Klinischer und Gesundheitspsychologe
Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)
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PSYCHOSOMATIK
Die folgende allgemein verständliche Einführung in die
Psychosomatik, die sich erst in Ausarbeitung befindet, beruht auf einer
Vermischung und Erweiterung der Texte aus zwei von mir verfassten
Psychosomatik-Büchern:
Wenn die Seele durch den Körper spricht. Psychosomatische
Störungen verstehen und heilen (Walter-Verlag, Düsseldorf)
Somatoforme Störungen. Diagnostik, Konzepte und Therapie
bei Körpersymptomen ohne Organbefund (Springer, Wien)
Einleitung
Bei einem
Viertel aller Patienten werden keine oder keine ausreichenden organischen
Ursachen gefunden – trotz modernster Hightech-Medizin und ausführlichster Untersuchungen.
Viele Betroffene können die Diagnose „ohne Befund“ (o.B.) einfach nicht glauben
und entwickeln einen regelrechten „Ärzte-Tourismus“, der in der Fachsprache
„Doctor-Shopping“ genannt wird. Diese Menschen sind oft tief verzweifelt,
fühlen sich von den Ärzten nicht verstanden oder gar als Simulanten abgestempelt.
Bei zahlreichen anderen Patienten wurzeln die körperlichen Beschwerden sehr
wohl in organischen Ursachen; zudem wirken aber auch psychische und soziale
Faktoren und beeinflussen die Krankheitsentwicklung sehr ungünstig.
In beiden
Fällen besteht ein enges Zusammenspiel von körperlichen und psychischen
Faktoren. Ein Denken in Körper-Seele-Zusammenhängen ist in der Medizin sowohl
angesichts des großen individuellen Leidensdrucks als auch hinsichtlich der
hohen volkswirtschaftlichen Kosten psychosomatischer Leidenszustände unbedingt
erforderlich.
Immer mehr Menschen
suchen nach einer ganzheitlichen Erklärung und Behandlung ihrer Beschwerden und
wünschen sich sehnlich eine Medizin, die auch die seelischen Aspekte stärker
berücksichtigt. Dies zeigt sich auch in der Nachfrage nach entsprechender
Literatur. Der Markt wird von einer umfangreichen Populärliteratur dominiert,
die als Mischung aus Esoterik, positivem Denken und Psychologismus bezeichnet
werden kann und das Psychosomatik-Verständnis des deutschen Durchschnittslesers
stark geprägt hat. Angesichts der in der klinischen Alltagspraxis leider oft
noch immer dominierenden „Medizin ohne Seele“ entsprechen diese Bücher zwar dem
Bedürfnis vieler Menschen nach einer humanen Medizin, sie vermitteln jedoch
eine andere extreme Betrachtungsweise, nämlich eine „Seele ohne Körper“.
Diese
Darstellung positioniert sich ganz bewusst „in der Mitte“ und möchte eine
umfassendere, komplexere Sichtweise psychosomatischer Störungen vermitteln: auf
der Basis eines biopsychosozialen Krankheitsverständnisses, das körperliche
Störungen als komplexes Geschehen mit psychischen, psychosozialen und biologischen
Komponenten versteht.
Ziel ist eine
im besten Sinne populäre, leicht verständliche und gleichzeitig seriöse
Darstellung der Psychosomatik. Im
Mittelpunkt stehen die körperlichen Störungen ohne organische Ursachen
(somatoforme und dissoziative Störungen) und die körperlichen Störungen mit
psychologischen Faktoren und Verhaltenseinflüssen (psychosomatische Störungen
im engeren Sinne).
Das Buch
richtet sich an alle Betroffenen, deren Angehörige, aber auch an Ärzte,
Psychologen, Psychotherapeuten und die ganze interessierte Öffentlichkeit. Vor
allem jedoch soll es Menschen mit psychosomatischen Störungen eine
Hilfestellung beim ersten Schritt zur Heilung bieten, nämlich sich selbst
besser zu verstehen.
TEIL1: GRUNDLAGEN DER PSYCHOSOMATIK
Psychosomatik im
Wandel der Zeit: von der Antike bis zur Gegenwart
Psychosomatik
und Verhaltensmedizin – zwei unterschiedliche Sichtweisen derselben Thematik
Das weite Feld der
Psychosomatik
Befindlichkeitsstörungen
Funktionelle Störungen
Psychosomatische Störungen im engeren Sinne
Somatopsychische Erkrankungen
Zentrale Aspekte der Psychosomatik
Biologische Aspekte
Psychologische Aspekte
Therapeutische Aspekte
TEIL 2: DIE VIELEN GESICHTER DER PSYCHOSOMATISCHEN
STÖRUNGEN
Wenn sich alles um
das Herz dreht
Herzphobie – Todesangst trotz gesunden Herzens
„Etwas auf dem Herzen haben“: Herz und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Blutdruck
entgleist
Psychogener Bluthochdruck – aus dem Lot durch Stress und Ärger
„Auf 180 sein“: Blutdruck und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Atem stockt
Hyperventilation – Atemnot durch zu viel Atmen
„Vor Wut schnauben“: Atmung und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Magen
rebelliert
Reizmagen – der Bauch in Aufruhr
„Eine Wut im Bauch haben“: Magen und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Darm streikt
Reizdarm – die gestörte Verdauung
„Schiss haben“: Darm und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Blase Druck
macht
Reizblase – der ständige Drang zum Toilettenbesuch
„Sich vor Angst in die Hose machen“: Blase und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Haut juckt
Neurodermitis – Kratzen macht alles noch ärger
„Sich in seiner Haut nicht wohl fühlen“: Haut und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn Frauen
spezifische Beschwerden haben
Chronische Unterleibsbeschwerden – kaum Linderung durch Operationen
„Sei nicht so hysterisch“: Frauenbeschwerden und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Ohren
dröhnen
Tinnitus – Disco im Ohr
„Sich taub stellen“: Ohren und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn Hals, Nase oder
Stimme leiden
Globusgefühl – ständiges Engegefühl im Hals
„Etwas schnürt die Kehle zu“: Hals, Nase, Stimme und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Stress ins
Auge geht
Verminderte Sehleistung – trüber Blick durch Verspannung und Depression
„Die Augen vor etwas verschließen“: Augen und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Zähne
knirschen
Bruxismus – der nächtliche Horror
„Sich die Zähne ausbeißen“: Zähne und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Bewegung
gestört ist
Schwankschwindel – ständige Angst vor dem Umfallen
„Den Halt verlieren“: Bewegung und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn Schmerzen den
Körper plagen
Chronische Rückenschmerzen – das Kreuz mit dem Kreuz
„Das schmerzt mich sehr“: Schmerzen und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis
TEIL1: GRUNDLAGEN DER PSYCHOSOMATIK
Psychosomatik im Wandel der Zeit: von der Antike bis zur
Gegenwart
„Willst du den Körper
heilen, musst du zuerst die Seele heilen.“
Platon
Das Wort
„Psychosomatik“ ist zusammengesetzt aus den zwei griechischen Worten psyche = Seele und soma = Körper und bezeichnet das Wechselspiel zwischen körperlichen und
seelischen Vorgängen. Eine psychosomatische Reaktionsweise ist durchaus eine
gesunde Form des Erlebens, denn jedes Gefühl führt zu körperlichen Reaktionen
und jede körperliche Reaktion löst bestimmte Gefühle aus.
Mit den
Bezeichnungen „psychosomatische Krankheiten“ und „Psychosomatosen“ ist dagegen
eine pathologische Form von Körper-Seele-Beziehung gemeint, nämlich das
Zusammenwirken körperlicher und psychischer Faktoren für Entstehung und Verlauf
von Krankheiten. Psychosomatik bedeutet nicht, den körperlichen Faktoren
weniger, sondern den seelischen Faktoren mehr Bedeutung zu geben!
Es ist eine
alte Volksweisheit, dass Emotionen den Körper stark beeinflussen können. Der
enge Körper-Seele-Zusammenhang spiegelt sich auch in der Sprache wider: „Das
Herz schlägt mir bis zum Hals“, „Da bleibt mir die Luft weg“, „Mein Hals ist
wie zugeschnürt“, „Ich habe eine Wut im Bauch“ sind nur einige Beispiele dafür.
Im Wort Emotion
steckt das lateinische Wort motio, das „Bewegung“ bedeutet. Gefühle bewegen uns nicht nur innerlich, sondern
aktivieren auch unseren Körper und versetzen ihn in Anspannung. Ein Beispiel:
Angst. Das Wort „Angst“ geht zurück auf das lateinische Wort angustiae, das Enge oder Beklemmung bedeutet.
Schon unsere Vorfahren verstanden Angst als eine körperliche Reaktion, die die
Kehle zuschnürt, das Herz bedrängt und die Brust so einschnürt, dass die Luft
wegbleibt.
Bereits der
altgriechische Arzt Hippokrates glaubte, dass Gefühle ein Organ beherrschen könnten: Bei Ärger kontrahiere
sich das Herz und bei Freude erweitere es sich. Spekulationen über
Körper-Seele-Zusammenhänge und dem damaligen Wissen entsprechende
Behandlungsüberlegungen wurden bereits in der Antike angestellt.
Der griechische
Philosoph Platon lässt Sokrates im Dialog zu einem jungen Mann mit Kopfschmerzen sagen: „Wenn es den Augen
wieder gut gehen solle, muss der ganze Kopf und wenn es dem Kopf wieder gut
gehen solle, muss der ganze Leib und wenn es dem gesamten Menschen wieder gut
gehen solle, so muss auch die Seele behandelt werden.“ Durch bestimmte
Heilsprüche im Sinne „guter Reden“ sollten seelische Ausgeglichenheit und
Harmonie erreicht werden.
In der Medizin
der griechischen Antike wurden körperliche und psychische Faktoren
gleichermaßen berücksichtigt, im Mittelalter dagegen vertrat die Kirche die
strikte Trennung von Leib und Seele, und im 17. Jahrhundert begründete der
französische Philosoph René Descartes jenen wissenschaftlichen Dualismus von Leib und Seele, dessen unheilvolle
Auswirkungen bis in die jüngste Vergangenheit festzustellen sind. Er löste zwar
die Wissenschaft aus ihrer unglücklichen theologischen Umarmung und ermöglichte
dadurch die wissenschaftliche Erforschung des Menschen, er förderte damit jedoch
in der Medizin ein rein reduktionistisches und mechanistisches Verständnis des
Menschen als Körper ohne Seele.
Im 19.
Jahrhundert setzte sich diese einseitige Betonung körperlicher Faktoren fort –
auch eine Folge der großen Fortschritte in der Medizin. Erst zu Beginn des 20.
Jahrhunderts entstand eine Gegenbewegung, ausgelöst durch die aufkommende
Psychoanalyse. Die moderne Psychosomatik wurzelt in den Arbeiten von Sigmund Freud und seinen Schülern, durch die
eindrucksvoll die Bedeutung der Psyche für die Entwicklung körperlicher
Störungen aufgezeigt wurde. Mit dem Modell der Konversion sollte dargelegt
werden, wie psychische Konflikte in körperliche Symptome „konvertiert“ werden
können. Davon abgesehen hat Freud jedoch keine speziellen Theorien und Behandlungskonzepte
zur Psychosomatik entwickelt.
Die historisch
bedeutsamste psychoanalytische Konzeption psychosomatischer Störungen stammt
von dem nach Chicago emigrierten deutschen Internisten und Psychoanalytiker Franz Alexander, der 1950 sein epochales Werk Psychosomatische Medizin veröffentlichte. Er
beschreibt darin die so genannten „heiligen sieben“
psychosomatischen Erkrankungen mit einer angeblich
krankheitsspezifischen Psychodynamik: peptisches Geschwür (Ulcus pepticum),
Asthma bronchiale, Bluthochdruck (Hypertonie), rheumatoide Arthritis, Migräne,
Colitis ulcerosa, Neurodermitis.
Schon Alexander
hielt interessanterweise den Begriff der psychosomatischen Krankheit als
spezifische diagnostische Einheit für wertlos und verstand die Psychosomatik
als Methode des Vorgehens; er förderte jedoch durch seine Arbeit die
Entwicklung der Psychosomatik als eigenständige Disziplin in der Medizin. Seine
Theorie in aller Kürze: Bestimmte körperliche Störungen entstehen durch einen
spezifischen, weitgehend unbewussten psychischen Konflikt, der in einem
Widerspruch zwischen zwei Bedürfnissen oder einem Bedürfnis und einem Verbot
besteht. So kann etwa der Wunsch nach Abhängigkeit, Anlehnung und Umsorgtsein
im Widerspruch stehen zum gleichzeitigen Bedürfnis nach Unabhängigkeit und
Selbstständigkeit. Dem Bedürfnis wird niemals nachgegeben, sodass aus der
blockierten Bedürfnishandlung und der nicht abgeführten emotionalen Spannung
eine chronische vegetative Fehlsteuerung resultiert. Wenn aggressive Impulse
nicht ausgelebt werden, kommt es durch die Daueraktivierung des sympathischen
Nervensystems zuerst etwa zu einer anhaltenden Blutdrucksteigerung und später
zur Hypertonie. Es kann daraus aber auch – je nach Veranlagung – eine Migräne
oder rheumatoide Arthritis entstehen. Wenn dagegen passiv-regressive Wünsche
nach Umsorgt- und Behütet-Werden blockiert werden, kann die damit verbundene
längere parasympathische Überaktivierung zu Störungen wie
Zwölffingerdarmgeschwür, Colitis ulcerosa oder Asthma führen.
Dieser als Spezifitätstheorie bezeichnete Ansatz von Alexander,
wonach bestimmte Krankheiten durch krankheitsspezifische Konflikte entstehen
(wenngleich nur in Zusammenhang mit einer bestimmten biologischen Veranlagung),
ist heute als überholt anzusehen und konnte durch die Forschung nicht bestätigt
werden. Die Auffassung, Patienten mit denselben körperlichen Symptomen seien
auch in seelischer Hinsicht gleich, ist ein Mythos. Eine bestimmte
psychosomatische Störung wird eben nicht durch störungsspezifische Konflikte, sondern durch völlig unterschiedliche
psychische und psychosoziale Faktoren (oft über ein geschwächtes Immunsystem)
ausgelöst, aufrechterhalten oder verschlimmert.
In ähnlicher
Weise haben auch psychosomatische Konzepte auf der Basis bestimmter Persönlichkeitstypen
Schiffbruch erlitten. Es gibt keine bestimmte Persönlichkeit des
Migränekranken, Magenkranken, Krebskranken o.ä., wenngleich diese Konzepte noch
immer nicht ganz ausgerottet sind und sich gerade in der Populärliteratur und
in der unreflektierten klinischen Praxis nach wie vor großer Beliebtheit
erfreuen. Ebenso wenig ist das beliebte psychoanalytische Erklärungsmodell
einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung
bei Patienten mit einer psychosomatischen Störung haltbar, das eine
ungebührliche Schuldzuweisung an oftmals sehr bemühte Mütter darstellt.
Es ist geradezu
eine Diskriminierung psychosomatisch Kranker, wenn diesen ohne detaillierten
Nachweis eine bestimmte ungelöste psychische Konfliktkonstellation, eine
bestimmte Persönlichkeitsstruktur oder ein bestimmtes pathologisches
Beziehungsmuster unterstellt wird. Anders formuliert: Aus dem Vorliegen einer
bestimmten organischen Krankheit (z.B. Magengeschwür) darf nicht automatisch
auf eine bestimmte psychische oder psychosoziale Problematik (z.B. „Hinunterschlucken“
von Ärger, Konflikt mit der Mutter) geschlossen werden. Dies widerspricht nicht
nur der Menschenwürde, sondern auch den wissenschaftlichen Erkenntnissen,
wonach psychosomatische Störungen sehr komplexe, multifaktorielle Erkrankungen
sind.
Es ist ein
Grundproblem einseitiger psychosomatischer Konzepte, dass ihre Vertreter bei
den Patienten immer nach jenen Ursachen suchen, die sie bereits vorher in die
psychosomatische Krankheit hineingelegt haben. Eine solche unkritische Haltung ist
problematisch, weil sie die Komplexität der Psychosomatik reduziert. In der
Psychotherapie ist es dagegen unbedingt erforderlich, bei jedem einzelnen
Patienten die störungsrelevanten individuellen Denk-, Erlebens- und
Verhaltensweisen sowie die krank machenden Lebensbedingungen herauszufinden.
Zur
Veranschaulichung sollen einige „Highlights“ simplifizierender
Psychosomatik-Konzepte der Vergangenheit erwähnt werden. Es heißt,
·
Asthma sei ein Schrei
nach der Mutter und beruhe auf einer nicht gelösten Mutterbindung,
·
Neurodermitis entstehe
durch mangelnden Hautkontakt im frühesten Kindesalter und sei durch mütterliche
Ablehnung verursacht,
·
ein Magengeschwür
entstehe aus abgewehrten bzw. nicht gewährten Bedürfnissen nach Liebe und
Zuneigung,
·
Migräne beruhe auf
einer Aggressionsunterdrückung,
·
Krebs entstehe
dadurch, dass man alles in sich hineinfresse.
Der Begriff
„psychosomatisch“ wurde früher von vielen Psychoanalytikern im Sinne eines
Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs zwischen Körper und Seele verstanden anstatt im
Sinne einer Wechselwirkung auf der Basis eines multifaktoriellen
Bedingungsgefüges. Die frühere Gleichsetzung
„psychosomatisch = psychogen“ ist falsch und hat
sich als sehr verhängnisvoll herausgestellt, weil dabei die Komplexität vieler
körperlicher Erkrankungen nicht berücksichtigt wird. Die daraus folgende
unrichtige Gleichsetzung „Psychosomatik = spezifische Psychogenese bestimmter
körperlicher Störungen“ wird zunehmend auch von Psychoanalytikern aufgegeben.
Das Fehlen
organischer Ursachen berechtigt noch nicht zur Unterstellung bestimmter
psychogener Wirkfaktoren. Anders formuliert: Die Notwendigkeit einer psychologischen
und psychotherapeutischen Behandlung ergibt sich nicht aus dem Vorliegen einer
bestimmten psychosomatischen Krankheit, sondern aus dem Nachweis bestimmter
psychologischer Faktoren und Verhaltenseinflüsse, die bei verschiedenen
körperlichen Erkrankungen in einem bestimmten zeitlichen Zusammenhang stehen,
ohne dass deswegen ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis gegeben sein muss.
1977 wurde von George Engel, einem amerikanischen Arzt und
Psychoanalytiker, das biopsychosoziale
Krankheitsmodell vorgestellt. Demnach
beeinflussen sich Körper, Psyche und soziale Umwelt wechselseitig. Dieses
ganzheitliche, integrative Krankheitsverständnis, das alle biologischen,
psychologischen und sozialen Ebenen des Erkrankungsprozesses berücksichtigt,
stellt derzeit die konzeptionelle Basis in der modernen Psychosomatik dar. Im
Einzelnen sind damit noch nicht bestimmte psychosomatische Erkrankungen erklärt,
es werden aber folgende Phänomene verständlich: Unter psychischen und
psychosozialen Extrembelastungen kann jeder Mensch körperlich erkranken;
dieselben Belastungsfaktoren können zu unterschiedlichen Erkrankungen führen;
verschiedenartige Stresssituationen können zur gleichen Krankheit führen;
bestimmte Menschen erkranken eher als andere, weil sie über unzureichende
Bewältigungsstrategien verfügen und ungünstigere Lebenssituationen vorhanden
sind.
Psychosomatik und Verhaltensmedizin – zwei unterschiedliche
Sichtweisen derselben Thematik
Der
Fachausdruck „Psychosomatik“ kann in zweifacher Bedeutung verstanden werden:
·
Psychosomatik ist eine bestimmte fachübergreifende Grundeinstellung und Sichtweise, bei der in der Diagnostik und Therapie von Krankheiten körperliche und
seelische bzw. psychosoziale Faktoren gleichermaßen berücksichtigt werden. In
diesem Sinne ist Psychosomatik ein interdisziplinärer Ansatz und nicht nur eine
bestimmte Fachdisziplin wie innere Medizin, Psychiatrie oder Chirurgie. Es gibt
demnach nicht einfach bestimmte Störungen, die als „psychosomatisch“ gelten und
die dann den Inhalt des Faches Psychosomatik darstellen würden.
Psychosomatische Aspekte können bei allen möglichen körperlichen Störungen in
den unterschiedlichsten medizinischen Fachbereichen bedeutsam sein.
·
Psychosomatik ist ein eigener klinischer Bereich und eine Forschungsrichtung, in der das Verständnis und die Behandlung der psychischen und
körperlichen Wechselwirkungen bei bestimmten Krankheiten im Mittelpunkt stehen.
In diesem Sinn erfolgt eine psychosomatische Sichtweise bzw. Therapie
verdichtet in einer bestimmten medizinischen Fachdisziplin sowie in bestimmten
Abteilungen von Krankenhäusern bzw. Universitätskliniken sowie in eigenen
psychosomatischen Kliniken.
Allgemeine
Zustimmung findet folgende Definition: Die Psychosomatik beschäftigt sich mit psychischen Ursachen, Begleit- und
Folgeerscheinungen körperlicher Störungen sowie deren Auswirkungen auf das psychosoziale
Umfeld des Patienten und auf die Beziehung zwischen Patient und Arzt bzw.
Therapeut. In Anlehnung an die Definition der psychotherapeutischen Medizin
kann Psychosomatik aber auch folgendermaßen zutreffend umschrieben werden:
Psychosomatik umfasst die Erkennung, die medizinische und psychotherapeutische
Behandlung sowie die Rehabilitation von Krankheiten und Leidenszuständen, an
deren Verursachung, Auslösung, Aufrechterhaltung, Verschlimmerung und
subjektiven Verarbeitung psychische und psychosoziale Faktoren und/oder
körperlich-seelische Wechselwirkungen beteiligt sind.
Man kann das
Feld der Psychosomatik nach vier Gesichtspunkten und Aufgabenbereichen
charakterisieren:
1.
Orientierung an den Krankheitsursachen.
Trotz der vom ersten Anschein her oft organisch anmutenden Störungen ist eine
Analyse der beteiligten psychischen und sozialen Faktoren notwendig, damit die
meist multifaktoriell bedingte Symptomatik in vollem Ausmaß erkannt wird.
2.
Orientierung an der Krankheitsverarbeitung. Die
im Verlauf einer Krankheit häufig auftretenden reaktiven psychologischen und
sozialen Probleme müssen vom Patienten aktiv bewältigt werden; das wiederum
erfordert geeignete psychologische und medizinische Maßnahmen.
3.
Orientierung am Krankheitsverhalten. Psychosomatisch
Kranke entwickeln oft bestimmte ungünstige Formen der Interaktion mit Ärzten
und Therapeuten; diese müssen ihre fachliche und menschliche Verantwortung
wahrnehmen, um die Behandlung möglichst erfolgreich zu machen.
4.
Orientierung an psychischen Begleit- oder Folgeerkrankungen. Bei vielen Krankheiten treten psychische und psychosoziale Folgezustände
auf, die die Betroffenen mithilfe ärztlicher, psychologischer und
psychotherapeutischer Unterstützung bewältigen lernen müssen.
Gegenwärtig stehen
sich im Bereich der Psychosomatik – soweit es die Psychotherapie betrifft –
zwei zentrale Sichtweisen und Behandlungsmethoden gegenüber:
·
eine primär psychoanalytisch ausgerichtete Psychosomatik, die sich in den letzten sechs Jahrzehnten entwickelt hat, und
·
eine strikt verhaltenstherapeutisch orientierte Psychosomatik, die in den letzten drei Jahrzehnten unter der Bezeichnung
„Verhaltensmedizin“ eine
herausragende Bedeutung gewonnen hat.
Verhaltensmedizin ist die Anwendung der Verhaltenstherapie auf den Bereich der Medizin.
Umfassender definiert ist Verhaltensmedizin ein interdisziplinärer (biopsychosozialer)
Ansatz, die Gesundheits- und Krankheitsmechanismen unter Berücksichtigung
psychosozialer, verhaltensbezogener und biomedizinischer Wissenschaften zu
erforschen und die empirisch geprüften Erkenntnisse und Methoden in der
Vorbeugung (Prävention), Behandlung und Rehabilitation einzusetzen. Die
Wortverbindung von „Verhalten“ und „Medizin“ verdeutlicht den Zusammenhang von
Verhalten, das besonders in der Psychologie erforscht wird, und von
körperlichen Prozessen, die vorwiegend in der Medizin untersucht werden, und
unterstreicht die biopsychosoziale Grundkonzeption der Verhaltensmedizin.
Im Gegensatz zu
einer psychoanalytisch verstandenen Psychosomatik werden in der
Verhaltensmedizin die naturwissenschaftliche und interdisziplinäre Ausrichtung
(Einbeziehung aller relevanten Wissenschaften wie Psychologie, Medizin,
Biochemie, Soziologie u.a.), die empirisch-wissenschaftliche Überprüfbarkeit
der Zusammenhänge zwischen Verhalten/Erleben und körperlichen Erkrankungen
sowie die Bedeutung der Prävention psychosomatischer Störungen stärker betont.
Die Anfänge der Verhaltensmedizin liegen in den 70er Jahren des letzten
Jahrhunderts.
In neuerer Zeit
werden sowohl von führenden Fachleuten als auch in der klinischen Praxis
psychoanalytische und verhaltenstherapeutische Konzepte immer stärker
integriert. Dies zeigt sich vor allem auch in Büchern und Tagungen, die
zunehmend Methoden übergreifend angelegt sind.
Das weite Feld der Psychosomatik
„Das Gefühl von
Gesundheit erwirbt man sich nur durch Krankheit.“
Georg Christoph
Lichtenberg
Seit Alexander
werden vier unterschiedlich schwerwiegende psychosomatische
Krankheitsobergruppen im weitesten Sinne unterschieden:
·
Befindlichkeitsstörungen
(nichtorganische Körpersymptome ohne funktionelle oder somatische
Störungsursachen mit keinem oder geringem Krankheitswert),
·
funktionelle
(somatoforme und dissoziative) Störungen (primär nichtorganische Störungen mit
Krankheitswert),
·
psychosomatische
Störungen im engeren Sinne (organische Erkrankungen mit psychosozialen
Auslösern oder Verstärkern),
·
somatopsychische
Erkrankungen (organische Erkrankungen mit psychosozialen Folgen).
Befindlichkeitsstörungen
Körperliches und
seelisches Befinden hängen eng zusammen – das weiß jeder, der einmal wegen
Problemen in Beziehung oder Beruf unzufrieden und unglücklich war.
Befindlichkeitsstörungen sind überwiegend psychisch oder psychosozial bedingte
körperliche Beschwerden, bei denen weder chronische Störungen des vegetativen
Nervensystems noch krankhafte Gewebeveränderungen oder Schädigungen von Organen
bestehen.
Es handelt sich
dabei um körperliche Symptome bei an sich gesunden Menschen. 80 % der
Bevölkerung erleben im Laufe einer Woche irgendein körperliches Symptom, ohne
sich deswegen schon krank zu fühlen. Die häufigsten Beschwerden sind
Kopfschmerzen, gefolgt von Magenbeschwerden. Durch die Form der persönlichen
Wahrnehmung und der subjektiven Krankheitstheorie können diese Beschwerden
jedoch bald sehr belastend sein. Befindlichkeitsstörungen können somit nach und
nach in funktionelle oder somatoforme Störungen übergehen, die dann als
Krankheiten gelten – obwohl die Betroffenen körperlich gesund sind. Derartige
körperliche Symptome können auch bei fast jeder erlebnisreaktiven, depressiven
und früher so genannten „neurotischen“ Störung auftreten.
Funktionelle Störungen
Funktionelle
Störungen sind Beeinträchtigungen der körperlichen Funktionen ohne organische
Ursachen, die häufig psychisch mitbedingt sind. Sie beruhen meistens auf einer
Störung des autonomen (vegetativen) Nervensystems und äußern sich dann in Form
von Symptomen wie Herzrasen, Atemnot, Schwitzen oder Magen-Darm-Beschwerden.
Manchmal ist auch das willkürliche Nervensystem beeinträchtigt; Störungen der
Bewegung, des Sprechens, Hörens oder Sehens sind die Folge.
Funktionelle
Störungen sind oft Ausdruck dafür, dass dem Körper zwar Energie bereitgestellt,
diese dann aber nicht abgerufen oder verwendet wird, sodass es zu
Fehlsteuerungen und Missempfindungen kommt. Man sollte die Bezeichnung
„funktionell“ nicht generell mit „psychisch“ oder „psychogen“ gleichsetzen,
denn funktionelle Störungen können auch andere als rein seelische Ursachen
haben, wenn sie nicht durch organische Befunde erklärbar sind (z.B. Alkohol-
oder Medikamentenmissbrauch, körperliche oder seelische Überforderung ohne
psychiatrische Krankheitswertswertigkeit).
Jeder Vierte geht
zum Arzt mit körperlichen Beschwerden, die keine oder keine hinreichende
organische Ursache haben. Die Betroffenen verhalten sich wie Patienten, obwohl
sie gesund sind, während sich viele andere Menschen, die eigentlich Patienten
sein sollten, sich so verhalten, als wären sie gar nicht krank. Im Umgang mit
dem eigenen Körper neigen die einen zur Überbewertung körperlicher Symptome und
die anderen zum Gegenteil, nämlich zur Krankheitsverleugnung.
Man kann drei
Arten von funktionellen Störungen unterscheiden:
·
somatoforme Störungen,
·
dissoziative
Störungen,
·
Syndrome im Umkreis
somatoformer Störungen.
Somatoforme Störungen
Körperliche
Symptome ohne ausreichende organische Ursachen werden im internationalen
Diagnoseschema ICD-10, das in Deutschland seit 2000 und in Österreich seit 2001
verbindlich ist, „somatoforme Störungen“ genannt – womit die frühere offizielle
Bezeichnung „körperliche Funktionsstörungen psychischen Ursprungs“ ersetzt ist.
Viele Betroffene erhielten früher auch folgende Diagnosen: vegetative Dystonie,
vegetative Neurose, psychovegetative Labilität oder psychophysischer Erschöpfungszustand.
Somatoforme
Störungen sind häufig psychisch oder psychosozial mitbedingte körperliche
Beeinträchtigungen der vegetativen Funktionen ohne Gewebeveränderungen. Die
Bezeichnung „somatoform“ besagt, dass diese Störungen wie körperlich
verursachte ausschauen, es nach genauer Untersuchung jedoch nicht sind. Die Betroffenen
selbst sind allerdings überzeugt, eine körperliche Erkrankung zu haben. Es
besteht also eine Diskrepanz zwischen objektivem Befund und subjektivem Befinden.
Substanzielle organische Ursachen fehlen zwar, dennoch sollte der Begriff
„somatoform“ nicht mit „psychogen“
gleichgesetzt werden, weil die jeweilige Symptomatik oft durch eine
Wechselwirkung von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren
ausgelöst, aufrechterhalten und bestärkt wird.
In die
klinische Praxis haben die neuen Diagnosen noch nicht ausreichend Eingang
gefunden. Viele Ärzte behelfen sich noch immer mit harmlosen Scheindiagnosen
und unspezifischen Medikamenten („Pseudoplacebos“ wie etwa allgemeinen
Stärkungspräparaten), wodurch sie ihre Patienten oft ungewollt weiterhin in der
Annahme einer organischen Ursache bestärken. Auch die früher sehr beliebte
Diagnose einer „larvierten Depression“ ist eine reine Verlegenheitslösung.
Demnach soll sich hinter der Maske körperlicher Symptome eine depressive
Symptomatik verbergen. Ohne genaue diagnostische Abklärung werden dann
routinemäßig Antidepressiva verschrieben.
Die Diagnose
einer somatoformen Störung erfordert weder den Nachweis einer organischen
Ursache (im Sinne einer „echten“ körperlichen Erkrankung mit psychogener
Überlagerung), noch die Aufdeckung einer psychischen Verursachung (etwa im
Sinne eines krank machenden Konflikts). Die Abgrenzung zwischen organischen und
psychischen Faktoren wird oft überschätzt. Eine somatoforme Störung ist auch
dann gegeben, wenn eindeutig eine organische Ursache der körperlichen Symptomatik
nachweisbar ist (z.B. bei Rückenschmerzen oder chronischen
Unterbauchschmerzen), die Schwere, das Ausmaß, die Vielfalt und die Dauer der
Beschwerden sowie die psychosozialen Beeinträchtigungen durch den organischen
Befund jedoch nicht ausreichend erklärt werden können.
Anders gesagt:
Bei den somatoformen Störungen geht es nicht primär um den Nachweis einer
psychischen Ursache oder den Ausschluss einer organischen Ursache, sondern um
die Beschreibung eines typischen Verhaltensmusters, bei dem neben Symptomen,
wie sie in der Medizin zur Diagnostik allgemein üblich sind, auch typische kognitive Überzeugungen der Patienten
(z.B. subjektive Krankheitstheorien) und bestimmte Interaktionsmuster (Art der Arzt-Patient-Beziehung, soziales
Verhalten) bedeutend sind.
Menschen mit
somatoformen Störungen haben nicht einfach nur die Eigenschaft, vielfältige
körperliche Symptome zu entwickeln, sondern auch das ständige Bedürfnis, diese
durch Kontakte mit Ärzten untersuchen und behandeln zu lassen. Die Betroffenen
werden erst dann für nichtmedizinische Behandlungsansätze offen sein, wenn sie
ihre organisch orientierten Ursachenerklärungen ändern. Der entscheidende Behandlungsfaktor ist (parallel zu einer breit
angelegten Aufklärung der Bevölkerung) ein verständnisvoller und geduldiger
Umgang der Ärzte mit den Betroffenen – statt der üblichen organischen
Ausschlussdiagnostik und der routinemäßigen Verschreibung von Antidepressiva,
Beruhigungsmitteln und Scheinmedikamenten.
Somatoforme
Störungen können unterschiedliche Ursachen
haben. Meist liegen körperliche und seelische Belastungen bzw. Überforderungen
zugrunde – Stress im weitesten Sinn. Warum bei Stress eine ganz bestimmte
körperliche Symptomatik entsteht, kann nur personspezifisch verstanden und im
Einzelfall geklärt werden.
Grundsätzlich
sind bei somatoformen Störungen drei Arten von Ursachen zu unterscheiden:
1.
konstitutionelle Neigung und körperliche
Anfälligkeit (Prädisposition), wenn die Belastungen ein bestimmtes Ausmaß
erreichen,
2.
auslösende Bedingungen (Auslöser) wie etwa körperliche, psychische oder soziale Belastungsfaktoren,
3.
aufrechterhaltende Bedingungen (Verstärker) wie
etwa bestimmte Reaktionen der Betroffenen oder der
Umwelt sowie andauernde Belastungsfaktoren, wodurch die Störung chronisch wird.
Auf der Basis dieser Faktoren entwickelt sich
folgender Teufelskreis:
1.
verstärkte Wahrnehmung der Beschwerden, Aufmerksamkeitsfixierung und
erhöhtes Erregungsniveau,
2.
Bewertung der Vorgänge als krankhaft,
3.
Entwicklung somatoformer Beschwerden,
4.
Entwicklung eines Schon- und Vermeidungsverhaltens mit einer folglich immer
ausgeprägteren Symptomatik, die wiederum wahrgenommen wird und den Teufelskreis
verstärkt.
Bei Menschen
mit somatoformen Störungen findet man eine längere Symptomdauer, längere
Krankenstände, häufigere Arztbesuche und Klinikaufenthalte als bei vielen
anderen Patienten mit vorwiegend psychischen Störungen und Verhaltensstörungen.
Somatoforme Störungen sind ein Musterbeispiel dafür, wie wichtig in Zukunft die
Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten ist.
Patienten mit
somatoformen Störungen finden sich meistens in der Praxis von Hausärzten und
Internisten, weniger bei Psychiatern. Noch immer haben viele Betroffene Angst,
wegen nichtorganischer, „eingebildeter“ Störungen für psychisch krank oder gar
verrückt erklärt zu werden. Sie haben einfach große Probleme damit, dass die
„Hightech-Medizin“ bei der Diagnose und Behandlung ihrer Störung versagt hat.
Personen mit somatoformen Störungen sind auch gegenwärtig noch immer als
„Stiefkinder“ der Medizin und der Psychotherapie anzusehen. Der unzureichende Behandlungsstand
in der klinischen Praxis weist auf Schwachstellen in unserem Gesundheitssystem
hin. Die Betroffenen erfahren im Rahmen der jahrelangen Chronifizierung oft
auch vonseiten ihrer sozialen Umwelt Unverständnis, Ablehnung, Hilflosigkeit
und Aggression und werden nicht selten als Hypochonder abqualifiziert.
Bei zahlreichen Patienten mit somatoformen Störungen findet man in der
Vergangenheit oder in der Gegenwart auch eine Depression, Angststörung oder
Persönlichkeitsstörung. Die psychischen Symptome stehen dabei jedoch nicht im
Vordergrund des Krankheitserlebens, was die Diagnosestellung erschweren kann.
Bei vielen somatoformen Patienten sind dagegen keine psychischen Symptome
gegeben. Eine somatoforme Störung ist oft nur erkennbar, wenn über die
aktuellen organbezogenen Beschwerden hinaus auch frühere körperbezogene
Symptome ohne ausreichenden Organbefund erfragt werden.
Es ist auffallend,
dass viele Patienten mit somatoformen Beschwerden sehr belastende
Lebensereignisse oft ohne starke Emotionen berichten. Während aus Beobachtersicht
die emotionale Belastung in Form von Körperbeschwerden zum Ausdruck kommt,
sehen die Betroffenen selbst meist keine derartigen Zusammenhänge. Sie wissen
zwar um ihre psychosozialen Belastungssituationen, können sich jedoch nicht
vorstellen, wie sie davon krank werden könnten.
Es ist sehr
bemerkenswert, dass in der neueren Diagnostik und Therapie erstmals
interaktionelle Aspekte wie die
Arzt-Patient-Beziehung berücksichtigt werden. Oft treten tatsächlich
fast unüberwindliche Kommunikationsstörungen auf: Jeder (Arzt und Patient)
versucht den anderen vergeblich von seiner Sichtweise zu überzeugen, sodass
sich häufig ein Zustand gegenseitiger Frustration ergibt.
Somatoforme
Störungen können zusammenfassend folgendermaßen beschrieben werden:
·
Wieder und wieder werden
den Ärzten körperliche Symptome ohne organische Ursachen präsentiert, während andere
Menschen ähnliche Beschwerden haben, jedoch ohne ständig verschiedene Fachleute
aufzusuchen.
·
Die Betroffenen fordern
hartnäckig medizinische Untersuchungen trotz zahlreicher negativer Befunde und
trotz der Versicherung der Ärzte, dass die Symptome keine körperlichen Ursachen
haben.
·
Wenn körperliche Faktoren
vorhanden sind, erklären sie nicht die Art und das Ausmaß der Symptome oder das
Leiden und die innere Beteiligung der Patienten.
·
Selbst wenn Beginn und
Fortdauer der Symptome in engem Zusammenhang mit unangenehmen
Lebensereignissen, Schwierigkeiten und Konflikten stehen, lehnen die Patienten
gewöhnlich die ärztlichen Versuche ab, die Möglichkeiten einer psychischen
Ursache zu diskutieren.
Aufgrund dessen ist die Arzt-Patient-Beziehung bald für beide Seiten
enttäuschend. Häufig besteht ein gewisses Aufmerksamkeit suchendes Verhalten,
besonders bei Patienten, die ihre Ärzte nach allen unergiebigen Untersuchungen
nicht von den organischen Ursachen überzeugen bzw. zu weiteren entsprechenden
Untersuchungen und Behandlungen veranlassen konnten.
Man
unterscheidet sechs Gruppen von somatoformen Störungen:
1.
Die Somatisierungsstörung
ist charakterisiert durch mindestens sechs (häufig wechselnde) körperliche
Symptome aus mindestens zwei Organbereichen mit einer Mindestdauer von zwei
Jahren. Die diagnostischen Kriterien für die Somatisierungsstörung sind jedoch
zu eng gefasst, sodass dadurch nur ein kleiner Anteil an Patienten mit
multiplen körperlichen Symptomen erfasst wird. Entsprechend sieht auch die Statistik
aus: Weltweit sind nur rund 1 bis 3 % der Bevölkerung betroffen.
2.
Die undifferenzierte Somatisierungsstörung besteht aus weniger körperlichen Symptomen mit einer Mindestdauer von
einem halben Jahr. Dieses unvollständige Bild der Somatisierungsstörung als
Restkategorie ist bei etwa 10 bis 16 % der Bevölkerung und bei mindestens 20 %
aller Patienten vorhanden.
3.
Die somatoforme autonome Funktionsstörung besteht aus einer nichtorganischen Fehlfunktion ohne definierte
Mindestdauer, vorwiegend in einem bestimmten Organbereich des vegetativen oder
autonomen Nervensystems. „Autonom“ besagt demnach, dass es sich um eine Störung
des sympathischen oder parasympathischen Nervensystems handelt.
4.
Die hypochondrische Störung
besteht aus Krankheitsängsten ohne körperliche Symptome bzw. aus
Krankheitsängsten als Folge der Fehlinterpretation an sich harmloser
körperlicher Symptome. Eine Hypochondrie findet man – je nach Definition – bei
1 bis 6 % der Hausarzt-Patienten. Die Dysmorphophobie („Entstellungsphobie“)
als anhaltende Angst bzw. Überzeugung, körperlich entstellt oder missgebildet
zu sein (z.B. zu große Nase, Ohren, Brust, Hüfte), gilt als Unterform der
Hypochondrie, obwohl die Betroffenen eigentlich keine Krankheitsängste haben.
Die Häufigkeit derartiger Entstellungsbefürchtungen wurde in der Vergangenheit
unterschätzt: Etwa 4 % der Frauen und 1 % der Männer leiden darunter! Die
Betroffenen wünschen – zumindest anfangs – gewöhnlich keine psychotherapeutische
oder psychiatrische Behandlung, sondern eine medizinische Korrektur in Form
einer Operation. Häufig liegen gleichzeitig auch andere psychische Störungen
vor wie etwa Depressionen oder Angststörungen (insbesondere soziale Phobien).
5.
Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung besteht aus organisch nicht bzw. nicht ausreichend erklärbaren Schmerzen
mit einer Mindestdauer von einem halben Jahr. Häufigkeitsangaben für die
Bevölkerung fehlen noch, in Hausarztpraxen sind jedenfalls 5 bis 7 % der
Patienten betroffen.
6.
Als sonstige somatoforme Störungen gelten nichtorganische Symptome in Organbereichen, die nicht durch das
vegetative Nervensystem vermittelt werden (z.B. bestimmte Hautsymptome).
Tabelle 1:
Somatoforme Störungen im Überblick
|
Somatisierungsstörung |
Es bestehen seit mindestens zwei Jahren
multiple und wechselnde körperliche Symptome ohne ausreichende organische
Ursachen. Die Sorgen über die körperlichen Symptome führen zu mehrfachen
Arztkontakten oder Zusatzuntersuchungen in der Primärversorgung oder bei
Spezialisten. Die ärztliche Feststellung, dass keine ausreichende körperliche
Ursache für die Symptomatik besteht, wird von den Betroffenen nicht oder nur
kurz akzeptiert. Insgesamt müssen mindestens 6 von 14
Symptomen aus 2 von 4 verschiedenen Organbereichen vorhanden sein: Gastrointestinale Symptome: ·
Bauchschmerzen ·
Übelkeit ·
Gefühl von Überblähung (Blähbauch) ·
schlechter Geschmack im Mund oder stark belegte Zunge ·
Erbrechen oder Hochkommen von Speisen ·
häufiger Durchfall oder Austreten von Flüssigkeit aus
dem Anus Kardiovaskuläre
Symptome: ·
Atemlosigkeit ohne Anstrengung ·
Brustschmerzen Urogenitale Symptome: ·
schmerzhafter Harndrang oder häufige Harnentleerung ·
unangenehme Empfindungen im oder um den
Genitalbereich ·
ungewöhnlicher oder verstärkter vaginaler Ausfluss Haut- und
Schmerzsymptome: ·
Fleckigkeit oder Farbveränderungen der Haut ·
Schmerzen in den Gliedern, Extremitäten oder Gelenken ·
unangenehme Taubheit oder Kribbelgefühle |
|
Undifferenzierte Somatisierungsstörung |
Es handelt sich um eine unvollständige
Somatisierungsstörung im Sinne einer Restkategorie: Die Kriterien der
Somatisierungsstörung sind nur unvollständig erfüllt (kürzere Dauer, weniger
Arztbesuche, weniger Symptome). |
|
Hypochondrische Störung |
Es besteht seit mindestens sechs Monaten
die Angst oder sogar die feste Überzeugung, körperlich schwer krank zu sein,
was durch ärztliche Informationen nicht korrigiert werden kann. Die
Betroffenen bewerten harmlose Symptome als gefährlich und verhalten sich
dementsprechend. Die ständigen körperbezogenen Sorgen führen zu
Leidenszuständen, Einschränkungen der Lebensmöglichkeiten und häufigen
Arztbesuchen. Die Dysmorphophobie als Angst bzw. Überzeugung körperlich entstellt zu
sein, gilt als Unterkategorie der Hypochondrie. |
|
Somatoforme autonome Funktionsstörung |
Es besteht eine belastende,
nichtorganische vegetative Erregung in einem der folgenden Bereiche: ·
Herz-Kreislauf-System (z.B. Herzphobie) ·
oberer Magen-Darm-Trakt (z.B. Reizmagen) ·
unterer Magen-Darm-Trakt (z.B. Reizdarm) ·
Atmungssystem (z.B. Hyperventilation) ·
urogenitales System (z.B. Reizblase) ·
sonstige Organe oder Organsysteme (z.B. Juckreiz) Es müssen mindestens drei vegetative
Symptome vorhanden sein: ·
zwei aus den folgenden fünf Symptomen: Herzklopfen,
Schweißausbrüche, Mundtrockenheit, Hitzewallungen/Erröten, Druckgefühl im Oberbauch/Kribbeln
oder Unruhe im Bauch; ·
eines aus den folgenden sieben Symptomen:
Brustschmerzen oder Druckgefühl in der Herzgegend; Atemnot oder Hyperventilation;
außergewöhnliche Ermüdbarkeit bei leichter Anstrengung; Luftschlucken,
Schluckauf oder brennendes Gefühl im Brustkorb oder im Oberbauch; häufiger
Stuhlgang; vermehrtes Harnlassen oder Störungen beim Harnlassen; Gefühl der
Überblähung oder Völlegefühl. |
|
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung |
Es besteht seit mindestens sechs Monaten
eine kontinuierlich an den meisten Tagen anhaltende, schwere und belastende
Schmerzsymptomatik ohne ausreichende organische Ursache, die im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit des Patienten steht. Emotionale und psychosoziale Faktoren
müssen dabei eine ursächliche Bedeutung haben. |
|
Sonstige somatoforme Störungen |
Dazu zählen alle nicht durch das autonome
Nervensystem vermittelte, jedoch auf bestimmte Systeme oder Körperteile (z.B.
Haut) begrenzte Symptome mit Leidensdruck ohne organische Ursachen. |
Symptome wie
Kopf-, Brust-, Nacken-, Rücken- oder Gliederschmerzen sind weltweit die
häufigsten Körperbeschwerden, gefolgt von funktionellen Beschwerden wie
Schwindel, Übelkeit, Blähungen, Reizdarm und Herzrasen. Bis zu 13 % der
Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einem behandlungsbedürftigen
somatoformen Syndrom. Der Anteil somatoformer Störungen beträgt in
Allgemeinarztpraxen sogar bis zu 35 %, in Allgemeinkrankenhäusern bis zu 30 %.
Somatoforme
Störungen werden auch durch geschichtliche und soziokulturelle Faktoren
geprägt. Vor hundert Jahren etwa litten Betroffene meist unter motorischen
Symptomen wie Lähmungen oder nichtorganischen Krampfanfällen, heute stehen oft
anhaltende Schmerzen im Mittelpunkt des Erlebens. Interessant ist auch dieser
Aspekt: Dieselben psychischen Probleme und Belastungen äußern sich im deutschen
Sprachraum körperlich völlig anders als am Balkan oder in Entwicklungsländern.
Somatoforme
Störungen können in psychosomatische Störungen mit Gewebeveränderungen bzw.
organische Funktionsstörungen übergehen.
Dissoziative Störungen
Das aktuelle
Diagnoseschema unterscheidet im Bereich der nichtorganischen körperlichen
Störungen zwischen „somatoformen Störungen“ und „dissoziativen Störungen“. Bei
dissoziativen Störungen werden unmittelbare Empfindungen, die Kontrolle von
Körperbewegungen, Erinnerungen an die Vergangenheit und überhaupt das
Bewusstsein der eigenen Identität nur teilweise oder gar nicht integriert. Die
Kontrolle darüber, welche Erinnerungen und Empfindungen für die unmittelbare
Aufmerksamkeit ausgewählt und welche Bewegungen ausgeführt werden, ist massiv
gestört und führt zu einem extremen Funktionsverlust. Psychische und
körperliche Funktionen sind also dissoziiert, abgespalten, voneinander
entkoppelt. Je nach Ausprägung kann es sich dabei um körperlich-dissoziative
Störungen (z.B. psychogene Gangstörung) oder kognitiv-dissoziative Störungen
(z.B. psychogene Gedächtnisstörung) handeln.
In
psychosomatischer Hinsicht relevant sind die körperlich-dissoziativen
Störungen, die durch traumatisierende Ereignisse, unlösbare oder unerträgliche Konflikte
oder gestörte Beziehungen, also psychogen verursacht sind. Sie werden aufgrund
der psychoanalytischen Tradition auch als Konversionsstörungen bezeichnet. Der
Begriff „Konversion“, der bereits von Sigmund Freud eingeführt wurde, betont
dabei den Umstand, dass die durch unlösbare Schwierigkeiten und Konflikte
hervorgerufenen unangenehmen Emotionen in irgendeiner Weise in Symptome
umgesetzt werden. Dabei besteht keine Störung des Bewusstseins.
Konversionssymptome und kognitiv-dissoziative Symptome mit Störungen des
Bewusstseins wie etwa einem psychogenen Gedächtnisverlust können jedoch
gemeinsam auftreten, z.B. bei dissoziativen Krampfanfällen.
Man
unterscheidet drei Gruppen von körperlich-dissoziativen Störungen
(Konversionsstörungen):
1.
dissoziative Bewegungsstörung;
2.
dissoziative Krampfanfälle;
3.
dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen.
Tabelle 2:
Körperlich-dissoziative Störungen (Konversionsstörungen)
|
Dissoziative Bewegungsstörung |
Nichtorganische motorische Funktionsstörungen: ·
psychogene Gang- und Standstörung ·
psychogene Lähmung ·
psychogene Stimmstörungen |
|
Dissoziative Krampfanfälle |
Nichtepileptische (psychogene) Anfälle |
|
Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen |
·
Körpermissempfindungen oder sensorischer Informationsverlust:
teilweiser oder vollständiger Verlust der normalen Hautempfindungen bzw. des
Sehens, Hörens oder Riechens ·
Überempfindlichkeit im Sinne einer verstärkten
Schmerzwahrnehmung |
Konversionsstörungen
sind nichtorganische Beeinträchtigungen im Bereich der Willkürmotorik und der
Sinneswahrnehmung, während somatoforme Störungen primär bei vegetativen Organen
auftreten. In den USA werden beide Gruppen als somatoforme Störungen bezeichnet.
Die eigenständige Position der körperlich-dissoziativen Störungen im
internationalen Diagnoseschema ist ein Tribut an die Geschichte der Hysterie,
die seit Sigmund Freud als Ausdruck bestimmter Konflikte gesehen wurde. Diese
Störungen wurden früher unter dem Einfluss der Psychoanalyse als „Hysterie“,
„hysterische Neurose“ oder „Konversionsneurose“ bezeichnet. Sie werden auch
„pseudoneurologische Störungen“ genannt, weil sie wie neurologische Störungen
ausschauen, es aber nach genauer organischer Abklärung nicht sind.
Die
verschiedenen Konversionssymptome entsprechen oft den laienhaften Vorstellungen
des Patienten von einer körperlichen Erkrankung und stimmen typischerweise
nicht mit den bekannten anatomischen Bahnen und physiologischen Mechanismen
überein, sodass sie vom Fachmann relativ leicht als nicht neurologisch bedingte
Symptome zu erkennen sind. Bei einer Konversionssymptomatik passen die Symptome
also nicht zu den unauffälligen organmedizinischen körperlichen Befunden (z.B.
trotz scheinbarer Lähmung intakte motorische Funktionen, Blindheit bei normalen
Pupillenreaktionen) und auch nicht zur Anatomie des Nervensystems (z.B. Gefühllosigkeitsempfindungen
im Widerspruch zum Versorgungsbereich des sensorischen Nervensystems).
Die Betroffenen
verleugnen in auffälliger Weise ihre Probleme und Schwierigkeiten und führen
diese allein auf die Symptome als solche zurück und zwar auch dann noch, wenn
andere Menschen ihre Probleme und Konflikte längst erkannt haben. Sie sehen
keine entsprechenden Zusammenhänge, was sich oft, jedoch nicht immer in einer
Gleichgültigkeit gegenüber der Störung bzw. in einem geduldigen Ertragen der
Störung äußert. Die Symptomatik hilft den Betroffenen, einem unangenehmen
seelischen Konflikt zu entgehen oder indirekt Abhängigkeit oder Verstimmung
auszudrücken.
Während bei
einer dissoziativen Störung ein überzeugender Zusammenhang zwischen einem
auslösenden Ereignis bzw. Konflikt und der aktuellen Symptomatik gefunden
werden muss (der Ausschluss organischer Ursachen reicht nicht aus für eine
erforderliche positive Diagnose), ist dies bei einer somatoformen Störung nicht
notwendig.
Die Symptomatik
setzt oft akut ein und kann sich spontan zurückbilden, kann aber auch in einen
chronischen Verlauf übergehen. Der Grad der Behinderung durch die
Konversionssymptome kann wechseln und hängt auch von der Zahl und der Art der
anwesenden Personen sowie vom emotionalen Zustand des Betroffenen ab. Neben den
zentralen und konstanten Symptomen von Bewegungsverlust oder
Empfindungsstörungen kann zusätzlich auch ein Aufmerksamkeit suchendes
Verhalten unterschiedlichen Ausmaßes vorhanden sein. Im Gegensatz zur weiten
Verbreitung der somatoformen Störungen treten Konversionsstörungen nur bei
maximal 0,3 % der Bevölkerung auf und zwar bei Frauen mindestens doppelt so
häufig wie bei Männern. Die verschiedenen somatoformen und
körperlich-dissoziativen Störungen werden bei den einzelnen Organbereichen
detailliert dargestellt.
Syndrome im Umkreis somatoformer Störungen
Zu den
somatoformen Störungen werden oft auch verschiedene andere Syndrome und
Modediagnosen gezählt, bei denen bislang keine organischen Ursachen gesichert
werden konnten. Es handelt sich dabei vor allem um das chronische
Erschöpfungssyndrom und um die Umweltkrankheiten (umweltbezogene Körperbeschwerden).
Verschiedene Fachleute zählen auch andere Störungen wie chronischen Tinnitus
(quälende Ohrgeräusche ohne äußere Reizquelle) oder die Schmerzstörung
Fibromyalgie zu den somatoformen Störungen.
Chronisches
Erschöpfungssyndrom
Dieses Syndrom
wurde zuerst in den USA untersucht und als undifferenzierte somatoforme Störung
bezeichnet. Im internationalen Diagnoseschema wird es außerhalb der Gruppe der
somatoformen Störungen unter der antiquierten Bezeichnung „Neurasthenie“
erfasst, nach neueren Forschungsbefunden ist es als Variante einer somatoformen Störung anzusehen.
Das chronische
Erschöpfungssyndrom ist eine schwere und lang dauernde Erschöpfung, für die keine
organische Ursache gefunden werden kann und die durch Ruhe oder Schonung nicht
deutlich zu beheben ist. Als Hauptkriterium gilt eine anhaltende Müdigkeit oder
leichte Ermüdbarkeit, die mindestens sechs Monate andauert, neu aufgetreten
ist, nicht durch eine andere Erkrankung erklärt werden kann, nicht Folge einer
chronischen Belastungssituation ist, durch Bettruhe nicht deutlich zu beheben
ist sowie eine erhebliche Reduktion der Leistungsfähigkeit bewirkt. Als
Nebenkriterien müssen mindestens vier der folgenden Symptome mindestens sechs
Monate lang vorhanden sein: Halsschmerzen, schmerzhafte Lymphknoten,
Muskelschmerzen, wandernde, nichtentzündliche Gelenkschmerzen, neu aufgetretene
Kopfschmerzen, Konzentrations- und Kurzzeitgedächtnisstörungen, keine Erholung
durch Schlaf, verlängerte, mehr als 24 Stunden generalisierte Erschöpfung nach
früher tolerierten Beanspruchungen.
Wegen der
starken körperlichen Beschwerden sind die Betroffenen davon überzeugt, an einer
organischen Erkrankung zu leiden und lehnen jede psychische Komponente
entschieden ab, sodass Überweisungen zu Psychiatern und Psychotherapeuten oft
nur schwer möglich sind.
Die Ursachen
des chronischen Erschöpfungssyndroms sind derzeit noch unklar. Man vermutet
jedoch eine Störung der komplexen Regulation zwischen Nervensystem, hormonellem
System und Immunsystem. Rund 1 % der Bevölkerung ist betroffen, wobei
erhebliche Überschneidungen mit anderen psychischen Störungen bestehen. 75 bis
90 % der Betroffenen haben gleichzeitig auch Depressionen, generalisierte
Angststörungen oder somatoforme Störungen (Beschwerden wie z.B.
Schwindelgefühle, Muskelschmerzen, Anspannung, Unwohlsein). Die Symptomatik
verschlechtert sich durch eine lange Dauer und die damit verbundene
Inaktivität, sodass durch ein stufenweises Aktivierungsprogramm eine
Chronifizierung verhindert werden muss. Die Betroffenen sollen so viel belastet
und aktiviert werden wie möglich und so viel geschont werden wie nötig.
Umweltkrankheit
Besonders in
den USA sind viele Menschen davon überzeugt, dass die moderne Technik und die
heutige Umwelt, die etwa durch Chemikalien belastet ist, den Körper krank
machen. Unter dem Begriff der Umweltkrankheit werden alle möglichen Beschwerden
zu einem Syndrom zusammengefasst:
·
Störungen des
Zentralnervensystems wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, geistige Erschöpfung,
Störungen des Denkens, der Konzentration und der Merkfähigkeit, Depressionen,
Gereiztheit, Schlafstörungen, Schwindel, Benommenheit,
·
„Reizsymptome“ wie
Reizungen der Schleimhäute, der Augen oder der Haut,
·
vegetative Beschwerden
wie etwa ein nervöser Magen, Völlegefühle, Blähungen, Durchfall, Verstopfung,
krampfartige Bauchschmerzen, Atemprobleme, häufiger Harndrang, Herzrasen,
·
andere Störungen bzw.
Schmerzen wie Brustschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schwellungen,
„eingeschlafene“ Finger oder Zehen.
Die frühere
Bezeichnung „multiple chemische Sensitivität“ wird heute durch den Begriff
„idiopathische umweltbezogene Unverträglichkeiten“ ersetzt. „Idiopathisch“
heißt so viel wie „selbstständig, ohne erkennbare Ursache entstanden“. Diese
Diagnose darf also nur gestellt werden, wenn bekannte organmedizinische oder
psychiatrische Störungen als Ursache ausgeschlossen werden können. Die
Bezeichnung „umweltbezogen“ soll nur zum Ausdruck bringen, dass die Betroffenen
ihre Beschwerden auf Umwelteinflüsse zurückführen, während die meisten anderen
Menschen dieselben Umweltprobleme ohne Beschwerden ertragen.
Im Gegensatz zu
klar definierten Krankheitsbildern mit konkret nachgewiesenen Substanzen wie
Erkrankungen durch Asbest belastete Räume sind die Ursachen der Umweltkrankheit
unbekannt – nicht für deren Verfechter, die alle möglichen Stressfaktoren
anführen, denen wir in der modernen Welt ausgesetzt sind, z.B. die belastete
Luft in den Städten, Dieselabgase, Tabakrauch, organische Lösungsmittel,
Pflanzenschutzmittel, verschiedene Kunststoffe, parfümierte Shampoos,
Medikamente, Baustoffe, Reinigungsmittel, elektromagnetische Kräfte. Die
Vertreter dieses Störungskonzepts behaupten, dass etwa 2 bis 10 % der
Bevölkerung unter derartigen Beschwerden leiden würden.
Die Betroffenen
leiden nach Auffassung der meisten Fachleute unter einer somatoformen Störung,
haben jedoch ein Bedürfnis nach einer organischen Erklärung ihrer Symptome und
suchen die Schuld dafür in der Außenwelt, und zwar in der Lebensweise der
westlich-industriellen Welt sowie in der modernen Technik.
Psychosomatische Störungen im engeren Sinne
Unter
psychosomatischen Störungen im engeren Sinne versteht man alle
Organschädigungen oder Störungen körperlicher Funktionsabläufe, die so stark
durch psychische bzw. psychosoziale Faktoren beeinflusst sind, dass
organmedizinische Ursachen allein das Geschehen nicht ausreichend erklären
können. Anders formuliert handelt es sich dabei um körperliche Krankheiten mit
einer nachweisbaren Gewebeschädigung von Organen oder mit einer organisch
bedingten Störung körperlicher Funktionen. Psychische oder soziale Faktoren
spielen dabei eine mehr oder weniger bedeutsame Rolle in der Auslösung,
Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung der Störung.
Das Wort „Psychosomatik“ wird wegen der Vieldeutigkeit des Begriffs im
aktuellen Diagnoseschema vermieden. Psychosomatische Störungen im engeren Sinne
werden sehr allgemein definiert als psychologische Faktoren und Verhaltenseinflüsse
bei andernorts klassifizierten Krankheiten, die die Entstehung oder den Verlauf
dieser Erkrankungen beeinflusst haben. Man sollte daher zukünftig auch im
medizinischen Alltag die offizielle Bezeichnung „psychologische Faktoren oder
Verhaltenseinflüsse bei …“ verwenden (z.B. mit dem Zusatz „bei Asthma
bronchiale“). Psychosomatische Störungen im engeren Sinne erfordern also eine
Doppeldiagnose: einerseits den Code für psychologische Faktoren, andererseits
den Code für die jeweilige organische Störung. Als typische Beispiele für
derartige Doppeldiagnosen gelten folgende Erkrankungen: Asthma bronchiale,
Magengeschwür, Darmgeschwür, Dermatitis, Ekzem, Nesselsucht (Urtikaria). Bei
stärkerer Ausprägung psychiatrischer Symptome ist zusätzlich auch noch die
entsprechende psychiatrische Diagnose wie etwa „Anpassungsstörung, längere
depressive Reaktion“ zu stellen. Dies kommt gerade bei Schmerzpatienten im
klinischen Alltag häufig vor.
Psychosomatische Patienten verstehen oft lange Zeit das Zusammenspiel von
Körper und Seele nicht. Sie trennen den körperlichen und den seelischen Bereich
strikt voneinander, sodass sie zu einseitigen, rein körperlichen
Behandlungsversuchen neigen – und dies wird häufig noch durch die Vertreter der
entsprechenden Behandlergruppen verstärkt! Sie stehen ihren Beschwerden oft
verständnislos gegenüber, verharren in einer organisch fixierten Krankenrolle
und wandern von Arzt zu Arzt in der Hoffnung auf eine rein organische
Problemlösung. Die Betroffenen erleben ihre „Seele“, das heißt ihre Bedürfnisse
und Gefühle, nicht mehr direkt, sondern nur mehr verfremdet über ihren Körper
und müssen lernen, ihr Leiden vom Körperlichen und vom Seelischen her zu
verstehen und zu verändern. Eine Minderheit neigt dagegen zu rein seelischen Erklärungsversuchen
und vernachlässigt die organmedizinische Seite der Erkrankung.
Neben den
dissoziativen, somatoformen und psychosomatischen Störungen im engeren Sinne
gibt es im aktuellen Diagnoseschema noch eine weitere Kategorie
seelisch-körperlicher Störungen: „Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen
Störungen und Faktoren“. Dazu gehören vor allem die Essstörungen, die
nichtorganischen Schlafstörungen und die nichtorganischen sexuellen
Funktionsstörungen. Auf diese Störungen kann in diesem Buch aus Platzgründen
nicht näher eingegangen werden.
Somatopsychische Erkrankungen
Unter
somatopsychischen Erkrankungen versteht man körperliche Grunderkrankungen, als
deren Folge sich seelische Symptome und psychosoziale Beeinträchtigungen
ergeben oder die eine intensive psychische Verarbeitung (Krankheitsbewältigung)
erfordern. Kurz gesagt handelt es sich dabei um die psychischen und sozialen
Folgeerscheinungen organischer Erkrankungen sowie um deren Bewältigung. Im Rahmen des heute gängigen biopsychosozialen
Krankheitsverständnisses geht man davon aus, dass jede Krankheit eine
körperliche, psychische und soziale Komponente hat: Primär psychische Störungen
wie eine Angststörung oder eine Depression zeigen sich auch in Form
körperlicher Symptome, primär körperliche Krankheiten haben auch psychische und
soziale Auswirkungen, die ebenso bedacht und bewältigt werden müssen wie die
organische Grundstörung. Demnach kann man jede körperliche Erkrankung unter
psychosomatischen Gesichtspunkten betrachten.
Je chronischer der Verlauf einer körperlichen Erkrankung, umso häufiger
treten die organischen Aspekte zugunsten der psychischen und psychosozialen in
den Hintergrund. Da rein medizinische Maßnahmen allein oft keine ausreichende
Besserung bringen, werden psychosomatische bzw. verhaltensmedizinische
Behandlungskonzepte zukünftig immer wichtiger, um die Lebensqualität der
Betroffenen zu verbessern. Diese Sichtweise erfordert eine interdisziplinäre
Zusammenarbeit aller heilenden und helfenden Berufsgruppen.
Typische Beispiele für Krankheiten und Operationen mit somatopsychischen
Folgezuständen sind etwa: Krebs, AIDS, koronare Herzkrankheiten, Asthma
bronchiale, Magen-Darm-Geschwüre, bestimmte Hautkrankheiten, Diabetes mellitus,
Schilddrüsenerkrankungen, rheumatische Erkrankungen, zahlreiche
Schmerzstörungen, Autoimmunstörungen, chronische Niereninsuffizienz (bei
Dialyse-Patienten), Epilepsie, Kopfverletzungen, Kopfoperationen und
Erkrankungen des Gehirns. Bei diesen und anderen chronischen Beschwerden gilt
das in der Organmedizin vorherrschende eindimensionale biomedizinische
Krankheitsverständnis nicht mehr. Im Rahmen einer umfassenden Therapie müssen
auch die Lebensgewohnheiten, sozialen Belastungen, individuellen
Verhaltensgewohnheiten und psychosozialen Rahmenbedingungen bedacht werden.
Ziel aller psychologisch-psychotherapeutischen Interventionen bei
chronischen Erkrankungen ist es, die Lebensqualität zu verbessern und die
Gefahr einer zunehmenden Behinderung abzuwenden. Psychosoziale Faktoren sind
während der gesamten Rehabilitation von immenser Bedeutung. Es wird geschätzt,
dass 35 bis 40 % aller Krankenhaus-Patienten neben der körperlichen Erkrankung
auch psychische Beeinträchtigungen aufweisen. Es handelt sich dabei vor allem
um meist schon chronifizierte psychische Störungen wie Angststörungen,
Depressionen, somatoforme Störungen sowie Alkohol- und Medikamentenmissbrauch
bzw. -abhängigkeit, die den Prozess der körperlichen Genesung negativ
beeinflussen.
Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen müssen als Folge der
körperlichen Symptome, operationsbedingten Entstellungen und körperlichen
Funktionseinbußen oft zahlreiche psychische und soziale Probleme bewältigen
lernen:
·
subjektive
Lebensbedrohung und Angst vor dem Tod,
·
Unveränderbarkeit oder
gar Fortschreiten der Erkrankung,
·
mangelnde
Vorhersagbarkeit des Krankheitsverlaufs,
·
verminderte
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit,
·
Beeinträchtigung der
körperlichen Integrität,
·
Bedrohung des
Selbstbildes und Verminderung des Selbstwertgefühls,
·
Verschlechterung der
Stimmung und Bedrohung des emotionalen Gleichgewichts,
·
Einschränkung der
Sozialbeziehungen und der möglichen sozialen Rollen,
·
Abhängigkeit von
Ärzten und Pflegepersonal sowie vom ganzen Medizinsystem,
·
Abhängigkeit von
Maschinen und technischen Hilfsmitteln,
·
Bedrohung oder
Einschränkung der beruflichen Möglichkeiten,
·
Verunsicherung und
Einschränkung bezüglich der Zukunfts- und Lebensplanung,
·
chronische Schmerzen
und Beeinträchtigung durch opiathältige Schmerzmittel,
·
Deprimierung durch abschreckend
und negativ erlebte Therapien,
·
abwertende Reaktionen
vonseiten der Umwelt.
Zentrale
Aspekte der Psychosomatik
Im Folgenden soll in aller Kürze auf einige
wichtige biologische, psychologische und therapeutische Aspekte der
Psychosomatik hingewiesen werden.
Biologische
Aspekte
Der menschliche Körper wird durch das Nervensystem, das endokrine System
und das Immunsystem gesteuert, was auch zum Verständnis funktioneller (somatoformer
und dissoziativer) Störungen und psychosomatischer Erkrankungen im engeren
Sinne von Bedeutung ist.
Nervensystem
Man
unterscheidet zwischen dem Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) und dem
peripheren Nervensystem (dem Rest des Körpers), das in das animalische
(somatische, willkürmotorische) und in das vegetative (autonome,
unwillkürliche) Nervensystem unterteilt wird. Das vegetative Nervensystem
besteht aus drei Ästen und zwar dem sympathischen (aktivierenden) und dem
parasympathischen (entspannenden) Nervensystem sowie dem Darmnervensystem
(enterischen Nervensystem).
Für die
Psychosomatik sind vor allem die Großhirnrinde, das limbische System, das
vegetative und das enterische Nervensystem von zentraler Bedeutung. Die Großhirnrinde
ermöglicht die intellektuellen Leistungen, die spezifische Interpretation von
motorischen und sensorischen Reizen, die Reaktion des Körpers auf diese Reize
sowie die Neuorganisation bei Veränderungen, Verletzungen oder Verlust von
Körperteilen.
Das limbische
System
·
ist das Zentrum der
Gemütsbetonung und der gemütsbedingten Antriebe (Angst, Wut, Aggression, Ärger,
Ekel, Trauer, sexuelle Erregung);
·
beeinflusst über die
Nervenbahnleitung und über die hormonelle Steuerung das vegetative Nervensystem
und die vegetative Aktivierung;
·
ist bedeutsam für die
Gedächtnisspeicherung, die Motivation und das Lernen.
Das vegetative
Nervensystem regelt den inneren Betrieb des Körpers, hält alle lebenswichtigen
Organtätigkeiten aufrecht und passt den Körper an wechselnde Umweltbedingungen
an. Es steuert Kreislauf, Atmung, Stoffwechsel, Ernährung, Eingeweide,
Verdauung, Drüsentätigkeit, Temperatur, Ausscheidung, Aktivität, Schlaf,
Wachstum, Reifung und Fortpflanzung.
Das
sympathische Nervensystem dient der körperlichen Aktivierung, indem es etwa den
Herzschlag und den Blutdruck steigert, die Herzkranzgefäße sowie die Blutgefäße
der arbeitenden Muskulatur erweitert, die Blutgefäße der Haut und der inneren
Organe verengt, die Skelettmuskulatur anspannt, die Lunge erweitert und die Atmung
beschleunigt, Zucker und Fettsäuren vermehrt ausschüttet und den Stoffwechsel
beschleunigt. Dieselben körperlichen Reaktionsweisen werden auch durch bestimmte
Gefühle wie Wut und Ärger ausgelöst, um den Körper rasch auf Angriff oder
Verteidigung vorzubereiten.
Das
parasympathische Nervensystem dient der Ruhe und Erholung sowie dem
Energieaufbau, indem es etwa den Herzschlag verlangsamt, den Blutdruck senkt,
die Herzkranzgefäße sowie die Blutgefäße der arbeitenden Muskulatur verengt,
die Blutgefäße der Haut und der inneren Organe erweitert und damit die
Durchblutung verbessert, die Skelettmuskulatur erschlafft und entspannt, den
Stoffwechsel reduziert, die Lunge verengt, die Verdauungstätigkeit und die
Ausscheidung fördert.
Körperliche und seelische Gesundheit erfordert die Balance von Aktivität
und Ruhe, das heißt einen Wechsel von Anspannung und Entspannung. Bei starken
Erregungszuständen werden beide Äste des vegetativen Nervensystems gleichzeitig
tätig: Große Angst vor einer schwierigen Prüfung führt einerseits zu Herzrasen,
andererseits zu Übelkeit, Harn- oder Stuhldrang. Wenn das an sich gute
Zusammenspiel von sympathischem und parasympathischem Nervensystem gestört ist,
etwa durch anhaltenden Stress ohne Abbau der aufgestauten körperlichen
Anspannung, kommt es zu zahlreichen psychovegetativen Beschwerden im Sinne
somatoformer Störungen.
Endokrines
System
Das endokrine
System ist neben dem Nervensystem das zweite Kommunikationssystem im Körper: Es
setzt spezielle Botenstoffe (Hormone) aus den Drüsen des Körpers frei und
beeinflusst auf diesem Weg die jeweiligen Organe des Körpers. Dem
Hypothalamus-Hypophysen-System im Kopf obliegt die ständige Kontrolle über die
Freisetzung und Hemmung von Hormonen im Körper und damit auch die Steuerung des
vegetativen Nervensystems. Der Hypothalamus als übergeordnete Region und die
Hypophyse als Ort der Ausschüttung zahlreicher Hormone zur Steuerung der
einzelnen Organbereiche gelten als die Schnittstelle zwischen dem Gehirn und
dem Körper: Bereits geringe hormonelle Änderungen wie ein Anstieg des
Kurzzeitstresshormons Adrenalin und des Dauerstresshormons Kortisol können
starke Veränderungen des Verhaltens und Erlebens bewirken. Andererseits können
auch äußere Umstände wie belastende Lebensbedingungen zu hormonellen Veränderungen
führen. Bei erhöhtem Stress findet man oft einen erhöhten Kortisolspiegel, bei
chronischem Stress dagegen einen gesenkten Kortisolspiegel als Ausdruck der
Erschöpfung. Ein veränderter Kortisolspiegel führt auch zu einer Veränderung in
der Wahrnehmung von Schmerzreizen.
Stressoren wie hoher Arbeitsdruck, familiäre
Belastungen oder großer Lärm führen zu Veränderungen der
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (verstärkte oder verminderte
Ausschüttung von Kortisol) und in der Folge zu psychosomatischen Störungen wie
etwa chronischen Unterleibsschmerzen bei Frauen. Die wechselseitigen
Zusammenhänge zwischen dem Verhalten und Erleben einerseits und dem endokrinen
System (Hormonsystem) andererseits werden in der Psychoneuroendokrinologie
untersucht.
Immunsystem
Das Immunsystem bewahrt uns vor Krankheiten, indem es körperfremde und
veränderte körpereigene Stoffe erkennt und diese durch bestimmte Substanzen,
spezialisierte Zellen und andere Mechanismen abwehrt und bekämpft. Dabei passt
sich das Immunsystem an unsere aktuellen Bedürfnisse und an unsere Lebensumwelt
an. Die weißen Blutkörperchen sind die zentralen Träger der Immunabwehr.
Wenn die Immunreaktion auf innere oder äußere pathologische Einflüsse zu
stark oder zu schwach ist, werden wir krank. Bei einem äußeren pathologischen
Einfluss kommt es zu Infektionskrankheiten, wenn das Immunsystem zu schwach
ist, und zu Allergien, wenn das Immunsystem überschießend reagiert. Bei einem
inneren pathologischen Einfluss kommt es zu Krebs, wenn das Immunsystem zu
schwach ist, und zu Autoimmunerkrankungen (z.B. chronische Polyarthritis,
multiple Sklerose), wenn das Immunsystem zu stark reagiert.
Immunsystem und Psyche stehen in enger wechselseitiger Interaktion: Einerseits
beeinflussen Stress und Emotionen unser Immunsystem (z.B. verminderte Abwehrkräfte
gegenüber pathologischen Einflüssen), andererseits beeinflussen Immunreaktionen
unsere Befindlichkeit (z.B. erhöhtes Schmerzempfinden) und unser Verhalten
(z.B. Müdigkeit). Die Wechselwirkungen zwischen Immunsystem und Psyche sind von
großer Relevanz für das Verständnis vieler Krankheiten, insbesondere auch für
psychosomatische Störungen.
Wenn Stress zu psychosomatischen Erkrankungen führt, ist dies so zu
erklären, dass das Immunsystem über komplizierte Prozesse geschwächt und der
Körper krankheitsanfälliger wird. Akuter kurz dauernder Stress bewirkt schon
nach fünf Minuten Veränderungen verschiedener Immunwerte, die sich allerdings
nach Beendigung der Stresssituation innerhalb einer Stunde wieder
normalisieren. Anhaltende Belastungsfaktoren wie Ehekonflikte, Pflege schwer
kranker Angehöriger, Verlust von Angehörigen, ständige berufliche Überforderung
oder andere belastende Lebensereignisse führen dagegen als Folge der
immunologischen Veränderungen zu krankheitswertigen Störungen. Bei chronischem
Stress ist das Immunsystem oft so erschöpft, dass sogar ein Schnupfen oder eine
Wundheilung länger als nötig dauern. Die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen
dem Erleben und Verhalten einerseits und dem Immunsystem andererseits werden in
der Psychoneuroimmunologie untersucht.
Psychologische
Aspekte
Im Folgenden
werden einige Begriffe und psychologische Konzepte vorgestellt, die für den
Bereich der Psychosomatik große Bedeutung erlangt haben.
Konversion
Der Begriff der
Konversion bezeichnet die Umsetzung eines seelischen Konflikts in körperliche
Symptome. Ein nicht lösbarer Konflikt
zwischen verschiedenen Bestrebungen führt aufgrund des massiven inneren
Spannungszustands zu einem körperlichen Symptom, das vom Betroffenen nicht
verstanden wird, dessen Funktion aber von einem Therapeuten aufgedeckt werden
kann. Es handelt sich sozusagen um eine körpersprachlich
vermittelte Symbolisierung eines inneren Konflikts. Der Vorgang der
Konversion erfolgt unbewusst und dient der Vermeidung des unangenehmen oder
unerträglichen unbewussten Konflikts. Eine derartige Befreiung des Menschen von
schweren inneren Spannungen wird „primärer Krankheitsgewinn“ genannt. Als
„sekundären Krankheitsgewinn“ bezeichnet man die in psychosozialer Hinsicht
positiven Folgen der Erkrankung für den Betroffenen. Ein Beispiel soll hier
genügen: Eine nichtorganische Gangstörung kann etwa die Schwierigkeit
ausdrücken, bestimmte Dinge allein zu unternehmen. Letztlich beruhen viele
Redewendungen, wie sie bei der Beschreibung der verschiedenen Organstörungen
angeführt werden, auf einem konversionsneurotischen Erklärungsmodell (z.B.
„Nicht auf eigenen Füßen stehen können“). Das Konversionsmodell erklärt nur
ganz bestimmte Symptombildungen und keineswegs die Mehrzahl psychosomatischer
Störungen, wie dies früher von der Psychoanalyse behauptet wurde und auch
gegenwärtig in der Populärliteratur noch häufig vermittelt wird.
Somatisierung
Unter
Somatisierung versteht man die Tendenz, körperliches Unbehagen und Symptome
ohne ausreichende organische Ursache intensiv zu erleben, anderen zu kommunizieren,
sie einer körperlichen Erkrankung zuzuschreiben und deshalb eine
organmedizinische Behandlung anzustreben. Somatisierung wird wie Angst oder Depressivität
als fundamentaler menschlicher Mechanismus gesehen, auf subjektiv belastende
Lebensumstände zu reagieren. Während beim Konversionsmodell ein unbewusster
Konflikt angenommen wird, der sich symbolisch in Form bestimmter Symptome
äußert, enthält der Begriff der Somatisierung keine spezifischen Erklärungsmodelle,
Symptome, Einstellungen und Verhaltensweisen.
Emotionen
Die Art und
Weise, wie Menschen mit ihren Gefühlen umgehen, wurde schon immer als bedeutsam
für die Entstehung und den Verlauf funktioneller (somatoformer und
dissoziativer) Symptome und psychosomatischer Störungen im engeren Sinne
angesehen. Die Konzepte der Verdrängung, der Alexithymie und der negativen
Affektivität sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig.
Verdrängung
stellt nach Sigmund Freud den Versuch dar, unangenehme Gefühle und
Vorstellungen vom Bewusstsein fernzuhalten – was aber nicht vollständig gelingt,
denn das Verdrängte kehrt schließlich in Form von Symptomen zurück. Heute wird
das Phänomen der Verdrängung auch von nichtpsychoanalytischen Autoren
anerkannt, theoretisch jedoch anders erklärt und mit dem Begriff der
Unterdrückung gleichgesetzt. Nach verschiedenen Studien und klinischen
Erfahrungen führt die Unterdrückung von Gefühlen zu einer erhöhten körperlichen
Anspannung. Die Auseinandersetzung mit Gefühlen – etwa durch Tagebuch-Schreiben
in Form einer emotional betonten Erlebnisverarbeitung – führt auch zu einer
kognitiven Neubewertung negativer Erfahrungen und damit zu erhöhtem
körperlichem und seelischem Wohlbefinden.
Alexithymie
bezeichnet die Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und
auszudrücken sowie die Schwierigkeit, Emotionen und körperliche Empfindungen
voneinander zu unterscheiden. Es gehört zum Charakteristikum der Somatisierung,
dass Patienten mit psychosomatischen Störungen auf psychisch belastende
Lebensereignisse primär mit körperlichen anstatt mit seelischen Beschwerden
reagieren. Eine typische Alexithymie-Problematik weist jemand auf, der von
Schwitzen, Herzklopfen, Benommenheit, Übelkeit und einem flauen Gefühl im Magen
berichtet, aber nicht weiß, dass er Angst oder Wut hat und über diese Symptome
seine innere Befindlichkeit ausdrückt.
Negative
Affektivität bedeutet, dass bestimmte Menschen auf Belastungen bevorzugt mit
negativen Affekten wie Ärger, Feindseligkeit, Abscheu oder Schuld reagieren und
diese Befindlichkeit vor allem in Form körperlicher Symptome erleben und
ausdrücken. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen scheint vor allem der falsche
Umgang mit Ärger und Feindseligkeit krankheitsbegünstigend zu wirken.
Übertriebene
Symptomwahrnehmung – somatosensorische Verstärkung
Mit dem Begriff
„somatosensorische Verstärkung“ wird bei somatoformen Patienten eine bestimmte Wahrnehmung
und Bewertung körperlicher Empfindungen bezeichnet, die dazu führt, dass
normale Körperreaktionen überbewertet, als Anzeichen für eine körperliche
Bedrohung interpretiert und daher gefürchtet werden. Sensorische Reize wie
Kälte oder Hitze, Herzklopfen, Schwitzen, Schwindel, Seitenstechen oder
Bagatellkrankheiten wie Kopf- oder Bauchschmerzen führen zur Einengung der
Aufmerksamkeit auf die entsprechenden körperlichen Empfindungen. Die momentanen
körperlichen Zustände werden extrem wahrgenommen oder sogar krankhaft
überbewertet. Untersuchungen haben gezeigt, dass emotionaler Stress als
Auslöser dienen kann. Oft spitzt sich die Situation zusätzlich zu, weil
Außenreize wie Freizeitaktivitäten oder Sozialkontakte fehlen oder nicht
attraktiv genug erscheinen.
Eine
derartige Angst machende Symptomwahrnehmung kann auch bei körperlich Kranken
wie etwa bei Patienten nach einem Herzinfarkt oder einer Lungenembolie
auftreten; dann nämlich, wenn sie mit bestimmten Körpersensationen nicht
umgehen können, weil diese sie immer wieder an die ehemals lebensbedrohliche
Erfahrung erinnern.
Abnormes und chronisches Krankheitsverhalten
Menschen mit
einem abnormen Krankheitsverhalten
bewerten und erleben sich als krank, obwohl der Arzt wiederholt darauf
aufmerksam gemacht hat, dass kein Grund zur Besorgnis besteht. Die Betroffenen
halten jedoch weiterhin an organmedizinischen Erklärungsmodellen fest und
ersuchen ständig bei allen möglichen Ärzten und Einrichtungen nach
dementsprechenden Behandlungen.
Bei chronischen
Erkrankungen entwickelt sich oft ein „chronischen Krankheitsverhalten“, das
durch folgende Verhaltensweisen charakterisiert ist:
·
Die Menschen werden
immer passiver, hilfloser und verlieren das Vertrauen in eigene
Bewältigungsstrategien;
·
sie tendieren dazu,
sich zu schonen und vermeiden körperliche und soziale Aktivitäten sowie
Alltagsverpflichtungen aus Angst vor Überforderung;
·
sie beanspruchen
ständig verschiedene ambulante und stationäre medizinische Einrichtungen und
wollen permanent diagnostiziert und behandelt werden;
·
sie verlangen von
ihrer sozialen Umwelt eine übertriebene Fürsorge und Aufmerksamkeit;
·
sie neigen zu
Medikamentenmissbrauch.
Chronischer Stress
Chronischer
Stress bewirkt eine Erschöpfung des Organismus und macht den Körper anfälliger
für Kreislaufschwäche und vegetative Übererregbarkeit – der Nährboden für künftige psychosomatische Symptome! Durch ein
allgemein hohes Anspannungsniveau können schon alltägliche Stresssituationen,
die in anderen Zeiten und Situationen problemlos bewältigt wurden, zum Auslöser
von körperlichen Symptomen werden. Es ist jedoch falsch, somatoforme Störungen
und psychosomatische Erkrankungen im engeren Sinne generell als
Stresskrankheiten zu bezeichnen. Die Betroffenen haben oft nicht mehr Stress
als andere Personen, sondern erleben und bewerten bestimmte Situationen nur
belastender als diese.
Die Bedeutung
von Stress für die Entstehung psychosomatischer Erkrankungen muss angesichts
von einseitigen reinen Psychogenese-Modellen klar formuliert werden: Stress ist
bei keiner einzigen psychosomatischen Störung die spezifische Ursache der
Erkrankung, sondern ist „nur“ eine unterstützende Bedingung für den Ausbruch
der Krankheit. Anders gesagt: Stress ist dann ein krankheitsauslösender Faktor,
wenn andere Aspekte wie etwa eine bestimmte genetische Veranlagung oder eine
oft langjährige körperliche Entwicklung den Boden dafür bereiten.
Es besteht ein
enger Zusammenhang zwischen Stress und Immun- bzw. Hormonsystem: übermäßiger
Stress beeinflusst es negativ. So gesehen kann sich chronischer Stress bei
allen möglichen körperlichen Störungen krankheitsverschärfend auswirken.
Umgekehrt sind chronische Krankheiten ebenfalls als Stressoren anzusehen, vor
allem die damit verbundenen Einschränkungen, die Therapieanforderungen, die
Krankenhausaufenthalte, die Ungewissheit über den weiteren Verlauf und die
ständige Abhängigkeit vom medizinischen Versorgungssystem.
Kritische Lebensereignisse
Bestimmte
kritische Ereignisse im Laufe des Lebens („Life Events“) wie etwa der Verlust eines
Elternteils, schwere Erkrankungen in der Familie, Scheidung, Kündigung oder
Umzug können somatoforme und psychosomatische Erkrankungen auslösen,
aufrechterhalten oder verschlimmern. Beginn und Ende des jeweiligen Ereignisses
sind relativ eindeutig, die Folgen können aber dennoch nicht verkraftet werden.
Bei chronischen
Belastungen wie etwa anhaltender Gewalt in der Familie, Alkoholabhängigkeit
eines Elternteils oder des Partners, chronischen Erkrankungen von Familienangehörigen
oder andauernder Überforderung in der Familie spricht man von chronischen
Stressoren; ihr Auftreten und Ende ist aus der Sicht des Betroffenen nicht
vorhersehbar, nicht beeinflussbar und daher auch nicht kontrollierbar.
Kontrolle und Beeinflussung der Lebenssituation
Krank machen
nicht die Lebensereignisse und Belastungen an sich, sondern das Gefühl, die
Kontrolle darüber verloren zu haben und keinen Einfluss darauf zu haben. Die
Kontrolle von Situationen und die Erwartung, durch eigenes Handeln eine bestimmte
Wirkung erzielen zu können, ist in psychosomatischer Hinsicht ein zentraler
Aspekt, der das Erkrankungsrisiko und den Gesundungsprozess beeinflusst und
somit den Verlauf von Krankheiten bestimmt. Das psychosoziale Umfeld und der
individuelle Umgang mit Belastungen und körperlichen Beschwerden sind damit
wichtige Quellen für die Entstehung und Bewältigung psychosomatischer
Störungen. So steigt etwa das Herzinfarktrisiko durch eine unkontrollierbare
Arbeitssituation mit viel Stress und wenig Gehalt. Dadurch erhöht sich auch die
Wahrscheinlichkeit von Bluthochdruck, Schmerzstörungen wie Fibromyalgie,
funktionellen Magen-Darm-Störungen und Erschöpfungszuständen
(Burn-out-Syndrom). Schmerz- oder Tinnitus-Patienten erleben ihre Symptome
durch diese Hilflosigkeit und mangelnde Beeinflussbarkeit noch schlimmer. Nach
verschiedenen Studien kann der Verlauf von Krankheiten durch psychologische
Variablen wie Kontrollverlustgefühle, Depression oder Angst oft besser
vorhergesagt werden als durch organmedizinische Merkmale. Es ist daher ein
zentrales Ziel der psychosomatischen Therapie, dem Patienten wieder mehr
Kontrolle über seinen Körper, seine Symptome und seine aktuelle Lebenssituation
zu ermöglichen. Dieser Aspekt wird in der Verhaltensmedizin viel stärker betont
als in der psychoanalytisch orientierten Psychosomatik.
Bestimmte
Erfahrungen in der Kindheit und in der Jugend (vor allem belastende
Lebensumstände wie Verlusterlebnisse, Krankheit, mangelnde Fürsorge, extreme
Überbehütung, sozioökonomisch ungünstige Entwicklungsvoraussetzungen) können
die Entwicklung von somatoformen und psychosomatischen Störungen vorbereiten.
Auch die Art und Weise, wie die Umwelt auf
verschiedene Körpersymptome reagiert, prägt und verstärkt möglicherweise die
Symptomatik und das jeweilige Krankheitsverhalten:
häufige Zuwendung der Eltern auf bestimmte körperliche Vorgänge beim Kind,
häufige Anweisungen der Mutter, sich warm anzuziehen und auf die richtige
Ernährung zu achten etc.
Eine bestimmte Form der Symptomverstärkung führt zum Phänomen des so
genannten „sekundären
Krankheitsgewinns“. Gemeint sind dabei die angenehmen Folgen der
Symptome, z.B. Entlastung, Schonung, Mitleid, Zuwendung, Krankenstand. Die
Umwelt reagiert auf die Symptome in einer Weise, dass sie zu deren Aufrechterhaltung
beiträgt.
Verschiedene funktionelle Störungen wie Ohnmachtsanfälle, Übelkeit oder
ständiger Harndrang können auch durch „Modelllernen“ entstehen, das heißt durch
Beobachtung und Nachahmung des Verhaltens emotional bedeutsamer Personen. Die
Betroffenen müssen die bedrohliche Krankheitserfahrungen keinesfalls selbst
gemacht haben, sondern können die Gefühle einer Gefährdung auch rein durch das
Beobachten anderer entwickelt haben (z.B. schwerwiegende Erkrankungen oder Behinderungen von Familienmitgliedern; in der Familie lebende Großmutter mit
Krebserkrankung oder Alzheimer-Erkrankung; Mutter mit niedrigem Blutdruck
und/oder Schwindelzuständen, die sich ständig hinlegt).
Soziale
Unterstützung
Soziale Unterstützung durch vertraute Menschen oder eine soziale Gruppe
ist für die körperliche und geistige Gesundheit immens wichtig. Ein Fehlen
wirkt sich bei körperlichen, psychischen und psychosomatischen Erkrankungen
recht negativ auf den Genesungsprozess aus. Die Art der sozialen Einbettung
bestimmt also sehr wesentlich, wie gut eine Krankheit verarbeitet werden kann.
Dies zeigt sich beispielsweise bei Emigranten, Minderheiten oder ganz allgemein
bei chronischen Erkrankungen sehr deutlich.
Traumatisierung
Körperliche und sexuelle Traumatisierungen führen häufig zu somatoformen
und psychosomatischen Störungen, weil sie Veränderungen in der Bewertung und im
Erleben bestimmter körperlicher Vorgänge zur Folge haben. Frauen mit sexuellen
Missbrauchserfahrungen in der Kindheit und in der Jugend neigen im späteren
Leben verstärkt zu Angst- und Panikstörungen, Depressionen, Sexualstörungen,
Missbrauch oder Abhängigkeit von Substanzen sowie zu Magen-Darm-Beschwerden
oder chronischen Unterleibsschmerzen. In der Herkunftsfamilie und in aktuellen
Familiensituationen der Betroffenen finden sich auch gehäuft Alkoholprobleme,
was die Wahrscheinlichkeit von körperlichen Gewalterfahrungen erhöht.
Neben sexueller und körperlicher Gewalt gelten
auch viele andere Erfahrungen im späteren Leben als körperlich und seelisch
traumatisierend (z.B. Verkehrs- oder Berufsunfall, Überschwemmung,
Verschüttung, Kriegserfahrungen, demütigende Haftbedingungen).
Subjektive Gesundheits- und Krankheitsmodelle
Unter einem „subjektiven
Krankheitsmodell“ versteht man all das, was ein Patient über Ursachen, Verlauf,
Risiken und Einflussmöglichkeit seiner Krankheit und überhaupt allgemein über
Gesundheit denkt und weiß. Dies beeinflusst maßgeblich, wie die Krankheit
verläuft, wie aktiv oder passiv mit ihr umgegangen wird und wie gut die
Behandlungsmaßnahmen greifen.
Vor allem Menschen mit somatoformen Störungen haben oft auch einen zu
engen und verschärften Gesundheitsbegriff. Sie sehen
·
Gesundheit als völlige Symptomfreiheit („Ich bin gesund, wenn ich nichts
spüre und keine körperlichen Empfindungen habe“), was zu übertriebenen
Ansprüchen an die moderne Medizin führt,
·
unspezifische und mehrdeutige Körpersignale als Zeichen einer Krankheit,
·
körperliche Symptome als Zeichen von körperlicher Schwäche.
Viele Menschen mit somatoformen Störungen haben Krankheitsängste im Sinne
einer Hypochondrie, was auf übertriebenen Gesundheitsvorstellungen,
Fehlinterpretationen harmloser körperlicher Symptome oder nicht verarbeiteten
Lebenserfahrungen in Bezug auf die eigene Person oder Menschen der sozialen
Umwelt beruht. Diese hypochondrischen Befürchtungen verschwinden nicht einmal
dann, wenn die körperliche Gesundheit durch intensive Untersuchungen eindeutig
festgestellt wurde, sondern müssen in einer Psychotherapie bearbeitet werden.
Negatives
Selbstkonzept
Das
Selbstverständnis, schwach, nicht belastbar oder körperlich verletzlich zu
sein, führt zu einer geringen Toleranz gegenüber allen möglichen körperlichen
Missempfindungen, die Ausdruck von erhöhtem Stress sein können.
Viele Menschen
mit somatoformen und psychosomatischen Störungen weisen ein schwer gestörtes
Körpererleben auf. Sie nehmen oft weder positive noch negative
Körperempfindungen adäquat wahr, vermeiden manchmal sogar jede bewusste
körperliche Wahrnehmung („Wenn ich nichts spüre, muss ich mich nicht
fürchten“), lehnen den Körper ab („Ich mag nicht, wie ich ausschaue“) oder
meiden bestimmte Körperbereiche wie etwa die Sexualregion („Ich ekle mich
davor, mich nackt anzuschauen“), den Bauch („Ich fühle mich zu dick“) oder den
Blasen- bzw. Magen-Darm-Bereich („Wenn ich darauf achte, muss ich gleich auf
die Toilette gehen“). Bei körperlichen Erkrankungen wie etwa Neurodermitis oder
Krebs kann durch die sichtbaren Beeinträchtigungen bzw. die erfolgten
Operationen ein sehr belastendes Gefühl der körperlichen Entstellung oder
Verstümmelung auftreten.
Gesundheitsschädigendes Verhalten
Krankheiten wie
Herz-Kreislauf-Störungen, koronare Herzerkrankungen oder Diabetes werden oft
durch Rauchen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, Bewegungsmangel, falsche
Ernährung und Übergewicht begünstigt. Die bloße rationale Vermittlung von
Gesundheitsrisiken bzw. Drohungen mit Krankheitskomplikationen reichen oft
nicht aus, um Risiko-Patienten zu einem gesundheitsförderlichen Verhalten zu
bewegen. Effektive Maßnahmen zur Förderung der Eigenverantwortung und zur Modifikation
gesundheitsschädlichen Verhaltens sind daher zentrale Aufgaben des
Gesundheitssystems.
Krankheitsbewältigung (Coping)
Im Umgang mit
Krankheit bestehen grundsätzlich drei Handlungsmöglichkeiten: aktive
Auseinandersetzung, Verleugnung und hilflose Unterwerfung. Der Begriff der
Krankheitsbewältigung umfasst alle Bemühungen, mit den Belastungen durch eine
Krankheit umzugehen, diese zu beseitigen, zu vermindern oder wenigstens besser
erträglich zu machen. Jeder, der eine länger dauernde oder chronische Krankheit
hat, muss diese in irgendeiner Form bewältigen lernen. Dieser Prozess wird Krankheitsmanagement
oder Coping, das heißt Bewältigung, genannt. Über den Weg der
Auseinandersetzung mit der Erkrankung, deren emotionaler Bewältigung und Integration
in den ganzen Lebenskontext kann im Laufe der Zeit wieder mehr Lebensqualität
entstehen. Dies ist gerade bei chronischen Erkrankungen wie Schmerzen, Krebs,
koronaren Herzkrankheiten, Diabetes mellitus oder Asthma sowie bei Zuständen
nach Erkrankungen des Gehirns von großer Bedeutung.
Salutogenese – gesund werden
Häufig geht es
in der Psychosomatik um die Frage, warum Menschen krank werden. Das Konzept der
Salutogenese stellt die Frage gerade umgekehrt: Warum bleiben manche Menschen
selbst unter widrigsten Umständen gesund und können selbst schwerste
Krankheiten ganz gut bewältigen? Der salutogenetische Ansatz sucht nach
Persönlichkeitsvariablen, Verhaltensweisen und Bewertungsprozessen, die zur
Erhaltung der Gesundheit beitragen und die körperliche Belastbarkeit steigern.
In diesem Zusammenhang wird mit dem Begriff des Kohärenzgefühls ein wichtiges
Merkmal zum Gesundsein sowie zur Bewältigung von Krankheiten bezeichnet. „Kohärenzgefühl“
bezeichnet das Gefühl, einen inneren Zusammenhalt zu haben, sich stimmig zu
fühlen und einen Sinn im Leben zu sehen. Ein hohes Kohärenzgefühl besteht im
Bewusstsein, dass Lebensabläufe strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind
(was Sinnhaftigkeit und Verstehbarkeit ermöglicht), dass Möglichkeiten zur
Bewältigung von Problemen und zur Befriedigung wichtiger Bedürfnisse bestehen
und dass Probleme bestimmte Herausforderungen darstellen, die lösbar sind (was
Bewältigbarkeit vermittelt). Menschen mit einem hohen Kohärenzgefühl sind
weniger anfällig für Krankheiten und können vorhandene Krankheiten besser
bewältigen.
Therapeutische Aspekte
Grundsätzlich umfasst eine psychosomatische Behandlung drei Wege zur
Heilung:
1.
Beeinflussung der Organe. Die beeinträchtigten Organe müssen in ihrer Funktionsfähigkeit wieder
hergestellt werden (durch medizinische Maßnahmen, physiotherapeutische
Trainingsprogramme, psychologische Interventionen o.ä.).
2.
Beeinflussung des Umfeldes
der Organe. Der krank machende psychosoziale
Hintergrund, auf dem sich eine Organstörung entwickelt hat, muss ebenfalls
verändert werden, wenn eine dauerhafte Heilung oder wenigstens eine
Symptomlinderung gelingen soll. Hier setzen interaktionsorientierte Therapien
wie etwa eine Partner- oder Familientherapie und psychosoziale
Begleitmaßnahmen, beispielsweise eine berufsbezogene Beratung, an.
3.
Neugestaltung der Beziehung zum Organ. Psychosomatisch Kranke müssen eine bessere Beziehung zu ihrem Körper im
Allgemeinen und zum gestörten Organbereich im Besonderen entwickeln; sie
sollten aber auch neue Denk- und Verhaltensweisen erlernen, die ein gesünderes
Leben ermöglichen. Hier sind bestimmte Formen einer Einzelpsychotherapie
hilfreich, die den Körper, die Gefühle und die Denkmuster gleichermaßen
berücksichtigen.
Der psychosomatische Heilungsprozess verläuft in vier Phasen. Der erste
Schritt ist, seine psychosomatischen Probleme besser verstehen zu lernen. Der
zweite Schritt sollte darin bestehen, die vorhandenen Fähigkeiten und
Ressourcen zu möglichen Veränderungen zu nutzen, anstatt sich deprimiert als
organisch oder psychisch „defekt“ zu erleben. Der dritte Schritt erfordert oft
Entscheidungen, sein Leben und seine Einstellungen zu ändern, um den
psychosomatischen Störungen den Nährboden zu entziehen. Der vierte Schritt
besteht in den notwendigen Maßnahmen zur Heilung oder zur Verbesserung der
Lebensqualität.
Im Vergleich zu Patienten
mit primär psychischen Erkrankungen wie etwa Angststörungen weisen jene mit
somatoformen und psychosomatischen Störungen meist eine geringere
Psychotherapiemotivation auf. Diese muss als Teil der Therapie erst entwickelt
und gestärkt werden. Entscheidend, ob und wann der Patient bereit ist, eine
Psychotherapie zu beginnen, ist nicht alleine der Leidensdruck, sondern
vielmehr sein subjektives Krankheitsverständnis über die Ursachen der Störung
und der möglichen Heilungschancen.
Eine
psychologisch-psychotherapeutische Behandlung baut auf einer genauen
Verhaltens- und Problemanalyse auf; zunächst muss also das gesamte Bedingungsgefüge
der jeweiligen Störung erfasst werden. Welche körperliche Symptomatik und
welche Befindlichkeit liegen vor? Wie geht der Betroffene mit seinen Symptomen
und Beschwerden um und wie erklärt er sich diese? Welche Gefühle und Denkmuster
stehen in Verbindung mit den aktuellen Symptomen? Welche subjektiven Krankheitsmodelle
und Gesundheitsvorstellungen sind vorhanden? Welche Faktoren haben die Störung
insgesamt ausgelöst, halten sie aufrecht oder verschlimmern sie sogar? In
welchen familiären, partnerschaftlichen, sozialen und beruflichen Kontext ist
die Störung eingebettet? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen körperlichen,
seelischen und sozialen Faktoren? Welche Konsequenzen haben die Beschwerden,
welche Folgen hätte eine Beseitigung oder Linderung des Leidens? Was sind erste
und was weitere Ziele der Behandlung?
Therapeut und Patient planen gemeinsam eine individuell ausgerichtete psychologische Behandlung bzw. Psychotherapie, die je nach Erfordernis die im Folgenden angeführten Bestandteile umfasst:
· Klärung der Therapieziele. Anstelle globaler, unklarer und unrealistischer Therapieziele („Am besten wieder ganz gesund werden und so sein wie früher“) müssen konkrete, erreichbare und überprüfbare Ziele entwickelt werden („Mit den Schmerzen besser umgehen lernen“). Größere Ziele müssen in kleinere Teilziele zerlegt werden, um Erfolgserlebnisse zu garantieren und die Hoffnung auf weitere Veränderungen zu verstärken.
· Informationsphase. Die Betroffenen, die gewöhnlich kein Verständnis für die Körper-Seele-Zusammenhänge haben und somit kein plausibles und hilfreiches Störungsmodell kennen, müssen ein adäquates biopsychosoziales Krankheitsverständnis erlangen, um an der Gesundung aktiv mitwirken zu können. Die Erkenntnis, seine Symptome beeinflussen zu können, stärkt das Vertrauen des Patienten in die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Durch eine umfassende Aufklärung (Psychoedukation) über alle möglichen Aspekte der jeweiligen Störung soll aus einem „Leidenden“ ein aktiv Handelnder werden, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und nicht passiv auf rein organmedizinische Interventionen wartet.
· Selbstbeobachtungsbögen und Symptomtagebücher. Zur besseren Einsicht in die Zusammenhänge zwischen den aktuellen Symptomen und den eigenen Gefühlen, Denk- und Verhaltensmustern sowie den psychosozialen Lebensbedingungen sollen die Betroffenen Symptombeobachtungsbögen und Symptomtagebücher führen.
· Kognitive Therapie. Im Mittelpunkt der kognitiven Verfahren steht die Analyse und Veränderung von Gedanken und Überzeugungen bezüglich der Ursachen, Bewältigungsmöglichkeiten und Folgen von Symptomen. Eine Veränderung der Ursachenzuschreibungen, das heißt eine Umbewertung der jeweiligen Symptome von einem organmedizinischen Erklärungsmodell zu einem psychophysiologischen Störungsmodell, ist von entscheidender Bedeutung für die Mitarbeit des Patienten in der Therapie. Annahmen wie „Gleich falle ich bewusstlos um“ verlieren durch alternative Erklärungen („Meine Nackenmuskulatur ist ganz verspannt“) ihre Angst machende Wirkung. Wichtig ist auch die Erarbeitung eines realistischen Gesundheitsbegriffs. Nach der Erfassung der zentralen Glaubenssätze hinsichtlich Gesundheit sollen adäquatere/realistischere Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit entwickelt werden.
· Verhaltensexperimente. Vor allem somatoforme Patienten mit hypochondrischen Tendenzen müssen durch verschiedene Provokationsübungen (z.B. rasche Bewegungen oder Hyperventilation) unbedenkliche Körpermissempfindungen wie etwa Herzrasen, Atemnot oder Schwindel besser tolerieren lernen.
· Körpertherapie. Körpertherapeutische Verfahren wie etwa Feldenkrais-Methode, Konzentrative Bewegungstherapie, Bioenergetik, Gestalttherapie oder Physiotherapie ermöglichen eine verbesserte Wahrnehmung und Kontrolle des Körpers.
· Entspannungstherapie. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedbackverfahren, Selbsthypnose, Imaginationstechniken, Meditation, Atemtechniken und Körperwahrnehmungsübungen ermöglichen mehr innere Ruhe und Entspannung.
· Aktivitätsaufbau und Abbau von Schonverhalten. Eine stufenweise Aktivierung soll die körperliche Fitness steigern, das körperliche Selbstbewusstsein stärken und die häufigen Vermeidungsreaktionen vermindern.
· Besserer Umgang mit Stress. Ein Stressbewältigungstraining dient der Vorbeugung zukünftiger Überforderungsgefühlen und Resignationstendenzen.
· Adäquater Umgang mit Emotionen. Die bessere Wahrnehmung und der adäquate Ausdruck von Gefühlen (z.B. Hilflosigkeit, Lustlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit, Enttäuschung, Wut, Ärger, Ekel, Einsamkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit) wird durch ein Emotionstraining eingeübt.
· Konfliktorientierte Therapie. Somatoforme Symptome und psychosomatische Störungen im engeren Sinne werden oft durch bestimmte innere Konflikte wie etwa einander widersprechende Wünsche und Bedürfnisse ausgelöst oder verstärkt, sodass durch eine entsprechende Bearbeitung eine Beseitigung des Konfliktdrucks erreicht werden kann.
· Traumatherapie. Viele Patientinnen mit somatoformen und psychosomatischen Störungen sind Opfer sexueller und/oder körperlicher Gewalt im Kindes-, Jugend- oder Erwachsenenalter und benötigen eine spezielle Therapie zur besseren Verarbeitung ihrer traumatisierenden Erlebnisse.
· Verbesserung der Selbstsicherheit. Ein soziales Kompetenztraining soll eine bessere Durchsetzungsfähigkeit in Sozialkontakten ermöglichen und das durch die Krankheit häufig beeinträchtigte Selbstwertgefühl wieder aufbauen helfen.
· Bewältigung familiärer Probleme (Partner- oder Familientherapie). Eine familien- oder paarbezogene Therapie kann zentrale Ursachen oder negative Folgen der jeweiligen Störung beseitigen helfen.
· Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität. Zielführende Strategien (z.B. verstärkte Beschäftigung mit Hobbys, Aktivierung früherer Interessen, Aufbau eines Freundeskreises) sollen das körperliche und seelische Wohlbefinden erhöhen.
· Maßnahmen in Bezug auf den Beruf. Rehabilitative Maßnahmen zur Steigerung der beruflichen Leistungsfähigkeit sollen bei Bedarf den beruflichen Wiedereinstieg erleichtern.
·
Maßnahmen zur Rückfallprophylaxe. Die
Patienten sollen auf eine ausgewogene
Lebensführung achten, um eine Rückkehr oder eine Verschlechterung der
Symptome zu verhindern.
Psychosomatische
Störungen werden durch eine klinisch-psychologische Behandlung und eine
Psychotherapie in Zusammenarbeit mit Ärzten angemessen behandelt. In
Deutschland sind drei so genannte Richtlinienverfahren zugelassen, die von den
Krankenkassen finanziert werden: Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und tiefenpsychologisch
fundierte Psychotherapie. In Österreich sind dagegen 18 Psychotherapiemethoden
staatlich anerkannt.
TEIL
2: DIE VIELEN GESICHTER DER PSYCHOSOMATISCHEN
STÖRUNGEN
„Der Körper ist
der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.“
Christian Morgenstern
Im Mittelpunkt des
Buches steht die Beschreibung zahlreicher somatoformer und psychosomatischer
Störungen im engeren Sinne, differenziert nach verschiedenen Organbereichen
(Herz, Blutdruck, Atmung, Magen, Darm, Blase, Haut, Frauenorgane, Ohren, Hals,
Nase, Stimme, Augen, Zähne, Bewegungsapparat), sowie die Präsentation der
organübergreifenden Schmerzstörungen. Dabei wird auch auf psychosomatische
Erklärungsmodelle und Behandlungsansätze Bezug genommen.
Die Darstellung
folgt einem einheitlichen Schema:
·
anschauliches Beispiel
für den jeweiligen Bereich,
·
allgemeine Hinweise
auf Körper-Seele-Zusammenhänge,
·
funktionelle Störungen
(somatoforme und dissoziative Störungen),
·
organisch fundierte
Störungen (psychosomatische Störungen im engeren Sinne und somatopsychische Störungen),
·
psychosomatische
Konzepte (psychologische Faktoren, therapeutische Strategien).
Wenn sich alles um das Herz dreht
„Gib Worte
deinem Schmerz: Gram, der nicht spricht, presst das beladene Herz, bis dass es
bricht.“
William Shakespeare,
Macbeth
Herzphobie – Todesangst trotz gesunden Herzens
Herr Weber ist
Elektroinstallateur auf Montage, 36 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder.
Seit sieben Jahren leidet er unter Schmerzen im Herzbereich, ohne dass eine
organische Ursache gefunden werden kann. Vor allem das Herzrasen, Herzklopfen
und die Herzrhythmusstörungen interpretiert Herr Müller als nahen Herzinfarkt.
Die Symptomatik trat erstmals zwei Monate nach dem plötzlichen Herztod seines
Vaters auf. Ein Onkel hat bereits zwei Bypass-Operationen hinter sich, der
Bruder leidet unter Bluthochdruck und muss Medikamente nehmen. Herr Weber
fürchtet sich vor einem ähnlichen Schicksal und lässt etliche Untersuchungen in
verschiedenen Krankenhäusern vornehmen – inklusive einer an sich unnötigen Herzkatheter-Untersuchung,
die auf seinen drängenden Wunsch hin durchgeführt wird. Herr Weber spürt auch
einen ökonomischen Druck, weil das neue Haus noch zurückgezahlt werden muss.
Die Entscheidung, auf lukrative Montage zu gehen, war letztlich eine Geldfrage –
mit dem hohen Preis der Entfremdung von seiner Frau. Diese geht in seiner
häufigen Abwesenheit gerne mit Freundinnen fort, sodass er befürchtet, sie
könnte sich in einen anderen Mann verlieben. Er selbst hat durch seinen Beruf
genug Möglichkeiten, andere Frauen näher kennen zu lernen, wagt dies aber trotz
seines Verlangens nicht aus Angst, dass seine Ehe dann endgültig scheitern
könnte. Seit einem „Herzanfall“ mit Todesangst in einem Hotel im Ausland hat er
Schwierigkeiten, auswärts allein zu übernachten, was allmählich zu Problemen
mit seinem Chef führt. Ein längerer Krankenstand bringt eine rasche Besserung,
wohl durch das ständige Zusammensein mit seiner Frau; bei Wiederaufnahme der
Berufstätigkeit setzen die Herzbeschwerden jedoch umso heftiger ein, sodass
sein Hausarzt eine Überweisung an einen psychologischen Psychotherapeuten
vornimmt.
„Etwas auf dem Herzen haben“: Herz und Psyche
Das Herz – ein
etwa faustgroßer Hohlmuskel mit vier Hohlräumen – ist von der körperlichen
Funktion her eine Saug-Druck-Pumpe mit zwei hintereinander geschalteten
Pumpsystemen, die den Blutkreislauf regulieren. Es besteht aus zwei Herzkammern
(Ventrikeln) und ihren Vorhöfen. Je ein Vorhof und eine Kammer bilden zusammen
ein Pumpsystem. Der rechte Vorhof saugt das verbrauchte Blut aus den Venen an
und befördert es über die rechte Herzkammer in den Lungenkreislauf, wo es in
den Lungenbläschen mit Sauerstoff angereicht wird. Von der Lunge gelangt das
Blut in den linken Vorhof, die linke Kammer pumpt das Blut dann mit großer Kraft
in die Hauptschlagader (Aorta), von wo es durch die Arterien und Arteriolen in
den Körper weitergeleitet wird. Der Herzmuskel wird durch drei große
Koronararterien versorgt, die an der Wurzel der Aorta entspringen und sich dann
in kleinere Gefäße verzweigen, die sich netzförmig im Herzmuskel verteilen.
Das Herz pumpt
das Blut über die arteriellen Gefäße in den Körper und erhält das Blut über die
venösen Gefäße. Die arteriellen Gefäße werden von der Aorta ausgehend immer
dünner. Über die feinsten Blutgefäße, die Kapillargefäße, wird der Körper mit
Sauerstoff, Nährstoffen, Abwehrzellen, Hormonen und anderen lebenswichtigen
Stoffen versorgt, gleichzeitig werden von dort aus auch die Abbaustoffe wie
etwa Kohlendioxid abtransportiert. Pro Minute werden 4 bis 5 Liter Blut durch
den Körper gepumpt. In Ruhe schlägt das Herz langsamer (bis zu 60mal pro
Minute), bei körperlicher oder seelischer Belastung schneller (bis zu 180mal
pro Minute).
Jeder
Herzschlag besteht aus einer Füllungsphase (Diastole), in der das Blut
aufgenommen wird, und einer Austreibungsphase (Systole), in der das Blut
ausgepumpt wird. Herzklappen, die sich abwechselnd öffnen und schließen,
verhindern, dass das Blut vom Kreislauf in die Kammern und von dort in die
Vorhöfe zurückfließen kann. Der Herzrhythmus wird durch den Sinusknoten am
Anfang des linken Vorhofs reguliert. Der Sinusknoten wird durch das vegetative
Nervensystem beeinflusst: Das sympathische Nervensystem beschleunigt, das
parasympathische Nervensystem verlangsamt den Herzschlag.
Das Herz ist
nicht nur körperlich, sondern auch emotional das Zentrum unseres Körpers. Es
gilt als der Sitz unserer stärksten Gefühle – der Sitz der Liebe, des Mitgefühls
und der Warmherzigkeit. Das Herz wurde seit Jahrtausenden als der Motor des
Lebens und im Altertum und in anderen Kulturen auch als der Sitz der Seele bzw.
des Bewusstseins angesehen. Das Herz ist das
psychosomatische Organ schlechthin.
Die emotionale Bedeutung des Herzens kommt in vielen Redewendungen zum
Ausdruck – hier eine Auswahl: Wir können herzlich, warmherzig, kaltherzig,
weichherzig, hartherzig, offenherzig, halbherzig, leichtherzig oder herzlos
sein. Es kann uns leicht, schwer oder warm ums Herz werden. Unser Herz kann
verhärtet, verschlossen oder für jemanden offen sein. Es kann verschenkt,
gebrochen, gestohlen, verloren oder im Sturm erobert werden. Wir machen etwas
aus vollem Herzen, aber auch weil wir ein gutes Herz haben, unser Herz am
rechten Fleck haben, uns etwas zu Herzen nehmen oder uns etwas am Herzen liegt.
Wir haben jemanden von Herzen gern, schließen ihn in unser Herz, sind mit ihm
ein Herz und eine Seele oder schütten ihm unser Herz aus. Manchmal fassen wir
uns ein Herz, bringen wir etwas nicht übers Herz, haben wir etwas auf dem
Herzen, machen wir unserem Herzen Luft, fällt uns ein Stein von Herzen, lässt
jemand unser Herz höher schlagen oder tut uns das Herz weh. Unser Herz schlägt
vor Aufregung bis zum Hals, bleibt vor Schreck fast stehen, rutscht uns vor
Angst in die Hose, zieht sich aus Beklemmung zusammen, verkrampft sich aus
Anspannung, zerspringt vor Glück, zerreißt fast aus Mitleid oder bricht vor
Schmerz.
Was geschieht
nun aber tatsächlich bei sehr starken Emotionen? Jede körperliche oder
seelische Belastung erhöht grundsätzlich die Aktivität des Herzens. Bei Stress,
Erregung, Ärger, Wut und Angst wird durch das sympathische Nervensystem der
Herzschlag beschleunigt, die Pumpleistung des Herzens erhöht, die
Herzkrankgefäße erweitern sich, der Blutkreislauf steigt. Subjektiv wird dies
als starkes Herzklopfen, Herzrasen oder Herzstolpern, Stechen, Schmerzen oder
Engegefühl in der Brust erlebt.
Als Folge
dessen glauben viele, sich körperlich besonders schonen zu müssen. Die fatalen Folgen: Bald rast das Herz schon bei ganz geringer
Belastung, weil seine fehlende Kraft durch mehr Herzschläge ausgeglichen werden
muss. Ein untrainiertes Herz kann oft keinen ausreichenden Druck mehr durch die
Kraft seiner Kontraktion aufbauen und versucht dann häufig, dies durch eine
vermehrte Schlagzahl auszugleichen, damit der Körper ausreichend durchblutet
wird. Bewegung und Konditionstraining sind sehr wichtig, um Herzrasen und
Atemnot vorzubeugen und das Herz leistungsfähiger zu machen.
Funktionelle
Herzprobleme treten auch bei verschiedenen psychischen Störungen auf. Bei
Panikattacken steht mehrheitlich das als lebensbedrohlich erlebte Herzrasen im
Vordergrund. Bei Depressionen findet man häufig Herzrasen, unregelmäßigen
Herzschlag, Extrasystolen (das sind außerhalb des regulären Grundrhythmus vorzeitig
oder verspätet auftretende Herzschläge) und Schmerzen in der Herzgegend
(Stechen, Brennen, Klopfen, Druck).
Tabelle
3: Psychosomatisch relevante kardiale Störungen
|
Funktionelle Störungen |
Somatoforme
autonome Funktionsstörungen des kardiovaskulären Systems: ·
Herzphobie ·
funktionelle
Herzrhythmusstörungen |
|
Organisch fundierte Störungen |
Koronare
Herzkrankheit: ·
Angina pectoris ·
Herzinfarkt |
Funktionelle Störungen
Herzphobie
Somatoforme Herzbeschwerden
kommen bei 10 bis 25 % der Bevölkerung und bei 15 bis 20 % der Patienten in
Allgemeinarzt- und Facharztpraxen vor. Nichtorganische Missempfindungen wie
Herzklopfen, Herzstolpern, Herzrasen und Herzschmerzen verstärken die
Befürchtung, an einer Herzkrankheit zu leiden.
Die häufigste
somatoforme Störung aus dem kardiovaskulären Bereich ist eine Symptomatik, die
früher Herzphobie oder Herzneurose genannt wurde. Es handelt sich dabei um eine
ausschließlich auf das Herz zentrierte Angst, die wegen ihrer Spezifität als
Phobie bezeichnet wird. Eigentlich handelt es sich dabei um den Ausdruck großer
Krankheitsangst, die in vielen Fällen lebensgeschichtlich verständlich ist
(koronare Herzkrankheiten oder tödlicher Herzinfarkt in der Familie, Verwandtschaft
oder Bekanntschaft).
Eine Herzphobie
ist charakterisiert durch panikähnliche, somatoforme und hypochondrische
Symptome:
·
Anfallsartig
auftretende Symptome wie bei einer Panikattacke, jedoch mit dem Schwerpunkt auf
Herzsensationen: Herzrasen (bis zu 160 Herzschläge pro Minute), plötzliche
Blutdrucksteigerung (bis zu 210/110 mm Hg), unregelmäßiger Herzschlag
(Extrasystolen), Brennen und Hitzegefühle an der Herzspitze, Stiche, Schmerzen
oder Ziehen im (linken) Brustbereich.
·
Schwitzen, Hitze- oder
Kältegefühle, Hyperventilationsneigung, Atemnot, Beklemmungs- und
Erstickungsgefühle, Schwindelgefühle, Körpermissempfindungen (Parästhesien),
Übelkeit.
·
Panikartiges
Todesgefühl, bedingt durch die Symptome, die als Anzeichen einer Herzerkrankung
gewertet werden.
·
Ständige ängstliche
Konzentration auf das Herz aus Sorge, an einer bisher nicht erkannten
Herzkrankheit zu leiden, obwohl zahlreiche Untersuchungen keinen organischen
Befund erbracht haben.
·
Misstrauen in die automatische
Herzfunktion, sodass übertriebene Kontrollen erfolgen (häufiges Fühlen und
Zählen des Pulses und Messen des Blutdrucks). Die ständige Konzentration auf
das Herz führt zu einem abnormen Herzbewusstsein und verstärkt die Herzangst
bei jeder noch so kleinen Unregelmäßigkeit. Ein Teufelskreis beginnt, denn
alleine die angespannte, erhöhte selektive Aufmerksamkeit auf die Herztätigkeit
bewirkt schon eine leichte Frequenzsteigerung.
·
Hypochondrische
Ängste, sodass bereits normale körperliche Zustände als Vorzeichen eines
möglichen Herzinfarkts gewertet werden.
·
Ständiges Kreisen um
medizinische Sicherheitsmaßnahmen (Aufenthalt in der Nähe von medizinischen
Einrichtungen, Information über ärztliche Notdienstregelungen).
·
Ausgeprägte
Schonhaltung, um das Herz nicht zu sehr zu belasten. Herzphobiker schonen sich
mehr, als selbst Patienten nach einem Herzinfarkt zur Schonung geraten wird.
·
Einbeziehung der
Familienmitglieder in die Herzängste und die krankheitsbezogene Lebensweise,
sodass die Wohnung wie ein Sanatorium wirkt. Achtung: Die Angehörigen
verstärken die Krankheitsfixierung, wenn sie ein derartiges Schonklima fördern.
·
Klammern an die
engsten Familienmitglieder, vor allem an den Partner, der oft Sicherheit und
Geborgenheit in einem Leben vermitteln soll, das häufig von frühen
Verlusterlebnissen geprägt ist. Herzphobiker neigen zu symbiotischen
Beziehungsmustern und erleben jede Verunsicherung in der Partnerbeziehung mit
starken Ängsten.
·
Häufiges Aufsuchen von
Internisten und nicht von Psychiatern und Psychotherapeuten, weil sich die
Betroffenen ja körperlich und nicht psychisch krank fühlen.
Je nach Art und Intensität der herzbezogenen Ängste kann man drei Gruppen von Herzphobikern unterscheiden:
·
Herztod-Phobiker. Sie
erleben Panikattacken und eine Angstüberflutung.
·
Herztod-Hypochonder. Sie erleben keine
Angstausbrüche, sondern leiden unter der subjektiven Gewissheit, einen Herztod
zu erleiden. Die Mitteilung, dass das Herz gesund ist, wirkt nicht beruhigend.
Wegen der Angst vor einem Herztod werden häufige Herzuntersuchungen gewünscht.
·
Herz-Hypochonder. Sie
sorgen sich ständig um ihr Herz, haben aber keine Todesangst.
Funktionelle Herzrhythmusstörung
Nichtorganische
Herzrhythmusstörungen sind die zweithäufigste somatoforme Symptomatik im Herzbereich.
Dabei wird durch Stresshormone die normale Automatik des Sinusknotens so
verändert, dass Symptome wie Herzklopfen, -stolpern und -rasen oder Aussetzen
des Pulses auftreten. Wenn diese als gefährlich interpretiert werden,
entwickeln sich oft Panikattacken. Bei diesen dominiert dann wie bei einer
Herzphobie die Angst vor einem Herzinfarkt und zwar auch nach erfolgter organmedizinischer
Abklärung.
Die beiden
wichtigsten Funktionsstörungen sind Störungen der Herzfrequenz (Tachykardie:
mehr als 100 Schläge pro Minute, Bradykardie: weniger als 60 Schläge pro
Minute) und unregelmäßiger Herzschlag. Es handelt sich dabei um eine
ungefährliche supraventrikuläre Arhythmie im Gegensatz zu einer gefährlichen
ventrikulären Arhythmie, die von den Herzkammern ausgeht und zu schweren
Komplikationen bis hin zu plötzlichem Herztod führen kann.
Nichtorganische
Extrasystolen sind Herzschläge „außer der Reihe“ und entstehen bei raschem Umschalten auf Beschleunigung oder
Verlangsamung der Herzschläge. Nach raschen Herzschlägen macht das Herz eine
von vielen Menschen als beängstigend erlebte kurze Pause, um den Rhythmus
wiederherzustellen. Dies ist eine völlig normale, ungefährliche Reaktion! Zur
Unterscheidung zwischen gefährlichen und ungefährlichen Herzrhythmusstörungen
ist jedoch immer eine genaue medizinische Untersuchung erforderlich.
Stress,
Erregung und Angst können zu einer nervös bedingten Verkrampfung der
Herzkranzgefäße führen („spastische
Angina pectoris“ infolge spastischer Verengung); mangelnde Durchblutung und
Sauerstoffversorgung des Herzens sind die Folge, oft verbunden mit
ausstrahlenden Schmerzen vorwiegend in den linken Arm und Herzinfarktängsten.
Es treten dann ähnlich massive und beängstigende Schmerzen auf wie bei einer
Angina pectoris. Im Gegensatz dazu sind diese jedoch vorübergehend, weil sie
rein „nervös“ bedingt sind.
Organische Störungen
Organische
Störungen treten dann auf, wenn es zu einem Missverhältnis zwischen Blut- und Sauerstoffbedarf
im Herzmuskel und dem entsprechenden Angebot durch die Herzkranzgefäße kommt.
Koronare Herzkrankheiten beruhen auf einer Arteriosklerose (Verkalkung) des
arteriellen Gefäßsystems. Dadurch werden die Gefäße immer weniger elastisch,
das Gefäßvolumen wird eingeschränkt und die Herzkranzgefäße können nicht mehr
das leisten, was nötig wäre (Koronarinsuffizienz). Das Herz bekommt weniger
Sauerstoff, als es braucht. Die Folgen: Angina pectoris, Herzrhythmusstörungen
und Herzinfarkt. Arteriosklerotische Gefäßveränderungen sind auch die Basis für
einen Schlaganfall oder eine Thrombose, meistens in den Beinen.
Als Risikofaktoren erster Ordnung für eine arteriosklerotische
Gefäßverengung gelten vermehrte Lipoproteine im Blut (insbesondere zu viel Cholesterin
in Form eines erhöhten LDL-Cholesterin-Spiegels), Bluthochdruck (arterielle
Hypertonie), Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und Rauchen. Als von den
Lebensgewohnheiten unabhängige Risikofaktoren gelten männliches Geschlecht,
höheres Alter und familiäre Belastung. Als Risikofaktoren zweiter Ordnung
gelten ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Übergewicht, Bewegungsmangel, erhöhte
Harnsäurekonzentration im Blut, Veränderungen von Blutplättcheneigenschaften
sowie Stress in Form bestimmter psychosozialer Faktoren (emotionale Probleme,
berufliche Überbeanspruchung, lebensverändernde Umstände, mangelnde soziale
Unterstützung, ungünstige sozioökonomische Bedingungen).
Angina pectoris
Die Angina
pectoris (auf Deutsch: „Enge der Brust“) ist die häufigste, aber nicht zwingend
bei einer koronaren Herzkrankheit auftretende Symptomatik. Sie besteht in der
Verengung einer Koronararterie, und damit ist die Durchblutung vermindert. Sie
wird dann als stabile Angina pectoris bezeichnet, wenn die Symptome konstant unter
körperlicher und psychischer Belastung auftreten. Die Betroffenen spüren dabei
anfallsartig auftretende, drückende, hinter dem Brustbein liegende Schmerzen,
die meistens in die linke Brust und den linken Arm ziehen, aber auch in die
obere Brust, den Hals, die Schultern, den Rücken oder den Oberbauch ausstrahlen
können. Die Schmerzen werden als enormer Druck auf der Brust, als beklemmendes,
schmerzendes, brennendes Gefühl beschrieben. Bei schweren Anfällen treten auch
Kollapszustände auf, verbunden mit Übelkeit, Atemnot, Schwitzen und
Angstgefühlen. Die Brustschmerzen
dauern gewöhnlich nur einige Minuten an und bessern sich durch Schonung, Ruhe,
Entspannung und Medikamente.
Bei einer instabilen Angina pectoris treten die Symptome in Ruhe oder bei
geringer Belastung auf, und zwar immer länger und intensiver. Wegen der
drohenden Herzinfarktgefahr ist sofortiger Handlungsbedarf gegeben. Eine
koronare Herzkrankheit kann oft schon aus der typischen Symptomatik der
belastungsabhängigen Angina pectoris vermutet werden und wird durch ein
Belastungs-EKG sicher abgegrenzt gegenüber funktionellen Herzbeschwerden oder
Schmerzen, die von der Wirbelsäule ausgehen. Bei bereits verengten
Herzkranzgefäßen kann Stress zu einer vorübergehenden Minderdurchblutung und
damit zu Brustschmerzsymptomen führen. In psychosomatischer Hinsicht ist
bedeutsam, dass vor allem intensive Emotionen wie Wut und Ärger bei vorhandener
Erkrankung die Symptomatik einer Angina pectoris provozieren können.
Herzinfarkt
Herzinfarkt ist
die häufigste einzelne Todesursache. Die Herzinfarktrate ist in den westlichen
Industrienationen aufgrund der verbesserten Akutbehandlung und Vorsorgemedizin
zurückgegangen, die Zahl der Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit ist
jedoch angestiegen. Ein Herzinfarkt besteht im Verschluss eines Herzkranzgefäßes
durch ein Blutgerinnsel, wodurch das dahinter liegende Gewebe kein Blut und
keinen Sauerstoff mehr erhält und die Stoffwechselabbauprodukte nicht entfernt
werden, sodass es nach wenigen Sekunden abstirbt. Ist ein großes Blutgefäß und
damit ein großer Herzbereich vom Infarkt betroffen, kommt es zum sofortigen
Tod, ansonsten tritt eine Angina pectoris auf mit heftigen Schmerzen hinter dem
Brustbein, oft ausstrahlend in den linken Arm, mit Blutdruck- und Pulsabfall,
kaltem Schweiß und schwerer Atemnot. Ist nur ein sehr kleiner Herzbereich
betroffen, bleibt der Infarkt fast unbemerkt („stummer Infarkt“ mit kurzen
Brustschmerzen und eher uncharakteristischen Beschwerden). Die Mehrzahl der
Herzinfarkt-Patienten erlebt einen Herzinfarkt wie einen „Blitz aus heiterem
Himmel“ und übersieht lange Zeit alle warnenden Vorzeichen. Voraussetzung für
einen Herzinfarkt sind Mikroverletzungen der innersten Blutgefäßschicht.
Ablagerungen (Plaques), die durch einen vielschichtigen und lang dauernden
Prozess entstanden sind und den Gefäßdurchmesser verengt haben, können durch
eine erhöhte Gefäßwandspannung oder gefäßverengende Prozesse einreißen und das
Gefäß verstopfen.
Psychosomatische Konzepte