Therapie in meiner Praxis kommen möchte: nach einer anfangs sehr aktiven Phase meinerseits ein wenig zurücklehnen, den Patientinnen bei der Darstellung Ihrer Erfolge, Lob und Ermutigung aussprechen, schließlich ein paar Anmerkungen machen und kritisches Feedback zur weiteren selbstgesteuerten positiven Entwicklung geben.

Sie haben z.B. erkannt, dass Sie bei der Mezgerin anfangs nicht aus "Agoraphobie" davon gelaufen sind, sondern um sich vor überflutenden Gefühlen zu bewahren.

Gehen Sie einfach davon aus, dass der Tod wichtiger Menschen - ebenso wie das Ende einer sehr wichtigen und früher erfüllenden Partnerbeziehung - 1-2 Jahre dauern kann, bis wirklich alles bewältigt ist. Dies ist doch normal angesichts des Umstandes, dass diese Personen im Leben vorher sehr wichtig waren.

Gleichzeitig können Sie daneben jedoch andere Dinge anfangen. Man muss nicht zuerst zwanghaft nur immer mit dem einen beschäftigt sein, bevor man den nächsten Lebensabschnitt beginnen kann.

Sie können sich noch immer psychisch krank fühlen, Sie können jedoch anfangen, alle Diagnosen, die wir früher verwendet haben (Agoraphobie, generalisierte Angststörung, Depression usw.) durch andere Wörter zu ersetzen.

Versuchen Sie es doch einmal, jede dieser diagnostischen Kategorien durch andere Beschreibungen und Bezeichnungen zu ersetzen - und Sie werden sich doch gleich weniger krank fühlen (siehe das Beispiel mit der Mezgerin).

Selbst in der Korrespondenz mit mir können Sie z.B. daran denken, dass Sie mir hier vielleicht auch später gerne einmal schreiben möchten, um mir und den Lesern etwas aus Ihrem Leben mitzuteilen. Sie müssen jedoch nicht am Forum festhalten aus "Verlustangst".

Die Thematik der Gefühle kennen Sie ja auch schon vom Studium her zur Genüge, wie ich gelesen habe.

Ich habe mein Psychologie-Studium in Innsbruck in den frühen 70-er Jahren begonnen. Ich werde die erste Vorlesungsstunde des Professors nie vergessen als er sagte:

"Wer keinen Humor hat, der sollte gleich wieder den Hörsaal verlassen, denn der wird nie ein guter Psychologe werden, weil er alles zu tierisch ernst nimmt und dann selbst Probleme bekommt."

Da dachte ich allen Ernstes daran, den Hörsaal zu verlassen. Heute bin ich froh, dass ich doch geblieben bin.

Wer immer so normal sein möchte, dass er überall als "angepasst" wirkt, ist auch schon nicht mehr "normal", sondern genormt, weil er sein Profil mit seinen Ecken und Kanten zugunsten eines gesellschaftlich erwünschen Idealbildes aufgegeben hat. Ist es nicht besser zu sagen: "Meine Schwächen machen mich liebenswert"? Ich muss nicht immer alles ändern und selbst können.

Gestern habe ich meinem 14-jährigen Sohn gesagt: "Bitte mach mich das mit dem Handy. Ich möchte das Nokia 3220 gegen das SIEMENS S 35 austauschen, weil es besser geht. Aber bitte mach Du mir alles, gib mir die Telefon-Nummern ein, sag mir dann, wie das Ganze geht, ich habe keine Zeit und Lust, das selbst mühsam zu lernen." Durch den Austausch der Simkarte musste ich gleich 5 Minuten später das Siemens-Handy betätigen, weil mich mein ältester Sohn angerufen hatte. Da ich mir nicht alles gemerkt hatte, was mir mein jüngerer Sohn in der Geschwindigkeit erklärt hatte, drückte ich in der Aufregung zweimal die falsche Taste, und schon war das Telefonat beendet, bevor es begonnen hatte. Mein 14-jähriger Sohn sagte ärgerlich: "Papa, Du bist blöd, wieso merkst Du Dir das nicht". Früher hätten mich solche Worte getroffen, heute sage ich mir, ich muss nicht alles selbst können.

Dies gilt auch für Patientinnen mit Angststörungen, vor allem Agoraphobie. Ersetzen Sie dieses Wort durch Ihr Bedürfnis, dies und jenes durch Ihren Partner erledigt zu bekommen, damit Sie erkennen können, was Sie wirklich selbst tun wollen.

Wenn Sie sich gerne von ihm in verschiedener Hinsicht betreuen und umsorgen lassen wollen, und er tut dies gerne, dann nennen Sie es zukünftig bitte nicht mehr "Agoraphobie".

Ich könnte mich auch als "technisch untalentiert" bezeichnen, und meine Söhne würden einiges für mich tun, was mir selbst zu fad ist. Ich sage einfach: "Mach mir das bitte. Es freut mich nicht, so lange die Bedienungsanleitung zu lesen".

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

Kicki  29.05.2001, 14:40:20

Lieber Herr Morschitzky,

nach einer kleinen Pause melde ich mich zurück.

Ich hatte gestern einen langen Bericht geschrieben und ihn dann doch noch einmal liegen lassen mit dem Hintergedanken, mal schauen, ob du morgen noch genau so drüber denkst. Und heute habe ich ihn tatsächlich wieder überworfen.

So in etwa könnte ich meine momentane Verfassung beschreiben, ich mache Fortschritte, habe aber immer noch die Unsicherheit im Nacken, ob es auch dabei bleibt. Da ich immer wieder zu diesem Punkt komme, habe ich mittlerweile den Verdacht, dass dies im Moment genau meine Lernaufgabe im Leben ist:

Zu lernen, damit zu leben
dass es jederzeit einen Rückfall geben kann
dass dies nicht bedeutet, dass alles vorher gelernte oder erarbeitete umsonst war
dass ich dann nicht liegen bleiben muss, sondern wieder aufstehen kann.

Ich habe zwar weiterhin Schwierigkeiten, alleine einkaufen zu gehe, dafür fange ich an, es weniger zu bewerten.

Doch auch dies gelingt mir nicht immer. Es kommt auf meine Tagesform bzw. meine aktuelle Verfassung an. Teilweise habe ich dann auch gar keine Lust, mich den ganzen Situationen zu stellen und lasse es dann auch.

Zum Teil mache ich diesmal eh alles anders als bisher. Dies kommt einerseits von meinem immer noch latent vorhandenen „Schwächegefühl“ – dem ich aber so langsam auch auf die Spur komme – und den Ergebnissen der Online-Beratung.

Ich denke wir haben sehr intensiv herausgearbeitet, dass ich phasenweise zu einem Perfektionismus Neige, aus Angst Fehler zu machen. So sehe ich das auch mit dem „Üben“ in Geschäfte gehen und so. Auch beim 10. Mal weiß ich intuitiv, dass ich wieder „heil“ herauskomme. Aber bisher stimmte das nicht. Es ging mir schon lange nicht mehr darum „heil“ aus dem Geschäft zu kommen, sondern ich wollte mit einem Erfolgsgefühl herauskommen „Ich habe es geschafft – jetzt wird alles gut“. Ich weiß ja jetzt, dass dies nicht unbedingt funktionieren muss. Denn es ging ja auch jahrelang gut, nach den ersten Panikattacken und dann wieder monatelang nach dem ersten Rückfall. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass jetzt alles „gut“ wird, dass ich jetzt mit einem Hops über jede Hürde des Lebens springe. Das funktioniert einfach nicht.

Zur Zeit ist es mir tatsächlich viel wichtiger meinen inneren Frieden wieder zu finden, nicht mehr so viel darüber nachzudenken, ob ich nun psychisch krank für mein ganzes Leben lang bin, sondern mir zuzugestehen, dass ich emotional überlastet bin und dies noch öfter in meinem Leben passieren kann.

Ich befinde mich tatsächlich irgendwie an einem Punkt null, wo ich wieder von vorne anfangen möchte. Doch der Weg hat sich geändert und hier bin ich noch keine Meisterin drin (wenn ich dies überhaupt werden möchte, denn dann setze ich mich ja wieder unter Druck).

Diesen Weg wollte ich eigentlich nie, auch nicht zu Anfang unserer Beratung. Ich wollte das gleiche wie früher, die Angst sollte weggehen und dann noch dazu, was ich unerträglich fand, dieses Gefühl von „Schwäche“ – körperlich und emotional.

Das emotionale Schwächegefühl haben wir ganz gut bearbeitet. Ich ziehe für mich daraus folgendes Resümee: Wenn viel von innen und außen in Bewegung kommt, schwappen die Emotionen über. Es dauert eine Zeit lang, bis sie sich wieder einpendeln, aber sie werden sich nie in einem absoluten Ruhestand befinden. Es ist wahrscheinlich eher wie ein „Perpetuum Mobile“, das sich, einmal in Bewegung geraten (durch die Geburt) immer weiter bewegt. Äußere oder innere Störungen bringen es in ein Ungleichgewicht und es kostet viel Kraft, wenn man das Mobile nun entwirren oder anhalten will, um die Emotionen wieder auf die richtige Bahn zu schicken. Dies habe ich am Anfang versucht, indem ich alle Emotionen unterdrückt habe. Die innere Anspannung war groß. Sie wurde noch verstärkt durch das ständige Fragen nach dem „Warum“ – warum bin ich so angespannt, obwohl ich dieses oder jenes getan habe, warum bin ich weiterhin so verwirrt, obwohl ich die Lösung schon gefunden habe usw.

An diesem langen Wochenende habe ich einfach die Emotionen zugelassen und sie von selbst pendeln lassen. Das war sehr abwechslungsreich: am Anfang war ich angespannt, dann mal traurig, mal wieder glücklich dann überschwänglich glücklich, zwischendurch war ich hundemüde dann wieder total fit ... vorgestern war ich dann einfach nur zufrieden mit Gott und der Welt, gestern war ich wieder unzufrieden und schon war die Spannung wieder da!

Erst war es ein äußerer Reiz, der mich wieder ins Ungleichgewicht gebracht hat. Ich hatte etwas hier auf der Internetseite gelesen, was mir nicht gefallen hatte, was mich verunsicherte und wieder ins Zweifeln brachte. Und dann war ich sauer auf mich selbst, dass ich es überhaupt gelesen habe. Dann habe ich mir vorgenommen, nicht mehr so viel bei anderen zu lesen, sondern mich nur auf mich selbst zu konzentrieren. Früher hat das immer funktioniert, wenn ich positiv drauf war, habe ich einfach das Negative negiert oder erst gar nicht an mich rangelassen. Wenn ich negativ drauf war, war es umgekehrt.

Doch so ganz funktioniert das nicht mehr. Denn am letzen Wochenende hatte ich wieder begonnen, mich der Welt zu öffnen, habe viel Besuch gehabt und bin mit meinem Besuch nach draußen gegangen mal zum Kaffeetrinken und mal zum Essen. Erst wollte ich so nah wie möglich an Zuhause bleiben (am liebsten wie immer in die Nachbarkneipe), musste aber aus Rücksicht auf die anderen, die die Nachbarkneipe nicht mehr sehen können, mich dann doch weiter in das Stadtzentrum reinwagen. Und es war wirklich schön. D.h. es war gemischt: Einerseits konnte ich wieder das schöne Stadtzentrum sehen, das die „heile Welt“ widerspiegelt mit seinen verschnörkelten Gebäuden, den spielenden Kindern und den Menschen, die einfach nur glücklich sind, dass es Sommer ist.
Andererseits waren da die Penner, für die es keinen Unterschied gibt zwischen Wochenende und Alltag, es sei denn es macht sich im Umsatz bemerkbar, da war der sichtlich psychisch kranke Mann, der aus der benachbarten Psychiatrie einen Spaziergang durch die Stadt wagte, da war das alte Ehepaar, das auf wackeligen Beinen an den Schaufenstern vorbei schlich, da war die Frau im Rollstuhl, die nicht so glücklich schien, weil sie wusste, dass ihr Mann viel Kraft brauchte, sie einen kleinen Hügel hochzuschieben und demonstrativ erst einmal eine Verschnaufpause einlegte ........

Was ich damit sagen möchte, wenn ich die Scheuklappen ablege und mich nach den schönen Dingen im Leben orientieren will, dann muss ich mir auch die weniger schönen Dinge ansehen und das tut weiterhin weh.

Ähnlich ging es mir dann auch mit der Internetseite hier: Wenn ich mich bei den anderen orientiere und mich darüber freuen will, dass sie „Fortschritte“ machen, muss ich auch akzeptieren, dass ich auf „Rückfälle“ stoße oder auf Menschen stoße, denen es noch nicht so gut geht.

Ich hatte immer gerne Vorbilder, an denen ich mich orientierte, wenn es mir nicht so gut ging. Aber diese Vorbilder durften nie schwach werden. Dann wurde auch ich gleich wieder schwach, weil ich dann glaubte, ich hätte mir nur was vorgemacht. Deshalb wollte ich auch ursprünglich keine Gruppentherapie machen. Aus Angst, es könnte einer mal in der Gruppe erzählen, dass er sich das Leben nehmen wolle, weil er keine Kraft mehr hat oder weil er es einfach satt hat mit den Ängsten zu leben, oder dass mir jemand von Symptomen erzählen könnte, die ich noch nicht kannte und die ich dann einfach übernehmen würde, wollte ich lieber einen Therapeuten für mich alleine haben, der mir immer nur sagt, dass es besser wird und dass ich schon ganz schön viele Fortschritte mache.

Es fiel mir auch am Anfang schwer, in der Gruppe zu erzählen, dass ich einen Rückfall hatte, weil ich dachte, ich würde die anderen dann entmutigen, weil ich doch vorher so gut drauf war und als „Vorbild“ dienen wollte.

Es funktioniert nicht mehr, der alte Mechanismus hat ausgedient. Vorbilder sind gut und wichtig und machen Hoffnung. Aber ein Vorbild muss auch Schwächen zeigen können, selbst wenn es mir Angst macht, muss ich es akzeptieren. Wichtig ist für mich, dann ganz nah bei mir zu bleiben und zu überlegen, was ich daraus lernen kann. Aber die Augen zumachen davor kann ich nicht.

Ähnlich sehe ich es auch mit meinem Schreiben hier im Forum. Ich kann nur dann über meine Fortschritte berichten, wenn ich mir auch selbst eingestehe, in schlechteren Phasen darüber zu schreiben, dass etwas nicht funktioniert hat.

Sie haben ja immer geschrieben, dass es wichtig ist, ein besseres Lebensgefühl zu bekommen und nicht, dass man angstfrei durch´s Leben geht.

Ich fange langsam (wenn auch wirklich sehr langsam) an, dies zu akzeptieren. Deshalb übe ich auch jetzt nicht wie früher so viel – es fällt mir ja auch schwer, weil ich durch die lange Isolation erst mal wieder anfangen muss, die äußeren Reize zu verarbeiten.

Doch wenn ich Lust habe, raus zu gehen, weil das Wetter gut ist und ich es nicht mehr ertrage in der Wohnung zu sitzen, dann gehe ich raus. Wenn mein Mann die Nase voll hat, immer nur in der Nähe etwas zu unternehmen, dann wage ich mich auch mit ihm in die Stadt. Wenn ich einen wichtigen Termin habe, den ich einhalten muss, bestelle ich mir entweder die Leute nach Hause, oder ich fahre mit dem Taxi hin. Dabei bleibt mir natürlich bewusst, dass ich auch die anderen Dinge irgendwann wieder lösen muss, aber bitte schön der Reihe nach. Ich setzte jetzt einfach Prioritäten.

Das Autofahren ist mir wichtig, deshalb verwende ich lieber meine Kraft darauf, als mit dem Bus zu fahren. Wenn ich kein Auto habe, fahre ich Taxi. Wenn ich mich wieder emotional stärker fühle, fange ich auch wieder an mit dem Busfahren.

Dann wird mir langsam aber sicher bewusst, dass ich etwas für meine körperliche Fitness tun muss. Denn der Körper hat unter den ständigen Anspannungen stark gelitten. Er verhält sich jetzt nicht wie ein Flummi und sagt, prima jetzt geht es langsam aufwärts, also werde ich jetzt bedingungslose Fitness und Kraft spenden, damit es noch schneller geht. Nein, er ist sauer, dass ich ihn so lange nicht beachtet habe und lieber rumgehangen habe, anstatt mich zu bewegen. Die Beinmuskulatur ist meiner Meinung nach ganz schön geschwächt, das merke ich, wenn wir zu Fuß irgendwo hingehen, die Rückenmuskulatur ist stark verspannt und weist bestimmt einige Knoten auf und mein Kreislauf ist auch am Ende.

Also möchte ich es für heute nicht nur beim guten Vorsatz lassen, sondern eine Runde Bügeln. Auch das ist Bewegung, wenn auch nicht an der frischen Luft. Aber das kommt auch noch.

Jetzt habe ich mich inhaltlich gar nicht auf Ihren letzen Beitrag bezogen, aber ich merke, dass er trotzdem Wirkung gezeigt hat:

Ich gönne es mir tatsächlich die Dinge langsam anzugehen. Ich gestehe mir zu, bei meinen Fortschritten, auch Rückfälle zu erleben und ich gestehe mir zu, dass ich weder jetzt noch später alles können muss. Aber ich fange wieder an, mich nach außen zu orientieren und mache mir dabei so meine Gedanken, die mehr mit der Realität zu tun haben, als mit neurotischen Ängsten.

Wenn ich etwas sehe, was mir nicht gefällt, oder wovor ich Angst habe, versuche ich nah bei mir zu bleiben und mir zu sagen, da will ich nicht hin. Also distanziere ich mich auch ein Stück weit, ohne es zu negieren oder zu sagen, das könnte mir nie passieren. Alles könnte mir passieren, selbst dass ich von einem Stein erschlagen werde, denn es gibt Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe, aber dafür muss ich es nicht mehr heraufbeschwören.

Das war´s für heute.

Viele liebe Grüße

Kicki

 

Hans Morschitzky  31.05.2001, 19:15:56

Liebe Kicki!

Anlässlich der aktuellen Ereignisse greife ich heute aus Ihrem Brief einen einzigen Punkt heraus:

> Aus Angst, es könnte einer mal in der Gruppe erzählen, dass er sich das Leben nehmen wolle, weil er keine Kraft mehr hat oder weil er es einfach satt hat mit den Ängsten zu leben, oder dass mir jemand von Symptomen erzählen könnte, die ich noch nicht kannte und die ich dann einfach übernehmen würde, wollte ich lieber einen Therapeuten für mich alleine haben, der mir immer nur sagt, dass es besser wird und dass ich schon ganz schön viele Fortschritte mache.

Diese Feststellung ist ein gutes Beispiel dafür, warum für Sie eine Gruppentherapie sehr wohl gut sein kann: Sie müssen lernen, sich auf jemand einzulassen, indem Sie sich von ihm abgrenzen! Dies gilt auch für den Fall, dass Sie einmal Mutter werden sollten. Wenn Sie das geschafft haben, haben Sie das Grundproblem einer generalisierten Angststörung gelöst, wenngleich es ganz normal ist, dass man öfter dennoch wieder "anfällig" und "rückfällig" ist, was zu viele Sorgen machen betrifft.

Durch Vermeiden, Ausweichen, Ohren und Augen zu, nichts Neues riskieren wird man das Problem unkontrollierbarer Sorgen und Befürchtungen jedenfalls nicht lösen. Dann stellt das Leben halt andere Aufgaben, wenn man nicht an selbst gesteckten Zielen trotz Angst festhält. Es wird also immer etwas passieren. Die Frage ist nur: das, was man selbst will, oder das, was dann "halt einfach so" passiert?

Aus dem Umstand, dass sich jemand wirklich suizidal fühlen könnte, folgt bei Ihnen dann vielleicht die Angst, es könnte Ihnen ähnlich gehen, wenn schon jemand, der Ihnen bisher gar nicht so psychisch auffällig erschienen ist, plötzlich lebensüberdrüssig wird.

Dies ist ein typisches Beispiel für jemand mit einer generalisierten Angststörung. Weil sich ein Mitmensch derart unkontrolliert/unkontrollierbar verhält, bekommt man plötzlich selbst Angst vor einem derartigen Kontrollverlust. Man bekommt Angst, dass man selbst auch Selbstmordgedanken bekommen könnte (obwohl man vorher keine hatte!).

Was glauben Sie, warum ich gerade auf diesen Punkt aus Ihrem Brief besonders eingehe?

Ich war von Anfang an, als ich über einen tragischen Selbstmord in einem anderen Forum gelesen hatte, überzeugt davon, dass dies bei Ihnen unkontrollierbare Ängste vor Selbstmordgedanken auslösen könnte.

Wenn es stimmt, bestätigt dies die Diagnose einer generalisierten Angststörung mit ständiger Angst davor, die Kontrolle zu verlieren (wo die Agoraphobie nur ein Teilaspekt davon ist, weil beschränkt auf befürchtete Panikattacken).

Warum denn - falls Sie tatsächlich zumindest kurzfristig plötzlich entsprechende Ängste vor Selbstmordgedanken haben bzw. gehabt haben - sollten Sie plötzlich depressiver als früher geworden sein, um entsprechend zu denken?

Und plötzlich sieht man sich schon in der Psychiatrie, eingesperrt, um sich vor Schaden zu bewahren, niedergespritzt, dass man zu nichts mehr fähig ist, auch nicht zu einer Selbstmordhandlung. Einerseits beruhigend, andererseits erst recht sehr angstmachend.

Jeder kann einmal in einer Ausnahmesituation das Gefühl haben, dass das weitere Leben sinnlos ist, dennoch würde man sich gewöhnlich nichts antun.

Leute mit einer generalisierten Angststörung sind jedoch wie Menschen mit Zwangsgedanken: wenn man denkt, etwas Unheilvolles könnte passieren, darf man es nicht denken, sonst könnte es wirklich passieren - oder man muss gleichsam als eine Art der Problemlösung so lange darüber nachdenken, dass man denkt, jetzt hat man so lange darüber nachgedacht, dass dann hoffentlich nichts Negatives passiert. Ein schöner Denk-Stress ist das, um damit zurecht zu kommen, dass jemand anderer sich das Leben genommen hat.

Was denken Sie dazu im Lichte der Ihnen bekannten Ereignisse? Hat dies bei Ihnen entsprechende Ängste ausgelöst?

Wenn ja, dann spricht dies für die bereits geäußerte Vermutung einer generalisierten Angststörung und nicht für eine schwere Depression. Denn Sie hätten dann ja keine Selbstmordgedanken, sondern "nur" Angst davor.

Mit lieben Grüßen!

Hans Morschitzky

 

Kicki  04.06.2001, 18:21:52

Lieber Herr Morschitzky,

ich starte mal wieder einen neuen Versuch, Ihnen zu schreiben. Obwohl ich Ihnen auf Ihren letzen Beitrag direkt antworten wollte, weil es ja tatsächlich ein aktuelles Ereignis gegeben hatte, das mich beunruhigte, gelang es mir nicht, weil mir immer wieder die Kraft flöten ging.

Mittlerweile hat es sich für mich als sehr hilfreich gezeigt, max. einmal in der Woche einen Beitrag zu schreiben. Ich könnte mir auch gut vorstellen, den Zeitabstand in Zukunft noch mehr auszuweiten, je nach persönlichem Empfinden.

Ihre letzte Antwort hat mich in mehrfacher Hinsicht ins Denken gebracht und die dementsprechenden körperlichen Reaktionen forciert. Im ersten Moment war ich wie erschlagen, auch wenn Sie mich im Grunde genommen ja hauptsächlich beruhigen wollten. Dann war ich erleichtert und mir schossen sofort die Tränen in die Augen, aber es waren zum Glück Tränen der Erleichterung.

Mein anschließender Aktivismus, im Sinne aller Mitlesenden bzw. anderer Betroffener, die auch durch den Selbstmord von Karinas Mann verunsichert wurden, die Sache für mich zu klären, scheiterte an einem enormen Ausholbedürfnis. Dabei stellte ich fest, dass diese fixe Idee, ich könnte mir irgendwann in einer Kurzschlussreaktion selbst etwas antun, von so vielen falschen Gedankengängen begleitet wurde, dass es müßig wäre, diese hier alle aufzuführen.

Es ist vielleicht auch wirklich nicht so wichtig eine detailgenaue Ursachenforschung zu betreiben, sondern lieber den Tatsachen ins Auge sehen, dass Ereignisse, vor denen man selbst Angst hat(te) und nun davon hört oder liest, zu wenig hilfreichen Gedankengängen führen kann, wenn man das Ereignis auf sich selbst projiziert.

(Irrelevantes gelöscht)

So ging es mir ja auch beim letzen mal, als mir die Ärzte meine Nebenwirkungen auf ein Medikament nicht glaubten. Damals hatte ich massive Angst, ich könnte aus dem Fenster springen. Verstärkt wurde dies noch durch meine Gedanken, dass ich keinen Sinn mehr im Leben fand und dabei nicht nur meine eigenen Probleme als unlösbar ansah, sondern mich auch noch wunderte, warum Menschen überhaupt durch Schmerz und Leid gehen und trotzdem dem ganzen kein Ende setzen. Ich hatte in dieser Zeit – es bezog sich hauptsächlich auf die Tage während der Einnahme des Medikamentes und ca. 10 Tage nach Absetzen desselben – max. eine halbe Stunde am Tag, in der ich keine Nebenwirkungen wie Unruhe, Angst und vor allen Dingen eine extreme Anspannung verspürte. Doch in genau dieser halben Stunde schöpfte ich Hoffnung, dass wenn das Medikament meinen Körper ganz verlassen hat, ich zumindest wieder eine Basis finden werde, mit den Geschehnissen umzugehen. Zum Glück fand ich dann auch irgendwann eine Ärztin, die mir meine Empfindungen als Nebenwirkungen bestätigte.

Aus heutiger Sicht, würde ich diese Angst vor Selbstmord bzw. vor einer Kurzschlussreaktion als eine Gegenangst auf meine damalige nicht nur emotionale, sondern auch körperliche schlechte Verfassung sehen. Denn auf einmal hatte ich mehr Angst vor dem Leben – weil es mir so anstrengend vorkam - , als vor dem Tod. Einerseits war ich nun erleichtert, dass ich jetzt nicht mehr so viel Angst vor dem Tod hatte, auf der anderen Seite beunruhigte mich der Zusammenhang, mit dem dieser Gedanke in Verbindung stand. Seine Angst vor dem Tod zu verlieren, bedeutet ja ein Stück Freiheit, da man dann nicht mehr auf Schritt und Tritt aufpassen muss, dass einem nichts passiert. Dies lässt einen dann etwas gelassener durch das Leben gehen. Also dachte ich mir dann auch irgendwann, egal was du jetzt tust, es ist auf jeden Fall besser, als deinem Leben ein Ende zu setzen, bevor du ausprobiert hast, ob es auch andere Wege gibt, als die, die du bisher beschritten hast. (An dieser Stelle entstand für mich das erste mal die Frage, ob ich überhaupt ein Kind möchte, oder ob ich mich lediglich meinem Mann und meinen früheren Erwartungen an mich selbst verpflichtet fühle.)

Einen weiteren Halt fand ich im Glauben. Da es gerade Ostern war, setzte ich mich sehr intensiv mit dem Thema Leben und Sinn des Lebens auseinander. Vor allen Dingen orientierte ich mich am Christentum bzw. der Bibel im allgemeinen. Die entscheidende Antwort auf meine innere Frage, warum die Menschen ihrem Leben trotz Not und Leid kein Ende setzen, war zunächst die religiöse Einstellung, dass man als gläubiger Mensch sein Leben annehmen muss, auch wenn es schwer ist, und sich nicht selbst das Leben nehmen darf. Auch wenn ich mir dann wieder von außen eine Norm auferlegt hatte, hat sie mir Halt gegeben. Etwas später, nachdem ich mir die Situation mit etwas mehr Abstand betrachten konnte, wurde mir klar, dass egal, ob ein Mensch nun gläubig ist oder nicht, wir nicht mehrere Leben zur Verfügung haben, so dass wir das eine, das vielleicht gerade nicht gut läuft, frühzeitig beenden können.

Was das Thema Selbstmord betrifft habe ich eine ganz große Berührungsangst, weil kurz nachdem ich in meine Wohnung hier eingezogen bin, ein Mann gegenüber aus dem Fenster gesprungen ist. Später hörte ich dann, dass in dem Haus noch mehr Menschen gesprungen sind (angeblich Nachahmereffekt).

Kurz vor meiner letzten Krise haben mir unabhängig voneinander zwei vorher – wie sie schon treffend erkannten – nicht psychisch auffällige Menschen mitgeteilt, dass sie sich in einer schlimmen Krise befinden, und mit suizidalen Gedanken tragen, als Konsequenz falls sie keine Lösung für ihr Problem finden. Dies hat mich sehr geschockt, da ich tatsächlich Angst bekam, dass mir dies auch einmal passieren könnte, zumal meine Angst vor Selbstmord in einem direkten Zusammenhang mit einer Angst vor Depressionen stand und ich in meinem ersten Rückfall ein Jahr zuvor, das erste mal in meinem Leben in ein so tiefes schwarzes Loch gefallen war, dass ich glaubte, unter einer Depression zu leiden. Verstärkt wurde mein Eindruck damals, weil ich zur schnelleren Regeneration das erste mal Medikamente einnahm, die ja nicht nur gegen Angst eingesetzt werden, sondern auch bei Depressionen helfen sollen. Auch damals waren die Nebenwirkungen so stark, dass ich das erste mal die Angst spürte, ich könnte durchdrehen und aus dem Fenster springen. Die schon fast vergessenen Gefühle von damals kamen in den Gesprächen mit den betreffenden Personen wieder hoch und noch nicht mal zwei Wochen später kamen sie in Form meiner zunächst beruflichen Krise zurück. Der Rest ist ja bekannt.

Dass es in der Therapie schon mal in Krisensituationen zu solchen Äußerungen kommt, damit hatte ich mich nach fast 2 Jahren Gruppentherapie schon so gut wie abgefunden. Hier wusste ich ja auch, die Menschen sind in psychologischer Betreuung. Somit schob ich einen Teil der Verantwortung, der betreffenden Person zu helfen, dem Therapeuten zu bzw. ich beobachtete seine Reaktion, wenn das Thema aufkam und handelte selbst dementsprechend.

(Irrelevantes gelöscht)

Dann habe ich mich an die Aussage eines Psychiaters erinnert, als ich als Kind meine Großmutter in der Psychiatrie besucht hatte. Eine Frau war auffällig gewalttätig und aus meiner heutigen Sicht psychotisch. Sie wollte mich immer in ihr Zimmer ziehen, die Story habe ich - glaube ich schon mal im Forum erzählt. Meine Mutter fragte dann später den Arzt, warum diese Frau auf der Station sei, wo doch alle anderen unter Depressionen leiden würden und sich mit Sicherheit so noch unwohler fühlen. Da meinte der Arzt nur, dass er damit den anderen Mitpatienten einen Ansporn geben möchte, nicht so zu enden.

Irgendwie dachte ich mir dann. Wenn ich so viel Angst vor Selbstmord habe und ich