Dr. Hans Morschitzky

Klinischer Psychologe, Psychotherapeut

Verhaltenstherapie, Systemische Familientherapie

A - 4020 Linz,  Hauptplatz 17,    Tel. / FAX   0043  (0)732  77 86 01

Homepage:  http://www.panikattacken.at    E-Mail:  hans.morschitzky@aon.at 

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Petra Wachter - Depersonalisation

 

 

Petra Wachter 24.04.2001 - 23:39

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


ich leide seit 3 Jahren unter Angst- und Panikzuständen. Mein Hauptproblem dabei ist ein ständiges Unwirklichkeitsgefühl. Dieses Unwirklichkeitsgefühl habe ich von morgens bis abends und belastet mich sehr. Mittlerweile haben mir schon einige Menschen geschrieben, die dieses Unwirklichkeitsgefühl ebenfalls kennen. Dennoch würde ich nochmals von einem Experten wissen wollen, ob es "normal" ist, dass dieses Gefühl immer da ist.

 

Letztes Jahr im Sommer war ich in der Klinik Roseneck am Chiemsee. Dort konnte mir jedoch auch nicht geholfen werden. Mein Therapeut fragte mich ständig, was denn so schlimm an diesem Gefühl wäre und meinte, solange ich es nicht beeinflussen kann, könne man mir auch nicht helfen. Man riet mir schließlich zu der Einnahme von Antidepressiva (Fluctin). Habe dieses Medikament aber nicht vertragen. Mir ging es miserabel und ich bekam sogar eine Panikattacke. Schließlich wurde mir empfohlen Neuroleptika zu nehmen, was ich aber abgelehnt habe. Seit 2 Jahren mache ich eine Psychotherapie bei einem Tiefenpsychologen. Ich habe gelesen, dass sie beides (Verhaltens- und Tiefenpsychologie) miteinander vereinbaren. Mein Therapeut meint allerdings Verhaltenstherapie wäre was für Affen. Er befürwortete auch nicht, dass ich nach Roseneck gehe. Letztendlich bin ich verunsichert, da sowohl mein Klinikaufenthalt (Verhaltenstherapeuten) als auch meine Therapie (Tiefenpsychologie) nichts an meinen Zustand verändert. Nebenbei habe ich auch die Symptome wie in Ohnmacht fallen, Kontrollverlust usw. Was kann ich Ihrer Meinung machen? Bin ich ein hoffnungsloser Fall?
Im Voraus vielen Dank für Ihre Antwort.
Petra Wachter

 

 

Hans Morschitzky 25.04.2001 - 0:57

Hallo Petra!

Auf so jemand wie Sie habe ich in diesem Forum schon lange gewartet!

Ich halte viel von der Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee, aber offensichtlich kochen doch alle nur mit Wasser.

Wie ich merke, sind Sie jetzt stark verunsichert.

Ich werd mich Ihrer sehr annehmen im Rahmen einer ausführlichen Online-Beratung, wenn Sie dazu bereit sein sollten, unsere Korrespondenz für ein geplantes Internet-Buch Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen freizugeben. Ihr Problem kommt häufiger vor, als Sie glauben. Sie sind damit nicht allein, sondern in bester Gesellschaft.

Lesen Sie bitte vorerst einmal:

panikattacken.at/depersonalisation/depers.htm

Ich habe schon viele Leute wie Sie erfolgreich behandelt!
Zuerst jedoch müssen Sie sich verstehen, bevor Sie sich ändern können.

In einem sind wir uns doch klar: ein Unwirklichkeitsgefühl (Depersonalisation als Entfremdung sich selbst gegenüber, Derealisation als Entfremdung der Umwelt gegenüber) hat absolut nichts mit Schizophrenie zu tun! Da sind wir uns doch einig, oder?

Depersonalisation ist nach dem amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-IV eine so genannte "dissoziative Störung", d.h. eine Abspaltung von sehr unangenehmen Gefühlen.

Dieses Phänomen kommt sehr häufig bei Menschen mit Panikattacken und/oder posttraumatischen Belastungsstörungen vor.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

 

Petra Wachter 25.04.2001 - 23:32

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


erst einmal möchte ich mich für Ihre schnelle Antwort bedanken. Dass das Unwirklichkeitsgefühl nichts mit Schizophrenie zu tun hat ist mir klar. Das ist auch nicht mein Problem. Ich kann klar denken, ich arbeite und ich kümmere mich um meine Familie. Allerdings mit einem großen Unterschied: Ich fühle, als sei ich in einem Kino und alles was ich tue und sehe, sind Szenen, bei denen die Kamera vorgibt, den Standpunkt einer Figur einzunehmen: ich sehe, was die Kamera sieht. Etwas kompliziert ausgedrückt, aber ich glaube gut vorstellbar.

 

Unter diesem Unwirklichkeitsgefühl einschließlich den anderen Symptomen einer Angsterkrankung leide ich sehr, deshalb bin ich an einer Beratung ihrerseits sehr interessiert. Im Gegenzug bin ich auch damit einverstanden, dass unsere Korrespondenz im Internet-Buch veröffentlicht wird.

Mit freundlichen Grüßen

Petra Wachter

 

Hans Morschitzky 27.04.2001 - 8:03

Hallo Petra!

Vielen Dank für Ihre Bereitschaft, an dem von mir geplanten Projekt eines Internet-Buches zur Online-Beratung bei Angst- und Panikstörungen teilzunehmen. Ihre Anonymität bleibt dabei voll gewahrt.

Ich habe kein Bedürfnis, über den Weg des Internets eine bessere Therapie anzubieten, als tatsächlich passiert, denn gerade dies ist so nicht möglich!! Ich kann nur eine Online-Beratung anbieten. Therapien gibt es anderswo.

Ich möchte also hier nicht mit meinen BerufskollegInnen in Konkurrenz treten, habe aber gerade z.B. bei der Thematik der Depersonalisation den Eindruck bekommen, dass alle nur mit Wasser kochen (ich auch!).

Es gibt gegenwärtig kein einheitliches Behandlungskonzept für die Behandlung einer Depersonalisationsstörung. Die Mehrzahl der Fachleute meint, man müsse nur die Grundstörung psychotherapeutisch und/oder pharmakotherapeutisch behandeln, dann werde früher oder später auch die Depersonalisation verschwinden.

Sie, liebe Petra, sind nun ein lebendiges Beispiel dafür, dass dies nicht der Fall ist. Es könnte sich daher lohnen, dass wir hier gemeinsam nach Wegen suchen, wie Sie besser damit zurecht kommen könnten, vielleicht auch mit Hilfe anderer Betroffener, die dann diesbezüglich Stellung nehmen können, was Ihnen geholfen hat, damit besser zurecht zu kommen.

Darf ich Ihnen zum näheren Kennenlernen auch noch folgende Fragen stellen:

Kann man bei Ihnen einen früheren Drogenmissbrauch ausschließen?


Kann man bei Ihnen auch eine posttraumatische Belastungsstörung ausschließen?

Kann man bei Ihnen auch eine Depression oder eine depressive Anpassungsstörung ausschließen?

Ich möchte nichts übersehen, mir ist diesbezüglich schon zu viel untergekommen.

Mit besten Grüßen einstweilen und nochmals vielen Dank, dass Sie auch im Interesse anderer Betroffener bereit sind, mit mir darüber zu korrespondieren.

Hans Morschitzky



Petra Wachter 29.04.2001 - 13:44

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

ich hoffe natürlich sehr, hier vielleicht einen Weg zu finden aus meiner "Unwirklichkeit" herauszukommen. Ich werde Ihnen nun auf Ihre Fragen antworten. Um mich besser kennen zu lernen, hier zunächst die Diagnose bei Entlassung aus Roseneck:

Panikstörung mit Agoraphobie (DSM-IV 300.01)
Anpassungsstörung mit depressiver Verstimmung (DSM-IV 309.00)
Derealisationssyndrom (ICD-10 F48.1)

Diagnose (Psychotherapeut): phobisch getönte Angstneurose

a) Drogenmissbrauch: Ich nehme keine Drogen. Mit 17 habe ich mal einen Joint geraucht und hatte danach für eine Stunde einen totalen Blackout. Ich habe seitdem keine Droge angerührt. Im weiteren Sinne: ich rauchte bis vor 3 Jahren und ich trinke abends ganz gerne ein Bier oder ein Glas Wein.

b) Posttraumatische Belastungsstörung: kann ausgeschlossen werden

c) Depression: Meiner Meinung nach leide ich nicht unter einer Depression. Dies meint auch mein Therapeut. In Roseneck meinte allerdings Herr Professor Fichter, dass ich möglicherweise unter einer lavierten Depression leiden könnte. Zitat aus dem Diagnosebericht: "Aufgrund der Möglichkeit, die Symptome diagnostisch auch als lavierte Depression aufzufassen, entschloss sich die Patientin zu einer medikamentösen antidepressiven Behandlung. Es wurde mit der Patientin auch die Möglichkeit einer neuroleptischen Medikation zur Verbesserung der Derealisationssymptomatik besprochen." Auf mein Nachfragen hin, wieso Depression, davon war seit meiner Erkrankung nie die Rede, meine Herr Dr. Fichter, dass meine Familiengeschichte diese Ansicht zulasse (Mutter: Hatte Depression, Großvater: Selbstmord, Cousin 3. Grades: Selbstmord) Ich selbst bin eigentlich bisher immer ein fröhlicher Mensch gewesen und heute noch bin ich lebensbejahend und möchte mein Leben genießen - wenn da nicht ........

d) Anpassungsstörung: Als ich die Diagnose von Roseneck eben durchlas, war ich selbst erstaunt, dass da was von Anpassungsstörung stand. Ich weiß nicht genau, was das sein soll. Vermute aber, gemäß des Arztbriefes unter dem Punkt Psychotherapeutische Beurteilung: "Der Patientin gelang es während des Aufenthaltes nur sehr allmählich und in Maßen, eine stärkere Akzeptanz der körperlichen Reaktionen der Panikstörung und des Derealisationsphänomens zu entwickeln. Es gelang der Patientin zwar, die Bedrohlichkeit der Beschwerden zu reduzieren, sie empfand jedoch auch bei Entlassung keine Besserung der Derealisationssymptomatik."

Ich hatte allerdings auch den Eindruck, dass die Therapeuten nicht so recht wussten, wie sie mit dem Phänomen umgehen sollten. Ich wurde immer gefragt, ob ich das Unwirklichkeitsgefühl beeinflussen kann. Denn dann gäbe es auch eine Möglichkeit es zu verstärken, aber eben auch zu reduzieren. Alles war ziemlich fokussiert auf die Expo-Tage und auf Konfrontation. Bei mir waren aber wenig Angriffspunkte (Leider, denn ich war für alles bereit) zu finden.

Ein Letztes noch: Ursache/Auslöser für meine Krankheit nach Roseneck: Vor meiner 1. Panikattacke ist viel zusammengekommen: gute Freundin an Krebs gestorben, Vater gestorben, selbst Krank: starke Bronchitis, Schulratsbesuche, 2 Kinder, "Alltagsehe". Ich habe dies allerdings alles nie so als Stress empfunden. Ich arbeite gerne und "Action" habe ich selten als negativ begriffen.

Mein Therapeut: unbewältigte Kindheit, verschüttete Gefühle, belastender Seelenmüll: "Die Wahrheit über unsere Kindheit steckt in unserem Körper, wir können sie zwar unterdrücken, aber nicht verändern. Unser Intellekt kann irregeleitet, unsere Gefühle können manipuliert werden ..Aber eines Tages wird uns unser Körper die Rechnung präsentieren, denn er ist ebenso unbestechlich wie ein Kind, das in der Ganzheit seines Geistes weder Kompromisse noch Entschuldigungen akzeptiert, und er wird uns so lange quälen, bis wir aufhören, der Wahrheit entrinnen zu wollen. (Margaret Atwood, True Storie)

Viele Grüße

Petra Wachter

 

 

Hans Morschitzky  04.05.2001, 22:51:21

 

Hallo Petra!

Depersonalisation kann man nur verstehen, wenn man den Begriff der Dissoziation (d.h. Abspaltung) versteht, denn es handelt sich um eine Abspaltung von unangenehmen Gefühlen, Vorstellungen usw., oft im Sinne eines Überlebensschutzes oder als Schutz vor Überflutung zu vielen unbewältigbaren Gefühlen verstanden.

Es ist daher kein Zufall, dass die Begriffe Depersonalisation und Dissoziation gerade durch die in den letzten Jahren erfolgte verstärkte Beachtung der posttraumatischen Belastungsstörung eine neue Renaissance erfahren haben.
Lesen Sie daher auch den Beitrag:

panikattacken.at/posttraumatische_belastungsstoerung/ptsd.htm

Vorerst einmal gebe ich Ihnen und allen anderen interessierten Lesern den folgenden Text aus meinem Buch "Somatoforme Störungen" bekannt:

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der französische Psychiater Janet, ein Schüler von Charcot, das Konzept der Dissoziation als Erklärungsmodell zur Entstehung hysterischer Phänomene. Mit "Dissoziation" bezeichnete er den Verlust der bewussten Kontrolle über Teilbereiche des Verhaltens und des Gedächtnisses. Hysterische Symptome erklärte er durch abgespaltene (dissoziierte) Aufmerksamkeits- und Bewusstseinsprozesse. Er verstand die Hysterie als eine Störung der personalen Einheit.

Janet wies zwar auf die unbewussten dissoziierten Erinnerungen an traumatische Ereignisse als wichtige Auslöser hysterischer Symptome hin, er hielt jedoch die Hysterie grundsätzlich für eine vererbte Degeneration des Zentralnervensystems und damit für eine primär hirnorganische Störung. Er sah alle dissoziativen Störungen als Ausdruck von Schlafwandeln (Somnambulismus), d.h. von hypnoiden und tranceähnlichen Zuständen, was für ihn das charakteristische Merkmal der Hysterie darstellte.

Janet brachte die Hysterie in einen engen Zusammenhang mit der Hypnose. Nach neueren Auffassungen wird Hypnose als kontrollierte und strukturierte Dissoziation bezeichnet – im Gegensatz zu den unkontrollierten Symptomen dissoziativer Störungen.

Janet nahm – wie bei allen Neurosen – bei der Hysterie eine Psychasthenie als Grundlage an, d.h. eine Schwächung und einen Ausfall des psychischen Organismus. Jeder Mensch sei konstitutionell mit einer bestimmten Menge "nervöser" Energie ausgestattet, die alle mentalen Prozesse und Funktionen zusammenhalte und steuere. Wenn ein Defizit vorliege, das entweder angeboren sei oder erworben durch den Energieverschleiß als Folge eines psychischen Traumas, könne die normale Integration der Persönlichkeit aufgelockert werden und eine Störung der Erinnerung, der Wahrnehmung, des Willens usw. entstehen. Die psychischen Merkmale der Hysterie bestehen nach Janet in folgenden Symptomen: Anästhesien, Amnesien, Abulien (Willensschwäche), Bewegungsstörungen, Charakterveränderungen.

Janets Konzept der Dissoziation verlor an Bedeutung durch die Ausbreitung der Psychoanalyse, die das Modell der Verdrängung als aktiven Vorgang propagierte (Konversion als rein psychischer Prozess).

Der Begriff der Dissoziation wurde erst 1952 in das amerikanische psychiatrische Diagnosesystem DSM-I zur Bezeichnung von psychogenen Bewusstseinsstörungen (z.B. von Amnesie und Fugue, d.h. Umherwandern in einem hysterischen Dämmerzustand) aufgenommen.

Bald verstand Freud die Hysterie nicht mehr als Reaktion auf ein äußeres Ereignis, sondern verursacht durch einen inneren Konflikt, letztlich durch die pathologische Wiederbelebung des Ödipuskomplexes. Die Hysterie wurde als das Ergebnis psychischer Verdrängungs- und Abwehrprozesse interpretiert. Dabei favorisierte er nicht das Modell der Dissoziation von Janet, sondern das Modell der Verdrängung.

Die Bevorzugung des Modells der Konversion gegenüber dem Konzept der Dissoziation hing bei Freud in zentraler Weise mit seinem Triebmodell zusammen. Die Hysterie sowie hysterische Symptome beruhten demnach auf Fixierungen in der ödipalen (oder auch genitalen) bzw. sogar prägenitalen Phase der Triebentwicklung (im 3. und 4. Lebensjahr).

Hysterische Symptome bei Erwachsenen sind nach dem frühen psychoanalytischen Konversionsmodell primär bedingt durch ungelöste frühkindliche emotionale Konflikte sexuell-ödipalen Ursprungs. Mit einem derartigem Konversionsmodell, das alle hysterischen Symptome als (prä-)ödipal bedingt erklärt, wird man den vielfältigen Formen dissoziativer Störungen, die Erwachsene "postödipal" im Rahmen einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln können, nicht gerecht. Hier ist der Begriff der Dissoziation hilfreicher, der keine derartigen Implikationen enthält.

Im Gegensatz zu Freuds Betonung des Verdrängung wurde von seinen Schülern das Dissoziationsmodell im Rahmen Ich-psychologischer Modelle, der Narzissmustheorie und des Borderline-Persönlichkeitsstörungskonzepts weiterentwickelt.

Das DSM-I (1952) teilte für Forschungszwecke die psychogenen Körpersymptome unter Vermeidung des Begriffs der Hysterie in zwei Arten ein:

1. Konversionsreaktionen (Symptome mit lokalisierten Körperfunktionsstörungen).

2. Dissoziationsreaktionen (psychogene Bewusstseinsstörungen wie Amnesie und Fugue, d.h. hysterische Dämmerzustände). Janets Dissoziationsbegriff wurde ohne organische Implikation erstmals in ein offizielles Diagnosesystem aufgenommen.

Das DSM-II (1968) führte auf Druck der Psychoanalytiker die Hysterie als Oberbegriff für konversive und dissoziative Störungen wieder ein und unterschied zwei Arten:

1. Hysterische Neurose vom Konversionstyp (Anästhesie, psychogene Blindheit, Taubheit, Anosmie, Ataxie, Akinesen, Dyskinesien). Vegetativ bedingte Störungen, wie z.B. Schmerz, werden nicht dazugezählt.

2. Hysterische Neurose vom dissoziativen Typ (Amnesie, Somnambulismus, Fugue, multiple Persönlichkeit).

Das DSM-III (1980) und das DSM-III-R (1987) hoben die Angleichung von Konversions- und Dissoziationsstörungen wieder auf, machten aus der "Hysterischen Neurose vom Konversionsstyp" das Konversionssyndrom (im DSM-III-R "Konversionsstörung") und zählten dieses als Untergruppe zu den somatoformen Störungen, die folgende Störungen umfassten: Konversionsstörungen, Somatisierungssyndrom (auch "Briquet-Syndrom" oder "Hysterie" genannt), psychogenes Schmerzsyndrom, Hypochondrie, atypische somatoforme Störungen.

Der maßgebliche Grund für die strikte Unterscheidung zwischen Dissoziation und Konversion lag im zunehmenden Interesse der Forscher, die dissoziativen Symptome im Rahmen der psychischen Folgen traumatischer Erfahrungen besser studieren zu können.

Zwischen dem DSM-III und dem DSM-III-R bestanden hinsichtlich der somatoformen Störungen keine fundamentalen Unterschiede.

Die dissoziativen Störungen des Bewusstseins und der Identität (Amnesie, Fugue, multiple Persönlichkeit, Depersonalisierungssyndrom, atypische dissoziative Störungen) wurden neben den somatoformen Störungen als eigenständige Krankheitsgruppe angeführt.

Dissoziative Störungen sind nach dem ICD-10 charakterisiert durch den teilweisen oder vollständigen Verlust der normalen Integration von Erinnerungen an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der unmittelbaren Empfindungen und der Kontrolle von Körperbewegungen. Die bewusste und selektive Kontrolle darüber, welche Erinnerungen und Empfindungen für die unmittelbare Aufmerksamkeit ausgewählt werden und welche Bewegungen ausgeführt werden, ist so gestört, dass ein starker, nach Zeit und Umständen schwankender Verlust von Funktionen gegeben ist.

Das ICD-10 versteht unter dissoziativen Störungen Desintegrationsprozesse sowohl auf kognitiv-psychischer als auch auf körperlicher (pseudoneurologischer) Ebene.

Der Begriff der Dissoziation (Abspaltung) spiegelt die Entkopplung von psychischen und körperlichen Funktionen wider und ist im ICD-10 dem Begriff der Konversion übergeordnet. Bei den früher so genannten hysterischen Störungen ist nicht der Mechanismus der Umwandlung (Konversion), sondern der Vorgang der Abspaltung vom normalen Bewusstseins (Dissoziation) der grundlegende psychopathologische Mechanismus. Deshalb werden Störungen der Integration auf der Ebene des Bewusstseins und auf der Ebene des Körpers unter derselben Diagnosegruppe als "dissoziative Störungen" angeführt.

Die dissoziativen Störungen mit körperlichen Symptomen werden auch als die Gruppe der "Konversionsstörungen" bezeichnet. Der Begriff der Konversion soll bei einigen dissoziativen Störungen den Umstand ausdrücken, dass die durch unlösbare Schwierigkeiten und Konflikte hervorgerufenen unangenehmen Emotionen in irgendeiner Weise in Symptome umgesetzt werden.

Psychoanalytische Erklärungsmodelle (z.B. "unbewusste Motive", "sekundärer Krankheitsgewinn") haben dabei keine diagnostische Bedeutsamkeit erlangt, wenngleich sie verdeckt noch immer vorhanden sind.

Bei einer Konversionsstörung besteht keine Störung des Bewusstseins. Konversionssymptome und dissoziative Symptome mit Störungen des Bewusstseins können jedoch gemeinsam auftreten.

Das ICD-10 kennt folgende dissoziative Störungen im Sinne von Konversionsstörungen, die mit Ausnahme der erstgenannten Störung zur Kategorie "dissoziative Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindungen" zusammengefasst werden:

F44.2 Dissoziativer Stupor (d.h. Verringerung oder Fehlen willkürlicher Bewegungen),
F44.4 Dissoziative Bewegungsstörung (d.h. motorische Funktionsstörungen),
F44.5 Dissoziative Krampfanfälle (d.h. nichtepileptische Anfälle),
F44.6 Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (d.h. Missempfindungen),
F44.7 Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen), gemischt.

Dissoziative Störungen sind psychogen verursachte Störungen, d.h. sie sind bedingt durch traumatisierende Ereignisse, unlösbare oder unerträgliche Konflikte oder gestörte Beziehungen. Diese Störungen wurden früher unter dem Einfluss der Psychoanalyse als "Hysterie" bzw. "Konversionsneurose2 bezeichnet. Im ICD-9 wurde dafür der Begriff der „hysterischen Neurose“ verwendet (Kode 300.1).

Eine Konversionsstörung, d.h. eine körperliche Dissoziationssymptomatik, ist oft mit kognitiven Dissoziationssymptomen (z.B. dissoziativer Amnesie) verbunden. Dies wurde bislang vor allem bei dissoziativen Krampfanfällen nachgewiesen, dürfte aber auch für andere Konversionsstörungen gelten, wie neueste Daten belegen. Demnach ist anzunehmen, dass den körperlichen und den kognitiven Dissoziationssymptomen ähnliche psychische Prozesse zugrunde liegen.

Dissoziation ist nach dem DSM-IV ein psychophysiologischer Prozess der Desintegration der normalerweise integrativen Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität oder der Wahrnehmung der Umwelt.
Das DSM-IV bezeichnet als dissoziative Störungen nur die dissoziativen Störungen des Gedächtnisses (dissoziative Amnesie), des Weglaufens mit Erinnerungsverlust (dissoziative Fugue), der Identität (dissoziative Identitätsstörung, früher "multiple Persönlichkeitsstörung" genannt) und des körperlichen Fremdheitserlebens (Depersonalisationsstörung).

Die dissoziativen Störungen der Bewegung und der Sensorik, die dissoziativen Anfälle oder Krämpfe sowie ein gemischtes Erscheinungsbild werden im DSM-IV unter der Bezeichnung "Konversionsstörung" als eigenständige Krankheitsgruppe zu den somatoformen Störungen gezählt...

Das Modell der Konversion wird in der Psychoanalyse zunehmend durch das Modell der Dissoziation ersetzt. Dies hängt auch damit zusammen, dass das Konzept der Konversion zu eng mit der Krankheitseinheit "Hysterie2 verbunden war, die in den neuen Diagnoseschemata gänzlich verschwunden ist.

Der Begriff der Dissoziation, jedoch ohne das von seinem Schöpfer Janet vor über 100 Jahren entwickelte hirnorganische Erklärungsmodell, stellt auch für Psychoanalytiker seit langem ein hilfreiches Modell zum Verständnis körperlicher Symptome ohne ausreichenden organischen Befund, insbesondere auch hysterischer Symptome, dar, wenn er als psychodynamisch verursachte Abspaltung von Bewusstseinsinhalten verstanden wird...



Depersonalisationssyndrom

Die Diagnose einer Depersonalisations- und/oder einer Derealisationsstörung (F48.1) wird im ICD-10 unter den "sonstigen neurotischen Störungen" angeführt, während sie im DSM-IV zu den dissoziativen Störungen gezählt wird. Richtiger ist die Klassifikation im DSM-IV.

Die Depersonalisationsstörung wird im ICD-10 nicht als dissoziative Störung betrachtet, weil gewöhnlich nur ein Teil der persönlichen Identität betroffen ist und diese Störung nicht mit Leistungseinbußen in den Bereichen Wahrnehmung, Gedächtnis oder Bewegung einhergeht.

Bei einer Depersonalisation erleben die Betroffenen ein Unwirklichkeitsgefühl gegenüber der eigenen Person. Sie klagen über ein Gefühl weit entfernt zu sein, "nicht ganz da" zu sein. Die eigenen Empfindungen, Gefühle und das innere Selbsterleben werden als losgelöst, fremd, nicht zu einem selbst gehörig, unangenehm verloren erlebt. Die eigenen Gefühle und Bewegungen scheinen jemand anderem zu gehören. Die Betroffenen haben oft den Eindruck, wie Schauspieler auf einer Bühne zu agieren.

Bei einer Derealisation leiden die Patienten unter einem Gefühl der Unwirklichkeit der Umwelt. Die Umgebung oder bestimmte Objekte schauen fremdartig aus, verzerrt, farblos, leblos, uninteressant.

In jedem Fall wissen die Betroffenen, dass sie nicht von außen (anderen Personen oder Kräften) beeinflusst werden, was ein zentrales Abgrenzungsmerkmal gegenüber der häufig völlig grundlos gefürchteten schizophrenen Erkrankung darstellt.

Diese Störung tritt nur selten allein auf (am ehesten im Jugendalter), sondern kommt meistens im Rahmen einer Angststörung, posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression vor.



Nachtrag (nicht im Buch):

Eine Depersonalisationsstörung wird häufig nur gesehen als Symptom einer der genannten Störungen, sodass man bestrebt ist, die "Grundstörung" zu behandeln und dann hofft, dass sich auch die Depersonalisation "verflüchtigt". Dies ist auch meiner klinischen Erfahrung leider in der Praxis nicht so häufig der Fall, wie dies in der Theorie sein sollte.

Wenn die Panikstörung, posttraumatische Belastungsstörung oder Depression nicht mehr im Vordergrund steht, wirkt die Depersonalisation noch immer recht belastend, d.h. die Symptomatik hat sich verselbständigt. Diese klinische Erfahrung wurde in der therapeutischen Praxis meines Erachtens noch nicht ausreichend reflektiert. Es gibt noch keine speziellen Behandlungsprogramme, weder in der Verhaltenstherapie noch in der Psychoanalyse noch sonst irgendwo.

Die Lösung liegt nach meinen bisherigen Erfahrungen in einer Kombination verschiedener Therapieelemente:

- hypnotherapeutische Konzepte,
- erlebnisaktivierende Methoden,
- körpertherapeutische Übungen.

Hypnotherapeutische Konzepte (Hypnotherapie nach Milton Erickson) sind deshalb von zentraler Bedeutung, weil eine Depersonalisation eine Dissoziation (Abspaltung) darstellt. Das Ziel ist dann, eine Assoziation ("Zusammensetzung" von Erinnerungsbildern, Gefühlen, Vorstellungen, körperlicher Befindlichkeit usw.) zu erreichen.


Der nächste Text aus meinem Buch "Angststörung" - Text zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung:

Einige Strategien zur Rekonstruktion und emotionalen Verarbeitung der traumatischen Ereignisse sollen im Folgenden näher dargestellt werden.

Zur Intensivierung des emotionalen Erlebens erfolgt eine Vergegenwärtigung des Traumas über alle Sinneskanäle und Verhaltensaspekte, indem entsprechende Fragen gestellt werden:

- Welche Bilder und Szenen, welche Stimmen und Geräusche, welche körperlichen Empfindungen, welche Gerüche und vielleicht auch welche Geschmacksempfindungen treten auf?
- Welche Gedanken, Gefühle und körperlichen Zustände werden wahrgenommen?

Die Rekonstruktion des Traumas verfolgt das Ziel, alle Erfahrungen in Worte zu fassen und damit irgendwie in den Griff zu bekommen. Dies erfolgt durch freies Erzählen, Niederschreiben, Malen und wiederholtes Durchspielen der gefürchteten Szenen in der Ich-Form („Ich sehe jetzt ... höre nun ... spüre momentan ...“).

Der Ablauf der traumatischen Ereignisse wird häufig in Form eines imaginierten Videofilms vergegenwärtigt, wobei der Patient gleichsam als Zuschauer im Fernsehstuhl sitzt und die Ereignisse auf dem Monitor betrachtet, mit sich selbst im Bild. Es handelt sich dabei um eine Dissoziationstechnik, weil zu Beginn des Bewältigungstrainings sicherheitshalber der Affekt dissoziiert wird, indem der Betroffene sich aktuell im Hier-und-Jetzt erlebt und die Vergangenheit gleichsam in einem Film betrachtet. Anschließend wird zunehmend die Emotion hinzugeschaltet, und zwar in einem Ausmaß, wie es für den Patienten erträglich ist.

Sich selbst im Bild zu sehen, stellt eine Dissoziation dar, sich selbst nicht mehr im Bild zu sehen, bedeutet eine Assoziation, einen Übergang in die „Als-ob-Realität“, d.h. es erfolgt ein imaginativ-emotionales Wiedererleben eines erinnerten Erlebnisses.

Die emotionale Bewältigung traumatischer Erfahrungen, die die Betroffenen im Laufe der Zeit über selbst erlernte Dissoziationstechniken (Abspaltungs- und Verdrängungsmethoden) vergeblich zu erreichen versuchten, erfolgt in der Psychotherapie durch Assoziationstechniken. Die Betroffenen müssen lernen, das über alle Sinneskanäle ungewollt wiedererinnerte Trauma hinsichtlich der dabei auftretenden Gefühle und körperlichen Zustände besser zu bewältigen, indem sie sich mental voll auf eine Konfrontation einlassen, ehe sie in bestimmten Situationen weiterhin durchaus sinnvolle Dissoziationstechniken auf Dauer wirksam einsetzen können.

Dissoziation besteht in der Trennung von sinnlicher Repräsentation einer bestimmten Erfahrung (was man innerlich sieht, hört, spürt usw.) und den dabei auftretenden Gefühlen, d.h. die Intensität des Erlebens wird bewusst abgeschwächt.

Assoziation bezeichnet dagegen die Verknüpfung der beiden Aspekte mit dem Ziel der besseren Integration in die Persönlichkeit, d.h. das Erleben wird gezielt intensiviert. Ein derartiges Vorgehen hat große Ähnlichkeit mit den Techniken der Hypnosetherapie, insbesondere mit der Hypnotherapie nach Milton H. Erickson. Voraussetzung für den Einsatz der hochwirksamen hypnotherapeutischen Techniken ist eine entsprechende Ausbildung sowie eine umfangreiche Erfahrung des Psychotherapeuten, um schädliche Folgen zu vermeiden (akute Suizidalität, massive Ängste, psychosomatische Störungen, psychotische Dekompensation mit stationäre Behandlungsbedürftigkeit).

Die verhaltenstherapeutische Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung beruht auf zwei Strategien:

- Aktivierung der Angsterfahrung (Konfrontation). Ohne Aktivierung der traumatischen Ereignisse, der damit verbundenen körperlichen, emotionalen und kognitiven Zustände und der relevanten Gedächtnisstrukturen gelingt keine vollständige Neuorganisation der traumatischen Erfahrungen.

- Hinzufügung neuer kognitiver und/oder emotionaler Elemente zur ursprünglichen Angsterfahrung, die mit dieser unvereinbar sind, sodass eine neue Erinnerung und Erfahrung entsteht, die die Betroffenen weniger ohnmächtig und ausgeliefert erscheinen lässt. Die Neuinterpretation der traumatischen Erfahrung dient der Wiederherstellung von Würde, Selbstvertrauen und Selbstkontrolle des Patienten.

Die chronische Überaktivität der Stammhirnzentren wird durch kortikale Kontrollstrategien bewältigt. Kognitionspsychologisch gesehen, werden die nicht-sprachlich symbolisierten Erinnerungen durch Symbolisierung auf der sprachlichen Ebene dem Bewusstsein zugänglich gemacht. Die daraus resultierende, meist massive Erregung wird in der entängstigenden Therapiesituation als kontrollierbar erlebt.


Die Konfrontationstherapie der Traumaexpertin Foa hat folgenden Aufbau:

- Möglichst reale und plastische Vergegenwärtigung der traumatischen Erfahrung durch mentale Repräsentation auf allen Sinneskanälen für die Dauer einer Stunde.
- Situationsbeschreibung in der Gegenwartsform („Ich sehe ... höre ... spüre jetzt ...“).
- Mehrfache Wiederholung dieser lebendigen Vorstellungen.
- Hausaufgaben zur rascheren emotionalen Bewältigung: Anhörung der Tonbänder aus den Therapiestunden, Konfrontation mit externen angstauslösenden Reizen, die an das Trauma erinnern (eigenständige Konfrontation in vivo).

Der Verhaltenstherapeut Zarbock bevorzugt ein gestuftes und emotional schonenderes Vorgehen bei der Bewältigungskonfrontation und legt großen Wert auf die Arbeit an der Bewertungs- und Bedeutungsebene des Traumas, d.h. auf die Bearbeitung möglicher Schuld- und Schamgefühle. In den letzten Jahren haben kognitive Variablen und Interventionsstrategien bei der verhaltenstherapeutisch orientierten Traumabewältigung zunehmende Bedeutung gewonnen, wie die Arbeiten in dem von Maerker herausgegebenen Buch „Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung“ belegen.

Die verhaltenstherapeutischen Konzepte des Durchlebens der traumatischen Erfahrungen mit dem Ziel der kognitiven und emotionalen Neubewertung haben eine Ähnlichkeit mit der Vorgangsweise von Psychoanalytikern.

Horowitz, der bedeutendste amerikanische Psychoanalytiker im Bereich der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen, dessen Untersuchungen über Vietnam-Kriegsveteranen maßgeblich zur Etablierung dieser Störung im amerikanischen Diagnoseschema beigetragen haben, vertritt die Auffassung, dass nur über ein dosiertes, gestuftes emotionales Durchleben des Traumas und seiner Folgen eine Überwindung der traumatischen Erfahrung durch Integration in die Persönlichkeit erfolgen könne.

Freud und Breuer beschrieben bereits 1892 in ihrem Artikel „Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene“ die Bedeutung eines emotionszentrierten Vorgehens bei traumatischen Erlebnissen:

„Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer größten Überraschung, dass die einzelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affekt Worte gab. Affektloses Erinnern ist fast immer völlig wirkungslos; der psychische Prozess, der ursprünglich abgelaufen war, muss so lebhaft als möglich wiederholt, in statum nascendi gebracht und dann ‚ausgesprochen’ werden...
Das Verblassen oder Affektloswerden einer Erinnerung hängt von mehreren Faktoren ab. Vor allem ist dafür von Wichtigkeit, ob auf das affizierende Ereignis energisch reagiert wurde oder nicht. Wir verstehen hier unter Reaktion die ganze Reihe willkürlicher und unwillkürlicher Reflexe, in denen sich erfahrungsgemäß die Affekte entladen: vom Weinen bis zum Racheakt. Erfolgt diese Reaktion in genügendem Ausmaße, so schwindet dadurch ein großer Teil des Affektes; unsere Sprache bezeugt diese Tatsache der täglichen Beobachtung durch die Ausdrücke ‚sich austoben, ausweinen’ u. dgl. Wird die Reaktion unterdrückt, so bleibt der Affekt mit der Erinnerung verbunden... Die Reaktion des Geschädigten auf das Trauma hat eigentlich nur dann eine völlig ‚kathartische’ Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaktion ist, wie die Rache. Aber in der Sprache findet der Mensch ein Surrogat für die Tat, mit dessen Hilfe der Affekt nahezu ebenso ‚abreagiert’ werden kann. In anderen Fällen ist das Reden eben selbst der adäquate Reflex, als Klage und als Aussprache für die Pein eines Geheimnisses (Beichte!). Wenn solche Reaktion durch Tat, Worte, in leichtesten Fällen durch Weinen nicht erfolgt, so behält die Erinnerung an den Vorfall zunächst die affektive Betonung.
Das ‚Abreagieren’ ist indes nicht die einzige Art der Erledigung, welche dem normalen psychischen Mechanismus des Gesunden zur Verfügung steht, wenn er ein psychisches Trauma erfahren hat. Die Erinnerung daran tritt, auch wenn sie nicht abreagiert wurde, in den großen Komplex der Assoziation ein, sie rangiert dann neben anderen, vielleicht ihr widersprechenden Erlebnissen, erleidet eine Korrektur durch andere Vorstellungen. Nach einem Unfalle z.B. gesellt sich zu der Erinnerung an die Gefahr und zu der (abgeschwächten) Wiederholung des Schreckens die Erinnerung des weiteren Verlaufes, der Rettung, das Bewusstsein der jetzigen Sicherheit. Die Erinnerung an eine Kränkung wird korrigiert durch Richtigstellung der Tatsachen, durch Erwägungen der eigenen Würde u. dgl., und so gelingt es dem normalen Menschen, durch Leistungen der Assoziation den begleitenden Affekt zum Verschwinden zu bringen.“

Die Erkenntnis, dass eine Abreaktion in Hypnose ohne aktive, bewusste Beteiligung der Betroffenen allein nicht genügt, schwere Störungen zu behandeln, führte schließlich zur Entwicklung der Psychoanalyse, die sich das emotionale Durcharbeiten zum Ziel setzte. Auch Verhaltenstherapeuten sollten darauf achten, dass keine emotionale Provokation nach dem Dampfkesselprinzip (Druck ablassen) erfolgt.

 

 

Petra Wachter  06.05.2001, 00:25:28

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


ich habe Ihren Text gelesen, fand ihn ganz interessant, auch wenn ich nicht alles auf Anhieb verstanden habe. Dass das Depersonalisationssymptom eine dissoziative Störung ist und damit erklärt wird, dass man/frau unangenehme Gefühle abgespaltet hat finde ich persönlich sehr nachdenkenswert. Auch die Erklärung Freuds, dass es sich um einen frühkindlichen emotionalen Konflikt handelt finde ich interessant.

 

Eine andere Seite, die Sie ins Netz gestellt haben, hat mich aber bei weitem mehr betroffen gemacht: Hyperventilation. Ich habe mich bei den Symptomen total wiedergefunden: Schmerzen im Brustbereich, Ameisenhaufen in den Fingern, Atemnot, ....... . Vielleicht leide ich unter einer chronischen Hyperventilation? Jedenfalls haben Sie Recht, wenn Sie schreiben, dass sich die Depersonalisation verselbstständigt. Dies ist bei mir sicherlich der Fall. Bei mir begann alles mit einer Panikattacke und seitdem leide ich unter dieser verfluchten (vielleicht hilfreichen, weil Schutzmantel) Unwirklichkeit.


Viele Grüße
Petra Wachter

 

 

Petra Wachter  06.05.2001, 01:31:17

 

Hallo Petra!

Wenn Hyperventilation das Problem ist bzw. wäre, dann finden Sie die Lösung unter:

panikattacken.at/atmung/atmung.htm

Den komplizierten Text aus meinem Angstbuch müssen Sie nicht zur Gänze verstehen. Ich wollte Ihnen nur ein paar Hintergründe liefern zur ganzen Thematik von Depersonalisation und Dissoziation.

Doch wenn wirklich "nur" eine Hyperventilation vorliegt, dann können Sie das Ganze andere überhaupt vergessen.

Angstpatienten atmen oft zu schnell und zu flach. Zählen Sie einmal, wie oft pro halbe Minute Sie ein- und ausatmen, diese Zahl dann mal zwei (wie beim Puls) ergibt die Frequenz pro Minute. Zählen Sie immer bei jeder Ausatmung. Stoppen können Sie mit jeder beliebigen Uhr mit Sekundenfunktion.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky


 

Hans Morschitzky 08.05.2001, 23:18:13

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


ob ich an chronischer Hyperventilation leide, weiß ich natürlich nicht genau. Die beschriebenen Symptome passten jedoch auf mich. Jedenfalls habe ich schon ausprobiert mal vorbeugend in eine Tüte zu atmen. Es hat aber leider nichts gebracht. Auch versuche ich i
mmer wieder auf meine Atmung zu achten, da ich schon der Meinung bin, viel zu flach zu atmen. Doch leider ohne Erfolg. Sollte ich wirklich unter eine chronischen Hyperventilation leiden, müsste ich doch zumindest am Morgen völlig normal aufwachen, was für mich heißt ohne „Unwirklichkeitsgefühl". Aber auch das ist nicht der Fall. Was hat sich da bei mir verselbstständigt, dass ich permanent unter diesem Zustand leide?

 

Was sollte ich Ihrer Meinung nach mal ausprobieren oder anders machen? Ich gehe jetzt seit über 2 Jahren zu meinem Therapeuten. Das sind 50 Sitzungen. Die Kasse hat 30 weitere genehmigt. Einmal wöchentlich gehe ich zum Akupunktieren. Das hat mich aber auch noch nicht weitergebracht. Ich nahm an einem Kurs für Autogenes Training teil und in Roseneck habe ich eine Einführung in die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen erhalten. Letztes Jahr habe ich mich schließlich für einen Tai Chi - Kurs angemeldet, aber nicht zu Ende gebracht. Ganz zu schweigen von meinen 5 Wochen in der Klinik Roseneck, die mich auch nicht weitergebracht haben.

 

Bei all diesen Entspannungsübungen fühle ich mich oft überhaupt nicht besser. Ganz im Gegenteil. Ich empfinde die Unwirklichkeit viel stärker, sie „übermannt" mich manchmal und ich erlebe dann eine Schrecksekunde und muss aufstehen o.ä. Auf irgendeiner Seite haben Sie von Menschen geschrieben, die Panikattacken im Liegen erleiden. Auch da musste ich an mich denken. Manchmal muss ich aufstehen, weil ich meine, im Liegen das Bewusstsein zu verlieren. Ich habe dann plötzlich Herzrasen und fühle mich miserabel. Meine größte Befürchtung ist, dass die Depersonalisation nicht mehr aufhört. Dieser Gedanke ist für mich fast unerträglich.

 

Viele Grüße


Petra Wachter

 

Hans Morschitzky  08.05.2001, 23:55:23

 

Hallo Petra!

Zwei Drittel aller Menschen atmen falsch. Dennoch haben nicht alle eine Angststörung, und schon gar keine Depersonalisation.

Ich glaube, dass eine Depersonalisationssymptomatik nicht (allein) durch eine chronische Hyperventilation erklärbar ist.

Das ist einfach zu "billig".

Persönlich glaube ich, dass eine chronische Depersonalisation einen massiven, chronischen Druckzustand widerspiegelt und am besten durch das Konzept der Dissoziation erklärbar ist.

Möchten Sie etwas von aktuellen Problemen berichten?

Depersonalisation kann z.B. auftreten

- bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (Vergewaltigung, körperliche Gewalt, Naturgewalten usw.)
- bei realer akuter Bedrohung (z.B. Gatte als gewalttätiger Alkoholiker)
- bei ständiger aktueller sexueller Gewalt
- bei massiven und nicht verkrafteten Verlusterlebnissen
- bei massiver beruflicher Überlastung mit ständiger Drohung des Arbeitsplatzverlusts
- bei massiven Partnerschaftsproblemen
- bei ständiger Überlastung und Angst vor dem Verlust schwer chronisch kranker Eltern
- bei ständiger Todesangst durch eine real sehr bedrohliche Krankheit
- bei massiver emotionaler Überforderung durch andere psychosoziale Belastungsfaktoren
- bei einer Depression und latenter Suizidalität
- bei ständiger Angst vor dem Verrücktwerden ("daneben stehen")

Trifft etwas davon auf Sie zu? Was könnte sonst belastend wirken?

Entspannungsübungen (z.B. AT) lösen meiner Meinung nach das Problem sicher nicht. Es ist typisch, wenn dadurch sogar eine Symptomprovokation auftritt.

> Manchmal muss ich aufstehen, weil ich meine, im Liegen das Bewusstsein zu verlieren

Diese Erfahrung ist typisch für viele Angstpatienten, die Angst davor haben, sich fallen zu lassen. Es handelt sich dabei jedoch um keine spezifische Erfahrung bei Menschen mit Depersonalisation.

Meine liebste Übung im Therapieraum ist eine ganz einfache "Vertrauensübung". Ich sage besti
mmten Patienten, die bereits Vertrauen zu mir haben (bei einer Therapiestunde von 50 Minuten):
"Sind Sie bereit, für 30 Minuten die Augen zu schließen und geschlossen zu halten, was auch i
mmer passiert?"

Bei vielen Angstpatienten beginnt bereits hier die Angst vor Kontrollverlust, die Angst, was passiert, wenn sie sich "ausliefern" ihrem eigenen Körper.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

 

 

Petra Wachter  09.05.2001, 23:07:59

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


danke für Ihre schnelle Antwort. Ich habe aktuell kein akutes Problem. (Abgesehen von meiner Krankheit). Meine Erkrankung begann allerdings in der Tat mit einem Sterbefall. Eine sehr gute Freundin von mir erkrankte an Brustkrebs. Sie hatte mein Alter, wir studierten zusa
mmen, wir bekamen 1995 beide ein Baby und wir mochten uns sehr gerne. Ich traf mich oft mit ihr während ihrer Krankheit, und diese Gerätemedizin im Krankenhaus machte mir damals schon zu schaffen. Meine erste Panikattacke erlitt ich allerdings, als sie noch lebte. An dem Tag, als ihre Beerdigung war, trat ich einen 10-tägigen Krankenhausaufenthalt im Nürnberger Klinikum an, weil ich unter einer Art Dauerattacke litt. Ich konnte damals nicht mal 5 m laufen, ohne Angst zu haben gleich zu sterben. 2 Jahre vorher starb mein Vater, was ich vielleicht auch nicht so recht verarbeitet habe. Dauerstress?

 

Ich habe 2 Kinder und arbeite an einer Hauptschule, mein Mann ist nicht ganz einfach, aber treu, macht viel im Haushalt, kümmert sich um die Kinder und liebt mich. Auch wenn ich unsere Ehe nicht immer harmonisch genug empfinde und mittlerweile oft auch ziemlich alltäglich und langweilig, kann ich mich eigentlich nicht beschweren. Was ich bei mir feststelle, ist schon eine gewisse Unzufriedenheit. Obwohl die meisten Menschen, wahrscheinlich sagen würden ich hätte keinen Grund dazu. Ich weiß nicht, ob Ihnen das, was ich gerade geschrieben habe, etwas sagt. Jedenfalls würde ich meine Augen - egal was passiert - bei Ihnen mit Sicherheit für 30 Minuten schließen.


Viele Grüße
Petra Wachter

 

 

Petra Wachter  14.05.2001, 00:18:09

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


Ich habe bereits mit anderen Betroffenen Kontakt aufgeno
mmen. Einige haben mir gemailt, was mich sehr gefreut hat. Mir ist allerdings aufgefallen, dass keine Betroffene das Gefühl der Depersonalisation ständig empfindet oder wenn, dann ist dieses Gefühl starken Schwankungen, wie bei Birgit, unterworfen. Leider kann ich dies bei mir nicht feststellen. Es gibt Tage oder Stunden da geht es mir schlechter und ich empfinde es stärker, aber von einer starken Schwankung kann ich eigentlich nicht sprechen. Kennen Sie Patient/Innen, die das Gefühl der Depersonalisation so wie ich ständig empfinden? Diese Tatsache beunruhigt mich nämlich. Zweitens würde mich interessieren, was Ihrer Meinung nach förderlich ist, der Depersonalisation entgegenzuwirken.


Mit freundlichen Grüßen


Petra Wachter

 

 

 

Hans Morschitzky 15.05.2001, 11:20:47

 

Liebe Petra!

Die meisten Patienten, die ich bislang mit einer Depersonalisation betreut hatte, litten darunter "erst" seit einigen Monaten oder Wochen. Viele hatten am Anfang Angst verrückt zu sein oder zu werden. Dies ist dann auch der Grund, warum die Betroffenen nicht selten von sich aus in die stationäre Psychiatrie drängen.

Einen Patienten mit mehrmonatiger Depersonalisation hatte ich zweimal in meiner Praxis, er ließ sich seine Angst vor Schizophrenie nicht ausreden, kam stationär in unser Krankenhaus und blieb fast sechs Wochen dort mit der Diagnose "schwere Depression", wogegen er starke Medikamente erhielt. Absolut nichts hatte sich dadurch geändert. Er bekam weder Schizophrenie noch hatte er aus meiner Sicht eine schwere Depression, sondern massive Druckzustände im familiären und beruflichen Bereich. Überall wollte er aufgrund seines Ehrgeizes Spitzenleistungen erbringen, doch er glaubte, all dies nicht zu schaffen. Als Folge dessen hatte er massive Angst, dass ihn seine Partnerin verlassen würde wegen "zu wenig Liebe und Gefühlen und angeblicher Lieblosigkeit seinen kleinen Kindern gegenüber" und sein Chef, der ihn eher mochte und schätzte, ihn schließlich doch wegen seiner vermeintlicher Unfähigkeit kündigen würde. Er hatte i
mmer Angst vor einem Fehler oder vor Aggressionen und bekam dann auch noch Zwangsbefürchtungen.
Durch den stationären Aufenthalt erlebte er noch eine unnötige zusätzliche Beunruhigung durch seinen Bettnachbarn, einen Patienten, der wegen seiner Schizophrenie bereits zum vierten Mal bei uns war.
Er fragte diesen Patienten, der zu diesem Zeitpunkt schon geistig wieder klar war: "Du, sti
mmt das, wenn man Angst hat vor Schizophrenie, dann bekommt man sie nicht? Dies sagen mir jedenfalls ständig alle Leute." Sein Bettnachbar, der die Symptomatik meines Patienten nicht kannte, sagte ihm dann: "Ja, ja, das haben sie mir auch beim ersten Mal gesagt. Wenn Sie immer Ihre Medikamente nehmen, dann sehen wir uns stationär nie wieder, und jetzt bin ich doch schon zum vierten Mal stationär".
Mein Patient erlebte dadurch vorübergehend eine Verschlechterung seiner Symptomatik, obwohl er geglaubt hatte, ärger könne es gar nicht mehr kommen.

Unlängst sollte ich als Klinischer Psychologe wieder jemand untersuchen, ob einer nun eine Schizophrenie habe oder "nur" eine "neurotische" Störung im Sinne einer Depersonalisation. Nach dem telefonischen Hinweis auf meine Homepage entschied dieser Testkandidat, er könne auf eine Testuntersuchung verzichten.

Sie sehen, ich habe mit der Thematik immer öfter zu tun. Ich bin halt hellhöriger geworden dafür, ich glaube jedoch nicht, dass die Störung in der Bevölkerung zugenommen hat. Sie wird halt nur öfter als früher diagnostiziert.

Jedenfalls - das gebe ich gerne zu - habe ich noch niemand gehabt, der von sich gesagt hat, er habe durchgehend und konstant eine Depersonalisation über einen Zeitraum von drei Jahren.

Sie haben mir geschrieben, dass sie aktuell kein Problem haben (außer Depersonalisation). Daher möchte ich Sie auch nicht zu viel bedrängen.

Aber würden Sie allen Interessierten vielleicht einmal genau erklären, wie sich das anfühlt, was man da hat und erlebt, wenn man etwas "Depersonalisation" nennt?

Sie werden ja wissen, dass es diesbezüglich auch schon eine Homepage im Internet gibt, oder? Wenn nicht, dann schauen Sie auch dort einmal vorbei. Ich sehe, dort kochen sie auch nur mit Wasser (soll keine Kritik sein, sondern dies zeigt nur die Misere in diesem Bereich). Betroffenen empfehle ich daher auch diese Homepage:

http://www.moira.de/outside/index2.html

Mit besten Grüßen bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky


 

Petra Wachter  16.05.2001, 00:04:42

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


schade, dass bei dem Problem „Depersonalisation" nur mit Wasser gekocht wird. Es beunruhigt mich wirklich sehr, dass auch Sie niemanden kennen, der über Jahre hinweg unter diesem Zustand leidet. Ich werde meinen Zustand versuchen zu beschreiben.


Alles begann mit einer Panikattacke. Insgesamt hatte ich 4 sehr heftige - mit Todesangst, Herzrasen und allem was dazu gehört. Nach der 3. Attacke erlebte ich das Gefühl der Depersonalisation dauerhaft. Zunächst war es mir nicht so bewusst, weil es mir allgemein sehr schlecht ging. Ich weinte ständig, konnte nicht in die Arbeit und jeder Handgriff war mir zuviel. Ich bekam Antidepressiva, aber das Gefühl der Depersonalisation wurde nicht weniger. Ich ko
mme mir vor wie in einer andern Haut. So wie ein Mensch, der in einem Vergnügungspark als riesiges Tier zur Unterhaltung der Kinder verkleidet ist. Manchmal denke ich, man müsste nur aus der Verkleidung raus und dann wäre alles wieder in Ordnung. Auch mein Körper kommt mir seltsam vor. Es ist sehr schwer zu beschreiben. Oft klopfe ich meinen Körper ab, um ihn zu spüren. Am schlimmsten ist aber diese „Kameraperspektive". Ich bin ich. Nehme aber die Position der Kameraführung ein. Mir ist aufgefallen, dass es mir oft schwer fällt, mit Menschen einen längeren Dialog zu führen. Nach einer gewissen Zeit habe ich das Gefühl, mir wird sehr schwindelig. Das ist dann auch schon das nächste: ich beschreibe mein Zustand oft mit Schwindel. Es ist aber kein Schwindel, wo sich alles dreht. Es ist mehr ein innerer Schwindel, das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit Sicherheit sind hier auch agoraphobische Momente mit im Spiel. Aber das ist für mich eher zweitrangig. Wenn es mir besonders schlecht geht, nehme ich meine Brille ab. Ich kann beispielsweise keine Kontaktlinsen mehr tragen, seitdem ich das Gefühl der Depersonalisation habe. Leicht verschwommen ertrage ich diesen Zustand oft leichter. Auch wenn ich mich hinlege und ausruhe oder versuche einzuschlafen, fühle ich mich depersonalisiert. Ich fühle mich dann oft „abgehoben" und manchmal erschrecke ich, weil ich meine, dass mich die Depersonalisation „übermannt" oder ich das Bewusstsein verliere. Was für mich auch noch typisch ist, dass ich mich unterhalte oder Späße mache und gleichzeitig eigentlich in mich gekehrt bin und dass Gefühl habe „was mache ich eigentlich da?". Ich denke daran, dass es blöd wäre, wenn ich jetzt eine Attacke hätte oder dass ich jetzt lieber zuhause wäre. Letzte Woche hatte ich zum Beispiel meinen Schulrat zu Besuch. Während des Nachgesprächs war ich total depersonalisiert. Redete aber, als wenn nichts wäre. Die ganze Situation kam mir total absurd vor.
Was meinen Zustand in der Regel verschärft sind folgende Dinge: Kaffee, Rotwein, Lärm, Müdigkeit, Hunger, Alleinsein.
Seit 3 Jahren habe ich außerdem näher am Wasser gebaut. Ich weine viel. Vor allem wenn ich über mich nachdenke. Man ist in diesem Zustand gefangen. Es hilft auch nichts, wenn man sich mal kräftig auf die Backen haut oder betrinkt oder ausschläft oder einen Relax-Urlaub macht oder zuhause alles in Ordnung ist also keinen Stress mit Mann und Kinder hat.
Mein Zustand veranlasst mich auch, dass ich mir weniger zutraue oder ich Angst habe Dinge zu tun bzw. ich keine Vorfreude mehr habe. Wir haben viele Bekannte und unternehmen sehr viel (aber nicht mehr so viel wie früher). Am 1. Mai verabredeten wir einen Ausflug mit mehreren Familien. Schon im Auto dachte ich, ein Attacke zu beko
mmen. Ich dachte mein Körper gehorcht mir nicht. Ich war im Auto, ich war auf der Wanderung, aber für mich war alles nur show-time. Ich sah, aber ich fühlte nicht. Jedenfalls nicht das, was ich normalerweise gefühlt hätte. Es war alles wie im Film und ich spielte mit.
Jeder auf dem Ausflug würde behaupten, mir hat es supergut gefallen, ich bin lustig, unterhaltsam, stark, selbstbewusst, energisch, entscheidungsfreudig, gut drauf, ........ .
Meine Depersonalisation spüre nur ich. Manchmal mein Mann, meine Kinder und meine Schüler, wenn ich genervt bin und keine Geduld mehr habe. Manchmal kann ich dann nicht mehr.
Ich wollte jetzt Schluss machen, aber ein Beispiel fällt mir noch ein. Ich fahre jeden Tag mit dem Rad in die Arbeit. Und oft geht es mir so, dass ich den Lenker fester festhalten muss, um mir klar zu machen, dass es meine Hände sind. Klar, weiß ich es, aber mir kommt es so vor als wenn „es" fährt und ich erst wieder zu mir kommen muss. Hört sich verrrückt an. Ich weiß, aber was soll ich machen?


Viele liebe Grüße
Petra Wachter

 

 

Petra Wachter  16.05.2001, 22:08:43

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,
 
Ich habe schon angefangen, meine Gefühle bei der Depersonalisation zu beschreiben. Morgens geht es mir in der Regel schlechter. Gegen Abend hin wird es meistens zusehends besser. Das Unwirklichkeitsgefühl ist zwar noch da, aber ich fühle mich leistungsstärker und fitter. Dies ist sicher auch ein Grund, warum es abends dann bei mir i
mmer so spät wird. Ich denke, dies hat auch damit zu tun, dass der Tag geschafft ist und eine Last von mir abfällt.

Auffallend ist, dass mir meine Unbeschwertheit abhanden gekommen ist. Alles, was ich früher gerne gemacht habe, ist heute so zwiespältig. Obwohl ich mich oft auf ein Ereignis freue, kann ich es nicht genießen (nicht selten schon im Vorfeld), weil ich mich nicht wohl fühle (Angst in Ohnmacht zu fallen, Herzklopfen, Schwindel). Wie beschrieben überspiele ich diese Situationen oft.

Mit freundlichen Grüßen
Petra Wachter

 

 

Hans Morschitzky  19.05.2001, 18:49:49

 

Liebe Petra!

Vorerst einmal Folgendes.

 

Die Diagnose einer "(depressiven) Anpassungsstörung" in der Klinik Roseneck ist dasselbe, was man im früheren Diagnoseschema "längere depressive Reaktion" (ICD.9-Code: 309.1) genannt hat. Ich glaube, das war für die Betroffenen klarer als "Anpassungsstörung". Eine meiner Patientinnen hat sich über diese Diagnose der Ärzte auch schon bei mir beschwert, weil sie geglaubt hatte, man habe bei ihr eine "Verhaltensstörung" diagnostiziert. Eigentlich will man damit nur ausdrücken, dass es sich um eine relativ "harmlose" Diagnose handelt, nämlich um eine Anpassungsproblematik an schwierige Lebensumstände.

Wenn Sie bei mir in Therapie wären, würde ich bei Ihnen

- sehr tief gehende Entspannungsübungen durchführen, wo Sie das Gefühl haben, dass Sie irgendwie die Kontrolle über sich verlieren (dies würde ich übrigens nur bzw. erst dann tun, wenn Sie großes Vertrauen zu mir haben bzw. hätten, wobei Sie jederzeit die Augen aufmachen dürften, denn Sie sind ja eine freie Frau);

- bei geschlossenen Augen eine lang anhaltende Konzentration auf Ihren Körper, auf Ihre Gefühle und Ihre geistigen Vorgänge fördern, d.h. ich würde Sie beschreiben lassen, wie es Ihnen bei der lebendigen Vorstellung bestimmter Inhalte geht;

- ein ganz massives, von mir gestütztes und geleitetes Wiedererleben und Durchleben der allerärgsten Depersonalisationserfahrungen anregen, d.h. ich würde Sie so behandeln, wie wenn Sie eine schwere posttraumatische Belastungsstörung wie Unfall, Überfall, Vergewaltigung usw.) erlebt hätten (da muss man aber sehr vorsichtig vorgehen, denn etwas auszulösen ist keine Kunst, das Ziel soll jedoch sein, über die Konfrontation damit besser emotional und kognitiv damit umgehen zu lernen).

Doch wie soll ich hier bei Ihnen vorgehen, wo wir "nur" eine Beratung durchführen können?

Wie Sie schreiben, können bestimmte Situationen und Umstände (Kaffee, Rotwein, Lärm, Müdigkeit, Hunger, Alleinsein) die Depersonalisation verstärken. Warum haben Sie dann in der Klinik Roseneck gesagt, dass Sie die Zustände nicht verstärken können, so dass Ihr Therapeut nichts mit Ihnen anzufangen wusste, wie Sie mir geschrieben haben?

Sie haben in Ih
rem Beitrag so gut beschrieben, wie Sie eine Depersonalisation erleben, dass ich Sie jetzt Folgendes fragen kann:

- Könnte die Depersonalisation, d.h. die Dissoziation, die Abspaltung von Bildern, Erinnerungen, Gefühlen nicht dazu dienen, sonst aufkommende Todesängste zu mildern?

- Macht es nicht Sinn, alles abzuspalten, was Sie so belasten könnte, dass Sie fast auf Befehl eine Panikattacke bekommen würden?

Wenn Sie wenigstens eine der beiden Fragen bejahen, hätten Sie im Rahmen einer Therapie bei mir bereits selbst die Linie vorgegeben. Wir würden Ihre stärksten Panikattacken gleichsam in Zeitlupe durchgehen, wie wenn Sie unter Hypnose alles wiedererleben würden. Sie würden z.B. sagen: "Ich sehe jetzt, denke jetzt, spüre jetzt usw." Sie würden sich also in den Zustand kurz vor und während einer Panikattacke versetzen lernen, dann aber auch die Erfahrung machen lernen, wie Sie da emotional, kognitiv und körperlich durchkommen. Wenn Sie dazu nicht bereit wären, würde ich Ihnen sagen, dass genau diese Angst davor Ihre Symptomatik chronifiziert hat. Ich würde deswegen jedoch die Therapie nicht abbrechen, sondern würde Ihnen nur sagen, dass dann alles andere mehr Zeit und Geld kostet.

Sie würden bei mir lernen, mit den ärgsten Panikattacken umzugehen, indem Sie in meiner Anwesenheit provozieren lernen würden mit dem Ziel, alles so durchleben zu lernen, dass Sie die gemachten Erfahrungen aus der Vergangenheit besser bewältigen lernen.

Erst wenn die Angst vor einer heftigen Panikattacke sowie die Todsthematik nicht mehr im Vordergrund stehen, würde ich ganz speziell auf die Depersonalisation eingehen.

Ganz ehrlich, würden Sie da zu mir in Therapie kommen, wenn Sie in Linz wohnen würden?

Angeno
mmen, Sie würden es zwar wollen, aber dann doch Zweifel haben, wofür das Ganze gut sein soll, wofür würden Sie sich da fürchten?

Sie sehen, ich stelle viele Fragen (dies mache ich auch in meiner Praxis so), um zu schauen, wo die Patientin steht und was sie will. Ich halte nichts davon, über die Betroffene einfach so drüber zu fahren oder etwas nur zu provozieren, um zu schauen, was passiert. Dies halte ich für puren Aktionismus, d.h. für einen Scheinfortschritt auf der Verhaltensebene ohne emotionalen und kognitiven Tiefgang.

Abschließend eine Feststellung, wo ich Sie bitte zu überprüfen, ob dies stimmen kann:

Sie machen oft - natürlich ungewollt - eine negative Selbsthypnose, wo Ihren die negativsten Erinnerungen ganz lebendig wiederkommen, als ob sie jetzt als Realität da wären, ähnlich wie dies bei Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung passiert, wo dies "Flashback" genannt wird, weil die betreffenden Zustände ganz plötzlich unerwarteter auftreten und das Trauma so lebendig erscheint, als müssten Sie es gerade neuerlich durchleben.

Die Depersonalisation wäre dann der Versuch, diese Erinnerungen zu "verdrängen", eben abzuspalten, um emotional und kognitiv nicht überflutet zu werden. Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung versuchen ihr Trauma ähnlich zu bewältigen. Deshalb hat mit der zunehmenden Bedeutung dieser Störung auch die Depersonalisation eine größere Bedeutung als früher erhalten.

Mit besten Grüßen bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky

 

 

Petra Wachter  20.05.2001, 01:46:35

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


danke für Ihr ausführliches Antwortschreiben!

Zu Roseneck: Selbstverständlich habe ich gesagt, dass bei Müdigkeit und Kaffeegenuss das Gefühl der Depersonalisation sich verstärkt. Ich kann es aber nicht durch Willenskraft bewusst ändern - obwohl dies so auch nicht ganz sti
mmt. Wenn ich beispielsweise daran denke, dass ich das habe, mir richtig bewusst mach und dann noch sage „Und wenn ich jetzt in Ohnmacht falle" oder „Irre Situation, was würden wohl die Schüler denken, wenn ich jetzt umkippe" geht es mir schlechter und ich muss mich schütteln oder bewegen oder das Fenster aufmachen oder ..... . Ich kann die Depersonalisation aber nicht verschwinden lassen. Dr. Fichter und mein Therapeut Kus verglichen die Depersonalisation eher mit dem Hyperventilieren und dem dazugehörigen Provokationstest: Wenn ich weiß wie eine Hyperventilation abläuft und ich sie bewusst herbeiführen kann, kann ich sie auch kontrollieren.

Jedenfalls habe ich das Gefühl, nach ihrem Brief erst recht, dass meine 5 Wochen in Roseneck nicht optimal zu meinen Gunsten ausgenutzt wurden. Ich musste mich in keine Panikattacke versetzen und auf die Depersonalisation, was mein größtes Problem war und ist, und was ich auch vor Antritt an die Klinik schrieb, wurde kaum eingegangen, obwohl ich es immer zum Thema machte. Ich weiß nicht, wie eine Therapieaufenthalt in anderen Kliniken aussieht, aber in Roseneck hatte ich pro Woche nur ein langes Einzel (50 Min.) und ein kurzes Einzel (20 Min.), was in jedem Fall zu wenig war. Zwar hatte ich 3mal die Woche Gruppentherapie, in der ich auch mehrmals erwähnte, dass ich nicht weiter ko
mme, aber erstens war ich die einzige, die dieses Problem hatte und zweitens dachte ich immer die Probleme der anderen wären wichtiger.

Konkret zu Ihren Fragen:

Die Depersonalisation könnte aufkommende Todesängste mildern. Ja. Vor 3 Jahren konnte ich über das Sterben überhaupt nicht reden. Durch den Tod meiner Freundin und meines Vaters wurde mir das erste Mal bewusst, dass ich nicht unsterblich bin. Ich konnte den Gedanken an meinen eigenen Tod nicht ertragen und bewunderte lange und eigentlich noch immer meine Freundin, als ich sie das letzte Mal am Sterbebett besuchte wie gelassen und rational sie an das Sterben ging. Nicht sie, sondern ich habe geheult. Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt und kann mit der Thematik „Sterben/eigener Tod" viel besser umgehen. Mein eigener Tod macht mir keine (fast ) keine Angst mehr. Was ich logisch erfasst habe, dass jeder Mensch sterben muss und das der Tod zum Leben gehört, habe ich weitgehend auch emotional akzeptiert. Oder ganz gut verdrängt? Ich hoffe nicht.

Ihr zweite Frage verstehe ich nicht so ganz:

<Macht es nicht Sinn, alles abzuspalten, das Sie so belasten könnte, dass Sie fast auf Befehl eine Panikattacke bekommen würden?>
Spontan würde ich nein sagen. Lieber würde ich mich belasten und mit meinen belastenden Gefühlen auseinandersetzen als Panikattacken zu bekommen.

Ganz ehrlich: Ich würde sofort zu Ihnen in Therapie gehen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich vor einem Jahr dazu wahrscheinlich noch nicht in der Lage gewesen wäre. Dies ist vielleicht auch ein Grund, warum ich in Roseneck gescheitert bin. Ich hatte schon Angst, im Provokationstest eine Hyperventilation herbeizuführen. Mein Therapeut war zu zaghaft, hat mich immer wieder entwischen lassen. Die Sitzungen plätscherten dahin, ohne dass irgendetwas passiert wäre. Nicht einmal bis zu meinen wirklichen Ängsten sind wir vorgedrungen.


Die Angst künstlich eine Panikattacke herbeizuführen, was in der Angstgruppe das non plus ultra gewesen wäre, war für mich enorm. Sicher ich bin eine mündige Patientin, dennoch hätte ich damals mehr Zuspruch, Hartnäckigkeit und Überredung vertragen können.

Am meisten würde ich mich, glaube ich, immer noch vor einer Panikattacke fürchten, dass ich bei Ihnen im Zimmer sitze und nach einem Arzt flehe, nicht weiß wohin und woher. Eine große Befürchtung wäre auch, dass Sie sagen, Ihnen ist nicht zu helfen und am allerschlimmsten ist die Angst, dass alles umsonst war. Dass es mir nach der Therapie nicht besser geht. Dies wäre eine Enttäuschung. Ich würde mich mittlerweile trotzdem sofort auf diese Therapieform einlassen.

Über online ist nur eine Beratung möglich. Das stimmt natürlich. Ich bin mir wichtig genug auch Zeit und Geld für eine Therapie auszugehen, die mich vielleicht weiterbringt. Das heißt: Kennen sie in Bayern einen Therapeuten, der wie Sie arbeitet? Auch ist Linz nicht so weit weg! Ist dieser Gedanke unrealistisch, weil selbst eine Kurztherapie Zeit braucht und weil Sie total eingespannt sind?

Viele Grüße
Petra Wachter

 

 

 

Hans Morschitzky  20.05.2001, 13:09:55

 

Liebe Petra!

Danke für Ihren ausführlichen Bericht.

> Dr. Fichter und mein Therapeut Kus verglichen die Depersonalisation eher mit dem Hyperventilieren und dem dazugehörigen Provokationstest: Wenn ich weiß wie eine Hyperventilation abläuft und ich sie bewusst herbeiführen kann, kann ich sie auch kontrollieren.

Herr Prof. Fichter ist ein sehr berühmter Professor, der die Klinik Roseneck aufgebaut hat. Ich kenne ihn persönlich, weil ich in Salzburg einmal einen ganzen Abend lang neben ihm an einem Tisch gesessen bin und mit ihm über alles Mögliche diskutiert habe.

Ich glaube jedoch nicht, dass man eine Depersonalisation mit einer Hyperventilation vergleichen sollte. Ich glaube nicht, dass eine „echte“ Depersonalisation „nur“ durch eine akute oder eine chronische Hyperventilation ausgelöst wird.

Eine Hyperventilation kann bewusst oder unbewusst erfolgen. Ich habe früher öfter mit Patientinnen eine intensive Hyperventilation von 2-3 Minuten gemacht. Ich mache dabei immer mit, denn ich lasse meine Patientinnen doch nicht allein so schnaufen. Dann tauschen wir unsere Erfahrungen aus. Noch nie habe ich dabei bei einer Patientin eine Panikattacke provozieren können, auch keine Hyperventilationstetanie, wie dies sonst öfter vorkommt. Einmal hatte ich in meiner Praxis eine Patientin, die gelesen hatte, dass man dabei für einige Sekunden ohnmächtig werden könnte. Sie hatte solches Vertrauen in mich, dass sie bereit war, dies vor mir zu riskieren. Was glauben Sie, ist passiert? Absolut nichts! Sie war davon nur erschöpft, das war alles.

Wegen der unnötigen Anstrengung mache ich fast keine Hyperventilationsübungen mehr. Ich kündige sie man, wenn jemand meint, er würde dadurch bestimmt eine Panikattacke bekommen. Nur wenn jemand diesen Glauben hat, würde ich damit arbeiten, um ihm zur Erfahrung zu verhelfen, dass nichts passiert.

Warum eine willentliche Hyperventilation keine wirkliche Panikattacke auslöst? Meine Erklärung: weil man dann keine Angst mehr davor hat und weil man nicht wirklich derart massive Emotionen hat, dass man hyperventilieren muss. Wer Tafil/Xanor/Xanax in der Tasche hat (und gar nicht im Körper), der fürchtet sich auch nicht mehr so stark vor einer Panikattacke und wagt es, einiges zu provozieren. In Anwesenheit eines Therapeuten, vielleicht noch dazu in einem Krankenhaus, willentlich zu hyperventilieren, halte ich aufgrund meiner Erfahrungen oft für wenig zielführend.

Die wirklichen Hyperventilationstetanien, die so arg sind, dass sie für Umstehende und Unwissende wie ein epileptischer Anfall ausschauen, passieren alle „unbewusst“, d.h. unabsichtlich. Das haben Gefühle so an sich, dass man sie nicht auf Befehl auslösen kann. Dies sollten Verhaltenstherapeuten bei der Anwendung willentlich steuerbarer Techniken zukünftig mehr berücksichtigen.

Wenn Sie dies bedenken, dann werden Sie auch verstehen, warum man eine Hyperventilation meiner Meinung nach nicht mit einer Depersonalisation vergleichen sollte. Denn bereits vom Konzept her ist eine Depersonalisation eine Dissoziation, ein Abspaltungsvorgang, wie Sie schon längst wissen. Eine typische Dissoziation ist kein willentlich steuerbarer Vorgang. Dies ist im ICD-10 und im DSM-IV so definiert und ist nicht nur die Meinung von Psychoanalytikern (die ja, wie Sie mittlerweile wissen, früher lieber von „Verdrängung“ gesprochen haben, was ein typischer, unbewusst erfolgender Vorgang ist).

Wenn die Psyche (oder besser die Gehirnstrukturen) so willentlich steuerbar wäre, wie sich manche Verhaltenstherapeuten dies vorstellen, dann bräuchte man etwas nur wollen, dann würde man es bekommen, und nur nicht mehr wollen, und schon könnte man er verlieren. Wenn es so ginge, würden die Psychologen und Psychotherapeuten zukünftig wenig Geschäft machen, denn „wollen“ tun doch die meisten Patienten, oder?

Sie haben geschrieben, wie sehr Sie der Tod Ihres Vaters und Ihrer Freundin mitgenommen hat. Das werden Sie nie vergessen, aber Sie können es besser verarbeiten lernen, wenn noch einiges unbewältigt sein sollte. Die Massierung von Todesfällen sehr nahe stehender Personen dürfte bei Ihnen bestimmt eine auslösende Bedeutung haben.

Ich war auch beim Tod meiner Schwiegermutter dabei. Das werde ich auch nie vergessen. Sie konnte nur schwer sterben. Sie zuckte die ganze Zeit. Obwohl ich wusste, dass sie aufgrund des komatösen Zustandes nicht mehr bewusst leiden konnte (Morphium hatte sie als Krebskranke ohnehin genug), hat mich das Erleben dieses Zustandes sehr bewegt.

Ich glaube Ihnen übrigens, dass Sie sich nicht vor dem Tod fürchten. Wenn ich mir dessen bei meinen Patientinnen einigermaßen sicher bin, dann frage ich immer: „Was wäre das zweitärgste (wenn das Ärgste der Tod wäre), das Ihnen passieren kann?“

So ähnlich frage ich sogar akute Selbstmordkandidaten: „Was ist das Ärgste, was Sie ihm Leben aushalten müssten, wenn Sie nicht (durch eine Hand) sterben würden?“ Oft liegt das Problem im Leben und nicht im Tod.

Typische „zweitärgste“ Folgen (nach dem gefürchteten Tod) sind:

1. Verrückt werden im Sinne einer Schizophrenie.
2. Den Verstand verlieren im Sinne einer plötzlichen Demenz.
3. Etwas „Verrücktes“ tun.
4. Einen massiven, völlig unkontrollierten Gefühlsausbruch bekommen und dann nicht wissen, wozu man fähig wäre, z.B. jemand umzubringen oder sich selbst etwas anzutun, um von dieser Qual erlöst zu werden, obwohl man keinesfalls sterben möchte (dies ist ein wesentlicher Unterschied zu suizidalen Patienten).
5. Einen massiven Wutanfall zu bekommen, wo man die ganze Umgebung völlig unkontrolliert anschreien könnte und diese einen wegen eines „Nervenzusammenbruchs“ in eine Nervenklinik einliefern lassen könnte und man dort niedergespritzt oder „fixiert“ werden könnte oder in die berühmte Zwangsjacke kommen könnte (die ich in unserem Krankenhaus in 18 Jahre nie gesehen habe!).
6. Einen völlig unkontrollierten Weinausbruch zu bekommen, vor Tränen völlig aufgelöst zu sein, und keiner könnte einen mehr trösten und das, was da aufgebrochen ist, rückgängig machen.
7. Sich zu verhalten wie ein kleines Kind und sich an Menschen der Umgebung (auch z.B. an den Therapeuten) so anzuklammern, dass man sich hinterher schämen würde, wie man sich „aufgeführt“ hat, d.h. man hat Angst davor, sich so zu verhalten, dass einem dies hinterher extrem peinlich wäre (wie z.B. in der Therapie den Therapeuten zu umarmen und nicht mehr auszulassen aus Angst, dass einem sonst etwas passieren könnte).
8. In einen früheren Zustand zurückzufallen (wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung), wo man dann Angst vor einem Trauma ohne Ende hätte, wenn das real überstandene Trauma nun in der Fantasie ständig zugegen wäre.
9. Die Angst, in eine Art Hypnose zu verfallen, aus der man nicht mehr herauskommt, ohne genau zu wissen, was dann tatsächlich mit einem passieren würde. Nicht wenige Patientinnen haben Angst vor einer Hypnose, weil sie Angst haben, nicht mehr „herauszukommen“ und dann z.B. dem Hypnosetherapeuten total ausgeliefert sein.
10. Anstelle eines Herzinfarkt plötzlich einen Schlaganfall zu erleben, den man zwar überleben würde, dann aber ein „Idiot“ wäre, der nie mehr normal denken kann.

Wie viele der 10 Punkte würden Sie spontan bejahen? Fallen Ihnen noch andere ein?

Sie können gerne einmal in meine Praxis kommen für eine kürzere Therapie, z.B. Doppelstunden an einem Samstag Vormittag, doch vielleicht warten wir damit noch etwas. Vielleicht finden Sie in Bayern einen passenden Therapeuten. Bei dieser Suche kann ich Ihnen leider nicht helfen. Ich würde Ihnen einen sehr guten Hypnotherapeuten raten, und da gibt es München doch einige, ohne dass ich hier Namen nennen möchte. Die typische Verhaltenstherapie und die typische Psychoanalyse können Sie für Ihr Problem echt vergessen. Sie berücksichtigen die Kombination von mental-emotional-physiologischen Vorgängen zu wenig, obwohl dies in der Theorie gerade von den Verhaltenstherapeuten immer wieder behauptet wird. Ihr Problem sind innere Zustände und nicht äußere Aktionen.

Das Angebot mit der Internet-Selbsthilfe-Gruppe habe ich Ihnen nur gemacht für den Fall, dass es Sie interessiert hätte. Ich kann jedoch verstehen, dass Sie selbst Hilfe suchen und nicht einfach nur anderen zuhören wollen, die sich ebenfalls nicht helfen können.

Ich glaube Ihnen gerne, dass vieles unter „Depersonalisation“ läuft, was in Wirklichkeit gar keine ist. Das Wort wird halt zukünftig häufiger verwendet – so ähnlich wie heute „Panik“ und „Panikattacken“.

Mit beste Grüßen!

Hans Morschitzky

 

 

Petra Wachter 04.06.2001, 22:56:22

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,
leider konnte ich Ihnen erst heute antworten. Zum einen hatte ich wenig Zeit , zum anderen ging es mir die letzten Tage wirklich nicht besonders gut. Starke Depersonalisationsgefühle und stets das Gefühl einer drohenden Ohnmacht, machen das Leben nicht gerade leichter.
Über Ihr letztes Schreiben an mich, bin ich sehr dankbar. Vor allem was das Thema Hyperventilation betrifft. In Roseneck führten wir auch Hyperventilationübungen durch und ich dachte immer, ich mache was verkehrt (!!!!), weil ich keine Panikattacke bekam. Zunächst hyperventilierte ich schon etwas zögerlich und als ich merkte, dass mir nichts passiert (jetzt weiß ich ja warum) atmete ich heftiger. Klar, mir wurde etwas schwindelig und angenehm war es nicht, aber der Supergau blieb aus.
Die Frage nach der „zweitschlimmsten" Befürchtung ist wirklich eine Überlegung wert:
Bei mir würde sie so lauten: Ich habe Angst völlig den Verstand zu verlieren. Mit Tabletten voll gestopft, apathisch und depressiv in einer Psychiatrie zu landen und niemand glaubt mehr an mich. Aufgegeben und allein.
Ja, diese Angst habe ich wirklich. Eine große Rolle dabei spielt, dass ich mir die Depersonalisation organisch nicht erklären kann. Die Erklärungsansätze wie Verdrängung, Abspaltung, Massierung von Todesfällen, Überlastung, Stress, Partnerprobleme, ............. kann ich verstehen, aber nicht was da in meinem Gehirn tatsächlich anders ist als wie bei „normalen" Menschen. Fehlen da irgendwelche Botenstoffe oder sonst was? Verliere ich doch irgendwann die Kontrolle über mich, weil das was Schlimmes in meinem Gehirn passiert? Bei Zucker oder Cholesterin kann ich die damit verbundenen Symptome erklären. Bei Depersonalisation nicht.
Meine zweitgrößte zweitgrößte Angst wäre, wenn ich in der Schule vor meiner Klasse eine Panikattacke erleiden würde.
Ich rette mich immer, indem ich mir sage, dass das gar nicht schlimm wäre. Wir würden den Unterricht beenden oder eine Kollegin würde mich vertreten usw. Bisher hat das immer geholfen, wenn es mir nicht so gut ging.
Sie schreiben in einem Brief an mich, dass Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie bei mir keinen großen Sinn machen und schlagen mir eine Hypnotherapie vor. Leider weiß ich nicht genau was das ist. Bisher habe ich auch nicht geglaubt, dass es Hypnose wirklich gibt. Also dass man weggetreten ist und dann auf Fragen antwortet, die einem gestellt werden. Jedenfalls stellte ich mir bis heute Hypnose so vor.
Warum glauben Sie, dass das für mich gut wäre? Ich bekomme doch nichts mit. Meinen Sie, dass man durch die Hypnose an das Unterbewusste kommt? Was für Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Machen Sie überhaupt Hypnosetherapie?
Ich habe lange über das Thema nachgedacht und wenn ich mir vorstelle, dass das geht, überkommt mich das Gefühl, dass ich davor - so wie Sie es von anderen Patientinnen geschrieben haben- wirklich etwas Angst hätte. Ich würde es aber - vorausgesetzt ich finde einen Therapeuten, dem ich vertraue - wagen.
Zur Zeit komme ich mir vor als würde ich mich selbst ständig am Schopf aus dem Wasser ziehen. Habe trotzdem Hoffnung, dass ich die Depersonalisation überwinden/besiegen/auflösen werden, zumal ich jetzt weiß, dass ich nicht alleine mit dieser Krankheit bin.


Vielleicht wird es Sie interessieren, vor ein paar Tagen bekam ich eine mail von einer Frau, die zur gleichen Zeit in Roseneck war wie ich und auch unter Depersonalisation leidet. Nachdem Sie eine schwere Panikattacke erlitt wurde Sie von Ihrem Arzt eingewiesen. Sie blieb 10 Wochen und auf das Symptom Unwirklichkeit wurde auch nicht weiter eingegangen. Ich glaube, es wird von den meisten Therapeuten nur als Symptom wie Mundtrockenheit, Kloß im Hals oder Schwindel behandelt und dem damit verbundenen Leidensdruck viel zu wenig Beachtung entgegengebracht. Ich finde Ihr Engagement in dieser Hinsicht einfach klasse!!!!!!!!!


Viele Grüße
Petra Wachter

 

Hans Morschitzky  05.06.2001, 23:01:16

 

Hallo Petra!

> Über Ihr letztes Schreiben an mich, bin ich sehr dankbar. Vor allem was das Thema Hyperventilation betrifft.

Das freut mich aber. Ich weiß nicht, warum die anderen Verhaltenstherapeuten dies nicht verstehen wollen. Demonstrieren, dass man keine Panikattacke bekommt, wo man doch laut Anweisung eine bekommen sollte, ist wohl als Therapiefehler zu betrachten. Denn dann zeigt man doch, dass echte Panikattacken ganz anders laufen.

> Meine zweitgrößte Angst wäre, wenn ich in der Schule vor meiner Klasse eine Panikattacke erleiden würde.

Wem sagen Sie das? Lehrerinnen gehören zu meinen "besten Kundschaften". Nichts gegen Lehrerinnen, sie tun wenigstens über eine Psychotherapie etwas gegen die Symptome, die andere Leute auch haben.

Ich habe schon Lehrerinnen gehabt, die genau deswegen mit Valium in die Unterrichtsstunde gingen. Die Angst, vor einer ganzen Klasse aufzufallen, ist einfühlbar. Wer möchte das schon?

> Die Frage nach der „zweitschlimmsten" Befürchtung ist wirklich eine Überlegung wert: Bei mir würde sie so lauten: Ich habe Angst völlig den Verstand zu verlieren. Mit Tabletten vollgestopft, apathisch und depressiv in einer Psychiatrie zu landen und niemand glaubt mehr an mich. Aufgegeben und allein.

Dachte ich es mir doch! Die Angst die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden gibt als eines der vier kognitiven Symptome einer Panikattacke, u.a. neben Depersonalisation/Derealisation. Petra, Sie sehen ja, Sie sind in diesem Forum mit dieser Angst in guter Gesellschaft.
Dies zeigt doch etwas an, was wir bis jetzt noch nicht thematisiert haben: das Bedürfnis nach Autonomie, nach Unabhängigkeit, fern jeder Fremdsteuerung durch Menschen oder Tabletten. Ist das nicht ein ganz normales Ziel?

> kann ich verstehen, aber nicht was da in meinem Gehirn tatsächlich anders ist als wie bei „normalen" Menschen. Fehlen da irgendwelche Botenstoffe oder sonst was?

Nein, da fehlt nichts nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft - aber diese steckt diesbezüglich noch sehr in den Kinderschuhen, wie aus folgendem englischen Forschungsprojekt erkennen können:

http://www.iop.kcl.ac.uk/IoP/Departments/PsychMed/CNeuPsy/DPU/index.stm

Diese Seite und die angeführten Links dürfte Sie sehr interessieren - sofern Sie gerne Englisch lesen.

Was sagen Sie dazu?

Petra, wir bleiben dran, auch wenn der Forschungsstand noch dürftig ist, verglichen mit anderen Symptomen.

Liebe Grüße!

Hans Morschitzky

 

Petra Wachter  10.06.2001, 22:49:02

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

ich habe die Seite des englischen Forschungsprojekts angeklickt. Leider ist mein Englisch nicht mehr so gut, so dass ich ziemliche Verständnisschwierigkeiten habe.
Schade, denn die geboten Informationen hätten mich sehr interessiert.
Auf einer Seite werden Interviewergebnisse von Betroffenen veröffentlicht. Dort war zu lesen, dass die DP unter Stress wesentlich stärker ist. Dies kann ich bei mir so nicht immer bestätigen. Ich habe momentan Ferien und fühle mich trotzdem noch elender als sonst. Ich war heute auf einem Flohmarkt. Kaum angekommen, spürte ich wie ein unangenehmes Gefühl (ich nehme an es war Angst) in mir aufstieg, ich fühlte mich extrem depersonalisiert , das ganze spitzte sich innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einer Panikattacke zu, in der ich kurz das Gefühl hatte den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich warf mich meinem Mann um den Hals und sagte: „Darauf habe ich schon lange gewartet." Anschließen hatte ich weiche Knie und heulte. Das Heulen war ein Impuls. Ich beherrschte mich aber schnell wieder, weil ich von weitem eine Bekannte sah. Eine Minute später unterhielt ich mich mit ihr. Keiner merkte was. Obwohl mein Mann meinte, wir könnten auch gehen, blieb ich auf dem Flohmarkt. Ich wollte der Situation nicht entfliehen, sondern ihr aussetzen. Ein Vergnügen war es aber nicht. Die Depersonalisation ist für mich mit einer Einschränkung von Lebensqualität verbunden, was auch in dem Interview deutlich bejaht wird.
Obwohl mich mein Therapeut manchmal fragt, welche Vorteile mir die Krankheit bringt und ich mir ernsthaft dazu Gedanken mache, fällt mir nichts wirklich Überzeugendes ein.
In der englischen Studie wird auch darüber berichtet, dass in Einkaufszentren die Depersonalisation stärker ist oder auftritt. Dies kann ich nur bestätigen. Während ich früher gerne, lange und oft in die Stadt zum Shoppen ging, bin ich mittlerweile ein Einkaufsmuffel. Ich bevorzuge kleine Geschäfte und jage meine Kinder, wenn sie was brauchen in Windeseile durch die Läden oder kaufe auch mal Dinge, wenn sie teuerer sind, nur damit ich nicht noch wo anders hin muss.
Unter Alkohol wird geschrieben ist die Depersonalisation erträglicher. Auch das stimmt. Ich trinke täglich abends Alkohol, weil ich mich dann oft besser fühle. (Außer Rotwein!!) Ich werde müder und locker. Allerdings oft auch nachdenklicher und emotionaler.
Zwei Dinge noch:
1. Sie empfehlen als Therapieelement die Hypnotherapie und erläutern diese gut nachvollziehbar am Beispiel einer posttraumatischen Belastungsstörung mit dissoziativen Symptomen. Dennoch einige Fragen: Ist man/frau bei der Hypnose bei Bewusstsein oder nicht? Die Auslöser meiner ersten Panikattacke sind diffus (Stess, Massierung von Todesfällen, ....) und beruhen höchstwahrscheinlich nicht auf einem Trauma und den damit verbundenen Verdrängungen und Empfindungen. Dies erschwert die Behandlung vermutlich? Ich überlege ernsthaft mich an einen Hypnotherapeuten in Nürnberg zu wenden. In den gelben Seiten waren allerdings nur drei zu finden.
2. Ich versuche - wie Sie bei Birgit vorgeschlagen haben - mich in schlimme Depersonalisationserlebnisse hineinzuversetzen. Bei der Suche. Die mir leider nicht schwergefallen ist, ist mir aufgefallen, dass ich während meiner Therapiesitzungen sehr stark depersonalisiert bin. Ich habe dies auch meinen Therapeuten gesagt. Auf der Suche nach dem Warum bin ich aber noch nicht so weit gekommen. Mein Therapeut meinte, dass ich Angst vor dem emotionalen Durcharbeiten meiner Kindheit habe und mir es deshalb bei ihm häufig schlechter geht .

Viele Grüße

Petra Wachter

 

Hans Morschitzky  11.06.2001, 23:52:39

 

Hallo Petra!

> Ist man/frau bei der Hypnose bei Bewusstsein oder nicht?

Aus Ihrer Frage spricht ein ganz bestimmtes Verständnis von Hypnose.
Ich empfehle Ihnen eine Hypnotherapie nach Milton H. Erickson.
Das ist eine "sanfte" Hypnosetherapie, wo man alles mitbekommt.

Die Vorstellungen, etwas im "Unterbewusstsein" abzuspeichern in einem Zustand, an den man sich hinterher nicht mehr erinnern kann, entspricht dem Bild der "klassischen" Hypnose, die zunehmend durch die moderne Hypnotherapie ergänzt bzw. sogar ersetzt wird.

Für eine nähere Information besuchen Sie z.B. folgende Adressen:

http://www.meg-hypnose.de/tlist.htm

http://www.hypnotherapie.at/

http://www.clickfish.com/clickfish/guidearea/gesundheit/fachgebiete/psychologie1/hypnotherapie.html

http://www.smokex.de/Hypnotherapie/hypnotherapie.html

http://home.t-online.de/home/astrid-krueger-linkliste/schwerpunkte/hypno.htm

http://home.t-online.de/home/HGReinkenhoff/ht.htm

http://www.hypnose-klinik.com/konzept/frame.html


Sie haben Angst vor mentalem Kontrollverlust. Bei "hypnoiden" Übungen wird dies bewusst gefördert, d.h. das Loslassen trainiert.

Es ist nicht gut, die Depersonalisation immer nur zu verstehen als Verdrängungsversuch, als Abspaltungsversuch von Dingen aus der Vergangenheit.

Depersonalisation ist ja ein Erleben in der Gegenwart. Und Gefühle, Vorstellungsbilder und Ängste hat man hier und jetzt. Daher sollte man den Betroffenen helfen, in der Gegenwart intensiver leben zu lernen, und zwar auch mit Panikattacken, wie Sie sie erst unlängst erlebt haben.

Durch das Wissen nach den Ursachen ist noch nichts anders. Kennen Sie einen Alkoholiker, der nach dem Wissen um die Ursachen des Trinkens sofort damit aufhört? Dasselbe gilt z.B. auch bei Bulimie u.a.

Mit besten Grüßen einstweilen!

Hans Morschitzky

 

Hans Morschitzky  13.06.2001, 00:50:52

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky

die Depersonalisation erlebt man in der Tat in der Gegenwart. Momentan fühle ich mich derart depersonalisiert, dass ich das Gefühl habe fast jeden Moment eine Panikattacke erleiden zu können. Die Depersonalisation fördert Panikattacken. Vor allem wenn ich müde bin oder mir bewusst mache, wie ich mich im Moment fühle.
Auf irgendeiner Seite zitierten Sie einen Psychologen, der meinte, dass die Bewertung der Symptome die eigentliche Ursache für eine Attacke ist. Jedes Mal, wenn es mir schlecht geht, halte ich mir das vor Augen und sage mir, dass ich mich zwar beschissen (entschuldigen Sie den Ausdruck, aber was netteres fällt mir dazu nicht ein) fühle, dass es aber objektiv nicht schlimm ist.
Heute stand ich in einem Blumenladen um Grabpflanzen zu kaufen. An der Kasse musste ich den Wagen stehen lassen, lief etwas vor, zog meine Jacke aus, schüttelte mich und ging wieder zu meinem Wagen, während sich mein Sohn ein Eis aussuchte und mich die Dame hinter mir anstarrte als wäre ich vom Mars. Auf Dauer - auch wenn einem nichts passiert - ein unerträglicher Zustand.
Am nächsten Montag habe ich eine Therapiestunde bei einem Hypnosetherapeuten (er arbeitet nach Erickson). Mal sehen wie das weitergeht und wie mein eigentlicher Therapeut darauf reagiert. Ich werde Sie jedenfalls auf dem Laufenden halten.


Viele Grüße
Petra Wachter

 

Hans Morschitzky  13.06.2001, 11:12:43

 

Hallo Petra!

> wie mein eigentlicher Therapeut darauf reagiert

"F
remdgehen" wird von einem Psychotherapeuten üblicherweise genauso wenig gemocht von einem Partner.

Gewöhnlich beendet man die eine Therapie und beginnt dann die andere. Das ist die übliche Gepflogenheit.

Zu mir ko
mmen auch Leute öfter zu einem Erstgespräch bei seit mindestens zwei Jahren laufender Therapie, wo auch ziemlich deutlich ist, dass sich die Betroffenen auch dann noch ihrem Therapeuten verpflichtet fühlen, obwohl nichts weiter geht, aber sie schauen sich hinter dem Rücken ihres Therapeuten um, ob es noch etwas anderes gibt, das ihnen helfen kann. Aus meiner Erfahrung kann ich Sie also verstehen.

Ich würde Ihnen dann aber nach einem Erstgespräch - genau so wie wenn ich der Haupttherapeut wäre - mitteilen, dass Sie sich danach entscheiden müssten, wen Sie jetzt wirklich weiterhin aufsuchen möchten.

Zur Depersonalisation gilt dasselbe wie beim Herzrasen. Beides ist extrem lästig. Doch der panikartige Charakter setzt erst mit der Bewertung als extrem bedrohlich ein. Sie wissen ja, dass man daran nicht stirbt, aber sozial auffällig werden ist ebenso wie "sozial tot, erledigt" sein - genauso wie Sie dies schreiben.

Depersonalisation bedeutet, sich im Hier-und-Jetzt nicht in seinem Körper zu fühlen und sich nicht bei klarem Verstand erleben.

Jede Form einer Körpertherapie und hypnoiden Therapie soll helfen, genau damit umgehen zu können - vorausgesetzt, der jeweilige Therapeut kennt sich theoretisch und praktisch bei der Thematik Depersonalisation aus.

Bei Ihrer Symptomatik zeigen sich einfach klar die Grenzen eher reinen Beratung (wie hier) oder einer vergangenheitsorientierten Therapie - die Probleme sind in der Gegenwart!

Nicht nur wegen der Kindheit, sondern ganz einfach im Geschäft beim Einkaufen ist Ihnen die Depersonalisation untergekommen.

Zu fragen wäre nur, ob es zufällig war, dass die Depersonalisation gerade beim Blumenkauf für das Grab aufgetreten ist.

Grab - Tod - Verlust? Oder wie geht Ihre Assoziationskette?

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

 

 

Petra Wachter  02.07.2001, 23:09:39

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,
ich habe mich jetzt lange nicht mehr gemeldet, was allerdings nicht bedeutet, dass ich nicht an Sie und an das Forum gedacht hätte. Ich konnte mich einfach nicht aufraffen oder war mir anderen Dingen beschäftigt. Dass Sie auf die Assoziation Grab- Blumenschmuck usw. eingehen werden habe ich vermutet. Es liegt ja nahe. Den Gang zum Friedhof wollte ich ja auch mit meinem Mann erledigen. Der hatte aber keine Zeit und so bin ich mit dem Rad hingefahren. Ich wollte mir beweisen, dass ich das auch alleine schaffe. Und es hat ja auch weitestgehend geklappt.
Beim Hypnosetherapeuten war ich mittlerweile schon 2 x. Verglichen mit meinem Tiefenpsychologen gibt es - wie vielleicht auch zu erwarten war - Parallelen und Unterschiede. Jedenfalls finde ich ihn sehr sympathisch und einfühlsam. Ich habe ihm gesagt, dass bei mir die Depersonalisation im Vordergrund steht und ich eigentlich nur darauf eingehen möchte. Dies ist bis jetzt auch der Fall (im Unterschied zu meinem Tiefenpsychologen, der das Wort Unwirklichkeit oder Depersonalisation in 3 Jahren nicht einmal von sich aus erwähnt hat). Andererseits spielt bei dem Hypnosetherapeuten auch die Kindheit eine sehr wichtige Rolle. Erstaunlich dabei ist allerdings, dass er auf eine Sache in meinem Leben gestoßen ist, auf die - obwohl ich seit 3 Jahren hauptsächlich über mich und meine Kindheit bei meinem Tiefenpsychologen spreche - ich noch nicht gekommen bin: Mit 15 Monaten gab mich meine Mutter für 8 Wochen zu einer Verwandten, da sie meinen Bruder bekam. Meine Depersonalisation findet und das haben Sie wirklich gut geschrieben, in der Gegenwart statt. Aber irgendwie scheint mich meine Vergangenheit immer wieder einzuholen. Meine Erkenntnisse über mich mehren sich, doch die Depersonalisation ist da. Ungebrochen wie Schmierfilm? Schutzfilm? begleitet sie mich durch mein Leben.
Interessant fand ich noch, dass der Hypnosetherapeut meinte, für mich reichen 10 Stunden aus. Das hat mich neugierig gemacht und freudig gestimmt. Ich habe jetzt noch 8 Stunden und wenn es interessiert werde ich weiterhin darüber berichten. Meinem festen Therapeuten konnte ich es nicht sagen, dass ich „fremd" gehe. Ich wollte es ihm sagen und fragte ihn, was er von Hypnosetherapie halte, weil mich dieses Thema sehr interessiert. Er antwortete mir, dass eine Hypnosetherapie kontraproduktiv wäre, aber Ausnahmen die Regel bestätigen. Daraufhin verlor ich etwas den Mut und habe es auf die lange Bank geschoben.
Viele liebe Grüße aus dem Frankenland.

Petra Wachter

 

Hans Morschitzky  03.07.2001, 06:12:11

 

Liebe Petra!

Es freut mich, wenn Sie durch den Hypnotherapeuten einige Hoffnung bekommen haben, die Thematik der Depersonalisation von einer ganz neuen Seite angehen zu können.

Die Vergangenheit ist auch nach meiner Meinung sehr wichtig - als zentrale Grundlage emotionalen Lebens, abgespeichert im Gehirn, im limbischen Zentrum. Ändern kann man allerdings nur in der Gegenwart etwas.

Wie Vergangenheit und Gegenwart zusammenhängen, lässt sich so erklären:

Ein zentraler Punkt aus der Vergangenheit, der nicht oder nur schlecht verarbeitet wurde, wühlt in der Gegenwart angesichts einer aktuellen Situation alles wieder auf, weil man weder das Alte noch das Neue wirklich verarbeitet, sondern nur verdrängt, "weggesteckt", dissoziiert hat. Dies ist eine klassisch psychoanalytische Sichtweise, nur gehen andere Therapeuten etwas anders vor als Analytiker.

Es geht häufig um Themen wie Verlust eines Elternteils (durch Tod oder Scheidung der Eltern), Ungeborgenheit, schwere Erkrankung (Krebs u.a), Gewalt oder sexueller Missbrauch in der Familie.

Wer z.B. als Kind an der Scheidung der Eltern sehr gelitten hat und dies nicht verarbeitet hat (wann hat man dies schon als Kind?), der kann auch später in eigenen Partnerschaften sehr sensibel reagieren bei Trennungen oder Trennungsgedanken bzw. Trennungsängsten (reichen schon aus!).

Wer z.B. als kleines Kind im Alter von zwei Jahren wegen einer schweren Erkrankung drei Monate im Kinderkrankenhaus sein musste und wegen der großen Ansteckungsgefahr nur die Mutter real zu Gesicht bekam (und dies nur für eine halbe Stunde täglich, danach täglicher Verlust der Mutter!), der kann für ganzes Leben sensibilisiert sein, soweit es um Beziehungen, Beziehungsabbrüche, Ausgeliefert sein usw. geht.

Über Hypnotherapie kann man derartige Erlebnisse der Vergangenheit viel besser verarbeiten als durch jede andere Psychotherapiemethode, dennoch muss man dann z.B. die Beziehungssicherheit auch in der Gegenwart gewinnen bzw. mit aktuellen Trennungs- oder Verlustängsten bzw. realen Verlusterlebnissen umgehen lernen.

Mit besten Grüßen und Wünschen!

Hans Morschitzky
 

 

Petra Wachter  15.09.2001, 23:32:03

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

ich habe letzte Woche eine mail von einem Mitbetroffenen erhalten, der unseren Briefwechsel gelesen hat und er hat geschrieben, dass ich mich seit Monaten nicht mehr am Forum beteilige und hoffe, dass es daran liegt, dass es mir jetzt besser geht. Leider ist dies nicht der Fall und ich habe an Sie in meinem Kopf schon unzählige mails geschrieben. Je nach Befindlichkeit und ganz unterschiedlich. Ich bin umgezogen, meine Mutter war krank und in der Arbeit war sehr viel zu tun. Dies sind aber nicht die alleinigen Gründe, warum ich mich nicht mehr so aktiv am Forum beteiligt habe. Ich wusste oft gar nicht mehr so recht, was ich schreiben sollte. Mir erschien alles so sinnlos. Die Depersonalisation ist überall. Egal wohin ich gehe und was ich mache. Wir gehören zusammen und ich werde sie einfach nicht los. Ich bemühe mich so sehr, aber es hilft einfach nichts. Auch wenn ich versuche nicht daran zu denken. Nicht im Forum schreibe. Nicht mit Betroffen kommuniziere. Ein „normales" Leben ist mir nur an der Oberfläche gestattet. Ich nehme am öffentlichen und familiären Leben teil, fühle mich aber irgendwie immer wie im Kino, oftmals einer Herzattacke oder ein Ohnmacht nahe. Ich weiß, dass die Symptome „nur" psychosomatisch sind und versuche sie stets als solche zu werten. Das hilft, ist auf Dauer aber auch nicht das Nonplusultra. Den Hypnosetherapeuten fand ich gut. Er arbeitet auf der Grundlage von Erickson und war sehr einfühlsam. Allerdings habe ich mich letztlich dann doch entschieden, erst einmal die Therapiestunden bei meinem eigentlichen Therapeuten, die auch von der Kasse bereits genehmigt wurden, zu Ende zu bringen. In letzter Zeit drängt sich bei mir der Gedanke auf, dass die Depersonalisation bei mir chronisch ist und ich habe Angst, dass mich dieser Zustand nie mehr verlässt. Ich finde es einen Wahnsinn, in so einen Zustand zu gelangen und mir fällt es trotz Therapie und Klinikaufenthalt immer noch sehr schwer, die Dp. zu akzeptieren. Vielleicht bin ich gar nicht therapiefähig. Ich weiß nicht. Jedenfalls bin ich momentan ziemlich frustriert .
Ich hoffe, Ihnen geht es besser als mir. 

Viele liebe Grüße

Petra Wachter

 

Hans Morschitzky  17.09.2001, 14:39:49


Hallo Petra!

Es freut mich (und wohl auch die LeserInnen), wieder von Ihnen zu hören. An der relativ hohen Zahl von Aufrufen haben Sie ja das Interesse an Ihrem Beitrag gemerkt.

Ich bin beeindruckt davon, was Sie schon alles unternommen haben, sogar die Hypnotherapie haben Sie durchgezogen, und dann noch Fortsetzung der ursprünglichen Therapie.

Es geht nicht immer um eine Therapie als solche, sondern darum, dass man sich auf diese Weise zeigt, man nimmt sich ernst, resigniert nicht trotz der anhaltenden Symptome, sodass Therapien manchmal auch "nur" dazu helfen, etwas auszuhalten, was sonst noch schwerer aushaltbar wäre.

Anhaltenden Stress neben der Depersonalisation gibt es nach Ihren Aussagen schon:

> Ich bin umgezogen, meine Mutter war krank und in der Arbeit war sehr viel zu tun.

Doch reicht dies für eine Gefühlsabspaltung? Ich glaube nicht. Was wirklich los ist bei Ihnen, werden Sie und wir hier wohl erst dann wissen/erfahren, wenn das Problem weg ist, nach dem Motto: "Man hat etwas erst dann verstanden, wenn man es verändert hat."

Viele PatientInnen haben ein jahrelanges Leiden - und werden schließlich doch gesund. Bei Ihnen ist es im Moment nur äußerlich so, dass Sie sich gesund verhalten und alles machen ohne Vermeidungsstrategien.

Sie sind gerne eingeladen, hier wieder einmal etwas zu schreiben als Zeichen der Hoffnung für andere, dass Sie trott anhaltender Symptomatik nicht resignieren.

Ich wünsche Ihnen die Kraft zum Durchhalten, bis Sie sich auch innerlich wohler fühlen.

Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

Hans Morschitzky  27.09.2001, 23:17:27

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

Sie schreiben, dass ich die Ursache für meine Depersonalisation wahrscheinlich erst finde, wenn sie weg ist. Na, mal abwarten. Ich warte i
mmer noch darauf, dass die Dp. sich langsam ausschleicht, so wie es etliche Betroffene mir auch geschrieben haben. Was nicht heißt, dass sie nicht wieder kommen kann, aber immerhin wäre ich schon mal froh, über eine "wirkliche" Zeit. Momentan empfinde ich etwas Sonderbares. Mir geht es von den körperlichen Beschwerden (Herzklopfen, Angst in Ohnmacht zu fallen, Atemnot, usw.) relativ gut. Ausnahme: starkes Kloßgefühl im Hals, aber mit dem kann ich noch am besten leben. Dennoch empfinde ich die Depersonalisation derart intensiv, dass ich meinen Zustand außerordentlich absurd empfinde. Ich kann mich mit ihr bewegen und wesentlich mehr Dinge erledigen, ohne dass ich dabei Angst oder größere Angst empfinde. Ich fahre beispielsweise im November mit meiner Klasse ins Schullandheim (Anker: Ich fahre allerdings nicht alleine). Dennoch war dies für mich letztes Jahr ein großes Problem. Aber ich wollte vor einem Jahr nicht vermeiden und habe es gewagt. Ja, Herr Morschitzky, ich weiß auch nicht so genau, was mit mir los ist und wo das eigentliche Problem liegt. Mein Therapeut meint, ich bin zu viel Kopf und zu wenig Emotion.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal erwähnen, dass ich es sensationell finde, was Sie hier leisten. Auch freue ich mich über jede mail von Betroffenen, die ich bekomme. Das gibt mir Mut und auch immer wieder das Gefühl, dass es da noch mehr so Menschen gibt, die wissen, was ich meine und ich mir dann doch nicht mehr so "außerirdisch" vorkomme.

Mit vielen Grüßen
Petra Wachter

 

Petra Wachter  06.12.2001, 22:18:26

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

ich habe gerade meinen letzten eigenen Brief mit Interesse gelesen, weil es mir momentan wieder ganz anders geht. Die körperlichen Symptome (Schwindel, Herz, Atemnot) sind wieder voll da. Warum gibt es bei Angsterkrankungen immer wieder diese starken Rückfälle? Neulich in einem Baumarkt war ich kurz vor einer Panikattacke. Ich war vor allem so stark depersonalisiert, dass fast geheult hätte. Noch vor nicht allzu langer Zeit war ich im selben Baumarkt und da war so

 gut wie nichts. Warum „lernt" der Organismus nicht dazu? Laut Lernpsychologie müsste mein Konfrontationsverhalten schon längst bessere Früchte tragen. So gehe ich - wenn ich in die Stadt muss - prinzipiell in den Karstadt. Egal wie es mir vorher ging - dort fühle ich mich total mies.
Mich beschäftigt auch eine andere Frage extrem: Ab welchem Zeitpunkt nennt man eine Angsterkrankung chronisch? Ich mache mir mittlerweile nämlich Sorgen, dass ich diese Erkrankung niemals mehr los werde. Vor allem die Depersonalisation bedrückt mich sehr. Ich führe wie Sie einmal geschrieben haben, nach außen ein relativ normales Leben. Niemand hält mich für krank. Nach innen aber lebe ich in einem Minikosmos. Lediglich vorstellbar für jemanden, der eine Ahnung von Dp und den anderen Symptomen hat. Ich kann in der Wirtschaft sitzen, einen Witz erzählen und gleichzeitig fühlen, dass ich jetzt vielleicht gleich in Ohnmacht falle oder vielleicht einen Herzinfarkt bekomme. Am schlimmsten aber ist die Dp. Ich denke mir oft, wenn die nicht wäre könnte ich wieder richtig leben.

Mit den besten Grüßen
Petra Wachter

 

 

Petra Wachter  06.12.2001, 23:03:39

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,
ich schreibe Ihnen gleich noch einmal, weil ich etwas vergessen habe. Seit ca. 3 Wochen verspüre ich ungefähr ein- bis viermal am Tag ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Dies deutet auf Hyperventilation hin. Ich habe mir dazu nochmals ihre page zum Thema Atmung durchgelesen. Dennoch: Ich merke nicht, dass ich hyperventiliere . Ich meine sogar, dass ich ziemlich ruhig atme. Kann man/frau sich da so täuschen? Und nochmals: Ich sitze beispielsweise vor der Glotze und nehme plötzlich ein Kribbeln war. Warum? Wieso? Haben Sie eine Idee?
Mir ist außerdem noch etwas ganz anderes passiert. Ich wollte eine Arbeitsunfähigkeitsversicherung abschließen. Bei irgendeiner Frage muss man angeben, ob man in den letzten 5 Jahren im Krankenhaus war. Ich gab an in Roseneck gewesen zu sein und dass ich von der Kasse 50 und nochmals 30 Therapiestunden beko
mmen habe, die ich auch nutze. Mir war dies wichtig und ich wollte nicht tricksen. Schließlich mache ich meinen Job und habe wegen Angst und Panik so gut wie nie gefehlt (in 3 Jahren vielleicht 3 Tage, abgesehen von einem 10tägigen Krankenhausaufenthalt am Anfang meiner Erkrankung und Roseneck, wo ich in den Ferien war!) Daraufhin wurde ich bei der ersten Versicherung gleich abgelehnt. Die zweite fordert nun ein Gutachten meines Arztes ein. Da ich nicht vorhabe bald in Pension zu gehen, fühlte ich mich etwas gekränkt. Dies nur am Rande.

Mit freundlichen Grüßen
Petra Wachter

 

 

 

Petra Wachter  06.12.2001, 23:03:39

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


ich schreibe Ihnen gleich noch einmal, weil ich etwas vergessen habe. Seit ca. 3 Wochen verspüre ich ungefähr ein- bis viermal am Tag ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Dies deutet auf Hyperventilation hin. Ich habe mir dazu nochmals ihre page zum Thema Atmung durchgelesen. Dennoch: Ich merke nicht, dass ich hyperventiliere. Ich meine sogar, dass ich ziemlich ruhig atme. Kann man/frau sich da so täuschen? Und nochmals: Ich sitze beispielsweise vor der Glotze und nehme plötzlich ein Kribbeln war. Warum? Wieso? Haben Sie eine Idee?
Mir ist außerdem noch etwas ganz anderes passiert. Ich wollte eine Arbeitsunfähigkeitsversicherung abschließen. Bei irgendeiner Frage muss man angeben, ob man in den letzten 5 Jahren im Krankenhaus war. Ich gab an in Roseneck gewesen zu sein und dass ich von der Kasse 50 und nochmals 30 Therapiestunden bekommen habe, die ich auch nutze. Mir war dies wichtig und ich wollte nicht tricksen. Schließlich mache ich meinen Job und habe wegen Angst und Panik so gut wie nie gefehlt (in 3 Jahren vielleicht 3 Tage, abgesehen von einem 10tägigen Krankenhausaufenthalt am Anfang meiner Erkrankung und Roseneck, wo ich in den Ferien war!) Daraufhin wurde ich bei der ersten Versicherung gleich abgelehnt. Die zweite fordert nun ein Gutachten meines Arztes ein. Da ich nicht vorhabe bald in Pension zu gehen, fühlte ich mich etwas gekränkt. Dies nur am Rande.

Mit freundlichen Grüßen
Petra Wachter

 

Hans Morschitzky  07.12.2001, 10:26:51

Hallo Petra!

Es freut mich, von Ihnen wieder zu hören. Die von Ihnen eingeleitete Diskussion zeigt, welche Endlos-Geschichte so eine Depersonalisation sein kann, auch wenn man schon alles Mögliche wie Sie unternommen hat.

Ich würde Ihre Symptomatik mit einer chronischen Schwindelstörung vergleichen. Je mehr man sich beobachtet, umso größer scheint die Störung zu werden. Ablenken kann jedoch nicht die Lösung sein, weil dies auch einen ständigen Stress bedeutet.

Die zunehmenden panikähnlichen Symptome sind sicherlich nervend, zeigen jedoch zusätzlich an, dass es bei Ihnen vermutlich um Kontrollverlustängste geht. Könnte es sich um die Angst handeln, sich zu verlieren, nie mehr die Kontrolle zu gewinnen über sich? Haben Sie z.B. jetzt auch Angst, doch einmal "den Verstand zu verlieren"? Haben Sie eigentlich schon daran gedacht, dass Sie ganz allgemein chronische Krankheitsängste haben könnten, wobei jetzt eben die Depersonalisation im Vordergrund steht? Sie sehen ja, dass auch andere Symptome wieder kommen, die Sie beunruhigen.

Ich glaube nicht, dass Ihre Symptomatik eine Folge chronisch falscher Atmung ist. Dies würde eher zu einem leichten Schwindelgefühl führen. Eine Depersonalisation ist etwas ganz anderes.

Wenn Sie noch nach einer neuen Diagnose suchen, könnten Sie nicht an einer "Dysthymie" leiden? Dies ist eine chronifizierte depressive Symptomatik leichteren Ausmaßes. Definitionsgemäß ist eine Dauer von mindestens zwei Jahren erforderlich. Dabei kann z.B. die Freudlosigkeit im Vordergrund stehen. Was halten Sie davon? Brauchen Sie dazu noch mehr Informationen?

Die Sache mit den Versicherungen kenne ich durch die Psychiatrie-Tätigkeit zur Genüge. Die meisten Privatversicherungen zahlen nichts für die Psychiatrie, da muss eine extra Versicherung abgeschlossen sein, weil alles Psychische ja so unüberschaubar lange dauern kann.

Mit besten Grüßen!


Hans Morschitzky

 

 

Petra Wachter  09.12.2001, 23:30:56


Sehr geehrter Herr Morschitzky,


erst einmal herzlichen Dank für Ihre schnelle Antwort.
Sie schreiben sinngemäß, dass Sie meine Symptomatik mit einer chronischen Schwindelerkrankung vergleichen würden und je mehr man/frau sich damit beschäftigt, desto stärker werden die Beschwerden. Ablenkung sei keine Lösung, da dies auf Dauer nur Stress verursacht.
Was aber dann? Nur mal tief durchatmen oder früh, Mittag und Abend progressive Muskelentspannung nach Jacobsen? Oder wie mein Therapeut vorschlägt: erinnern und durcharbeiten? Ich bin meinen Gefühlen und Symptomen ausgeliefert. Auch wenn ich fröhlich bin. Plötzlich geht es mir wieder bescheiden. Produziere ich das im Kopf? Mir kommt diese Erkrankung wie ein autonomes Ding in mir vor, was macht was es will und auch wann es will!!!!!
Meine Erkrankung kommt mir wie eine Wunde vor, die nicht abheilt, was ich als normal beachten würde, sondern sich ständig und immer wieder infiziert. Ich laufe seit fast 4 Jahren in meine Therapiestunden, war wochenlang in einer psychosomatischen Klinik. Was mache ich eigentlich falsch? Noch nie habe ich so an mir gearbeitet wie seit 4 Jahren. Allein, dass ich nicht mehr den Notarzt herbeirufe habe ich gelernt.
Mit Ihrer Dysthymie könnten Sie Recht haben. Depressive Verstimmungen stelle ich an mir schon länger fest. Was mich im Übrigen auch nicht wundert. Mich wundert viel mehr, wie man/frau diesen Zustand überhaupt so lange aushalten kann.
An chronischen Krankheitsängste glaube ich nicht. Eigentlich erst seitdem ich diese Angsterkrankung habe, mache ich mir da große Sorgen, vor allem was den Kopf anbelangt. Sicherlich mache ich mir Gedanken, ob ich nicht vielleicht doch mal den Verstand verlieren könnte. Aber ist dies verwunderlich? Würden Sie da anders denken. Das Gleiche gilt für die Kontrollverlustängste. Wer fällt schon gern im Baumarkt in Ohnmacht? Zumal ich ja weiß, dass ich an nichts „Ernstem" leide.
Eine Frage zum Schuss: Ist es bei vielen Angstpatienten normal, dass die Symptome einen ständig begleiten (natürlich mal mehr , mal weniger, mal da ein Symptom, mal das andere), aber man/frau fühlt sich nie beschwerdefrei. Dieser Gedanke geht mir seit einigen Tagen durch den Kopf. In den Büchern steht darüber eigentlich nichts. Jedenfalls nicht konkret.

Viele liebe Grüße

Petra Wachter

 

 

Hans Morschitzky  21.12.2001, 10:48:29
 

Hallo Petra!

> Ist es bei vielen Angstpatienten normal, dass die Symptome einen ständig begleiten?

Kurze Antwort: ja

Etwas längere Antwort; ja, aber nur dann, wenn man sich davor fürchtet, ähnlich wie bei Schwindel.

Noch längere Antwort: so genannte "gesunde" Menschen haben auch oft Symptome, bewerten diese aber nicht so dramatisch wie Angstpatienten und somatoforme Patienten. Krank machen oft nicht die Symptome an sich, sondern deren Bewertung als gefährlich bzw. unerträglich.


> Was aber dann? Nur mal tief durchatmen oder früh, Mittag und Abend progressive Muskelentspannung nach Jacobsen? Oder wie mein Therapeut vorschlägt: erinnern und durcharbeiten? Ich bin meinen Gefühlen und Symptomen ausgeliefert. Auch wenn ich fröhlich bin. Plötzlich geht es mir wieder bescheiden. Produziere ich das im Kopf? Mir kommt diese Erkrankung wie ein autonomes Ding in mir vor, was macht was es will und auch wann es will!!!!!

Antwort: weder ständig entspannen wollen noch ständig hart arbeiten im Sinne von Durcharbeiten, sondern besser umgehen lernen mit den Zuständen im Hier und Jetzt. Denn jetzt haben Sie Symptome, Sie brauchen doch nichts zu erinnern, wenn es nur um das Durchleben des Gegenwärtigen ginge!

Mein Motto lautet immer: man kann etwas nur bewältigen, wenn man es vorher angenommen hat! Scheinbare Schwäche wird dadurch zur Stärke. Die ganzen Chronifizierungen von Angststörungen beruhen genau darauf, dass dies nicht gewollt und gewagt wird aus Angst vor körperlichem, emotionalem oder geistigem Kontrollverlust.

Angstpatienten jeder Art kämpfen zuviel g e g e n ihre Symptome, müssen ständig alles zu unterdrücken versuchen. Das führt zu ständigem Stress.

Warum können Sie, wenn es doch einmal so sein sollte, nicht zulassen, in einem Baumarkt umzufallen? Es ist doch noch gar nicht so weit und Sie wissen auch gar nicht, ob es wirklich einmal so weit kommen kann, aber Sie müssen offensichtlich schon jetzt darüber nachdenken und in perfektionistischer Manier auszuschließen versuchen, dass es jemals so weit kommen könnte. Warum eigentlich? Haben Sie Angst negativ aufzufallen, auch wenn Sie seit Jahren wissen, dass die Symptome nicht gefährlich, sondern nur lästig sind?

> Ich laufe seit fast 4 Jahren in meine Therapiestunden, war wochenlang in einer psychosomatischen Klinik. Was mache ich eigentlich falsch? Noch nie habe ich so an mir gearbeitet wie seit 4 Jahren.

Sie arbeiten zu viel an sich, weil Sie zu viel g e g e n etwas arbeiten, gegen Ihre Symptome - eben so wie dies auch viele Schwindelpatienten tun.

Nicht das ursprüngliche Problem wie Herzrasen, Schwindel, Depersonalisation, sondern die Problemlösung wird zum Dauerproblem.
Es ist so, wie wenn Sie Alkoholprobleme hätten und ständig meinen, die müssten sich mehr "zusammenreißen", um endlich nichts mehr zu trinken. Je öfter Sie trinken würden, wäre dies dann aber der Beweis Ihrer Willensschwäche, sodass Sie es schließlich aufgeben würden abstinent zu leben, weil Sie aus Willensschwäche doch immer wieder rückfällig werden. Ein derartiges Denken ist der Grund, warum viele Alkoholiker mit "Besserungswillen" nach mehreren Rückfällen auch noch depressiv werden.

Man kann es so zusammenfassen: wenn man ohne (krankhafte) Angst leben will, muss man erst vorerst einmal gelernt haben, mit der Angst besser zu leben. Es ist ähnlich wie bei einer chronischen Schmerzstörung, die keine organische Ursache hat. Mit derartigen Patienten werde ich ab Juli 2002 viel zu tun haben, wenn ich auf einer Psychosomatik-Abteilung arbeiten werde. Die Betroffenen möchten gerne alles ohne Schmerzen tun. Es wird nur besser, wenn man auch etwas tut, während es einem schlechter geht, ohne dabei seine negativen Zustände zu unterdrücken.

Sie können die Diagnose einer Dysthymie akzeptieren? Dann hätten Sie eher einer Dauerverstimmung als eine Angststörung. Diese besteht oft in einer chronischen Lebensunzufriedenheit, Unfähigkeit zu genießen u.a.

Dan sind wir wieder einmal dort, wo ich Sie fragen muss: Was würden Sie denn tun, wenn es Ihnen besser ginge und Sie das Leben besser genießen könnten? Was immer darauf die Antwort ist, sollten Sie jetzt schon damit anfangen und nicht warten, bis die Stimmung besser wird. Aktivität verbessert die Stimmung, heißt es. Aktivität sollte jedoch nicht in der Überaktivität für andere bestehen, sondern in der Gestaltung des eigenen Lebens und der Freizeit.

Mit besten Weihnachtswünschen!

 

Petra Wachter

 

Hans Morschitzky  13.01.2002, 21:45:39

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

erst einmal, wenn auch etwas verspätet, eine schönes und gesundes neues Jahr!
Danke für Ihren letzten Brief. Ich habe ihn mir ausdrucken lassen und auch schon mehrmals durchgelesen. Sie schreiben immer sehr treffend, so dass ich aus Ihren Antworten immer Positives für mich herausholen kann. Alles was Sie schreiben kann ich nachvollziehen. Trotzdem bleiben bei mir immer Zweifel und Fragen offen. Typisch ! Oder?

Ø Nicht das ursprüngliche Problem wie Herzrasen, Schwindel, Depersonalisation, sondern die Problemlösung wird zum Dauerproblem.

Ja, das stimmt hundertprozentig. Tagtäglich beschäftigt mich meine Erkrankung und meine Symptome. Nun kommt aber wieder mein a b e r: Wie kann ich meine Angststörung ignorieren bzw. nicht in den Mittelpunkt meines momentanen Daseins stellen? Schon früh, wenn ich aufstehe, fühle ich mich depersonalisiert. Soll ich darüber hinwegsehen? Wie kann ich darüber hinwegsehen? Meine Fragen hören sich naiv an. Aber ich weiß wirklich nicht, wie ich mit dieser Krankheit eindeutig umgehen soll. Ich sage mir z. B. bei Herzrasen den Spruch: „Mein Herz ist gesund." Aber allein die Tatsache, dass ich mir Sprüche sagen muss, um gut über die Runden zu kommen, konfrontiert mich doch ständig mit meiner Krankheit.
Mir geht es nicht mehr so schlecht, wie noch vor vier Jahren. Ich konnte nicht mehr aus dem Haus, nicht in die Arbeit. Verglichen mit dieser Zeit habe ich gelernt mit der Angst besser zu leben. Aber ich empfinde keine Fortschritte mehr.
Ab wann habe ich gelernt mit meiner Angst besser zu leben?

Ø Es wird nur besser, wenn man auch etwas tut, während es einem schlechter geht, ohne dabei seine negativen Zustände zu unterdrücken.

Dies tue/versuche ich. Ich gehe aus. Fahre jetzt mit einer Freundin zu einem Wellness-Wochenende . Ich fahre Pfingsten mit Freunden nach Italien und belege einen WOK-Kochkurs. Natürlich mache ich auch Dinge nicht: Sprachkurs in England, Disco-Besuche, obwohl ich gerne wieder einmal zum Tanzen gehen würde.

Wie lange dauert es, bis es besser wird? Soll man alles ausprobieren? Soll ich doch mal in eine Disco gehen, die laut, dunkel und voller Menschen ist? Auch wenn ich erstmal ein unbehagliches Gefühl habe? Noch eine Frage: Kann eine Angstpatientin überhaupt jemals wieder ein „normales" Leben führen. Mit der Erinnerung, was einmal war und was vielleicht wieder kommen kann. Oder sind diese Gedanken und Fragen schon wieder ein Keil, der es verhindert wirklich gesund zu werden?

Ø Sie können die Diagnose einer Dysthymie akzeptieren? Dann hätten Sie eher eine Dauerverstimmung als eine Angststörung.

Ich weiß nicht so recht, aber eine gewisse Lebensunzufriedenheit konnte und kann ich bei mir in der Tat feststellen. Selten bin ich mit etwas und auch mit mir wirklich zufrieden. Oft denke ich, dass es jedem anderen besser geht (in jeder Hinsicht) als mir. Und meist vergleiche ich mich mit Menschen, denen es besser geht, obwohl ich mit Sicherheit genügend kenne, denen es schlechter geht. Ich will nicht so denken, aber: auch wenn der Verstand sagt: „Das ist Quatsch. Dir geht es gut. Du hast eine Familie, einen sicheren Job, ........... „ spielen meine Emotionen nicht mit. Ich fühle den Neid, die Unzufriedenheit trotzdem.
Darüber habe ich natürlich schon oft nachgedacht und ich empfinde es als Schwäche. Ich würde gerne eine Altruistin sein, kann es aber nicht. Passt dies zur Dysthymie?


Viele Grüße und nochmals danke für Ihre Antworten!

Petra Wachter

 

 

Hans Morschitzky  16.01.2002, 11:00:30

 

Hallo Petra!

> Wie kann ich meine Angststörung ignorieren bzw. nicht in den Mittelpunkt meines momentanen Daseins stellen? Schon früh, wenn ich aufstehe, fühle ich mich depersonalisiert. Soll ich darüber hinwegsehen? Wie kann ich darüber hinwegsehen? Meine Fragen hören sich naiv an. Aber ich weiß wirklich nicht, wie ich mit dieser Krankheit eindeutig umgehen soll.

Wenn Sie Ihr Problem schon als chronisch erleben, dann schlage ich Ihnen folgende Überlegung vor. Stellen Sie sich vor, sie sind eine chronische Schmerzpatientin, aber die Ärzte finden keine Ursache für Ihre Schmerzen.

Wie würden Sie da leben, wenn Sie sich nicht ganz fertig machen wollen? Sie können diese Schmerzen ebenso wenig ignorieren wie Ihre Depersonalisation.


> Wie lange dauert es, bis es besser wird? Soll man alles ausprobieren? Soll ich doch mal in eine Disco gehen, die laut, dunkel und voller Menschen ist? Auch wenn ich erstmal ein unbehagliches Gefühl habe? Noch eine Frage: Kann eine Angstpatientin überhaupt jemals wieder ein „normales" Leben führen.

Würden Sie dies als chronische Schmerzpatientin tun? Wenn nicht, dann werden Ihre Schmerzen trotz Schonung immer ärger. So ist es auch bei einer Depersonalisation, oder? Es verändert sich immer nur dann etwas, wenn man etwas tut! Sonst wird durch das Vermeiden und das viele Nachdenken alles immer nur ärger! Tun Sie, was Sie tun möchten!

Mit besten Grüßen einstweilen!

Hans Morschitzky


 

 

Petra Wachter  12.02.2002, 12:04:53

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

Ihr letzter Brief hat mir Mut gemacht. Ich kam auch ganz gut über die Runden. Die Krankheit annehmen und alles tun, was man möchte. Es gibt ja auch eigentlich keinen anderen Weg. Ansonsten könnte ich mich ja wirklich daheim nur einsperren. Auch versuche ich die Symptome nicht als schlimm zu bewerten.
Momentan gelingt mir dies jedoch überhaupt nicht mehr. Ich fuhr mit dem Zug zu einer Freundin. Die Fahrt dauerte 6 Stunden und ich musste in Frankfurt umsteigen. Schon während der Zugfahrt fühlte ich mich unbehaglich, lenkte mich aber mit Lesen ab. Am Abend im Restaurant beim Essen bekam ich eine Panikattacke , was schon lange nicht mehr vorkam. Ich spürte es im Vorfeld und konnte aber nichts dagegen tun. Meiner Freundin fiel auf, dass ich das Atmen vergaß und hielt mich an in den Bauch zu atmen. Wir blieben. Ich heulte im Lokal. Der Wirt wärmte später mein Essen auf und ich trank zur Beruhigung ein Bier.

Mir geht es seit diesem Tag aber wieder super schlecht, so dass mir nichts hilft. Besonders belastend empfinde ich meinen Herzschlag. Ich sage mir: „Mein Herz ist gesund".
Gibt es weitere Möglichkeiten in so einer konkreten Situation sich zu helfen?
Erinnern und verarbeiten nützt mir da nämlich wirklich nicht viel.

Momentan belastet mich auch ein weiters Phänomen: Nachts im Bett überkommt mich ein Gefühl des totalen Kontrollverlustes. Ich fühle mich als würde ich mich atomisieren, als würde meine Seele aus meinem Körper entweichen wollen. Mir ist schwindelig und ich meine das Bewusstsein zu verlieren. Würde ich nicht wissen, dass nichts passiert, würde ich den Notarzt rufen, weil ich der Ansicht wäre, ich würde jetzt sterben oder verrückt werden.
Berichten andere Patienten auch darüber? Wie kommt es zu so einem Zustand?

Sie schreiben in Ihrem letzten Brief, dass Schonhaltungen nichts bringen. Mein Problem ist mittlerweile, dass es mir oft schwer fällt zu entscheiden, ob ich jetzt vermeide oder ob ich dieses oder jenes auch vor 4 Jahren nicht gemacht hätte. Beispiel: Meine Tochter wollte, dass ich mit ihr Karussell fahre. Ich wollte nicht . Meine Überlegung ging jetzt soweit , dass ich mir überlegt habe, jetzt zu fahren, da ich sonst vermeide. Oder wäre ich auch ohne Angsterkrankung nicht gefahren, weil mir das schon lange keinen Spaß mehr macht. Bei mir verwischen sich die Grenzen.

Bei uns gibt es eine Redensart: Ach dir geht es gut. - Du bist dumm und brauchst nichts denken. Den Spruch fand ich immer doof. Jetzt wäre ich oft froh, wenn er auf mich zutreffen würde.

Mit freundlichen Grüßen

Petra Wachter

 

 

Hans Morschitzky  13.02.2002, 22:20:14

 

Liebe Petra!

Gewisse Karussell besteige ich mit meinen Kindern auch nicht - nicht aus Angst, sondern aus dem erprobten Wissen, dass mir dann schlecht wird. Es ist nicht alles Angst, sondern kann auch gesunder Menschenverstand sein.

Sie haben also eine totale Kontrollverlustangst, egal ob es um körperliche oder geistig-psychische Symptome geht.

Wenn Sie bei mir in Therapie wären, würden wir alles durchfantasieren, was mit Kontrollverlust bzw. Kontrollverlustangst zu tun hat.

Wir würden auch Übungen machen, die gezielt Ihren Herzrhythmus steigern, um ihn dann wieder zu verlangsamen. Das Wichtigste ist, die Zuwendung ertragen zu lernen und sich nicht aus Angst ständig abzuwenden.

Was passiert in Ihrer Fantasie, wenn Sie ganz loslassen? Kontrollverlust? Sterben? Ausgeliefertsein anderen Menschen gegenüber?


Mit besten Grüßen!

Hans Morschitzky

 

 

Petra Wachter  20.04.2002, 00:04:58

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,


nach langer Zeit schreibe ich wieder im Forum, was sicherlich daran liegt, dass es mir momentan sehr schlecht geht und schreiben oft hilft. Diese Krankheit hat mich so fest im Griff, dass ich daran bald ersticken werde. Jeder Tag ist ein Kampftag, aber manchmal geht es eben nicht mehr. Ich war heute im Kino und starb dort tausend Tode. Was passiert, wenn ich los lasse? Ich probiere es, aber ich glaube, dass was ich mach ist nicht entspannen/loslassen. Danach bin ich heim und habe geheult wie ein Schlosshund. Das hätte ich im Kino tun sollen, dann danach war mit zumute, aber nicht wegen des Films( der war recht witzig). Wenn es so weiter geht wie im Moment, werde ich jedenfalls bald zu denen gehören, die nicht mehr aus dem Haus können. Aber auch Zuhause geht es mir nicht gut. Es gibt kein Entrinnen und das frustriert mich total. Was mache ich eigentlich falsch????????

Ich lasse die Symptome über mich ergehen und warte ab. Sie haben mich einmal mit einem Schmerzpatient verglichen. Der soll sich nicht seinen Schmerzen hingeben, sondern möglichst alles tun, was er möchte. Das übe ich jeden Tag: Ich gehe in die Arbeit (Krankheitstage 0). Gehe mit Freunden aus (fühle mich aber fast immer unter Strom, Herzrasen, kalter Schweiß usw.) Fahre morgen mit einer Freundin nach Würzburg (sightseeing, Hotelübernachtung). Und, und , und ....... Trotzdem ist jeder Tag mehr oder weniger furchtbar. Gibt es noch mehr wie mich, die nach außen total funktionieren und eigentlich sekündlich vor einem Kollaps stehen, der dann irgendwie doch immer ausbleibt?
Auch das Depersonalisationsgefühl ist mir geblieben. Jeden Tag, jede Minute und Sekunde. Was ich momentan aber als schlimm empfinde ist so eine Art Muskelkater am Herzen. Unterhalb der linken Brust. Bestimmt ist es nicht das Herz, aber ich habe den Eindruck. Hat davon schon mal jemand berichtet?
Mein Therapeut bezeichnet meine Erkrankung als phobisch getönte Angstneurose.
Wir arbeiten ja schon lange an mir, aber ich sehe nirgendwo in meinem Leben einen Punkt, den ich grundsätzlich verändern wollte oder könnte. Ein Haus im Tessin und ein Haufen Geld. Dagegen hätte ich natürlich nichts einzuwenden. Aber: Würde mich ein Lotto-Sechser heilen? Ziemlich sich nicht.

Mit den besten Grüßen
Petra Wachter

 

 

Hans Morschitzky  23.04.2002, 11:41:18

 

Hallo Petra!

Schon, wieder von Ihnen zu hören!

Ja, es gibt viele, die nach außen hin gut funktionieren, aber innerlich schaut es anders aus.

"Angstneurose" ist der frühere Begriff für das, was heute aus zwei Diagnosen besteht, nämlich die Panikstörung und die generalisierte Angststörung.

Verspannungen in der linken Brusthälfte kommen oft vor und sind als "linksthorakaler Brustschmerz" in der Fachlitaratur beschrieben. Man bezeichnet dies - wenn es sich über Monate verselbständigt - als "somatoforme Störung", also als nicht organisch bedingte Beeinträchtigung.

Aber alle Diagnosen geben dem "Kind" immer nur einen neuen Namen, das Problem bleibt jedoch dasselbe, nämlich, dass Sie sich unwohl fühlen.

Mein Tipp ist immer der gleiche: wenn etwas nicht weggeht, muss man besser damit leben lernen, d.h. bauen Sie weiterhin die guten Möglichkeiten aus, um die Belastungen besser ertragen zu können. Wäre die Sache organisch bedingt, bliebe Ihnen letztlich auch nichts anderes übrig.

Mit besten Grüßen und Wünschen bis zum nächsten Mal!

Hans Morschitzky

 

 

Petra Wachter  02.07.2002, 22:34:40

 

Sehr geehrter Herr Morschitzky,

es hat nun eine Weile gedauert bis ich mich wieder gerührt habe. Ihre letzte Antwort an mich habe ich aber schon vor längerem gelesen. Danke! Sie können auch sehr erfrischend sein.
Weshalb ich mich so lange nicht gemeldet habe ist ganz einfach: Meine Situation ist beinahe unverändert und ich wollte nicht immer mit den selben Fragen und Gefühlslagen daherkommen. Mein Hauptproblem ist nach wie vor mein Unwirklichkeitsgefühl. Und das schon seit über 4 Jahren! Ich weiß ja mittlerweile, dass ich nicht die einzige auf der Welt bin, die unter diesem Gefühl leidet, aber ich habe immer noch niemanden kennen gelernt, der/die es ständig hat. Ist Ihnen mittlerweile jemand über den Weg gelaufen?
Vor zwei Wochen war ich bei einem Homöopathen. Ich glaube ja nicht so recht daran, aber mal sehen.
Vor allem in der Nacht geht es mir momentan besonders schlecht. Ich habe das Gefühl mich aufzulösen, zu sterben oder im Liegen ohnmächtig zu werden. Ich muss dann meine Augen aufmachen oder mich bewegen um mich zu beruhigen. Wüsste ich nicht, dass es sich um meine Krankheit handelt , würde ich auf der Stelle den Notarzt rufen.
Warum empfinde ich gerade beim Einschlafen solche intensiven Gefühle?
Eine Panikattacke hatte ich schon sehr lange nicht mehr. Trotzdem zeigen meine Symptome (Depersonalisation, Herzklopfen, Angst vor Ohnmacht, Weinerlichkeit,...) nur wenig Besserung.
Ist die Panikerkrankung geheilt und die Angsterkrankung übrig geblieben? Geht so was überhaupt?

Für Ihr Engagement möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Ganz nebenbei (aus Neugierde): Arbeiten sie mittlerweile in einer Klinik für Schmerzpatienten?

Viele liebe Grüße
Petra Wachter

 

 

Hans Morschitzky  03.07.2002, 22:39:29

 

Liebe Petra!

Wie Sie sehen, haben Sie mit Ihrer Anfrage eine sehr hohe Zahl von Aufrufen erreicht. Gratuliere dazu! Daher antworte ich Ihnen gerne, auch im Interesse der LeserInnen.

> Vor allem in der Nacht geht es mir momentan besonders schlecht. Ich habe das Gefühl mich aufzulösen, zu sterben oder im Liegen ohnmächtig zu werden. Ich muss dann meine Augen aufmachen oder mich bewegen um mich zu beruhigen. Wüsste ich nicht, dass es sich um meine Krankheit handelt, würde ich auf der Stelle den Notarzt rufen.
Warum empfinde ich gerade beim Einschlafen solche intensiven Gefühle?


Lassen Sie unbedingt die Augen zu für eine halbe Stunde und gehen Sie nicht umher, sondern bleiben Sie doch einmal liegen! Dann werden Sie sehen, dass Sie durch Augenöffnen und Umhergehen der Gefahr einer Panikattacke entgehen möchten. Sie weichen also meiner Meinung nach der Angst und Panik aus!

Vielleicht würden Sie eine Panikattacke bekommen und Sie könnten lernen, damit umzugehen - ohne etwas dagegen zu unternehmen. Sie sehen, Sie haben "mehr" als eine Depersonalisation, nämlich immer noch eine Riesenangst vor einer Panikattacke.

Sie haben offensichtlich eine große Kontrollverlustangst.


> Warum empfinde ich gerade beim Einschlafen solche intensiven Gefühle?

Weil hier das Denken bildhaft wird, durch den beginnenden Kontrollverlust eine große Angst davor auftritt, Sie durch die Dunkelheit nicht auf die Umwelt im Sinne einer Ablenkung ausweichen können usw.


> Ist die Panikerkrankung geheilt und die Angsterkrankung übrig geblieben?

Die Panikstörung ist nicht weg, Sie weichen ihr vermutlich auf die beschriebene Weise nur aus.

Mit besten Grüßen und Wünschen!

Hans Morschitzky