Klinischer und Gesundheitspsychologe
Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)
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PSYCHOSOMATIK
Die folgende allgemein verständliche Einführung in die
Psychosomatik, die sich erst in Ausarbeitung befindet, beruht auf einer
Vermischung und Erweiterung der Texte aus zwei von mir verfassten
Psychosomatik-Büchern:
Wenn die Seele durch den Körper spricht. Psychosomatische
Störungen verstehen und heilen (Walter-Verlag, Düsseldorf)
Somatoforme Störungen. Diagnostik, Konzepte und Therapie
bei Körpersymptomen ohne Organbefund (Springer, Wien)
Einleitung
Bei einem
Viertel aller Patienten werden keine oder keine ausreichenden organischen
Ursachen gefunden – trotz modernster Hightech-Medizin und ausführlichster Untersuchungen.
Viele Betroffene können die Diagnose „ohne Befund“ (o.B.) einfach nicht glauben
und entwickeln einen regelrechten „Ärzte-Tourismus“, der in der Fachsprache
„Doctor-Shopping“ genannt wird. Diese Menschen sind oft tief verzweifelt,
fühlen sich von den Ärzten nicht verstanden oder gar als Simulanten abgestempelt.
Bei zahlreichen anderen Patienten wurzeln die körperlichen Beschwerden sehr
wohl in organischen Ursachen; zudem wirken aber auch psychische und soziale
Faktoren und beeinflussen die Krankheitsentwicklung sehr ungünstig.
In beiden
Fällen besteht ein enges Zusammenspiel von körperlichen und psychischen
Faktoren. Ein Denken in Körper-Seele-Zusammenhängen ist in der Medizin sowohl
angesichts des großen individuellen Leidensdrucks als auch hinsichtlich der
hohen volkswirtschaftlichen Kosten psychosomatischer Leidenszustände unbedingt
erforderlich.
Immer mehr Menschen
suchen nach einer ganzheitlichen Erklärung und Behandlung ihrer Beschwerden und
wünschen sich sehnlich eine Medizin, die auch die seelischen Aspekte stärker
berücksichtigt. Dies zeigt sich auch in der Nachfrage nach entsprechender
Literatur. Der Markt wird von einer umfangreichen Populärliteratur dominiert,
die als Mischung aus Esoterik, positivem Denken und Psychologismus bezeichnet
werden kann und das Psychosomatik-Verständnis des deutschen Durchschnittslesers
stark geprägt hat. Angesichts der in der klinischen Alltagspraxis leider oft
noch immer dominierenden „Medizin ohne Seele“ entsprechen diese Bücher zwar dem
Bedürfnis vieler Menschen nach einer humanen Medizin, sie vermitteln jedoch
eine andere extreme Betrachtungsweise, nämlich eine „Seele ohne Körper“.
Diese
Darstellung positioniert sich ganz bewusst „in der Mitte“ und möchte eine
umfassendere, komplexere Sichtweise psychosomatischer Störungen vermitteln: auf
der Basis eines biopsychosozialen Krankheitsverständnisses, das körperliche
Störungen als komplexes Geschehen mit psychischen, psychosozialen und biologischen
Komponenten versteht.
Ziel ist eine
im besten Sinne populäre, leicht verständliche und gleichzeitig seriöse
Darstellung der Psychosomatik. Im
Mittelpunkt stehen die körperlichen Störungen ohne organische Ursachen
(somatoforme und dissoziative Störungen) und die körperlichen Störungen mit
psychologischen Faktoren und Verhaltenseinflüssen (psychosomatische Störungen
im engeren Sinne).
Das Buch
richtet sich an alle Betroffenen, deren Angehörige, aber auch an Ärzte,
Psychologen, Psychotherapeuten und die ganze interessierte Öffentlichkeit. Vor
allem jedoch soll es Menschen mit psychosomatischen Störungen eine
Hilfestellung beim ersten Schritt zur Heilung bieten, nämlich sich selbst
besser zu verstehen.
TEIL1: GRUNDLAGEN DER PSYCHOSOMATIK
Psychosomatik im
Wandel der Zeit: von der Antike bis zur Gegenwart
Psychosomatik
und Verhaltensmedizin – zwei unterschiedliche Sichtweisen derselben Thematik
Das weite Feld der
Psychosomatik
Befindlichkeitsstörungen
Funktionelle Störungen
Psychosomatische Störungen im engeren Sinne
Somatopsychische Erkrankungen
Zentrale Aspekte der Psychosomatik
Biologische Aspekte
Psychologische Aspekte
Therapeutische Aspekte
TEIL 2: DIE VIELEN GESICHTER DER PSYCHOSOMATISCHEN
STÖRUNGEN
Wenn sich alles um
das Herz dreht
Herzphobie – Todesangst trotz gesunden Herzens
„Etwas auf dem Herzen haben“: Herz und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Blutdruck
entgleist
Psychogener Bluthochdruck – aus dem Lot durch Stress und Ärger
„Auf 180 sein“: Blutdruck und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Atem stockt
Hyperventilation – Atemnot durch zu viel Atmen
„Vor Wut schnauben“: Atmung und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Magen
rebelliert
Reizmagen – der Bauch in Aufruhr
„Eine Wut im Bauch haben“: Magen und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Darm streikt
Reizdarm – die gestörte Verdauung
„Schiss haben“: Darm und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Blase Druck
macht
Reizblase – der ständige Drang zum Toilettenbesuch
„Sich vor Angst in die Hose machen“: Blase und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Haut juckt
Neurodermitis – Kratzen macht alles noch ärger
„Sich in seiner Haut nicht wohl fühlen“: Haut und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn Frauen
spezifische Beschwerden haben
Chronische Unterleibsbeschwerden – kaum Linderung durch Operationen
„Sei nicht so hysterisch“: Frauenbeschwerden und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Ohren
dröhnen
Tinnitus – Disco im Ohr
„Sich taub stellen“: Ohren und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn Hals, Nase oder
Stimme leiden
Globusgefühl – ständiges Engegefühl im Hals
„Etwas schnürt die Kehle zu“: Hals, Nase, Stimme und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn der Stress ins
Auge geht
Verminderte Sehleistung – trüber Blick durch Verspannung und Depression
„Die Augen vor etwas verschließen“: Augen und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Zähne
knirschen
Bruxismus – der nächtliche Horror
„Sich die Zähne ausbeißen“: Zähne und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn die Bewegung
gestört ist
Schwankschwindel – ständige Angst vor dem Umfallen
„Den Halt verlieren“: Bewegung und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Wenn Schmerzen den
Körper plagen
Chronische Rückenschmerzen – das Kreuz mit dem Kreuz
„Das schmerzt mich sehr“: Schmerzen und Psyche
Funktionelle Störungen
Organische Störungen
Psychosomatische Konzepte
Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis
TEIL1: GRUNDLAGEN DER PSYCHOSOMATIK
Psychosomatik im Wandel der Zeit: von der Antike bis zur
Gegenwart
„Willst du den Körper
heilen, musst du zuerst die Seele heilen.“
Platon
Das Wort
„Psychosomatik“ ist zusammengesetzt aus den zwei griechischen Worten psyche = Seele und soma = Körper und bezeichnet das Wechselspiel zwischen körperlichen und
seelischen Vorgängen. Eine psychosomatische Reaktionsweise ist durchaus eine
gesunde Form des Erlebens, denn jedes Gefühl führt zu körperlichen Reaktionen
und jede körperliche Reaktion löst bestimmte Gefühle aus.
Mit den
Bezeichnungen „psychosomatische Krankheiten“ und „Psychosomatosen“ ist dagegen
eine pathologische Form von Körper-Seele-Beziehung gemeint, nämlich das
Zusammenwirken körperlicher und psychischer Faktoren für Entstehung und Verlauf
von Krankheiten. Psychosomatik bedeutet nicht, den körperlichen Faktoren
weniger, sondern den seelischen Faktoren mehr Bedeutung zu geben!
Es ist eine
alte Volksweisheit, dass Emotionen den Körper stark beeinflussen können. Der
enge Körper-Seele-Zusammenhang spiegelt sich auch in der Sprache wider: „Das
Herz schlägt mir bis zum Hals“, „Da bleibt mir die Luft weg“, „Mein Hals ist
wie zugeschnürt“, „Ich habe eine Wut im Bauch“ sind nur einige Beispiele dafür.
Im Wort Emotion
steckt das lateinische Wort motio, das „Bewegung“ bedeutet. Gefühle bewegen uns nicht nur innerlich, sondern
aktivieren auch unseren Körper und versetzen ihn in Anspannung. Ein Beispiel:
Angst. Das Wort „Angst“ geht zurück auf das lateinische Wort angustiae, das Enge oder Beklemmung bedeutet.
Schon unsere Vorfahren verstanden Angst als eine körperliche Reaktion, die die
Kehle zuschnürt, das Herz bedrängt und die Brust so einschnürt, dass die Luft
wegbleibt.
Bereits der
altgriechische Arzt Hippokrates glaubte, dass Gefühle ein Organ beherrschen könnten: Bei Ärger kontrahiere
sich das Herz und bei Freude erweitere es sich. Spekulationen über
Körper-Seele-Zusammenhänge und dem damaligen Wissen entsprechende
Behandlungsüberlegungen wurden bereits in der Antike angestellt.
Der griechische
Philosoph Platon lässt Sokrates im Dialog zu einem jungen Mann mit Kopfschmerzen sagen: „Wenn es den Augen
wieder gut gehen solle, muss der ganze Kopf und wenn es dem Kopf wieder gut
gehen solle, muss der ganze Leib und wenn es dem gesamten Menschen wieder gut
gehen solle, so muss auch die Seele behandelt werden.“ Durch bestimmte
Heilsprüche im Sinne „guter Reden“ sollten seelische Ausgeglichenheit und
Harmonie erreicht werden.
In der Medizin
der griechischen Antike wurden körperliche und psychische Faktoren
gleichermaßen berücksichtigt, im Mittelalter dagegen vertrat die Kirche die
strikte Trennung von Leib und Seele, und im 17. Jahrhundert begründete der
französische Philosoph René Descartes jenen wissenschaftlichen Dualismus von Leib und Seele, dessen unheilvolle
Auswirkungen bis in die jüngste Vergangenheit festzustellen sind. Er löste zwar
die Wissenschaft aus ihrer unglücklichen theologischen Umarmung und ermöglichte
dadurch die wissenschaftliche Erforschung des Menschen, er förderte damit jedoch
in der Medizin ein rein reduktionistisches und mechanistisches Verständnis des
Menschen als Körper ohne Seele.
Im 19.
Jahrhundert setzte sich diese einseitige Betonung körperlicher Faktoren fort –
auch eine Folge der großen Fortschritte in der Medizin. Erst zu Beginn des 20.
Jahrhunderts entstand eine Gegenbewegung, ausgelöst durch die aufkommende
Psychoanalyse. Die moderne Psychosomatik wurzelt in den Arbeiten von Sigmund Freud und seinen Schülern, durch die
eindrucksvoll die Bedeutung der Psyche für die Entwicklung körperlicher
Störungen aufgezeigt wurde. Mit dem Modell der Konversion sollte dargelegt
werden, wie psychische Konflikte in körperliche Symptome „konvertiert“ werden
können. Davon abgesehen hat Freud jedoch keine speziellen Theorien und Behandlungskonzepte
zur Psychosomatik entwickelt.
Die historisch
bedeutsamste psychoanalytische Konzeption psychosomatischer Störungen stammt
von dem nach Chicago emigrierten deutschen Internisten und Psychoanalytiker Franz Alexander, der 1950 sein epochales Werk Psychosomatische Medizin veröffentlichte. Er
beschreibt darin die so genannten „heiligen sieben“
psychosomatischen Erkrankungen mit einer angeblich
krankheitsspezifischen Psychodynamik: peptisches Geschwür (Ulcus pepticum),
Asthma bronchiale, Bluthochdruck (Hypertonie), rheumatoide Arthritis, Migräne,
Colitis ulcerosa, Neurodermitis.
Schon Alexander
hielt interessanterweise den Begriff der psychosomatischen Krankheit als
spezifische diagnostische Einheit für wertlos und verstand die Psychosomatik
als Methode des Vorgehens; er förderte jedoch durch seine Arbeit die
Entwicklung der Psychosomatik als eigenständige Disziplin in der Medizin. Seine
Theorie in aller Kürze: Bestimmte körperliche Störungen entstehen durch einen
spezifischen, weitgehend unbewussten psychischen Konflikt, der in einem
Widerspruch zwischen zwei Bedürfnissen oder einem Bedürfnis und einem Verbot
besteht. So kann etwa der Wunsch nach Abhängigkeit, Anlehnung und Umsorgtsein
im Widerspruch stehen zum gleichzeitigen Bedürfnis nach Unabhängigkeit und
Selbstständigkeit. Dem Bedürfnis wird niemals nachgegeben, sodass aus der
blockierten Bedürfnishandlung und der nicht abgeführten emotionalen Spannung
eine chronische vegetative Fehlsteuerung resultiert. Wenn aggressive Impulse
nicht ausgelebt werden, kommt es durch die Daueraktivierung des sympathischen
Nervensystems zuerst etwa zu einer anhaltenden Blutdrucksteigerung und später
zur Hypertonie. Es kann daraus aber auch – je nach Veranlagung – eine Migräne
oder rheumatoide Arthritis entstehen. Wenn dagegen passiv-regressive Wünsche
nach Umsorgt- und Behütet-Werden blockiert werden, kann die damit verbundene
längere parasympathische Überaktivierung zu Störungen wie
Zwölffingerdarmgeschwür, Colitis ulcerosa oder Asthma führen.
Dieser als Spezifitätstheorie bezeichnete Ansatz von Alexander,
wonach bestimmte Krankheiten durch krankheitsspezifische Konflikte entstehen
(wenngleich nur in Zusammenhang mit einer bestimmten biologischen Veranlagung),
ist heute als überholt anzusehen und konnte durch die Forschung nicht bestätigt
werden. Die Auffassung, Patienten mit denselben körperlichen Symptomen seien
auch in seelischer Hinsicht gleich, ist ein Mythos. Eine bestimmte
psychosomatische Störung wird eben nicht durch störungsspezifische Konflikte, sondern durch völlig unterschiedliche
psychische und psychosoziale Faktoren (oft über ein geschwächtes Immunsystem)
ausgelöst, aufrechterhalten oder verschlimmert.
In ähnlicher
Weise haben auch psychosomatische Konzepte auf der Basis bestimmter Persönlichkeitstypen
Schiffbruch erlitten. Es gibt keine bestimmte Persönlichkeit des
Migränekranken, Magenkranken, Krebskranken o.ä., wenngleich diese Konzepte noch
immer nicht ganz ausgerottet sind und sich gerade in der Populärliteratur und
in der unreflektierten klinischen Praxis nach wie vor großer Beliebtheit
erfreuen. Ebenso wenig ist das beliebte psychoanalytische Erklärungsmodell
einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung
bei Patienten mit einer psychosomatischen Störung haltbar, das eine
ungebührliche Schuldzuweisung an oftmals sehr bemühte Mütter darstellt.
Es ist geradezu
eine Diskriminierung psychosomatisch Kranker, wenn diesen ohne detaillierten
Nachweis eine bestimmte ungelöste psychische Konfliktkonstellation, eine
bestimmte Persönlichkeitsstruktur oder ein bestimmtes pathologisches
Beziehungsmuster unterstellt wird. Anders formuliert: Aus dem Vorliegen einer
bestimmten organischen Krankheit (z.B. Magengeschwür) darf nicht automatisch
auf eine bestimmte psychische oder psychosoziale Problematik (z.B. „Hinunterschlucken“
von Ärger, Konflikt mit der Mutter) geschlossen werden. Dies widerspricht nicht
nur der Menschenwürde, sondern auch den wissenschaftlichen Erkenntnissen,
wonach psychosomatische Störungen sehr komplexe, multifaktorielle Erkrankungen
sind.
Es ist ein
Grundproblem einseitiger psychosomatischer Konzepte, dass ihre Vertreter bei
den Patienten immer nach jenen Ursachen suchen, die sie bereits vorher in die
psychosomatische Krankheit hineingelegt haben. Eine solche unkritische Haltung ist
problematisch, weil sie die Komplexität der Psychosomatik reduziert. In der
Psychotherapie ist es dagegen unbedingt erforderlich, bei jedem einzelnen
Patienten die störungsrelevanten individuellen Denk-, Erlebens- und
Verhaltensweisen sowie die krank machenden Lebensbedingungen herauszufinden.
Zur
Veranschaulichung sollen einige „Highlights“ simplifizierender
Psychosomatik-Konzepte der Vergangenheit erwähnt werden. Es heißt,
·
Asthma sei ein Schrei
nach der Mutter und beruhe auf einer nicht gelösten Mutterbindung,
·
Neurodermitis entstehe
durch mangelnden Hautkontakt im frühesten Kindesalter und sei durch mütterliche
Ablehnung verursacht,
·
ein Magengeschwür
entstehe aus abgewehrten bzw. nicht gewährten Bedürfnissen nach Liebe und
Zuneigung,
·
Migräne beruhe auf
einer Aggressionsunterdrückung,
·
Krebs entstehe
dadurch, dass man alles in sich hineinfresse.
Der Begriff
„psychosomatisch“ wurde früher von vielen Psychoanalytikern im Sinne eines
Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs zwischen Körper und Seele verstanden anstatt im
Sinne einer Wechselwirkung auf der Basis eines multifaktoriellen
Bedingungsgefüges. Die frühere Gleichsetzung
„psychosomatisch = psychogen“ ist falsch und hat
sich als sehr verhängnisvoll herausgestellt, weil dabei die Komplexität vieler
körperlicher Erkrankungen nicht berücksichtigt wird. Die daraus folgende
unrichtige Gleichsetzung „Psychosomatik = spezifische Psychogenese bestimmter
körperlicher Störungen“ wird zunehmend auch von Psychoanalytikern aufgegeben.
Das Fehlen
organischer Ursachen berechtigt noch nicht zur Unterstellung bestimmter
psychogener Wirkfaktoren. Anders formuliert: Die Notwendigkeit einer psychologischen
und psychotherapeutischen Behandlung ergibt sich nicht aus dem Vorliegen einer
bestimmten psychosomatischen Krankheit, sondern aus dem Nachweis bestimmter
psychologischer Faktoren und Verhaltenseinflüsse, die bei verschiedenen
körperlichen Erkrankungen in einem bestimmten zeitlichen Zusammenhang stehen,
ohne dass deswegen ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis gegeben sein muss.
1977 wurde von George Engel, einem amerikanischen Arzt und
Psychoanalytiker, das biopsychosoziale
Krankheitsmodell vorgestellt. Demnach
beeinflussen sich Körper, Psyche und soziale Umwelt wechselseitig. Dieses
ganzheitliche, integrative Krankheitsverständnis, das alle biologischen,
psychologischen und sozialen Ebenen des Erkrankungsprozesses berücksichtigt,
stellt derzeit die konzeptionelle Basis in der modernen Psychosomatik dar. Im
Einzelnen sind damit noch nicht bestimmte psychosomatische Erkrankungen erklärt,
es werden aber folgende Phänomene verständlich: Unter psychischen und
psychosozialen Extrembelastungen kann jeder Mensch körperlich erkranken;
dieselben Belastungsfaktoren können zu unterschiedlichen Erkrankungen führen;
verschiedenartige Stresssituationen können zur gleichen Krankheit führen;
bestimmte Menschen erkranken eher als andere, weil sie über unzureichende
Bewältigungsstrategien verfügen und ungünstigere Lebenssituationen vorhanden
sind.
Psychosomatik und Verhaltensmedizin – zwei unterschiedliche
Sichtweisen derselben Thematik
Der
Fachausdruck „Psychosomatik“ kann in zweifacher Bedeutung verstanden werden:
·
Psychosomatik ist eine bestimmte fachübergreifende Grundeinstellung und Sichtweise, bei der in der Diagnostik und Therapie von Krankheiten körperliche und
seelische bzw. psychosoziale Faktoren gleichermaßen berücksichtigt werden. In
diesem Sinne ist Psychosomatik ein interdisziplinärer Ansatz und nicht nur eine
bestimmte Fachdisziplin wie innere Medizin, Psychiatrie oder Chirurgie. Es gibt
demnach nicht einfach bestimmte Störungen, die als „psychosomatisch“ gelten und
die dann den Inhalt des Faches Psychosomatik darstellen würden.
Psychosomatische Aspekte können bei allen möglichen körperlichen Störungen in
den unterschiedlichsten medizinischen Fachbereichen bedeutsam sein.
·
Psychosomatik ist ein eigener klinischer Bereich und eine Forschungsrichtung, in der das Verständnis und die Behandlung der psychischen und
körperlichen Wechselwirkungen bei bestimmten Krankheiten im Mittelpunkt stehen.
In diesem Sinn erfolgt eine psychosomatische Sichtweise bzw. Therapie
verdichtet in einer bestimmten medizinischen Fachdisziplin sowie in bestimmten
Abteilungen von Krankenhäusern bzw. Universitätskliniken sowie in eigenen
psychosomatischen Kliniken.
Allgemeine
Zustimmung findet folgende Definition: Die Psychosomatik beschäftigt sich mit psychischen Ursachen, Begleit- und
Folgeerscheinungen körperlicher Störungen sowie deren Auswirkungen auf das psychosoziale
Umfeld des Patienten und auf die Beziehung zwischen Patient und Arzt bzw.
Therapeut. In Anlehnung an die Definition der psychotherapeutischen Medizin
kann Psychosomatik aber auch folgendermaßen zutreffend umschrieben werden:
Psychosomatik umfasst die Erkennung, die medizinische und psychotherapeutische
Behandlung sowie die Rehabilitation von Krankheiten und Leidenszuständen, an
deren Verursachung, Auslösung, Aufrechterhaltung, Verschlimmerung und
subjektiven Verarbeitung psychische und psychosoziale Faktoren und/oder
körperlich-seelische Wechselwirkungen beteiligt sind.
Man kann das
Feld der Psychosomatik nach vier Gesichtspunkten und Aufgabenbereichen
charakterisieren:
1.
Orientierung an den Krankheitsursachen.
Trotz der vom ersten Anschein her oft organisch anmutenden Störungen ist eine
Analyse der beteiligten psychischen und sozialen Faktoren notwendig, damit die
meist multifaktoriell bedingte Symptomatik in vollem Ausmaß erkannt wird.
2.
Orientierung an der Krankheitsverarbeitung. Die
im Verlauf einer Krankheit häufig auftretenden reaktiven psychologischen und
sozialen Probleme müssen vom Patienten aktiv bewältigt werden; das wiederum
erfordert geeignete psychologische und medizinische Maßnahmen.
3.
Orientierung am Krankheitsverhalten. Psychosomatisch
Kranke entwickeln oft bestimmte ungünstige Formen der Interaktion mit Ärzten
und Therapeuten; diese müssen ihre fachliche und menschliche Verantwortung
wahrnehmen, um die Behandlung möglichst erfolgreich zu machen.
4.
Orientierung an psychischen Begleit- oder Folgeerkrankungen. Bei vielen Krankheiten treten psychische und psychosoziale Folgezustände
auf, die die Betroffenen mithilfe ärztlicher, psychologischer und
psychotherapeutischer Unterstützung bewältigen lernen müssen.
Gegenwärtig stehen
sich im Bereich der Psychosomatik – soweit es die Psychotherapie betrifft –
zwei zentrale Sichtweisen und Behandlungsmethoden gegenüber:
·
eine primär psychoanalytisch ausgerichtete Psychosomatik, die sich in den letzten sechs Jahrzehnten entwickelt hat, und
·
eine strikt verhaltenstherapeutisch orientierte Psychosomatik, die in den letzten drei Jahrzehnten unter der Bezeichnung
„Verhaltensmedizin“ eine
herausragende Bedeutung gewonnen hat.
Verhaltensmedizin ist die Anwendung der Verhaltenstherapie auf den Bereich der Medizin.
Umfassender definiert ist Verhaltensmedizin ein interdisziplinärer (biopsychosozialer)
Ansatz, die Gesundheits- und Krankheitsmechanismen unter Berücksichtigung
psychosozialer, verhaltensbezogener und biomedizinischer Wissenschaften zu
erforschen und die empirisch geprüften Erkenntnisse und Methoden in der
Vorbeugung (Prävention), Behandlung und Rehabilitation einzusetzen. Die
Wortverbindung von „Verhalten“ und „Medizin“ verdeutlicht den Zusammenhang von
Verhalten, das besonders in der Psychologie erforscht wird, und von
körperlichen Prozessen, die vorwiegend in der Medizin untersucht werden, und
unterstreicht die biopsychosoziale Grundkonzeption der Verhaltensmedizin.
Im Gegensatz zu
einer psychoanalytisch verstandenen Psychosomatik werden in der
Verhaltensmedizin die naturwissenschaftliche und interdisziplinäre Ausrichtung
(Einbeziehung aller relevanten Wissenschaften wie Psychologie, Medizin,
Biochemie, Soziologie u.a.), die empirisch-wissenschaftliche Überprüfbarkeit
der Zusammenhänge zwischen Verhalten/Erleben und körperlichen Erkrankungen
sowie die Bedeutung der Prävention psychosomatischer Störungen stärker betont.
Die Anfänge der Verhaltensmedizin liegen in den 70er Jahren des letzten
Jahrhunderts.
In neuerer Zeit
werden sowohl von führenden Fachleuten als auch in der klinischen Praxis
psychoanalytische und verhaltenstherapeutische Konzepte immer stärker
integriert. Dies zeigt sich vor allem auch in Büchern und Tagungen, die
zunehmend Methoden übergreifend angelegt sind.
Das weite Feld der Psychosomatik
„Das Gefühl von
Gesundheit erwirbt man sich nur durch Krankheit.“
Georg Christoph
Lichtenberg
Seit Alexander
werden vier unterschiedlich schwerwiegende psychosomatische
Krankheitsobergruppen im weitesten Sinne unterschieden:
·
Befindlichkeitsstörungen
(nichtorganische Körpersymptome ohne funktionelle oder somatische
Störungsursachen mit keinem oder geringem Krankheitswert),
·
funktionelle
(somatoforme und dissoziative) Störungen (primär nichtorganische Störungen mit
Krankheitswert),
·
psychosomatische
Störungen im engeren Sinne (organische Erkrankungen mit psychosozialen
Auslösern oder Verstärkern),
·
somatopsychische
Erkrankungen (organische Erkrankungen mit psychosozialen Folgen).
Befindlichkeitsstörungen
Körperliches und
seelisches Befinden hängen eng zusammen – das weiß jeder, der einmal wegen
Problemen in Beziehung oder Beruf unzufrieden und unglücklich war.
Befindlichkeitsstörungen sind überwiegend psychisch oder psychosozial bedingte
körperliche Beschwerden, bei denen weder chronische Störungen des vegetativen
Nervensystems noch krankhafte Gewebeveränderungen oder Schädigungen von Organen
bestehen.
Es handelt sich
dabei um körperliche Symptome bei an sich gesunden Menschen. 80 % der
Bevölkerung erleben im Laufe einer Woche irgendein körperliches Symptom, ohne
sich deswegen schon krank zu fühlen. Die häufigsten Beschwerden sind
Kopfschmerzen, gefolgt von Magenbeschwerden. Durch die Form der persönlichen
Wahrnehmung und der subjektiven Krankheitstheorie können diese Beschwerden
jedoch bald sehr belastend sein. Befindlichkeitsstörungen können somit nach und
nach in funktionelle oder somatoforme Störungen übergehen, die dann als
Krankheiten gelten – obwohl die Betroffenen körperlich gesund sind. Derartige
körperliche Symptome können auch bei fast jeder erlebnisreaktiven, depressiven
und früher so genannten „neurotischen“ Störung auftreten.
Funktionelle Störungen
Funktionelle
Störungen sind Beeinträchtigungen der körperlichen Funktionen ohne organische
Ursachen, die häufig psychisch mitbedingt sind. Sie beruhen meistens auf einer
Störung des autonomen (vegetativen) Nervensystems und äußern sich dann in Form
von Symptomen wie Herzrasen, Atemnot, Schwitzen oder Magen-Darm-Beschwerden.
Manchmal ist auch das willkürliche Nervensystem beeinträchtigt; Störungen der
Bewegung, des Sprechens, Hörens oder Sehens sind die Folge.
Funktionelle
Störungen sind oft Ausdruck dafür, dass dem Körper zwar Energie bereitgestellt,
diese dann aber nicht abgerufen oder verwendet wird, sodass es zu
Fehlsteuerungen und Missempfindungen kommt. Man sollte die Bezeichnung
„funktionell“ nicht generell mit „psychisch“ oder „psychogen“ gleichsetzen,
denn funktionelle Störungen können auch andere als rein seelische Ursachen
haben, wenn sie nicht durch organische Befunde erklärbar sind (z.B. Alkohol-
oder Medikamentenmissbrauch, körperliche oder seelische Überforderung ohne
psychiatrische Krankheitswertswertigkeit).
Jeder Vierte geht
zum Arzt mit körperlichen Beschwerden, die keine oder keine hinreichende
organische Ursache haben. Die Betroffenen verhalten sich wie Patienten, obwohl
sie gesund sind, während sich viele andere Menschen, die eigentlich Patienten
sein sollten, sich so verhalten, als wären sie gar nicht krank. Im Umgang mit
dem eigenen Körper neigen die einen zur Überbewertung körperlicher Symptome und
die anderen zum Gegenteil, nämlich zur Krankheitsverleugnung.
Man kann drei
Arten von funktionellen Störungen unterscheiden:
·
somatoforme Störungen,
·
dissoziative
Störungen,
·
Syndrome im Umkreis
somatoformer Störungen.
Somatoforme Störungen
Körperliche
Symptome ohne ausreichende organische Ursachen werden im internationalen
Diagnoseschema ICD-10, das in Deutschland seit 2000 und in Österreich seit 2001
verbindlich ist, „somatoforme Störungen“ genannt – womit die frühere offizielle
Bezeichnung „körperliche Funktionsstörungen psychischen Ursprungs“ ersetzt ist.
Viele Betroffene erhielten früher auch folgende Diagnosen: vegetative Dystonie,
vegetative Neurose, psychovegetative Labilität oder psychophysischer Erschöpfungszustand.
Somatoforme
Störungen sind häufig psychisch oder psychosozial mitbedingte körperliche
Beeinträchtigungen der vegetativen Funktionen ohne Gewebeveränderungen. Die
Bezeichnung „somatoform“ besagt, dass diese Störungen wie körperlich
verursachte ausschauen, es nach genauer Untersuchung jedoch nicht sind. Die Betroffenen
selbst sind allerdings überzeugt, eine körperliche Erkrankung zu haben. Es
besteht also eine Diskrepanz zwischen objektivem Befund und subjektivem Befinden.
Substanzielle organische Ursachen fehlen zwar, dennoch sollte der Begriff
„somatoform“ nicht mit „psychogen“
gleichgesetzt werden, weil die jeweilige Symptomatik oft durch eine
Wechselwirkung von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren
ausgelöst, aufrechterhalten und bestärkt wird.
In die
klinische Praxis haben die neuen Diagnosen noch nicht ausreichend Eingang
gefunden. Viele Ärzte behelfen sich noch immer mit harmlosen Scheindiagnosen
und unspezifischen Medikamenten („Pseudoplacebos“ wie etwa allgemeinen
Stärkungspräparaten), wodurch sie ihre Patienten oft ungewollt weiterhin in der
Annahme einer organischen Ursache bestärken. Auch die früher sehr beliebte
Diagnose einer „larvierten Depression“ ist eine reine Verlegenheitslösung.
Demnach soll sich hinter der Maske körperlicher Symptome eine depressive
Symptomatik verbergen. Ohne genaue diagnostische Abklärung werden dann
routinemäßig Antidepressiva verschrieben.
Die Diagnose
einer somatoformen Störung erfordert weder den Nachweis einer organischen
Ursache (im Sinne einer „echten“ körperlichen Erkrankung mit psychogener
Überlagerung), noch die Aufdeckung einer psychischen Verursachung (etwa im
Sinne eines krank machenden Konflikts). Die Abgrenzung zwischen organischen und
psychischen Faktoren wird oft überschätzt. Eine somatoforme Störung ist auch
dann gegeben, wenn eindeutig eine organische Ursache der körperlichen Symptomatik
nachweisbar ist (z.B. bei Rückenschmerzen oder chronischen
Unterbauchschmerzen), die Schwere, das Ausmaß, die Vielfalt und die Dauer der
Beschwerden sowie die psychosozialen Beeinträchtigungen durch den organischen
Befund jedoch nicht ausreichend erklärt werden können.
Anders gesagt:
Bei den somatoformen Störungen geht es nicht primär um den Nachweis einer
psychischen Ursache oder den Ausschluss einer organischen Ursache, sondern um
die Beschreibung eines typischen Verhaltensmusters, bei dem neben Symptomen,
wie sie in der Medizin zur Diagnostik allgemein üblich sind, auch typische kognitive Überzeugungen der Patienten
(z.B. subjektive Krankheitstheorien) und bestimmte Interaktionsmuster (Art der Arzt-Patient-Beziehung, soziales
Verhalten) bedeutend sind.
Menschen mit
somatoformen Störungen haben nicht einfach nur die Eigenschaft, vielfältige
körperliche Symptome zu entwickeln, sondern auch das ständige Bedürfnis, diese
durch Kontakte mit Ärzten untersuchen und behandeln zu lassen. Die Betroffenen
werden erst dann für nichtmedizinische Behandlungsansätze offen sein, wenn sie
ihre organisch orientierten Ursachenerklärungen ändern. Der entscheidende Behandlungsfaktor ist (parallel zu einer breit
angelegten Aufklärung der Bevölkerung) ein verständnisvoller und geduldiger
Umgang der Ärzte mit den Betroffenen – statt der üblichen organischen
Ausschlussdiagnostik und der routinemäßigen Verschreibung von Antidepressiva,
Beruhigungsmitteln und Scheinmedikamenten.
Somatoforme
Störungen können unterschiedliche Ursachen
haben. Meist liegen körperliche und seelische Belastungen bzw. Überforderungen
zugrunde – Stress im weitesten Sinn. Warum bei Stress eine ganz bestimmte
körperliche Symptomatik entsteht, kann nur personspezifisch verstanden und im
Einzelfall geklärt werden.
Grundsätzlich
sind bei somatoformen Störungen drei Arten von Ursachen zu unterscheiden:
1.
konstitutionelle Neigung und körperliche
Anfälligkeit (Prädisposition), wenn die Belastungen ein bestimmtes Ausmaß
erreichen,
2.
auslösende Bedingungen (Auslöser) wie etwa körperliche, psychische oder soziale Belastungsfaktoren,
3.
aufrechterhaltende Bedingungen (Verstärker) wie
etwa bestimmte Reaktionen der Betroffenen oder der
Umwelt sowie andauernde Belastungsfaktoren, wodurch die Störung chronisch wird.
Auf der Basis dieser Faktoren entwickelt sich
folgender Teufelskreis:
1.
verstärkte Wahrnehmung der Beschwerden, Aufmerksamkeitsfixierung und
erhöhtes Erregungsniveau,
2.
Bewertung der Vorgänge als krankhaft,
3.
Entwicklung somatoformer Beschwerden,
4.
Entwicklung eines Schon- und Vermeidungsverhaltens mit einer folglich immer
ausgeprägteren Symptomatik, die wiederum wahrgenommen wird und den Teufelskreis
verstärkt.
Bei Menschen
mit somatoformen Störungen findet man eine längere Symptomdauer, längere
Krankenstände, häufigere Arztbesuche und Klinikaufenthalte als bei vielen
anderen Patienten mit vorwiegend psychischen Störungen und Verhaltensstörungen.
Somatoforme Störungen sind ein Musterbeispiel dafür, wie wichtig in Zukunft die
Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten ist.
Patienten mit
somatoformen Störungen finden sich meistens in der Praxis von Hausärzten und
Internisten, weniger bei Psychiatern. Noch immer haben viele Betroffene Angst,
wegen nichtorganischer, „eingebildeter“ Störungen für psychisch krank oder gar
verrückt erklärt zu werden. Sie haben einfach große Probleme damit, dass die
„Hightech-Medizin“ bei der Diagnose und Behandlung ihrer Störung versagt hat.
Personen mit somatoformen Störungen sind auch gegenwärtig noch immer als
„Stiefkinder“ der Medizin und der Psychotherapie anzusehen. Der unzureichende Behandlungsstand
in der klinischen Praxis weist auf Schwachstellen in unserem Gesundheitssystem
hin. Die Betroffenen erfahren im Rahmen der jahrelangen Chronifizierung oft
auch vonseiten ihrer sozialen Umwelt Unverständnis, Ablehnung, Hilflosigkeit
und Aggression und werden nicht selten als Hypochonder abqualifiziert.
Bei zahlreichen Patienten mit somatoformen Störungen findet man in der
Vergangenheit oder in der Gegenwart auch eine Depression, Angststörung oder
Persönlichkeitsstörung. Die psychischen Symptome stehen dabei jedoch nicht im
Vordergrund des Krankheitserlebens, was die Diagnosestellung erschweren kann.
Bei vielen somatoformen Patienten sind dagegen keine psychischen Symptome
gegeben. Eine somatoforme Störung ist oft nur erkennbar, wenn über die
aktuellen organbezogenen Beschwerden hinaus auch frühere körperbezogene
Symptome ohne ausreichenden Organbefund erfragt werden.
Es ist auffallend,
dass viele Patienten mit somatoformen Beschwerden sehr belastende
Lebensereignisse oft ohne starke Emotionen berichten. Während aus Beobachtersicht
die emotionale Belastung in Form von Körperbeschwerden zum Ausdruck kommt,
sehen die Betroffenen selbst meist keine derartigen Zusammenhänge. Sie wissen
zwar um ihre psychosozialen Belastungssituationen, können sich jedoch nicht
vorstellen, wie sie davon krank werden könnten.
Es ist sehr
bemerkenswert, dass in der neueren Diagnostik und Therapie erstmals
interaktionelle Aspekte wie die
Arzt-Patient-Beziehung berücksichtigt werden. Oft treten tatsächlich
fast unüberwindliche Kommunikationsstörungen auf: Jeder (Arzt und Patient)
versucht den anderen vergeblich von seiner Sichtweise zu überzeugen, sodass
sich häufig ein Zustand gegenseitiger Frustration ergibt.
Somatoforme
Störungen können zusammenfassend folgendermaßen beschrieben werden:
·
Wieder und wieder werden
den Ärzten körperliche Symptome ohne organische Ursachen präsentiert, während andere
Menschen ähnliche Beschwerden haben, jedoch ohne ständig verschiedene Fachleute
aufzusuchen.
·
Die Betroffenen fordern
hartnäckig medizinische Untersuchungen trotz zahlreicher negativer Befunde und
trotz der Versicherung der Ärzte, dass die Symptome keine körperlichen Ursachen
haben.
·
Wenn körperliche Faktoren
vorhanden sind, erklären sie nicht die Art und das Ausmaß der Symptome oder das
Leiden und die innere Beteiligung der Patienten.
·
Selbst wenn Beginn und
Fortdauer der Symptome in engem Zusammenhang mit unangenehmen
Lebensereignissen, Schwierigkeiten und Konflikten stehen, lehnen die Patienten
gewöhnlich die ärztlichen Versuche ab, die Möglichkeiten einer psychischen
Ursache zu diskutieren.
Aufgrund dessen ist die Arzt-Patient-Beziehung bald für beide Seiten
enttäuschend. Häufig besteht ein gewisses Aufmerksamkeit suchendes Verhalten,
besonders bei Patienten, die ihre Ärzte nach allen unergiebigen Untersuchungen
nicht von den organischen Ursachen überzeugen bzw. zu weiteren entsprechenden
Untersuchungen und Behandlungen veranlassen konnten.
Man
unterscheidet sechs Gruppen von somatoformen Störungen:
1.
Die Somatisierungsstörung
ist charakterisiert durch mindestens sechs (häufig wechselnde) körperliche
Symptome aus mindestens zwei Organbereichen mit einer Mindestdauer von zwei
Jahren. Die diagnostischen Kriterien für die Somatisierungsstörung sind jedoch
zu eng gefasst, sodass dadurch nur ein kleiner Anteil an Patienten mit
multiplen körperlichen Symptomen erfasst wird. Entsprechend sieht auch die Statistik
aus: Weltweit sind nur rund 1 bis 3 % der Bevölkerung betroffen.
2.
Die undifferenzierte Somatisierungsstörung besteht aus weniger körperlichen Symptomen mit einer Mindestdauer von
einem halben Jahr. Dieses unvollständige Bild der Somatisierungsstörung als
Restkategorie ist bei etwa 10 bis 16 % der Bevölkerung und bei mindestens 20 %
aller Patienten vorhanden.
3.
Die somatoforme autonome Funktionsstörung besteht aus einer nichtorganischen Fehlfunktion ohne definierte
Mindestdauer, vorwiegend in einem bestimmten Organbereich des vegetativen oder
autonomen Nervensystems. „Autonom“ besagt demnach, dass es sich um eine Störung
des sympathischen oder parasympathischen Nervensystems handelt.
4.
Die hypochondrische Störung
besteht aus Krankheitsängsten ohne körperliche Symptome bzw. aus
Krankheitsängsten als Folge der Fehlinterpretation an sich harmloser
körperlicher Symptome. Eine Hypochondrie findet man – je nach Definition – bei
1 bis 6 % der Hausarzt-Patienten. Die Dysmorphophobie („Entstellungsphobie“)
als anhaltende Angst bzw. Überzeugung, körperlich entstellt oder missgebildet
zu sein (z.B. zu große Nase, Ohren, Brust, Hüfte), gilt als Unterform der
Hypochondrie, obwohl die Betroffenen eigentlich keine Krankheitsängste haben.
Die Häufigkeit derartiger Entstellungsbefürchtungen wurde in der Vergangenheit
unterschätzt: Etwa 4 % der Frauen und 1 % der Männer leiden darunter! Die
Betroffenen wünschen – zumindest anfangs – gewöhnlich keine psychotherapeutische
oder psychiatrische Behandlung, sondern eine medizinische Korrektur in Form
einer Operation. Häufig liegen gleichzeitig auch andere psychische Störungen
vor wie etwa Depressionen oder Angststörungen (insbesondere soziale Phobien).
5.
Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung besteht aus organisch nicht bzw. nicht ausreichend erklärbaren Schmerzen
mit einer Mindestdauer von einem halben Jahr. Häufigkeitsangaben für die
Bevölkerung fehlen noch, in Hausarztpraxen sind jedenfalls 5 bis 7 % der
Patienten betroffen.
6.
Als sonstige somatoforme Störungen gelten nichtorganische Symptome in Organbereichen, die nicht durch das
vegetative Nervensystem vermittelt werden (z.B. bestimmte Hautsymptome).
Tabelle 1:
Somatoforme Störungen im Überblick
|
Somatisierungsstörung |
Es bestehen seit mindestens zwei Jahren
multiple und wechselnde körperliche Symptome ohne ausreichende organische
Ursachen. Die Sorgen über die körperlichen Symptome führen zu mehrfachen
Arztkontakten oder Zusatzuntersuchungen in der Primärversorgung oder bei
Spezialisten. Die ärztliche Feststellung, dass keine ausreichende körperliche
Ursache für die Symptomatik besteht, wird von den Betroffenen nicht oder nur
kurz akzeptiert. Insgesamt müssen mindestens 6 von 14
Symptomen aus 2 von 4 verschiedenen Organbereichen vorhanden sein: Gastrointestinale Symptome: ·
Bauchschmerzen ·
Übelkeit ·
Gefühl von Überblähung (Blähbauch) ·
schlechter Geschmack im Mund oder stark belegte Zunge ·
Erbrechen oder Hochkommen von Speisen ·
häufiger Durchfall oder Austreten von Flüssigkeit aus
dem Anus Kardiovaskuläre
Symptome: ·
Atemlosigkeit ohne Anstrengung ·
Brustschmerzen Urogenitale Symptome: ·
schmerzhafter Harndrang oder häufige Harnentleerung ·
unangenehme Empfindungen im oder um den
Genitalbereich ·
ungewöhnlicher oder verstärkter vaginaler Ausfluss Haut- und
Schmerzsymptome: ·
Fleckigkeit oder Farbveränderungen der Haut ·
Schmerzen in den Gliedern, Extremitäten oder Gelenken ·
unangenehme Taubheit oder Kribbelgefühle |
|
Undifferenzierte Somatisierungsstörung |
Es handelt sich um eine unvollständige
Somatisierungsstörung im Sinne einer Restkategorie: Die Kriterien der
Somatisierungsstörung sind nur unvollständig erfüllt (kürzere Dauer, weniger
Arztbesuche, weniger Symptome). |
|
Hypochondrische Störung |
Es besteht seit mindestens sechs Monaten
die Angst oder sogar die feste Überzeugung, körperlich schwer krank zu sein,
was durch ärztliche Informationen nicht korrigiert werden kann. Die
Betroffenen bewerten harmlose Symptome als gefährlich und verhalten sich
dementsprechend. Die ständigen körperbezogenen Sorgen führen zu
Leidenszuständen, Einschränkungen der Lebensmöglichkeiten und häufigen
Arztbesuchen. Die Dysmorphophobie als Angst bzw. Überzeugung körperlich entstellt zu
sein, gilt als Unterkategorie der Hypochondrie. |
|
Somatoforme autonome Funktionsstörung |
Es besteht eine belastende,
nichtorganische vegetative Erregung in einem der folgenden Bereiche: ·
Herz-Kreislauf-System (z.B. Herzphobie) ·
oberer Magen-Darm-Trakt (z.B. Reizmagen) ·
unterer Magen-Darm-Trakt (z.B. Reizdarm) ·
Atmungssystem (z.B. Hyperventilation) ·
urogenitales System (z.B. Reizblase) ·
sonstige Organe oder Organsysteme (z.B. Juckreiz) Es müssen mindestens drei vegetative
Symptome vorhanden sein: ·
zwei aus den folgenden fünf Symptomen: Herzklopfen,
Schweißausbrüche, Mundtrockenheit, Hitzewallungen/Erröten, Druckgefühl im Oberbauch/Kribbeln
oder Unruhe im Bauch; ·
eines aus den folgenden sieben Symptomen:
Brustschmerzen oder Druckgefühl in der Herzgegend; Atemnot oder Hyperventilation;
außergewöhnliche Ermüdbarkeit bei leichter Anstrengung; Luftschlucken,
Schluckauf oder brennendes Gefühl im Brustkorb oder im Oberbauch; häufiger
Stuhlgang; vermehrtes Harnlassen oder Störungen beim Harnlassen; Gefühl der
Überblähung oder Völlegefühl. |
|
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung |
Es besteht seit mindestens sechs Monaten
eine kontinuierlich an den meisten Tagen anhaltende, schwere und belastende
Schmerzsymptomatik ohne ausreichende organische Ursache, die im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit des Patienten steht. Emotionale und psychosoziale Faktoren
müssen dabei eine ursächliche Bedeutung haben. |
|
Sonstige somatoforme Störungen |
Dazu zählen alle nicht durch das autonome
Nervensystem vermittelte, jedoch auf bestimmte Systeme oder Körperteile (z.B.
Haut) begrenzte Symptome mit Leidensdruck ohne organische Ursachen. |
Symptome wie
Kopf-, Brust-, Nacken-, Rücken- oder Gliederschmerzen sind weltweit die
häufigsten Körperbeschwerden, gefolgt von funktionellen Beschwerden wie
Schwindel, Übelkeit, Blähungen, Reizdarm und Herzrasen. Bis zu 13 % der
Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einem behandlungsbedürftigen
somatoformen Syndrom. Der Anteil somatoformer Störungen beträgt in
Allgemeinarztpraxen sogar bis zu 35 %, in Allgemeinkrankenhäusern bis zu 30 %.
Somatoforme
Störungen werden auch durch geschichtliche und soziokulturelle Faktoren
geprägt. Vor hundert Jahren etwa litten Betroffene meist unter motorischen
Symptomen wie Lähmungen oder nichtorganischen Krampfanfällen, heute stehen oft
anhaltende Schmerzen im Mittelpunkt des Erlebens. Interessant ist auch dieser
Aspekt: Dieselben psychischen Probleme und Belastungen äußern sich im deutschen
Sprachraum körperlich völlig anders als am Balkan oder in Entwicklungsländern.
Somatoforme
Störungen können in psychosomatische Störungen mit Gewebeveränderungen bzw.
organische Funktionsstörungen übergehen.
Dissoziative Störungen
Das aktuelle
Diagnoseschema unterscheidet im Bereich der nichtorganischen körperlichen
Störungen zwischen „somatoformen Störungen“ und „dissoziativen Störungen“. Bei
dissoziativen Störungen werden unmittelbare Empfindungen, die Kontrolle von
Körperbewegungen, Erinnerungen an die Vergangenheit und überhaupt das
Bewusstsein der eigenen Identität nur teilweise oder gar nicht integriert. Die
Kontrolle darüber, welche Erinnerungen und Empfindungen für die unmittelbare
Aufmerksamkeit ausgewählt und welche Bewegungen ausgeführt werden, ist massiv
gestört und führt zu einem extremen Funktionsverlust. Psychische und
körperliche Funktionen sind also dissoziiert, abgespalten, voneinander
entkoppelt. Je nach Ausprägung kann es sich dabei um körperlich-dissoziative
Störungen (z.B. psychogene Gangstörung) oder kognitiv-dissoziative Störungen
(z.B. psychogene Gedächtnisstörung) handeln.
In
psychosomatischer Hinsicht relevant sind die körperlich-dissoziativen
Störungen, die durch traumatisierende Ereignisse, unlösbare oder unerträgliche Konflikte
oder gestörte Beziehungen, also psychogen verursacht sind. Sie werden aufgrund
der psychoanalytischen Tradition auch als Konversionsstörungen bezeichnet. Der
Begriff „Konversion“, der bereits von Sigmund Freud eingeführt wurde, betont
dabei den Umstand, dass die durch unlösbare Schwierigkeiten und Konflikte
hervorgerufenen unangenehmen Emotionen in irgendeiner Weise in Symptome
umgesetzt werden. Dabei besteht keine Störung des Bewusstseins.
Konversionssymptome und kognitiv-dissoziative Symptome mit Störungen des
Bewusstseins wie etwa einem psychogenen Gedächtnisverlust können jedoch
gemeinsam auftreten, z.B. bei dissoziativen Krampfanfällen.
Man
unterscheidet drei Gruppen von körperlich-dissoziativen Störungen
(Konversionsstörungen):
1.
dissoziative Bewegungsstörung;
2.
dissoziative Krampfanfälle;
3.
dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen.
Tabelle 2:
Körperlich-dissoziative Störungen (Konversionsstörungen)
|
Dissoziative Bewegungsstörung |
Nichtorganische motorische Funktionsstörungen: ·
psychogene Gang- und Standstörung ·
psychogene Lähmung ·
psychogene Stimmstörungen |
|
Dissoziative Krampfanfälle |
Nichtepileptische (psychogene) Anfälle |
|
Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen |
·
Körpermissempfindungen oder sensorischer Informationsverlust:
teilweiser oder vollständiger Verlust der normalen Hautempfindungen bzw. des
Sehens, Hörens oder Riechens ·
Überempfindlichkeit im Sinne einer verstärkten
Schmerzwahrnehmung |
Konversionsstörungen
sind nichtorganische Beeinträchtigungen im Bereich der Willkürmotorik und der
Sinneswahrnehmung, während somatoforme Störungen primär bei vegetativen Organen
auftreten. In den USA werden beide Gruppen als somatoforme Störungen bezeichnet.
Die eigenständige Position der körperlich-dissoziativen Störungen im
internationalen Diagnoseschema ist ein Tribut an die Geschichte der Hysterie,
die seit Sigmund Freud als Ausdruck bestimmter Konflikte gesehen wurde. Diese
Störungen wurden früher unter dem Einfluss der Psychoanalyse als „Hysterie“,
„hysterische Neurose“ oder „Konversionsneurose“ bezeichnet. Sie werden auch
„pseudoneurologische Störungen“ genannt, weil sie wie neurologische Störungen
ausschauen, es aber nach genauer organischer Abklärung nicht sind.
Die
verschiedenen Konversionssymptome entsprechen oft den laienhaften Vorstellungen
des Patienten von einer körperlichen Erkrankung und stimmen typischerweise
nicht mit den bekannten anatomischen Bahnen und physiologischen Mechanismen
überein, sodass sie vom Fachmann relativ leicht als nicht neurologisch bedingte
Symptome zu erkennen sind. Bei einer Konversionssymptomatik passen die Symptome
also nicht zu den unauffälligen organmedizinischen körperlichen Befunden (z.B.
trotz scheinbarer Lähmung intakte motorische Funktionen, Blindheit bei normalen
Pupillenreaktionen) und auch nicht zur Anatomie des Nervensystems (z.B. Gefühllosigkeitsempfindungen
im Widerspruch zum Versorgungsbereich des sensorischen Nervensystems).
Die Betroffenen
verleugnen in auffälliger Weise ihre Probleme und Schwierigkeiten und führen
diese allein auf die Symptome als solche zurück und zwar auch dann noch, wenn
andere Menschen ihre Probleme und Konflikte längst erkannt haben. Sie sehen
keine entsprechenden Zusammenhänge, was sich oft, jedoch nicht immer in einer
Gleichgültigkeit gegenüber der Störung bzw. in einem geduldigen Ertragen der
Störung äußert. Die Symptomatik hilft den Betroffenen, einem unangenehmen
seelischen Konflikt zu entgehen oder indirekt Abhängigkeit oder Verstimmung
auszudrücken.
Während bei
einer dissoziativen Störung ein überzeugender Zusammenhang zwischen einem
auslösenden Ereignis bzw. Konflikt und der aktuellen Symptomatik gefunden
werden muss (der Ausschluss organischer Ursachen reicht nicht aus für eine
erforderliche positive Diagnose), ist dies bei einer somatoformen Störung nicht
notwendig.
Die Symptomatik
setzt oft akut ein und kann sich spontan zurückbilden, kann aber auch in einen
chronischen Verlauf übergehen. Der Grad der Behinderung durch die
Konversionssymptome kann wechseln und hängt auch von der Zahl und der Art der
anwesenden Personen sowie vom emotionalen Zustand des Betroffenen ab. Neben den
zentralen und konstanten Symptomen von Bewegungsverlust oder
Empfindungsstörungen kann zusätzlich auch ein Aufmerksamkeit suchendes
Verhalten unterschiedlichen Ausmaßes vorhanden sein. Im Gegensatz zur weiten
Verbreitung der somatoformen Störungen treten Konversionsstörungen nur bei
maximal 0,3 % der Bevölkerung auf und zwar bei Frauen mindestens doppelt so
häufig wie bei Männern. Die verschiedenen somatoformen und
körperlich-dissoziativen Störungen werden bei den einzelnen Organbereichen
detailliert dargestellt.
Syndrome im Umkreis somatoformer Störungen
Zu den
somatoformen Störungen werden oft auch verschiedene andere Syndrome und
Modediagnosen gezählt, bei denen bislang keine organischen Ursachen gesichert
werden konnten. Es handelt sich dabei vor allem um das chronische
Erschöpfungssyndrom und um die Umweltkrankheiten (umweltbezogene Körperbeschwerden).
Verschiedene Fachleute zählen auch andere Störungen wie chronischen Tinnitus
(quälende Ohrgeräusche ohne äußere Reizquelle) oder die Schmerzstörung
Fibromyalgie zu den somatoformen Störungen.
Chronisches
Erschöpfungssyndrom
Dieses Syndrom
wurde zuerst in den USA untersucht und als undifferenzierte somatoforme Störung
bezeichnet. Im internationalen Diagnoseschema wird es außerhalb der Gruppe der
somatoformen Störungen unter der antiquierten Bezeichnung „Neurasthenie“
erfasst, nach neueren Forschungsbefunden ist es als Variante einer somatoformen Störung anzusehen.
Das chronische
Erschöpfungssyndrom ist eine schwere und lang dauernde Erschöpfung, für die keine
organische Ursache gefunden werden kann und die durch Ruhe oder Schonung nicht
deutlich zu beheben ist. Als Hauptkriterium gilt eine anhaltende Müdigkeit oder
leichte Ermüdbarkeit, die mindestens sechs Monate andauert, neu aufgetreten
ist, nicht durch eine andere Erkrankung erklärt werden kann, nicht Folge einer
chronischen Belastungssituation ist, durch Bettruhe nicht deutlich zu beheben
ist sowie eine erhebliche Reduktion der Leistungsfähigkeit bewirkt. Als
Nebenkriterien müssen mindestens vier der folgenden Symptome mindestens sechs
Monate lang vorhanden sein: Halsschmerzen, schmerzhafte Lymphknoten,
Muskelschmerzen, wandernde, nichtentzündliche Gelenkschmerzen, neu aufgetretene
Kopfschmerzen, Konzentrations- und Kurzzeitgedächtnisstörungen, keine Erholung
durch Schlaf, verlängerte, mehr als 24 Stunden generalisierte Erschöpfung nach
früher tolerierten Beanspruchungen.
Wegen der
starken körperlichen Beschwerden sind die Betroffenen davon überzeugt, an einer
organischen Erkrankung zu leiden und lehnen jede psychische Komponente
entschieden ab, sodass Überweisungen zu Psychiatern und Psychotherapeuten oft
nur schwer möglich sind.
Die Ursachen
des chronischen Erschöpfungssyndroms sind derzeit noch unklar. Man vermutet
jedoch eine Störung der komplexen Regulation zwischen Nervensystem, hormonellem
System und Immunsystem. Rund 1 % der Bevölkerung ist betroffen, wobei
erhebliche Überschneidungen mit anderen psychischen Störungen bestehen. 75 bis
90 % der Betroffenen haben gleichzeitig auch Depressionen, generalisierte
Angststörungen oder somatoforme Störungen (Beschwerden wie z.B.
Schwindelgefühle, Muskelschmerzen, Anspannung, Unwohlsein). Die Symptomatik
verschlechtert sich durch eine lange Dauer und die damit verbundene
Inaktivität, sodass durch ein stufenweises Aktivierungsprogramm eine
Chronifizierung verhindert werden muss. Die Betroffenen sollen so viel belastet
und aktiviert werden wie möglich und so viel geschont werden wie nötig.
Umweltkrankheit
Besonders in
den USA sind viele Menschen davon überzeugt, dass die moderne Technik und die
heutige Umwelt, die etwa durch Chemikalien belastet ist, den Körper krank
machen. Unter dem Begriff der Umweltkrankheit werden alle möglichen Beschwerden
zu einem Syndrom zusammengefasst:
·
Störungen des
Zentralnervensystems wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, geistige Erschöpfung,
Störungen des Denkens, der Konzentration und der Merkfähigkeit, Depressionen,
Gereiztheit, Schlafstörungen, Schwindel, Benommenheit,
·
„Reizsymptome“ wie
Reizungen der Schleimhäute, der Augen oder der Haut,
·
vegetative Beschwerden
wie etwa ein nervöser Magen, Völlegefühle, Blähungen, Durchfall, Verstopfung,
krampfartige Bauchschmerzen, Atemprobleme, häufiger Harndrang, Herzrasen,
·
andere Störungen bzw.
Schmerzen wie Brustschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schwellungen,
„eingeschlafene“ Finger oder Zehen.
Die frühere
Bezeichnung „multiple chemische Sensitivität“ wird heute durch den Begriff
„idiopathische umweltbezogene Unverträglichkeiten“ ersetzt. „Idiopathisch“
heißt so viel wie „selbstständig, ohne erkennbare Ursache entstanden“. Diese
Diagnose darf also nur gestellt werden, wenn bekannte organmedizinische oder
psychiatrische Störungen als Ursache ausgeschlossen werden können. Die
Bezeichnung „umweltbezogen“ soll nur zum Ausdruck bringen, dass die Betroffenen
ihre Beschwerden auf Umwelteinflüsse zurückführen, während die meisten anderen
Menschen dieselben Umweltprobleme ohne Beschwerden ertragen.
Im Gegensatz zu
klar definierten Krankheitsbildern mit konkret nachgewiesenen Substanzen wie
Erkrankungen durch Asbest belastete Räume sind die Ursachen der Umweltkrankheit
unbekannt – nicht für deren Verfechter, die alle möglichen Stressfaktoren
anführen, denen wir in der modernen Welt ausgesetzt sind, z.B. die belastete
Luft in den Städten, Dieselabgase, Tabakrauch, organische Lösungsmittel,
Pflanzenschutzmittel, verschiedene Kunststoffe, parfümierte Shampoos,
Medikamente, Baustoffe, Reinigungsmittel, elektromagnetische Kräfte. Die
Vertreter dieses Störungskonzepts behaupten, dass etwa 2 bis 10 % der
Bevölkerung unter derartigen Beschwerden leiden würden.
Die Betroffenen
leiden nach Auffassung der meisten Fachleute unter einer somatoformen Störung,
haben jedoch ein Bedürfnis nach einer organischen Erklärung ihrer Symptome und
suchen die Schuld dafür in der Außenwelt, und zwar in der Lebensweise der
westlich-industriellen Welt sowie in der modernen Technik.
Psychosomatische Störungen im engeren Sinne
Unter
psychosomatischen Störungen im engeren Sinne versteht man alle
Organschädigungen oder Störungen körperlicher Funktionsabläufe, die so stark
durch psychische bzw. psychosoziale Faktoren beeinflusst sind, dass
organmedizinische Ursachen allein das Geschehen nicht ausreichend erklären
können. Anders formuliert handelt es sich dabei um körperliche Krankheiten mit
einer nachweisbaren Gewebeschädigung von Organen oder mit einer organisch
bedingten Störung körperlicher Funktionen. Psychische oder soziale Faktoren
spielen dabei eine mehr oder weniger bedeutsame Rolle in der Auslösung,
Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung der Störung.
Das Wort „Psychosomatik“ wird wegen der Vieldeutigkeit des Begriffs im
aktuellen Diagnoseschema vermieden. Psychosomatische Störungen im engeren Sinne
werden sehr allgemein definiert als psychologische Faktoren und Verhaltenseinflüsse
bei andernorts klassifizierten Krankheiten, die die Entstehung oder den Verlauf
dieser Erkrankungen beeinflusst haben. Man sollte daher zukünftig auch im
medizinischen Alltag die offizielle Bezeichnung „psychologische Faktoren oder
Verhaltenseinflüsse bei …“ verwenden (z.B. mit dem Zusatz „bei Asthma
bronchiale“). Psychosomatische Störungen im engeren Sinne erfordern also eine
Doppeldiagnose: einerseits den Code für psychologische Faktoren, andererseits
den Code für die jeweilige organische Störung. Als typische Beispiele für
derartige Doppeldiagnosen gelten folgende Erkrankungen: Asthma bronchiale,
Magengeschwür, Darmgeschwür, Dermatitis, Ekzem, Nesselsucht (Urtikaria). Bei
stärkerer Ausprägung psychiatrischer Symptome ist zusätzlich auch noch die
entsprechende psychiatrische Diagnose wie etwa „Anpassungsstörung, längere
depressive Reaktion“ zu stellen. Dies kommt gerade bei Schmerzpatienten im
klinischen Alltag häufig vor.
Psychosomatische Patienten verstehen oft lange Zeit das Zusammenspiel von
Körper und Seele nicht. Sie trennen den körperlichen und den seelischen Bereich
strikt voneinander, sodass sie zu einseitigen, rein körperlichen
Behandlungsversuchen neigen – und dies wird häufig noch durch die Vertreter der
entsprechenden Behandlergruppen verstärkt! Sie stehen ihren Beschwerden oft
verständnislos gegenüber, verharren in einer organisch fixierten Krankenrolle
und wandern von Arzt zu Arzt in der Hoffnung auf eine rein organische
Problemlösung. Die Betroffenen erleben ihre „Seele“, das heißt ihre Bedürfnisse
und Gefühle, nicht mehr direkt, sondern nur mehr verfremdet über ihren Körper
und müssen lernen, ihr Leiden vom Körperlichen und vom Seelischen her zu
verstehen und zu verändern. Eine Minderheit neigt dagegen zu rein seelischen Erklärungsversuchen
und vernachlässigt die organmedizinische Seite der Erkrankung.
Neben den
dissoziativen, somatoformen und psychosomatischen Störungen im engeren Sinne
gibt es im aktuellen Diagnoseschema noch eine weitere Kategorie
seelisch-körperlicher Störungen: „Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen
Störungen und Faktoren“. Dazu gehören vor allem die Essstörungen, die
nichtorganischen Schlafstörungen und die nichtorganischen sexuellen
Funktionsstörungen. Auf diese Störungen kann in diesem Buch aus Platzgründen
nicht näher eingegangen werden.
Somatopsychische Erkrankungen
Unter
somatopsychischen Erkrankungen versteht man körperliche Grunderkrankungen, als
deren Folge sich seelische Symptome und psychosoziale Beeinträchtigungen
ergeben oder die eine intensive psychische Verarbeitung (Krankheitsbewältigung)
erfordern. Kurz gesagt handelt es sich dabei um die psychischen und sozialen
Folgeerscheinungen organischer Erkrankungen sowie um deren Bewältigung. Im Rahmen des heute gängigen biopsychosozialen
Krankheitsverständnisses geht man davon aus, dass jede Krankheit eine
körperliche, psychische und soziale Komponente hat: Primär psychische Störungen
wie eine Angststörung oder eine Depression zeigen sich auch in Form
körperlicher Symptome, primär körperliche Krankheiten haben auch psychische und
soziale Auswirkungen, die ebenso bedacht und bewältigt werden müssen wie die
organische Grundstörung. Demnach kann man jede körperliche Erkrankung unter
psychosomatischen Gesichtspunkten betrachten.
Je chronischer der Verlauf einer körperlichen Erkrankung, umso häufiger
treten die organischen Aspekte zugunsten der psychischen und psychosozialen in
den Hintergrund. Da rein medizinische Maßnahmen allein oft keine ausreichende
Besserung bringen, werden psychosomatische bzw. verhaltensmedizinische
Behandlungskonzepte zukünftig immer wichtiger, um die Lebensqualität der
Betroffenen zu verbessern. Diese Sichtweise erfordert eine interdisziplinäre
Zusammenarbeit aller heilenden und helfenden Berufsgruppen.
Typische Beispiele für Krankheiten und Operationen mit somatopsychischen
Folgezuständen sind etwa: Krebs, AIDS, koronare Herzkrankheiten, Asthma
bronchiale, Magen-Darm-Geschwüre, bestimmte Hautkrankheiten, Diabetes mellitus,
Schilddrüsenerkrankungen, rheumatische Erkrankungen, zahlreiche
Schmerzstörungen, Autoimmunstörungen, chronische Niereninsuffizienz (bei
Dialyse-Patienten), Epilepsie, Kopfverletzungen, Kopfoperationen und
Erkrankungen des Gehirns. Bei diesen und anderen chronischen Beschwerden gilt
das in der Organmedizin vorherrschende eindimensionale biomedizinische
Krankheitsverständnis nicht mehr. Im Rahmen einer umfassenden Therapie müssen
auch die Lebensgewohnheiten, sozialen Belastungen, individuellen
Verhaltensgewohnheiten und psychosozialen Rahmenbedingungen bedacht werden.
Ziel aller psychologisch-psychotherapeutischen Interventionen bei
chronischen Erkrankungen ist es, die Lebensqualität zu verbessern und die
Gefahr einer zunehmenden Behinderung abzuwenden. Psychosoziale Faktoren sind
während der gesamten Rehabilitation von immenser Bedeutung. Es wird geschätzt,
dass 35 bis 40 % aller Krankenhaus-Patienten neben der körperlichen Erkrankung
auch psychische Beeinträchtigungen aufweisen. Es handelt sich dabei vor allem
um meist schon chronifizierte psychische Störungen wie Angststörungen,
Depressionen, somatoforme Störungen sowie Alkohol- und Medikamentenmissbrauch
bzw. -abhängigkeit, die den Prozess der körperlichen Genesung negativ
beeinflussen.
Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen müssen als Folge der
körperlichen Symptome, operationsbedingten Entstellungen und körperlichen
Funktionseinbußen oft zahlreiche psychische und soziale Probleme bewältigen
lernen:
·
subjektive
Lebensbedrohung und Angst vor dem Tod,
·
Unveränderbarkeit oder
gar Fortschreiten der Erkrankung,
·
mangelnde
Vorhersagbarkeit des Krankheitsverlaufs,
·
verminderte
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit,
·
Beeinträchtigung der
körperlichen Integrität,
·
Bedrohung des
Selbstbildes und Verminderung des Selbstwertgefühls,
·
Verschlechterung der
Stimmung und Bedrohung des emotionalen Gleichgewichts,
·
Einschränkung der
Sozialbeziehungen und der möglichen sozialen Rollen,
·
Abhängigkeit von
Ärzten und Pflegepersonal sowie vom ganzen Medizinsystem,
·
Abhängigkeit von
Maschinen und technischen Hilfsmitteln,
·
Bedrohung oder
Einschränkung der beruflichen Möglichkeiten,
·
Verunsicherung und
Einschränkung bezüglich der Zukunfts- und Lebensplanung,
·
chronische Schmerzen
und Beeinträchtigung durch opiathältige Schmerzmittel,
·
Deprimierung durch abschreckend
und negativ erlebte Therapien,
·
abwertende Reaktionen
vonseiten der Umwelt.
Zentrale
Aspekte der Psychosomatik
Im Folgenden soll in aller Kürze auf einige
wichtige biologische, psychologische und therapeutische Aspekte der
Psychosomatik hingewiesen werden.
Biologische
Aspekte
Der menschliche Körper wird durch das Nervensystem, das endokrine System
und das Immunsystem gesteuert, was auch zum Verständnis funktioneller (somatoformer
und dissoziativer) Störungen und psychosomatischer Erkrankungen im engeren
Sinne von Bedeutung ist.
Nervensystem
Man
unterscheidet zwischen dem Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) und dem
peripheren Nervensystem (dem Rest des Körpers), das in das animalische
(somatische, willkürmotorische) und in das vegetative (autonome,
unwillkürliche) Nervensystem unterteilt wird. Das vegetative Nervensystem
besteht aus drei Ästen und zwar dem sympathischen (aktivierenden) und dem
parasympathischen (entspannenden) Nervensystem sowie dem Darmnervensystem
(enterischen Nervensystem).
Für die
Psychosomatik sind vor allem die Großhirnrinde, das limbische System, das
vegetative und das enterische Nervensystem von zentraler Bedeutung. Die Großhirnrinde
ermöglicht die intellektuellen Leistungen, die spezifische Interpretation von
motorischen und sensorischen Reizen, die Reaktion des Körpers auf diese Reize
sowie die Neuorganisation bei Veränderungen, Verletzungen oder Verlust von
Körperteilen.
Das limbische
System
·
ist das Zentrum der
Gemütsbetonung und der gemütsbedingten Antriebe (Angst, Wut, Aggression, Ärger,
Ekel, Trauer, sexuelle Erregung);
·
beeinflusst über die
Nervenbahnleitung und über die hormonelle Steuerung das vegetative Nervensystem
und die vegetative Aktivierung;
·
ist bedeutsam für die
Gedächtnisspeicherung, die Motivation und das Lernen.
Das vegetative
Nervensystem regelt den inneren Betrieb des Körpers, hält alle lebenswichtigen
Organtätigkeiten aufrecht und passt den Körper an wechselnde Umweltbedingungen
an. Es steuert Kreislauf, Atmung, Stoffwechsel, Ernährung, Eingeweide,
Verdauung, Drüsentätigkeit, Temperatur, Ausscheidung, Aktivität, Schlaf,
Wachstum, Reifung und Fortpflanzung.
Das
sympathische Nervensystem dient der körperlichen Aktivierung, indem es etwa den
Herzschlag und den Blutdruck steigert, die Herzkranzgefäße sowie die Blutgefäße
der arbeitenden Muskulatur erweitert, die Blutgefäße der Haut und der inneren
Organe verengt, die Skelettmuskulatur anspannt, die Lunge erweitert und die Atmung
beschleunigt, Zucker und Fettsäuren vermehrt ausschüttet und den Stoffwechsel
beschleunigt. Dieselben körperlichen Reaktionsweisen werden auch durch bestimmte
Gefühle wie Wut und Ärger ausgelöst, um den Körper rasch auf Angriff oder
Verteidigung vorzubereiten.
Das
parasympathische Nervensystem dient der Ruhe und Erholung sowie dem
Energieaufbau, indem es etwa den Herzschlag verlangsamt, den Blutdruck senkt,
die Herzkranzgefäße sowie die Blutgefäße der arbeitenden Muskulatur verengt,
die Blutgefäße der Haut und der inneren Organe erweitert und damit die
Durchblutung verbessert, die Skelettmuskulatur erschlafft und entspannt, den
Stoffwechsel reduziert, die Lunge verengt, die Verdauungstätigkeit und die
Ausscheidung fördert.
Körperliche und seelische Gesundheit erfordert die Balance von Aktivität
und Ruhe, das heißt einen Wechsel von Anspannung und Entspannung. Bei starken
Erregungszuständen werden beide Äste des vegetativen Nervensystems gleichzeitig
tätig: Große Angst vor einer schwierigen Prüfung führt einerseits zu Herzrasen,
andererseits zu Übelkeit, Harn- oder Stuhldrang. Wenn das an sich gute
Zusammenspiel von sympathischem und parasympathischem Nervensystem gestört ist,
etwa durch anhaltenden Stress ohne Abbau der aufgestauten körperlichen
Anspannung, kommt es zu zahlreichen psychovegetativen Beschwerden im Sinne
somatoformer Störungen.
Endokrines
System
Das endokrine
System ist neben dem Nervensystem das zweite Kommunikationssystem im Körper: Es
setzt spezielle Botenstoffe (Hormone) aus den Drüsen des Körpers frei und
beeinflusst auf diesem Weg die jeweiligen Organe des Körpers. Dem
Hypothalamus-Hypophysen-System im Kopf obliegt die ständige Kontrolle über die
Freisetzung und Hemmung von Hormonen im Körper und damit auch die Steuerung des
vegetativen Nervensystems. Der Hypothalamus als übergeordnete Region und die
Hypophyse als Ort der Ausschüttung zahlreicher Hormone zur Steuerung der
einzelnen Organbereiche gelten als die Schnittstelle zwischen dem Gehirn und
dem Körper: Bereits geringe hormonelle Änderungen wie ein Anstieg des
Kurzzeitstresshormons Adrenalin und des Dauerstresshormons Kortisol können
starke Veränderungen des Verhaltens und Erlebens bewirken. Andererseits können
auch äußere Umstände wie belastende Lebensbedingungen zu hormonellen Veränderungen
führen. Bei erhöhtem Stress findet man oft einen erhöhten Kortisolspiegel, bei
chronischem Stress dagegen einen gesenkten Kortisolspiegel als Ausdruck der
Erschöpfung. Ein veränderter Kortisolspiegel führt auch zu einer Veränderung in
der Wahrnehmung von Schmerzreizen.
Stressoren wie hoher Arbeitsdruck, familiäre
Belastungen oder großer Lärm führen zu Veränderungen der
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (verstärkte oder verminderte
Ausschüttung von Kortisol) und in der Folge zu psychosomatischen Störungen wie
etwa chronischen Unterleibsschmerzen bei Frauen. Die wechselseitigen
Zusammenhänge zwischen dem Verhalten und Erleben einerseits und dem endokrinen
System (Hormonsystem) andererseits werden in der Psychoneuroendokrinologie
untersucht.
Immunsystem
Das Immunsystem bewahrt uns vor Krankheiten, indem es körperfremde und
veränderte körpereigene Stoffe erkennt und diese durch bestimmte Substanzen,
spezialisierte Zellen und andere Mechanismen abwehrt und bekämpft. Dabei passt
sich das Immunsystem an unsere aktuellen Bedürfnisse und an unsere Lebensumwelt
an. Die weißen Blutkörperchen sind die zentralen Träger der Immunabwehr.
Wenn die Immunreaktion auf innere oder äußere pathologische Einflüsse zu
stark oder zu schwach ist, werden wir krank. Bei einem äußeren pathologischen
Einfluss kommt es zu Infektionskrankheiten, wenn das Immunsystem zu schwach
ist, und zu Allergien, wenn das Immunsystem überschießend reagiert. Bei einem
inneren pathologischen Einfluss kommt es zu Krebs, wenn das Immunsystem zu
schwach ist, und zu Autoimmunerkrankungen (z.B. chronische Polyarthritis,
multiple Sklerose), wenn das Immunsystem zu stark reagiert.
Immunsystem und Psyche stehen in enger wechselseitiger Interaktion: Einerseits
beeinflussen Stress und Emotionen unser Immunsystem (z.B. verminderte Abwehrkräfte
gegenüber pathologischen Einflüssen), andererseits beeinflussen Immunreaktionen
unsere Befindlichkeit (z.B. erhöhtes Schmerzempfinden) und unser Verhalten
(z.B. Müdigkeit). Die Wechselwirkungen zwischen Immunsystem und Psyche sind von
großer Relevanz für das Verständnis vieler Krankheiten, insbesondere auch für
psychosomatische Störungen.
Wenn Stress zu psychosomatischen Erkrankungen führt, ist dies so zu
erklären, dass das Immunsystem über komplizierte Prozesse geschwächt und der
Körper krankheitsanfälliger wird. Akuter kurz dauernder Stress bewirkt schon
nach fünf Minuten Veränderungen verschiedener Immunwerte, die sich allerdings
nach Beendigung der Stresssituation innerhalb einer Stunde wieder
normalisieren. Anhaltende Belastungsfaktoren wie Ehekonflikte, Pflege schwer
kranker Angehöriger, Verlust von Angehörigen, ständige berufliche Überforderung
oder andere belastende Lebensereignisse führen dagegen als Folge der
immunologischen Veränderungen zu krankheitswertigen Störungen. Bei chronischem
Stress ist das Immunsystem oft so erschöpft, dass sogar ein Schnupfen oder eine
Wundheilung länger als nötig dauern. Die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen
dem Erleben und Verhalten einerseits und dem Immunsystem andererseits werden in
der Psychoneuroimmunologie untersucht.
Psychologische
Aspekte
Im Folgenden
werden einige Begriffe und psychologische Konzepte vorgestellt, die für den
Bereich der Psychosomatik große Bedeutung erlangt haben.
Konversion
Der Begriff der
Konversion bezeichnet die Umsetzung eines seelischen Konflikts in körperliche
Symptome. Ein nicht lösbarer Konflikt
zwischen verschiedenen Bestrebungen führt aufgrund des massiven inneren
Spannungszustands zu einem körperlichen Symptom, das vom Betroffenen nicht
verstanden wird, dessen Funktion aber von einem Therapeuten aufgedeckt werden
kann. Es handelt sich sozusagen um eine körpersprachlich
vermittelte Symbolisierung eines inneren Konflikts. Der Vorgang der
Konversion erfolgt unbewusst und dient der Vermeidung des unangenehmen oder
unerträglichen unbewussten Konflikts. Eine derartige Befreiung des Menschen von
schweren inneren Spannungen wird „primärer Krankheitsgewinn“ genannt. Als
„sekundären Krankheitsgewinn“ bezeichnet man die in psychosozialer Hinsicht
positiven Folgen der Erkrankung für den Betroffenen. Ein Beispiel soll hier
genügen: Eine nichtorganische Gangstörung kann etwa die Schwierigkeit
ausdrücken, bestimmte Dinge allein zu unternehmen. Letztlich beruhen viele
Redewendungen, wie sie bei der Beschreibung der verschiedenen Organstörungen
angeführt werden, auf einem konversionsneurotischen Erklärungsmodell (z.B.
„Nicht auf eigenen Füßen stehen können“). Das Konversionsmodell erklärt nur
ganz bestimmte Symptombildungen und keineswegs die Mehrzahl psychosomatischer
Störungen, wie dies früher von der Psychoanalyse behauptet wurde und auch
gegenwärtig in der Populärliteratur noch häufig vermittelt wird.
Somatisierung
Unter
Somatisierung versteht man die Tendenz, körperliches Unbehagen und Symptome
ohne ausreichende organische Ursache intensiv zu erleben, anderen zu kommunizieren,
sie einer körperlichen Erkrankung zuzuschreiben und deshalb eine
organmedizinische Behandlung anzustreben. Somatisierung wird wie Angst oder Depressivität
als fundamentaler menschlicher Mechanismus gesehen, auf subjektiv belastende
Lebensumstände zu reagieren. Während beim Konversionsmodell ein unbewusster
Konflikt angenommen wird, der sich symbolisch in Form bestimmter Symptome
äußert, enthält der Begriff der Somatisierung keine spezifischen Erklärungsmodelle,
Symptome, Einstellungen und Verhaltensweisen.
Emotionen
Die Art und
Weise, wie Menschen mit ihren Gefühlen umgehen, wurde schon immer als bedeutsam
für die Entstehung und den Verlauf funktioneller (somatoformer und
dissoziativer) Symptome und psychosomatischer Störungen im engeren Sinne
angesehen. Die Konzepte der Verdrängung, der Alexithymie und der negativen
Affektivität sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig.
Verdrängung
stellt nach Sigmund Freud den Versuch dar, unangenehme Gefühle und
Vorstellungen vom Bewusstsein fernzuhalten – was aber nicht vollständig gelingt,
denn das Verdrängte kehrt schließlich in Form von Symptomen zurück. Heute wird
das Phänomen der Verdrängung auch von nichtpsychoanalytischen Autoren
anerkannt, theoretisch jedoch anders erklärt und mit dem Begriff der
Unterdrückung gleichgesetzt. Nach verschiedenen Studien und klinischen
Erfahrungen führt die Unterdrückung von Gefühlen zu einer erhöhten körperlichen
Anspannung. Die Auseinandersetzung mit Gefühlen – etwa durch Tagebuch-Schreiben
in Form einer emotional betonten Erlebnisverarbeitung – führt auch zu einer
kognitiven Neubewertung negativer Erfahrungen und damit zu erhöhtem
körperlichem und seelischem Wohlbefinden.
Alexithymie
bezeichnet die Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und
auszudrücken sowie die Schwierigkeit, Emotionen und körperliche Empfindungen
voneinander zu unterscheiden. Es gehört zum Charakteristikum der Somatisierung,
dass Patienten mit psychosomatischen Störungen auf psychisch belastende
Lebensereignisse primär mit körperlichen anstatt mit seelischen Beschwerden
reagieren. Eine typische Alexithymie-Problematik weist jemand auf, der von
Schwitzen, Herzklopfen, Benommenheit, Übelkeit und einem flauen Gefühl im Magen
berichtet, aber nicht weiß, dass er Angst oder Wut hat und über diese Symptome
seine innere Befindlichkeit ausdrückt.
Negative
Affektivität bedeutet, dass bestimmte Menschen auf Belastungen bevorzugt mit
negativen Affekten wie Ärger, Feindseligkeit, Abscheu oder Schuld reagieren und
diese Befindlichkeit vor allem in Form körperlicher Symptome erleben und
ausdrücken. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen scheint vor allem der falsche
Umgang mit Ärger und Feindseligkeit krankheitsbegünstigend zu wirken.
Übertriebene
Symptomwahrnehmung – somatosensorische Verstärkung
Mit dem Begriff
„somatosensorische Verstärkung“ wird bei somatoformen Patienten eine bestimmte Wahrnehmung
und Bewertung körperlicher Empfindungen bezeichnet, die dazu führt, dass
normale Körperreaktionen überbewertet, als Anzeichen für eine körperliche
Bedrohung interpretiert und daher gefürchtet werden. Sensorische Reize wie
Kälte oder Hitze, Herzklopfen, Schwitzen, Schwindel, Seitenstechen oder
Bagatellkrankheiten wie Kopf- oder Bauchschmerzen führen zur Einengung der
Aufmerksamkeit auf die entsprechenden körperlichen Empfindungen. Die momentanen
körperlichen Zustände werden extrem wahrgenommen oder sogar krankhaft
überbewertet. Untersuchungen haben gezeigt, dass emotionaler Stress als
Auslöser dienen kann. Oft spitzt sich die Situation zusätzlich zu, weil
Außenreize wie Freizeitaktivitäten oder Sozialkontakte fehlen oder nicht
attraktiv genug erscheinen.
Eine
derartige Angst machende Symptomwahrnehmung kann auch bei körperlich Kranken
wie etwa bei Patienten nach einem Herzinfarkt oder einer Lungenembolie
auftreten; dann nämlich, wenn sie mit bestimmten Körpersensationen nicht
umgehen können, weil diese sie immer wieder an die ehemals lebensbedrohliche
Erfahrung erinnern.
Abnormes und chronisches Krankheitsverhalten
Menschen mit
einem abnormen Krankheitsverhalten
bewerten und erleben sich als krank, obwohl der Arzt wiederholt darauf
aufmerksam gemacht hat, dass kein Grund zur Besorgnis besteht. Die Betroffenen
halten jedoch weiterhin an organmedizinischen Erklärungsmodellen fest und
ersuchen ständig bei allen möglichen Ärzten und Einrichtungen nach
dementsprechenden Behandlungen.
Bei chronischen
Erkrankungen entwickelt sich oft ein „chronischen Krankheitsverhalten“, das
durch folgende Verhaltensweisen charakterisiert ist:
·
Die Menschen werden
immer passiver, hilfloser und verlieren das Vertrauen in eigene
Bewältigungsstrategien;
·
sie tendieren dazu,
sich zu schonen und vermeiden körperliche und soziale Aktivitäten sowie
Alltagsverpflichtungen aus Angst vor Überforderung;
·
sie beanspruchen
ständig verschiedene ambulante und stationäre medizinische Einrichtungen und
wollen permanent diagnostiziert und behandelt werden;
·
sie verlangen von
ihrer sozialen Umwelt eine übertriebene Fürsorge und Aufmerksamkeit;
·
sie neigen zu
Medikamentenmissbrauch.
Chronischer Stress
Chronischer
Stress bewirkt eine Erschöpfung des Organismus und macht den Körper anfälliger
für Kreislaufschwäche und vegetative Übererregbarkeit – der Nährboden für künftige psychosomatische Symptome! Durch ein
allgemein hohes Anspannungsniveau können schon alltägliche Stresssituationen,
die in anderen Zeiten und Situationen problemlos bewältigt wurden, zum Auslöser
von körperlichen Symptomen werden. Es ist jedoch falsch, somatoforme Störungen
und psychosomatische Erkrankungen im engeren Sinne generell als
Stresskrankheiten zu bezeichnen. Die Betroffenen haben oft nicht mehr Stress
als andere Personen, sondern erleben und bewerten bestimmte Situationen nur
belastender als diese.
Die Bedeutung
von Stress für die Entstehung psychosomatischer Erkrankungen muss angesichts
von einseitigen reinen Psychogenese-Modellen klar formuliert werden: Stress ist
bei keiner einzigen psychosomatischen Störung die spezifische Ursache der
Erkrankung, sondern ist „nur“ eine unterstützende Bedingung für den Ausbruch
der Krankheit. Anders gesagt: Stress ist dann ein krankheitsauslösender Faktor,
wenn andere Aspekte wie etwa eine bestimmte genetische Veranlagung oder eine
oft langjährige körperliche Entwicklung den Boden dafür bereiten.
Es besteht ein
enger Zusammenhang zwischen Stress und Immun- bzw. Hormonsystem: übermäßiger
Stress beeinflusst es negativ. So gesehen kann sich chronischer Stress bei
allen möglichen körperlichen Störungen krankheitsverschärfend auswirken.
Umgekehrt sind chronische Krankheiten ebenfalls als Stressoren anzusehen, vor
allem die damit verbundenen Einschränkungen, die Therapieanforderungen, die
Krankenhausaufenthalte, die Ungewissheit über den weiteren Verlauf und die
ständige Abhängigkeit vom medizinischen Versorgungssystem.
Kritische Lebensereignisse
Bestimmte
kritische Ereignisse im Laufe des Lebens („Life Events“) wie etwa der Verlust eines
Elternteils, schwere Erkrankungen in der Familie, Scheidung, Kündigung oder
Umzug können somatoforme und psychosomatische Erkrankungen auslösen,
aufrechterhalten oder verschlimmern. Beginn und Ende des jeweiligen Ereignisses
sind relativ eindeutig, die Folgen können aber dennoch nicht verkraftet werden.
Bei chronischen
Belastungen wie etwa anhaltender Gewalt in der Familie, Alkoholabhängigkeit
eines Elternteils oder des Partners, chronischen Erkrankungen von Familienangehörigen
oder andauernder Überforderung in der Familie spricht man von chronischen
Stressoren; ihr Auftreten und Ende ist aus der Sicht des Betroffenen nicht
vorhersehbar, nicht beeinflussbar und daher auch nicht kontrollierbar.
Kontrolle und Beeinflussung der Lebenssituation
Krank machen
nicht die Lebensereignisse und Belastungen an sich, sondern das Gefühl, die
Kontrolle darüber verloren zu haben und keinen Einfluss darauf zu haben. Die
Kontrolle von Situationen und die Erwartung, durch eigenes Handeln eine bestimmte
Wirkung erzielen zu können, ist in psychosomatischer Hinsicht ein zentraler
Aspekt, der das Erkrankungsrisiko und den Gesundungsprozess beeinflusst und
somit den Verlauf von Krankheiten bestimmt. Das psychosoziale Umfeld und der
individuelle Umgang mit Belastungen und körperlichen Beschwerden sind damit
wichtige Quellen für die Entstehung und Bewältigung psychosomatischer
Störungen. So steigt etwa das Herzinfarktrisiko durch eine unkontrollierbare
Arbeitssituation mit viel Stress und wenig Gehalt. Dadurch erhöht sich auch die
Wahrscheinlichkeit von Bluthochdruck, Schmerzstörungen wie Fibromyalgie,
funktionellen Magen-Darm-Störungen und Erschöpfungszuständen
(Burn-out-Syndrom). Schmerz- oder Tinnitus-Patienten erleben ihre Symptome
durch diese Hilflosigkeit und mangelnde Beeinflussbarkeit noch schlimmer. Nach
verschiedenen Studien kann der Verlauf von Krankheiten durch psychologische
Variablen wie Kontrollverlustgefühle, Depression oder Angst oft besser
vorhergesagt werden als durch organmedizinische Merkmale. Es ist daher ein
zentrales Ziel der psychosomatischen Therapie, dem Patienten wieder mehr
Kontrolle über seinen Körper, seine Symptome und seine aktuelle Lebenssituation
zu ermöglichen. Dieser Aspekt wird in der Verhaltensmedizin viel stärker betont
als in der psychoanalytisch orientierten Psychosomatik.
Bestimmte
Erfahrungen in der Kindheit und in der Jugend (vor allem belastende
Lebensumstände wie Verlusterlebnisse, Krankheit, mangelnde Fürsorge, extreme
Überbehütung, sozioökonomisch ungünstige Entwicklungsvoraussetzungen) können
die Entwicklung von somatoformen und psychosomatischen Störungen vorbereiten.
Auch die Art und Weise, wie die Umwelt auf
verschiedene Körpersymptome reagiert, prägt und verstärkt möglicherweise die
Symptomatik und das jeweilige Krankheitsverhalten:
häufige Zuwendung der Eltern auf bestimmte körperliche Vorgänge beim Kind,
häufige Anweisungen der Mutter, sich warm anzuziehen und auf die richtige
Ernährung zu achten etc.
Eine bestimmte Form der Symptomverstärkung führt zum Phänomen des so
genannten „sekundären
Krankheitsgewinns“. Gemeint sind dabei die angenehmen Folgen der
Symptome, z.B. Entlastung, Schonung, Mitleid, Zuwendung, Krankenstand. Die
Umwelt reagiert auf die Symptome in einer Weise, dass sie zu deren Aufrechterhaltung
beiträgt.
Verschiedene funktionelle Störungen wie Ohnmachtsanfälle, Übelkeit oder
ständiger Harndrang können auch durch „Modelllernen“ entstehen, das heißt durch
Beobachtung und Nachahmung des Verhaltens emotional bedeutsamer Personen. Die
Betroffenen müssen die bedrohliche Krankheitserfahrungen keinesfalls selbst
gemacht haben, sondern können die Gefühle einer Gefährdung auch rein durch das
Beobachten anderer entwickelt haben (z.B. schwerwiegende Erkrankungen oder Behinderungen von Familienmitgliedern; in der Familie lebende Großmutter mit
Krebserkrankung oder Alzheimer-Erkrankung; Mutter mit niedrigem Blutdruck
und/oder Schwindelzuständen, die sich ständig hinlegt).
Soziale
Unterstützung
Soziale Unterstützung durch vertraute Menschen oder eine soziale Gruppe
ist für die körperliche und geistige Gesundheit immens wichtig. Ein Fehlen
wirkt sich bei körperlichen, psychischen und psychosomatischen Erkrankungen
recht negativ auf den Genesungsprozess aus. Die Art der sozialen Einbettung
bestimmt also sehr wesentlich, wie gut eine Krankheit verarbeitet werden kann.
Dies zeigt sich beispielsweise bei Emigranten, Minderheiten oder ganz allgemein
bei chronischen Erkrankungen sehr deutlich.
Traumatisierung
Körperliche und sexuelle Traumatisierungen führen häufig zu somatoformen
und psychosomatischen Störungen, weil sie Veränderungen in der Bewertung und im
Erleben bestimmter körperlicher Vorgänge zur Folge haben. Frauen mit sexuellen
Missbrauchserfahrungen in der Kindheit und in der Jugend neigen im späteren
Leben verstärkt zu Angst- und Panikstörungen, Depressionen, Sexualstörungen,
Missbrauch oder Abhängigkeit von Substanzen sowie zu Magen-Darm-Beschwerden
oder chronischen Unterleibsschmerzen. In der Herkunftsfamilie und in aktuellen
Familiensituationen der Betroffenen finden sich auch gehäuft Alkoholprobleme,
was die Wahrscheinlichkeit von körperlichen Gewalterfahrungen erhöht.
Neben sexueller und körperlicher Gewalt gelten
auch viele andere Erfahrungen im späteren Leben als körperlich und seelisch
traumatisierend (z.B. Verkehrs- oder Berufsunfall, Überschwemmung,
Verschüttung, Kriegserfahrungen, demütigende Haftbedingungen).
Subjektive Gesundheits- und Krankheitsmodelle
Unter einem „subjektiven
Krankheitsmodell“ versteht man all das, was ein Patient über Ursachen, Verlauf,
Risiken und Einflussmöglichkeit seiner Krankheit und überhaupt allgemein über
Gesundheit denkt und weiß. Dies beeinflusst maßgeblich, wie die Krankheit
verläuft, wie aktiv oder passiv mit ihr umgegangen wird und wie gut die
Behandlungsmaßnahmen greifen.
Vor allem Menschen mit somatoformen Störungen haben oft auch einen zu
engen und verschärften Gesundheitsbegriff. Sie sehen
·
Gesundheit als völlige Symptomfreiheit („Ich bin gesund, wenn ich nichts
spüre und keine körperlichen Empfindungen habe“), was zu übertriebenen
Ansprüchen an die moderne Medizin führt,
·
unspezifische und mehrdeutige Körpersignale als Zeichen einer Krankheit,
·
körperliche Symptome als Zeichen von körperlicher Schwäche.
Viele Menschen mit somatoformen Störungen haben Krankheitsängste im Sinne
einer Hypochondrie, was auf übertriebenen Gesundheitsvorstellungen,
Fehlinterpretationen harmloser körperlicher Symptome oder nicht verarbeiteten
Lebenserfahrungen in Bezug auf die eigene Person oder Menschen der sozialen
Umwelt beruht. Diese hypochondrischen Befürchtungen verschwinden nicht einmal
dann, wenn die körperliche Gesundheit durch intensive Untersuchungen eindeutig
festgestellt wurde, sondern müssen in einer Psychotherapie bearbeitet werden.
Negatives
Selbstkonzept
Das
Selbstverständnis, schwach, nicht belastbar oder körperlich verletzlich zu
sein, führt zu einer geringen Toleranz gegenüber allen möglichen körperlichen
Missempfindungen, die Ausdruck von erhöhtem Stress sein können.
Viele Menschen
mit somatoformen und psychosomatischen Störungen weisen ein schwer gestörtes
Körpererleben auf. Sie nehmen oft weder positive noch negative
Körperempfindungen adäquat wahr, vermeiden manchmal sogar jede bewusste
körperliche Wahrnehmung („Wenn ich nichts spüre, muss ich mich nicht
fürchten“), lehnen den Körper ab („Ich mag nicht, wie ich ausschaue“) oder
meiden bestimmte Körperbereiche wie etwa die Sexualregion („Ich ekle mich
davor, mich nackt anzuschauen“), den Bauch („Ich fühle mich zu dick“) oder den
Blasen- bzw. Magen-Darm-Bereich („Wenn ich darauf achte, muss ich gleich auf
die Toilette gehen“). Bei körperlichen Erkrankungen wie etwa Neurodermitis oder
Krebs kann durch die sichtbaren Beeinträchtigungen bzw. die erfolgten
Operationen ein sehr belastendes Gefühl der körperlichen Entstellung oder
Verstümmelung auftreten.
Gesundheitsschädigendes Verhalten
Krankheiten wie
Herz-Kreislauf-Störungen, koronare Herzerkrankungen oder Diabetes werden oft
durch Rauchen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, Bewegungsmangel, falsche
Ernährung und Übergewicht begünstigt. Die bloße rationale Vermittlung von
Gesundheitsrisiken bzw. Drohungen mit Krankheitskomplikationen reichen oft
nicht aus, um Risiko-Patienten zu einem gesundheitsförderlichen Verhalten zu
bewegen. Effektive Maßnahmen zur Förderung der Eigenverantwortung und zur Modifikation
gesundheitsschädlichen Verhaltens sind daher zentrale Aufgaben des
Gesundheitssystems.
Krankheitsbewältigung (Coping)
Im Umgang mit
Krankheit bestehen grundsätzlich drei Handlungsmöglichkeiten: aktive
Auseinandersetzung, Verleugnung und hilflose Unterwerfung. Der Begriff der
Krankheitsbewältigung umfasst alle Bemühungen, mit den Belastungen durch eine
Krankheit umzugehen, diese zu beseitigen, zu vermindern oder wenigstens besser
erträglich zu machen. Jeder, der eine länger dauernde oder chronische Krankheit
hat, muss diese in irgendeiner Form bewältigen lernen. Dieser Prozess wird Krankheitsmanagement
oder Coping, das heißt Bewältigung, genannt. Über den Weg der
Auseinandersetzung mit der Erkrankung, deren emotionaler Bewältigung und Integration
in den ganzen Lebenskontext kann im Laufe der Zeit wieder mehr Lebensqualität
entstehen. Dies ist gerade bei chronischen Erkrankungen wie Schmerzen, Krebs,
koronaren Herzkrankheiten, Diabetes mellitus oder Asthma sowie bei Zuständen
nach Erkrankungen des Gehirns von großer Bedeutung.
Salutogenese – gesund werden
Häufig geht es
in der Psychosomatik um die Frage, warum Menschen krank werden. Das Konzept der
Salutogenese stellt die Frage gerade umgekehrt: Warum bleiben manche Menschen
selbst unter widrigsten Umständen gesund und können selbst schwerste
Krankheiten ganz gut bewältigen? Der salutogenetische Ansatz sucht nach
Persönlichkeitsvariablen, Verhaltensweisen und Bewertungsprozessen, die zur
Erhaltung der Gesundheit beitragen und die körperliche Belastbarkeit steigern.
In diesem Zusammenhang wird mit dem Begriff des Kohärenzgefühls ein wichtiges
Merkmal zum Gesundsein sowie zur Bewältigung von Krankheiten bezeichnet. „Kohärenzgefühl“
bezeichnet das Gefühl, einen inneren Zusammenhalt zu haben, sich stimmig zu
fühlen und einen Sinn im Leben zu sehen. Ein hohes Kohärenzgefühl besteht im
Bewusstsein, dass Lebensabläufe strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind
(was Sinnhaftigkeit und Verstehbarkeit ermöglicht), dass Möglichkeiten zur
Bewältigung von Problemen und zur Befriedigung wichtiger Bedürfnisse bestehen
und dass Probleme bestimmte Herausforderungen darstellen, die lösbar sind (was
Bewältigbarkeit vermittelt). Menschen mit einem hohen Kohärenzgefühl sind
weniger anfällig für Krankheiten und können vorhandene Krankheiten besser
bewältigen.
Therapeutische Aspekte
Grundsätzlich umfasst eine psychosomatische Behandlung drei Wege zur
Heilung:
1.
Beeinflussung der Organe. Die beeinträchtigten Organe müssen in ihrer Funktionsfähigkeit wieder
hergestellt werden (durch medizinische Maßnahmen, physiotherapeutische
Trainingsprogramme, psychologische Interventionen o.ä.).
2.
Beeinflussung des Umfeldes
der Organe. Der krank machende psychosoziale
Hintergrund, auf dem sich eine Organstörung entwickelt hat, muss ebenfalls
verändert werden, wenn eine dauerhafte Heilung oder wenigstens eine
Symptomlinderung gelingen soll. Hier setzen interaktionsorientierte Therapien
wie etwa eine Partner- oder Familientherapie und psychosoziale
Begleitmaßnahmen, beispielsweise eine berufsbezogene Beratung, an.
3.
Neugestaltung der Beziehung zum Organ. Psychosomatisch Kranke müssen eine bessere Beziehung zu ihrem Körper im
Allgemeinen und zum gestörten Organbereich im Besonderen entwickeln; sie
sollten aber auch neue Denk- und Verhaltensweisen erlernen, die ein gesünderes
Leben ermöglichen. Hier sind bestimmte Formen einer Einzelpsychotherapie
hilfreich, die den Körper, die Gefühle und die Denkmuster gleichermaßen
berücksichtigen.
Der psychosomatische Heilungsprozess verläuft in vier Phasen. Der erste
Schritt ist, seine psychosomatischen Probleme besser verstehen zu lernen. Der
zweite Schritt sollte darin bestehen, die vorhandenen Fähigkeiten und
Ressourcen zu möglichen Veränderungen zu nutzen, anstatt sich deprimiert als
organisch oder psychisch „defekt“ zu erleben. Der dritte Schritt erfordert oft
Entscheidungen, sein Leben und seine Einstellungen zu ändern, um den
psychosomatischen Störungen den Nährboden zu entziehen. Der vierte Schritt
besteht in den notwendigen Maßnahmen zur Heilung oder zur Verbesserung der
Lebensqualität.
Im Vergleich zu Patienten
mit primär psychischen Erkrankungen wie etwa Angststörungen weisen jene mit
somatoformen und psychosomatischen Störungen meist eine geringere
Psychotherapiemotivation auf. Diese muss als Teil der Therapie erst entwickelt
und gestärkt werden. Entscheidend, ob und wann der Patient bereit ist, eine
Psychotherapie zu beginnen, ist nicht alleine der Leidensdruck, sondern
vielmehr sein subjektives Krankheitsverständnis über die Ursachen der Störung
und der möglichen Heilungschancen.
Eine
psychologisch-psychotherapeutische Behandlung baut auf einer genauen
Verhaltens- und Problemanalyse auf; zunächst muss also das gesamte Bedingungsgefüge
der jeweiligen Störung erfasst werden. Welche körperliche Symptomatik und
welche Befindlichkeit liegen vor? Wie geht der Betroffene mit seinen Symptomen
und Beschwerden um und wie erklärt er sich diese? Welche Gefühle und Denkmuster
stehen in Verbindung mit den aktuellen Symptomen? Welche subjektiven Krankheitsmodelle
und Gesundheitsvorstellungen sind vorhanden? Welche Faktoren haben die Störung
insgesamt ausgelöst, halten sie aufrecht oder verschlimmern sie sogar? In
welchen familiären, partnerschaftlichen, sozialen und beruflichen Kontext ist
die Störung eingebettet? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen körperlichen,
seelischen und sozialen Faktoren? Welche Konsequenzen haben die Beschwerden,
welche Folgen hätte eine Beseitigung oder Linderung des Leidens? Was sind erste
und was weitere Ziele der Behandlung?
Therapeut und Patient planen gemeinsam eine individuell ausgerichtete psychologische Behandlung bzw. Psychotherapie, die je nach Erfordernis die im Folgenden angeführten Bestandteile umfasst:
· Klärung der Therapieziele. Anstelle globaler, unklarer und unrealistischer Therapieziele („Am besten wieder ganz gesund werden und so sein wie früher“) müssen konkrete, erreichbare und überprüfbare Ziele entwickelt werden („Mit den Schmerzen besser umgehen lernen“). Größere Ziele müssen in kleinere Teilziele zerlegt werden, um Erfolgserlebnisse zu garantieren und die Hoffnung auf weitere Veränderungen zu verstärken.
· Informationsphase. Die Betroffenen, die gewöhnlich kein Verständnis für die Körper-Seele-Zusammenhänge haben und somit kein plausibles und hilfreiches Störungsmodell kennen, müssen ein adäquates biopsychosoziales Krankheitsverständnis erlangen, um an der Gesundung aktiv mitwirken zu können. Die Erkenntnis, seine Symptome beeinflussen zu können, stärkt das Vertrauen des Patienten in die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Durch eine umfassende Aufklärung (Psychoedukation) über alle möglichen Aspekte der jeweiligen Störung soll aus einem „Leidenden“ ein aktiv Handelnder werden, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und nicht passiv auf rein organmedizinische Interventionen wartet.
· Selbstbeobachtungsbögen und Symptomtagebücher. Zur besseren Einsicht in die Zusammenhänge zwischen den aktuellen Symptomen und den eigenen Gefühlen, Denk- und Verhaltensmustern sowie den psychosozialen Lebensbedingungen sollen die Betroffenen Symptombeobachtungsbögen und Symptomtagebücher führen.
· Kognitive Therapie. Im Mittelpunkt der kognitiven Verfahren steht die Analyse und Veränderung von Gedanken und Überzeugungen bezüglich der Ursachen, Bewältigungsmöglichkeiten und Folgen von Symptomen. Eine Veränderung der Ursachenzuschreibungen, das heißt eine Umbewertung der jeweiligen Symptome von einem organmedizinischen Erklärungsmodell zu einem psychophysiologischen Störungsmodell, ist von entscheidender Bedeutung für die Mitarbeit des Patienten in der Therapie. Annahmen wie „Gleich falle ich bewusstlos um“ verlieren durch alternative Erklärungen („Meine Nackenmuskulatur ist ganz verspannt“) ihre Angst machende Wirkung. Wichtig ist auch die Erarbeitung eines realistischen Gesundheitsbegriffs. Nach der Erfassung der zentralen Glaubenssätze hinsichtlich Gesundheit sollen adäquatere/realistischere Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit entwickelt werden.
· Verhaltensexperimente. Vor allem somatoforme Patienten mit hypochondrischen Tendenzen müssen durch verschiedene Provokationsübungen (z.B. rasche Bewegungen oder Hyperventilation) unbedenkliche Körpermissempfindungen wie etwa Herzrasen, Atemnot oder Schwindel besser tolerieren lernen.
· Körpertherapie. Körpertherapeutische Verfahren wie etwa Feldenkrais-Methode, Konzentrative Bewegungstherapie, Bioenergetik, Gestalttherapie oder Physiotherapie ermöglichen eine verbesserte Wahrnehmung und Kontrolle des Körpers.
· Entspannungstherapie. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedbackverfahren, Selbsthypnose, Imaginationstechniken, Meditation, Atemtechniken und Körperwahrnehmungsübungen ermöglichen mehr innere Ruhe und Entspannung.
· Aktivitätsaufbau und Abbau von Schonverhalten. Eine stufenweise Aktivierung soll die körperliche Fitness steigern, das körperliche Selbstbewusstsein stärken und die häufigen Vermeidungsreaktionen vermindern.
· Besserer Umgang mit Stress. Ein Stressbewältigungstraining dient der Vorbeugung zukünftiger Überforderungsgefühlen und Resignationstendenzen.
· Adäquater Umgang mit Emotionen. Die bessere Wahrnehmung und der adäquate Ausdruck von Gefühlen (z.B. Hilflosigkeit, Lustlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit, Enttäuschung, Wut, Ärger, Ekel, Einsamkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit) wird durch ein Emotionstraining eingeübt.
· Konfliktorientierte Therapie. Somatoforme Symptome und psychosomatische Störungen im engeren Sinne werden oft durch bestimmte innere Konflikte wie etwa einander widersprechende Wünsche und Bedürfnisse ausgelöst oder verstärkt, sodass durch eine entsprechende Bearbeitung eine Beseitigung des Konfliktdrucks erreicht werden kann.
· Traumatherapie. Viele Patientinnen mit somatoformen und psychosomatischen Störungen sind Opfer sexueller und/oder körperlicher Gewalt im Kindes-, Jugend- oder Erwachsenenalter und benötigen eine spezielle Therapie zur besseren Verarbeitung ihrer traumatisierenden Erlebnisse.
· Verbesserung der Selbstsicherheit. Ein soziales Kompetenztraining soll eine bessere Durchsetzungsfähigkeit in Sozialkontakten ermöglichen und das durch die Krankheit häufig beeinträchtigte Selbstwertgefühl wieder aufbauen helfen.
· Bewältigung familiärer Probleme (Partner- oder Familientherapie). Eine familien- oder paarbezogene Therapie kann zentrale Ursachen oder negative Folgen der jeweiligen Störung beseitigen helfen.
· Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität. Zielführende Strategien (z.B. verstärkte Beschäftigung mit Hobbys, Aktivierung früherer Interessen, Aufbau eines Freundeskreises) sollen das körperliche und seelische Wohlbefinden erhöhen.
· Maßnahmen in Bezug auf den Beruf. Rehabilitative Maßnahmen zur Steigerung der beruflichen Leistungsfähigkeit sollen bei Bedarf den beruflichen Wiedereinstieg erleichtern.
·
Maßnahmen zur Rückfallprophylaxe. Die
Patienten sollen auf eine ausgewogene
Lebensführung achten, um eine Rückkehr oder eine Verschlechterung der
Symptome zu verhindern.
Psychosomatische
Störungen werden durch eine klinisch-psychologische Behandlung und eine
Psychotherapie in Zusammenarbeit mit Ärzten angemessen behandelt. In
Deutschland sind drei so genannte Richtlinienverfahren zugelassen, die von den
Krankenkassen finanziert werden: Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und tiefenpsychologisch
fundierte Psychotherapie. In Österreich sind dagegen 18 Psychotherapiemethoden
staatlich anerkannt.
TEIL
2: DIE VIELEN GESICHTER DER PSYCHOSOMATISCHEN
STÖRUNGEN
„Der Körper ist
der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.“
Christian Morgenstern
Im Mittelpunkt des
Buches steht die Beschreibung zahlreicher somatoformer und psychosomatischer
Störungen im engeren Sinne, differenziert nach verschiedenen Organbereichen
(Herz, Blutdruck, Atmung, Magen, Darm, Blase, Haut, Frauenorgane, Ohren, Hals,
Nase, Stimme, Augen, Zähne, Bewegungsapparat), sowie die Präsentation der
organübergreifenden Schmerzstörungen. Dabei wird auch auf psychosomatische
Erklärungsmodelle und Behandlungsansätze Bezug genommen.
Die Darstellung
folgt einem einheitlichen Schema:
·
anschauliches Beispiel
für den jeweiligen Bereich,
·
allgemeine Hinweise
auf Körper-Seele-Zusammenhänge,
·
funktionelle Störungen
(somatoforme und dissoziative Störungen),
·
organisch fundierte
Störungen (psychosomatische Störungen im engeren Sinne und somatopsychische Störungen),
·
psychosomatische
Konzepte (psychologische Faktoren, therapeutische Strategien).
Wenn sich alles um das Herz dreht
„Gib Worte
deinem Schmerz: Gram, der nicht spricht, presst das beladene Herz, bis dass es
bricht.“
William Shakespeare,
Macbeth
Herzphobie – Todesangst trotz gesunden Herzens
Herr Weber ist
Elektroinstallateur auf Montage, 36 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder.
Seit sieben Jahren leidet er unter Schmerzen im Herzbereich, ohne dass eine
organische Ursache gefunden werden kann. Vor allem das Herzrasen, Herzklopfen
und die Herzrhythmusstörungen interpretiert Herr Müller als nahen Herzinfarkt.
Die Symptomatik trat erstmals zwei Monate nach dem plötzlichen Herztod seines
Vaters auf. Ein Onkel hat bereits zwei Bypass-Operationen hinter sich, der
Bruder leidet unter Bluthochdruck und muss Medikamente nehmen. Herr Weber
fürchtet sich vor einem ähnlichen Schicksal und lässt etliche Untersuchungen in
verschiedenen Krankenhäusern vornehmen – inklusive einer an sich unnötigen Herzkatheter-Untersuchung,
die auf seinen drängenden Wunsch hin durchgeführt wird. Herr Weber spürt auch
einen ökonomischen Druck, weil das neue Haus noch zurückgezahlt werden muss.
Die Entscheidung, auf lukrative Montage zu gehen, war letztlich eine Geldfrage –
mit dem hohen Preis der Entfremdung von seiner Frau. Diese geht in seiner
häufigen Abwesenheit gerne mit Freundinnen fort, sodass er befürchtet, sie
könnte sich in einen anderen Mann verlieben. Er selbst hat durch seinen Beruf
genug Möglichkeiten, andere Frauen näher kennen zu lernen, wagt dies aber trotz
seines Verlangens nicht aus Angst, dass seine Ehe dann endgültig scheitern
könnte. Seit einem „Herzanfall“ mit Todesangst in einem Hotel im Ausland hat er
Schwierigkeiten, auswärts allein zu übernachten, was allmählich zu Problemen
mit seinem Chef führt. Ein längerer Krankenstand bringt eine rasche Besserung,
wohl durch das ständige Zusammensein mit seiner Frau; bei Wiederaufnahme der
Berufstätigkeit setzen die Herzbeschwerden jedoch umso heftiger ein, sodass
sein Hausarzt eine Überweisung an einen psychologischen Psychotherapeuten
vornimmt.
„Etwas auf dem Herzen haben“: Herz und Psyche
Das Herz – ein
etwa faustgroßer Hohlmuskel mit vier Hohlräumen – ist von der körperlichen
Funktion her eine Saug-Druck-Pumpe mit zwei hintereinander geschalteten
Pumpsystemen, die den Blutkreislauf regulieren. Es besteht aus zwei Herzkammern
(Ventrikeln) und ihren Vorhöfen. Je ein Vorhof und eine Kammer bilden zusammen
ein Pumpsystem. Der rechte Vorhof saugt das verbrauchte Blut aus den Venen an
und befördert es über die rechte Herzkammer in den Lungenkreislauf, wo es in
den Lungenbläschen mit Sauerstoff angereicht wird. Von der Lunge gelangt das
Blut in den linken Vorhof, die linke Kammer pumpt das Blut dann mit großer Kraft
in die Hauptschlagader (Aorta), von wo es durch die Arterien und Arteriolen in
den Körper weitergeleitet wird. Der Herzmuskel wird durch drei große
Koronararterien versorgt, die an der Wurzel der Aorta entspringen und sich dann
in kleinere Gefäße verzweigen, die sich netzförmig im Herzmuskel verteilen.
Das Herz pumpt
das Blut über die arteriellen Gefäße in den Körper und erhält das Blut über die
venösen Gefäße. Die arteriellen Gefäße werden von der Aorta ausgehend immer
dünner. Über die feinsten Blutgefäße, die Kapillargefäße, wird der Körper mit
Sauerstoff, Nährstoffen, Abwehrzellen, Hormonen und anderen lebenswichtigen
Stoffen versorgt, gleichzeitig werden von dort aus auch die Abbaustoffe wie
etwa Kohlendioxid abtransportiert. Pro Minute werden 4 bis 5 Liter Blut durch
den Körper gepumpt. In Ruhe schlägt das Herz langsamer (bis zu 60mal pro
Minute), bei körperlicher oder seelischer Belastung schneller (bis zu 180mal
pro Minute).
Jeder
Herzschlag besteht aus einer Füllungsphase (Diastole), in der das Blut
aufgenommen wird, und einer Austreibungsphase (Systole), in der das Blut
ausgepumpt wird. Herzklappen, die sich abwechselnd öffnen und schließen,
verhindern, dass das Blut vom Kreislauf in die Kammern und von dort in die
Vorhöfe zurückfließen kann. Der Herzrhythmus wird durch den Sinusknoten am
Anfang des linken Vorhofs reguliert. Der Sinusknoten wird durch das vegetative
Nervensystem beeinflusst: Das sympathische Nervensystem beschleunigt, das
parasympathische Nervensystem verlangsamt den Herzschlag.
Das Herz ist
nicht nur körperlich, sondern auch emotional das Zentrum unseres Körpers. Es
gilt als der Sitz unserer stärksten Gefühle – der Sitz der Liebe, des Mitgefühls
und der Warmherzigkeit. Das Herz wurde seit Jahrtausenden als der Motor des
Lebens und im Altertum und in anderen Kulturen auch als der Sitz der Seele bzw.
des Bewusstseins angesehen. Das Herz ist das
psychosomatische Organ schlechthin.
Die emotionale Bedeutung des Herzens kommt in vielen Redewendungen zum
Ausdruck – hier eine Auswahl: Wir können herzlich, warmherzig, kaltherzig,
weichherzig, hartherzig, offenherzig, halbherzig, leichtherzig oder herzlos
sein. Es kann uns leicht, schwer oder warm ums Herz werden. Unser Herz kann
verhärtet, verschlossen oder für jemanden offen sein. Es kann verschenkt,
gebrochen, gestohlen, verloren oder im Sturm erobert werden. Wir machen etwas
aus vollem Herzen, aber auch weil wir ein gutes Herz haben, unser Herz am
rechten Fleck haben, uns etwas zu Herzen nehmen oder uns etwas am Herzen liegt.
Wir haben jemanden von Herzen gern, schließen ihn in unser Herz, sind mit ihm
ein Herz und eine Seele oder schütten ihm unser Herz aus. Manchmal fassen wir
uns ein Herz, bringen wir etwas nicht übers Herz, haben wir etwas auf dem
Herzen, machen wir unserem Herzen Luft, fällt uns ein Stein von Herzen, lässt
jemand unser Herz höher schlagen oder tut uns das Herz weh. Unser Herz schlägt
vor Aufregung bis zum Hals, bleibt vor Schreck fast stehen, rutscht uns vor
Angst in die Hose, zieht sich aus Beklemmung zusammen, verkrampft sich aus
Anspannung, zerspringt vor Glück, zerreißt fast aus Mitleid oder bricht vor
Schmerz.
Was geschieht
nun aber tatsächlich bei sehr starken Emotionen? Jede körperliche oder
seelische Belastung erhöht grundsätzlich die Aktivität des Herzens. Bei Stress,
Erregung, Ärger, Wut und Angst wird durch das sympathische Nervensystem der
Herzschlag beschleunigt, die Pumpleistung des Herzens erhöht, die
Herzkrankgefäße erweitern sich, der Blutkreislauf steigt. Subjektiv wird dies
als starkes Herzklopfen, Herzrasen oder Herzstolpern, Stechen, Schmerzen oder
Engegefühl in der Brust erlebt.
Als Folge
dessen glauben viele, sich körperlich besonders schonen zu müssen. Die fatalen Folgen: Bald rast das Herz schon bei ganz geringer
Belastung, weil seine fehlende Kraft durch mehr Herzschläge ausgeglichen werden
muss. Ein untrainiertes Herz kann oft keinen ausreichenden Druck mehr durch die
Kraft seiner Kontraktion aufbauen und versucht dann häufig, dies durch eine
vermehrte Schlagzahl auszugleichen, damit der Körper ausreichend durchblutet
wird. Bewegung und Konditionstraining sind sehr wichtig, um Herzrasen und
Atemnot vorzubeugen und das Herz leistungsfähiger zu machen.
Funktionelle
Herzprobleme treten auch bei verschiedenen psychischen Störungen auf. Bei
Panikattacken steht mehrheitlich das als lebensbedrohlich erlebte Herzrasen im
Vordergrund. Bei Depressionen findet man häufig Herzrasen, unregelmäßigen
Herzschlag, Extrasystolen (das sind außerhalb des regulären Grundrhythmus vorzeitig
oder verspätet auftretende Herzschläge) und Schmerzen in der Herzgegend
(Stechen, Brennen, Klopfen, Druck).
Tabelle
3: Psychosomatisch relevante kardiale Störungen
|
Funktionelle Störungen |
Somatoforme
autonome Funktionsstörungen des kardiovaskulären Systems: ·
Herzphobie ·
funktionelle
Herzrhythmusstörungen |
|
Organisch fundierte Störungen |
Koronare
Herzkrankheit: ·
Angina pectoris ·
Herzinfarkt |
Funktionelle Störungen
Herzphobie
Somatoforme Herzbeschwerden
kommen bei 10 bis 25 % der Bevölkerung und bei 15 bis 20 % der Patienten in
Allgemeinarzt- und Facharztpraxen vor. Nichtorganische Missempfindungen wie
Herzklopfen, Herzstolpern, Herzrasen und Herzschmerzen verstärken die
Befürchtung, an einer Herzkrankheit zu leiden.
Die häufigste
somatoforme Störung aus dem kardiovaskulären Bereich ist eine Symptomatik, die
früher Herzphobie oder Herzneurose genannt wurde. Es handelt sich dabei um eine
ausschließlich auf das Herz zentrierte Angst, die wegen ihrer Spezifität als
Phobie bezeichnet wird. Eigentlich handelt es sich dabei um den Ausdruck großer
Krankheitsangst, die in vielen Fällen lebensgeschichtlich verständlich ist
(koronare Herzkrankheiten oder tödlicher Herzinfarkt in der Familie, Verwandtschaft
oder Bekanntschaft).
Eine Herzphobie
ist charakterisiert durch panikähnliche, somatoforme und hypochondrische
Symptome:
·
Anfallsartig
auftretende Symptome wie bei einer Panikattacke, jedoch mit dem Schwerpunkt auf
Herzsensationen: Herzrasen (bis zu 160 Herzschläge pro Minute), plötzliche
Blutdrucksteigerung (bis zu 210/110 mm Hg), unregelmäßiger Herzschlag
(Extrasystolen), Brennen und Hitzegefühle an der Herzspitze, Stiche, Schmerzen
oder Ziehen im (linken) Brustbereich.
·
Schwitzen, Hitze- oder
Kältegefühle, Hyperventilationsneigung, Atemnot, Beklemmungs- und
Erstickungsgefühle, Schwindelgefühle, Körpermissempfindungen (Parästhesien),
Übelkeit.
·
Panikartiges
Todesgefühl, bedingt durch die Symptome, die als Anzeichen einer Herzerkrankung
gewertet werden.
·
Ständige ängstliche
Konzentration auf das Herz aus Sorge, an einer bisher nicht erkannten
Herzkrankheit zu leiden, obwohl zahlreiche Untersuchungen keinen organischen
Befund erbracht haben.
·
Misstrauen in die automatische
Herzfunktion, sodass übertriebene Kontrollen erfolgen (häufiges Fühlen und
Zählen des Pulses und Messen des Blutdrucks). Die ständige Konzentration auf
das Herz führt zu einem abnormen Herzbewusstsein und verstärkt die Herzangst
bei jeder noch so kleinen Unregelmäßigkeit. Ein Teufelskreis beginnt, denn
alleine die angespannte, erhöhte selektive Aufmerksamkeit auf die Herztätigkeit
bewirkt schon eine leichte Frequenzsteigerung.
·
Hypochondrische
Ängste, sodass bereits normale körperliche Zustände als Vorzeichen eines
möglichen Herzinfarkts gewertet werden.
·
Ständiges Kreisen um
medizinische Sicherheitsmaßnahmen (Aufenthalt in der Nähe von medizinischen
Einrichtungen, Information über ärztliche Notdienstregelungen).
·
Ausgeprägte
Schonhaltung, um das Herz nicht zu sehr zu belasten. Herzphobiker schonen sich
mehr, als selbst Patienten nach einem Herzinfarkt zur Schonung geraten wird.
·
Einbeziehung der
Familienmitglieder in die Herzängste und die krankheitsbezogene Lebensweise,
sodass die Wohnung wie ein Sanatorium wirkt. Achtung: Die Angehörigen
verstärken die Krankheitsfixierung, wenn sie ein derartiges Schonklima fördern.
·
Klammern an die
engsten Familienmitglieder, vor allem an den Partner, der oft Sicherheit und
Geborgenheit in einem Leben vermitteln soll, das häufig von frühen
Verlusterlebnissen geprägt ist. Herzphobiker neigen zu symbiotischen
Beziehungsmustern und erleben jede Verunsicherung in der Partnerbeziehung mit
starken Ängsten.
·
Häufiges Aufsuchen von
Internisten und nicht von Psychiatern und Psychotherapeuten, weil sich die
Betroffenen ja körperlich und nicht psychisch krank fühlen.
Je nach Art und Intensität der herzbezogenen Ängste kann man drei Gruppen von Herzphobikern unterscheiden:
·
Herztod-Phobiker. Sie
erleben Panikattacken und eine Angstüberflutung.
·
Herztod-Hypochonder. Sie erleben keine
Angstausbrüche, sondern leiden unter der subjektiven Gewissheit, einen Herztod
zu erleiden. Die Mitteilung, dass das Herz gesund ist, wirkt nicht beruhigend.
Wegen der Angst vor einem Herztod werden häufige Herzuntersuchungen gewünscht.
·
Herz-Hypochonder. Sie
sorgen sich ständig um ihr Herz, haben aber keine Todesangst.
Funktionelle Herzrhythmusstörung
Nichtorganische
Herzrhythmusstörungen sind die zweithäufigste somatoforme Symptomatik im Herzbereich.
Dabei wird durch Stresshormone die normale Automatik des Sinusknotens so
verändert, dass Symptome wie Herzklopfen, -stolpern und -rasen oder Aussetzen
des Pulses auftreten. Wenn diese als gefährlich interpretiert werden,
entwickeln sich oft Panikattacken. Bei diesen dominiert dann wie bei einer
Herzphobie die Angst vor einem Herzinfarkt und zwar auch nach erfolgter organmedizinischer
Abklärung.
Die beiden
wichtigsten Funktionsstörungen sind Störungen der Herzfrequenz (Tachykardie:
mehr als 100 Schläge pro Minute, Bradykardie: weniger als 60 Schläge pro
Minute) und unregelmäßiger Herzschlag. Es handelt sich dabei um eine
ungefährliche supraventrikuläre Arhythmie im Gegensatz zu einer gefährlichen
ventrikulären Arhythmie, die von den Herzkammern ausgeht und zu schweren
Komplikationen bis hin zu plötzlichem Herztod führen kann.
Nichtorganische
Extrasystolen sind Herzschläge „außer der Reihe“ und entstehen bei raschem Umschalten auf Beschleunigung oder
Verlangsamung der Herzschläge. Nach raschen Herzschlägen macht das Herz eine
von vielen Menschen als beängstigend erlebte kurze Pause, um den Rhythmus
wiederherzustellen. Dies ist eine völlig normale, ungefährliche Reaktion! Zur
Unterscheidung zwischen gefährlichen und ungefährlichen Herzrhythmusstörungen
ist jedoch immer eine genaue medizinische Untersuchung erforderlich.
Stress,
Erregung und Angst können zu einer nervös bedingten Verkrampfung der
Herzkranzgefäße führen („spastische
Angina pectoris“ infolge spastischer Verengung); mangelnde Durchblutung und
Sauerstoffversorgung des Herzens sind die Folge, oft verbunden mit
ausstrahlenden Schmerzen vorwiegend in den linken Arm und Herzinfarktängsten.
Es treten dann ähnlich massive und beängstigende Schmerzen auf wie bei einer
Angina pectoris. Im Gegensatz dazu sind diese jedoch vorübergehend, weil sie
rein „nervös“ bedingt sind.
Organische Störungen
Organische
Störungen treten dann auf, wenn es zu einem Missverhältnis zwischen Blut- und Sauerstoffbedarf
im Herzmuskel und dem entsprechenden Angebot durch die Herzkranzgefäße kommt.
Koronare Herzkrankheiten beruhen auf einer Arteriosklerose (Verkalkung) des
arteriellen Gefäßsystems. Dadurch werden die Gefäße immer weniger elastisch,
das Gefäßvolumen wird eingeschränkt und die Herzkranzgefäße können nicht mehr
das leisten, was nötig wäre (Koronarinsuffizienz). Das Herz bekommt weniger
Sauerstoff, als es braucht. Die Folgen: Angina pectoris, Herzrhythmusstörungen
und Herzinfarkt. Arteriosklerotische Gefäßveränderungen sind auch die Basis für
einen Schlaganfall oder eine Thrombose, meistens in den Beinen.
Als Risikofaktoren erster Ordnung für eine arteriosklerotische
Gefäßverengung gelten vermehrte Lipoproteine im Blut (insbesondere zu viel Cholesterin
in Form eines erhöhten LDL-Cholesterin-Spiegels), Bluthochdruck (arterielle
Hypertonie), Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und Rauchen. Als von den
Lebensgewohnheiten unabhängige Risikofaktoren gelten männliches Geschlecht,
höheres Alter und familiäre Belastung. Als Risikofaktoren zweiter Ordnung
gelten ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Übergewicht, Bewegungsmangel, erhöhte
Harnsäurekonzentration im Blut, Veränderungen von Blutplättcheneigenschaften
sowie Stress in Form bestimmter psychosozialer Faktoren (emotionale Probleme,
berufliche Überbeanspruchung, lebensverändernde Umstände, mangelnde soziale
Unterstützung, ungünstige sozioökonomische Bedingungen).
Angina pectoris
Die Angina
pectoris (auf Deutsch: „Enge der Brust“) ist die häufigste, aber nicht zwingend
bei einer koronaren Herzkrankheit auftretende Symptomatik. Sie besteht in der
Verengung einer Koronararterie, und damit ist die Durchblutung vermindert. Sie
wird dann als stabile Angina pectoris bezeichnet, wenn die Symptome konstant unter
körperlicher und psychischer Belastung auftreten. Die Betroffenen spüren dabei
anfallsartig auftretende, drückende, hinter dem Brustbein liegende Schmerzen,
die meistens in die linke Brust und den linken Arm ziehen, aber auch in die
obere Brust, den Hals, die Schultern, den Rücken oder den Oberbauch ausstrahlen
können. Die Schmerzen werden als enormer Druck auf der Brust, als beklemmendes,
schmerzendes, brennendes Gefühl beschrieben. Bei schweren Anfällen treten auch
Kollapszustände auf, verbunden mit Übelkeit, Atemnot, Schwitzen und
Angstgefühlen. Die Brustschmerzen
dauern gewöhnlich nur einige Minuten an und bessern sich durch Schonung, Ruhe,
Entspannung und Medikamente.
Bei einer instabilen Angina pectoris treten die Symptome in Ruhe oder bei
geringer Belastung auf, und zwar immer länger und intensiver. Wegen der
drohenden Herzinfarktgefahr ist sofortiger Handlungsbedarf gegeben. Eine
koronare Herzkrankheit kann oft schon aus der typischen Symptomatik der
belastungsabhängigen Angina pectoris vermutet werden und wird durch ein
Belastungs-EKG sicher abgegrenzt gegenüber funktionellen Herzbeschwerden oder
Schmerzen, die von der Wirbelsäule ausgehen. Bei bereits verengten
Herzkranzgefäßen kann Stress zu einer vorübergehenden Minderdurchblutung und
damit zu Brustschmerzsymptomen führen. In psychosomatischer Hinsicht ist
bedeutsam, dass vor allem intensive Emotionen wie Wut und Ärger bei vorhandener
Erkrankung die Symptomatik einer Angina pectoris provozieren können.
Herzinfarkt
Herzinfarkt ist
die häufigste einzelne Todesursache. Die Herzinfarktrate ist in den westlichen
Industrienationen aufgrund der verbesserten Akutbehandlung und Vorsorgemedizin
zurückgegangen, die Zahl der Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit ist
jedoch angestiegen. Ein Herzinfarkt besteht im Verschluss eines Herzkranzgefäßes
durch ein Blutgerinnsel, wodurch das dahinter liegende Gewebe kein Blut und
keinen Sauerstoff mehr erhält und die Stoffwechselabbauprodukte nicht entfernt
werden, sodass es nach wenigen Sekunden abstirbt. Ist ein großes Blutgefäß und
damit ein großer Herzbereich vom Infarkt betroffen, kommt es zum sofortigen
Tod, ansonsten tritt eine Angina pectoris auf mit heftigen Schmerzen hinter dem
Brustbein, oft ausstrahlend in den linken Arm, mit Blutdruck- und Pulsabfall,
kaltem Schweiß und schwerer Atemnot. Ist nur ein sehr kleiner Herzbereich
betroffen, bleibt der Infarkt fast unbemerkt („stummer Infarkt“ mit kurzen
Brustschmerzen und eher uncharakteristischen Beschwerden). Die Mehrzahl der
Herzinfarkt-Patienten erlebt einen Herzinfarkt wie einen „Blitz aus heiterem
Himmel“ und übersieht lange Zeit alle warnenden Vorzeichen. Voraussetzung für
einen Herzinfarkt sind Mikroverletzungen der innersten Blutgefäßschicht.
Ablagerungen (Plaques), die durch einen vielschichtigen und lang dauernden
Prozess entstanden sind und den Gefäßdurchmesser verengt haben, können durch
eine erhöhte Gefäßwandspannung oder gefäßverengende Prozesse einreißen und das
Gefäß verstopfen.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische Faktoren
Bei funktionellen
Herzrhythmusstörungen führen Stress und bestimmte Gefühle wie Wut oder Angst zu
Veränderungen des Herzschlags. Hinter einer Herzphobie steht nach
psychoanalytischer Auffassung oft ein partnerbezogener Konflikt: einerseits
wird mehr Unabhängigkeit gewünscht, andererseits der Verlust der Abhängigkeit
gefürchtet. Häufig handelt es sich bei einer Herzphobie um den Ausdruck einer
allgemein erhöhten Krankheitsängstlichkeit, einer hypochondrischen Körperbeobachtung,
einer lebensgeschichtlich bedingten Fixierung auf Herzsensationen oder einer
nicht gelungenen Verarbeitung des Herzinfarkts eines nahen Angehörigen bzw.
Bekannten.
Bei einer
koronaren Herzerkrankung sind nach zahlreichen Untersuchungen folgende
psychische und psychosoziale Faktoren für das Auftreten und den Verlauf dieser
Erkrankung von großer Bedeutung:
1.
Feindseligkeit und die Neigung, sich total zu verausgaben. Ende der 50er
Jahre des letzten Jahrhunderts wurde der so genannte „Typ-A“ als die Risikopersönlichkeit schlechthin für
einen Herzinfarkt beschrieben. Dieses Verhaltensmuster war das erste
psychosoziale Erklärungsmodell, das dann einige Jahrzehnte lang die
Psychosomatik des Herzinfarkts dominierte. Demnach sollen überehrgeizige,
ungeduldige, ständig angespannte und beschäftigte, hektisch-gestresste Persönlichkeitstypen
leicht herzkrank werden. Es ist in der Fachwelt längst als zu simples
Erklärungsmodell widerlegt, aber fatalerweise in der Populärliteratur noch
immer zu finden. Vieles an diesem Modell musste revidiert werden – einige
Komponenten haben sich aber tatsächlich als herzinfarktgefährdend erwiesen:
feindselige Einstellung, aggressive Gefühle und ständiger Ärger, vor allem in
Verbindung mit der Unfähigkeit, Feindseligkeit und Ärger konstruktiv zu
bewältigen. Akuter Ärger kann tatsächlich eine Herzkranzgefäßverengung und in
der Folge davon einen Herzinfarkt auslösen: Er begünstigt den Riss der
arteriosklerotischen Plaques und den Verschluss der Herzkranzgefäße durch die
dabei ausgelöste Bildung eines Thrombus. Das Risiko eines Herzinfarkts ist bei
Menschen mit koronarer Herzkrankheit in den ersten zwei Stunden nach großem
Ärger deutlich erhöht.
2.
Depressivität, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung. Diese Faktoren haben
sich in den letzten Jahren als erhebliche Risikofaktoren herausgestellt, weil
sie über eine verminderte parasympathische Aktivität (keine Ruhe und
Entspannung) die Entwicklung einer koronaren Herzkrankheit begünstigen. Die
neuen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass auch psychisch bedingte Störungen
ernst genommen und behandelt werden müssen, denn diese können im
Langzeitverlauf durch ein überaktives Stresshormonsystem (ständig erhöhter
Spiegel des Dauerstresshormons Kortisol) körperliche Störungen begünstigen.
3.
Akuter und chronischer Stress. Andauernder Stress, der weder durch eigenen
Einfluss kontrolliert noch durch Entspannung und Erholung abgebaut werden kann,
geht mit zahlreichen psychobiologischen Reaktionen einher, die über
Blutdrucksteigerung, ungünstige Blutfettwerte, veränderte
Blutgerinnungsfaktoren, Herzkranzgefäßverengungen, lebensbedrohliche
Rhythmusstörungen und Risse arteriosklerotischer Plaques zu einem Herzinfarkt
führen können.
4.
Mangelnder sozioemotionaler Rückhalt. Fehlende soziale Unterstützung, mangelnde
emotionale Wertschätzung und soziale Isolation erschweren den Umgang mit
verschiedenen körperlichen, psychischen und sozialen Stressfaktoren und können
in der Folge davon das koronare Krankheitsrisiko erhöhen. Bei geringer sozialer
Unterstützung weisen Herzkranke eine zweifach erhöhte Sterblichkeitsrate auf.
5.
Hohe berufliche Beanspruchung bei fehlenden Einflussmöglichkeiten auf die
Arbeitsplatzbedingungen. Belastungen im Beruf sind dann
Herz-Kreislauf-Risikofaktoren, wenn die Anforderungen zu groß und die
Kontrollmöglichkeiten hinsichtlich der Arbeitsprozesse zu gering sind, wenn
also kein eigener Entscheidungsspielraum, keine Autonomie und keine Nutzung der
persönlichen Fähigkeiten möglich sind. Wenn dann auch noch der soziale Rückhalt
am Arbeitsplatz fehlt, stellt dies einen zusätzlichen Stressfaktor dar.
6.
Ungleichgewicht zwischen beruflichem Engagement und Anerkennung. Das
Herzinfarktrisiko ist nachweislich erhöht, wenn eine hohe Verausgabung nicht
mit entsprechenden Belohnungen in Form von Bezahlung, Achtung,
Aufstiegsmöglichkeit und Arbeitsplatzsicherheit einhergeht.
7.
Niedriger sozioökonomischer Status. Die koronare Herzkrankheit hat sich von
der früheren „Managerkrankheit“ zu jener unterer Sozialschichten entwickelt.
Mögliche Erklärungen dafür: geringerer Einfluss auf die Lebens- und
Arbeitssituation, ungesünderer Lebensstil, schlechtere Ernährungsgewohnheiten,
geringeres Gesundheitsbewusstsein, schlechtere medizinische Versorgung.
Die angeführten
psychosozialen Faktoren sind zumindest bei bereits vorhandener koronarer
Herzkrankheit als Risikofaktoren anzusehen, weil sie zu einer ständigen
Überaktivierung des sympathischen Nervensystems und zu einer Hemmung des
parasympathischen Nervensystems führen; dadurch kann langfristig eine
arteriosklerotische Neigung verstärkt werden.
Bei Herzinfarkt-Patienten wurden im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen
folgende Belastungsfaktoren gefunden: Überstunden (mehr als 40 pro Monat),
Zeitdruck, häufiges Unterbrechen des Arbeitsablaufs, widersprüchliche Anforderungen,
Probleme mit Vorgesetzten, drohende Rationalisierungsmaßnahmen, drohende Versetzungen
und Statuseinbußen. Krankheitsrelevant wurden diese Umstände jedoch nur dann,
wenn diese zusätzlich mit Belastungen außerhalb der Arbeitswelt wie etwa Verlusterlebnissen,
Krankheitsfällen und Konflikten im Privatleben einhergingen.
Herzinfarkt-Patienten mit großen Belastungen im beruflichen und privaten
Bereich wiesen viermal häufiger als gesunde Personen bestimmte
Persönlichkeitsmerkmale auf, die dem so genannten Typ-A-Verhaltensmuster
entsprachen (Ehrgeiz, Konkurrenz, Ungeduld, hohes Aktionspotenzial für
Aggressivität und Feindseligkeit).
Diese komplexen Zusammenhänge zwischen beruflichen, privaten und
persönlichkeitsspezifischen Faktoren mahnen zur Vorsicht, allzu simple
Stressmodelle zur Erklärung psychosomatischer Störungen heranzuziehen oder
diese nur eindimensional bzw. monokausal erklären zu wollen. Es gibt bislang
keine wissenschaftlich gesicherten Hinweise darauf, dass Stress und emotionale
Faktoren allein eine koronare Herzkrankheit bewirken können. Nach dem heute
gängigen biopsychosozialen Krankheitsverständnis sind viele Faktoren beteiligt.
Selbst wenn psychische Komponenten eindeutig nachgewiesen werden können, muss
stets auch eine medizinische Intervention erfolgen mit dem Ziel, eine
Herzinfarktgefahr zu vermeiden.
Die Zusammenhänge zwischen koronarer Herzkrankheit und psychosozialen
Belastungssituationen wurden bis vor kurzem ausschließlich bei Männern
nachgewiesen. In einer Studie zum Herzinfarktrisiko bei Frauen konnte das
bekannte Bild auch bei Frauen bestätigt werden: Das Risiko einer koronaren
Herzkrankheit erhöht sich bei Frauen aus sozial schwachen Schichten, mit
familiären Belastungen und Partnerproblemen, mit großem Stress am Arbeitsplatz
sowie bei sozialer Isolierung. Bei Frauen mit einer koronaren Herzkrankheit ist
das Risiko eines neuerlichen Herzinfarkts durch chronischen Stress in der Ehe
größer als durch Stress am Arbeitsplatz.
Therapeutische Strategien
Menschen mit somatoformen Herzrhythmusstörungen benötigen vorerst einmal
die beruhigende Information, dass die meisten Herzrhythmusstörungen bei Herzgesunden
ungefährlich sind. Die Patienten müssen die Zusammenhänge zwischen emotionaler
Befindlichkeit und psychosozialen Belastungssituationen einerseits und ihren
Herzsensationen andererseits erkennen lernen, um nicht ständig
organmedizinische Erklärungsmodelle zu entwickeln. Herzphobische Patienten
sollen nicht nur ihr Herz angstfreier beobachten und spüren lernen, sondern
entdecken, was sie wirklich fürchten: den Verlust des Partners durch Trennung
oder Tod, eine schwere Erkrankung bzw. den Tod eines Elternteils, den Verlust
des Arbeitsplatzes durch Kündigung, unangenehmes Versagen und diesbezügliche
Kritik vonseiten der Umwelt u.ä. Die Sorgen um vermeintliche Herzprobleme
lenken oft von den tatsächlichen Lebensproblemen ab, sodass es notwendig ist,
sich diesen mehr als bisher zu stellen und in der Therapie konstruktive
Lösungen zu entwickeln.
Darüber hinaus
ist es sinnvoll, den Betroffenen durch Provokationstests zur raschen
Herzbeschleunigung (wie etwa rasche Kniebeugen) die Angst vor unangenehm
erlebten Herzempfindungen zu nehmen. Entspannungsverfahren wie das Autogene
Training können herzphobische Patienten erst dann gewinnbringend einsetzen,
wenn sie gelernt haben, sich ihrem Körper angstfrei zuzuwenden, ohne den
Herzrhythmus bewusst zu beeinflussen. Wenn die Betroffenen ihre Herzsensationen
besser tolerieren und verstehen gelernt haben, werden ständige
Herzuntersuchungen unnötig. Bis zur Erreichung dieses Ziels sollten
kardiologische Untersuchungen nur nach einem bestimmten, ärztlich festgesetzten
Abstand symptomunabhängig erfolgen, um die herzphobische Symptomatik nicht
unnötig zu verstärken. Eine emotional bedingte Aktivierung des sympathischen
Nervensystems ist völlig ungefährlich und erfordert keine Behandlung; die
Verschreibung von Betablockern verstärkt nur das oft vorhandene organische
Krankheitskonzept der Betroffenen.
Trotz der
eindeutigen Belege für den Einfluss psychischer und psychosozialer Faktoren auf
den Verlauf einer koronaren Herzkrankheit fehlen überzeugende Studien, die
belegen, dass Psychotherapie den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann.
Psychologische Interventionen bei einem Herzinfarkt sind jedoch erfahrungsgemäß
hilfreich, um mit der Erkrankung besser zurechtzukommen.
Sie bestehen in
einer Kombination verschiedener Strategien:
1.
Aufklärungs- und Schulungsprogramme (Psychoedukation). Sie dienen der
Verbesserung der Mitarbeit an der Behandlung (Compliance) und beinhalten eine umfassende
Aufklärung, um unnötige Ängste durch Unwissenheit abzubauen.
2.
Soziale Unterstützung. Optimismus, Beruhigung und persönliches Engagement im
sozialen bzw. helfenden Umfeld sind im akuten Rehabilitationsstadium sehr
wichtig.
3.
Entspannungstraining. Einzelne oder kombinierte Entspannungstechniken
sollen die Grundspannung vermindern und den Erholungswert steigern.
4.
Stressmanagement. Der bessere Umgang mit Stress in jeder Form im Rahmen
eines möglichst individuell abgestimmten Stressbewältigungstrainings bewahrt
den Körper zukünftig vor Überlastungen.
5.
Konfrontative Therapieelemente. Die Betroffenen müssen mit
Herz-Kreislauf-Symptomen besser umgehen lernen durch ein adäquates körperliches
Training.
6.
Unterstützung bei der Lebensstiländerung. Veränderungen in der Lebensweise
wie etwa gesunde Ernährung, körperliche Bewegung und Sport, Reduktion von Alkohol-
und Zigarettenkonsum sowie weniger Stress vermindern die Risikofaktoren für
eine koronare Herzkrankheit.
Wenn der Blutdruck entgleist
„Wenn das Blut
in Wallung kommt, so ist die Vernunft nicht mehr Meister der Sinnlichkeit;
verschiedene Arten von Temperamentsfehlern werden dann offenbar!“
Adolf Freiherr von
Knigge
Psychogener Bluthochdruck – aus dem Lot durch Stress und
Ärger
Frau Maier, 37
Jahre alt, Sekretärin, verheiratet, ein Kind, leidet seit zwei Jahren unter
einem schwankenden Blutdruck. Am höchsten ist er während der Arbeitszeit, am niedrigsten
bzw. normal im Urlaub. Mehrere kardiologische Untersuchungen bei verschiedenen
Fachärzten ergeben keinen Hinweis auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Die
Symptomatik setzte zeitlich mit der Übernahme des Betriebs durch den
Junior-Chef ein, der sie zweimal sexuell belästigt hat. Sie fühlt sich ihrem
Chef ohnmächtig ausgeliefert, weil eine Kündigung mangels anderer Arbeitsplätze
in der Gegend das existenzielle Aus bedeuten würde. Aus Angst arbeitet sie mehr
Stunden, als sie bezahlt bekommt, und ärgert sich dann oft darüber, dass ihr
Chef dies für selbstverständlich erachtet. Dazu kommen familiäre
Streitigkeiten: Ihr Mann versteht ihre Situation überhaupt nicht, wird
allmählich zum Alkoholiker und bedrängt sie in diesem Zustand sexuell. Sie
fühlt sich auch ihm gegenüber hilflos ausgeliefert, da eine Scheidung zumindest
gegenwärtig nicht in Frage kommt. Frau Maier hat nie gelernt, dem Chef oder
ihrem Mann ihren Ärger mitzuteilen oder mit anderen Menschen darüber zu
sprechen. Innerlich voller Wut, wirkt sie äußerlich anderen Menschen gegenüber
immer freundlich und unauffällig. Sie schluckt alles hinunter, während ihr
Blutdruck in die Höhe schnellt. Als ihr Hausarzt, der über ihre Situation
informiert ist, ein Blutdruckmedikament verschreiben will, möchte sie vorerst
einmal mit einer Psychotherapie versuchen, ihren labilen Blutdruck in den Griff
zu bekommen.
„Auf 180 sein“: Blutdruck und Psyche
Das Herz pumpt
das Blut zur Versorgung des Körpers mit Sauerstoff und Nährstoffen in das
Gefäßsystem, in dem je nach Energiebedarf unterschiedliche Druckhöhen bestehen.
Unter Blutdruck versteht man den vom Herzmuskel erzeugten Druck, unter dem die
Blutmasse des ganzen Körpers durch die Arterien (vom Herzen wegführende Gefäße)
getrieben wird. Der Blutdruck ist abhängig von der Pumpleistung (Schlagkraft)
des Herzens und dem Widerstand des arteriellen Gefäßsystems. Der Blutdruck
steigt durch die erhöhte Herztätigkeit und die Verengung der arteriellen
Blutgefäße der Haut.
Der höhere
(systolische) Wert bezeichnet den Blutdruck bei der Kontraktion des Herzens,
wenn das Herz mit maximaler Leistung das Blut auswirft. Der niedrigere (diastolische)
Wert beschreibt die Restspannung im Gefäßsystem bei der Erschlaffung
(Ruhephase) des Herzmuskels und stellt ein Maß für die Elastizität des
arteriellen Gefäßsystems dar. Ein zu hoher diastolischer Blutdruck (über 95 mm
Hg) weist auf eine Verengung der Gefäße durch Verkalkung oder durch chronische
psychische Anspannung hin. Der Blutdruck ist keine konstante Größe, sondern
schwankt in Abhängigkeit von der Tageszeit (am niedrigsten in der Nacht), der
Jahreszeit, der Aktivität, emotionalen Faktoren und zahlreichen anderen
Bedingungen.
Der Blutdruck
wird in Millimeter Quecksilbersäule (mm Hg) gemessen. Er gilt als optimal
(„normoton“) um 120/80 mm Hg und wurde früher als „noch“ normal angesehen bei
130-139/85-89 mm Hg. Eine Hypertonie (Bluthochdruck) besteht bei Werten über
160/95 mm Hg, mehrfach gemessen am Oberarm nach fünf Minuten Sitzen über einen
Zeitraum von drei Monaten, eine Hypotonie (niedriger Blutdruck) bei Werten
unter 100/70-65 mm Hg. Als Grenzwerthypertonie galt bisher ein Blutdruck von
140-160/90-95 mm Hg. Aufgrund neuester Erkenntnisse wurde von der
amerikanischen Gesundheitsbehörde ein Blutdruck von 120/80 als normal und
wünschenswert erklärt, während systolische Werte von 121-140 bereits zu einer
Gefäßwandschädigung führen können und daher als „Vor-Bluthochdruck-Phase“
bezeichnet werden.
Die emotionale
Komponente des Blutdrucks kommt in einigen Redewendungen gut zum Ausdruck: Man
ist auf 180. Das Blut gerät in Wallung oder es kocht in den Adern. Jemand
behält nur schwer ruhig Blut und es schwellen ihm die Adern an. Da hilft nur:
ruhig Blut bewahren!
Die psychische Befindlichkeit
beeinflusst die Höhe des Blutdrucks direkt und stark: bei Wut, Ärger, Angst,
Aufregung und Stress steigt er im Extremfall bis zu 240/130 mm Hg an. Wenn er
stressbedingt dauerhaft erhöht ist, kann eine funktionelle Störung in eine
organische übergehen. Der Körper lernt dies als Normalzustand zu verstehen und
verlernt die Maßnahmen zur Senkung des Blutdrucks. Bei Ruhe und Entspannung
sinkt der Blutdruck infolge der reduzierten Herztätigkeit und der Erweiterung
der kleinen arteriellen Blutgefäße der Haut. Schock- und Schreckreaktionen
sowie überfordernder Stress führen zu einer parasympathischen Überaktivität mit
starkem Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufzusammenbruch. Subjektiv macht
sich dies bemerkbar in Schwindelgefühlen, eventuell sogar in kurzer Ohnmacht.
Die Aktivität
des sympathischen Nervensystems führt zur Umverteilung des Blutes im Körper:
Dies bewirkt eine Erhöhung des arteriellen Blutdrucks, eine Beschleunigung der
Herzfrequenz und eine stärkere Durchblutung der Muskeln, während die
Durchblutung des Magen-Darm-Bereichs, der Nieren und der Haut abnimmt.
Die
körperlichen Veränderungen bei einer Stressreaktion erfolgen über die so
genannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Ziel des Dauerstresshormons
Kortisol ist vor allem die Blutdrucksteigerung, um dem Körper mehr Energie zur
Verfügung zu stellen; diese wird bei emotionalem Stress mangels Bewegung jedoch
nicht abgerufen. Bluthochdruck-Patienten weisen eine erhöhte Ausscheidung des
Blutdruck steigernden Dauerstresshormons Kortisol auf. Hypertoniker neigen
bereits zur Blutdruckerhöhung in Situationen, die bei Menschen mit normalem
Blutdruck zu keinen Veränderungen führen.
Blutdruckschwankungen
und Kreislaufstörungen kommen auch bei verschiedenen psychischen Störungen vor.
Bei Panikattacken oder Alkoholentzug steigt der Blutdruck, bei Depressionen
kann der Blutdruck fallen. Angst- und Panik-Patienten haben oft große Angst vor
Herzrasen, weil sie dies aufgrund medizinischen Unwissens mit der drohenden
Gefahr eines Herzinfarkts verbinden, tatsächlich jedoch weisen sie bei
Panikattacken oft nur einen geringfügig erhöhten Puls auf, den sie aufgrund
ihrer gesteigerten Herzschlagwahrnehmung überbewerten.
Tabelle 4:
Psychosomatisch relevante Blutdruckstörungen
|
Funktionelle Störungen |
Somatoforme autonome Funktionsstörungen des kardiovaskulären Systems:
|
|
Organisch fundierte Störungen |
Primäre Blutdruckstörungen:
|
Funktionelle Störungen
Hypertone Fehlregulation
Eine
Situationshypertonie ist eine vorübergehende, kurzfristige hypertone Regulationsstörung;
dabei ist der Blutdruck – bedingt durch psychische Faktoren wie Stress, Ärger,
Wut oder Angst – immer wieder erhöht, im Rahmen einer
24-Stunden-Blutdruckmessung findet sich jedoch ein normales Blutdruckprofil mit
einem Tagesmittel unter 140 mm Hg. Aus ständigen Blutdruckschwankungen im Sinne
eines labilen Bluthochdrucks kann über einen längeren Zeitraum ein stabiler
Bluthochdruck entstehen, bedingt durch Anpassungsvorgänge des Gefäßsystems
(z.B. Verdickung der Gefäßwand, vor allem der Nierengefäße), und zwar auch
dann, wenn die den Bluthochdruck ursprünglich verursachenden Faktoren
weggefallen sind.
Ein
sympathikovasaler Anfall ist eine psychisch bedingte Unruhe und Anspannung
(bewirkt durch Stress, Wut, Ärger, Schlafmangel usw.) und führt plötzlich zu
Tachykardie (120-160 Herzschläge/Minute) und Bluthochdruck (Werte bis 240/110
mm Hg), häufig in Verbindung mit Hyperventilationsneigung, Schweißausbruch und
Todesangst.
Hypotone Fehlregulation (vagovasale Synkope)
Eine Synkope ist ein vorübergehender, einige
Sekunden bis wenige Minuten dauernder Bewusstseinsverlust sowie
Spannungsverlust der Haltemuskulatur. Auslöser ist eine vorübergehende zu
geringe Durchblutung oder Stoffwechselstörung jener Gehirnregionen, die das
Bewusstsein aufrechterhalten. Dabei treten nach zwei bis drei Sekunden Symptome
wie Schwäche, Benommenheit, Schwarzwerden vor den Augen und Schwindel auf, nach
zehn Sekunden setzt die Bewusstlosigkeit ein, nach zehn bis zwanzig Sekunden
treten zusätzlich noch Muskelkrämpfe auf. Vagovasale Synkopen werden oft
ausgelöst durch plötzlichen Schreck, mentalen oder emotionalen Stress und
Schmerzzustände, wobei zahlreiche Betroffene diesen Auslösern gegenüber
besonders sensibel sind. Die Ursache liegt in einer biologischen Reaktion mit
einer Mehrdurchblutung der Muskulatur zur Vorbereitung einer Fluchtreaktion,
die jedoch aufgrund einer zentralen Hemmung nicht ausgeführt wird, sodass
relativ viel Blut in den Beinen verbleibt und der verminderte Rückstrom des
Blutes zum Herzen eine vorübergehende Mangeldurchblutung des Gehirns bewirkt.
Synkopen sind ein Symptom und keine bestimmte
Krankheit. Neben zahlreichen organisch bedingten Synkopen gibt es auch
funktionell bedingte, die sogar den Großteil der Fälle darstellen. Im
psychosomatischen Kontext bedeutsam ist vor allem die vagovasale Synkope. Sie ist meist ein Resultat der so genannten orthostatischen Hypotonie
(damit ist ein Blutdruckabfall bei längerem Stehen gemeint, wenn das Blut in
den Beinen versackt). Ihre Vorzeichen sind: Schwindel, Benommenheit,
Schwarzwerden vor den Augen, Muskelschwäche, Übelkeit, Schweißausbruch, Unruhe,
Blässe, Seufzeratmung, Gähnen (als Zeichen von Sauerstoffmangel). 30 % aller
gesunden Erwachsenen haben schon einmal eine vagovasale Synkope erlebt.
Angst- und
Panik-Patienten haben oft große Angst vor Ohnmacht durch einen niedrigen
Blutdruck; dies ist aber völlig unbegründet, denn bei Panikattacken steigt der
Blutdruck im Gegenteil oft sogar stark an. Lediglich bei drei Viertel der
Menschen mit einer Blut-, Verletzungs- oder Spritzenphobie ist der Blutdruck
schon einmal so weit abgefallen, dass sie eine kurze Ohnmacht erlebt haben. Bei
etwa zwei Drittel der Menschen, die einmal eine situationsbedingte Synkope
erlebt haben (z.B. bei schwülem Wetter oder einem Hitzestau), bleibt es bei
diesem einmaligen Ereignis. Die Erfahrung einer Synkope, die subjektiv als
Todesgefahr empfunden wird, kann ein derart einschneidendes Erlebnis sein, dass
die Betroffenen ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten im Sinne einer Platzangst
(Agoraphobie) entwickeln und einen sozialen Rückzug antreten aus Angst,
unangenehm aufzufallen – was in weiterer Folge zu immer größerer Ängstlichkeit
und Depressivität führt.
Organische Störungen
Arterielle Hypertonie
Hypertonie gilt
vielfach als Volkskrankheit Nummer 1: Ein behandlungsbedürftiger Bluthochdruck
findet sich bei 20 bis 25 % der Bevölkerung. Bedenklich sind auch folgende
Daten: Nur etwa die Hälfte der Hypertoniker ist angemessen diagnostiziert, bei
rund zwei Drittel der diagnostizierten Bluthochdruck-Patienten erfolgt keine
ausreichende Therapie, das heißt der Blutdruck liegt nicht im Normbereich.
Bluthochdruck
bedeutet, dass sich das Herz zu sehr anstrengen muss, um das Blut zur
Versorgung des Gewebes durch den Körper zu pumpen. Der Blutdruck wird zu hoch,
weil das Herz mit jedem Zusammenziehen eine erhöhte Blutmenge ausstoßen oder
einen erhöhten Widerstand der Arterienwände überwinden muss. Deswegen wächst
der Herzmuskel an, benötigt nun aber noch mehr Sauerstoff, der jedoch gerade
bei Gefäßverkalkungen nur unzureichend zugeführt wird. Arterielle Hypertonie
ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für eine Arteriosklerose, weshalb eine
Blutdruckstabilisierung unbedingt erforderlich ist.
Bluthochdruck
wird von den Betroffenen oft gar nicht erkannt, weil eigentlich kaum
spezifische Beschwerden auftreten. Allgemeine Unruhe und Nervosität, kräftiger
spürbarer Puls am Handgelenk, pochende Schläfen und pulsierende Kopfschmerzen
(insbesondere bei Anstrengung), Hitzegefühl, gerötetes Gesicht bei leichter Anstrengung,
Schwindel (oft mit Ohrensausen und Flimmern vor den Augen), Kribbeln in Armen
und Beinen, Wetterfühligkeit, Nasenbluten, leichter Druckschmerz in der Brust,
Atemnot (besonders bei physischem und psychischem Stress), Herzbeschwerden,
Müdigkeit und Leistungsminderung sind oft bereits Symptome einer Hypertonie und
nicht einfach deren Vorzeichen. Langzeitschäden sind Beeinträchtigungen des
Herzens, der Nieren, der Augen und der Hirngefäße. Die Spätfolgen äußern sich
in Form einer Sklerose, das heißt einer Verhärtung und Verengung der Gefäße,
die eine Minderdurchblutung mit der Gefahr eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls
bewirkt.
Bei etwa 95 % der
Fälle von erhöhtem Blutdruck besteht eine essenzielle oder primäre Hypertonie,
das ist ein gewöhnlich lebenslang vorhandener Bluthochdruck ohne erkennbare
Grundkrankheiten – zumindest sind mögliche Ursachen bislang unbekannt. Die
sekundäre Hypertonie als Folge von Krankheiten, vor allem von Nierenerkrankungen,
tritt dagegen nur bei etwa 5 % auf. Eine essenzielle Hypertonie ist jedenfalls
als multifaktorielles Krankheitsbild anzusehen: Ungesunde Ernährung, Übergewicht,
mangelnde Bewegung, überhöhter Salzkonsum, zu viel Alkohol und Nikotin sowie
Vererbung und verschiedene Grunderkrankungen (z.B. Diabetes) tragen ebenso dazu
bei wie chronischer familiärer, partnerschaftlicher oder beruflicher Stress und
verschiedene Persönlichkeitsaspekte (vor allem ständiger Ärger oder chronische
Angst). Stress führt zur Zurückhaltung von Wasser und Salz sowie zur
Ausschüttung des Hormons Renin, was sich negativ auf die Nierenfunktion
auswirkt und über diesen Weg einen Bluthochdruck begünstigt. Emotional
bedingter Stress ist eine Indikation für eine
psychologisch-psychotherapeutische Behandlung.
Hypotonie
Niedriger
Blutdruck ist keine Krankheit, sondern ein Zustand. Wenn es sich dabei doch um
eine krankheitswertige Störung handelt, können die folgenden Informationen
nützlich sein: Bei einer essenziellen Hypotonie sind die Gefäße durch eine
Fehlsteuerung der Gefäßnerven so erweitert, dass die vom Herzen ausgeworfene
Blutmenge nicht ausreicht, um einen normalen Blutdruck herzustellen. Dies führt
zu Blut- und Sauerstoffmangel im Gehirn sowie zu Beeinträchtigungen aller
Körperfunktionen. Unangenehm niedriger Blutdruck äußert sich in folgenden
Symptomen: Müdigkeit, Antriebsschwäche, Erschöpfung, Unlust, Konzentrations-
und Leistungsschwäche, Schwindelgefühle, Ohnmachtsneigung, Ohrensausen,
Kopfschmerzen, Schwarzwerden vor den Augen, blasses Gesicht, kalte Hände und
Füße, Herzschmerzen (Mangeldurchblutung des Herzmuskels und damit
Sauerstoffmangel), Herzklopfen (Ankurbelung des Blutdrucks), Herzstechen,
Krämpfe innerer Organe (Mangeldurchblutung), Übelkeit, Appetitlosigkeit,
Magendrücken, Blähungen, bei Frauen oft Unterleibskrämpfe,
Stimmungsschwankungen, Gereiztheit, depressive Verstimmung, Wetterfühligkeit,
erhöhtes Schlafbedürfnis, Durchschlafstörung (Blutleere im Gehirn, besonders
zwischen 2 Uhr und 4 Uhr).
Psychosomatische Konzepte
Psychologische Faktoren
Ein
vorübergehender Blutdruckanstieg ohne körperliche Betätigung ist Ausdruck einer
starken emotionalen Betroffenheit mit entsprechender Aktivierung des sympathischen
Nervensystems. Gefühle wie Wut, Ärger oder panikartige Angst führen zu einer
plötzlichen, einige Zeit andauernden Blutdrucksteigerung, die die Betroffenen
als sehr bedrohlich interpretieren, sodass ein weiterer Anstieg erfolgt und
verstärkte Besorgnis besteht. Die gewöhnlich herzgesunden Betroffenen möchten
entweder ständig oder zur Vermeidung von Beunruhigung am liebsten nie den
Blutdruck messen, sodass sie in der Therapie neben der Bearbeitung der
Hintergrundsprobleme auch einen angemessenen Umgang mit dem Blutdruckmessgerät
erlernen sollten.
Die
Zusammenhänge zwischen psychosozialen Gegebenheiten und Blutdruck kann man nur
dann wirklich verstehen, wenn man den Einfluss der verschiedenen Faktoren wie
Nierenfunktion, vegetatives Nervensystem und Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-System
berücksichtigt – Wechselwirkungen, die in Zukunft noch besser erforscht werden
müssen. Bluthochdruck entsteht durch Veränderungen der Nierenfunktion. Wenn
psychosoziale Faktoren tatsächlich eine Blutdrucksteigerung bewirken können,
muss dies über die Beeinflussung der Nierentätigkeit erfolgen. Bei akutem
Stress steigt in der Niere der Gefäßwiderstand an, der Blutfluss fällt ab, Salz
wird nur in geringem Ausmaß ausgeschieden – der Blutdruck steigt. Wenn großer
Stress, Ärger oder Angst lange genug andauern, können die überhöhte Sympathikusaktivität
(vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen) und die verminderte
Parasympathikusaktivität (zu wenig Ruhe und Erholung) zu einem dauerhaft
erhöhten Bluthochdruck führen. Denn es kommt dabei auch zur vermehrten und
anhaltenden Ausschüttung von Stresshormonen (Kortisol), Glukose und Insulin. In
Verbindung mit den bekannten Risikofaktoren können psychosoziale Belastungen
wie hoher beruflicher Stress, Emigration, Katastrophen und Krieg zu vorübergehendem
oder bleibendem Bluthochdruck führen. Blutdrucksteigernd wirkt vor allem auch
ein Missverhältnis zwischen hohen beruflichen Anforderungen und geringer
Entlohnung.
Interessant
ist, dass der Blutdruck bei Ärger stärker ansteigt als bei Angst und Furcht.
Das haben 24-Stunden-Blutdruckmessungen ergeben. Menschen mit unterdrücktem
Ärger entwickeln laut Studien im frühen Erwachsenenalter eher eine Hypertonie
und weisen im Vergleich zu anderen Personen eine erhöhte Todesrate auf. Daraus
folgt: Wer nicht lernt, seine negativen Emotionen wie Ärger und Wut zu
verarbeiten, belastet Herz und Kreislauf und läuft Gefahr, einen Herzinfarkt
oder Schlaganfall zu bekommen.
Psychische
Faktoren wie emotionaler Stress lösen oft auch organisch bedingte Synkopen wie
etwa beim Herzinfarkt, bei Arhythmien oder beim plötzlichen Herztod aus.
Bestimmte vagovasale Synkopen werden dagegen ausschließlich durch psychosoziale
Belastungsfaktoren verursacht. Derartige „emotionale Synkopen“ werden durch
psychische Faktoren wie Schockzustände (z.B. Nachricht vom plötzlichen Tod
eines nahen Angehörigen), Ekelgefühle oder Angst vor Blut (Blutphobie) in Verbindung
mit fehlenden Bewältigungsstrategien ausgelöst, aber auch durch Schwächeanfälle
z.B. bei jungen Menschen im Rahmen von Massenveranstaltungen wie etwa
Rockkonzerten. Psychogene Ohnmacht wird psychodynamisch als Mechanismus
gesehen, einer ausweglos erscheinenden Situation zu entkommen, da Kampf oder
Flucht nicht möglich sind oder nicht gewagt werden. Die Betroffenen fühlen sich
in großen seelischen Belastungssituationen hilflos und „ohnmächtig“. So genannte
dissoziative Anfälle mit Ohnmacht ereignen sich dagegen ohne Blutdruck- und
Herzfrequenzänderungen.
Dem
Psychoanalytiker Alexander zufolge soll eine chronisch unterdrückte Aggression,
gleichgesetzt mit Feindseligkeit, die Ursache des Bluthochdrucks sein. Die
unbewusste Erwartung des Bluthochdruck-Patienten, sich jederzeit gegen einen
Angriff körperlich wehren zu müssen, führe zu einer Blutdruckerhöhung mit dem
Ziel einer körperlichen Bereitstellungsreaktion. Alexander, der den
Bluthochdruck zu den typischen psychosomatischen Störungen zählt, betrachtet
die unterstellte Feindseligkeit als verdrängt, das heißt als unbewusst. Nach
anderen Fachleuten sind sich die Betroffenen ihrer Feindseligkeit durchaus
bewusst, sind aber nicht in der Lage, ihren Ärger entsprechend zu verarbeiten,
sodass sie angespannt bleiben und einen erhöhten Blutdruck bekommen. Trotz
jahrzehntelanger Forschungen gibt es bislang keine eindeutigen Beweise dafür,
dass psychische und psychosoziale Faktoren allein eine Hypertonie bewirken
können. Anhaltender Stress und negative Emotionen scheinen jedenfalls die
Blutdruckeinstellung zu erschweren, falls bereits eine arterielle Hypertonie
besteht. Die Aggressions- und die Stresshypothese zählen seit vielen Jahren zu
den interessantesten psychologischen Konzepten zur Erklärung von Bluthochdruck.
In der Mehrzahl der Fälle wird man bei seiner Behandlung jedoch nicht auf
Medikamente verzichten können.
Im Gegensatz zum
Bluthochdruck gibt es zum niedrigen Blutdruck keine allgemein akzeptierten
psychologischen Konzepte. Hypotonie wird erst dann zur Belastung, wenn der seit
Jahren problemlos tolerierte niedrige Blutdruck in Verbindung mit anderen
Faktoren zu weit absinkt. Nach Meinung verschiedener Fachleute können bei einer
Hypotonie eine mangelnde psychische Aktivierung, ein allgemeines
Ohnmachtserleben gegenüber den Anforderungen des Alltags und ein Unvermögen,
Konflikte zu lösen, zu Erschöpfung und Blutdruckabfall führen.
Therapeutische Strategien
Bei niedrigem
Blutdruck sollte auf eine ausreichende körperliche Aktivierung geachtet werden,
um auf diese Weise nicht nur den Blutdruck zu steigern, sondern auch das
häufige Schonverhalten der Betroffenen zu überwinden. Viele Frauen, die früher
einmal aus völlig unterschiedlichen Gründen einen Kreislaufzusammenbruch erlebt
haben, fürchten oft auch später einen weiteren Ohnmachtsanfall und entwickeln
dann eine Einschränkung des Bewegungsspielraums im Sinne einer Platzangst (Agoraphobie).
Bei vagovasalen Synkopen sind zwei Aspekte von besonderer Bedeutung: einerseits
intensive Bewegungen der Beine, um den Blutkreislauf rasch zu verbessern, und
andererseits eine Analyse der allgemeinen Lebenssituation und der möglichen
Auslöser, um der ängstlichen Erwartungsspannung bezüglich der nächsten Synkope
besser begegnen zu können.
Das
psychosomatische Behandlungskonzept von Bluthochdruck ist vielfältig.
Bluthochdruckmittel, Anregungen zur Änderung der ungesunden Lebensgewohnheiten
sowie bestimmte psychologisch-psychotherapeutische Vorgehensweisen werden dabei
sinnvoll miteinander kombiniert:
1.
Psychoedukation. Grundlegend ist eine Informationsvermittlung über den derzeitigen
Stand des Wissens über Bluthochdruck, seine Ursachen, seine Folgen und seine
medikamentösen und nichtmedikamentösen Behandlungsmöglichkeiten. Nur etwa die
Hälfte der Bluthochdruck-Patienten achtet auf eine ausreichende medikamentöse
Therapie, sodass die Compliance durch eine umfassende Aufklärung verbessert
werden muss.
2.
Änderung der Ernährungsgewohnheiten. Ratsam ist vor allem die Einschränkung
des Konsums von Kochsalz, Nikotin, Kaffee und Alkohol.
3.
Abbau von Übergewicht. Ein vorhandener Bluthochdruck wird durch eine
Gewichtsreduktion und nicht primär durch einen verminderten Salzkonsum gesenkt.
4.
Bewegungstherapie. Sportliche Betätigung führt nachweislich zur Reduktion
eines erhöhten Blutdrucks.
5.
Entspannungstraining. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung,
Atemtherapie, Biofeedback und Yoga fördern eine entspanntere
Grundbefindlichkeit, weil sie die erhöhte Aktivität des sympathischen
Nervensystems reduzieren. Die anfängliche Euphorie ist jedoch verflogen: Mit
Entspannungstechniken werden nach zahlreichen Studien insgesamt nur
geringfügige Blutdruckabsenkungen erzielt (rund 10 mm Hg oder weniger).
6.
Stressbewältigungstraining. Ein besserer Umgang mit Stress und
psychosozialen Belastungssituationen vermittelt ein Gefühl der Kontrollierbarkeit
von Lebenssituationen. Eine Änderung der Denkmuster vermindert gleichzeitig den
ständigen inneren Druck, alles im Griff haben zu müssen.
7.
Ärgermanagement. Es ist wichtig, statt der Unterdrückung von Ärger und dem
unkontrollierten Ausleben von Wut eine adäquate, situationsgerechte Wahrnehmung
und Äußerung dieser Emotionen zu erlernen.
Wenn der Atem stockt
„Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die
Luft einziehen; sich ihrer entladen; jenes bedrängt; dieses erfrischt; so
wunderbar ist das Leben gemischt.“
Johann Wolfgang von
Goethe
Hyperventilation – Atemnot durch zu viel Atmen
Frau Kern, 21 Jahre alt, bekommt bei einem Disko-Besuch
plötzlich eine so heftige Hyperventilationsattacke, dass viele Gäste zunächst vermuten,
sie hätte einen epileptischen Anfall. Vor lauter Angst zu ersticken, atmet die
junge Frau so rasch und tief ein und aus, dass die Symptome immer schlimmer
werden – Krämpfe in den Händen, in den Füßen und ein Gefühl der totalen
Benommenheit im Kopf. In der schnell herbeigerufenen Rettung beruhigt sie sich
rasch, weil die Sanitäter vertrauensvoll wirken. Die im Krankenhaus erhobenen
Befunde sind völlig normal. Dennoch fürchtet sich Frau Kern ab da an vor einer
neuerlichen Hyperventilationsattacke, denn keiner der Ärzte kann ihr
überzeugend genug erklären, wodurch der „Anfall“ entstanden sein könnte. Die
Vermutung „Wahrscheinlich haben Sie sich zu viel aufgeregt“ kann sie nicht
teilen, denn sie hatte sich bis zum Anfall ganz wohl in der Runde gefühlt. Drei
Monate später bekommt sie im Elternhaus des Freundes eine neuerliche
Hyperventilationsattacke. Sie misstraut den Ergebnissen der letzten
Untersuchung und lässt sich erneut auf der neurologischen Abteilung eines
anderen Krankenhauses durchchecken. Damit sie „von oben bis unten“ untersucht
wird, verschweigt sie den letzten stationären Aufenthalt. Nach der neuerlichen
Bestätigung der Diagnose „Hyperventilationstetanie“ rät ihr der beigezogene
Konsiliarpsychiater zu einer Psychotherapie. Bereits nach einigen
Therapiestunden wird ihr klar, dass sie aus Wut und Ärger hyperventiliert
hatte: In der Diskothek sah sie ihren Freund plötzlich sehr eng umschlungen mit
einer ehemaligen Mitschülerin tanzen, im Haus der Eltern ihres Freundes war ihr
innerlich zum Platzen, weil ihr Freund bei einem Streit zu seiner Mutter statt
zu ihr gehalten hatte. Frau Kern erkennt, dass sie Schwierigkeiten hat, Ärger
innerlich wahrzunehmen und zuzulassen – und diesen erst schon gar nicht
ausdrücken kann aus Angst, jemanden zu verletzen.
„Vor Wut schnauben“: Atmung und Psyche
Atmen ist
Leben! Der Atem wird bereits in der Schöpfungsgeschichte der Bibel als
„Lebenshauch“ bezeichnet. In den alten Sprachen wird für Atem dasselbe Wort
verwendet wie für Seele oder Geist. Nach indischen Vorstellungen wird die
Lebensenergie Prana über den Atem aufgenommen.
Der Mensch kann
ohne Essen etwa 40 Tage, ohne Trinken nahezu 5 Tage, ohne Sauerstoff jedoch nur
wenige Minuten überleben. Bei fehlender Sauerstoffzufuhr zum Gehirn treten
bereits nach einigen Sekunden Schwindel und zunehmende Bewusstseinstrübung,
nach 10 Sekunden eine Ohnmacht und nach 4 Minuten bleibende Gehirnschäden auf.
Die Atmung
dient vor allem dem Gasaustausch in der Lunge: Sauerstoff wird aufgenommen, Kohlendioxid
wird abgegeben. Sauerstoff ist die Verbrennungsenergie des Körpers, durch die
alle Stoffwechselprozesse ermöglicht werden. Sauerstoff sorgt in den
Körperzellen für die Verbrennung der Nährstoffe, wodurch diese zur
Energiegewinnung nutzbar gemacht werden. Während der Sauerstoff verbrannt wird,
entstehen Kohlendioxid und Wasser als Stoffwechselabfälle. Zu viel Kohlendioxid
und zu wenig Sauerstoff im Blut führen zum Einatmen. Die Steuerung der Atmung
erfolgt durch das Atemzentrum im Hirnstamm.
Die Atmung
steht in enger Verbindung mit der Sprache, denn die Stimme wird durch die
Atemluft gebildet. Sprechen ist tönendes Ausatmen. Lautäußerungen wie Stöhnen,
Schluchzen, Keuchen oder Seufzen sind weitere ausdrucksvolle Varianten der
Atmung.
Die Ruheatmung
sollte nicht mehr als 15 Atemzüge pro Minute umfassen (bei Männern 12 bis 14,
bei Frauen 14 bis 15 Atemzüge). Unter Belastung erfolgen bis zu 30 Atemzüge,
bei gezielter Entspannung 6 bis 10 Atemzüge pro Minute. Schneller atmen
beschleunigt den Herzschlag, weil der vermehrt eingeatmete Sauerstoff zu den
Organen weiterbefördert werden muss. Langsamer atmen verlangsamt den
Herzschlag. Einatmen bedeutet Anspannung, Ausatmen bewirkt Entspannung. Je
flacher die Atmung, desto schneller ist sie und desto höher ist in der Regel
auch die Herzfrequenz.
Auf den
Umstand, dass sich bei starken Emotionen sofort die Atmung verändert, weisen
auch zahlreiche Redewendungen hin – hier eine kleine Auswahl: Je nach
Temperament können wir kurzatmig, langatmig oder atemlos sein. Manchmal halten
wir vor Schreck den Atem an, verschlägt es uns den Atem, steht unser Atem still
oder er stockt uns. Öfter bleibt uns die Luft weg, sind wir atemlos vor
Aufregung. Wir schnauben vor Wut, lassen Dampf ab, machen unserem Ärger Luft
oder haben letztendlich den längeren Atem. Mitunter ersticken wir fast an
unseren Sorgen, aber wir kämpfen bis zum letzten Atemzug. Wenn wir keine Luft
mehr haben, müssen wir uns wieder Luft verschaffen – oder wir können einen
Stoßseufzer zum Himmel schicken!
Die Atmung nimmt eine Schlüsselstelle im vegetativen Nervensystem ein.
Dieses reguliert die Atmung über seine beiden Äste: Das parasympathische
Nervensystem bewirkt durch die Verengung der Luftröhre und das Zusammenziehen
der Bronchialmuskulatur mehr körperliche Ruhe und Entspannung. Das sympathische
Nervensystem ermöglicht durch die Erweiterung der Luftröhre, die Erschlaffung
der Bronchialmuskulatur und die damit verbundene erhöhte Dehnbarkeit der
Bronchien eine vertiefte Einatmung im Falle verstärkter körperlicher Aktivität.
Rasche Atmung
bewirkt einen höheren Puls, langsame Atmung führt zu innerer Ruhe und
Entspannung. Atmung und körperliche bzw. psychische Befindlichkeit hängen eng
zusammen. Es ist unmöglich, ruhig und entspannt zu atmen und gleichzeitig
aufgeregt zu sein!
Wenn man vor
dem Einatmen zu wenig ausatmet, wie dies oft bei Stress, Erregung, Wut und
Angst der Fall ist, stauen sich Kohlendioxid und Schlacken als Abfallprodukte
des Atmens in der Lunge und gelangen ins Blut. Das wiederum bewirkt eine
vorübergehende Vergiftung, die sich in Unruhe, Müdigkeit oder Erschöpfung
äußert. Ständige Sauerstoffunterversorgung des Körpers führt langfristig zu
Verspannungen, Kopfweh, Kreislaufproblemen, rascher Ermüdung und Konzentrationsschwäche.
Schock- und
Schreckreaktionen äußern sich subjektiv in Atemanhalten, Zuschnüren der Kehle,
einem „Kloßgefühl“ im Hals, allgemeiner Schwäche, Schwindel, Benommenheit und
Erstickungsangst. Bei anhaltendem Schreck kann man kaum ausatmen, die Luft
verbleibt im Körper, anschließend atmet man mit angespanntem Brustkorb wieder
ein. Dies führt zu einem Spannungsgefühl in der Brust, meist auf der linken
Seite, was oft herzbezogene Ängste auslöst. Grundsätzlich dient ein
„Tief-Luft-Holen“ in
Schrecksituationen dazu, innezuhalten, sich voll zu konzentrieren und dann
gezielt zu reagieren (was bei „Schrecktypen“ unterbleibt).
Oft hält man
die Luft an, um unangenehme Gefühle zu unterdrücken und Schmerzzustände besser
auszuhalten. Äußerliche Enge spüren viele Menschen als innerliche Enge im
Brustraum. Dies kommt auch in der lateinischen Wortwurzel für unser deutsches
Wort Angst zum Ausdruck (angustiae =
Enge der Brust). Wenn bestimmte Orte oder Räume auf uns beengend wirken, fühlen
wir uns in unserer Freiheit eingeschränkt. Wir glauben, nicht mehr richtig
durchatmen zu können und neigen zur Flucht ins Freie, wo wir vermeintlich mehr
Luft bekommen – eine Tendenz, die gerade bei Menschen mit Platzangst
(Agoraphobie) oft anzutreffen ist.
Alle starken Gefühle wie etwa Ärger, Wut, Angst, Panik, Schmerz, sexuelle
Erregung oder stressbedingte Anspannung verändern die Atmung. Menschen mit
Ängsten, chronischem Stress und Verspannung atmen meistens flach im oberen
Brustkorbbereich und nutzen damit nur ein Drittel bis zur Hälfte der Lungenkapazität.
Bei mehr Sauerstoffbedarf atmen sie noch stärker mit dem Brustkorb statt
intensiver mit dem Zwerchfell. Bei emotionaler Erregung kann es zur
Hyperventilation (zu rasche und zu tiefe bzw. zu flache Atmung) und bei
plötzlichem Erschrecken zu einem vorübergehenden Atemstillstand kommen, gefolgt
von einer intensivierten Atmung.
Störungen der Atmung findet man auch bei Patienten mit psychischen
Störungen, vor allem bei Depressionen sowie bei Angststörungen. Depressive
erleben oft Symptome wie Enge im Brustkorb (bis in den Hals reichend), Atemnot,
Druck auf der Brust, Lufthunger, flache oder unregelmäßige Atmung, schweres
Atmen und Hustenreiz. Angst- und Panik-Patienten leiden oft unter
Beklemmungsgefühlen und Druckgefühlen im Brustbereich sowie unter beschleunigter
Atmung bis hin zur Hyperventilation, die manchmal auch den Beginn einer
Panikstörung markiert.
Tabelle
5: Psychosomatisch relevante Atemstörungen
|
Funktionelle Störungen |
Somatoforme autonome
Funktionsstörungen des respiratorischen Systems: ·
Hyperventilation ·
psychogener
Husten |
|
Organisch fundierte Störungen |
Lungenkrankheiten
mit psychosomatischer Relevanz: ·
Asthma bronchiale ·
chronische
Bronchitis |
Funktionelle Störungen
Nichtorganische
Atemstörungen werden als somatoforme
autonome Funktionsstörung des respiratorischen Systems bezeichnet und umfassen
alle funktionellen Beeinträchtigungen der Atemregulation bei intaktem
Atemapparat (Brustkorbwand, Lungen, Atemmuskulatur). Die klinisch bedeutsamste
funktionelle Atemstörung ist die Hyperventilation. Darunter versteht man eine
emotional bedingte, über das physiologische Bedürfnis hinausgehende
Beschleunigung und Vertiefung der Atmung, wodurch der Sauerstoffanteil im Blut
ansteigt und der Kohlendioxidgehalt stark abfällt. Dadurch verringert sich das
freie Kalzium im Blut, das für die Geschmeidigkeit der Muskeln erforderlich
ist. Dies wiederum führt zu einer Übererregbarkeit der Muskulatur. Der
verminderte Kohlendioxidgehalt im Blut erhöht auch den Gefäßwiderstand im
Gehirn und vermindert dadurch den Blutfluss im Kopf.
Zahlreiche
Symptome sind typisch für eine Hyperventilation: Druck und Engegefühl im
Brustkorb, Lufthunger, das Gefühl nicht richtig durchatmen zu können, verbunden
mit dem Zwang, ein paar Mal tief durchatmen zu müssen, Herzklopfen, -rasen oder
-schmerzen, Gefühllosigkeit, Kribbeln und Zittern an Händen (besonders in den
Fingerspitzen), Füßen und Beinen, Kribbeln um die Mundregion, taube Lippen,
Globusgefühl (Zuschnüren der Kehle), Verkrampfen der Hände
(„Pfötchenstellung“), kalte Hände und Füße, Brustschmerzen, Muskelschmerzen,
Druck im Kopf und im Oberbauch, Bauchschmerzen (durch das Luftschlucken),
Übelkeit, Sehstörungen, Gefühl „wie auf Wolken zu gehen“, Angst ohnmächtig zu
werden, Angst vor dem Tod durch Ersticken. Dauert die Hyperventilation länger
an, reagieren die Betroffenen auch mit geistigen Symptomen wie Schwindel,
Unwirklichkeitsgefühlen, Konzentrations- oder Bewusstseinsstörungen. Das sind
Folgen der zu geringen Durchblutung des Gehirns. Die Angst vor Ohnmacht ist
dabei jedoch völlig unbegründet.
Eine
Hyperventilation erfolgt gewöhnlich nicht aus einer Atemmittellage heraus,
sondern tritt meist nach einer verstärkten Einatmung durch den Mund auf, die
durch eine hohe emotionale Erregung ausgelöst wurde. Ohne gleichzeitige
körperliche Aktivität bleibt der Sauerstoff in den Bronchien und wird nicht zu
den Lungenbläschen in den Randbezirken der Lunge transportiert, was zum Gefühl
einer Atembeklemmung und einer unangenehm erlebten Anspannung des Brustkorbs
führt. Aus Angst vor dem Ersticken atmen die Betroffenen noch stärker mit dem
Mund ohne sich zu bewegen und bewirken auf diese Weise eine Hyperventilation
mit bedrohlich erlebten Symptomen. Durch körperliche Aktivität wird dagegen der
übermäßig eingeatmete Sauerstoff in Kohlendioxid umgewandelt und das
Sauerstoff-Kohlendioxid-Verhältnis im Blut wieder normalisiert. Bei Bewegung
oder normaler Atmung verschwinden also rasch alle Symptome, sodass keine
medizinische Intervention (Kalzium-Spritze, Beruhigungsspritze oder Papiertüte
vor dem Mund) erforderlich ist.
Bei Patienten
mit chronischer Hyperventilation ist die Atemtätigkeit häufig nur um 10 %
erhöht, zudem reichen oft bereits einzelne tiefe Atemzüge aus, um ein Missverhältnis
von Sauerstoff und Kohlendioxid zu bewirken.
Ein Aspekt wird im klinischen Alltag oft übersehen: Herz- und
Magenbeschwerden oder andauernde Erschöpfung können mit einer ständigen
leichten Hyperventilation zusammenhängen.
Chronischer psychogener Husten
Man versteht
darunter einen anfallsweisen Hustenreiz ohne krankhafte Veränderungen des
Atmungstraktes. Die Symptomatik besteht in minuten- bis stundenlangen trockenen
Hustenanfällen, die über Jahre vorhanden sein können. Derartige Hustenanfälle
treten oft nach einer viralen Bronchitis auf, sind bedingt durch eine emotionale
Anspannung oder eine psychische Konfliktsituation, werden bei Zuwendung und
Aufmerksamkeit lauter und verschwinden im Schlaf völlig. Diese schweren psychogenen
Hustenanfälle haben nichts mit Räusperticks oder Hüsteln zu tun!
Organische Störungen
Asthma bronchiale
5 bis 9 % der Erwachsenen
und 10 % der Kinder leiden unter Asthma. In den letzten 20 Jahren haben sich
die Zahlen dramatisch erhöht – wohl eine Folge der industriellen Lebensumwelt.
Die Umweltverschmutzung scheint dagegen nicht die Häufigkeit von Asthma, wohl
aber von Bronchitis sowie von Beschwerden der oberen Atemwege zu erhöhen. Im
Kindesalter erkranken dreimal mehr Jungen als Mädchen, im Erwachsenenalter
dagegen etwas mehr Frauen. Kinder, die schon im ersten Lebensjahr in
Kinderkrippen kamen, zeigten später viel seltener allergische Reaktionen – wohl
weil sie eine bessere Immunisierung gegenüber asthmarelevanten Allergenen
erreicht haben.
Das
Hauptmerkmal von Asthma bronchiale ist eine plötzliche Atemnot mit einem
Engegefühl in der Brust, meist verbunden mit einem Reizhusten. Das Wort
„Asthma“ stammt aus dem Griechischen
und trifft den Nagel auf den Kopf, denn es heißt übersetzt „schweres Atmen“. Es
besteht eine erschwerte Atmung in Form von Problemen bei der Ausatmung. Dabei
treten die typischen keuchenden und pfeifenden Geräusche auf, oft verbunden mit
Lufthunger und Erstickungsgefühlen. Die Betroffenen haben subjektiv das Gefühl,
keine Luft zu bekommen, tatsächlich jedoch können sie nicht richtig ausatmen.
Sie atmen weniger Luft aus als ein und erleben infolgedessen eine Überblähung
der Lunge. Der verminderte Gasaustausch kann zur Schädigung der Lunge führen,
weil viele Lungenbläschen vernichtet und die verbleibenden oft übermäßig groß
werden.
Die
Asthmaanfälle setzen gewöhnlich anfallsartig binnen weniger Minuten ein und
können Minuten bis Stunden anhalten, aber auch dauerhaft bestehen. Meist löst
sich die Verkrampfung der Bronchialmuskulatur nach einiger Zeit ganz spontan.
Wenn dies aber nicht der Fall ist, besteht bald ein lebensbedrohlicher Zustand,
denn eine langfristig bestehende Atemwegsverengung kann die Herzfunktion
ernsthaft beeinträchtigen. Die Anfallshäufigkeit variiert zwischen Stunden und
Jahren.
Die
Asthmaanfälle beginnen meistens im ersten Lebensjahrzehnt und verschwinden bei
der Hälfte der Patienten nach der Pubertät von selbst wieder; sie können aber
auch erst viel später einsetzen. Die Betroffenen sind oft ständig auf ihre
Atmung konzentriert und haben Angst zu ersticken. Nur wenige Asthmatiker
sterben tatsächlich an Komplikationen der Erkrankung. Bei körperlicher
Anstrengung, sportlicher Betätigung oder kalter Luft kann sich ein so genanntes
„Anstrengungsasthma“ infolge einer reflexhaften Verengung der Bronchien
entwickeln, das zur Vermeidung von Belastungen und damit langfristig zur
Verstärkung der Symptome führt.
Man
unterscheidet zwischen allergischem Asthma und nichtallergischem, infektiösem
Asthma. Die meisten Patienten weisen eine allergisch bedingte Form auf, die
sich bereits im ersten Lebensjahrzehnt entwickelt hat. Vor allem Kinder leiden
unter allergischem Asthma, während Erwachsene eher ein infektiöses Asthma
entwickeln.
Allergisches
Asthma ist eine Reaktion auf bestimmte Allergie auslösende Stoffe, die ein
Anschwellen der Bronchialschleimhaut bewirken. Der zähe Schleim kann nur schwer
abgehustet werden und verstopft die Atemwege, wodurch es zur Atemnot kommt. Die
Überempfindlichkeit der Bronchien, die auf einer erblichen Komponente beruht,
führt hier unter dem Einfluss von auslösenden Faktoren (Allergenen) zu
Asthmaanfällen. Als Allergene sind neben chemischen Stoffen wie Medikamenten,
Friseurmitteln, Insektengift oder Formaldehyd auch viele natürliche Reize
bekannt: Pollen von Bäumen, Blumen oder Gräsern; Tierhaare und Federn von Haus-
oder Nutztieren; Hausstaub (Exkremente der Hausstaubmilbe); Sporen wie etwa
Schimmelpilze oder Hefe; bestimmte Nahrungsmittel; kalte Luft.
Allergisches
Asthma gehört zur Gruppe der Atopien oder atopischen Erkrankungen, zu denen auch
der Heuschnupfen (allergische Rhinitis), die Nesselsucht (Urtikaria) und das
atopische Ekzem (Neurodermitis diffusa) gehören. Eine Atopie ist eine
anlagemäßige, vererbte Bereitschaft zur Überempfindlichkeit mit einer
bestimmten Überreaktion. Menschen mit Atopien haben gegen bestimmte Allergene
bestimmte Antikörper gebildet, die sich in großen Mengen im Gewebe der Haut und
in den Schleimhäuten befinden. Bei neuerlicher Konfrontation mit Allergenen
kommt es immer oder fast jedes Mal zur Bildung dieses Antikörpertyps und in der
Folge – wahrscheinlich über die Ausschüttung von Histamin – zu allergischen
Reaktionen an Haut, Bindehaut, Schleimhäuten oder Bronchien.
Eine allergische Reaktionsbereitschaft kann im Laufe des Lebens starken
Schwankungen unterliegen, wobei noch unklar ist, welche Bedingungen dafür
verantwortlich sind. Rein medizinisch ist gegenwärtig nicht erklärbar,
·
warum ein allergisches
Asthma bei manchen gefährdeten Menschen nie und bei anderen erst nach
Jahrzehnten in Form von asthmatischen Symptomen auftritt,
·
warum viele
allergische Asthmatiker auch ohne Anwesenheit von Allergenen Anfälle erleiden,
·
warum bestimmte
Menschen ohne nachweisbare Allergie (und auch ohne infektiöses Asthma) dennoch
asthmatische Anfälle bekommen,
·
warum viele Personen
mit einer nachgewiesenen Allergie in verschiedenen Situationen dennoch nicht
asthmatisch reagieren,
·
warum verschiedene
Personen, die lange auf ein Allergen mit Anfällen reagiert haben, plötzlich
ohne spezielle Behandlung anfallsfrei bleiben,
·
warum verschiedene
Patienten bereits bei Bildern von bestimmten Tieren einen Asthmaanfall
bekommen.
Nichtallergisches
(infektiöses) Asthma entsteht vor allem durch Infektionen der oberen und
unteren Atemwege und kann auch als Folge eines sich beruhigenden allergischen
Asthmas auftreten.
Früher wurde auch noch eine dritte Asthmaform angenommen: psychogenes
Asthma – Asthma als Folge psychischer Faktoren. Dieser Ansatz wurde aufgrund
der Erkenntnis aufgegeben, dass Asthma nicht allein durch psychische und
psychosoziale Faktoren erklärbar ist.
Zusammenfassend gesehen können drei Faktoren eine Verengung der
Luftröhrenverzweigungen bewirken, sodass die eingeatmete Luft nur noch schwer
ausgeatmet werden kann:
1.
Anspannung (spastische Kontraktion) der glatten Muskulatur der Bronchien
und Bronchiolen,
2.
Anschwellung der Bronchialschleimhaut durch ein Ödem, zumeist bedingt durch
eine Entzündung,
3.
Verstopfung der Atemwege durch Ablagerung von Schleimpfropfen in den
Bronchialdrüsen infolge einer erhöhten Schleimabsonderung.
Nach neuesten
Erkenntnissen ist die bronchiale Überreaktion nicht die Ursache von Asthma,
sondern eine Folge der entzündeten Atemwege.
Chronische Bronchitis
Von den so
genannten chronisch obstruktiven Lungenkrankheiten, die bei 5 bis 15 % der
erwachsenen Bevölkerung vorkommen, wird hier nur die chronische Bronchitis
erwähnt. Dabei sind die zentralen und peripheren Atemwege chronisch entzündet
oder verstopft, meist bedingt durch Vererbung, schädliche Reize oder frühere Lungenerkrankungen
wie Asthma, Tuberkulose oder Lungenfibrose. Die chronische Bronchitis kann
nicht zur Gänze geheilt werden. Im Gegensatz zum anfallsartig auftretenden
Asthma mit mehr oder weniger symptomfreien Intervallen besteht hier die
Atembehinderung dauernd oder wiederholt über größere Zeiträume.
Charakteristische Symptome sind Husten, vermehrte Schleimproduktion sowie
anhaltende Atemnot, die sich gegenüber den typischen Schadstoffen sowie bei
körperlicher Aktivität verschlimmert. Im weiteren Verlauf kommen als Folge der
mangelnden Sauerstoffversorgung vor allem Müdigkeit und Leistungsabfall hinzu.
Chronischer Husten und Schleimproduktion können bereits Jahre vor
Krankheitsausbruch vorhanden sein. Als häufigste Krankheitsursache gilt aktives
Rauchen, weshalb eine Raucherentwöhnung eine unbedingt erforderliche
Behandlungsmaßnahme darstellt.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische Faktoren
Somatoforme
Atembeschwerden treten vor allem bei intensiven Emotionen auf. Bei Angst,
Aufregung, Wut, unterdrücktem Ärger, Schuldgefühlen, Stress und Schmerzen ist
die Atmung oft entweder rasch und tief mit eingestreuten Seufzerzügen oder sie
wechselt von unruhiger Mittellage zur Hyperventilation (schnell und flach). Ein
Hyperventilationssyndrom findet man häufig bei emotional labilen Personen sowie
bei an sich gesunden Menschen in Situationen großer emotionaler Erregung.
Bei Asthma wurden im Laufe der
Zeit folgende psychische und psychosoziale Ursachen und Auslösefaktoren
diskutiert:
1.
Psychodynamik und Eltern-Kind-Beziehung. Asthmatiker sollen nach Alexander
unter einem Zwiespalt („Ambivalenzkonflikt“) leiden, der im gleichzeitigen
Suchen und angstvollen Vermeiden von Nähe bestehe. Konkret hieße dies: Jemand
möchte von einer wichtigen Bezugsperson beschützt und versorgt werden und empfindet
dieser gegenüber gleichzeitig Feindseligkeit und Aggressionen. Aufgrund einer
nicht gelösten Mutterbindung – des angeblichen Kernkonflikts bei Asthmatikern –
würde alles einen Asthmaanfall auslösen, was zu einer Lockerung der Beziehung
bzw. gar zur Trennung von der Mutter führen würde. Eine Asthmatherapie könne
nur dann erfolgreich sein, wenn die verdrängten Gefühle und Konflikte bewusst
gemacht und die Somatisierungstendenzen beseitigt würden. Schon Alexander
verwies darauf, dass es darüber hinaus jedoch kein typisches
Persönlichkeitsprofil des Asthmatikers gebe und dass die psychischen Faktoren
nur in Wechselwirkung mit allergischen Auslösereizen relevant seien. Die
behaupteten Interaktionsmuster im Sinne eines überbesorgten und
überkontrollierenden Elternverhaltens werden heute als Folge und nicht als
Ursache der Krankheit angesehen.
2.
Psychische Auslösefaktoren. Die psychoanalytisch orientierte Diskussion
über die psychogenen Krankheitsursachen von Asthma war nicht weiterführend.
Deshalb hat man sich im psychologischen Bereich nicht länger auf die Frage der
Entstehung konzentriert, sondern die Aufmerksamkeit auf das Problem der
Aufrechterhaltung der Asthmasymptomatik gerichtet, das heißt auf die
psychischen Auslöser, aufrechterhaltenden Bedingungen und psychosozialen Folgen
von Asthma. Defizite oder Störungen in der Wahrnehmung und im Ausdruck von
Emotionen begünstigen einen Asthmaanfall. Affekte wie Angst, Ärger, Wut oder
Gereiztheit können ihn sogar auslösen – als Folge der beschleunigten Atmung.
Negative Emotionen führen zu einer Erhöhung des Atemwiderstands. Diese
Alltagserfahrung konnte auch durch experimentelle Untersuchungen bei
Asthmatikern bestätigt werden.
3.
Stress, psychosoziale Faktoren und andere aufrechterhaltende Bedingungen.
Familiäre und berufliche Probleme, psychische Störungen wie Depressionen,
Angst- und Panikstörungen und unzureichendes Krankheitsmanagement können einen
Asthmaanfall auslösen oder den Krankheitsverlauf verschlimmern.
Eine Studie bei
Kindern und Jugendlichen hat ergeben, dass folgende psychische und
psychosoziale Faktoren die Krankheit verschärfen und die Todesrate erhöhen
können:
·
Mangelndes
Krankheitsmanagement. Unzureichende Krankheitsakzeptanz, fehlende
Kooperationsbereitschaft mit Ärzten und Missachtung der körperlichen Symptome
verhindern die nötige Behandlungsintensität.
·
Mangelnde familiäre
Unterstützung. Die Eltern halten sich nicht an Termine und Empfehlungen;
familiäre Konflikte wie Eltern-Kind-Probleme, Scheidung oder Trennung der
Eltern, Alkoholismus und Gewalt führen dazu, dass weder die Krankheit noch das
Kind mit seinen psychischen Bedürfnissen ernst genommen wird.
·
Psychische
Auffälligkeit des asthmakranken Kindes. Ängste, soziale Unsicherheit,
Passivität, Verweigerung, Depression und Hoffnungslosigkeit sind prognostisch
ungünstige Faktoren.
Die Bedeutung
psychosozialer Faktoren wird auch unterstrichen durch die hohe Asthma-Rate bei
Kindern aus ethnischen Minoritäten, deren Lebensbedingungen von Armut,
mangelndem Zugang zum Gesundheitssystem oder negativen familiären Einflüssen
geprägt sind. Studien an Erwachsenen haben gezeigt, dass der tödliche Ausgang
von Asthma in engem Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen,
Drogenmissbrauch, sozialer Isolation oder Verleugnung der Schwere der
Erkrankung steht.
In verschiedenen
Studien wurden Asthmatiker mit Personen ohne Atemwegserkrankungen verglichen.
Dabei zeigte sich, dass sich die Bronchien von Asthmatikern bei psychischer
Aktivierung oder emotionaler Belastung stark verengten und der
Atemwegswiderstand anstieg. Dennoch ist Asthma nicht seelisch verursacht, es
wird jedoch durch ein bestimmtes Verhalten und Erleben begünstigt. Entgegen den
auch heute in der Populärliteratur noch oft vertretenen Auffassungen muss klar
gesagt werden: Asthma ist keine psychische Störung mit Organsymptomatik! Asthma
ist im Sinne des biopsychosozialen Krankheitsverständnisses eine chronische
körperliche Krankheit mit einer Entzündung und daraus folgender Verengung der
Atemwege; Asthma kann jedoch durch psychische Faktoren (Angst, Ärger, Stress)
ausgelöst bzw. verstärkt und durch psychosoziale Faktoren aufrechterhalten
werden.
Ein
multikausales Krankheitsmodell geht bei Asthma von einer bronchialen
Überreaktion aus, bedingt durch Vererbung und unterstützende Faktoren aus der Lebensumwelt
(Infektionen, Umweltbelastungen, Rauchen bzw. Passivrauchen). Auf diesem
Hintergrund bewirken bestimmte Auslöser den asthmatischen Anfall; es handelt
sich dabei um folgende fünf Faktorenbündel: Allergene, körperliche Aspekte
(z.B. Infekte oder körperliche Belastungen), unspezifische Reize (z.B. Kälte
oder Staub), psychische Faktoren (Ärger, Angst, Trauer, Erregung, Unsicherheit,
Depression, Freude) und soziale bzw. familiäre Bedingungen.
Bei Infekten
der oberen Atemwege kann chronischer Stress das Immunsystem schwächen und damit
die Abwehrkraft des Körpers, was derzeit noch viel zu wenig bedacht wird.
Therapeutische Strategien
Bei einer Hyperventilation bzw. einer emotional bedingten Beschleunigung
der Atmung geht es vorerst einmal darum, die zugrunde liegenden Gefühle
wahrzunehmen und zu lernen, sie zu verarbeiten, damit die Symptomatik nicht
chronisch wird. Die häufig vorhandene Angst vor einer neuerlichen
Hyperventilation kann dann durch gezielte Atemtechniken überwunden werden: Die
so genannte Lippenbremse (langsames Ausatmen durch leicht geschlossene Lippen)
oder rasche Bewegungen, wenn eine beschleunigte Atmung einsetzt, sind besonders
hilfreich.
Bei einer
verminderten Atemfrequenz von sechs bis acht Zügen pro Minute und einer langsamen
Ausatmung entspannen sich die Muskeln und der Blutdruck sinkt. Wenn diese
Techniken automatisiert sind, werden eine Kalziumspritze und die berühmte
Papiertüte vor dem Mund zum erneuten Einatmen der ausgeatmeten Luft überflüssig.
Ein Training zur regelmäßigen Zwerchfellatmung („Bauchatmung“) ist von
besonderer Bedeutung, weil die Betroffenen bereits ganz allgemein und speziell
in Situationen hoher emotionaler Erregung eine Brustatmung aufweisen.
Atemübungen spielen bei vielen Entspannungstechniken eine große Rolle,
insbesondere bei Yoga, aber auch beim Biofeedback-Training. Daneben sollten die
Betroffenen jene emotionalen Konflikte zu bewältigen lernen, die zur
Atembeschleunigung geführt haben. Dabei kann eine Partner- oder
Familientherapie oder eine berufsbezogene Beratung angezeigt sein.
Gerade das
Beispiel Asthma zeigt die wichtige Rolle von klinischen Psychologen und
Psychotherapeuten – auch wenn klar ist, dass es sich um eine grundsätzlich
organisch bedingte Krankheit handelt. Ihr Einsatz bezieht sich vor allem auf
folgende Ziele und Aufgabenbereiche:
1.
Verbesserung der Compliance. Die konsequente Einhaltung der medizinischen
Therapie durch möglichst hohe Motivation des Kranken garantiert die Behandlungseffizienz
und verhindert schwere Komplikationen.
2.
Patientenschulung. Etwa 90 % der asthmabedingten Krankenhauseinlieferungen
sowie die meisten tödlichen Asthmaanfälle hätten bei richtigem Gebrauch der
Medikamente und anderer Hilfen vermieden werden können. Bei derartigen
Schulungsprogrammen wird immer klarer, dass reine Informationen nicht
ausreichen, es muss gleichzeitig auch ein entsprechendes Verhaltenstraining
durchgeführt werden:
·
verbessertes
Krankheits- und Behandlungswissen (Wissen über Ursachen und Verlauf des
Asthmas, Wissen über Medikamente und verschiedene Hilfsmittel),
·
optimierte Wahrnehmung
der allergischen Auslöser und der körperlichen Befindlichkeit,
·
Schulung in der
Handhabung und regelmäßigen Anwendung eines Peak-Flow-Meters (Gerät zur Messung
der Ausatemluft) zur Selbstdiagnostik der aktuellen Lungenfunktion,
·
Management komplexer
Alltagsanforderungen (Fertigkeiten für ein optimiertes Asthma-Management,
Anfallsvorbeugung und Sekundärprävention, das heißt Vermeidung psychosozialer
Folgeprobleme),
·
Informationen über die
Gefahren des Rauchens und Möglichkeiten einer Raucherentwöhnung, über Allergien
und besseren Umgang damit, über die Bedeutung stufenweiser körperlicher
Belastung (Vermeidung von Schonverhalten), über emotionale Asthmaauslöser wie
Ärger oder Angst.
3.
Atem- und Entspannungstherapie. Hilfreich sind Atemtechniken wie eine
tiefere und langsamere Zwerchfellatmung (Bauchatmung) und insbesondere die
Lippenbremse (bei leicht geschlossenen Lippen ganz langsam ausatmen); sie
können bei bestimmten Asthmatikern einen Anfall verhindern. Über
Entspannungstechniken können auch belastende Emotionen wie Stress, Ärger oder
Angst wirksam bewältigt werden. Empfehlenswert sind sie vor allem bei einer
Neigung zur Hyperventilation, die oft einen Asthmaanfall begünstigt. Bei akutem
oder chronisch schwerem Asthma sollten bestimmte Atemtechniken allerdings nur
mit großer Vorsicht eingesetzt werden. Daneben ist auch ein körperliches
Training erforderlich.
4.
Psychotherapeutische Zusatzangebote. Psychotherapie ist neben den
medizinischen Behandlungsmaßnahmen keine routinemäßig erforderliche
Intervention, kann jedoch bei bestimmten Asthmatikern den Behandlungserfolg
steigern. Die Betroffenen werden oft hilflos, depressiv oder panisch – hier
sollten neue Sichtweisen und Strategien entwickelt werden, um eine weitere
Verschlimmerung der Krankheit zu verhindern. Bei einer gleichzeitigen Angst-
und Panikstörung, wie dies öfter der Fall ist, kann die Lebensqualität
erheblich verbessert werden, wenn ein Angstbewältigungstraining angeboten wird.
Auf diese Weise kann unterbunden werden, dass sich Atemnot und Hyperventilation
gegenseitig aufschaukeln. Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen reagieren
auf einen Asthmaanfall mit Panik, ohne dass deswegen schon von einer
Panikstörung gesprochen werden kann. Bei depressiven Asthmatikern ist eine
psychotherapeutisch orientierte Depressionsbehandlung ratsam, bei chronisch
Gestressten hilft ein Stressbewältigungs- oder Problemlösetraining. Bei Kindern
sind Unterstützungsangebote für die oft unsicheren Eltern sowie familienbezogene
Maßnahmen bei speziellen Problemen erforderlich. Hier geht der Trend immer mehr
in Richtung eines speziellen Elterntrainings. Bei einer derartigen
„Familientherapie“ wird keinesfalls unterstellt, dass Asthma durch familiäre
Probleme verursacht wird. Es sollen einfach möglichst günstige Bedingungen für
das asthmaleidende Kind hergestellt werden.
3.
Bewältigung bzw. Veränderung krankheitsverstärkender Umstände. In
bestimmten Fällen kann eine berufsspezifische Allergenbelastung berufliche Förder-
und Umschulungsmaßnahmen notwendig machen, sodass eine entsprechende Beratung
angezeigt erscheint.
Bei der chronischen Bronchitis werden keine psychischen und psychosozialen
Auslöser diskutiert. Es geht daher in einer psychosomatisch orientierten
Therapie hauptsächlich um die Bewältigung der Krankheit und deren psychische
Folgen. Psychologen und Psychotherapeuten können an folgenden Aufgaben
beteiligt sein: Raucherentwöhnung, Atem- und Entspannungstraining, körperliche
Aktivierung, Änderung des Lebensstils und verschiedener Denkmuster, Wahrnehmung
und Bewältigung problemverschärfender Gefühle wie Wut oder Ärger, Behandlung
psychischer Begleitstörungen wie Ängste und Depressionen.
Wenn der Magen rebelliert
„Magengeschwüre
bekommt man nicht von dem, was man isst, man bekommt sie von dem, wovon man
aufgefressen wird.“
Mary Mortley Montagu
Reizmagen – der Bauch in Aufruhr
Herr Schuster, ein 45-jähriger Tischler, leidet seit Jahren unter immer
wiederkehrenden Beschwerden im linken Oberbauch. Sie setzen plötzlich ein,
dauern mehrere Tage lang an und sind mit Übelkeit, Völlegefühl, Sodbrennen und
Schmerzen verbunden.
Herr Schuster hat im Laufe der
Jahre selbst bemerkt, dass trotz seiner Vorsorge – er meidet etwa das Essen in
der Kantine – die Beschwerden phasenweise ärger werden, ohne dass ihm ein
plausibler Grund dafür bekannt wäre. In den letzten vier Monaten war er nicht
nur mehrfach beim Hausarzt, sondern auch bei zwei „Magen-Spezialisten“. Es
wurden aber keine organischen Ursachen gefunden. Mangels Alternativen greift er
den Ratschlag auf, zu einem psychologischen Psychotherapeuten zu gehen. Bereits
im ersten Gespräch wird deutlich, dass ihm die Situation am Arbeitsplatz sehr
zusetzt: schlechtes Betriebsklima, große Fluktuation unter den Mitarbeitern,
Wechsel in der Führungsetage, zunehmendes Mobbing unter den Mitarbeitern,
unzureichende Abgeltung von Überstunden, steigender Arbeitsdruck bei gleichzeitigem
Abbau von Mitarbeitern aus Kostengründen. Herr Schuster ist es gewohnt, trotz
allem die bestmögliche Leistung zu erbringen – immer stärker macht sich aber
ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit breit, dazu verspürt er oft eine
riesige Wut auf bestimmte jüngere Mitarbeiter, die es im Gegensatz zu ihm
geschafft haben, sich beim neuen jungen Chef einen guten Stand zu verschaffen.
„Eine Wut im Bauch haben“: Magen und Psyche
Der
Magen-Darm-Trakt dient dazu, Nahrung aufzunehmen und zu verarbeiten, um den
Körper mit Energie zu versorgen: Lebenswichtige Stoffe werden zugeführt, Abbaustoffe
und Schadstoffe werden ausgeschieden. Der Weg des Nahrungstransports ist allen
bekannt: von der Mundhöhle durch die Speiseröhre in den Magen, von dort über
den Zwölffingerdarm in den Dünndarm, dann weiter in den Dickdarm und in den
Mastdarm und schließlich über den After in die Toilette. Man unterscheidet
zwischen einem oberen Gastrointestinalbereich (Magen und Speiseröhre) und einem
unteren Gastrointestinalbereich (Darm). Zur Verdauung der Nahrung sind auch
Stoffe aus anderen Organen erforderlich und zwar aus der Galle und der
Bauchspeicheldrüse.
Das Verdauungssystem hat ein eigenes Nervensystem, das so genannte
enterische Nervensystem, das manchmal auch „zweites Gehirn“ genannt wird. Die
Verdauung wird durch das parasympathische Nervensystem angeregt und durch das
sympathische Nervensystem gehemmt. Bei körperlicher Betätigung und psychischem
Stress wird die Verdauungstätigkeit weitgehend eingestellt, um die körperliche
Leistungsfähigkeit zu verbessern. Bei einem Dauerlauf etwa wird keine feste
Nahrung verdaut, weshalb Leistungssportler wie Marathonläufer oder Radfahrer
nur leicht verdauliche Flüssignahrung zu sich nehmen. Bei starker und lang
anhaltender Belastung oder emotionaler Erregung sind das sympathische und das
parasympathische Nervensystem gleichzeitig aktiv, was zu Verdauungsstörungen
führt.
Der Magen ist eine sackartige Erweiterung des Verdauungskanals und dient
als Speicher für die aufgenommene Nahrung. Er zerlegt diese mithilfe des Magensaftes
und leitet den Speisebrei weiter in den Zwölffingerdarm, den ersten Abschnitt
des Dünndarms. Die Magenmuskulatur wird aktiv, um die Speise zu mischen und
weiterzutransportieren. Die Magenschleimhaut, die erste der vier Schichten der
Magenwand, enthält Drüsen und Zellen, die Schleim, Pepsin, Salzsäure und
hormonartiges Gastrin absondern. Bestimmte Magenenzyme, Darmbewegungen und die
Magensäureausscheidung ändern sich durch psychische Einflüsse wie etwa starke
Emotionen. Wut und Hass hemmen über das sympathische Nervensystem die Magen-
und Darmtätigkeit, Schreck und Prüfungsangst führen dagegen über das parasympathische
Nervensystem zu Durchfall. Psychosoziale Belastungen und Konflikte innerhalb
oder außerhalb der Person können sich „auf den Magen schlagen“, sodass dieser
zum Austragungsort seelischer Probleme wird.
Dies wird auch durch zahlreiche Redewendungen deutlich: Im Bauch haben wir
– je nach Gefühl und Situation – eine Wut, ein flaues Gefühl, ein Flattern oder
Schmetterlinge. Zweierlei finden wir schön: dass die Liebe durch den Magen geht
und wenn wir aus dem Bauch heraus leben und handeln können. Wir können etwas
hinunterschlucken, alles in uns hineinfressen und lange an etwas herumkauen.
Manchmal verschlägt sich etwas auf unseren Magen; das liegt uns dann schwer im
Magen und wir tun uns schwer, es zu verdauen. Manchmal ist uns ganz flau im
Magen, dreht sich uns der Magen um, stößt es uns sauer auf, vergeht uns der
Appetit, haben wir etwas gründlich satt. Das finden wir zum Kotzen! Mitunter kommt
uns die Galle hoch, spucken wir Gift und Galle, es kann uns auch einmal etwas
über die Leber laufen.
Bei psychischen Problemen bestehen oft funktionelle Oberbauchbeschwerden
(Appetitlosigkeit, Übelkeit, Völlegefühl, Magenschmerzen, Erbrechen, Aufstoßen,
Sodbrennen) und funktionelle Unterbauchbeschwerden (Durchfall, Verstopfung,
Reizdarm). Funktionelle und organisch begründete Magen- und Darmstörungen gehen
zwar mehrheitlich mit einer vagotonen (= parasympathischen) Fehlsteuerung
einher, können jedoch auch durch eine sympathische Überaktivität mitverursacht
sein (neben Anlagefaktoren und Risikoverhaltensweisen). Bei Stress, Erregung
oder körperlicher Betätigung hemmt das sympathische Nervensystem die Magen- und
Darmtätigkeit, um Energie zu sparen und den Körper kurzfristig ganz auf Kampf
oder Flucht einzustellen. Bei dieser Kampf- oder Fluchtreaktion werden
Skelettmuskeln, Herz und Gehirn stärker durchblutet als im entspannten Zustand,
die Verdauungsorgane dagegen weniger. Die kleinen Arterien in der Magenschleimhaut
verengen sich unter dem Einfluss der Stresshormone. Durch die mangelhafte
Durchblutung wird auf die Dauer die Schleimhaut geschädigt, sodass die
Magenwände selbst bei verminderter Magensäure nicht mehr geschützt sind.
Magenbeschwerden treten auch bei
verschiedenen psychischen Störungen auf, insbesondere bei Depressionen:
Übelkeit, Brechreiz, Völlegefühl, Sodbrennen, Schluckauf, saures Aufstoßen,
spastische Magen-Darm-Beschwerden, bandartige oder diffus wechselnde
Druckschmerzen im Bauchraum, Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust oder auch
Heißhungerattacken. Bei Angststörungen findet man vor allem Übelkeit und ein
Unruhegefühl im Bauch. Bei 87 % der Reizmagen-Patienten ist eine psychische
Störung vorhanden, meist eine Angststörung oder eine Depression, während dies
nur bei 25 % der organisch bedingten Magenstörungen der Fall ist.
Tabelle 6: Psychosomatisch relevante Beschwerden des Magens und der
Speiseröhre
|
Funktionelle Störungen |
Somatoforme
autonome Funktionsstörungen des oberen Gastrointestinalbereichs: ·
Reizmagen
(funktionelle Dyspepsie) ·
andere
funktionelle Magenstörungen (psychogenes Erbrechen, Magenkrämpfe,
funktionelle Bauchschmerzen) ·
funktionelle
Störungen der Speiseröhre (Globusgefühl, funktionelle Schluckstörung, Luftschlucken,
Wiederkäuen, nichtkardialer Brustschmerz, funktionelles Sodbrennen) |
|
Organisch fundierte Störungen |
·
Gastritis ·
Magengeschwür |
Funktionelle Störungen
Reizmagen (funktionelle Dyspepsie)
Nichtorganische Magen- und Speiseröhrenbeschwerden werden als somatoforme
Störungen des oberen Gastrointestinaltrakts bezeichnet, wenn sie auch noch bestimmte
andere Kriterien (mindestens drei weitere somatoforme Symptome) erfüllen.
Magenbeschwerden sind weit verbreitet: Rund 15 % der erwachsenen Bevölkerung
leiden daran, innerhalb der letzten zwölf Monate vor der Befragung sind dies
etwa ein Viertel oder sogar ein Drittel der Bevölkerung. Davon sucht wieder
etwa ein Drittel einen Arzt auf. Bis zu 5 % aller Konsultationen einer
hausärztlichen Praxis erfolgen wegen funktioneller Magenbeschwerden. Bei mehr
als der Hälfte der Betroffenen lassen sich keine organischen Ursachen dafür
ausfindig machen. Man spricht dann von einem nervös bedingten Reizmagen. Unter
den Menschen mit funktionellen Magen-Darm-Beschwerden leiden 30 % an einem
Reizmagen und 50 % an einem Reizdarm. Frauen weisen zwei- bis dreimal häufiger
als Männer einen Reizmagen oder Reizdarm auf, die Häufigkeit der Beschwerden
nimmt mit dem Alter zu.
In der Fachwelt setzt sich immer
mehr der Begriff „funktionelle Dyspepsie“ durch (im Englischen der Ausdruck
„Non-ulcer-dyspepsia“), zusammengesetzt aus den griechischen Wortwurzeln dys = Störung eines Zustandes und pepsis = Verdauung. Die bekannteren deutschen
Bezeichnungen sind „Reizmagen“ und „funktionelle Oberbauchbeschwerden“. Früher
wurde dafür auch das antiquierte Wort „Magenneurose“ verwendet.
Eine funktionelle Dyspepsie ist
charakterisiert durch Schmerzen oder Missempfindungen, die im mittleren Oberbauch
entstehen. Genauer definiert, besteht eine funktionelle Dyspepsie aus mindestens drei Monate andauernden
nichtorganisch bedingten Beschwerden oder Schmerzen im bevorzugt linksseitigen oder
mittleren Oberbauch wie etwa chronischen oder wiederkehrenden
Oberbauchschmerzen, Druck- und Völlegefühl im Oberbauch, nichtsaurem Aufstoßen,
vorzeitigem Sättigungsgefühl und Appetitmangel, Übelkeit, Brechreiz und
Sodbrennen. Die Symptome können während der Aufnahme von Speisen oder Stunden
später, aber auch nach längeren Hungerphasen auftreten.
Man unterscheidet vier Formen von funktioneller Dyspepsie und zwar orientiert an
den entsprechenden organischen Erkrankungen, denen sie ähnlich erscheinen:
1.
Dyspepsie, ähnlich einem Geschwür (wie bei einer Ulkuserkrankung),
2.
Dyspepsie, ähnlich einer Bewegungsstörung des Magens (Motilitätsstörung),
3.
Dyspepsie, ähnlich einem Rückfluss an Magensäure (Refluxstörung),
4.
unspezifische Dyspepsie (eine Restkategorie).
Eine Dyspepsie ähnlich einer Ulkuserkrankung besteht aus mindestens drei
der folgenden Symptome: Der Schmerz ist im Oberbauch lokalisiert (eventuell nur
an einer kleinen Stelle), nimmt durch Nahrungsaufnahme oft ab (über 25 % im
Zeitablauf), wird häufig gelindert durch bestimmte Medikamente, tritt oft vor
Mahlzeiten oder bei Hunger auf (Nüchternschmerz), kann den Betroffenen manchmal
aus dem Schlaf aufwecken (Nachtschmerz), zeigt sich periodisch mit Besserung
und Rückfällen (Phasen von mindestens zwei Wochen ohne Schmerzen wechseln sich
ab mit Phasen von Wochen bis Monaten mit Schmerzen).
Eine Dyspepsie ähnlich einer
Motilitätsstörung besteht aus Beschwerden im oberen Bauchraum, wobei Schmerz
nicht das dominierende Symptom ist. Die Beschwerden sind chronisch und bestehen
aus mindestens drei der folgenden Symptome: frühzeitiges Sättigungsgefühl;
Völlegefühl nach der Mahlzeit; Übelkeit vor allem am Morgen; wiederkehrender
Würgereiz und/oder Erbrechen; Gasbildung, Aufstoßen, Blähungsgefühl und
Spannung im Oberbauch ohne sichtbare Blähungen im Bauchraum; die Beschwerden im
oberen Bauchraum werden durch Nahrung verstärkt.
Eine Dyspepsie ähnlich einer
Refluxstörung besteht aus einer Kombination von funktioneller Dyspepsie und
Sodbrennen bzw. saurem Aufstoßen. Sodbrennen und Säurereflux allein machen noch
keine Dyspepsie aus. Typisch sind folgende Symptome: Beschwerden unterhalb des
Brustbeins bzw. im Oberbauch oder Sodbrennen; brennende Schmerzen im Oberbauch;
Aufstoßen von Magensaft oder Essen; Mahlzeiten, heiße Getränke oder Wechsel der
Körperposition verschlimmern die Beschwerden.
Bei Dyspepsie-Patienten wechseln
im Krankheitsverlauf oft die Leitsymptome, weshalb die bekannten Einteilungen
problematisch sind. Nach einer umfangreichen Studie hatten sich die Symptome
innerhalb von zwei Jahren dreimal, bei 20 % zweimal und bei weiteren 22 %
einmal verändert. Den häufigsten Wechsel verzeichneten Patienten mit einer
Dyspepsie vom Ulkus-Typ. Bei Frauen und jüngeren Patienten änderten sich die
Symptome häufiger als bei Männern oder älteren Menschen. Menschen mit einer
funktionellen Dyspepsie fühlen sich in ihrer Lebensqualität so beeinträchtigt
wie Patienten mit Arthritis oder Herzinsuffizienz, sodass die Störung von
Außenstehenden nicht einfach als harmlose funktionelle Störung abgetan werden
darf.
Die Mehrzahl der betroffenen
Reizmagen-Patienten weist einen Mischtyp von Reizmagen und Reizdarm auf.
Verschiedene Reizmagen-Patienten leiden unter Reizdarmsymptomen wie Durchfall
oder Verstopfung, oft auch unter weiteren Beschwerden wie Kopfschmerzen,
Schlafstörungen oder Schmerzen in anderen Körperregionen. Viele
Reizmagen-Patienten leiden im Vergleich zu Patienten mit organisch bedingter
Dyspepsie auch noch unter zahlreichen weiteren vegetativen Symptomen, wie dies
dem Konzept der somatoformen autonomen Funktionsstörungen entspricht: Sie gehen
häufiger zum Arzt, wechseln öfter die Behandler, konsumieren mehr Medikamente,
sind häufiger krank geschrieben, neigen stärker zu hypochondrischen Bewertungen
ihrer ungefährlichen Körpersymptome und weisen häufiger psychische Störungen
auf (vor allem Angststörungen). Die Betroffenen können und wollen lange Zeit
einfach nicht glauben, dass sie körperlich gesund sind. Wichtig: Reizmagen- und
Reizdarm-Patienten haben kein erhöhtes Risiko, an Magen- oder Darmkrebs zu
erkranken.
Der Verlauf der
Reizmagensymptomatik ist wie beim Reizdarm unterschiedlich. Während eine Gruppe
durch die Versicherungen des Arztes über die Ungefährlichkeit der Symptome eine
Spontanheilung erlebt, findet eine zweite Gruppe mithilfe von Medikamenten
zumindest über Jahre zu langen symptomfreien Intervallen und entwickelt sich
bei einer relativ großen dritten Gruppe ein chronischer Verlauf mit einer
Zunahme von anderen Beschwerden und einer erheblichen Beeinträchtigung der
sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit.
Andere funktionelle Magenstörungen
Übelkeit
Häufige Übelkeit muss nicht unbedingt mit einem übersäuerten Magen oder
einer Reaktion auf verdorbene Speisen zusammenhängen, sondern kann auch durch
Ekelgefühle oder eine angespannte Zwerchfellmuskulatur bedingt sein.
Psychogenes Erbrechen
Beim psychogenen Erbrechen wird ohne Zusammenhang mit einer Essstörung
willkürlich oder unwillkürlich vorher verschluckte Nahrung erbrochen, ausgelöst
durch psychische Belastungen und emotionale Faktoren, z.B. bei Prüfungsangst.
Das Erbrechen steht meist in engem Zusammenhang mit dem Essen, typischerweise erfolgt
es unmittelbar nach Beginn der Nahrungsaufnahme und seltener am Ende. Bei
manchen Menschen ist die Symptomatik rasch überwunden, bei anderen kann sie
einen jahrelangen Verlauf haben.
Magenkrämpfe
Schmerzhafte Magenkrämpfe sind häufig verursacht durch spontane oder
andauernde Verspannungen der Magenmuskulatur und können bei langer Dauer als
anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert werden.
Magenschmerzen
Diffuse Magenschmerzen können bedingt sein durch eine mangelhafte
Durchblutung der Magenwand als Folge einer sympathischen Übererregung bei
ständigem Stress und einer Überproduktion von Säure, die die minderdurchblutete
Magenwand reizt.
Funktionelle
Störungen der Speiseröhre
Globusgefühl
Ein
Globusgefühl (vom Lateinischen globus
= Kugel, Ball) ist ein mindestens drei Monate anhaltendes, chronisches oder immer
wieder auftretendes Fremdkörpergefühl im Halsbereich zwischen dem oberen Teil
des Brustbeins und der Schilddrüse, das oft durch eine muskuläre Verspannung
des Speiseröhreneingangs bedingt ist. Diese Missempfindung tritt meistens
zwischen den Mahlzeiten auf, also beim Leerschlucken, das Schlucken an sich ist
nicht beeinträchtigt. Die Betroffenen beklagen folgende Symptome: Kloß im Hals,
Kratzen, Brennen, Trockenheits- oder Schleimgefühl, Räusper- oder Schluckzwang,
Schmerzen im Hals, die gelegentlich bis zu den Ohren ausstrahlen, im Extremfall
ein Zuschnüren der Kehle, das als Angst machendes Erstickungsgefühl erlebt
wird. Die Störung kann als Einzelsymptom oder in Verbindung mit anderen
Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Ein Globusgefühl wird im Gegensatz zu einer
Schluckstörung durch Essen und Trinken gebessert und durch Leerschlucken
verstärkt. Zahlreiche Betroffene versuchen durch ständiges Schlucken oder
Lutschen von Bonbons oder Kauen von Kaugummi die Speichelproduktion anzuregen
und dadurch einen trockenen Mund und das Globusgefühl zu vermeiden, erreichen
dadurch aber oft nur das Gegenteil: Durch das wiederholte Schlucken verstärken
sie die Aufmerksamkeit auf die unangenehmen Empfindungen im Rachenbereich. Ein
Globusgefühl kommt oft zusammen mit einer Refluxerkrankung vor.
Ein weiteres nichtorganisches Globusgefühl entsteht durch Verspannungen der
Schluck- und Halsmuskulatur, bedingt durch extreme körperliche Belastung, aber
auch durch extremes Zurückbeugen des Kopfes (z.B. beim Zahnarzt) und der damit
verbundenen Überdehnung der Halsmuskulatur. Verschiedene Patienten fürchten den
Zahnarzt gerade wegen dieses Globusgefühls. Sie haben Angst, etwas zu
verschlucken und dabei zu ersticken.
Funktionelle Schluckstörung (Dysphagie)
Es handelt sich
dabei um eine organisch nicht erklärbare Schluckstörung mit und ohne Schmerzen,
die im Gegensatz zum Globusgefühl während des Essens oder Trinkens bzw. kurz
nach dem Schluckakt auftritt. Über den Zeitraum von mindestens drei Monaten
besteht das Gefühl, dass feste oder flüssige Speisen in der Speiseröhre stecken
oder sie abnormal passieren. Man kann drei Arten von funktionellen
Bewegungsstörungen der Speiseröhre unterscheiden:
1.
Funktionelle Achalasie. Dabei öffnet sich der untere
Speiseröhrenschließmuskel nicht.
2.
Diffuser Speiseröhrenkrampf. Es treten simultane, nicht in Richtung Magen
gerichtete, vorwärts bewegende Kontraktionen auf.
3.
Übermäßige Speiseröhrenverspannung. Es bestehen überstarke Kontraktionen.
Luftschlucken
Luftschlucken ist eine Sonderform einer funktionellen Schluckstörung und
tritt oft bei zu hastigem Essen auf. Es ist
durch folgende Symptome charakterisiert, die über einen Zeitraum von mindestens
drei Monaten auftreten müssen: stressbedingtes Luftschlucken oder Luftschlucken
beim Essen, Blähungen und Aufstoßen, häufiges „trockenes“ und lautes Schlucken,
Vorwärtsbewegung des Halses beim Schlucken. Wiederholtes Rülpsen soll die
Spannungen oder Blähungen im Bauchraum verringern, es bringt jedoch nur eine
vorübergehende Erleichterung, weil weniger Luft herausbefördert wird als vorher
geschluckt wurde. Bei einer Hyperventilationsneigung können mitunter
Oberbauchbeschwerden auftreten, die durch Luftschlucken bedingt sind.
Wiederkäuen (Ruminationssyndrom)
„Rumination“
bezeichnet ein Wiederkäuen von Nahrung. Es handelt sich um ein mindestens drei
Monate andauerndes Heraufwürgen von gerade aufgenommener Nahrung mit
neuerlichem Kauen und erneutem Schlucken. Übelkeit und Erbrechen treten dabei
nicht auf. Das Wiederkäuen hört meist bei mehr Magensäure auf.
Funktionelle Brustschmerzen mit Ursprung in der
Speiseröhre
Die Schmerzen
sitzen hinter dem Brustbein, sind belastungsabhängig und werden ähnlich wie
eine Angina pectoris erlebt. Sie treten in der Körpermitte mit und ohne
Schluckstörung auf und dauern mindestens drei Monate lang an. Die
nichtorganische Ursache dafür besteht in einem erhöhten Säurereflux, in einer
Überempfindlichkeit bei normalem Säurereflux oder in einer Bewegungsstörung der
Speiseröhre. Die Betroffenen befürchten oft irrtümlich eine Herzerkrankung und
suchen deswegen den Arzt auf.
Funktionelles Sodbrennen
Es bestehen
mindestens drei Monate anhaltende brennende Beschwerden hinter dem Brustbein
ohne organisch bedingten Reflux und ohne Speisenröhrenentzündung. Die
Beschwerden treten meistens am Tage in Wellen auf und können mit Rülpsen,
Wiederkäuen oder Magenbeschwerden wie etwa Blähungen, frühem Sättigungsgefühl
oder Übelkeit einhergehen. Sie werden oft durch bestimmte Emotionen,
Nahrungsmittel, Hinlegen oder Vornüberbeugen verursacht oder verstärkt. 20 %
der Deutschen haben bisweilen Sodbrennen, davon entwickeln 10 % eine Entzündung
der Speiseröhre.
Organische Störungen
Gastritis
Die Gastritis,
eine akute oder chronische Magenschleimhautentzündung, zählt zu den häufigsten Magenerkrankungen,
wird bei rund 2 % der ambulant behandelten Patienten diagnostiziert und stellt
bei 4,5 % der Bevölkerung den Grund dar, warum jährlich einmal der Arzt
aufgesucht wird. Sie heilt nicht spontan ab, schädigt das Gewebe im Magen und
führt öfter zu Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren und manchmal auch zu einem
Magenkarzinom.
Eine Gastritis äußert sich in Form von Appetitlosigkeit, Druck- und
Völlegefühlen nach dem Essen, Übelkeit, Aufstoßen, Erbrechen und
Empfindlichkeit gegenüber säurehaltiger Nahrung oder heißen Fetten. Die
Ursachen können vielfältig sein: psychische Überlastung, verdorbene Speisen,
Genussmittel (zu viel Alkohol, Koffein, Nikotin), bestimmte Medikamente, zu
heiße oder zu kalte Getränke, Säuren und Laugen oder akute infektiöse
Erkrankungen. Als Hauptursache der häufigeren chronischen Gastritis gilt die
Infektion durch den Helicobacter pylori (Typ-B-Gastritis).
Magengeschwür
Rund 10 % der
Bevölkerung bekommen im Laufe ihres Lebens ein Magen- oder
Zwölffingerdarmgeschwür, bei der Mehrzahl ergibt sich ein chronischer Verlauf
mit Rückfällen. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Magengeschwür und
Zwölffingerdarmgeschwür werden unter der Bezeichnung peptisches Geschwür (Ulcus
pepticum) zusammengefasst. Die Symptome beider Geschwürformen können sich
derart überlappen, dass allein von den Beschwerden her oft keine sichere Unterscheidung
möglich ist.
Unter einem Magengeschwür (Ulcus ventriculi), das bei 0,2 bis 0,3 % der
Bevölkerung vorkommt, versteht man ein gutartiges Magenwandgeschwür, das sich
meistens im unteren Teil des Magens (vor allem im Bereich des Magenpförtners,
des Schließmuskels beim Magenausgang) oder im oberen Teil des Zwölffingerdarms
befindet.
Zu Krankheitsbeginn ist das Geschwür rund, begrenzt und auf die Magenschleimhaut
beschränkt. Nach längerem Bestehen dringt es in die tieferen Schichten der
Magenwand vor und kann diese schließlich sogar durchbrechen. Die Symptome
bestehen vor allem in stundenlangen Magenschmerzen, Aufstoßen, Sodbrennen,
Erbrechen von saurem Mageninhalt, Druck- bzw. Völlegefühl nach den Mahlzeiten,
Unverträglichkeit bestimmter Getränke und Speisen, manchmal auch im Auftreten
von Blutungen und infolgedessen Teerstuhl. Komplikationen entstehen bei
chronischem Verlauf vor allem durch Narben- oder Geschwürbildungen in tieferen
Schichten der Darmwand, die zu Blutungen, Durchbrüchen in die Bauchhöhle oder
zur Durchdringung benachbarter Organe führen. Im schlimmsten Fall kann das
Geschwür auch einen bösartigen Verlauf nehmen.
Die Magenschmerzen setzen sofort nach dem Essen ein und verschwinden oft
erst nach dem Erbrechen. Anders beim Zwölffingerdarmgeschwür, hier treten die
Bauchschmerzen besonders bei nüchternem Magen auf und verschwinden durch Essen.
Bei zwei Drittel der Betroffenen kehren die Schmerzen mehrere Wochen lang
täglich wieder. Die Symptomatik klingt bei etwa 80 % der Betroffenen spontan ab
oder heilt in Tagen bis Wochen durch Diät und Medikamente, wiederholt sich aber
bei den meisten Patienten in gewissen Abständen. Manche Geschwüre werden gar
nicht bemerkt und zeigen sich erst später im Röntgenbild durch eine Narbenbildung.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Somatoforme Störungen des oberen Gastrointestinaltrakts
Ein Reizmagen
wird durch verschiedene somatische und psychologische Modelle zu erklären
versucht. Folgende organische Aspekte der funktionellen Dyspepsie werden
diskutiert:
1.
Bewegungsstörungen (Motilitätsstörungen). Als Motilität des
Magen-Darm-Trakts bezeichnet man die Eigenbewegungen des Verdauungstraktes mit
dem Ziel, den Speisebrei zu durchmischen und weiterzubefördern. Eine verzögerte
Magenentleerung und eine verminderte Darmbewegung liegen zwar bei bis zu 50 %
der Reizmagen-Patienten vor, diese Faktoren allein bewirken jedoch noch keine
funktionelle Dyspepsie. Außerdem können dadurch die oft starken Symptomschwankungen
nicht erklärt werden, denn Bewegungsstörungen im Magen-Darm-Trakt sind
gewöhnlich konstant und länger andauernd.
2.
Säureempfindlichkeit. Es besteht – im Gegensatz zu früheren Annahmen –
keine abnorme Überproduktion von Magensäure. Selbst Patienten mit einem Magengeschwür
weisen eine normale oder sogar erniedrigte Magensäureproduktion auf. Möglich
ist jedoch in bestimmten Fällen eine erhöhte Empfindlichkeit auf eine normale
Säureproduktion in Zusammenwirken mit anderen Faktoren.
3.
Erhöhte Schmerzsensibilität (Überempfindlichkeit der Magenschleimhaut).
Reizmagen-Patienten weisen eine Übersensibilität im Sinne einer erniedrigten
Schmerzschwelle im Magen- und oft auch im Speiseröhrenbereich auf. Gegenwärtig
wird bei dyspeptischen Patienten die Hypothese einer Übersensibilität gegenüber
Schmerzen favorisiert, wie auch durch Versuche einer Magendehnung mithilfe
eines Ballonkatheters belegt werden konnte (ähnliches gilt für
Reizdarm-Patienten). Vermutlich werden vorhandene Missempfindungen auch dadurch
verstärkt, dass sich die Betroffenen mehr als andere Menschen auf ihren Magen
konzentrieren.
4.
Entzündungen (Helicobacter pylori). Eine Helicobactor-pylori-Gastritis ist
keineswegs die zentrale Ursache für anhaltende dyspeptische Beschwerden, weil
diese oft auch nach der Beseitigung des Helicobacters bestehen bleiben. Die
meisten Menschen tragen den Helicobacter in sich, ohne daran zu erkranken. Er
entfaltet seine Wirksamkeit erst, wenn die Magenschleimhaut aus anderen Gründen
geschädigt wurde.
Serologische
und immunologische Faktoren sowie Nahrungsmittel, Genussmittel und Medikamente
können das Auftreten einer Dyspepsie ebenfalls nicht ausreichend erklären.
Unzureichend bekannt ist auch noch der Einfluss von organisch begründbaren
Störungen des enterischen (Magen-Darm-)Nervensystems auf die Entwicklung einer
funktionellen Dyspepsie. Der Tenor aller Fachleute lautet: Grundsätzlich können
zwar somatische Komponenten eine Rolle spielen, sie alleine erklären jedoch das
Beschwerdebild nicht ausreichend. Das Wechselspiel zwischen Darm und Psyche
beruht auf den zahlreichen Verbindungen zwischen dem Großhirn (Gedanken und
Gefühlen) und dem vegetativen Nervensystem bzw. speziell dem enterischen
Nervensystem.
Als psychische und psychosoziale Ursachen für eine funktionelle Dyspepsie
werden vor allem folgende Faktoren angeführt:
1.
Stress und psychosoziale Belastungen. Nicht verkraftete, belastende
Lebensereignisse und chronischer Stress sind häufige Auslöser einer Dyspepsie.
Dyspepsie-Patienten weisen nicht unbedingt mehr belastende Lebensereignisse
auf, sondern bewerten diese nur negativer als Gesunde. Stress kann die
Motilität und die Säuresekretion des Magens verändern. Möglicherweise kann
chronischer Stress auch die Besiedelung des Magens mit Helicobacter pylori
begünstigen.
2.
Kindliche Traumatisierungen und sexueller Missbrauch. Bei verschiedenen
Patientinnen können sexuelle oder sonstige traumatisierende Erfahrungen in der
Kindheit die Entwicklung einer Dyspepsie begünstigen. Missbrauchserfahrungen,
die nach einer Studie fast jede zweite Reizdarm-Patientin erlebt hat, führen
jedoch oft nicht direkt zu Magen-Darm-Beschwerden, sondern erst über den Weg
einer veränderten Körperwahrnehmung und Gesundheitseinstellung, eines
verstärkten Krankheitsverhaltens und einer herabgesetzten Schmerzschwelle mit
gesteigerter Schmerzwahrnehmung.
2.
Angst und Depression. Bei vielen Patienten mit funktioneller Dyspepsie war
Angst bereits vor den Magenbeschwerden das führende Problem. Zahlreichen Betroffenen
ist ihre Angst wegen der Somatisierungstendenzen oft gar nicht bewusst. Eine
Angsterkrankung ist die häufigste psychische Begleitstörung, gefolgt von
Depressionen. Die Zusammenhänge zwischen somatoformen Oberbauchbeschwerden und
psychiatrischen Störungen sind wohl am besten im Sinne von Wechselwirkungen zu
verstehen.
3.
Subjektive Krankheitstheorie. Kognitive Faktoren sind an der Entstehung und
Aufrechterhaltung einer funktionellen Dyspepsie maßgeblich beteiligt. Die
Betroffenen haben oft ein stark organisch orientiertes Krankheitsverständnis.
Sie führen ihre Beschwerden auf noch nicht entdeckte körperliche Ursachen
zurück und befürchten eine ernste Erkrankung, was ihre innere Anspannung
verstärkt, denn sie fühlen sich dadurch kränker als sie tatsächlich sind.
Dieser Teufelskreis entsteht gewöhnlich dadurch, dass sich die Betroffenen
ständig auf ihre an sich ungefährlichen körperlichen Empfindungen
konzentrieren, dadurch ihre Angst verstärken und infolgedessen körperliche
Begleitsymptome der Angst hervorrufen. So setzt sich die Überzeugung, organisch
krank zu sein, erst recht fest.
4.
Mangelnde Emotionswahrnehmung. Ärger in der Familie oder im Beruf sowie
unterdrückte oder unerfüllte Wünsche führen zu Konfliktspannungen im Magen, die
von den Betroffenen nicht als solche erkannt werden. Verschiedene Patienten
neigen zur Somatisierung unangenehmer Emotionen: Sie können Gefühle wie Angst
oder Ärger nicht bewusst wahrnehmen oder verdrängen diese.
5.
Unzureichende Bewältigungsstrategien. Viele Betroffene haben keine
adäquaten Möglichkeiten, die wahrgenommenen Symptome zu ertragen und in ihr
Körpererleben zu integrieren.
Zusammenfassend
gesehen, ist aus heutiger Sicht bei einer funktionellen Dyspepsie von einem
multifaktoriellen Bedingungsgefüge auszugehen: Somatische Aspekte wie
genetische Faktoren, lokale Entzündungen, Infektionen (insbesondere
Helicobacter pylori), Allergien, Motilitätsstörungen und Störungen bei der
Wahrnehmung und Weiterleitung von Schmerzen können die Störung alleine betrachtet
noch nicht ausreichend erklären; sie stehen in enger Wechselwirkung mit
psychischen und psychosozialen Komponenten, etwa mit der emotionalen
Befindlichkeit (Angst, Ärger, Wut, Depression), mit der Vorstellung darüber,
welche Ursache die Krankheit hat, mit dem Umgang mit dieser und dem Grad der
Bewältigung, mit verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten, psychiatrischen
Vorerkrankungen (vor allem Angststörungen und Depressionen), unbewältigten
kritischen Lebensereignissen und mangelnder Stressverarbeitung. Eine ungesunde
Lebensweise wie etwa übermäßiger Alkohol-, Kaffee- oder Zigarettenkonsum,
fettreiche Kost und wenig Bewegung hat ungünstige Auswirkungen auf das
Immunsystem und begünstigt die Entwicklung einer Reizmagensymptomatik.
In therapeutischer Hinsicht ist daher auf ein individuelles Vorgehen zu
achten, denn es kann je nach Patient ein unterschiedliches Mischungsverhältnis
von organischen und psychologischen Faktoren bestehen. Viele Therapien
scheitern wohl deshalb, weil dies zu wenig oder gar nicht berücksichtigt wird.
Ähnliches gilt auch für die Therapie von Reizdarm-Patienten.
Medikamente haben sich als höchst unzureichende Behandlungsmittel für eine
funktionelle Dyspepsie erwiesen. Der Placebo-Effekt beträgt etwa 20 bis 60 %. Angesichts
dieser ernüchternden Zahlen kann man feststellen, dass die funktionelle
Dyspepsie der traditionellen Medizin ebenso wie der Psychotherapie „schwer im Magen“
liegt.
Bei somatoformen Störungen der Speiseröhre kann man – ähnlich wie bei der
funktionellen Dyspepsie – davon auszugehen, dass andauernder Stress oder Gefühle
wie Angst oder Wut eine Verkrampfung der Speiseröhre bewirken. Bei einem
Globusgefühl erhöht emotionaler Stress den Druck des oberen Speiseröhrenschließmuskels
und führt zu Bewegungsstörungen des Schlundes. Viele Betroffene bekommen ein
Gefühl des Zuschnürens der Kehle und entwickeln aus Unkenntnis über die
biologischen Vorgänge eine derart massive Angst vor dem Ersticken, dass sie zu
hyperventilieren beginnen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich dann oft eine
ängstlich erhöhte Aufmerksamkeitszuwendung auf den entsprechenden
Körperbereich, wodurch eine Störung der vegetativen Vorgänge eintreten kann.
Peptische Ulkuskrankheit
Die peptische Ulkuskrankheit
(Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür) galt früher als typische psychosomatische
Erkrankung mit spezifischen intrapsychischen Ursachen und zählte nach Alexander
zu den sieben klassischen psychosomatischen Erkrankungen. Diese Sichtweise hat
sich mit dem Fortschritt der Medizin völlig geändert. Bei einem Magengeschwür
handelt es sich primär um eine Infektionskrankheit (Helicobacter pylori),
verbunden mit einer säurebedingten Schleimhautschädigung. Durch einen
Überschuss an Magensäure, wie dies früher angenommen wurde, lässt sich ein
Magengeschwür nicht erklären, weil der Säuregehalt des Magensaftes bei den
Betroffenen entweder normal oder oft sogar vermindert ist. Es besteht eher ein
Mangel an defensiven Mechanismen (weniger widerstandsfähige Magenschleimhaut
oder Durchblutungsstörungen).
Die Entdeckung des Helicobacters hat das Pendel in die Gegenrichtung
ausschlagen lassen: Das Magengeschwür wurde nun zu einer ausschließlich
organisch bedingten Störung erklärt. Es wurde nicht nur das frühere Erklärungsmodell
eines Ungleichgewichts zwischen den Schutzfaktoren der Schleimhaut (Schleim,
Schleimresistenz) und aggressiven Faktoren (vor allem Säure und
Schleimhauttraumata) verworfen, sondern auch der mögliche Einfluss psychischer
und psychosozialer Faktoren.
Eine zentrale Frage bleibt jedoch bestehen: Was macht aus dem
Helicobacter-pylori-Träger einen Magengeschwür-Patienten? Eine rein organische
Sichtweise eines Magengeschwürs kann dies nicht schlüssig erklären, weshalb
psychologische Aspekte im Rahmen eines biopsychosozialen
Krankheitsverständnisses weiterhin bedeutsame Faktoren bei der Auslösung,
Aufrechterhaltung und Verschlechterung der Symptomatik darstellen:
·
Es sind zwar 70 bis 80
% der Magengeschwüre und 95 bis 97 % der Zwölffingerdarmgeschwüre durch den
Helicobacter pylori bedingt, dennoch sind psychische und psychosoziale Faktoren
nach wie vor bedeutsam.
·
Zumindest ein geringer
Prozentsatz von Patienten weist nach der vollständigen Beseitigung des
Helicobacters durch die Behandlung mit einem Antibiotikum weiterhin
Magenbeschwerden auf, manchmal tritt sogar eine Verschlechterung der
Symptomatik auf, die durch Medikamente nicht in den Griff zu bekommen ist.
·
Nur 20 % der
Helicobacter-Infizierten entwickelten ein Zwölffingerdarmgeschwür, während alle
untersuchten Patienten mit einem derartigen Geschwür den Helicobacter in sich
trugen.
·
Der Großteil der
Bevölkerung (je nach Studien und Region 30 bis 80 %, in Deutschland etwa 35 %) ist
mit Helicobacter pylori infiziert, jedoch nur 10 bis 20 % davon erkranken im
Laufe ihres Lebens an einem Geschwür. Dies weist darauf hin, dass dieses
Bakterium nicht die einzige Ursache des peptischen Geschwürs sein kann.
Möglicherweise führen erst derzeit noch nicht bekannte
psychoneuroimmunologische Zusammenhänge zu einer Störung des Gleichgewichts
zwischen Helicobacter pylori und Wirtsfaktoren in der Magenschleimhaut.
·
Die Häufigkeit einer
Infektion mit Helicobacter pylori nimmt mit dem Alter zu, ohne dass dies mit
einem entsprechenden Anstieg der Magenbeschwerden einhergehen würde.
In
psychosomatischer Hinsicht wurden in der Vergangenheit verschiedene psychische
und psychosoziale Faktoren als ursächliche oder krankheitsverstärkende Umstände
angesehen.
1.
Persönlichkeitsfaktoren. Von Psychoanalytikern wie Alexander wurde bei
Ulkus-Patienten ein Grundkonflikt zwischen dem Wunsch, einerseits in einer
abhängigen infantilen Situation zu verbleiben und andererseits ein
unabhängiges, erwachsenes Ich zu werden, angenommen. Bei
Magengeschwür-Patienten würden die vom Erwachsenen-Ich bewusst abgelehnten,
unbewusst aber vorhandenen kindlichen Wünsche nach emotionalem Gefüttertwerden
zu körperlichen Symptomen (schädlicher Überproduktion von Magensäure, Krämpfen
und Durchblutungsstörungen) führen. Diese Sichtweise wurde durch das frühere
medizinische Motto: „Ohne (zu viel) Säure kein Geschwür“ begünstigt.
Mittlerweile wird auch aus psychoanalytischer Sicht darauf hingewiesen, dass
Ulkuskranke völlig unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale aufweisen können
und sich nicht einfach in dem oben beschriebenen Grundkonflikt körperlich
aufreiben. Verschiedene Persönlichkeitsveränderungen sind nicht Ursache,
sondern Folge der Ulkuserkrankung. Dennoch bleibt festzuhalten: Faktoren wie
Ärger, Aggressivität oder impulsive Feindseligkeit können sich „auf den Magen
schlagen“ und bei entsprechender Neigung eine Ulkuserkrankung ungünstig
beeinflussen.
2.
Stress. Während die Bedeutung von Stress für die Ausbildung eines
Magengeschwürs früher oft überschätzt wurde, wird sie heute als Folge der
dominierenden, einseitig organisch orientierten Erklärungsmodelle zu Unrecht
meist völlig vernachlässigt. Tatsache ist aber: Massive psychosoziale
Belastungen wie etwa Partnerprobleme oder Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und
traumatisierende Erfahrungen machen ein Magengeschwür auf jeden Fall
wahrscheinlicher. Stress und psychosoziale Faktoren können – ähnlich wie bei
funktionellen Magen-Darm-Beschwerden und chronisch entzündlichen
Darmerkrankungen – als erhebliche Belastungsfaktoren auftreten.
3.
Veränderungen des sozialen Umfeldes. Menschen, die aus einer tragenden
sozialen Gemeinschaft herausgefallen und in eine soziale Isolierung geraten
sind (etwa Gastarbeiter, Auswanderer, Heimatvertriebene, Schichtarbeiter,
Geschiedene) sind stark gefährdet, ein peptisches Geschwür zu bekommen. Das
Konzept des Geborgenheitsverlusts ist zwar plausibel, jedoch noch immer nicht
wissenschaftlich seriös genug nachgewiesen.
4.
Zuwachs an Verantwortung. Beruflicher Aufstieg sowie Selbst- oder
Fremdüberforderung sollen ein Magengeschwür begünstigen, was jedoch nicht
ausreichend empirisch bewiesen ist.
Therapeutische Aspekte
Bei
somatoformen Magen-Darm-Beschwerden erfolgt eine Psychotherapie gewöhnlich
nicht einfach aufgrund der Diagnose, sondern wegen der offensichtlichen psychiatrischen
Begleitstörungen wie Depression oder Angststörung und der im
Längsschnittverlauf negativen chronifizierenden Faktoren, die zu einem Verlust
der Lebensqualität führen. Zu Beginn der Therapie sollen die anfangs oft
ausschließlich organisch fixierten Patienten durch das Führen eines
Symptom-Tagebuches lernen, die Zusammenhänge zwischen ihren Magenbeschwerden
und ihren inneren Zuständen bzw. äußeren Lebensumständen zu erkennen.
Gleichzeitig müssen die Betroffenen auch dafür sensibilisiert werden, dass sie
die Beschwerden verstärken, wenn sie ihre Aufmerksamkeit ständig ängstlich auf
ihren Magen-Darm-Bereich richten. Hilfreich ist die Zuwendung auf den Magen
nur, wenn gleichzeitig auch mentale Strategien angewandt werden. Ein Beispiel:
Man stellt sich etwa vor, dass der Magen warum und entspannt ist und gefüllt
mit einer angenehmen, wärmenden Flüssigkeit. Eine intensive, entspannend
wirkende Zwerchfellatmung („Bauchatmung“) vermittelt zusätzlich positive
Empfindungen, weil durch die Auf- und Ab-Bewegungen des Zwerchfells eine
„innere Bauchmassage“ erfolgt.
Dyspepsie-Patienten werden neben Entspannungs- und
Stressbewältigungstechniken auch spezielle körperbezogene Übungen angeboten.
Körperorientierte Psychotherapie, Unterstützung bei bestimmten belastenden
Lebenssituationen, psychosoziale Interventionen wie Paar- oder
Familiengespräche sowie Supervision bzw. Coaching bei beruflichen Problemen
sind hilfreiche Maßnahmen. Die bessere Wahrnehmung der emotionalen
Befindlichkeit, das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen den Symptomen
und verschiedenen psychosozialen Faktoren sowie der adäquate Ausdruck von
Gefühlen wie Angst, Ärger, Wut oder Hilflosigkeit ist jedoch die Grundbedingung
dafür, dass psychologisch-psychotherapeutische Maßnahmen wirksam sein können.
Magen-Darm-Kranke sollten weiters unbedingt ihre Ernährungsgewohnheiten und
ihren Umgang mit Genussmitteln kritisch überprüfen und falls nötig umstellen:
auf gesunde, vollwertige Kost, auf regelmäßiges Essen ohne Stress und Druck,
auf mehrere kleine Mahlzeiten am Tage.
Bei einem Magengeschwür ist eine rein psychotherapeutische Behandlung als
Kunstfehler anzusehen. Psychologisch-psychotherapeutische Hilfestellungen können
jedoch als Ergänzung zur medizinischen Behandlung sinnvoll sein, um den
Genesungsprozess zu unterstützen. Dabei werden im Bedarfsfall bestimmte
Konflikte, negative Gefühle und Belastungen (z. B. häufige Angst oder
unbewusste Aggressivität) bearbeitet, sodass die Patienten allmählich lernen,
mit diesen Gefühlen anders umzugehen und konstruktivere und sinnvollere
Lösungsmöglichkeiten zu finden. Das Erlernen von Entspannungstechniken und
eventuell auch eine Änderung der Lebensführung können dem Genesungsprozess
förderlich sein.
Wenn der Darm streikt
„Schlechte
Verdauung kommt weniger von der Nahrung selbst als von der Stimmung, in der wir
unsere Nahrung zu uns zu nehmen pflegen.“
Prentice Mulford
Reizdarm – die gestörte Verdauung
Frau Frank, 27 Jahre
alt, ist Schuhverkäuferin, ledig und lebt mit ihrem Freund seit einiger Zeit
zusammen. Schon seit Jahren plagt sie eine arge Reizdarmsymptomatik. Sie hat
oft Durchfall, ab und zu Verstopfung und leidet vor allem unter heftigen
Blähungen. Aus Angst vor Durchfall recherchiert sie vor jeder Unternehmung, wo
die nächste Toilette ist. Sie kennt entlang der Linie, die ihre Wohnung mit
ihrem Arbeitsplatz verbindet, alle Toiletten in Behörden, Kaufhäusern,
Gastgewerbebetrieben und Arztpraxen. Längere Überlandfahrten – auch in den
Urlaub – sind kaum möglich und wenn, dann nur mit größter Nervosität und
unzähligen Medikamenten im Reisegepäck. Ohne die Gewissheit einer nahen
Toilette fühlt sich Frau Frank völlig gelähmt und hat dazu auch noch Angst,
dass andere Menschen ihre Blähungen bemerken könnten. Sie achtet daher stets
auf eine bestimmte Ernährung, jedoch mit geringem Erfolg. Die
Reizdarmsymptomatik tritt immer dann auf, wenn Frau Frank vor etwas Bestimmtem
Angst hat oder allgemein sehr „nervös“ ist. Sie leidet gleichzeitig auch unter
einer generalisierten Angststörung, die sie als Folge ihrer Darmprobleme
betrachtet. Ihr Hausarzt sieht allerdings hierin die Ursache für ihre
Beschwerden und empfiehlt ihr eine Psychotherapie.
„Schiss haben“: Darm und Psyche
Der Darm als der längere Teil des Verdauungstrakts umfasst drei Abschnitte:
den drei bis vier Meter langen Dünndarm, dessen erster Abschnitt der
Zwölffingerdarm ist, den Dickdarm und den Mastdarm. Im Darm wird der
Nahrungsbrei mithilfe des Sekrets von Darmdrüsen, Bauchspeicheldrüse und Galle
in Stoffe umgewandelt, die der Körper aufnehmen kann. Im Dünndarm wird der im
Magen bereits gut vorverdaute Speisebrei weiter zerlegt und aufgelöst, wobei
ein Teil davon ins Blut abgegeben wird und der andere Teil weitertransportiert
wird. Durch die Darmwand des Dünndarms wird also die aufgenommene Nahrung dem
Körper zugeführt. Im Dickdarm wird dem Speisebrei weiter Flüssigkeit entzogen
(dagegen nur mehr wenig Nährstoffe) und etwas Schleim zur besseren
Transportfähigkeit beigefügt. Die Längsmuskulatur durchmischt den Darminhalt
durch rhythmische Kontraktionen, die Quermuskulatur bewirkt eine Fortbewegung
des Speisebreis durch Wellenbewegungen. Der Weitertransport des Speisebreis
wird „Peristaltik“ genannt. Im stark erweiterungsfähigen Mastdarm sammelt sich
schließlich der Kot; bei entsprechender Menge wird dem Gehirn die Notwendigkeit
der Stuhlentleerung signalisiert.
Die Verdauung wird durch das
parasympathische Nervensystem bewirkt und durch das sympathische Nervensystem
gehemmt; sie erfolgt also am besten in Ruhe und wird durch starke körperliche
Beanspruchungen behindert.
Die Redewendungen, die sich auf
den unteren Verdauungstrakt beziehen, sind oft sehr drastisch und vulgär: sich
beschissen fühlen, vor Angst in die Hose machen, vor etwas Schiss haben, auf
etwas scheißen, sich den Arsch aufreißen. Verschiedene andere gefühlsbezogene
Redewendungen sind dagegen etwas salonfähiger: etwas bereitet Bauchschmerzen,
eine Sache erst verdauen müssen, sich ein Loch in den Bauch ärgern.
Darmbeschwerden treten auch bei
verschiedenen psychischen Störungen auf. Bei Depressionen zeigen sich oft
Blähungen, Darmgase, spastische Magen-Darm-Beschwerden sowie Stuhlveränderungen
(häufig Verstopfung wegen der Darmträgheit und/oder seltener auch Durchfall).
Bei Angststörungen kommt es wegen der inneren Anspannung häufiger zu Durchfall.
Tabelle 7: Psychosomatisch relevante Darmbeschwerden
|
Funktionelle Störungen |
Somatoforme autonome
Funktionsstörungen des unteren Gastrointestinalbereichs: ·
Reizdarm ·
monosymptomatische
funktionelle Darmstörungen (Durchfall, Verstopfung, Blähungen,
Bauchschmerzen) ·
funktionelle
anorektale Störungen (Anismus, Stuhlinkontinenz, anorektale Schmerzen) |
|
Organisch fundierte Störungen |
Psychosomatisch
relevante Darm- und sonstige Verdauungserkrankungen: ·
Zwölffingerdarmgeschwür ·
Colitis ulcerosa ·
Morbus Crohn |
Funktionelle Störungen
Reizdarmsyndrom
(Colon irritabile)
Die Symptome eines Reizdarms –
der bekanntesten somatoformen autonomen Funktionsstörung des unteren
Gastrointestinalbereichs – sind in der Bevölkerung weit verbreitet: Je nach
Studie weisen 15 bis 22 % der Bevölkerung ein Reizdarmsyndrom auf. Die Symptomatik
kommt bei Frauen mit 14 bis 24 % nur etwas häufiger vor als bei Männern (5 bis
19 %). Die Beschwerden führen nur in 20 bis 30 % der Fälle zum Arztbesuch. Das
Reizdarmsyndrom ist die häufigste Magen-Darm-Störung: 20 % aller
Magen-Darm-Beschwerden beruhen auf einem Reizdarmsyndrom. In Hausarztpraxen
weisen bis zu 15 %, in Facharztpraxen 25 bis 50 % eine Reizdarmsymptomatik auf.
Unter den Patienten, die wegen einer Reizdarmsymptomatik zum Arzt gehen,
überwiegen mit 60 bis 80 % eindeutig die Frauen, wobei der Frauenanteil mit der
Schwere der Symptomatik zunimmt.
Die Störung
weist öfter eine erbliche Komponente auf und neigt zur Chronifizierung, das
heißt bei rund der Hälfte der Betroffenen bleibt die Störung bestehen. Mehr als
die Hälfte der Reizdarm-Patienten weist psychische Störungen wie Depressionen
oder Angststörungen auf, die oft nicht diagnostiziert und daher auch nicht
behandelt werden. Die psychischen Beeinträchtigungen existieren unabhängig von
der Reizdarmsymptomatik und sind gewöhnlich nicht Folge, sondern vielmehr Ursache
der Störung.
Die
überwiegende Mehrheit der Menschen mit einer Reizdarmsymptomatik erlebt die
Beschwerden nicht als krankhaft und geht nicht zum Arzt. Ob ärztliche Hilfe
gesucht wird oder nicht, ist ein wichtiges diagnostisches Merkmal dieser
Personengruppe. Nicht die Beschwerden als solche, sondern psychosoziale Aspekte
und die Bewertung als gefährlich entscheiden darüber, ob Betroffene einen Arzt
aufsuchen oder nicht. Und dies macht geradezu das Wesen somatoformer Störungen
aus! Reizdarm-Patienten gehen im Vergleich zu anderen Menschen zwei- bis
dreimal so oft zum Arzt wegen körperlicher Beschwerden, die gar nichts mit
ihrem Grundproblem zu tun haben. Die Betroffenen haben eine Tendenz zur
Somatisierung und Inanspruchnahme medizinischer Leistungen bereits in der
Kindheit erworben.
Die Bezeichnung „Reizdarm“ beruht auf der
Annahme, dass der Darm durch seinen Inhalt irritiert werden könnte - wofür
jedoch überhaupt keine Beweise vorliegen. Die Bezeichnung „spastisches Kolon“
geht auf die ebenso wenig begründbare Annahme übermäßiger Bewegungen des
Dickdarms zurück. Der Ausdruck „Colitis mucosa“ wiederum gibt die unzutreffende
Annahme wider, dass entzündliche Vorgänge im Bereich der Schleimhaut des
Mastdarms für die vermehrte Schleimabsonderung auf dem Stuhl verantwortlich
seien.
Derzeit wird für die Reizdarmsymptomatik
meist der Begriff „Colon irritabile“ verwendet, was bereits überholt ist, weil
die Störung nicht auf das Kolon (Dickdarm) beschränkt ist. Der international
gebräuchlichen Bezeichnung „Irritable Bowel Syndrome“ entsprechen im Deutschen
die Bezeichnungen „irritables Darmsyndrom“ oder einfach „Reizdarm“. Die Störung
ist definiert durch bestimmte Symptome, die mindestens drei Monaten lang
kontinuierlich oder wiederholt auftreten müssen. Es handelt sich um
Bauchschmerzen oder Beschwerden, die mit dem Stuhlgang abnehmen und/oder mit
einer Änderung der Stuhlfrequenz einhergehen und/oder mit einer Änderung der
Stuhlkonsistenz verbunden sind. Des Weiteren müssen mindestens zwei der
folgenden Symptome bei mindestens einem Viertel aller Gelegenheiten oder Tage
vorhanden sein: veränderte Stuhlfrequenz (mehr als dreimal Stuhlgang pro Tag
oder weniger als dreimal Stuhlgang pro Woche), veränderte Stuhlkonsistenz
(klumpig-harter oder breiig-wässriger Stuhl), gestörte Stuhlpassage (Pressen,
Stuhldrang oder Gefühl der unvollständigen Entleerung), Schleimabsonderung auf
dem Stuhl, Blähungen oder Anspannungsgefühle im Bauchraum.
Einfacher formuliert, umfasst ein Reizdarm drei charakteristische Symptome: krampfartige
Stuhlunregelmäßigkeiten (Verstopfung und/oder Durchfall, häufig im Wechsel),
Bauchschmerzen sowie Blähungen bis hin zu einem sichtbar geblähten Unterleib
(„Blähbauch“). Bei diesen organisch nicht erklärbaren Störungen der Dickdarmfunktion
stehen entweder die Schmerzen oder der unregelmäßige Stuhlgang im Vordergrund.
Wegen der Schmerzen wird eine Reizdarmsymptomatik mit einer Dauer von mehr als
einem halben Jahr häufig auch als anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert.
Typisch ist: Die Beschwerden werden nach dem Essen schlimmer und nach dem
Stuhlgang besser. Die Schmerzen sitzen meist im Bauchraum unterhalb des Nabels,
vor allem im linken Unterbauch, und werden als krampfartig, brennend oder
bohrend-schneidend beschrieben. Frauen erleben oft während der Menstruationsblutung
oder des Eisprungs eine Verschlimmerung.
Die Beschwerden können im Laufe der Jahre in unterschiedlicher Form und
Stärke auftreten. Viele
Reizdarm-Patienten weisen auch Symptome eines Reizmagens auf (z.B. frühes
Sättigungsgefühl, Übelkeit, Erbrechen, Aufstoßen oder Sodbrennen), was die
Unterscheidung zwischen oberen und unteren Gastrointestinalbeschwerden in der
Praxis sehr erschwert. Darüber hinaus bestehen oft auch noch weitere Symptome:
Probleme beim Harnlassen, gynäkologische Beschwerden, Migräne, Krebsangst,
depressive Verstimmungen, Angststörungen und Herzsensationen. Wenn die
Darmbeschwerden vorübergehend verschwinden, entwickeln sich oft andere
psychosomatische Störungen wie etwa Kopfschmerzen, Schlafstörungen und
Herz-Kreislauf-Beschwerden. Bei Menschen mit Reizdarm, die deswegen einen Arzt
aufsuchen, bestehen häufig auch psychische Störungen wie Angststörungen oder
Depressionen.
Eine Reizdarmsymptomatik führt oft zu schweren Beeinträchtigungen der
sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit, wenn etwa aus Angst vor Durchfall
der Aktionsradius eingeschränkt wird, eine ausgeprägte Platzangst (Agoraphobie)
entsteht und die Unsicherheit bezüglich der nächstgelegenen Toilette das
gesamte Denken bestimmt. Die Betroffenen kennen in der jeweiligen Gegend alle
Toiletten an öffentlichen Orten, ähnlich wie Patienten mit Panikattacken durch
die Erreichbarkeit eines Krankenhauses beruhigt sind. Die ständige
hypochondrische Beschäftigung mit den Darmbeschwerden kann dazu führen, dass
das ganze Leben an ihnen vorübergeht.
Bei einer Reizdarmsymptomatik lassen sich verschiedene Ebenen des
Verhaltens unterscheiden:
·
Körperliche Ebene:
Veränderungen der Darmbewegungen, verstärkte Schmerzempfindung, übertriebenes Pressen.
·
Kognitiv-emotionale
Ebene: selektive Aufmerksamkeit für Darmempfindungen, Beeinträchtigung der
Stimmung und des Selbstwertgefühls, Ängstlichkeit und Befürchtungen,
Erwartungsängste, Veränderungen des Selbstbildes.
·
Motorische Ebene:
häufiger Toilettenbesuch, vorsorglicher Stuhlgang, Veränderung der Ess- und
Trinkgewohnheiten, spezielle Hygienegewohnheiten, Rauchen vor dem Stuhlgang,
Lesen beim Stuhlgang, Missbrauch von Abführmitteln, häufiger Gebrauch von
Medikamenten.
·
Soziale Ebene:
verminderte sexuelle Aktivitäten, Vermeidung öffentlicher Veranstaltungen und
Einschränkung sozialer Kontakte im Sinne eines Vermeidungsverhaltens,
Veränderung des Arbeitsverhaltens, Verzicht von Stuhlgang während der Arbeit,
Veränderung des Freizeitverhaltens.
Monosymptomatische
funktionelle Darmstörungen
Funktioneller Durchfall (emotionale bzw. psychogene
Diarrhö)
Ein funktioneller Durchfall umfasst
über den Zeitraum von mindestens drei Monaten mindestens zwei der folgenden Merkmale:
ungeformte (breiige, wässrige) Stühle über mehr als drei Viertel der Zeit; drei
oder mehr Stühle pro Tag in mehr als der Hälfte der Zeit; erhöhtes Stuhlgewicht
im Vergleich zur Normalbevölkerung. Der Stuhldrang ist das zentrale Symptom,
gelegentlich verbunden mit Stuhlverlust. Er wird gerade dann als unangenehm
erlebt, wenn sich keine Toilette in erreichbarer Nähe befindet, weshalb die
Betroffenen aus Angst vor Peinlichkeiten oft den Bewegungsradius einengen.
Funktioneller
Durchfall entsteht durch eine Zunahme kräftiger Kontraktionen in bestimmten
Dickdarmbereichen (im proximalen Kolon), wodurch die Passagezeit im Dünn- und
Dickdarm beschleunigt wird, aber auch durch eine verminderte
Kontraktionstätigkeit in einem anderen Dickdarmbereich. Andere Befunde belegen
eine Zunahme der Kontraktionstätigkeit im distalen Dickdarm, die auch nach dem
Essen auftreten und schmerzhaften Durchfall auslösen. Dieselben Patienten
reagieren auch überempfindlich auf Dehnungsreize im Mastdarm und bekommen schon
bei kleinen Mengen einen Stuhldrang. Patienten mit Durchfall haben oft nur das
Gefühl von Durchfall, weil sie im Vergleich zu anderen Menschen häufiger
Stuhldrang haben und öfter auf die Toilette gehen müssen, dort aber nur geringe
Stuhlmengen absetzen.
Psychische Auslösefaktoren für Durchfall sind oft Angst, Überforderung,
Ohnmachtsgefühle oder Ärger; die ständige Angst vor Durchfall bewirkt eine
zusätzliche Anspannung. Bei plötzlichem
Gewichtsverlust, Blutabgang beim Stuhlgang und Fieber ist eine andere Störung
anzunehmen und eine entsprechende Untersuchung erforderlich.
Funktionelle Verstopfung (Obstipation)
15 % der Frauen
und 5 % der Männer leiden unter Verstopfung, die Häufigkeit nimmt mit
steigendem Lebensalter zu. Die Störung ist nur relativ selten organisch bedingt.
In den meisten Fällen besteht eine funktionelle
Verstopfung, die über den Zeitraum von mindestens drei Monaten
mindestens zwei der folgenden Merkmale umfasst: Anstrengung beim Stuhlgang in
mindestens einem Viertel der Zeit; klumpige und/oder harte Stühle in mindestens
einem Viertel der Zeit; Gefühl von unvollständiger Entleerung in mindestens
einem Viertel der Zeit; zwei oder weniger Stühle pro Woche. Verstopfung entsteht wahrscheinlich
durch kräftige segmentierende Kontraktionen im distalen Dickdarm, wodurch die
Darmpassage des Speisebreis verlangsamt wird. Zusätzlich trägt die Verminderung
der selten auftretenden kräftigenden peristaltischen Kontraktionen
(Massenbewegungen im Dickdarm) zu Verlangsamung der Passage bei. Es ist aber
auch möglich, dass die Betroffenen nur das Gefühl einer Verstopfung im Sinne
einer unvollständigen Stuhlentleerung haben.
Eine funktionelle Verstopfung kann durch mindestens drei verschiedene
Vorgänge bedingt sein:
1.
träge Darmbewegungen mit zu seltenen peristaltischen Kontraktionen, was zu
einer verlangsamten Stuhlpassage führt,
2.
zu starke Kontraktionen in bestimmten Dickdarmbereichen, die wegen ihrer
nicht vorwärts treibenden, abschnürenden Wirkung eine Zurückhaltung des Stuhls
bewirken,
3.
Entleerungsverzögerung als Folge einer funktionellen Verspannung des
Analbereichs.
In der klinischen Praxis
unterscheidet man mindestens vier Arten von funktioneller chronischer
Verstopfung:
1.
Dickdarmtyp mit verminderten Darmbewegungen und verlangsamter Darmpassage,
2.
Mastdarmtyp mit langsamer Passage des Mastdarms,
3.
Analtyp mit langsamer Mastdarmpassage und gestörter Stuhlentleerung infolge
einer Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur (Anismus),
4.
Verstopfung beim Reizdarmsyndrom.
Balaststoffreiche Ernährung bewirkt beim Dickdarm- und Mastdarmtyp der
Verstopfung eine Beschleunigung der Passagezeit, eine Zunahme des Stuhlvolumens
und eine Verbesserung der Begleitsymptome. Bei chronischer Verstopfung besteht
die Gefahr des Abführmittelmissbrauchs mit anschließender verstärkter
Verstopfung wegen der damit verbundenen Austrocknung.
Bei einem Teil der Patienten mit
funktioneller Verstopfung ist nicht die Passage durch den Dickdarm verzögert,
vielmehr besteht eine Funktionsstörung des Beckenbodens im Sinne eines
spastischen Beckenboden-Syndroms. Ein geschätztes Drittel der funktionellen
Verstopfungspatienten kann sich beim Stuhlgang nicht ausreichend entspannen,
presst dabei zu stark und braucht lange Zeit zur Entleerung, sodass eine symptomspezifische
Entspannungstherapie angezeigt erscheint.
Funktionelle Blähungen
Funktionelle Blähungen umfassen über den
Zeitraum von mindestens drei Monaten wiederholt, aber nicht dauernd auftretende
Symptome mit Völlegefühl, Blähungen oder Spannungen im Bauchbereich ohne
nachweisbare Zeichen einer Nahrungsunverträglichkeit und auch ohne die
typischen Kriterien von Reizmagen, Reizdarm oder anderen funktionellen
Störungen. Die Blähungen, die manchmal schmerzhaft sein können, sind nicht
ständig vorhanden, sondern kehren immer wieder.
Die Darmpassage ist stets
verlangsamt. Oft ist viel Luft im Magen; es besteht eine Neigung zu abgehenden
Winden. Subjektiv als stark erlebte Blähungen hängen oft nicht mit einer
abnormen Gasmenge zusammen, sondern damit, dass die Betroffenen die an sich
normale Luftmenge intensiver wahrnehmen. Das Blähungsgefühl kann auch auf einer
gesteigerten motorischen Aktivität der Darmmuskulatur beruhen. Es kann aber
auch eine verstärkte Sensibilisierung für Blähungen bestehen, bedingt durch
eine bei Frauen häufige Scham vor hörbaren Darmgeräuschen oder eine
übertriebene Angst, dass in sozialen Situationen Winde abgehen könnten.
Funktionelle
Bauchschmerzen
Funktionelle Bauchbeschwerden sind mindestens sechs Monate andauernde
Schmerzen, die kaum mit körperlichen Vorgängen wie Essen, Stuhlgang oder
Menstruation in Zusammenhang stehen, aber dennoch zu einer massiven
Einschränkung des normalen Lebens führen. Die Schmerzen tauchen oft zeitgleich
mit einschneidenden Lebensereignissen oder Lebenskrisen, Verlusterlebnissen,
sexueller oder körperlicher Gewalt oder dem Verlust an sozialer Unterstützung
auf. Häufig bestehen auch Ängste oder depressive Verstimmungen. Viele
Betroffene zeigen ein ähnliches Krankheitsverhalten: Sie suchen ständig nach
organischen Erklärungen und verharren in einer ausgeprägten Krankenrolle.
Funktionelle
anorektale Störungen (Störungen im analen Bereich)
Anismus
Unter „Anismus“
versteht man eine funktionelle Störung der Stuhlentleerung durch eine extrem
verkrampfte Beckenbodenmuskulatur. Das Phänomen wird auch „spastisches
Beckenbodensyndrom“ genannt. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass der Anus
beim Pressen geschlossen ist. Anstatt den äußeren Analschließmuskel zu
entspannen, erhöhen sie vielmehr noch den Druck, wodurch die Stuhlausscheidung
erschwert oder gar verhindert wird. Als Folge davon sammelt sich Stuhl im Dickdarm
und Mastdarm an und verursacht Bauchschmerzen.
Funktionelle
Stuhlinkontinenz
Als funktionelle Stuhlinkontinenz gilt der ungewollte Verlust von kleinen
Stuhlmengen ohne organische Ursachen. Die Symptomatik nimmt mit dem Alter zu
und ist am häufigsten in Alten- und Pflegeheimen. Frauen im höheren Alter sind
weitaus stärker davon betroffen als Männer. Bei funktionellen
Magen-Darm-Störungen und entzündlichen Darmerkrankungen kommt diese Störung
ebenfalls relativ häufig vor.
Oft besteht ein krankhaft
erweiterter Dick- und Mastdarm oder eine Schwierigkeit, die Dehnung des Darms
durch den Stuhl angemessen wahrzunehmen. Die Inkontinenz kann auch die Folge
einer längeren Verstopfung sein und stellt dann eine Art Überflutungsphänomen
dar. Leichtere Formen davon bestehen in Stuhlschmieren in der Wäsche sowie im
unkontrollierten Abgang von Winden. Das Unvermögen, die Stuhlausscheidung zu
kontrollieren, wird als sehr peinlich erlebt, beeinträchtigt die Lebensqualität
und führt zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit, wenn sich keine Toilette in
erreichbarer Nähe befindet.
Mit dem anorektalen
Biofeedback-Training, das mithilfe eines speziellen Gerätes im After das
Wiedererlernen von Kontrolle über die Schließmuskeln ermöglichen soll, steht –
neben dem Beckenbodentraining – eine wirksame Behandlungsmethode der
funktionellen und organischen Stuhlinkontinenz zur Verfügung.
Funktionelle
anorektale Schmerzen (Enddarmschmerzen)
Man unterscheidet zwei Arten von funktionellen anorektalen Schmerzen, die
jeweils mindestens drei Monate andauern. Es handelt sich dabei entweder um
wiederkehrende oder chronische Schmerzen bzw. Stiche im Enddarm oder um wiederkehrende
Episoden von krampfartigen, anfallsartig auftretenden, stechenden und quälenden
Schmerzen im Analbereich, häufig auch in der Nacht.
Organische Störungen
Zwölffingerdarmgeschwür
(Ulcus duodeni)
Ein
Zwölffingerdarmgeschwür ist eine entzündliche Erkrankung des Zwölffingerdarms,
die bei 1,4 % der Bevölkerung und bei Männern zwei- bis viermal häufiger vorkommt
als bei Frauen. Die Symptomatik äußert sich vor allem in einem Nüchternschmerz,
der im Bereich des Nabels auftritt und bis in den Rücken ausstrahlen kann.
Glücklicherweise besteht eine hohe Rate an Spontanheilungen: Viele Geschwüre
heilen gewöhnlich nach vier bis sechs Wochen ab, was durch die Vermeidung aggressiver
Substanzen wie Alkohol, Nikotin oder bestimmter Medikamente sowie durch Diätmaßnahmen
unterstützt werden kann.
Neben einer Helicobacter-pylori-Infektion gilt eine Säurevermehrung im
Magensaft als weitere Ursache, was beim Magengeschwür gewöhnlich nicht in
dieser Weise gegeben ist. Die bereits fast hundert Jahre alte Feststellung
„Ohne sauren Magensaft kein peptisches Geschwür“ gilt nur für das
Zwölffingerdarmgeschwür, während die Säureabsonderung bei Patienten mit einem
Magengeschwür normal oder vermindert ist.
Entzündliche
Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa und Morbus Crohn)
Colitis
ulcerosa und Morbus Crohn werden als chronisch entzündliche Darmerkrankungen
mit bislang unbekannter Ursache bezeichnet und gelten als unheilbar mit
wechselndem Verlauf. Wegen der Ähnlichkeiten der Beschwerden ist bei etwa 10
bis 15 % der Fälle eine Unterscheidung nicht oder nur schwer möglich. Männer
und Frauen erkranken in etwa gleich häufig.
Beide Krankheiten treten bereits im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter in
Schüben auf und sind mit starken Bauchschmerzen, heftigen Durchfällen und Gewichtsverlust
verbunden. Die Folgen: massive Einschränkungen der Lebensqualität und oft auch
Bedrohungsgefühle.
Colitis ulcerosa
Die Colitis
ulcerosa betrifft pro 100.000 Einwohner etwa 40 bis 177 Menschen. Sie besteht
in einer Entzündung der Dickdarmschleimhaut, die gewöhnlich im Mastdarm
beginnt, sich über den ganzen Dickdarm ausbreiten und bei 5 % auch den
angrenzenden Bereich des Krummdarms (Ileum) erfassen kann. Sie verläuft in
Schüben, äußert sich in flächigen, meist blutenden Geschwüren und führt in der
weiteren Krankheitsentwicklung zur Ausbildung von Polypen, das heißt gutartigen
Geschwülsten der Darmschleimhaut. Im Gegensatz zum Morbus Crohn werden die
tieferen Muskelschichten der Darmwand nicht angegriffen.
Die Leitsymptomatik umfasst blutige bis eitrige Durchfälle, darüber hinaus
auch Blutungen aus dem After, Schmerzen, Fieber und Blutmangel mit starker Müdigkeit
und Erschöpfung. Als typische Beschwerden gelten anfangs Bauchschmerzen,
Durchfälle mit Blut oder Schleim, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und Fieber.
Wenn nur der Mastdarm betroffen ist, zeigen sich keine Stuhlveränderungen. Je
mehr auch die oberen Dickdarmabschnitte angegriffen sind, umso wässriger wird
der Stuhl und umso eher kommt es zu häufigem Durchfall in Verbindung mit Leibschmerzen.
Morbus Crohn
An Morbus Crohn
erkranken pro 100.000 Einwohner etwa 10 bis 70 Personen. Im Gegensatz zur
Colitis ulcerosa können alle Abschnitte des Gastrointestinaltrakts vom Mund bis
zum After befallen werden, in den meisten Fällen jedoch der untere Dünndarm,
der Krummdarm und der Bereich des rechten Dickdarms. Der Mastdarm bleibt –
anders als bei der Colitis ulcerosa – gewöhnlich verschont. Dafür werden – im
Gegensatz zur Colitis – alle Schichten der Darmwand erfasst. Es entstehen vor
allem in der Analregion Abszesse und Fisteln, die eine Verbindung zwischen zwei
nebeneinander liegenden Darmabschnitten herstellen. Dadurch kann der Schließmuskel
zerstört werden, was eine teilweise oder vollständige Stuhlinkontinenz zur
Folge hat. Die entzündungsbedingten Verdickungen der Darmwand führen oft zu
Verklebungen zwischen den Darmschlingen, wodurch die Gefahr eines
Darmverschlusses besteht.
Zentrale Symptome des Morbus Crohn sind Bauchschmerzen und Durchfall mit
oder ohne Ausscheidung von Blut, oft verbunden mit Gewichtsverlust und Fieber.
Das Krankheitsbild ist geprägt vom Ort der Erkrankung und dem Ausmaß der
Entzündung. Ein vorwiegender Dünndarmbefall äußert sich in starken Schmerzen,
Blähungen und Durchfällen (bis zu 15mal pro Tag), häufig verbunden mit Übelkeit
und Erbrechen. Bei überwiegendem Dickdarmbefall kommt es zu Schleim- und Blutabsonderungen
im Stuhl, Gewichtsabnahme und Appetitlosigkeit. Bei den gefährlichen
Darmdurchbrüchen gelangt Kot in die Bauchhöhle. Der Krankheitsverlauf kann sehr
unterschiedlich sein, ist aber immer chronisch.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Somatoforme Störungen des Darmbereichs
Eine Reizdarmsymptomatik ist nur aus den Wechselwirkungen zwischen Zentralnervensystem
und vegetativem Nervensystem zu verstehen. Stressfaktoren beeinflussen über
zentralnervöse Mechanismen das vegetative Nervensystem durch eine intensivierte
Bewegung der Speiseröhre, eine verzögerte Magenentleerung, eine verlängerte
Passagezeit des Speisebreis im Dünndarm und eine beschleunigte Passagezeit im
Dickdarm. Bisher noch unbekannte organische Faktoren können bei der Entstehung
einer Reizdarmsymptomatik eine Rolle spielen, zumindest im Sinne einer
Begünstigung derartiger Störungen. Es ist durchaus möglich, dass im Zuge des
Fortschritts der Medizin einige heute als funktional bezeichnete Störungen des
Magen-Darm-Bereichs demnächst organisch oder biochemisch erklärt werden können.
Bei Menschen mit einem Reizdarm werden gegenwärtig folgende somatische
Aspekte erwogen:
1.
Erhöhte Schmerzsensibilität. Die Betroffenen leiden nach diesem Konzept unter einer Überempfindlichkeit
im Darmbereich. Sie nehmen Schmerzen
oder Luft im Darm einfach stärker wahr als andere Menschen. Diese
erniedrigte Reizschwelle bezieht sich nicht auf den ganzen Körper, sondern nur
auf den Darmbereich (oft auch auf die Speiseröhre und den Magen). Sie entsteht
häufig nach Infektionen und Entzündungen in diesen Körperregionen, wobei die
bis dahin inaktiven Schmerzrezeptoren aktiviert und die Schmerzwahrnehmung
intensiviert wurden. Es sind aber auch übergeordnete Prozesse auf
Rückenmarksebene oder auf der Ebene der zentralen Schmerzverarbeitung im Gehirn
bedeutsam. Ein Teil des Effekts hängt möglicherweise mit einer verstärkten
Aufmerksamkeitszuwendung auf Empfindungen im Darm zusammen.
2.
Darmbewegungsstörungen (Motilitätsstörungen). Die Reizdarmsymptome entstehen nach diesem Konzept durch Störungen der
Bewegung und der Wahrnehmung im Darmbereich, bedingt durch emotionale oder
nervliche Faktoren, vor allem jedoch durch Stress, Zeitdruck, Angst, Ärger und
Trauer. Eine veränderte Dickdarmbeweglichkeit in Ruhe konnte dagegen bislang
nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Zusammenfassend gilt: Stärkere und
länger dauernde Darmbewegungen können bei Reizdarm-Patienten zwar tatsächlich
häufiger auftreten als bei anderen Personen, diese erklären jedoch nicht die
Art der Beschwerden.
3.
Andere Faktoren. In der Vergangenheit wurden die Ursachen des Reizdarms
eher in gestörten Darmbewegungen gesehen, seit einiger Zeit werden neben dem
Aspekt der erniedrigten Schmerzschwelle weitere Faktoren wie vegetatives
Nervensystem, Botenstoffe im Hirn (Neurotransmitter) und so genannte
Neuropeptide als mögliche Einflussgrößen untersucht. Dem Nervenbotenstoff
Serotonin, der auch für die Steuerung der Darmfunktion und der
Schmerzwahrnehmung verantwortlich ist, kommt wahrscheinlich eine Schlüsselrolle
beim Verständnis des Reizdarmsyndroms zu.
Bei einer Reizdarmsymptomatik sind gewöhnlich folgende psychosoziale
Faktoren zu berücksichtigen, die über die vielfältigen Verbindungen zwischen
dem vegetativen Nervensystem und speziell dem enterischen
(Magen-Darm-bezogenen) Nervensystem und dem Großhirn (den Gedanken und
Gefühlen) vermittelt werden:
1.
Persönlichkeitsmerkmale. Die Betroffenen weisen im Gegensatz zu früheren
Behauptungen keine typische Persönlichkeitsstruktur auf, im Einzelfall können
jedoch bestimmte Eigenschaften vorhanden sein wie etwa Perfektionismus,
übertriebener Ehrgeiz, überdurchschnittliches Leistungsstreben, Feindseligkeit
oder erhöhte Ängstlichkeit.
2.
Kritische Lebensereignisse. Eine Reizdarmsymptomatik resultiert häufig aus
belastenden, nicht verarbeiteten Trennungen, Verlusterlebnissen, Todesfällen
oder schweren Erkrankungen in der Familie oder im sozialen Umfeld.
Lebensgeschichtlich bedeutsame Umstellungen wie Pubertät, Heirat, Geburt eines
Kindes, Klimakterium oder Alter sowie Veränderungen am Arbeitsplatz können
ebenfalls eine Darmstörung begünstigen. Bis zu 85 % der Betroffenen berichten
eine Symptomverstärkung durch belastende Lebenserfahrungen.
3.
Psychosozialer Stress und mangelnde Stressbewältigung. Familiäre,
partnerschaftliche oder berufliche Stressfaktoren können bei unzureichenden
Bewältigungsstrategien der Betroffenen funktionelle Darmbeschwerden auslösen.
Ein „emotionaler Durchfall“ etwa kann Folge von akuter Angst oder chronischer
Überforderung sein.
4.
Negative Affekte und inadäquate Affektverarbeitung. Unbewältigbar
erscheinende Angstzustände (z.B. ausgeprägte Prüfungsangst, Angst vor
Arbeitslosigkeit oder Trennung), nicht verarbeiteter Ärger, große
Feindseligkeit, massive Wut und Aggression führen zu vermehrten
Darmkontraktionen, verstärkter motorischer Aktivität und erhöhtem
Schmerzempfinden. Ein Reizdarm kann der körperliche Ausdruck eines „gereizten
Patienten“ sein.
5.
Psychische Traumata und sexueller Missbrauch. Körperliche oder sexuelle
Gewalt in der Kindheit können nach verschiedenen Studien bis in das
Erwachsenenalter hinein eine erniedrigte Schmerzschwelle und funktionelle
Darmbeschwerden zur Folge haben. Die Erfahrung von Gewalt oder Lebensbedrohung
im Erwachsenenalter (z.B. bei politisch Verfolgten oder KZ-Opfern) geht
ebenfalls nachweislich gehäuft mit einer Reizdarmsymptomatik einher.
6.
Psychische Erkrankungen. Psychiatrische Störungen wie Angstkrankheiten und
Depressionen sind bei mehr als der Hälfte der Reizdarm-Patienten nachweisbar,
was auf eine entsprechende Behandlungsbedürftigkeit hinweist. Die Zusammenhänge
können allerdings unterschiedlich sein: Die psychische Störung ist entweder
Ursache oder Folge der Reizdarmsymptomatik.
7.
Kognitive Faktoren. Ungünstige Krankheitskonzepte und psychische
Fehlverarbeitungen (etwa die Bewertung einer harmlosen Darminfektion als
gefährliche Erkrankung) begünstigen oft Darmprobleme; so kann etwa der
Darmkrebs von Angehörigen entsprechende Krankheitsängste auslösen.
8.
Ungünstiges Krankheitsverhalten. Andauernde Aufmerksamkeitszuwendung auf
die Symptome führt zu einer intensiveren Wahrnehmung der Beschwerden und
steigert das Schmerzerleben. Ständige Schonung kann die Fixierung auf die
Darmbeschwerden verstärken.
Chronisch entzündliche
Darmerkrankungen
Im Gegensatz zu früheren psychoanalytischen Auffassungen handelt es sich bei
den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen um keine psychosomatischen Krankheiten
im engeren Sinne, sondern um körperliche („somatopsychische“) Erkrankungen, die
aufgrund der Schwere und des Verlaufs zu psychischen Folgeproblemen führen
können.
Die somatischen Ursachen der
chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn) sind
unbekannt. Grundsätzlich liegt ein multifaktorielles Bedingungsgefüge vor, das
aus genetischen Faktoren (wegen der familiären Häufung), abnormalen lokalen
immunologischen Prozessen in der Darmschleimhaut, mikrobiologischen Faktoren
(Mikroben) und Ernährungseinflüssen besteht, aber auch durch Auswirkungen
verschiedener Medikamente (oraler Verhütungsmittel) und Nikotin (vermutlich
wegen der gefäßverengenden Wirkung) bestimmt wird.
Ohne Annahme einer angeborenen
Autoimmunerkrankung (überschießende Immunreaktion der Darmwand auf äußere
Reize) kann die Krankheit nicht verstanden werden: In einer ersten Phase kommt
es zu einer Entzündungsreaktion, die sich in der zweiten Phase durch die dabei
freigesetzten Stoffe verstärkt und verselbstständigt.
Wegen der ungeklärten Ursachen
gibt es bislang auch keine kausalen medizinischen Behandlungsmaßnahmen. Das
Hauptziel der medikamentösen Intervention besteht derzeit vor allem darin, die
Immun- und Entzündungsreaktionen durch bestimmte Medikamente zu reduzieren, um chirurgische Eingriffe möglichst zu
vermeiden.
Psychische und psychosoziale
Faktoren werden bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kontrovers diskutiert:
1.
Persönlichkeitsfaktoren. Es gibt keine spezifischen
Persönlichkeitseigenschaften, die als Ursache oder Verstärkung der
Krankheitssymptome gelten könnten. Vielmehr sind bestimmte Merkmale wie etwa
eine erhöhte Depressivität, Ängstlichkeit und emotionale Labilität als
Folgezustände anzusehen. Die psychoanalytischen Auffassungen, wonach
intraindividuelle Probleme (etwa Verlust- und Versagensängste,
Abhängigkeits-Unabhängigkeits- oder Nähe-Distanz-Konflikte) die Krankheit
auslösen können, sind kritisch zu betrachten und empirisch nicht abgesichert.
2.
Familienkonstellation. Bestimmte Familiensituationen wie etwa eine
übermäßige Bindung zwischen Mutter und Kind sind ebenfalls als Folge und nicht
als Ursache der chronischen Erkrankung anzusehen.
3.
Kritische Lebensereignisse. Die Betroffenen berichten oft von belastenden
Lebensumständen vor Ausbruch der Krankheitsschübe, insgesamt ergibt sich jedoch
kein überzeugender Zusammenhang zwischen kritischen Lebensereignissen und der
Krankheitsentwicklung. Der Einfluss psychischer und psychosozialer Faktoren auf
die Entstehung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen ist als gering, auf den
weiteren Krankheitsverlauf dagegen als bedeutsamer anzusehen.
4.
Stress. Bei einem Teil der Patienten bewirken bestimmte Stressfaktoren wie
täglicher Ärger oder ständige Überforderungsgefühle eine
Symptomverschlimmerung. Die empirischen Belege für einen Zusammenhang von
Stress und dem Ausbruch bzw. dem Verlauf der Darmerkrankung sind jedoch recht
uneinheitlich. Psychotherapeutische Maßnahmen sind daher nur bei jenen
Patienten sinnvoll, bei denen nach einer genauen Analyse des Bedingungsgefüges
entsprechende Zusammenhänge nachweisbar sind.
5.
Psychische Belastung und verminderte Lebensqualität infolge der Krankheit.
Aufgrund der Schwere der Erkrankung sind für viele Patienten vor allem folgende
Faktoren psychisch schwer zu verarbeiten: Belastung durch die Behandlung (z.B.
schwere Medikamente, Operationen oder künstlicher Darmausgang), Unsicherheit
über den Krankheitsverlauf, Verlust an Energie und Leistungsfähigkeit (im
Extremfall bis zur Berufsunfähigkeit), Angst, die Kontrolle über den Stuhlgang
zu verlieren oder im späteren Verlauf eine Krebserkrankung zu bekommen,
sozialer Rückzug, ungünstige Auswirkungen auf die Familie und die Partnerschaft,
Depressionen und Angststörungen. Dies gilt insbesondere für Patienten mit
Morbus Crohn.
Therapeutische
Strategien
Trotz der
weiten Verbreitung der funktionellen und organischen Darmstörungen, des hohen
Leidensdrucks der Betroffenen und der gesundheitspolitischen und ökonomischen
Relevanz dieser Erkrankungen gibt es kaum erprobte und bewährte
psychologisch-psychotherapeutische Behandlungsstrategien. Bei somatoformen Unterbauchbeschwerden
sind die Behandlungsmaßnahmen gegenwärtig sowohl im medizinischen als auch im
psychotherapeutischen Bereich schlicht als unzureichend anzusehen. Es können
zwar Behandlungserfolge nachgewiesen werden, die Placebo-Raten sind dabei
jedoch ernüchternd hoch. Es wäre wünschenswert, wenn die medizinische und die
psychologische Forschung sowie alle Gesundheitsberufe ihre Zusammenarbeit und
Anstrengungen für bessere Therapieergebnisse verstärken würden.
Als weiterführende psychologisch-psychotherapeutische Behandlungsmaßnahmen
zumindest bei einem Teil der Betroffenen gelten vor allem: Psychoedukation
(Informationsvermittlung), Entspannungstraining (inklusive Biofeedback),
Stressbewältigungstraining, Training sozialer Kompetenz,
Schmerzbewältigungstraining und bestimmte konfliktorientierte
Bewältigungsstrategien. Von entscheidender Bedeutung ist auch die Unterbrechung
der ständigen ängstlichen Symptombeobachtung und des Schonverhaltens zugunsten
einer nach außen gewandten Aufmerksamkeit. Als bedeutsame Ziele gelten eine
Verbesserung der Lebensqualität, eine Veränderung ungesunder Lebensweisen, eine
Umstellung falscher Ernährungsgewohnheiten, ein Verzicht auf blähende
Nahrungsmittel und vor allem die grundsätzliche Entscheidung für eine
ballaststoffreiche Kost. Als effizient haben sich insbesondere folgende
Methoden erwiesen: Verhaltenstherapie, Biofeedback, Entspannungstechniken,
Hypnose, psychoanalytisch orientierte Psychotherapie. Die Kombination von
Psychotherapie, Entspannungstraining und medikamentöser Behandlung stellt die
erfolgreichste Behandlungsform der körperlichen und seelischen Symptome der
Betroffenen dar. Bei vielen Patienten werden sich Verbesserungen nur dann
einstellen, wenn vor allem ihre Schmerzen von den behandelnden Experten ernst
genommen und speziell behandelt werden. Für hypochondrisch veranlagte Reizdarm-Patienten
ist eine Botschaft sehr wichtig: Ein Reizdarmsyndrom ist nicht gefährlich und
führt nicht zu Krebs.
Medikamentöse Therapien als einzige Behandlungsmittel sind auf Dauer wenig
erfolgreich, zudem ist die Placebo-Rate mit 50 bis 80 % ausgesprochen hoch.
Dennoch können bei chronischem Durchfall, großen Schmerzen und zu viel Luft im
Bauch bestimmte Medikamente hilfreich sein, so wie bei Verstopfung
Ballaststoffe und bei Blähungen Diätmaßnahmen zu empfehlen sind.
In bestimmten Fällen können Psychopharmaka nützlich sein, insbesondere
Antidepressiva, und zwar nicht nur bei depressiven Reizdarm-Patienten, sondern
auch bei anderen Betroffenen, weil dadurch ebenfalls die vorhandenen Symptome
oft günstig beeinflusst werden können. Entweder kann dadurch die
Schmerzsymptomatik gebessert oder die gleichzeitig vorhandene Depression oder
Angststörung gemildert werden. Bei den abhängig machenden Beruhigungsmitteln,
den so genannten Benzodiazepinen, die oft angespannten Patienten verschrieben
werden, ist dagegen größte Vorsicht geboten, weil bei regelmäßiger Einnahme die
Gefahr des Missbrauchs gegeben ist.
Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen können
psychologisch-psychotherapeutische Interventionen das psychische Befinden der
Betroffenen nachweislich verbessern, indem sie die Compliance (Einhaltung der
ärztlichen Behandlungsanweisungen) fördern, die Krankheitsbewältigung
unterstützen, die Verunsicherung durch die Beeinträchtigung der körperlichen
Attraktivität (künstlicher Darmausgang oder Medikamentennebenwirkungen)
abbauen, psychosoziale Folgeprobleme wie familiäre oder
partnerschaftlich-sexuelle Probleme mildern, psychische Begleitsymptome wie
Ängste und Depressionen bewältigen helfen und die Entspannungsfähigkeit
mithilfe verschiedener Techniken fördern. Sie können jedoch das
Krankheitsgeschehen bei diesen derzeit als unheilbar geltenden Störungen nicht
direkt beeinflussen. Diese biopsychosozial orientierte Sichtweise stellt eine
Mittelposition zwischen jenen Auffassungen dar, die psychischen Faktoren entweder
eine kausale oder überhaupt keine Rolle zubilligen.
Wenn die Blase Druck macht
„Frauen weinen
mit der Blase.“
Sprichwort
Reizblase – der ständige Drang zum Toilettenbesuch
Frau Maier, eine 28-jährige Chefsekretärin, verspürt in allen möglichen
Situationen einen starken Harndrang und muss ständig die Toilette aufsuchen,
oft bis zu 15mal pro Tag. Allmählich häufen sich deswegen die Probleme im Büro,
weil sie wegen ihres permanenten Toilettenbesuchs schon öfter unangenehm
aufgefallen ist. Aber nicht nur die Arbeitsituation macht Frau Maier zu
schaffen: Sie kann kaum mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, weil sie
meint, sie könnte in die Hose machen. Ähnliche Ängste hat sie vor einem Kino-
oder Theaterbesuch, was ihren Freund allmählich auf die Palme bringt. Frau
Maier fühlt sich nur noch wohl, wenn sie sich in der Nähe einer Toilette weiß.
Eingesetzt hat der massive Harndrang nach der Trennung von ihrem früheren
Freund, der sie seither zu Hause und im Büro telefonisch terrorisiert. Beim
einzigen Treffen nach der Trennung wurde sie von ihm brutal vergewaltigt, was
sie bis heute noch nicht überwunden hat. Im Rahmen einer Psychotherapie muss
sie lernen, dieses schreckliche Erlebnis und die Wut auf ihren Exfreund zu
verarbeiten, anstatt sich ständig vor dem eigenen Körper und dem Blasendrang,
vor anderen Männern und vor dem Geschlechtsverkehr mit dem neuen Freund zu
fürchten.
„Vor Angst in die Hose machen“: Blase und Psyche
Der Urogenitaltrakt umfasst den Bereich von Niere,
Harnleiter, Harnblase, Harnröhre, Prostata und Geschlechtsorganen. Der
Urogenitaltrakt hat mehrere Aufgaben: Er ist gleichzeitig Produktionsorgan
(Harnbildung), Reproduktionsorgan (Zeugung) und Lustorgan (Sexualität). Die
komplexen körperlichen und seelischen Wechselwirkungen zwischen den
verschiedenen Funktionen müssen bei Störungen stets bedacht werden. So sind
Blasenprobleme nach einer Vergewaltigung keine Seltenheit.
In diesem Abschnitt geht
es nur um den Harn und die damit in Verbindung stehenden Organe, auf sexuelle
Störungen kann aus Platzgründen nicht eingegangen werden. Der Harn wird in der
Niere gebildet und fließt über die Harnleiter in die Harnblase. Die Harnröhre
als der Abflussweg des Harns von der Harnblase bis zum Austritt ist bei der
Frau sehr kurz und daher sehr entzündungsanfällig, beim Mann dagegen etwa 25 cm
lang.
In der Harnblase können
sich bis zur Entleerung 400 bis 500 ml Harn ansammeln, bei 350 bis 450 ml
Füllmenge setzt der Harndrang ein, der das Signal für die willkürliche
Entleerung darstellt. Die Harnblase befindet sich im kleinen Becken und liegt
auf einer Muskel- und Sehnenplatte auf, die rundherum an den Knochen befestigt
ist und als Beckenboden bezeichnet wird. Diese Muskulatur lässt sich
willkürlich anspannen, was beim Beckenbodentraining bei Harninkontinenz gezielt
genutzt wird. Beim Mann befindet sich zwischen der Harnblase und dem
Beckenboden die Prostata, die die Harnröhre umgibt. Bei der Frau wird die
darüber liegende Gebärmutter bei voller Blase etwas gehoben, im Falle einer
Gebärmuttersenkung wird die Blase dagegen etwas zusammengedrückt.
Beim Harnlassen müssen der Blasenmuskel und der
Schließmuskel richtig zusammenarbeiten: Die Blasenentleerung wird vom
parasympathischen Nervensystem bewirkt, indem dieses die Muskulatur der
Harnblase anspannt, während sich die Muskulatur des Verschlussmuskels
entspannt. Beim Harnlassen muss die ganze Beckenbodenmuskulatur vollständig
entspannt sein, sonst kommt es zu einer Störung des Wasserlassens.
Im Volksmund weisen einige Redewendungen auf die
Bedeutung der Harnblase und der Ausscheidungsfunktion in Zusammenhang mit
Emotionen wie Angst, Wut oder Ärger hin: Jemand macht sich vor Angst in die
Hose oder ihm schlägt sich der Ärger auf die Blase. Manchmal muss jemand
bildlich gesprochen die Hose runterlassen, das kann ihm dann ziemlich an die
Nieren gehen.
Funktionsstörungen im Bereich der Harnblase werden durch das unkoordinierte
Zusammenwirken der Blasenmuskulatur, der beiden Schließmuskeln und der Beckenbodenmuskulatur
ausgelöst. Stress und emotional bedingte Anspannung (Angst, Ärger, Wut) führen
schon bei einer geringeren Blasenfüllung als 300 Milliliter zum Harndrang und
lösen das Signal für die willkürliche Entleerung aus. Das parasympathische
Nervensystem bewirkt eine Aktivierung der Ausscheidungsorgane (Darm- und
Blasenentleerung); man muss ständig auf die Toilette laufen. Subjektiv äußern
sich Schock- oder Schreckreaktionen häufig als Harndrang („Reizblase“),
tatsächlicher Harnverlust (Stressinkontinenz), Stuhldrang, Durchfall und das
allgemeine Gefühl, gleich „in die Hose zu machen“. Darm- und Blasenentleerungen
bei Angst und Gefahr sind im Rahmen der Evolution zu verstehen: Durch den
Gewichtsverlust wird die Flucht erleichtert.
Jeder kennt diese Erfahrung: Vor einer Prüfung, vor einem
Vorstellungsgespräch oder einem anderen wichtigen Termin muss man plötzlich in
kurzen Abständen die Toilette aufsuchen. Wenn dies nicht möglich ist, steigt
der Blasendruck fast unerträglich stark an; wenn eine Toilette grundsätzlich
erreichbar ist, kann man plötzlich noch ein wenig zuwarten.
Bei Stress, Erregung und Angst können die Ausscheidungsorgane durch das sympathische
Nervensystem auch gehemmt werden. Subjektiv kann sich dies als Harnverhalten
äußern.
Im Bereich der psychischen Erkrankungen zeigen sich außer
bei Angststörungen vor allem bei Depressionen folgende Blasenstörungen:
erschwerte (schmerzhafte) Harnentleerung, häufiger Harndrang, Ziehen und
Druckgefühle in der Blase, Harninkontinenz (unfreiwilliger Harnabgang).
Tabelle 8: Psychosomatisch relevante urologische Störungen
|
Funktionelle Störungen |
Somatoforme
autonome Funktionsstörungen des urogenitalen Systems: · Reizblase · weibliches
Urethralsyndrom · psychosomatisches
Urogenitalsyndrom des Mannes · Harnverhaltung · Harnflut
(Polyurie) |
|
Organisch fundierte Störungen |
Psychosomatisch
relevante Blasenstörungen: · chronische
Blasenentzündung · Harninkontinenz |
Funktionelle Störungen
Reizblase
Die
häufigste somatoforme Urogenitalstörung ist die Reizblase, die vor allem bei
Frauen, gelegentlich aber auch bei Männern vorkommt. Im Gegensatz zur sekundären
Reizblase, die Folge einer Erkrankung ist, findet man bei der primären
Reizblase keine greifbare Ursache. Diese funktionelle
Störung weist folgende Symptome auf: plötzlicher, abnorm häufiger Harndrang
(auch bei kleinen Mengen), typischerweise jedoch ohne Inkontinenz, sowie
gelegentlich auch Schmerzen oder Brennen beim Harnlassen. Im
Mittelpunkt des körperlichen Erlebens steht ein ständiger Harndrang bei meist
geringer Füllung der Harnblase, der durch bestimmte Angst auslösende Umstände
verstärkt wird, vor allem agoraphobische Situationen und eine fehlende oder
nicht erreichbare Toilette. Ein befürchteter Harndrang stellt oft den Grund
dar, warum Kino- und Konzertbesuche sowie längere Reisen und Autobusfahrten
vermieden werden oder Fahrten bzw. Spaziergänge nur bei Erreichbarkeit von
Toiletten unternommen werden. Die Betroffenen trinken aus Angst vor Harndrang
viel zu wenig und verstärken damit unwissentlich die Symptomatik, weil der Harn
bei Flüssigkeitsmangel konzentrierter ist und den Blasenwandmuskel zusätzlich
reizen kann.
Eine Reizblasensymptomatik kann eine Angststörung verstärken oder ist sogar
Ausdruck einer Angststörung (insbesondere einer Agoraphobie), sie kann aber
auch im Rahmen einer Depression oder einer sexuellen Störung auftreten.
Manchmal geht eine Reizblase auch mit diffusen Unterbauchbeschwerden einher.
Harndrang-Patientinnen haben beim
Harnlassen keine Schmerzen, wenngleich sie am Ende manchmal durch die
Betätigung des Schließmuskels ziehende oder brennende Schmerzen in der
Harnröhre verspüren, die meist 10 bis 15 Minuten anhalten und dann spontan
verschwinden. Hier spiegelt sich die Verspannung im Schließmuskel und im
Beckenbereich wider, die bis in die Harnröhre ausstrahlt.
Der Teufelskreis in Richtung einer immer
belastenderen Reizblasensymptomatik wird vor allem durch zwei Vorgänge
verschärft. Einerseits bewirkt das Öffnen des Schließmuskels beim Harnlassen
eine kurzfristige Spannungslösung des Dauerharndrangs und damit eine
vorübergehende Symptomerleichterung. Andererseits kann das häufige Urinieren
beim leisesten Harndrang zu einer sekundären Verringerung der Blasenkapazität
führen, die dann ihrerseits zur Verstärkung der Beschwerden beiträgt.
Weibliches Urethralsyndrom
Das
weibliche Urethralsyndrom unterscheidet sich von der Reizblasensymptomatik
dadurch, dass der charakteristische Harndrang fehlt, statt dessen bestehen
krampfartige, brennende und pochende Schmerzen, die auf die Harnröhre und den
Übergang von der Harnröhre in die Scheide (klitorisnah) beschränkt sind. Die
Schmerzen treten bevorzugt anfallsweise auf, werden als krampfhaft-brennend
oder pochend erlebt, dauern meist etwa eine halbe Stunde oder länger an und
treten oft am Ende des Harnlassens auf – oder unabhängig davon und können dann
(im Gegensatz zum Reizblasensyndrom) auch zu Schlafstörungen führen.
Das anfallsweise Auftreten hängt mit einer
akuten, emotional bedingten Anspannung chronisch verspannter Muskeln oder
Muskelgruppen beim Scheideneingang zusammen, was das Schmerzerleben in der Nähe
des Harnröhrenausgangs und der Klitoris erklärt. Das Betätigen des
Schließmuskels während des Schmerzanfalls bewirkt eine massive
Symptomverstärkung. Die Symptomatik wird nicht selten als schwere
Reizblasensymptomatik oder trotz fehlender Laborbefunde als Blasenentzündung
antibakteriell behandelt und dann als „therapieresistent“ eingestuft.
Psychosomatisches Urogenitalsyndrom des Mannes
Die häufigste somatoforme Störung des urogenitalen Systems
beim Mann, das bei der Hälfte der Patienten mit Prostatabeschwerden vorkommt, ist
das psychosomatische Urogenitalsyndrom – auch Prostatopathie, Prostatodynie,
chronische Prostatitis oder vegetatives Urogenitalsyndrom genannt. Diese
Begriffe sind insofern missverständlich, als ein organischer Zusammenhang mit
der Prostata nahe gelegt wird, der nicht vorhanden ist. Akute oder chronische
bakterielle Entzündungszeichen fehlen oft – und selbst im Falle einer
Entzündung ist das Ausmaß der Prostatopathie dadurch nicht ausreichend
erklärbar. Das zeigt sich vor allem dadurch, dass die Störung auch nach der
Einnahme von Antibiotika und nach dem Rückgang der Entzündungszeichen bestehen
bleibt. Bei rund der Hälfte der Betroffenen fehlen infektiologisch-bakterielle
Befunde, was auf die Bedeutung psychischer Faktoren hinweist.
Bei mehr als der Hälfte der Patienten treten auch funktionelle
Sexualstörungen auf. Wegen der Schmerzen werden die Betroffenen oft auch
sexuell inaktiver, während das Gegenteil ratsamer wäre: Sexuelle Befriedigung
führt zur Entspannung der Muskulatur! In Analogie zu den chronischen
Unterleibsbeschwerden der Frau sollte man die gesamte Symptomatik zukünftig als
„idiopathische Unterleibsbeschwerden des Mannes“ bezeichnen und diese ebenfalls
zu den anhaltenden somatoformen Schmerzstörungen zählen. Die Störung, die aus
diffusen Beschwerden im Unterbauch- und Beckenbereich besteht, hängt mit einer
schmerzhaften Beckenbodenverspannung („Beckenbodenmyalgie“) zusammen und ist
durch eine Vielfalt von Symptomen charakterisiert:
·
Beschwerden im Bereich
der Harnwege und beim Wasserlassen: häufiger Harndrang, Startverzögerung oder
Schmerzen beim Wasserlassen, Brennen in der Harnröhre während oder nach dem
Wasserlassen bzw. unabhängig davon, Nachträufeln, Jucken und Kitzeln in der
Harnröhre, Schmerzen in der Blase, häufiges nächtliches Aufstehen wegen
Harndrangs.
·
Beschwerden im Darm-
und Afterbereich: Druckgefühl im Damm, Spannungsgefühle im Afterbereich, oft
ausstrahlend bis in den Enddarm, Stuhldrang, Stuhlunregelmäßigkeiten, Schmerzen
beim Stuhlgang, Verstärkung bestehender Darmbeschwerden durch Betätigung der
Schließmuskeln bzw. des jeweiligen Schließmuskels (bis zu 30 Minuten nach dem
Harnlassen).
·
Beschwerden in der
Genitalregion: Missempfindungen im Genitalbereich, ausstrahlende Schmerzen oder
Druckgefühle im Schambeinbereich, am Glied und in den Hoden („Hodenschmerzen“).
·
Beschwerden in anderen
Körperbereichen: ziehende Schmerzen in den Leisten (ein- oder beidseitig),
Spannungsgefühle und Schmerzen im Kreuzbeinbereich.
·
Störung der
Sexualfunktion: Libidomangel, Erektionsstörungen, schmerzhafter oder
vorzeitiger Samenerguss, Orgasmusunfähigkeit, Ejakulation blutiger Samenflüssigkeit.
Harnverhaltung
Eine psychogene Harnverhaltung besteht in einem erschwerten Wasserlassen in
Überforderungs- oder Beobachtungssituationen. Eine nichtorganisch bedingte Harnverhaltung
(vom Willen nicht gesteuertes und nicht steuerbares Zurückbleiben von Urin in
der Harnblase bzw. Schwierigkeiten, spontan Harn zu lassen) tritt vor allem bei
Frauen auf, die sexuelle Traumatisierungen oder andere sexuell beängstigende
Erfahrungen gemacht haben. Stress kann die Ringmuskeln in der Blasenregion
zusammenziehen und die Harnröhre verschließen.
Irritationen in diesem Bereich
zeigen sich bei vielen Männern in der Form, dass sie nicht Harnlassen können,
wenn sie sich beim Pissoir beobachtet fühlen, oder dass der Harnstrahl stockt,
wenn plötzlich jemand in den Raum kommt. Unter dieser „Paruresis“ genannten
Störung leiden 3 bis 7 % der Männer. Diese Symptomatik wird oft als Ausdruck
einer sozialen Phobie gesehen.
Harnflut (Polyurie)
Stress oder Erregung kann eine psychogene Harnflut begünstigen, wo trotz
normaler Trinkmenge innerhalb von zwei bis vier Stunden große Mengen (bis zu
drei Liter) eines stark verdünnten, wasserklaren Urins ausgeschieden werden,
sodass ein häufiger Toilettenbesuch nötig ist.
Organische Störungen
Chronische Blasenentzündung (Urethrozystitis)
Die häufigste
organisch bedingte Blasenstörung bei der Frau ist die Blasenentzündung, die charakterisiert
ist durch einen meist rasch einsetzenden, schmerzhaften Harndrang, einen trüben
Urin mit auffälligem Geruch und manchmal auch Blut im Harn. Bei chronischer
Symptomatik (zwei bis drei, manchmal sogar bis zu zwölf Infekte pro Jahr) sind
oft psychosomatische Aspekte zu beachten, die am besten durch ein gestörtes
Immunsystem zu erklären sind, das durch psychosoziale Faktoren (familiärer,
partnerschaftlicher oder beruflicher Stress) überlastet ist. Als Folge der
urologischen Symptomatik kommt es häufig auch zu sexuellen und/oder partnerschaftlichen
Problemen.
Harninkontinenz
Die Harninkontinenz
mit unwillkürlichem Abgang von Urin kommt bei Frauen dreimal so oft vor wie bei
Männern und ist bei ihnen eine der wichtigsten und belastendsten organisch
bedingten Störungen im urologischen Bereich, die vor allem auch wegen ihrer
psychischen Folgewirkungen erwähnt werden soll. Man unterscheidet vier Formen,
von denen die Stressinkontinenz und die Dranginkontinenz die wichtigsten sind.
Von den Patienten mit einer Harninkontinenz weisen 35 % eine Stressinkontinenz,
25 % eine Dranginkontinenz und 30 % eine Mischung aus Stress- und
Dranginkontinenz auf. 16 % der Frauen und 5 % der Männer weisen eine
Harninkontinenz auf, wobei allerdings nur bei 17 % der Betroffenen eine
tägliche Inkontinenz besteht.
Stressinkontinenz bezeichnet einen unfreiwilligen Harnverlust bei
körperlichem (nicht psychischem!) Stress, etwa beim Lachen, Husten, Springen
oder Heben, wenn der Druck im Bauchraum etwas erhöht ist. Dies führt dazu, dass
bereits geringe Druckerhöhungen im Bauchraum einen Harnaustritt bewirken, ohne
dass sich die Muskulatur zusammenzieht. Die Ursache besteht meist in einer
Schwäche der Beckenbodenmuskulatur, wie sie vor allem nach Geburten auftritt
(jede dritte Frau ist nach der Entbindung harninkontinent). In der Folge rutschen die Gebärmutter und damit auch die Blase tiefer,
wodurch es schwerer wird, den Blasenverschluss aufrechtzuerhalten. Eine Stressinkontinenz kommt vor allem bei älteren Frauen als Folge eines
Hormonmangels vor und ist verständlicherweise sehr belastend, sodass nicht
selten ein Rückzugs- und Vermeidungsverhalten einsetzt. Ein Training zur
Stärkung der Beckenbodenmuskulatur ist dringend erforderlich. Aus Angst vor
Problemen trinken die Betroffenen oft zu wenig, während gerade eine hohe
Flüssigkeitszufuhr zur Reinigung des Urogenitaltrakts notwendig wäre.
Bei einer Dranginkontinenz zieht sich die
Blasenmuskulatur zusammen: Es entsteht ein unwiderstehlicher Harndrang und in
der Folge wird auch Harn abgeführt. Mögliche Ursachen: Neben
organischen Faktoren wie etwa einer Blasenentzündung kann auch eine
zentralnervöse Fehlsteuerung durch psychische Faktoren vorliegen. Der Blasenverschlussmechanismus
ist dabei intakt.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Psychosomatische Konzepte sind in der Urologie im Gegensatz zu anderen
Fachbereichen noch nicht genügend entwickelt und erforscht. Als nichtorganische
Ursache von Blasenentleerungsstörungen werden oft von Psychoanalytikern in
falscher Verallgemeinerung Sexualstörungen angeführt. Bei sexuellen
Traumatisierungen von Frauen ergibt sich tatsächlich eine auffällige Mischung
von urologischen, sexuellen und gynäkologischen Problemen: Schmerzen beim
Harnlassen, Reizblase, chronische Unterleibsschmerzen, vaginaler Ausfluss,
Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und Orgasmusunfähigkeit. Die häufigsten
Auslöser sind jedoch emotionaler Stress, Partnerprobleme und schwere Belastungssituationen.
Die Ursache der Reizblasensymptomatik
liegt in einer emotional bedingten Anspannung
des externen Blasenschließmuskels. Oft besteht eine Verspannung im
gesamten Beckenbereich, vor allem jedoch im Beckenbodenbereich. Die betroffenen
Frauen nehmen ihre Reizblasensymptomatik nur im Wachzustand wahr, während der
Schlaf ungestört ist, was allein schon auf den psychosomatischen Charakter
hinweist. Sie verwechseln den Harndrang nicht selten völlig unberechtigt mit
einer Inkontinenzgefahr. Die Symptomatik tritt
oft in bestimmten Situationen auf, typischerweise dann, wenn keine Toilette
erreichbar ist.
Der Zusammenhang mit sexuellen
Problemen ist keinesfalls zwingend. Das Modell der verstärkten
Aufmerksamkeitsfixierung auf einen bestimmten Organbereich, das Modell der
Muskelverspannung sowie das Stressmodell sind oft hilfreichere
Erklärungskonzepte:
1.
Funktionelle Störungen im Urogenitalbereich basieren auf einer muskulären
Spannung bzw. Verspannung im Unterbauch- und Beckenbereich, die den Betroffenen
gewöhnlich gar nicht bewusst ist. Beckenbeschwerden bei Frauen und Männern sind
demnach häufiger Ausdruck einer Beckenbodenverspannung („Beckenbodenmyalgie“).
2.
Eine Reizblase entsteht gewöhnlich durch chronischen Stress, allgemeine
vegetative Erregung, starke Ängste oder innere Wutspannung und wird häufig
durch ein allgemein erhöhtes Sicherheits- und Kontrollbedürfnis verstärkt. Hier
zeigt sich der Teufelskreis einer erhöhten Aufmerksamkeitsfixierung recht
deutlich: Eben weil die Betroffene
weiß, dass sie in emotional belastenden Situationen einen verstärkten Harndrang
verspüren könnte, konzentriert sich ihre Aufmerksamkeit immer mehr auf die
Blase, wodurch das vegetative Erregungsniveau ansteigt und tatsächlich ein
verstärkter Harndrang einsetzt.
3.
Eine Dranginkontinenz entsteht oft durch eine ständige Verspannung der
Beckenbodenmuskulatur, bedingt durch Angst, Erregung, sexuelle Probleme oder
Erfahrungen sexueller Gewalt.
4.
Eine Prostatopathie sowie erschwertes Harnlassen oder Brennen in der
Harnröhre hängen mit einer Beckenbodenverspannung zusammen.
Therapeutische
Aspekte
In der Psychotherapie ist ein äußerst individuelles Vorgehen erforderlich,
weil Patienten mit psychosomatisch relevanten urologischen Störungen eine sehr
heterogene Gruppe sind:
1.
Psychoedukation. Sehr wichtig ist die Vermittlung eines biopsychosozialen
Krankheitsmodells, denn gewöhnlich wissen die Patienten nicht um die
Körper-Seele-Zusammenhänge Bescheid oder können diese nicht wirklich
nachvollziehen.
2.
Entspannungsübungen. Autogenes Training, Atemtechniken und
Biofeedback-Therapie können den Druck auf die Blase mildern, weil dadurch die
körperliche Grundspannung besser wahrgenommen und reduziert wird.
3.
Stressbewältigungstraining. Der Druck auf die Blase hängt oft mit anderen
Druck- und Belastungssituationen im Leben zusammen. Menschen mit psychosomatisch-urologischen
Problemen müssen lernen, mit den aktuellen Stresssituationen besser umzugehen.
4.
Verzicht auf ständiges Körperkontrollverhalten. Dadurch werden die Symptome
erst recht verstärkt, sodass eine Umlenkung der Aufmerksamkeit auf die Umwelt
sehr wichtig ist.
5.
Körperorientierte Therapie. Bevor Ablenkungsstrategien dauerhaft wirken
können, ist es unbedingt notwendig, sich selbst zunächst in Entspannung und
später auch unter körperlicher Anspannung angst- und stressfrei zuwenden und
wahrnehmen zu lernen, ohne seinen Körper ständig ängstlich zu beobachten.
6.
Verzicht auf alle Vermeidungsstrategien. Das gezielte Aufsuchen an sich
gewünschter, jedoch gefürchteter Situationen (wie z.B. das Kino) ist sehr
wichtig, weil durch jede Vermeidung die Blasenprobleme größer werden. Wie bei
einem Angstbewältigungstraining muss wieder der oft stark eingeschränkte
Bewegungsspielraum erweitert werden. In diesem Zusammenhang müssen
Reizblasen-Patienten lernen, ihren Harndrang wenigstens 10 bis 15 Minuten lang
auszuhalten und den Besuch der Toilette hinauszuschieben, um die Erfahrung zu
machen, dass sie ihrem Körper nicht völlig ausgeliefert sind. Die Betroffenen
sollen auch wieder zwei bis drei Liter Flüssigkeit pro Tag trinken, weil dies
das Dranggefühl vermindert und nicht erhöht.
7.
Emotionales Training. Das Wahrnehmen und Verbalisieren von Emotionen wie
Angst oder Überforderungsgefühle sowie das Bearbeiten bestimmter Gefühle wie
etwa Wut und Enttäuschung sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der
allgemeine körperliche Anspannungszustand sinkt.
8.
Bearbeitung der psychosozialen Hintergründe. Neben einer symptombezogenen
Therapie müssen auch die Ursachen der Störung bewältigt werden, seien dies nun
Stress, Partnerprobleme, psychische oder bestimmte sexuelle Probleme als Folge
einer Traumatisierung.
9.
Beckenbodentraining. Bei Inkontinenz hat sich das bekannte
Beckenbodentraining zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur bewährt, das im
klinischen Alltag gewöhnlich von Physiotherapeuten durchgeführt wird.
Wenn die Haut juckt und schmerzt
„Ein Mensch
kann leben, wenn er blind und taub ist, weder hören noch schmecken kann, aber
ohne die Funktionen der Haut ist er nicht lebensfähig."
Helen Keller
Neurodermitis – Kratzen macht alles noch ärger
Frau Böhm, eine
29-jährige Verkäuferin, hat seit ihrem 8. Lebensjahr Neurodermitis. Seit zwei
Jahren nehmen die Beschwerden wieder stark zu, wobei im Gegensatz zu früher
weder die regelmäßige Anwendung von Cortison noch ein stationärer Aufenthalt
irgendeine Besserung bewirkt hat. Der Hausarzt überweist Frau Böhm zu einem
Psychotherapeuten. In den ersten Gesprächen kristallisiert sich heraus, dass
sie unter massiven und unbewältigbar erscheinenden Konflikten mit einigen
Menschen ihrer näheren Umgebung leidet. Vor allem die Nähe der Schwiegermutter,
in deren Haus sie seit der Heirat wohnt und mit der sie sich überhaupt nicht
versteht, macht ihr zu schaffen. Viel lieber würde sie im Haus ihres geliebten,
bereits verstorbenen Vaters wohnen, was für ihren Mann aber nicht in Frage
kommt. Frust und Wut auch am Arbeitsplatz: Frau Böhm arbeitet in einem
Supermarkt, wo Personal eingespart wird und der Arbeitsdruck steigt. Noch dazu
leidet sie immens unter den Blicken der Kunden, die die Irritationen ihrer Haut
gut wahrnehmen können. Sie wünscht sich sehnlich ein Kind, doch dies passt
nicht zur Karriereplanung ihres Mannes. Ihre innere Anspannung ist oft so groß,
dass sie sich ständig kratzen muss, um den lästigen Juckreiz wenigstens kurz zu
überdecken, doch danach werden die Schmerzen wegen der Hautschädigungen noch
ärger als zuvor. Wenn sie sich allein weiß, kratzt sie sich dann auf der ganzen
Haut „bis aufs Blut“ – ein fataler Teufelskreis! Sie kann weder mit dem
Juckreiz noch mit ihrer hohen inneren Anspannung umgehen.
„Sich in seiner Haut nicht wohl fühlen“: Haut und Psyche
Die Haut
besteht aus drei Schichten: außen die Oberhaut, in der Mitte die Lederhaut und innen
die Unterhaut. Die Oberhaut umfasst wiederum mehrere Schichten, wovon die
oberste die Hornhaut darstellt, die aus abgestorbenen, kernlosen Zellen
besteht, die laufend abgestoßen und durch neue Zellen aus den unteren Schichten
der Oberhaut ersetzt werden. Die Lederhaut besteht aus elastischem Bindegewebe,
ist von Gefäßen durchzogen und enthält die Haarwurzeln, die Talgdrüsen, die Rezeptoren
für Sinnesqualitäten wie Druck und Temperatur sowie jene Nervenfasern, die als
Schmerzrezeptoren dienen und frei in der Oberhaut enden. Die Unterhaut besteht
vor allem aus Fettgewebe und enthält neben Gefäßen und Nerven auch die
knäuelartigen Endstücke der Schweißdrüsen, deren Gänge durch die Lederhaut
führen und in den zahlreichen Poren der Oberhaut enden.
Die Haut und das zentrale Nervensystem sind im frühesten Stadium der
Menschwerdung aus den gleichen Anlagen entstanden: Haut- und Nervenzellen
stammen entwicklungsgeschichtlich gesehen aus demselben Keimblatt. Dies erklärt
auch die Reaktion der Haut auf heftige Gemütsbewegungen. Die Haut hat auch
dadurch einen engen Bezug zum Nervensystem, dass einige Hautzellen bestimmte
Botenstoffe (Neurotransmitter) produzieren, die Impulse zwischen den Nerven
weiterleiten. Bestimmte Hautbereiche (so genannte Segmente) haben über das
Rückenmark enge Verbindungen zu den verschiedenen Körperorganen wie etwa Herz,
Magen, Darm oder Leber. So kann man therapeutisch von außen (von der Massage
bis zum Einspritzen in bestimmte Hautareale) Einfluss auf innere Organe nehmen.
Umgekehrt können innere Organe, wenn sie erkrankt sind, dies durch
entsprechende Missempfindungen auf den zugeordneten Hautarealen ankündigen
(z.B. zeigen sich Herzbeschwerden im Bereich der linken Schulter und des linken
Arms).
Die Haut ist mit einer Fläche von 1,5 bis 2 m2 das größte Organ
des menschlichen Körpers. Die Haut ist jenes Organ, mit dem wir uns nach außen
hin abgrenzen und gleichzeitig präsentieren. Mit ihr nehmen wir körperlichen
Kontakt zu unserer Umwelt auf und durch sie werden Sinnesreize über das Nervensystem
zum Gehirn vermittelt. Der Zustand der Haut bestimmt unser Aussehen und Erleben
und damit auch unser Selbstbewusstsein. Die Art der Hautdurchblutung und der
Schweißdrüsenaktivität zeigt unsere emotionale Befindlichkeit an, ob wir dies
nun wollen oder nicht.
Zusammenfassend gesehen erfüllt die Haut neben verschiedenen anderen
Funktionen auch zahlreiche Aufgaben in der Regulierung der
Person-Umwelt-Beziehung:
·
Die Haut als
Grenzorgan zwischen der eigenen Person und der Umwelt schützt unseren Körper vor
Umwelteinflüssen (Temperatur, Feuchtigkeitsschwankungen, UV-Licht,
Schadstoffen, Gewalteinwirkungen, Pilzen, Bakterien, Parasiten). Die Haut kann
im Krankheitsfall von innen (Entzündung, Ausschlag, Abszess) oder von außen
(Verletzung, Operation) durchbrochen werden.
·
Die Haut als
Kontaktorgan zur Umwelt ermöglicht eine Kommunikation mit anderen Menschen
durch körperliche Berührung. Die Haut ist beim Kind für die emotionale, soziale
und körperliche Entwicklung von zentraler Bedeutung und ermöglicht Jugendlichen
und Erwachsenen jene Nähe, die die Basis für eine gute Partnerbeziehung
darstellt.
·
Die Haut als
Sinnesorgan ermöglicht die Wahrnehmung von Tastempfindungen, Kälte, Wärme,
Brennen, Jucken, Schmerz, Kitzeln sowie sexuellen Empfindungen und Berührungen.
Die Haut ist in diesem Sinn Quelle von Sinnesfreuden, aber auch Ort vieler
Leidenszustände.
·
Die Haut als
Eindrucksorgan für den Beschauer hat eine ästhetische Funktion, wenn sie etwa
als schön, sauber, hässlich, braun oder blass erlebt wird. Make-up, der Besuch
bei der Kosmetikerin und vielleicht sogar beim Schönheitschirurgen sollen
unsere Ausstrahlung auf andere Menschen verstärken. Narben als Folge eines
Unfalls, einer Operation oder einer schweren Hauterkrankung können je nach Lage
und Aussehen nicht nur auf der Haut, sondern auch auf der Seele Spuren
hinterlassen; sie können das Selbstwertgefühl und die soziale Attraktivität
schwer beeinträchtigen.
·
Die Funktion der Haut
als Ausdruck erotisch-sexueller Ausstrahlung wird vor allem auch sichtbar in Form
von Ringen, Schmuckgegenständen oder bestimmten Hautzeichnungen wie Tatoos.
·
Die Haut als
Ausdrucksorgan spiegelt das innere Empfinden und Fühlen wider. Emotionale
Reaktionen werden über die Haut für alle gut sichtbar. Dies gilt für
Hautveränderungen wie erröten, erblassen, eine Gänsehaut bekommen, vor
Aufregung schwitzen, kalte oder feuchte Hände, Haaresträuben. In diesem Sinn
ist die Haut der „Spiegel der Seele“ und wirkt wie ein aufgeschlagenes Buch, in
dem man lesen kann.
Über ein
Biofeedback-Gerät ist die elektrische Leitfähigkeit der Haut auch messbar. Der
Hautleitwiderstand gilt seit Jahrzehnten als Maß für die psychische Aktivierung.
Wenn wir lügen, beginnt unsere Haut unmerklich zu schwitzen, was zu einer
Änderung des Hautwiderstands führt. Beim bekannten Lügendetektor soll auf diese
Weise die emotionale Erregung aufgezeigt werden, mithilfe eines
Biofeedback-Geräts dagegen die zunehmende emotionale Entspannung.
In der Psychosomatik hat man sich schon sehr früh für die Einflüsse äußerer
Faktoren auf die Haut sowie für die Auswirkungen von Hautveränderungen auf die
Sozialbeziehungen interessiert. Aussehen vermittelt Ansehen: Eine makellose
Haut hat angesichts des gesellschaftlichen Diktats der Schönheit einen hohen
Stellenwert. Ein perfektes Äußeres verspricht nach den verschiedenen
Werbeslogans ein stabiles Ich und ein hohes Sozialprestige. Teure kosmetische
Produkte und intensive Pflege der Haut sollen über den Eindruck auf andere das
Selbstwertgefühl stärken. Hautkrankheiten können andererseits zu vermindertem
Selbstbewusstsein und sozialen Kontaktproblemen führen. Denn es ist ein Faktum:
Unser Körperbild und unsere Haut stehen in engem Zusammenhang, und wir wirken
auf andere so, wie wir durch die Haut erscheinen.
Die engen Zusammenhänge von Haut und Psyche zeigen sich auch in vielen
bekannten Redewendungen. Wir sind dünnhäutig, haben ein dickes Fell oder eine Elefantenhaut,
laufen vor Scham, Verlegenheit oder Wut rot an, werden vor Schreck ganz bleich
oder erblassen vor Neid. Wir fühlen uns in unserer Haut öfter nicht wohl,
können aus unserer Haut aber nicht heraus und möchten manchmal doch aus der
Haut fahren. Mitunter geht uns etwas tief unter die Haut, erleben wir etwas
ganz hautnah mit, setzen wir unsere Haut für eine Sache aufs Spiel, kommen wir
gerade noch mit heiler Haut davon, wehren wir uns unserer Haut, möchten wir
wenigstens unsere Haut retten, tragen wir unsere Haut zu Markte. Wir können uns
in einem Prozess befinden, wo wir uns „häuten“. Manchmal juckt uns etwas oder
kratzt uns etwas gar nicht.
Zum Bereich der Haut zählen auch die Hautanhangsorgane (Haare, Nägel,
Schweiß- und Talgdrüsen), zu denen ebenfalls zahlreiche Redewendungen
existieren. Gelegentlich haben wir Angstschweiß auf der Stirn, schwitzen wir
Blut und Wasser, bricht kalter Schweiß aus, bekommen wir eine Gänsehaut. Wir
finden etwas haarsträubend oder an den Haaren herbeigezogen. Es sträuben sich
manchmal unsere Haare vor Entsetzen oder sie stehen uns zu Berge, doch lassen
wir uns keine grauen Haare wachsen. Wir geraten uns öfter in die Haare oder
möchten jemandem kein Haar krümmen.
Hauterkrankungen sind weit verbreitet und nehmen immer mehr zu. In den
letzten Jahrzehnten sind einige Hautkrankheiten fast schon zu Volkskrankheiten
geworden. Vor allem bei Kindern treten Hautkrankheiten und Allergien immer
häufiger auf. Chronische Hautkrankheiten stellen mehr als die Hälfte aller
Berufskrankheiten dar und führen zu großen psychischen Leidenszuständen und
hohen volkswirtschaftlichen Kosten. 25 bis 30 % der Patienten mit Hautkrankheiten
weisen gleichzeitig auch psychische Probleme auf.
Bei psychischen Erkrankungen, vor allem bei Depressionen, Schizophrenie und
Alkoholabhängigkeit, treten oft Hautprobleme auf. Bei Depressionen zeigen sich
öfter folgende Symptome: Hautüberempfindlichkeit, Hautbrennen, unklarer
Juckreiz, reduzierter Spannungszustand des Gewebes, trockene, faltige, blasse
oder grau-fahle Haut, müder Gesichtsausdruck, Haarausfall, sprödes, struppiges
oder glanzloses Haar. Eine hypochondrische Störung zeigt sich in bestimmten
hautbezogenen Krankheitsängsten, etwa in der Angst vor Hautkrebs oder
Hautallergien, die durch bestimmte Nahrungsmittel oder chemische Substanzen
ausgelöst werden könnten. Die schwer therapierbare Angst vor Entstellung
(Dysmorphophobie) kann sich im Bereich der Haut äußern in Form von völlig
übertriebenen Besorgnissen über Falten, Flecken, durchscheinende Blutgefäße,
Narben, blasse oder gerötete Gesichtsfarbe, übermäßige Behaarung oder
Haarausfall. Die Betroffenen erleben sich als hässlich, ziehen sich sozial
zurück und entwickeln ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Oft werden die
vermeintlich entstellenden Hautareale penibel durch die Bekleidung verborgen
oder durch kosmetische Maßnahmen überschminkt. Eine befriedigende Änderung wird
meistens nur von schönheitschirurgischen Maßnahmen erwartet.
Tabelle 9:
Psychosomatisch relevante Hautprobleme
|
Funktionelle Störungen |
Nichtorganische Störungen: ·
situative
vegetative Symptome (Erröten, Schwitzen) ·
somatoforme und dissoziative
Störungen (Juckreiz, Brennen, Sensibilitätsstörungen) |
|
Organisch fundierte Störungen |
Psychosomatisch relevante Haut- und
Haarerkrankungen: ·
Neurodermitis ·
Schuppenflechte ·
Akne ·
Kontaktekzem ·
Nesselsucht ·
Herpes ·
flache
Knötchenflechte ·
Weißfleckenkrankheit ·
Kollagenosen ·
Haar-Erkrankungen
|
Funktionelle Störungen
Erröten
Das Erröten der
Haut im Gesichts-, Hals- und Oberkörperbereich in emotional stark besetzten Situationen
ist ein gefürchtetes Symptom und mündet meist in die Angst vor dem Erröten
(Erythrophobie). Die Symptomatik kommt vor allem bei einer sozialen Phobie vor,
wo die Betroffenen eine negative Bewertung durch die Umwelt fürchten.
Schwitzen
Übermäßiges
Schwitzen tritt vor allem im Achselbereich und an Händen und Füßen auf;
sichtbare Schweißflecken werden gefürchtet. Die Betroffenen sind oft selbstunsicher,
ängstlich und gehemmt und reagieren in sozialen Situationen mit
unkontrollierbarem Schwitzen. Soziale Angststörungen sind nicht nur die
wichtigste Ursache, sondern auch eine häufige Folge übermäßigen Schwitzens. Die
Schweißbildung bei körperlichen Anstrengungen dient vor allem der
Temperaturregelung des überhitzten Körpers, denn durch die Verdunstung auf der
Haut entsteht Kälte. Bei Angst oder psychischer Belastung ergibt sich dasselbe
Reaktionsmuster.
Chirurgische Maßnahmen (operative Durchtrennung der sympathischen
Nervenbahnen, die für das Schwitzen verantwortlich sind) sind mit Sicherheit
das falsche Mittel gegen emotional bedingtes Schwitzen, weil der Effekt oft
nicht dauerhaft ist; zudem ist dann mit vermehrtem kompensatorischen Schwitzen
in anderen Körperregionen zu rechnen, vor allem jedoch bleibt die zugrunde
liegende Ängstlichkeit ohne Psychotherapie weiterhin bestehen.
Somatoformer
Juckreiz (psychogener Pruritus)
Somatoformer
Juckreiz und ständige nichtorganische Hautmissempfindungen (vor allem Brennen
oder Schmerzen) sind als somatoforme autonome Funktionsstörung der Haut
anzusehen, wenn sie durch körperliche Ursachen nicht (ausreichend) erklärt
werden können. Menschen mit einem somatoformen Juckreiz sind innerlich oft sehr
angespannt und leiden dann unter plötzlich auftretenden Kratzanfällen; sie
beschäftigen sich in der Folge ständig mit ihrem Juckreiz oder dem Hautzustand,
vor allem dann, wenn sie zur Ruhe kommen und Zeit zur Selbstbeobachtung haben.
Ein nichtorganischer Juckreiz ist gewöhnlich intensiver bzw. häufiger bei
Zuwendung der Aufmerksamkeit, subjektivem Gefühl des Kontrollverlusts,
psychischen Belastungen und depressiver Verstimmung. Juckreiz mit dem Bedürfnis
zu kratzen ist ein zentrales Symptom vieler dermatologischer Erkrankungen.
Zahlreiche Menschen klagen auch über Brennen oder sonstige Missempfindungen
der Haut und weisen oft gleichzeitig eine depressive Symptomatik auf.
Dissoziative
Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen
Bestimmte
nichtorganische Missempfindungen auf der Haut (Unempfindlichkeit im Sinne von
Taubheitsgefühlen und fehlender Schmerzwahrnehmung oder Überempfindlichkeit im
Sinne verstärkter Schmerzempfindungen) werden als dissoziative Störungen
bezeichnet und zu den dissoziativen Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen
gezählt. Die Betroffenen weisen völlig normal auslösbare Reflexe in den
angeblich unempfindlichen Hautarealen auf. Mangelndes Schmerzempfinden auf der
Haut kann sehr eindrucksvoll sein und bedeutete im Mittelalter den sicheren
Beweis, mit dem Teufel im Bunde zu sein.
Organische Störungen
Neurodermitis
Neurodermitis
stellt die häufigste Hautkrankheit dar: 10 % der Bevölkerung sind betroffen, im
Kindesalter sogar bis zu 20 % pro Geburtsjahrgang. Rund 60 % der Patienten
erkranken bereits im ersten Lebensjahr, 85 % bis zum fünften Lebensjahr. Die
Erkrankungswahrscheinlichkeit liegt bei 60 %, wenn ein Elternteil und bei 80 %,
wenn beide Elternteile unter einer allergischen Symptomatik leiden.
Unter Neurodermitis versteht man eine häufig chronisch oder mit Rückfällen
verlaufende Hautentzündung mit starkem Juckreiz an den Beugeseiten von Armen
und Beinen sowie an Hals und Händen. Die Krankheit äußert sich zunächst in Form
von Rötungen im Gesichtsbereich, die nässen und sich beim Eintrocknen mit
Schuppen bedecken (Milchschorf). Im Laufe der Zeit weiten sich die Symptome auf
Arme und Beine aus.
Ohne Spontanheilung, die durchaus nach einigen Jahren relativ häufig
auftritt, bleiben die Symptome oft bis zur Pubertät, vielfach sogar bis ins
höhere Erwachsenenalter bestehen. Die Krankheit befällt immer häufiger
erstmalig auch ältere Menschen und tritt gehäuft gleichzeitig mit Heuschnupfen
oder Asthma auf.
Der extrem heftige Juckreiz, der zum Kratzen verleitet, gilt als
Leitsymptom und zentrale Ursache für die weiteren Krankheitsfolgen. Die
chronischen Entzündungen und das heftige Kratzen führen zu einer Verdickung und
Vergröberung der Haut und begünstigen die Ausbildung von Infektionen.
Die organischen Ursachen der Neurodermitis sind weitgehend unbekannt,
wenngleich die immunologischen Fehlsteuerungen und die allergischen
Reaktionsformen im Detail beschrieben werden können. Allergische Faktoren sind
zentrale Auslöser, vor allem der Kontakt mit Hausstaub, bestimmten
Nahrungsmitteln oder ähnlichen Stoffen. Wie beim Asthma gibt es auch eine Form
der Neurodermitis, bei der äußere Auslöser keine Rolle spielen, sondern
bestimmte Faktoren im Organismus krankheitsauslösend wirken. Bei etwa 30 bis 40
% der Fälle spielen psychosoziale Faktoren eine Rolle im Krankheitsverlauf, vor
allem in Hinblick auf den Juckreiz und das Kratzen.
Schuppenflechte
(Psoriasis vulgaris)
Die
Schuppenflechte (Psoriasis vulgaris, vom Griechischen psora = Schuppung, Krätze) ist nach der Neurodermitis die
zweithäufigste Hautkrankheit (bei rund 2 % der Bevölkerung). Sie gilt allgemein
als genetisch determinierte, familiär gehäuft auftretende Verhornungsstörung
(gestörte Verhornung der Hautzellen); meist setzt sie sehr früh im Leben ein
und verläuft chronisch. Die Hornzellen wachsen schneller bzw. vermehrt, weil
entweder die Haut äußerlich durch chemische Reize immunologisch verändert wurde
oder weil innere Prozesse wie Infektionen ablaufen. Der Hauterneuerungsprozess
ist durch einen Angriff auf das Immunsystem massiv beschleunigt: Beim gesunden
Menschen erneuert sich die Haut innerhalb von 26-27 Tagen, bei Menschen mit
Schuppenflechte innerhalb von 6-7 Tagen. Die betroffenen Hautareale sind stark
durchblutet und gerötet, die Zellen der obersten Hautschicht gelangen etwa
siebenmal schneller an die Hautoberfläche als bei normaler Haut, wo sie eine
glänzende, silbrig-weiße Schuppenschicht bilden. Die Haut ist im Allgemeinen trocken,
häufig bilden sich schmerzhafte Risse oder Blasen. Bei der Hälfte sind auch die
Fingernägel betroffen.
Typische Merkmale
Kennzeichen sind also scharf umrissene oder weitflächige, nicht schmerzhafte
Entzündungsherde an Armen, Beinen, Rumpf und behaartem Kopf, die von silbrig-weißen
Schuppen an bedeckt sind. Die geröteten und schuppenden Herde können sehr klein
sein, meist sind sie aber münz- bis handtellergroß und treten oft symmetrisch
an beiden Körperhälften auf, am häufigsten betroffen sind Ellenbogen, Kniescheiben
und -streckseiten und Kopf. Die Psoriasis zeigt sich in vereinzelten scharf
begrenzten Flächen oder weitflächig am ganzen Körper.
Die Ursachen
dafür, dass die T-Lymphozyten, d.h. bestimmte Blutzellen, die dem Körper
eigentlich die Abwehr von Krankheiten ermöglichen, plötzlich überaktiv werden
und fehlgeleitet die körpereigenen Zellen der Oberhaupt angreifen, sind bislang unbekannt. Krankheitsvoraussetzung
sind eine genetische Veranlagung und das Auftreten bestimmter auslösender
Faktoren wie Stoffwechselstörungen, hormonelle Faktoren, Hautverletzungen oder
-reizungen, grippale Infekte, Rauchen, Übergewicht, Alkoholkonsum, bestimmte
Medikamente, Ernährungsgewohnheiten, klimatische Einflüsse und psychischer
Stress.
Schubweise
Verschlechterungen treten häufig im Herbst und im Frühjahr auf. Symptomfreie
Intervalle können kürzer oder länger sein. Es ist wichtig, die Auslöser von
Schüben zu erkennen und zu vermeiden.
Akne (Akne
vulgaris)
Von Akne sind
so gut wie alle Jugendlichen zeitweilig betroffen, unter der 25- bis
44-jährigen Bevölkerung sind es 12 % der Frauen und 3 % der Männer. Akne
besteht in einer Entzündung bzw. krankhaften Veränderung der Talgdrüsen,
charakterisiert durch eine Behinderung des Talgabflusses (Verschluss des
Talgdrüsenausführungsganges) bei gleichzeitig vermehrter Talgproduktion.
Akne weist eine genetische Komponente auf und tritt vor der Ausreifung der
Talgdrüsen in der Pubertät nicht auf, weil deren Tätigkeit erst durch die
männlichen Geschlechtshormone angeregt wird. Die Symptomatik besteht in
Mitessern, eitrig-entzündlichen Knötchen und teilweise ausgedehnten Abszessen,
besonders im Gesicht und am Rücken, wobei eine narbige Verheilung erfolgt. Neben
90 % der Jugendlichen sind vor allem Frauen Ende zwanzig mit steigender Tendenz
betroffen.
Kontaktekzem
(Kontaktdermatitis)
Das
Kontaktekzem, das bei etwa 1 bis 2 % der Bevölkerung auftritt, ist eine
Überempfindlichkeitsreaktion auf Metalle, Modeschmuck (z.B. Nickel), Kosmetika,
Arzneimittel oder Chemikalien. Es äußerst sich in nässenden Ekzemen, Bläschen,
Entzündungen und Juckreiz an den Kontaktstellen mit dem Allergen, vor allem an
den Händen und im Gesicht. Die Hautentzündung führt zu einem chronischen
Verlauf und zur Verdickung der Haut.
Nesselsucht
(Urtikaria)
Die Quaddel-
oder Nesselsucht besteht bei 1 bis 4 % der Bevölkerung und tritt im Laufe des
Lebens bei 10 bis 15 % aller Menschen mindestens einmal im Leben auf. Ihre
Kennzeichen: flüchtige Quaddeln mit Hautrötung. Eigentlich handelt es sich um
ein Ödem der Lederhaut, also um eine Flüssigkeitsansammlung. Die Quaddeln
jucken oder brennen sehr stark, vor allem am Rumpf. Wegen der Hautschwellungen
in den tiefer liegenden Hautschichten kommt es eher zum Reiben oder Scheuern
als zum Kratzen, weshalb die Quaddeln trotz starken Juckreizes nie aufgekratzt
werden.
Herpes
Herpes simplex
labialis und genitalis ist eine Virusinfektion im Mund- und Genitalbereich, die
durch zuerst juckende, später schmerzende, mit Flüssigkeit gefüllte Bläschen
charakterisiert ist. Die Herpesbläschen tauchen oft in regelmäßigen oder
unregelmäßigen Abständen immer wieder auf. Vom ersten Juckreiz bis zum Abheilen
vergehen etwa 8 bis 10 Tage. Die Übertragung erfolgt direkt durch Küssen oder
den Geschlechtsverkehr. Die meisten Menschen infizieren sich bereits in der
Kindheit. Über 90 % der Erwachsenen tragen das Herpes-Virus in sich, die
Bläschen treten gewöhnlich dann auf, wenn der Körper aus verschiedenen Gründen
unter starkem Stress steht und seine Abwehrkraft geschwächt ist.
Flache
Knötchenflechte (Lichen ruber planus)
Lichen ruber
planus, die flache Knötchenflechte, ist eine relativ häufige, bei 1 % der
Bevölkerung auftretende, schubartig verlaufende, chronisch-entzündliche Erkrankung
der Haut und der Schleimhäute. Typisch sind zahlreiche kleine, rötliche oder
bräunliche Knötchen (Papeln), die an der Oberfläche eine weißliche netzartige
Zeichnung aufweisen und im Bereich der Handgelenke, der Unterschenkel-,
Knöchel- und Fußregion oder ausschlagartig am ganzen Körper auftreten. Die
Hautveränderungen sind mit einem unterschiedlich stark ausgeprägten Juckreiz
verbunden. Neben der Haut kann sich die Symptomatik auch im Bereich der
Schleimhäute (Mund oder Genitalbereich) ausbilden.
Weißfleckenkrankheit
(Vitiligo)
Vitiligo oder
Weißfleckenkrankheit besteht im Verlust von Pigmenten, das heißt von
Körperfarbstoffen. Vor allem an den Händen, im Gesicht und am Rumpf entstehen
weiße Hautflecken, sogar die Haare an den entsprechenden Hautzonen können weiß
werden. Das "scheckige" Aussehen kann zu erheblichen psychischen Beeinträchtigungen
führen.
Kollagenosen
Die Bezeichnung
„Kollagenosen“ gilt als Oberbegriff für verschiedene Hauterkrankungen mit systematisierten
Bindegewebsveränderungen. Die bekanntesten Formen sind der Lupus erythematodes
mit charakteristischen Veränderungen an Haut, Gelenken und inneren Organen und
die Sklerodermie mit einem Befall von Gefäßen, Gelenken und einer Haut mit teigigen
oder knotigen Schwellungen, Pigmentverschiebungen, Verhärtungen und
absterbendem Gewebe.
Haar-Erkrankungen
Unter den
Haar-Erkrankungen werden vor allem beim kreisrunden und beim diffusen
Haarausfall – neben Vererbung und organischen Faktoren – psychosomatische
Aspekte im Sinne einer länger dauernden emotionalen Belastung diskutiert.
Der kreisrunde Haarausfall (Alopecia areata), der bei 0,3 % der Bevölkerung
auftritt, bezeichnet einen scharf begrenzten, kreisrunden Ausfall der
Kopfhaare, teilweise auch der Körperbehaarung, oft gleichzeitig an mehreren
Stellen. Die Symptomatik kann sich spontan zurückbilden, später aber neuerlich
auftreten. Die Krankheit hängt mit Autoimmunprozessen zusammen, deren Ursachen
noch unbekannt sind, kann aber durch länger dauernden Stress verstärkt werden.
Allgemein anerkannt sind die psychischen und sozialen Folgeprobleme, unter
denen viele Menschen bei frühzeitigem bzw. krankheits- oder behandlungsbedingtem
Haarausfall leiden.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Psychologische
Faktoren bei Hautkrankheiten können nur in Zusammenhang mit den organischen
Ursachen diskutiert werden. Die organischen Ursachen der meisten
Hautkrankheiten beruhen im Wesentlichen auf immunologischen Mechanismen; diese
sind wiederum die Folge einer erblich bedingten allergischen Reaktionsbereitschaft
der Betroffenen. Bei bestimmten chronisch-entzündlichen Hautkrankheiten wie
etwa Neurodermitis, Urtikaria und Kontaktekzem bestehen Intoleranzreaktionen
(Allergien), also eine erhöhte Sensibilisierung gegenüber Antigenen, die für
den Körper normalerweise nicht schädlich sind.
Bei vielen Hautkrankheiten ergibt sich folgender Teufelskreis: Zunächst
werden verschiedene Gewebeschäden durch an sich heilende Prozesse in der Haut
beseitigt, die dabei auftretenden entzündlichen Mechanismen lösen gleichzeitig
aber auch die chronischen Hautveränderungen aus (etwa Erweiterung und
gesteigerte Durchlässigkeit der Blutgefäße, Austritt von Gewebsflüssigkeit,
Infiltration von Entzündungszellen). Infektionen durch Übertragung spielen bei
den Herpes-simplex-Viren die entscheidende Rolle. Autoimmunmechanismen sind für
andere dermatologische Störungen verantwortlich wie etwa den kreisrunden
Haarausfall oder die Sklerodermie.
Viele der im Laufe von Jahrzehnten entwickelten Hypothesen über die
Zusammenhänge von Haut und Seele mögen zwar auf den ersten Augenschein
plausibel erscheinen, halten jedoch einer genaueren wissenschaftlichen
Überprüfung nicht stand. Die in der Populärliteratur so selbstverständliche Verknüpfung
von Hautkrankheiten und psychologischen Faktoren ist wissenschaftlich noch
keineswegs so eindeutig erwiesen, wie dies oftmals hingestellt wird. Bestimmte
Persönlichkeitszüge wie erhöhte Ängstlichkeit oder Depressivität sind eher
Folge als Ursache der Hauterkrankungen und können die weitere
Krankheitsentwicklung ungünstig beeinflussen. Es gibt weder typische
Persönlichkeitsmerkmale noch bestimmte Familienstrukturen, die die Entstehung
von Hauterkrankungen bewirken würden.
Kratzen ist dagegen ein zentraler krankheitsfördernder Faktor, denn es hält
eine Neurodermitis und andere juckende Hautkrankheiten aufrecht. Die
Betroffenen vermindern durch das Kratzen zwar kurzfristig den Juckreiz, weil
sie auf diese Weise das Jucken überlagern, sie senken jedoch daraufhin die
Juckreizschwelle durch die eingetretene Verwundung der Haut so stark, dass ein
erneuter Juckreiz auftritt, den sie mit noch stärkerem Kratzen „behandeln“ –
ein fataler Teufelskreis! Kratzen führt zu Entzündungen, Entstellungen und zur
Vergröberung der Haut, was die soziale Auffälligkeit erhöht. Kratzen kann nicht
nur durch einen Juckreiz, sondern auch durch andere Umstände wie soziale
Spannungssituationen, mentale Anspannung, Ärger, Langeweile, Warte- und
Einschlafsituationen ausgelöst werden. Häufig wird der Juckreiz beim Übergang
von Anspannung zur Ruhe wahrgenommen, zahlreiche Hautkranke kratzen aber auch
in der Nacht ohne bewusste Wahrnehmung. Kratzen ohne Juckreiz
(„Spannungskratzen“) ist Ausdruck einer angespannten emotionalen Befindlichkeit.
Als Auslöser gelten Emotionen wie Wut, Ärger oder Aufregung.
Die psychosomatischen Aspekte von dermatologischen Störungen können in
möglichen psychischen Ursachen und/oder Folgen der Symptome gesehen werden.
Psychologische Faktoren können Hauterkrankungen auslösen, aufrechterhalten und
verschlimmern. Von besonderer Bedeutung sind kritische Lebensereignisse, großer
Stress und chronische Belastungsfaktoren in Verbindung mit
genetisch-konstitutionellen Faktoren. Bei Patienten mit Neurodermitis,
Schuppenflechte, Nesselsucht, Herpes-Infektionen und kreisrundem Haarausfall
wurden belastende und lebensverändernde Ereignisse vor Krankheitsausbruch oder
vor einem Krankheitsschub gefunden. Zusätzlich gingen bei Neurodermitis- und
Nesselsucht-Patienten alltägliche Belastungen mit einer Verschlechterung der
Hautsymptomatik, vor allem mit einem verstärkten Juckreiz, einher.
Psychischer Stress bewirkt eine intensive immunologische Reaktion. Starke
und anhaltende Belastungen führen nach neueren wissenschaftlichen Untersuchungen
zu einer Störung der Immunzellen der Haut, die dann vermehrt
Entzündungssubstanzen ausschütten. Diese Störung wird einerseits durch die
Ausschüttung von Stresshormonen in den Blutkreislauf verursacht, andererseits
durch die Ausschüttung von Entzündungssubstanzen aus den Nervenenden in der
Haut. Bei chronisch-entzündlichen Hautkrankheiten führt Stress über
verschiedene Mechanismen zu einer Fehlregulation des Immunsystems der Haut,
insbesondere der Mastzellen. Grundsätzlich gilt bei vielen dermatologischen
Erkrankungen unabhängig von den Ursachen: Durch eine stressbedingte Schwächung
des Immunsystems heilen Hauterkrankungen schlecht.
Was krank machender Stress ist, kann je nach Mensch unterschiedlich sein:
Ärger, Liebeskummer, Angst, Depression, Zeitdruck, familiäre oder berufliche
Überlastung sind in gleicher Weise geeignet, das Immunsystem so zu schwächen,
dass vermehrt Infektionskrankheiten, Herpesbläschen an den Lippen oder
Hautausschläge auftreten. Soziale Ängste und soziale Defizite können Hautkrankheiten
dann verschlimmern, wenn es den Betroffenen nicht gelingt, sich anderen
Menschen gegenüber durchzusetzen oder gehasste Aufgaben abzulehnen.
Sichtbare Hauterkrankungen und ständiger Juckreiz und daraus resultierendes
Kratzen können das psychische und soziale Wohlbefinden sowie das körperliche
Aussehen so schwer beeinträchtigen, dass daraus Angst, vermindertes
Selbstwertgefühl, Depressionen und sozialer Rückzug resultieren. Ein
Teufelskreis, denn eine schwere Depression lässt die Haut dann noch dazu fahl
und unattraktiv aussehen! Hautkranke fühlen sich oft hilflos den
unberechenbaren und unkontrollierbaren Krankheitsverläufen ausgeliefert, leiden
darunter und entwickeln eine ängstliche Erwartungshaltung mit ständiger innerer
Anspannung. Der krankheitsbedingte Stress kann dann die Hauterscheinungen
zusätzlich verschlimmern. Das negative Selbstwertgefühl und geringe
Selbstvertrauen von Hautkranken zeigt sich möglicherweise auch in dem Umstand,
dass unter jungen Menschen mit starker Akne die Arbeitslosenrate höher ist als
unter gesunden Gleichaltrigen. Gerade Jugendliche können durch Pickel oder
Hautausschläge extrem verunsichert und in ihrem sozialen Status geschwächt
sein, denn im Jugendalter ist das äußere Erscheinungsbild für das
Selbstwertgefühl noch wichtiger als bei Älteren.
Bei der Neurodermitis werden von Fachleuten keine rein
psychologischen Erklärungsmodelle mehr vertreten, wohl aber weiterhin in der
populären Literatur. Die häufigsten psychogenen Komponenten scheinen kritische
Lebensereignisse, psychosozialer Stress und Beziehungsprobleme zu sein. Bei
Kindern könnte ein ungünstiges Familienklima eine Rolle spielen. Als
Krankheitsfolge treten oft Depressionen und Angststörungen auf. Der
Psychoanalytiker Alexander, der die Neurodermitis zu den klassischen
psychosomatischen Störungen zählt, unterstellte den Betroffenen unterdrückte
Aggressionen und interpretierte das Kratzen als Ausdruck von Selbstbestrafung
bzw. Befriedigung masochistischer Impulse. Die häufig vorgebrachte
psychoanalytische Erklärung einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung (vor allem
einer Ablehnung durch die Mutter) ist aufgrund des Forschungsstandes nicht
haltbar und diskriminiert viele sehr bemühte Mütter.
Bei der Schuppenflechte (Psoriasis vulgaris) können
Stress und seelische Belastungen durch Unfall, Krieg, Tod von Angehörigen oder
Prüfungsangst regelrechte Schübe auslösen. Die Betroffenen haben aber auch ohne
psychosoziale Belastungsfaktoren einen großen Leidensdruck – wegen der sehr
auffälligen und entstellenden Hauterscheinungen. Eine nicht gelungene
Krankheitsbewältigung kann die Schuppenflechte so verschärfen, dass Schübe
schneller und schwerer auftreten.
Bei der Akne vulgaris können Stress und ständige Hautmanipulationen
(„Ausdrücken“ der Pickel) eine Verschlechterung bewirken. Die Pubertätsakne
führt wegen des dadurch verminderten Selbstwertgefühls oft zu sozialphobischen
und depressiven Reaktionen.
Bei der Nesselsucht (Urtikaria), insbesondere in der chronischen Form,
scheinen Stressfaktoren eine Rolle als psychische Auslöser zu spielen; eine
lang anhaltende Symptomatik kann zudem eine depressive Verstimmung begünstigen.
Bei einem Kontaktekzem bestehen öfter erhöhte Aggressionstendenzen sowie
Depressionen oder Angststörungen.
Bei Herpes können emotionale Faktoren wie Stress und Ekel die Symptomatik
verstärken, vermittelt durch eine herabgesetzte Immunreaktion.
Bei der flachen Knötchenflechte (Lichen ruber planus) wurden vereinzelt
psychische Auslöser und deutliche Belastungen in der psychosozialen
Verarbeitung beschrieben. Psychischer Stress kann einen Schub auslösen.
Bei der Weißfleckenkrankheit (Vitiligo)
ist in knapp einem Drittel der Fälle Stress der Auslöser.
Die Kollagenosen Sklerodermie und Lupus erythematodes können zumindest in
bestimmten Fällen durch kritische Lebensereignisse beeinflusst werden und
führen oft zu Hoffnungslosigkeit, Depressionen, verstärkter Schmerzsymptomatik
und in Abhängigkeit von der Schwere der Erkrankung auch zu deutlichen
Einschränkungen der Lebensqualität.
Therapeutische
Aspekte
In der
psychologisch-psychotherapeutischen Behandlung von Menschen mit Hautkrankheiten
ist es zuerst einmal wichtig zu erkennen, welche Gefühle, Verhaltensweisen,
Ereignisse und Umweltbedingungen vorliegen, die die Hauterkrankung mitauslösen,
verschlechtern oder verbessern. In der weiteren Therapie gibt es verschiedene
Vorgangsweisen, die allerdings nicht spezifisch sind für Hautkrankheiten:
Psychoedukation (Patientenschulung durch Vermittlung von Informationen über die
Krankheit und deren Behandlung), Stressbewältigungstraining,
Entspannungstechniken (Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung,
Atemtechniken), Biofeedbacktraining, Vorstellungsübungen (visuelle
Vorstellungsbilder des Heilungsprozesses), Hypnose, Änderung der Denkmuster,
Problemlösetraining und partner- bzw. familienorientierte Interventionen. Durch
Entspannungsverfahren und neue Sichtweisen lernen die Betroffenen, ihre
Spannungszustände abzubauen, ihr Selbstwertgefühl anzuheben, ihren Körper zu akzeptieren
und sich nicht mehr so extrem und einseitig auf den Hautzustand zu fixieren.
Soziale Defizite können durch Rollenspiele und ein soziales Kompetenztraining
vermindert werden.
Insgesamt gesehen ist bei Hauterkrankungen therapeutische Bescheidenheit
angebracht, da sie oft chronisch, unheilbar und multifaktoriell bedingt sind.
Es geht gewöhnlich „nur“ darum, die Beschwerden zu lindern, eine weitere
Verschlechterung zu verhindern, das Selbstbewusstsein zu stärken und
ängstlich-depressive Reaktionen zu vermeiden oder abzubauen. Ging es früher
einseitig darum, mögliche psychische Auslösefaktoren herauszufinden, so steht
gegenwärtig die verbesserte Krankheitsbewältigung immer stärker im Mittelpunkt
der Behandlung. Der psychologische Schwerpunkt hat sich also stärker von den
psychosomatischen auf die somatopsychischen Aspekte verschoben, um die
Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Weder schulmedizinische noch
psychotherapeutische Verfahren können bei vielen Hautkrankheiten eine
vollständige Heilung bewirken, sie können jedoch zur wesentlichen Besserung
beitragen.
In der Therapie der Neurodermitis ist es zusätzlich von zentraler
Bedeutung, vorerst einmal das alles verschlimmernde Kratzen, Reiben oder
sonstige Manipulieren der Haut durch geeignete Strategien zu unterbinden, bevor
nach spezifischen psychologischen Belastungsfaktoren und deren besserer
Bewältigung gesucht wird.
Wenn Frauen spezifische Beschwerden haben
„Der weibliche
Mensch ist unmittelbarer der Art ausgeliefert als der männliche.“
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht
Chronische Unterleibsbeschwerden – kaum Linderung durch
Operationen
Frau Weber ist
35 Jahre alt, verheiratet, sie hat zwei Kinder und ist voll berufstätig als
Grafikerin in einer Werbeagentur. Seit fünf Jahren quälen sie chronische Unterleibsbeschwerden.
Die Schmerzen sind so schlimm, dass sie sich unbedingt eine Entfernung der
Gebärmutter wünscht, obwohl die Ärzte nach zweimaliger Bauchhöhlenuntersuchung
(Laparoskopie) keinen Organbefund ermitteln konnten. Sie ist felsenfest davon
überzeugt, dass alle Probleme durch eine Operation beseitigt werden könnten und
lehnt die Empfehlung zu einer Psychotherapie ab, weil sie nicht verrückt sei.
Frau Weber hat aber in Wahrheit zahlreiche psychosoziale Probleme: eine stressige
Arbeit, die sie ganz fordert; einen Mann, der seit sieben Jahren einen
erheblichen Alkoholmissbrauch betreibt und sie dann auch gelegentlich schlägt;
eine Mutter, die sich nach dem Tod des Vaters vor fünf Jahren ein häufigeres
Zusammensein wünscht; eine Tochter mit Schulproblemen und Kontakten zum
Drogenmilieu.
„Sei nicht so hysterisch“: Frauenbeschwerden und Psyche
Viele
Beschwerden von Frauen wurden früher und werden manchmal sogar noch heute als „hysterisch“
bezeichnet, man könnte auch sagen: als „eingebildet“ abqualifiziert. Die
Bezeichnung „Hysterie“ wurde aus dem offiziellen Diagnoseschema entfernt, weil
sie zu einer Diffamierung von Frauen seitens der Männer geworden ist. Diese
„Diagnose“ hat einen ganz bestimmten geschichtlichen Hintergrund.
„Hysterie“ geht auf das griechische Wort hystera = Gebärmutter zurück und galt früher als reine
Frauenkrankheit. Die alten Griechen und Römer betrachteten nämlich eine
„ausgetrocknete“ bzw. eine im Körper auf der Suche nach einem Kind
herumwandernde Gebärmutter als Ursache für bestimmte körperliche und psychische
Auffälligkeiten bei Frauen. Nach dem griechischen Ursprungswort hystera benannte Sigmund Freud eine ganze
Gruppe nichtorganischer Störungen als „Hysterie“ oder „hysterische Neurose“ und
sah ihre Ursache sehr einseitig in Sexualkonflikten.
Die Wechselwirkungen
zwischen Körper, Psyche, sozialen, kulturellen und ökonomischen Lebensumständen
äußern sich bei Frauen in der Vergangenheit und in der Gegenwart in
spezifischer Weise. Die weibliche Gesundheit ist zunächst in hohem Maße
bestimmt durch den ungestörten oder gestörten Ablauf physiologischer Prozesse
wie Pubertät, Menstruationszyklus, Schwangerschaft, Geburt, Wochenbettzeit und
Klimakterium. Vorübergehende Befindlichkeitsstörungen wie einige Tage vor der
Menstruation oder in den Wechseljahren sind normale, nicht krankhafte Zustände
und werden erst behandlungsbedürftig durch einen subjektiv sehr hohen Leidensdruck,
durch die Verminderung der Aktivitäten und die Beeinträchtigung der sozialen
oder beruflichen Funktionsfähigkeit.
Neben den
körperlich-biologischen Besonderheiten, den Mechanismen der hormonellen
Steuerung des weiblichen Körpers und der damit verbundenen Veränderungen im
weiblichen Lebenszyklus können sich partnerschaftliche, familiäre, soziale und
gesellschaftliche Umstände krankheitsbegünstigend auswirken. Die Mehrfachbelastung
durch Haushalt, Kinderbetreuung und gleichzeitige Berufstätigkeit stellt einen
erheblichen Risikofaktor für einen vorübergehenden psychophysischen
Erschöpfungszustand oder eine länger dauernde psychiatrische oder
psychosomatische Störung dar – besonders dann, wenn die Unterstützung durch den
Partner fehlt, wenn eine unbefriedigende Arbeitssituation oder ein ausgeprägter
Perfektionismus („Ich muss überall perfekt sein – als Ehefrau, Mutter und
Berufstätige“) vorliegt. Wenn der zugegeben schwierige Spagat gelingt und sich
Beruf und Familie gut und stressfrei vereinbaren lassen, wirkt sich das
natürlich positiv auf die Gesundheit und das Selbstwertgefühl der Frau aus.
Grundsätzlich ist zu
fordern: Bei der Erfassung des Gesundheitszustandes der erwachsenen Bevölkerung
müssen geschlechtsspezifische Aspekte zukünftig umfassender als bisher beachtet
werden. Frauen klagen im Vergleich zu Männern in viel höherem Ausmaß über
psychosomatische Beschwerden wie Schwindel, Kopfschmerzen oder
Magen-Darm-Störungen, entwickeln zwei- bis dreimal häufiger psychische
Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen und nehmen unter den
Essstörungen einen Prozentanteil von 95 % ein. Frauen suchen bei körperlichen
und seelischen Beschwerden rascher und öfter einen Arzt auf, nehmen zweimal
häufiger psychotrope Medikamente wie Beruhigungsmittel, Schlafmittel,
Antidepressiva und Schmerzmittel (dabei wächst mit zunehmendem Alter der Anteil
der Frauen in der jeweiligen Nutzergruppe) ein, sind länger krankgeschrieben,
gehen viel eher in Psychotherapie und begeben sich in größerer Zahl in eine
stationäre psychiatrische oder psychosomatische Behandlung.
Die beiden Geschlechter
unterscheiden sich auch hinsichtlich der Vorstellungen von Gesundheit und
Krankheit: Frauen verfolgen eher ein ganzheitliches Konzept von Gesundheit, in
dem das eigene Körpererleben und das Wohlbefinden unter Einbeziehung der
gesamten Lebenssituation im Mittelpunkt steht, Männer dagegen definieren
Gesundheit vor allem über die Abwesenheit von Krankheit und über ihre
Leistungsfähigkeit. Wegen ihres ganzheitlicheren Verständnisses von Krankheiten
sprechen Frauen in den Arztpraxen auch viel eher als Männer psychosoziale
Belastungssituationen als Hintergrund für chronische Schmerzen an, sodass sie
in größerem Ausmaß Psychopharmaka erhalten als Männer, die dieselben Schmerzen
angeben. Geschlechtsspezifische Unterschiede finden sich auch in der Art der
ärztlichen Diagnosen: Objektiv gleiche Symptome und Beschwerden werden bei
Frauen eher psychosomatisch, bei Männern hingegen eher organisch
diagnostiziert.
Gynäkologische Erkrankungen haben großen Einfluss auf die Lebensqualität
von Frauen. Zu den häufigsten Gesundheitsproblemen zählen die gutartigen Erkrankungen
und Beschwerden der weiblichen Geschlechtsorgane. Frauen werden am häufigsten
wegen Entzündungen an Eierstöcken, Eileitern, Becken oder Zyklusstörungen
krankgeschrieben. Jede zehnte Frau ist von Brustkrebs betroffen – mit den
bekannten einschneidenden Folgen für das weibliche Selbstbewusstsein. Bei Frauen
ist Brustkrebs immer noch die häufigste Krebserkrankung.
Krankheitsbedingte Frühberentungen sind bei Frauen (1,2 %) häufiger als bei
Männern (0,98 %). Als Ursachen für Frühberentungen stehen psychische Störungen
bei Frauen mit 23,7 % an erster Stelle (bei Männern 14 %); erst an zweiter
Stelle folgen mit 15,8 % die Rückenleiden, die bei Männern mit 17,4 % an der
Spitze stehen.
Am Beispiel der Wechseljahre kann man die früher übliche rein biologische
Sichtweise dieses Lebensabschnitts den neueren, stärker psychosozial
orientieren Denkweisen des weiblichen Lebenszyklus gegenüberstellen. Das
Klimakterium beginnt mit der Menopause (letzte spontane Periodenblutung, der
mindestens ein Jahr lang keine Regelblutung mehr folgt). Mit den hormonellen
Veränderungen gehen verschiedene somatische und psychische Symptome einher:
Hitzewallungen, kalte Schweißausbrüche, vaginale Trockenheit, Appetitsteigerung
mit nachfolgendem Übergewicht, Spannungskopfschmerzen, Atemnot,
Stressinkontinenz, Migräne, Schwindel, Schlafstörungen, reduziertes
Selbstvertrauen, Konzentrationsstörungen. Das Hauptsymptom sind Hitzewallungen
mit Schweißausbrüchen, die bei 85 % der Frauen auftreten. Als Folge des
Östrogenmangels kommt es zu Schrumpfung und Trockenheit der Scheide. Im Zuge
dieser körperlichen Veränderungen treten häufig eine sexuelle Lustlosigkeit
und/oder Schmerzen beim Verkehr auf. Im Gegensatz zur früheren Pathologisierung
der Wechseljahre durch die Medizin wird die hormonelle Umstellung heutzutage
als natürliche Phase im Leben der Frau angesehen, die bei genügend Ressourcen
gut bewältigbar ist. Das Menopausen-Syndrom kann durch Veränderungen im
sozialen Umfeld erheblich verstärkt werden. Die häufige Annahme einer hormonell
bedingten Depressionsneigung im Klimakterium („klimakterische Depression“) wird
durch die Forschung nicht bestätigt, vielmehr sind es die sozialen Umbrüche
(Auszug der Kinder, Verlust des Partners durch Scheidung oder Tod), die eine
Depression begünstigen.
Das positive oder
negative Erleben des weiblichen Körpers und der sexuellen Reaktionsabläufe ist
stark geprägt von den Erfahrungen körperlicher und sexueller Gewalt im
Elternhaus oder in der eigenen Familie. 18 % der 16- bis 60-jährigen Frauen
erleben Übergriffe in der Familie, dreimal mehr Mädchen als Jungen sind von
sexueller Gewalt betroffen. Sexuelle und körperliche Gewalt führen häufig zu psychischen
und psychosomatischen Störungen, was trotz des heutzutage besseren Wissens in
der klinischen Praxis noch immer zu wenig beachtet wird.
Das gesellschaftlich
vermittelte weibliche Schlankheitsideal, Erziehungsfaktoren und
Identitätskonflikte vieler Frauen begünstigen Essstörungen, vor allem die weit
verbreitete Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Rund 40 % der jungen Mädchen und Frauen
im Alter zwischen 14 und 19 Jahren fühlen sich zu dick – und damit buchstäblich
in ihrer Haut nicht wohl!
Ein unerfüllter Kinderwunsch oder eine ungewollte Schwangerschaft belasten
auch heute noch viele Frauen, trotz der Möglichkeiten der modernen Medizin. Unfruchtbarkeit
ist bei fast jedem fünften Paar gegeben; sie löst oft eine erhebliche somatopsychische Folgesymptomatik aus, etwa sexuelle Lustlosigkeit oder
depressive Verstimmung. Eine nichtorganisch bedingte Unfruchtbarkeit kann bei
Frauen mit einer stress- oder depressionsbedingten Erhöhung des
Prolaktinspiegels zusammenhängen. Die modernen Methoden der Reproduktionsmedizin
sind zwar einerseits ein Segen, andererseits aber auch eine erhebliche
psychische Belastung für beide Partner. Eine nicht gelungene „künstliche
Befruchtung“ bedeutet eine schwere Enttäuschung für jede Frau, deren Hoffnung
auf ein Kind wenigstens über diesen Weg realisierbar schien. Eine ungewollte
Schwangerschaft ist trotz der zahlreichen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung
für viele Frauen auch heute noch ein relativ großes Risiko dar und wird
insbesondere dann zu einer erheblichen Belastung, wenn der Kindesvater einen
Schwangerschaftsabbruch gegen den Willen der Frau fordert, den sie dann zwar
durchführen lässt, hinterher aber nicht verkraftet.
Der Verlust eines Kindes durch Schwangerschaftsabbruch, Fehlgeburt oder
Totgeburt wird von Frau zu Frau unterschiedlich
verarbeitet und führt oft zu erheblichen Folgeproblemen: bei Fehlgeburten oder
Totgeburten zu depressiven Reaktionen oder späteren Ängsten vor einer
Wiederholung, beim Schwangerschaftsabbruch zu massiven Schuldgefühlen. Bei
Fehlgeburten kommen auch bestimmte psychosoziale Faktoren als Ursache in Frage,
vor allem Stress unterschiedlichster Art (in der Partnerschaft, in der Familie,
im Beruf, in anderen Lebenssituationen) sowie mangelnde soziale Unterstützung
vonseiten der Umwelt. Eine Totgeburt
stellt eine besondere Belastung für eine Frau dar, insbesondere dann, wenn
keine ausreichende soziale Unterstützung vorhanden ist. Betroffene Frauen
reagieren auf eine Totgeburt oft nicht nur mit großer Traurigkeit, sondern mit
starken Scham- und Schuldgefühlen, zweifeln generell an ihrer Fähigkeit, ein
gesundes Kind zur Welt zu bringen und bekommen mitunter Probleme mit ihrer
Identität als Frau.
Die Macht der Psyche über den weiblichen Körper zeigt sich in zwei sehr
erstaunlichen Phänomenen zur Thematik der Schwangerschaft.
Das extrem seltene Phänomen der Scheinschwangerschaft besteht in einer
eingebildeten Gravidität bei unerfülltem Kinderwunsch und äußert sich durch die
gleichen Anzeichen wie eine tatsächliche Schwangerschaft: Amenorrhö,
Gewichtszunahme, absonderliche Appetitwünsche, Übelkeit am Morgen,
Größenzunahme des Bauches (allerdings durch Blähungen, schlaffe Bauchdecke oder
andere Faktoren), Vergrößerung der Brust mit Einschießen von Milch, ja sogar
Wehen und scheinbare Kindsbewegungen. Die psychologischen Hintergründe sind gewöhnlich einfühlbar: Es
besteht entweder ein extrem starker Kinderwunsch, vor allem bei älteren Frauen,
oder die schuldhafte Verarbeitung eines Schwangerschaftsabbruchs, der durch
eine neuerliche Schwangerschaft gleichsam wieder gutgemacht werden soll. Nicht
selten verstärkt auch ein bestimmter psychosozialer und gesellschaftlicher
Hintergrund den Wunsch nach einem Kind.
Der Begriff der verdrängten Schwangerschaft bezeichnet den höchst
ungewöhnlichen Umstand, dass eine Frau eine bestehende Schwangerschaft
überhaupt nicht wahrnimmt und im Extremfall erst durch die Geburt bewusst davon
erfährt. Die Mehrzahl der betroffenen Frauen hat dies durch Umdeutung der
charakteristischen Schwangerschaftssymptome geschafft (z.B. im Sinne von
funktionellen Magen-Darm-Störungen wie etwa Blähungen) oder hat
menstruationsähnliche Blutungen als Beweis fehlender Schwangerschaft
interpretiert. Bei sehr jungen Müttern war oft die Überzeugung vorhanden, in
diesem Alter noch nicht schwanger werden zu können.
Spezifische
Frauenbeschwerden treten nicht selten auch bei verschiedenen psychischen
Störungen auf, vor allem jedoch bei Depressionen mit folgenden typischen
Symptomen: Libidomangel, Frigidität, Scheidenausfluss, Austrocknung der
Vaginalschleimhaut, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Genitalbeschwerden,
Menstruationsbeschwerden bis hin zum Aussetzen der Regel.
Tabelle 10:
Psychosomatisch relevante gynäkologische Beschwerden
|
Funktionelle Störungen |
Nichtorganische Frauenbeschwerden: ·
genitaler
Juckreiz ·
vaginaler
Ausfluss ·
chronische
somatoforme Unterleibsbeschwerden ·
sekundäre
Amenorrhö ·
Dysmenorrhö ·
Schwangerschaftserbrechen |
|
Organisch fundierte Störungen |
Psychosomatisch relevante gynäkologische Erkrankungen und
Operationen: ·
Blutungs- und Zyklusstörungen ·
prämenstruelles
Syndrom ·
vorzeitige
Wehentätigkeit und Frühgeburt ·
Wochenbett-Störungen ·
gynäkologische
Operationen |
Funktionelle Störungen
Genitaler
Juckreiz
Genitaler
Juckreiz ohne organische Ursachen kommt bei etwa 15 % der Frauen vor. Er geht
oft durch das Kratzen in einen brennenden Schmerz über, der vor allem nach dem
Wasserlassen, Geschlechtsverkehr oder der Einführung von Tampons auftritt. Die
Juckreiz- und Schmerzsymptome können das Sexualleben erheblich beeinträchtigen.
Manchmal treten auch chronische Schmerzen im Bereich der äußeren Genitalien auf
(Brennen, Stechen, Reißen, Gefühl von Wund-Sein). Diese Symptome hängen ganz
allgemein mit emotionaler Anspannung zusammen.
Vaginaler
Ausfluss (Fluor vaginalis)
Der vaginale Ausfluss
besteht in einem übermäßigen Ausfluss von unterschiedlicher Farbe, Konsistenz
und Geruch. Bei Ausschluss organischer Ursachen spricht man von einem
psychogenen Ausfluss, der gewöhnlich durch die Aktivierung des sympathischen
Nervensystems als Folge von Belastungen entsteht.
Chronische
Unterleibsbeschwerden bei Frauen (Pelvipathie)
Bei etwa jeder
zehnten Patientin in deutschen Frauenarztpraxen werden chronische
Unterleibsschmerzen diagnostiziert. Von chronischen Unterleibsbeschwerden sind
vorwiegend Frauen zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr betroffen, also
Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter. Die Kennzeichen sind zyklusunabhängige
Schmerzen in Unterleib und Becken, die durch organische Ursachen nicht
(hinreichend) erklärbar sind. Akute Unterleibsbeschwerden gehen dagegen mit
einer Gewebeschädigung einher, das heißt sie haben einen organischen Charakter.
Chronische Unterleibsbeschwerden ohne organischen Befund dauern mindestens
sechs Monate an, treten plötzlich auf oder werden permanent mit schwankender
Intensität wahrgenommen, haben als Leitsymptom drückende, ziehende oder
stechende Schmerzen im Unterleibs- und Lendenwirbelbereich. Sie bestehen aber
meist aus recht diffusen Schmerzen ohne eindeutige Lokalisation (das heißt es
gibt kein Schmerzzentrum) und können das gesamte kleine Becken oder nur
einseitig den Bereich von Eierstock und Eileiter betreffen. Manchmal strahlen
sie auch bis in die Extremitäten aus und weisen Begleitsymptome auf, z.B.
Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schwindel, Kreislauflabilität,
Durchblutungsstörungen (kalte Hände und Füße), Ausfluss, Durchfall,
Verstopfung, Reizdarm, erschwerte und schmerzhafte Harnentleerung, Schmerzen in
der Nähe von Operationsnarben, Veränderungen der Brustdrüsen, sexuelle
Störungen wie Libidomangel und mangelnde genitale Befeuchtung. Müdigkeit und
andere psychovegetative Symptome stehen oft in Verbindung mit psychischen
Störungen, vor allem mit Depressionen, Angstzuständen, posttraumatischen
Belastungsstörungen und hypochondrischen Störungen.
Aus Erklärungsmangel
werden die Schmerzen von Ärzten oft auf Verwachsungen im Bauchraum
zurückgeführt. Frauen mit chronischen Unterleibsbeschwerden haben jedoch nicht
mehr Verwachsungen und leiden auch unter keinen größeren
Menstruationsbeschwerden als andere Frauen. Eventuell nachgewiesene Organbefunde
erklären nicht die ganze Schmerzsymptomatik. Operationen können aufgrund des
Placeboeffekts eine zeitweilige Besserung bringen, beseitigen die Beschwerden
in der Regel jedoch nicht auf Dauer.
Die Ursachen und
Zusammenhänge bei chronischen Unterleibsbeschwerden sind noch weitgehend
unbekannt. Die Betroffenen haben in der Vergangenheit oft körperliche
Misshandlungen und sexuellen Missbrauch erlebt. Chronische Stressfaktoren (Überforderung oder Verlusterlebnisse)
spielen eine zentrale Rolle und beeinflussen die körperliche Befindlichkeit.
Nach neueren Untersuchungsbefunden besteht eine Störung im Stresshormonsystem,
die – entgegen der Erwartung – durch einen erniedrigten Spiegel des
Dauerstresshormons Kortisol charakterisiert ist. Bei chronischen
Unterleibsbeschwerden ohne Organbefund dürfte es sich also nach den bisher
vorliegenden Befunden um eine stressbedingte
Erkrankung (Überlastungssyndrom) handeln, ähnlich wie bei anderen
Schmerzstörungen oder bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Die meisten
Patientinnen haben einen großen Leidensdruck und häufig ein organisches
Erklärungsmodell, sodass sie psychologischen Sichtweisen anfangs oft nur schwer
zugänglich sind.
Die große psychosomatische Bedeutsamkeit des Krankheitsbildes ergibt sich
aus folgenden Zahlen: Unter 5000 Frauen in den USA ist die Symptomatik bei rund
16 % zu finden; 10 % der ambulanten Patientinnen suchen den Frauenarzt wegen
Unterleibsbeschwerden auf; bis zu 40 % der Frauen mit Unterleibsschmerzen haben
keine organische Grundlage; bis zu 90 % der laparoskopierten Patientinnen
weisen keine organische Ursache auf; 20 % aller Laparoskopien und 12 % aller
Gebärmutterentfernungen erfolgen wegen Unterleibsbeschwerden. Oft wird nicht
nur unnötigerweise die Gebärmutter entfernt, sondern auch noch der Blinddarm,
gleichsam nach dem Motto „Was man nicht mehr hat, kann einem nicht mehr
wehtun“. Frauen mit chronischen Unterleibsbeschwerden wurden fast fünfmal so
oft operiert wie Frauen einer Kontrollgruppe.
Sekundäre
Amenorrhö
Unter einer
sekundären Amenorrhö versteht man das vorübergehende, mindestens drei Monate
andauernde Aussetzen der Monatsblutung bei normalem Körpergewicht und
durchschnittlicher körperlicher Belastung. Die sekundäre Amenorrhö kommt bei 1
bis 2 % der Frauen vor und kann durch folgende Umstände bedingt sein: extreme
Belastungssituationen (Krieg, Vergewaltigung, extremer Leistungssport),
psychosoziale Konfliktsituationen (Verlust von Geborgenheit, Sicherheit und
Wärme, Entwurzelung, Ambivalenz gegenüber der eigenen Weiblichkeit) und schwere
seelische Störungen (vor allem Essstörungen, Depressionen und Angststörungen).
Stressfaktoren können zu einer funktionellen Störung des Hypothalamus führen
und über hormonelle Vorgänge eine psychogene Amenorrhö auslösen. Die viel seltenere
primäre Amenorrhö (keine Menstruation bis zum 18. Lebensjahr) ist nur bei einer
Minderheit psychogen bewirkt (z.B. bei einer ausgeprägten Magersucht) und weist
auf eine schwer gestörte psychosexuelle Entwicklung hin.
Dysmenorrhö
Die Dysmenorrhö
bezeichnet eine äußerst schmerzhafte Regelblutung mit krampfartigen, ziehenden
Unterleibsschmerzen, begleitet von Kopfschmerzen, Übelkeit, Rückenschmerzen und
Reizbarkeit. Die Schmerzen setzen meist einige Stunden vor der Regelblutung
ein, nehmen an Intensität zu und klingen nach zwei bis drei Tagen ab. Eine
Dysmenorrhö beginnt meist in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter und
hängt oft mit der beginnenden und noch inadäquaten Funktion der Eierstöcke
zusammen. Eine hormonell bedingte Veränderung der Schmerzempfindungsschwelle
kann ebenfalls eine große Rolle spielen. Die Symptome können durch psychische
Konflikte (emotionale Probleme, Rollenprobleme als junge Frau, Depressivität
und Ängstlichkeit leichteren Ausmaßes) und psychosoziale Belastungsfaktoren
ungünstig beeinflusst werden. Große Belastungen und seelische Spannungen können
über die Hypophyse als oberste Stelle der Hormonsteuerung den gesamten
hormonellen Regelkreis des weiblichen Zyklus durcheinander bringen.
Schwangerschaftserbrechen
Schwangerschaftserbrechen
im ersten Schwangerschaftsdrittel kommt bei 50 bis 70 % aller Schwangeren vor
und geht in schweren Fällen mit Gewichtsverlust, Austrocknung und
Elektrolytstörung einher. Bei verschiedenen Frauen kann die Symptomatik durch
psychische und psychosoziale Ursachen, insbesondere Stress, verstärkt werden.
Organische Störungen
Blutungs- und
Zyklusstörungen
Bei Blutungs- und
Zyklusstörungen ist das komplexe Zusammenspiel zwischen zentralem Nervensystem,
Hypothalamus, Hypophyse und Eierstöcken schwer gestört, wobei auch
psychosoziale Faktoren wie etwa Stress, Erschöpfung oder depressive
Verstimmungen eine Rolle spielen können.
Prämenstruelles
Syndrom
Das
prämenstruelle Syndrom kommt bei 30 bis 40 % der Frauen vor, doch nur 2 bis 10
% leiden unter schweren Beeinträchtigungen. Die Störung, bei der keine endokrinologischen
Veränderungen, wohl aber genetische Komponenten nachweisbar sind, umfasst
zahlreiche seelische und körperliche Beschwerden zwei bis zehn Tage vor der
Menstruation: ein schmerzhaftes Spannungsgefühl in den Brüsten, Bauchkrämpfe,
Unwohlsein, Blähungen, Völlegefühl, verstärkte Ödemneigung durch Wassereinlagerung,
Gewichtszunahme, gesteigerter Appetit, Kopfschmerzen, Kreuz- und
Rückenschmerzen, Schwindel, Schlafstörung, Stimmungsschwankungen, Weinkrämpfe,
Depressionen, Aggressivität und Angst. Entgegen verschiedenen populären
psychoanalytischen Auffassungen (sexuelle oder Rollenprobleme als Ursache)
lassen sich keine spezifischen psychologischen Auslösefaktoren nachweisen,
dagegen bestehen häufig psychosoziale Folgeprobleme wie etwa Partnerprobleme
oder Einschränkungen der sozialen Aktivitäten.
Vorzeitige
Wehentätigkeit und Frühgeburt
Eine vorzeitige
Wehentätigkeit und eine Frühgeburt können mit psychosozialen Faktoren wie etwa
Stress im Beruf oder in der Familie, insbesondere jedoch mit Partnerproblemen
in Verbindung stehen, vor allem wenn gleichzeitig vermehrtes Rauchen als
Bewältigungsstrategie eingesetzt wurde. Verschiedene Forschungsergebnisse
weisen auf deutliche Zusammenhänge zwischen einer Frühgeburt und der aktuellen
Lebenssituation bzw. der Stressverarbeitung hin.
Störungen im
Wochenbett
Im Wochenbett (die
ersten sechs Wochen nach der Geburt) ergibt sich auch bei psychisch gesunden
Frauen oft ein körperlich-emotionaler Schwächezustand, der durch emotionale
Labilität, Weinkrämpfe, allgemeines Schwächegefühl und körperliche Erschöpfung
charakterisiert ist. Bei dafür anfälligen Frauen kann es zu einer
nachgeburtlichen Depression kommen.
Gynäkologische
Operationen
Psychosomatische
(„somatopsychische“) Aspekte sind auch bei gynäkologischen Operationen –
besonders bei einer Krebserkrankung – bedeutsam. Die Entfernung von
symbolträchtigen und bedeutsamen Organen wie Brust, Gebärmutter oder
Eierstöcken und eine Operation im Genitalbereich sind gewöhnlich mit
erheblichen psychischen und psychosozialen Folgeproblemen verbunden. Das
Selbstwertgefühl, die weibliche Identität und Attraktivität werden schwer
beeinträchtigt, auch Partnerschaft und Sexualität leiden häufig darunter. Eine
Entfernung der Gebärmutter sollte daher nur bei Vorliegen einer klaren
medizinischen Indikation erfolgen.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Psychische und
soziale Probleme können Ursache oder Folge zahlreicher Frauenbeschwerden sein.
Die vielfältigen gesellschaftlich bestimmten Aufgaben von Frauen wie etwa
Berufstätigkeit, Haushalt, Kindererziehung und Betreuung kranker oder
pflegebedürftiger Angehöriger führen oft zu Rollenproblemen und
Überlastungsreaktionen. Sie äußern sich in zahlreichen psychischen und
psychovegetativen Beschwerden, vor allem dann, wenn Frauen im Rahmen der
geschlechtsspezifischen Sozialisation kein ausreichendes Selbstbewusstsein
erlangt haben und ihren Selbstwert zu einseitig im Wert für andere sehen
gelernt haben. Zu Überforderung führt oft auch das Bestreben, in allen
Bereichen die bestmögliche Leistung zu erbringen und trotz eines vorübergehenden
beruflichen Ausstiegs wegen der Kinder eine ähnliche Karriere zu erreichen, wie
dies Männern möglich ist.
Die im Vergleich zu Männern größere Rate an Frauen mit Angststörungen,
Depressionen und somatoformen Störungen hängt nicht nur mit deren größerer biologisch-hormoneller
Verwundbarkeit, sondern auch mit psychischen und sozialen Faktoren zusammen.
Frauen reagieren sensibler bei Problemen in der Partnerschaft und in der
Familie und entwickeln in Zusammenhang damit eher als Männer psychische und
psychosomatische Störungen. Frauen haben aufgrund der Sozialisationsbedingungen
und der soziokulturellen Gegebenheiten noch immer nicht die gleichen
Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und sozialen Durchsetzung wie Männer.
Auch ein unzureichendes weibliches Selbstwertgefühl macht anfällig für
verschiedene psychische und psychosomatische Störungen. Der übertrieben hohe
Stellenwert des äußeren Erscheinungsbildes von Frauen in unserer Gesellschaft
fördert körperliches Unwohlsein, wenn die Idealfigur eben nicht vorhanden ist
und trägt zur weiten Verbreitung der Essstörung Bulimie bei.
Therapeutische
Strategien
In der
Psychotherapie bei Frauen mit psychosomatisch relevanten gynäkologischen
Beschwerden wird noch deutlicher, was auch ganz allgemein für den Bereich der
Psychosomatik gilt: Stabile Behandlungserfolge sind nur erreichbar, wenn die
Therapie nicht rein auf die Symptome, sondern auf die ganze Person und deren psychosozialen
Kontext ausgerichtet ist.
Je nach Situation stehen unterschiedliche Ziele im Mittelpunkt einer
psychologisch-psychotherapeutischen Behandlung: Stärkung des weiblichen
Selbstwertgefühls, positives Körpererleben, erfüllendes Sexualleben,
Überprüfung des Rollenverhaltens, bessere Abgrenzung gegenüber anderen
Personen, Bewältigung traumatischer Erfahrungen, Verbesserung der
Partnerbeziehung, Umgestaltung und Neuverteilung der verschiedenen Aufgaben in
Familie, Haushalt und Beruf, Verarbeitung krankheitsbedingt notwendiger
Operationen und sukzessiver Verlusterlebnisse von weiblichen Organen sowie
verschiedener körperlicher und hormoneller Veränderungen im Rahmen des
Lebenszyklus, Bewältigung emotionaler Krisen in Zusammenhang mit
Schwangerschaft, Geburt, Blutungs- und Zyklusstörungen, Unfruchtbarkeit,
künstlicher Befruchtung, Schwangerschaftsabbruch, Empfängnisverhütung und
erheblichen Abweichungen von den gesellschaftlich vermittelten Idealbildern
bezüglich Aussehen, Figur und Gewicht.
Wenn die Ohren dröhnen
„Seht, ich bringe
solches Unheil über diesen Ort, dass jedem, der davon hört, die Ohren klirren.“
Altes Testament, Jeremias, 19,3
Tinnitus – Disco im Ohr
Herr Kramer,
ein 47-jähriger technischer Angestellter, erleidet nach einer längeren
Stressphase einen Hörsturz. Sehr erschrocken bemerkt er am Morgen beim Aufstehen,
dass er auf dem linken Ohr fast nichts hört. Eine durchblutungsfördernde
Infusionstherapie im Krankenhaus bringt rasch eine Besserung. Zurück bleibt ein
sehr lästiger und quälender Tinnitus in Form eines zischenden, extrem lauten
Geräusches auf beiden Ohren. Er spürt einen großen Druck im Kopf, kann sich
nicht konzentrieren, vor allem unter vielen Menschen, meidet bald alle
Geräusche wie Musik, Veranstaltungen und Zusammensein mit Freunden. Herr Kramer
fühlt sich seinen dröhnenden Ohrgeräuschen hilflos ausgeliefert und wird im
Laufe der Zeit immer depressiver. Er hat Angst, bald durchzudrehen oder sich
etwas anzutun, wenn er es nicht mehr aushält. Mit Ausnahme seiner Frau fühlt er
sich von allen anderen Menschen unverstanden, vor allem wenn er zeitweise nicht
zur Arbeit geht oder anstelle des Großraumbüros ein Zimmer für sich allein
wünscht. Zwei weitere stationäre Aufenthalte in anderen Krankenhäusern, wo
Infusionen und Medikamente zur Durchblutungsförderung eingesetzt werden,
bringen keine Besserung. Schließlich setzt er nach zwei Jahren der Frustration
seine letzte Hoffnung auf die Kombination von Tinnitus-Retraining-Therapie bei
einem darauf spezialisierten HNO-Arzt und Verhaltenstherapie bei einem psychologischen
Psychotherapeuten.
„Sich taub stellen“: Ohren und Psyche
Über die Ohren
bekommen wir alle relevanten Informationen aus der Umwelt. Die Schallwellen
eines Tones oder Geräusches treffen über den äußeren Gehörgang auf das
Trommelfell, das so in Schwingungen versetzt wird. Diese werden auf die
Gehörknöchelchen des Mittelohres und anschließend über eine Membran zum
Innenohr übertragen. Das Innenohr sieht aus wie eine Schnecke und ist mit
Flüssigkeit gefüllt. Sie wird in Wellen versetzt und umspült die feinen Härchen
der Sinneszellen, die ihrerseits jetzt einen elektrischen Impuls über den
Hörnerv in die zuständigen Zentren des Gehirns weiterleiten. Hier werden die
Impulse erkannt und in eine bewusste Wahrnehmung übersetzt: Man hört das Schreien
eines Kindes oder die Musik eines bekannten Stückes.
Wenn wir Geräusche zu leise oder fast unhörbar empfinden, leiden wir unter
Schwerhörigkeit; wenn wir Geräusche zu laut erleben, leiden wir unter einer
Gehörüberempfindlichkeit; wenn die Geräusche nicht von außen, sondern von
innen, aus dem Ohr selbst, kommen, plagt uns ein sehr belastender Tinnitus.
Wir können uns an übermäßigen Lärm nicht gewöhnen, sondern langfristig
gesehen nur Schaden nehmen, weil die empfindlichen Sinneshaarzellen dabei absterben.
Lärm wird anhand der Lautstärke in Dezibel (dB) gemessen. Ein Wert über 85 dB
bei einer Einwirkzeit von acht Stunden täglich über mehrere Jahre hinweg gilt
als gesundheitsschädlich.
Lärm bedeutet einen Dauerstress für unseren Körper, denn er hält ihn durch
die Ausschüttung von Stresshormonen in ständiger Alarmbereitschaft. Herz und
Kreislauf werden aktiviert, die Verdauungstätigkeit gehemmt, das Immunsystem
beeinträchtigt. Lärm stört den Schlaf und beeinträchtigt die geistige Leistungsfähigkeit, weil die Konzentrationsfähigkeit darunter leidet.
Schlimmstenfalls kann es zu Depressionen und Tinnitus (krankhaften
Ohrgeräuschen) kommen. Besonders lärmempfindlich reagieren Schwangere, Kinder,
alte Menschen und Kranke.
Viele Menschen benutzen Lärm als Droge; sie suchen geradezu die
aufputschende Wirkung der Stresshormone und den Alarmzustand des Körpers. Man
kann aber auch Lärm machen, um Angst abzuwehren, beunruhigende Stille zu
vermeiden oder das Selbstbewusstsein durch Lautstärke zu steigern.
Mit den Ohren stehen wir in Dauerkontakt mit der Umwelt; man kann die Augen
verschließen, die Ohren aber nicht – außer mit technischen Hilfsmitteln. Das
Hören von Musik oder der Stimme eines geliebten Menschen löst Emotionen aus.
Musik im Takt unseres Herzschlags wirkt beruhigend.
Die engen Zusammenhänge zwischen den Ohren und der Psyche bzw. dem
zwischenmenschlichen Verhalten zeigen sich in vielen Redewendungen: Wir sind
ganz Ohr, haben für jemand ein offenes Ohr, schenken jemandem Gehör. Wir
möchten um Gehör bitten, zu Gehör kommen und etwas zu Gehör bringen. Entweder
finden wir leicht Gehör oder wir müssen uns erst Gehör verschaffen – oder wir
sagen einfach: „Hören Sie!“. Wir können die Ohren spitzen, nur mit halbem Ohr
zuhören oder uns die Ohren zustopfen. Mitunter sind wir auf einem Ohr taub oder
lassen etwas zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinausgehen. Manchmal
vergeht uns Hören und Sehen und wir lassen die Ohren hängen. Oft haben wir viel
um die Ohren, liegt uns jemand in den Ohren und jammert uns geradezu die Ohren
voll.
Subjektive Beeinträchtigungen im Gehörbereich kommen bei verschiedenen
psychischen Erkrankungen vor, insbesondere bei Depressionen, Angststörungen und
somatoformen Störungen. Depressive klagen öfter über folgende Beschwerden:
Druckgefühl auf beiden Ohren, Ohrengeräusche (Klingeln, Sausen), Schmerzen, Geräuschempfindlichkeit,
Verminderung des Hörvermögens ohne organischen Befund, verstärkt bei
vorliegender Schwerhörigkeit.
Tabelle 11:
Psychosomatisch relevante Ohrenbeschwerden
|
Funktionelle Störungen |
Dissoziative Störungen: ·
psychogene
Taubheit oder Schwerhörigkeit |
|
Organisch fundierte Störungen |
Psychosomatisch relevante
Ohrerkrankungen: ·
Tinnitus ·
Hörsturz ·
erhöhte
Lärmempfindlichkeit ·
Schwerhörigkeit ·
Drehschwindel ·
Menière-Krankheit |
Funktionelle Störungen
Dissoziative
Hörstörungen
Die sehr
seltenen Phänomene der psychogenen Hörstörungen (dissoziative Taubheit oder
Schwerhörigkeit) werden heute als dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen
bezeichnet und zu den dissoziativen Störungen (Konversionsstörungen) gezählt;
es liegt ein aktueller Konflikt als Auslöser vor.
Eine dissoziative Hörstörung kann auf einem oder beiden Ohren auftreten und
äußert sich als teilweiser oder totaler Hörverlust. Sie verhalten sich dabei
völlig anders als Patienten mit organischer Hörverschlechterung: Sie fixieren
im Gespräch nicht die Lippen des Gegenübers, wenden ihm nicht das gesunde Ohr
zu und beginnen auch nicht, selbst lauter zu sprechen. Die Störung kann
situativ variieren (Hörstörung in Test- und Beobachtungssituationen, fehlende
Beeinträchtigung in unbeobachteten und ungezwungenen Gesprächssituationen).
Organische Störungen
Tinnitus
Unter Tinnitus
(vom Lateinischen tinnire = klingen) versteht
man subjektive Ohrgeräusche ohne äußeres Schallereignis, die folgendermaßen
beschrieben werden können: Pfeifen, Brausen, Zischen, Rauschen, Piepsen,
Läuten, Knistern, Hämmern, Dröhnen, Klirren, Knacken, Surren, Summen oder
Brummen in einem oder beiden Ohren oder im Kopf. Die Lautstärke und die
Lautzusammensetzung variieren, am häufigsten besteht ein hochfrequentes
pfeifendes Geräusch. Sehr quälend ist dabei das Gefühl, den Ohrgeräuschen
hilflos ausgeliefert zu sein und nichts dagegen unternehmen zu können.
Erfahrungsgemäß wiegen die Auswirkungen für die Betroffenen oft schwerer als
der Tinnitus selbst.
Immer mehr Menschen klagen über Tinnitus, derzeit leiden 4 % der
Bevölkerung darunter, davon 1 % erheblich. 10 bis 15 % der Erwachsenen leiden
gelegentlich, öfter oder dauerhaft unter störenden Ohrgeräuschen. Etwa 0,5 %
der Erwachsenen sind aufgrund von Ohrgeräuschen nicht mehr in der Lage, ein
normales Leben zu führen. Die Wahrscheinlichkeit, an Tinnitus zu erkranken,
steigt mit dem Alter, obwohl die Symptomatik auch schon bei Kindern und
Jugendlichen auftritt, bei denen das erhöhte Krankheitsrisiko mit hoher
Lärmbelastung durch Disco und Walkman zusammenhängt.
Der Tinnitus kann akut oder chronisch sein, oft erfolgt eine
Spontanremission. Beim akuten Tinnitus, der weniger als drei Monate andauert,
besteht eine Durchblutungsstörung des Innenohres. Durch die gestörte
Mikrozirkulation des Blutes bleibt der periphere Hörapparat sauerstoffmäßig
unterversorgt und die inneren Haarzellen werden geschädigt. Abhilfe schaffen
demgemäß durchblutungsfördernde Mittel.
Beim chronischen Tinnitus, das heißt bei Ohrgeräuschen, die bereits länger
als drei Monate bestehen, ist eine derartige Infusionstherapie nicht mehr
sinnvoll. Hier spielt die Art der Verarbeitung des Tinnitus eine wesentlich
größere Rolle. Wenn die Betroffenen damit gut zurechtkommen, spricht man von
einem kompensierten Tinnitus. Die übrigen Patienten mit einem so genannten
dekompensierten Tinnitus benötigen neben der medizinischen Therapie eine Behandlung,
in der auch die psychischen Verarbeitungsmuster und verschiedene psychosozialen
Aspekte berücksichtigt werden müssen. Die permanenten Ohrgeräusche, der
Hörverlust im Hochtonbereich und die Übersensibilität gegenüber Geräuschen
führen zu einem immensen Leidensdruck mit zahlreichen psychischen,
psychosomatischen und sozialen Beeinträchtigungen: Schlafstörungen,
Depressivität, Hilflosigkeit und Kontrollverlust bezüglich des Tinnitus,
Nervosität, Ängstlichkeit, allgemeine Reizbarkeit, ständige Anspannung,
Konzentrationsstörungen, Spannungskopfschmerzen, Magenschmerzen, akustische
Überflutung, Überforderung durch Stimmen und Geräusche unter vielen Menschen
mit daraus resultierendem sozialen Rückzug. Durch eine psychische Störung wie
eine Depression oder eine Angststörung kann ein kompensierter und wenig
beachteter Tinnitus akut dekompensieren. Ein Tinnitus kommt oft auch bei
Patienten mit somatoformen Störungen wie etwa anhaltenden somatoformen
Schmerzstörungen vor.
80 % der Tinnitus-Patienten leiden auch unter einer Hörstörung, die auf
einer Innenohrschwerhörigkeit beruht. Viele der berichteten Beschwerden hängen
dann nicht primär mit dem Tinnitus, sondern mit der begleitenden Hörstörung
zusammen. Das reduzierte Sprachverstehen besonders im Gespräch mit mehreren
Personen verstärkt den sozialen Rückzug und könnte öfter durch ein Hörgerät
verbessert werden.
Viele Tinnitus-Patienten leiden auch unter Verspannungen im
Kiefergelenksbereich (bis hin zu nächtlichem Zähneknirschen) sowie im Hals-,
Nacken- und Schulterbereich, sodass eine gezielte Entspannung der
entsprechenden Muskulatur lindernd wirkt. Bei einem dekompensierten Tinnitus
erfolgt keine Gewöhnung, das heißt keine Toleranzentwicklung. Die
Aufmerksamkeit bleibt ständig auf die Geräusche gerichtet, die als bedrohlich
interpretiert werden; das erklärt die ständige psychische und körperliche
Anspannung. Gerade hier setzen psychologische Therapiemaßnahmen an: Die
störenden Ohrgeräusche sollen durch bestimmte Techniken zur Umlenkung der
Aufmerksamkeit besser ertragen gelernt werden. Tinnitus-Patienten mit hohen und
niedrigen Beeinträchtigungsgefühlen unterscheiden sich voneinander dadurch, wie
sie die Störung bewältigen und welche Strategien sie dabei anwenden.
Hörsturz
Unter Hörsturz
versteht man eine akute, meist einseitige Hörminderung in der
Gehörgangsschnecke, der knöchernen (Innenohr-)Schnecke im Schläfenbein. Die
Störung kommt bei etwa 20 von 100.000 Menschen vor und ist im Steigen
begriffen. Der Grad der Hörstörung reicht von leichter Hörminderung bis zur
völligen Taubheit, die allerdings nur selten auftritt. Meist sind hohe und
mittlere Frequenzen betroffen. Ein Hörsturz erfolgt meistens bei völliger
Gesundheit aus heiterem Himmel, rund die Hälfte der Betroffenen bemerkt ihn
nach dem morgendlichen Erwachen.
Als häufigstes Begleitsymptom tritt bei 70 bis 80 % der Betroffenen ein
belastender Tinnitus auf, daneben auch ein Druckgefühl im Ohr, Schwindel,
Gleichgewichtsstörungen und Kopfschmerzen mit Übelkeit. Die unmittelbaren
Ursachen liegen wahrscheinlich in einer verminderten Durchblutung und
infolgedessen in einer Sauerstoffunterversorgung der Sinneshaarzellen. Ein
Hörsturz kann völlig ausheilen, während ein Tinnitus häufig chronifiziert.
Erhöhte
Lärmempfindlichkeit (Hyperakusis)
Die so genannte
Hyperakusis bezeichnet den Umstand, dass Signale von bereits geringer
Intensität als zu laut und/oder unangenehm wahrgenommen werden. Die
Betroffenen, die an sich ein normales Gehör aufweisen, erleben schon Geräusche
wie das Rauschen einer Klimaanlage oder das Umblättern einer Zeitung, ja sogar
ihre eigene Stimme als störend bis quälend.
Eine Hyperakusis tritt oft zusammen mit einem Tinnitus einseitig (43 %)
oder beidseitig (53 %) auf, und zwar oft erst Wochen oder Monate nach dem
akuten Tinnitus; sie kann aber auch ohne Tinnitus vorkommen. Manchmal führt
eine jahrelang bestehende Hyperakusis langsam zu einem Tinnitus. Die Störung
ist auch beidseitig nach einem einseitigen Trauma wie einem Hörsturz möglich.
Schwerhörigkeit
Schwerhörigkeit
ist die häufigste Berufskrankheit. Jeder zweite Rentner leidet unter einer
Hörminderung, 2 % der Schulkinder sind auf beiden Ohren schwerhörig. Bedenklich
ist vor allem der Anstieg von Gehörschäden in der jugendlichen Bevölkerung. 28
% aller 20-Jährigen leiden in Deutschland unter einem Hörverlust von mindestens
25 Dezibel, überwiegend bedingt durch laute Musik aus Walkman, CD-Player und
Discolautsprechern.
Die Schwerhörigkeit ist in psychosomatischer Hinsicht bedeutsam, weil sie
mit zahlreichen psychischen, psychosozialen und psychovegetativen
Folgeproblemen in Verbindung steht. Die Betroffenen leiden unter Nervosität,
Reizbarkeit, Unruhe, Kopfschmerzen, verminderter Belastbarkeit,
Kontaktschwierigkeiten, sozialem Rückzug und Vereinsamung, depressiver
Verstimmung und Verlust des Selbstvertrauens, manchmal auch unter paranoiden
Fehldeutungen.
Drehschwindel
Beim typischen
Vertigo mit Drehschwindel, dem so genannten peripher-vestibulären Schwindel
(wie er durch eine Innenohrlähmung bewirkt wird), berichten die Betroffenen
über eine Scheinbewegung der eigenen Person oder der Umwelt sowie von
vegetativen Beschwerden wie Übelkeit, Brechreiz, Blässe und kaltem Schweiß.
Menière-Krankheit
Bei der Menière-Krankheit kommt es zu Anfällen von plötzlich auftretendem Drehschwindel mit Übelkeit bis zum
Erbrechen, die ohne erkennbaren Anlass zu jeder Tages- und Nachtzeit auftreten
können. Sie dauern minuten- bis stundenlang an und wiederholen sich in
unterschiedlich großen Abständen. Das Schwindelgefühl kann so stark ausgeprägt
sein, dass der Patient nicht mehr allein stehen kann. Zusätzlich besteht ein
zeitweise auftretender Hörverlust, verbunden mit Tinnitus und einem Druckgefühl
im betroffenen Ohr. Der auftretende
Tinnitus ist tieftonfrequent und wird während eines Anfalls stärker. Die Kankheitsursache
liegt in einem Stau der Lymphflüssigkeit im Ohr mit der Folge eines steigenden
Flüssigkeitspegels. Entweder wird zu viel Flüssigkeit produziert oder zu wenig
abgebaut.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Bei dissoziativen
Hörstörungen meinen Psychoanalytiker: Unbewusst wollen die Betroffenen „etwas
nicht hören“.
Beim Tinnitus können chronischer Stress und Depressionen als
krankheitsauslösend oder -verstärkend angesehen werden, vor allem jedoch zeigen
sich häufig psychische und psychosoziale Folgestörungen wie Hilflosigkeits- und
Kontrollverlustgefühle, Depressionen, Schlafstörungen, Kommunikationsstörungen,
sozialer Rückzug und Angstzustände. Eine Arbeitsunfähigkeit resultiert oft aus
der Konzentrationsstörung, der verwirrenden akustischen Reizüberflutung unter
vielen Menschen und der Erschöpfung nach längerer äußerer Lärmbelästigung.
Ein Hörsturz wird oft durch
chronische Überlastungen, aktuelle Konfliktsituationen und einen ständigen
emotionalen Spannungszustand ausgelöst. Häufig kommt zu einem
Dauerstresszustand noch ein schicksalhaftes Ereignis (Unfall, Todesfall,
Erkrankung) hinzu, das den Hörsturz begünstigt. Die Zusammenhänge zwischen
Hörsturz und Stress sind leicht nachvollziehbar: Bei Stress wird vermehrt das
Stresshormon Kortisol ausgeschüttet, das die Blutgefäße
verengt und die Fließeigenschaften des Bluts verschlechtert; das Blut wird
dicker und kann sogar gerinnen. In den kleinen Gefäßen des Innenohres kann es
so zum Gefäßverschluss kommen – und damit zum Hörsturz, der nichts anderes als
ein Infarkt des Innenohres ist. Als Folge davon wird die Sauerstoffzufuhr zu
den im Innenohr sitzenden, hoch empfindlichen Sinneszellen unterbrochen.
Die Menière-Krankheit führt im Laufe der Zeit zu
einer erheblichen psychosozialen Beeinträchtigung. Die Betroffenen ziehen sich
aus Angst vor einem Schwindelanfall in der Öffentlichkeit immer mehr zurück und
bekommen nicht selten Angststörungen und Depressionen.
Therapeutische
Strategien
Beim
chronischen Tinnitus und bei der Menière-Krankheit
stehen nicht die Heilung, sondern die Verbesserung der Lebensqualität und die
Unterbrechung des Vermeidungsverhaltens (Vermeidung von Geräuschen, sozialen
Kontakten und Aktivitäten) im Vordergrund der Therapie.
Für die psychologisch-psychotherapeutische Behandlung von Tinnitus ist die
gegenwärtige Auffassung maßgeblich, dass es sich dabei letztlich um ein Geschehen
im Gehirn und nicht im Ohr handelt. Aus dieser Sicht sind psychologische
Maßnahmen zum erfolgreicheren Umgang damit sowie zur besseren Bewältigung symptomverstärkender
Stressfaktoren dringend notwendig und zwar vor allem bei der chronischen,
bislang unheilbaren Variante der Störung. Viele Experten sind der Meinung, dass
es sich beim chronischen Tinnitus letztlich um eine somatoforme Störung handle,
da eventuell vorhandene Organbefunde (leichte Lärmschädigung, Halswirbelsäulenverspannungen
oder Gefäßverengungen) das Störungsausmaß nicht vollständig erklären können. In
der Therapie soll der eskalierende Teufelskreis von Aufmerksamkeitszuwendung,
negativer Bewertung der Geräusche, verstärkter Stressreaktion und
Tinnitus-Verschlimmerung unterbrochen werden.
Reine Entspannungsübungen sind bei Tinnitus wenig wirkungsvoll, hilfreicher
sind dagegen so genannte multimodale Bewältigungsstrategien. Sie führen zwar
nicht zur Beseitigung, wohl aber zur besseren Bewältigung der Symptomatik und
damit zu einer höheren Lebensqualität. Diese Strategien sind auch bei
Hyperakusis wirkungsvoll:
1.
Informationsphase (Psychoedukation). Umfassende Informationen über den
gegenwärtigen Stand der Erforschung und Behandlung des Tinnitus sollen die oft
schon sehr resignierten Patienten zu nichtmedikamentösen Therapieversuchen
ermutigen, wenn alle medizinischen bislang gescheitert sind. Die Betroffenen müssen,
damit sie bei subjektiv lautem Tinnitus nicht gleich in Panik zu geraten,
lernen, was in diesem Moment in ihrem Kopf geschieht. Sie sollen zu der neuen
Erfahrung ermutigt werden, dass sie sich an den Tinnitus in ähnlicher Weise
gewöhnen können wie Menschen an den Lärm einer nahen Autobahn, indem sie sich
mit anderen Dingen beschäftigen.
2.
Entspannungstechniken. Entspannungsverfahren und selbsthypnotische
Techniken fallen anfangs oft recht schwer, weil sie durch die Ruhe und die
Zuwendung auf den Körper auch den aufdringlichen Tinnitus in Erinnerung
bringen, können aber im späteren Verlauf dennoch nützlich und hilfreich sein.
3.
Umlenkung der Aufmerksamkeit. Die Betroffenen lernen, durch
Vorstellungsübungen ihre Aufmerksamkeit auf angenehme Inhalte zu richten, um
ihren Tinnitus besser auszublenden. Emotionszentrierte und nichtsprachliche
Techniken wie Gestaltungstherapie und Körpertherapie verbessern die Fähigkeit
der Aufmerksamkeitslenkung.
4.
Expositionstraining. Betroffene neigen dazu, äußere Geräuschquellen wie
Straßenlärm, Konzerte oder Gespräche möglichst zu vermeiden, was die Überempfindlichkeit
noch verstärkt. Eine langsame, dosierte Gewöhnung an Alltagsgeräusche muss
regelrecht trainiert werden, um sich auch in diesen Situationen wieder häufiger
aufhalten zu können und eine bessere Entspannung zu erreichen. Durch eine
dosierte Konfrontation mit der Umwelt erfolgt auch wieder ein Aufbau von Aktivitäten,
deren Nachlassen häufig eine depressive Reaktion begünstigt hat.
5.
Änderung der Denkmuster (kognitive Therapie). Ungünstige Denkmuster
(„Tinnitus ist ein Vorbote des Schlaganfalls“, „Ich bin nichts wert, wenn ich
so weiterleben muss“) sowie ständig überfordernde Einstellungen („Ich muss
perfekt sein, um die Kontrolle nicht zu verlieren“) müssen analysiert und
geändert werden; dadurch wird der Therapieprozess oft hilfreich unterstützt.
6.
Tinnitus-Retraining. Das ist eine relativ neue Methode des Umlenkens der
Aufmerksamkeit: Ein kleines Gerät im Ohr („Rauschgenerator“ oder „Noiser“
genannt) gibt Geräusche ab, die eine Spur leiser eingestellt sind als der
Tinnitus und damit eine Desensibilisierung (Gewöhnung) des Gehörs ermöglichen.
Es gibt aber auch einfachere Möglichkeiten: Dauerbeschallung durch
Hintergrundmusik, einen Zimmerspringbrunnen oder durch eine CD mit
Wassergeräuschen lenkt ebenso vom Tinnitus ab. Hier sollten jedoch die von
außen kommenden Geräusche den Tinnitus nicht überdröhnen, weil sonst kein
Anreiz zur Gewöhnung besteht.
Beim Hörsturz
können psychologische Stressbewältigungs- und Entspannnungstherapien dazu
beitragen, einen neuerlichen Hörsturz zu vermeiden. Eventuell bleibende Folgen
des Hörsturzes können ein Tinnitus-Bewältigungstraining erforderlich machen.
Bei der Menière-Krankheit liegen die Ansatzpunkte
für eine psychosomatische Behandlung in den vorausgegangenen Stressphasen, in
einer meist sehr leistungsorientierten Persönlichkeitsstruktur und in der hohen
Erwartungsangst bezüglich eines nächsten Anfalls.
Wenn Nase, Hals und
Stimme leiden
„Die Stimme eines
Menschen ist sein zweites Gesicht.“
Globusgefühl – ständiges Engegefühl im Hals
Herr Winter,
ein 39-jähriger Softwaretechniker in einer großen Firma, leidet seit einigen Monaten
unter einem ständigen Engegefühl im Hals, das man am besten als Zuschnüren der
Kehle beschreiben kann. Er glaubt oft, er könne beim Essen keinen größeren
Bissen schlucken, weil ihm dieser im Hals stecken bleiben würde. Tatsächlich
taucht dieser unangenehme Zustand aber ausschließlich beim Leerschlucken ohne
Essen auf. Nicht nur bei Tisch, sondern auch überall sonst ist Herr Winter
stets mit einer Flasche Mineralwasser zu sehen, weil er damit am schnellsten
seine Mundtrockenheit und sein Gefühl, ständig schlucken zu müssen, beseitigen
kann.
Nach einer organischen
Ausschlussdiagnostik wird in der Psychotherapie der relevante psychosoziale
Hintergrund bald offenbar: Herr Winter steht beruflich unter einem enormen
Stress; vor allem belastet ihn das Gefühl, am falschen Platz eingesetzt zu
sein. Vor einem Jahr wurde er von der Programmentwicklung in den technischen
Verkauf überstellt, wo er sich aber überhaupt nicht wohl fühlt. Er möchte am
liebsten kündigen, weil er sich unterqualifiziert fühlt, hat aber Angst davor,
anderswo nicht jenes Lohnniveau und jene Arbeitsplatzsicherheit zu erreichen,
wie er dies bisher gewohnt war.
„Etwas schnürt die Kehle zu“: Hals, Nase, Stimme und
Psyche
Die Nase ist
das Organ des Geruchssinns und der Beginn der Atemwege. Von allen Sinnesorganen
ist der Geruchssinn stammesgeschichtlich der älteste. Wir können die Augen
schließen und die Ohren verstopfen, aber Gerüchen können wir uns nicht
entziehen. Weil wir atmen müssen, müssen wir auch riechen, was an guten und
schlechten Düften in uns einströmt. Die einströmende Luft passiert die
Riechschleimhaut in der Nasenhöhle, wo Millionen von Sinneszellen auf feinen
Härchen die Duftmoleküle einfangen und als elektrische Impulse an das Riechhirn
weiterleiten. Geruchsinformationen gelangen zuerst direkt in das limbische
System des Gehirns und lösen dort unmittelbar Gefühlsreaktionen aus. Gerüche
bewirken stark gefühlsbetonte Sinneseindrücke; deren lust- oder unlustbetonter
Charakter wird auch im Gesichtsausdruck und im Verhalten durch Schnüffeln,
Naserümpfen u.ä. sichtbar. Gerüche können anregen, beruhigen, erfrischen oder
ekeln. Bestimmte Körpergerüche wirken anziehend oder abstoßend, sind Auslöser
für Sympathie oder Antipathie und beeinflussen damit erheblich unsere
Sozialbeziehungen. Frauen haben gewöhnlich, zumindest in der Schwangerschaft,
einen empfindlicheren Geruchssinn als Männer. Gerüche aktivieren nicht nur
Emotionen, sondern auch Erinnerungen, sodass wir uns bei bestimmten Gerüchen
sofort in bestimmte angenehme oder unangenehme Situationen zurückversetzt
fühlen. Seelische Probleme in Verbindung mit dem Geruchssinn ergeben sich am
häufigsten als Folge traumatischer Erfahrungen, wo etwa ein Brandgeruch bei
einem Unfall immer wieder ungewollt erinnert wird, wie dies bei der so genannten
posttraumatischen Belastungsstörung der Fall ist.
Der Hals umfasst den Rachen, den Anfangsteil der Speiseröhre und den
Kehlkopf mit dem obersten Abschnitt der Luftröhre. Im Inneren des Kehlkopfes
befinden sich die Stimmbänder. Der Kehlkopf und die Stimmbänder bilden den
wichtigsten Teil des Sprechapparates.
Der Stimmapparat ist das komplizierteste motorische System des ganzen
Körpers. An der Entstehung unserer Stimme sind an die hundert Muskeln und
mehrere Organe beteiligt: das Zwerchfell und die Lunge, der Kehlkopf mit den
Stimmlippen in der Mitte sowie der Mund-, Nasen und Rachenraum. Ein Ton
entsteht dadurch, dass die Ausatemluft durch den Kehlkopf streicht und die
Stimmlippen zum Schwingen bringt. Eine gesunde Stimme beruht auf dem optimalen
Zusammenspiel von Atmung, regelmäßigem Schwingungsverhalten der Stimmlippen,
Körperspannung, Körperhaltung und psychischer Befindlichkeit. Die Stimme als
physikalisches Phänomen besteht aus 100 bis 1000 Schwingung der Stimmlippen pro
Sekunde. Jeder Mensch besitzt eine einmalige Stimme und kann daher leicht
identifiziert werden.
Die Stimme ist Ausdruck der Befindlichkeit des ganzen Menschen. Die Stimme
ist tiefer bei Entspannung, höher bei Anspannung, überschlägt sich bei Erregung
und bebt bei hoher emotionaler Anspannung. Freude äußert sich in einer gut
modulierten, volltönenden Stimme, Trauer hingegen in einer brüchigen, eher
monotonen Stimme. Die Stimme einer Person ist das Barometer ihrer Stimmung. Der Stimmklang eines Menschen ist ein
Gradmesser dafür, wie sehr er aus seiner Mitte heraus spricht und singt oder ob
er unter Druck steht und körperlich bzw. psychisch geschwächt ist.
Die Stimme ist das wichtigste Kontaktorgan zur Umwelt und ermöglicht Dialog
und Beziehung. Stimmstörungen sind primär Kommunikationsstörungen und kein
isoliertes Problem des Kehlkopfes oder des Stimmapparates. Seelische
Belastungen können sich auf die Stimmbänder auswirken und dazu führen, dass das
Zusammenspiel von Atmung, Stimme und Artikulation gestört wird. Ständige
Heiserkeit oder große Anstrengung beim Sprechen können Ausdruck tieferer
persönlicher Probleme sein.
Unsere Befindlichkeit kommt in Redewendungen zum Ausdruck, die mit den
Bereichen Hals, Nase und Stimme zu tun haben.
Mitunter sind wir hochnäsig, verschnupft oder stinkt uns etwas. Wenn uns
etwas nicht passt, rümpfen wir die Nase oder wir haben die Nase gestrichen
voll. Manchmal haben wir einen guten Riecher oder werden wir von anderen an der
Nase herumgeführt. Oft beschnuppern wir jemanden ausgiebig, können ihn aber gar
nicht riechen. Wenn wir überall unsere Nase hineinstecken, können wir auch
einmal auf die Nase fallen. Anderen sehen wir etwas sofort an der Nasenspitze
an – oder wir müssen es ihnen aus der Nase ziehen.
Manchmal haben wir einen Frosch oder Kloß im Hals, bleibt uns das Lachen,
ein Wort oder ein Bissen im Hals stecken. Dann wieder schreien wir uns den Hals
aus, platzt uns der Kragen, bekommen wir einen dicken Hals oder hängt uns etwas
zum Hals heraus. Oft halsen wir uns etwas auf, das uns den Hals kosten kann,
aber im letzten Moment ziehen wir unseren Hals aus der Schlinge. Mitunter haben
wir etwas auf dem Hals, das wir uns mühsam von Hals schaffen müssen, oder wir
möchten uns jemanden vom Hals halten, der uns am liebsten um den Hals fallen
würde. Wir recken öfter den Hals und können den Hals nicht voll genug kriegen.
Wir sprechen öfter aus voller Kehle oder schreien uns die Kehle aus dem
Hals, doch ab und zu schnürt es uns die Kehle zu. Wir können jemandem in die
falsche Kehle geraten oder jemandem das Messer an die Kehle ansetzen.
Manchmal verschlägt es uns die Sprache oder bleibt uns die Spucke weg. Wir
sprechen im Brustton der Überzeugung und wollen den Ton angeben. Manchmal
bringen wir keinen Ton heraus; wir können dann keinen einzigen Ton von uns
geben. Wir pflegen einen „guten Ton“ oder vergreifen uns manchmal im Ton. Der
Ton macht die Musik!
Störungen in den Bereichen Hals, Nase und Stimme kommen auch bei
verschiedenen psychischen Störungen vor. Angstpatienten leiden häufig unter
einem Globusgefühl. Funktionelle Stimmstörungen findet man insbesondere bei
depressiven Patienten, die häufig eine sehr leise und kraftlose Stimme haben.
Tabelle 12: Psychosomatisch relevante Störungen in den Bereichen Nase, Hals
und Stimme
|
Funktionelle Störungen |
Nichtorganische Störungen: ·
somatoformes
Globusgefühl ·
dissoziative
Riechstörung ·
vasomotorische
Rhinopathie ·
dissoziative
Stimmstörungen |
|
Organisch fundierte Störungen |
Psychosomatisch relevante Störung: ·
allergische
Rhinopathie (Heuschnupfen) |
Funktionelle Störungen
Somatoformes
Globusgefühl
Das
nichtorganische Globusgefühl wurde bereits bei den somatoformen
Oberbauchbeschwerden unter den funktionellen Störungen der Speiseröhre
besprochen, wird jedoch auch hier erwähnt, weil es im HNO-Bereich eine der
häufigsten Missempfindungen darstellt. Im internationalen Diagnoseschema wird
die Symptomatik zu den „sonstigen somatoformen Störungen“ gezählt, die nicht
durch das autonome Nervensystem vermittelt werden und zudem auf bestimmte
Systeme oder Körperteile begrenzt sind.
Unter einem Globus pharyngeus versteht man umgangssprachlich ein Zuschnüren
der Kehle oder einen „Kloß im Hals“. Genauer definiert ist es ein Fremdkörpergefühl
im Rachen (pharynx = Schlund,
Rachen), bedingt durch eine Verspannung der Schluck- und Halsmuskulatur. Dabei
gibt es auch enge Zusammenhänge mit einer reflektorisch hervorgerufenen
Verspannung der Halswirbelsäule. Neben dem Fremdkörpergefühl, das durch
häufiges Schlucken oder Wassertrinken zu beseitigen versucht wird, bestehen weitere
unangenehme Gefühle wie Kratzen, Brennen oder Schmerzen. Häufig treten
derartige Missempfindungen im Rachen auch bei funktionellen Stimmstörungen auf,
vergleichbar einem Muskelkater nach übermäßiger Muskelanstrengung.
Dissoziative
Riechstörung
Die extrem
seltenen psychogenen Riechstörungen (Geruchlosigkeit oder
Geruchüberempfindlichkeit) werden als dissoziative Sensibilitäts- und
Empfindungsstörungen bezeichnet und den dissoziativen Störungen oder
Konversionsstörungen zugeordnet; hier gilt es, einen aktuellen Konflikt als
Auslöser herauszufinden.
Vasomotorische
Rhinopathie
Die wichtigste
funktionelle Störung im Bereich der Nase ist die so genannte
hyperreflektorische oder vasomotorische Rhinopathie, die durch unspezifische
Reize ausgelöst wird. Dabei wird wässriger Schleim (Rhinorrhö) abgesondert, oft
verbunden mit einem krampfhaften Niesanfall, dazu kommt das Gefühl einer
verstopften Nase und der verminderten Geruchsempfindung. In ähnlicher Weise
kann eine regelmäßig verstopfte Nase mit ständigem Schniefen die Reaktion auf
emotionellen Stress sein, besonders wenn das Immunsystem aufgrund andauernder
Überforderung allgemein geschwächt ist.
Dissoziative
Stimmstörungen
Funktionelle Stimmstörungen
sind nichtorganische Beeinträchtigungen der Stimme, die zu den dissoziativen
Bewegungsstörungen zählen. Sie beruhen auf einer mangelnden Koordination im
Bewegungsablauf des Sprechapparats, die zu einer gestörten Funktion bei der
Stimmgebung führen. Stimmstörungen treten vor allem bei Menschen in
„Sprechberufen“ wie etwa Lehrern, Kindergärtnerinnen oder Verkäuferinnen auf.
Dissoziative Stimmstörungen können durch Erwartungsängste bezüglich des
öffentlichen Versagens der Stimme verstärkt werden. Andererseits kann aber auch
eine organische Stimmstörung zu psychosozialen Problemen führen und
Versagensängste in sozialen Situationen begünstigen.
Man unterscheidet dissoziative Aphonien und Dysphonien, die ohne Behandlung zu
Veränderungen des Kehlkopfs führen können.
Eine dissoziative Aphonie
ist der plötzliche Verlust der Stimme
für einige Stunden bis mehrere Tage. Die Stimme ist völlig tonlos, der
Betroffene kann nur noch flüstern. Die Störung kann immer wieder auftreten.
Funktionelle Dysphonien sind Stimmstörungen mit
einer Veränderung des Klanges und der Leistungsfähigkeit der Stimme, aber ohne
primär organische Veränderungen der Stimmlippen. Die Betroffenen leiden unter
Heiserkeit, Stimmschwäche, Räusperzwang, Missempfindungen wie Brennen, Trockenheit,
Schmerzen, Druck- und Spannungsgefühlen. Emotionale Faktoren beeinträchtigen
den Stimmeinsatz, die Klangfarbe und die Tonhöhe. Es besteht ein enger
Zusammenhang mit der individuellen Verarbeitung von Emotionen, inneren
Konflikten, Überforderung und Aspekten der Stimmbelastung.
Die Symptome entwickeln sich oft schleichend, bei mehr als der Hälfte nach
einem grippalen Infekt oder einer Infektion im Mund- und Halsbereich und
wechseln situativ in Intensität und Ausprägung. Oft bestehen auch psychische
Symptome (Erschöpfungsgefühle, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit und soziale
Unsicherheit).
Man unterscheidet zwei Arten von Dysphonien: ein „Zuwenig“ und ein „Zuviel“
an Stimme. Eine hypofunktionelle Dysphonie zeigt sich in einer leisen,
gehauchten Stimme, einer geringen Modulation, nur oberflächlicher Atmung und
ungenügendem Öffnen des Mundes und kommt häufig bei Menschen mit
Erschöpfungszuständen und Depressionen vor. Eine hyperfunktionelle Dysphonie
weist folgende Merkmale auf: zu laute, zu hohe, raue, mitunter kippende Stimme,
harte bis knarrende Stimmeinsätze, schlechte Vokalausformung, Neigung zur
Verkrampfung des Kehlkopfeinganges; die Stimme klingt gepresst, gequält,
stöhnend und ächzend, die Artikulation ist mühsam, die Atmung zu schnell. In beiden
Fällen sind Krafteinsatz und Stimmtechnik unökonomisch.
Organische Störungen
Allergische
Rhinopathie
Brennende
Augen, laufende Nase und gereizte Bronchien sind die bekannten Symptome des so
genannten „Heuschnupfens“. An einer derartigen allergischen Rhinopathie, die
man im Falle von chronischem Stress aufseiten der Betroffenen durchaus unter
psychosomatischen Aspekten im engeren Sinne betrachten kann, leiden 10 bis 20 %
der Bevölkerung. Es handelt sich dabei um eine allergische Entzündung der
Nasenschleimhaut (z.B. durch Pollen, Hausstaub oder Tierhaare) mit den Symptomen
Juckreiz, Verstopfung der Nase, Fließschnupfen, Niesreiz, nasaler Stimme,
Störungen des Geruchs- und Geschmacksempfindens, Entzündung der Nasennebenhöhlen
und Abgeschlagenheit. Heuschnupfen plagt immer mehr Menschen: Jeder fünfte
Erwachsene ist davon betroffen – die Tendenz ist stark steigend.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Stress und
psychosoziale Belastungsfaktoren gelten als Auslöser oder Verstärker von funktionellen
sowie organischen Beeinträchtigungen im Bereich von Nase, Kehle und Stimme.
Ein somatoformes Globusgefühl kann Ausdruck von inneren Konflikten,
Überforderung, Stress, Angst, Depressionen, Hilflosigkeits- und
Ohnmachtsgefühlen sein. Bei Aufregung und Stress trocknet der Hals aus, sodass
die Betroffenen ständig Räuspern und Hüsteln müssen. Durch diese ständige
Aufmerksamkeitszuwendung auf den Halsbereich wird die Symptomatik unnötig
verstärkt und fixiert.
Die Überreaktion der Nasenschleimhaut kann sowohl bei einer vasomotorischen
Rhinopathie als auch bei einer allergischen Rhinopathie durch heftige Emotionen
und Stress verstärkt werden, der das Immunsystem schwächt. Bei
Beziehungskonflikten, Ängsten und Depressionen genügen oft bereits wenige Pollen,
um die Symptomatik auszulösen.
Dissoziative Stimmstörungen hängen oft mit inneren Anspannungen zusammen,
mit psychischen Konflikten, sozialer Unsicherheit, Angst, depressiven
Zuständen, Stress und Überforderung in der Familie oder im Beruf. Ein weiterer
Grund liegt im falschen Gebrauch der Stimme, vor allem in Sprechberufen wie
Telefonistinnen, Verkäuferinnen oder Lehrern, sodass es zur Überforderung der
Stimmbänder kommt. Bei Menschen in Sprechberufen sowie bei Sängern und
Schauspielern wird der psychosoziale Stress zusätzlich verstärkt durch die
verständliche Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes. Traumatisierende
Erlebnisse wie Unfälle, sexuelle und körperliche Gewalt können zu einem totalen
Verlust der Stimme führen – nach dem Motto „Ich will mit dieser Welt nicht mehr
kommunizieren“. Stimmstörungen können auch durch emotional bedingtes falsches
Atmen entstehen.
Therapeutische
Strategien
Beim
Globusgefühl sowie bei Stimmstörungen sind Techniken zur richtigen Atmung sehr
hilfreich, um vor allem die Entspannung in der Ausatmungsphase zu intensivieren.
Bei funktionellen Störungen der Nase können Atemtechniken die Atmung durch die
Nase statt durch den Mund fördern, denn die Mundatmung gewährleistet keine
adäquate Lufterwärmung und -befeuchtung. Bei dissoziativen Geruchsstörungen
können dadurch möglicherweise wieder Geruchsempfindungen angeregt werden.
Bei funktionellen Stimmstörungen ist vor allem auch eine logopädische
Behandlung wichtig, wobei jedoch eine ganzheitliche Sichtweise in Hinblick auf
die emotionale und psychosoziale Befindlichkeit von entscheidender Bedeutung
ist. Arbeit an der Stimme ist immer Arbeit an der ganzen Person. Reine Laut-
und Stimmübungen werden nicht den gewünschten Effekt erbringen. Grundsätzlich
gilt: Vorrangig müssen die hinter den verschiedenen HNO-Symptomen stehenden
inneren Konflikte und äußeren Belastungssituationen erkannt und bewältigt
werden.
Wenn der Stress ins Auge geht
„Das Auge ist der Punkt, in welchem Seele und Körper sich vermischen.“
Christian Friedrich Hebbel
Verminderte Sehleistung – trüber Blick durch Verspannung
und Depression
Herr Maurer,
ein 37-jähriger technischer Angestellter, kann plötzlich seinen Beruf nicht
mehr ausüben, weil er seit zwei Monaten unter unerklärlichen Sehstörungen leidet.
Mehrere Augenärzte können keine körperlichen Ursachen für seine Doppelbilder,
den trüben Blick und das plötzlich eingeschränkte Gesichtsfeld finden. Seit einem
Jahr geht es seiner Firma sehr schlecht, sodass er die Kündigung befürchtet.
Große Probleme gibt es auch privat: Seine Frau droht mit der Scheidung, weil
sie während seiner häufigen Auslandsaufenthalte einen anderen Partner kennen
gelernt hat. Bei gleichzeitiger Berücksichtigung anderer Beschwerden wie
rascher Ermüdbarkeit, Lustlosigkeit, Appetitmangel, Durchschlaf- und
Konzentrationsstörung ergibt sich das Bild einer reaktiv-depressiven
Symptomatik.
„Die Augen vor etwas verschließen“: Augen und Psyche
Das Auge nimmt das Licht wie eine Kamera auf und leitet die durch die Linse
gebeugten Lichtstrahlen zu einer empfindlichen Oberfläche, der Netzhaut. Der
Zustand der Linse (abgeflacht oder gewölbt) bestimmt die Art der Lichtbrechung
und damit die Nah- oder Fernsicht. Die Pupille ist die Öffnung in der
Regenbogenhaut, die sich wie eine automatisch arbeitende Blende je nach
Lichteinfall öffnet und schließt, das heißt sich erweitert oder verengt. Hinter
der Linse befindet sich der Augapfel, der mit einer durchsichtigen
gallertartigen Substanz gefüllt ist, dem Glaskörper, an dessen Rückseite die
Netzhaut liegt. Die Netzhaut ist das natürliche Gegenstück zu einem
fotografischen Film. Sie besteht aus drei Schichten von Nervenzellen mit
Lichtrezeptoren an der Außenseite. Die Nervenimpulse werden dann an das Gehirn
zur Verarbeitung weitergeleitet. Rund 80 % aller Sinneseindrücke nehmen wir
über die Augen wahr.
Zwischen den Augen und dem
Gehirn besteht eine enge anatomische Verbindung, denn die Netzhaut und der
Sehnerv sind – entwicklungsgeschichtlich gesehen – Teile des Gehirns, die in
das Auge vorgelagert sind. Dies macht es verständlich, dass Seheindrücke
unmittelbar Gefühlsreaktionen auslösen wie etwa Weinen bei einem Film. Wenn wir
die Augen schließen, bewegt sie das Gehirn unbewusst weiter. Je mehr Erlebnisse
wir im Unterbewusstsein verarbeiten, umso intensiver werden die
Augenbewegungen.
Bei Angst und emotionaler
Erregung bewirkt das sympathische Nervensystem eine Erweiterung der Pupillen,
um mehr Licht durchzulassen; dadurch werden die Augen lichtempfindlicher und
das Sehfeld erweitert. Eine vergrößerte Pupille, vergleichbar einer größeren
Blende beim Fotoapparat, verringert die Schärfentiefe und erhöht damit die
Möglichkeit, unterschiedliche Entfernungen besser voneinander zu unterscheiden.
Dadurch können bedrohliche Objekte besser wahrgenommen werden.
Bei Stress, Aufregung oder Angst
haben viele Menschen das Gefühl, nahe Dinge nicht gut zu sehen. Dieses Phänomen
wird durch das sympathische Nervensystem hervorgerufen: Die Augenlinsen werden
bei Stress abgeflacht und besitzen infolgedessen eine geringere Brechkraft bzw.
größere Brennweite. Der Sinn dahinter ist: Bei Gefahr ist gute Fernsicht
möglicherweise überlebensnotwendig; die Nahsicht ist jedoch beeinträchtigt,
weil sie in dieser Situation nicht von so elementarer Bedeutung ist.
Augenprobleme treten heutzutage oft durch eine Tätigkeit am Computer auf.
Die dauernde Scharfstellung der Linse auf Nahsicht, die für die Arbeit am
Bildschirm notwendig ist, bedeutet für die Augen eine große Anstrengung. Bis zu
40 % der Beschäftigten klagen über müde, brennende oder tränende Augen während
der Computerarbeit. Gerötete Augen sind keine Erkrankung des Sehapparates,
sondern Ausdruck der starken Beanspruchung durch den stundenlangen Blick auf
den Monitor. Die Augen haben zu wenig Tränenflüssigkeit oder die
Zusammensetzung des Tränenfilms stimmt nicht mehr. Es kommt zu trockenen Augen
– rote Augen sind die Folge davon. Ein Drittel der Internet-Surfer klagen über
schlechter gewordene Sehleistung. 60 % von ihnen legten bis zu einer Dioptrie
zu, 31 % bis zu drei und 9,5 % lagen sogar über diesem Wert.
In den Augen spiegelt sich, wie
Goethe es so schön formuliert hat, „von außen die Welt und von innen der
Mensch“. Unsere Augen sind das „Fenster zur Außenwelt“: Mit den Augen erkennen
wir die Welt, schaffen wir uns ein Bild von unserer Umwelt, treten wir in
Kontakt mit anderen Menschen und stellen wir eine intensive Beziehung zu
bestimmten Personen wie dem Partner her. Das Auge ist also ein wichtiges
Kommunikationsorgan. Wer die Augen stets senkt, gilt als schüchtern oder
selbstunsicher. Wer einen anderen so anschaut, dass sich dieser „durchbohrt“
fühlt, wird als zudringlich erlebt.
Unsere Augen bzw. unser Blick können warm, hart, offen, ausdruckslos, in
sich gekehrt, gütig, durchdringend, bohrend, verschlingend, treuherzig, feurig,
kühl, abweisend, verzweifelt, ängstlich, starr vor Schreck, weit aufgerissen
vor Angst und Panik, verklärt, glänzend, strahlend oder glanzlos sein. Wir
können – im übertragenen Sinne – umsichtig, weitsichtig, kurzsichtig oder blind
sein. In unserem Blick können andere Menschen unsere Gefühle und Stimmungen
ablesen – die Augen sind ein Spiegel unserer Seele; sie bringen auch unsere
„Sichtweisen“ im umfassendsten Sinn zum Ausdruck. Diese Aspekte spiegeln sich
in zahlreichen Redewendungen wider: Ein Blick sagt mehr als tausend Worte, ganz
Auge und Ohr sein, etwas ins Auge fassen, sich etwas vor Augen halten, mit
etwas liebäugeln, der Wahrheit ins Auge sehen, die Augen vor etwas
verschließen, etwas kann ins Auge gehen, den eigenen Augen nicht trauen, etwas
springt ins Auge, ein Auge zudrücken, etwas mit einem lachenden und einem
weinenden Auge sehen, mit einem blauen Auge davon kommen, mit offenen Augen
durch die Welt gehen, etwas mit neuen oder anderen Augen sehen, etwas ist eine Augenwischerei,
Scheuklappen aufsetzen, etwas hüten wie den eigenen Augapfel, etwas aufs Auge
gedrückt bekommen, Sand in die Augen streuen, ein Dorn im Auge sein. Es war
Liebe auf den ersten Blick, etwas ist aus den Augen, aus dem Sinn. Wir sagen
auch, jemand ist mit Blindheit geschlagen, wenn er etwas nicht sieht oder nicht
sehen will.
Im Bereich der psychischen Störungen treten vor allem bei Depressionen
folgende Augenprobleme auf: angebliche Kurzsichtigkeit, Klagen über falsche oder
nicht ausreichende Sehkorrekturen, chronische Entzündung der vorderen
Augenabschnitte, schlechtes Sehen ohne objektiven Befund, Lichtempfindlichkeit,
Doppelbilder.
Tabelle 13:
Psychosomatisch relevante Augenprobleme
|
Funktionelle Störungen |
Dissoziative Sehstörungen: ·
Verlust der
Sehschärfe ·
Verschwommensehen ·
Doppelbilder ·
Gesichtsfeldausfälle ·
visuelle
Überempfindlichkeit |
|
Organisch fundierte Störungen |
Psychosomatisch relevante
Augenerkrankungen: ·
Glaukom (Grüner
Star) ·
Uveitis ·
Retinopathia centralis
serosa ·
Heteropathie |
Funktionelle Störungen
Was die Seele
stresst, kann auch das Auge trüben. Die Augen sind das Kommunikationsorgan schlechthin; psychosoziale Probleme können sich
daher in Form einer Sehstörung ausdrücken. Die funktionellen oder psychogenen,
nunmehr dissoziativ genannten Sehstörungen bestehen in einem Verlust oder
Teilverlust des Sehvermögens oder im Gegenteil, nämlich in einer visuellen
Überempfindlichkeit. Es handelt sich um Konversionsstörungen mit spezifischen
psychischen Auslösern (bestimmten Konfliktsituationen oder großen Belastungen)
und einem bestimmten Symbolgehalt.
Dissoziative Sehstörungen äußern sich häufig im Verlust der Sehschärfe
eines oder beider Augen, in der Abnahme der Tiefenschärfe, im Wahrnehmen von Doppelbildern,
in Gesichtsfeldausfällen, im Verschwommensehen oder „Tunnelsehen“
(röhrenförmiges Sehen), in Nachtblindheit, in einer erhöhten
Blendungsempfindlichkeit oder im gestörten Farbensehen. In sehr seltenen Fällen
besteht eine ein- oder beidseitige Blindheit, eine völlige Blindheit ist jedoch
extrem selten. Typisch sind auch Störungen der Konvergenzreaktion, das heißt
des Nahsehens, sowie manchmal auch Konvergenzspasmen, die keine Einstellung der
Sehfähigkeit auf nah und fern ermöglichen. Eine funktionelle Muskelverspannung
im Augenbereich verstärkt oft das Gefühl der Sehunschärfe oder des
Doppeltsehens. Trotz der Klagen über den Sehverlust können sich die Betroffenen
oft überraschend gut orientieren und bewegen. Die Störung tritt oft plötzlich
auf und steht mit bestimmten psychischen oder psychosozialen Problemen in
Verbindung.
Organische Störungen
Organisch
bedingte Sehstörungen mit psychischen und psychosozialen Komponenten sind
häufiger als bisher angenommen wurde. Zumindest bei einigen Augenkrankheiten
wird immer wieder auf psychosomatische Aspekte hingewiesen, obwohl dazu noch
keine ausreichenden wissenschaftlichen Befunde vorliegen. Sogar Kurzsichtigkeit
bis zu eineinhalb Dioptrien kann mit seelischen Belastungen zusammenhängen,
eine eitrige Bindehautentzündung kann auf eine schlechte allgemeine Immunlage
hinweisen.
Glaukom
Glaukom (Grüner
Star) ist eine chronische Augenkrankheit. Dabei ist der Augeninnendruck
überhöht – die Folgen: Der im Auge liegende Glaskörper wird auf die Netzhaut
gedrückt und der empfindliche Sehnerv gequetscht. Zudem beeinträchtigt der
erhöhte Druck auch die Blutversorgung des Sehnervs – dann drohen ihm irreparable
Schäden bis zur Erblindung. Neben der
Senkung des erhöhten Augeninnendruckes ist von den Behandlern auch auf eine
Verbesserung der Durchblutung des hinteren Augenabschnittes zu achten, da diese
bei einem Teil der Betroffenen deutlich vermindert ist.
Uveitis
Uveitis leitet sich
von Uvea (Netzhaut) ab; diese umfasst die Regenbogenhaut, den so genannten
Strahlenkörper und die Aderhaut. Bei der Uveitis sind all diese Bereiche
entzündet, oft auf beiden Augen. Die häufigsten Beschwerden bei einer plötzlich
auftretenden Erkrankung sind: starke Augenrötung, vermehrter Tränenfluss,
gesteigertes Blendempfinden, Verschwommensehen, stechende Augenschmerzen. Bei
chronischer Symptomatik treten eine allmähliche Sehverschlechterung und ein
immer dichter werdender Schleier auf.
Retinopathia
centralis serosa
Diese
nichtentzündliche Netzhauterkrankung vorwiegend im mittleren Lebensalter
besteht in einer Schwellung des Netzhautzentrums. Es kommt zu einer Flüssigkeitsansammlung
unter der Netzhaut im Bereich des schärfsten Sehens. Nachweisbar ist ein Defekt
in einer bestimmten Netzhautschicht, dem Pigmentepithel, durch den die
Flüssigkeit sickert. Oft bessert sich die Sehschärfe von alleine.
Heteropathie
Heteropathie
ist eine Neigung zum Schielen, also eine vorübergehende Abweichung von der Normalstellung
der Augen. In bestimmten Situationen mit geminderter Fusionskraft (Ermüdung,
fieberhafter Erkrankung, Nervosität, Alkoholeinfluss) zeigen sich auch weitere
Symptome wie Kopf- und Augenschmerzen, Brennen und insbesondere Doppeltsehen.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Menschen mit
dissoziativen Sehstörungen wollen laut Psychoanalyse „etwas nicht sehen“.
Dissoziative Sehstörungen drücken gewöhnlich eine massive Überforderung aus
oder spiegeln ein Problem wider, das mit einer aktuellen oder schon länger
andauernden Krisensituation in Verbindung steht.
Das Sehen im Alltagsleben wird heutzutage durch die zahlreichen, visuell
anstrengenden Tätigkeiten beeinträchtigt, z.B. ständiges Arbeiten am Computer,
stundenlanges Fernsehen, Autofahren oder Arbeiten unter dem Mikroskop.
Nichtorganische Augenprobleme hängen häufig mit Stress im weitesten Sinne
zusammen. Mindestens eine von drei Beschwerden über Augendruck (Kopfschmerzen,
trockene Bindehaut, generelle Augenbelastungen) entsteht nach einer
Untersuchung bei Bankangestellten durch psychosoziale Belastungen am
Arbeitsplatz. Ein großer Teil der häufigsten Beschwerden über Augenbelastungen
(gereizte Netzhaut, wunde, juckende und „schwere“ Augen, verminderte Sehschärfe
und Doppelsichtigkeit während und nach der Arbeit) ist psychischen Ursprungs
und beruht weniger auf physischen Ursachen.
Manchmal handelt es sich bei psychogenen Augenstörungen um die Folgen einer
extrem traumatisierenden Lebenssituation wie etwa Kriegserlebnissen. So resultierte
eine anhaltende Erblindung bei einer Gruppe schwer Traumatisierter aus dem
Umstand, dass diese überaus lange und intensiv geweint hatten.
Organische Funktionen des Auges wie Sehschärfe, Beweglichkeit des
Augapfels, Farbensehen und Gesichtsfeldwahrnehmung unterliegen Schwankungen,
die durch die psychische Befindlichkeit bestimmt sind. Organische Sehstörungen
hängen oft mit lang andauerndem Stress oder schwer verkraftbaren
Lebensveränderungen wie Scheidung, Tod des Partners oder beruflichen Fehlschlägen
zusammen – der Stress bewirkt einen erhöhten Augeninnendruck,
Muskelverspannungen und in der Folge eine Durchblutungsstörung des Auges.
Nach neueren Erkenntnissen kann Dauerstress sogar zum Glaukom führen.
Glaukom-Patienten reagieren sehr empfindlich auf jede Form von Stress. Bei der
Uveitis lassen sich mehrheitlich keine organischen Ursachen finden, sodass von
einer Autoimmunerkrankung auszugehen ist, die durch Stress und belastende
Lebensumstände verstärkt wird. Eine nichtentzündliche Netzhauterkrankung
(Retinopathia centralis serosa) ist häufig bedingt durch psychischen,
insbesondere beruflichen Stress.
Therapeutische
Aspekte
Für
dissoziative Sehstörungen gibt es – wohl aufgrund der Seltenheit – kein
bewährtes Standardprogramm, es ist stets der konkrete Einzelfall zu beachten,
der ein individuelles Vorgehen erfordert. Ein reines Entspannungstraining wird
kaum den gewünschten Erfolg bringen, weshalb eine
psychologisch-psychotherapeutische Behandlung zur Beseitigung der zugrunde
liegenden Konflikte notwendig ist.
Bei Überanstrengung und Übermüdung der Augen, etwa durch stundenlange
Computerarbeit, kann ein Sehtraining hilfreich sein. Dadurch lässt sich die
Anspannung vor allem des inneren Augenmuskels, des Ziliarmuskels, vermindern.
Bei den vielerorts angepriesenen Sehtrainings mit dem Ziel, Kurzsichtigkeit zu
reduzieren, ist Vorsicht angebracht. Eine
anatomisch bedingte Fehlsichtigkeit lässt sich nicht so einfach wegtrainieren.
Bei organischen Sehstörungen mit psychischen und psychosozialen Komponenten sollte unbedingt das Stressausmaß gesenkt werden. Nach neuen Erkenntnissen kann durch Autogenes Training oder Hypnose der Augeninnendruck (Glaukom) gesenkt werden. Bei Sehstörungen, die zur Erblindung führen, kann wegen der psychischen und psychosozialen Folgeerscheinungen wie etwa Depressionen, Berufsunfähigkeit oder soziale Isolierung eine psychologisch-psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein, um eine bessere Krankheitsbewältigung zu erreichen.
Wenn die Zähne knirschen oder schmerzen
„Da wird sein Heulen und Zähneklappern.“
Neues
Testament, Matthäus, 8,12
Bruxismus – der nächtliche Horror
Julia, eine 17-jährige Schülerin, knirscht seit einigen Jahren in der Nacht
so heftig mit den Zähnen, dass die oberen Frontzähne bereits ganz abgeschliffen
sind. Ihre Zähne mahlen nachts aufeinander wie Mühlsteine, am Morgen ist sie
ganz erschöpft und klagt über Kopfschmerzen. Sie selbst bemerkt im Schlaf
nichts davon – im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester, die davon regelmäßig
wach wird. Auch tagsüber presst Julia ihre Zähne oft unabsichtlich und
unbemerkt so fest aneinander, dass sie Schmerzen im Bereich der Kaumuskulatur
bekommt. Eine Aufbiss-Schiene als Schutz für die Zähne in der Nacht verhindert
zwar das Ärgste, löst aber nicht das Grundproblem der chronischen Verspannung
bis in den Schlaf hinein. Bei jeder Art von Stress – etwa vor Prüfungen – und
seelischen Problemen wie etwa Liebeskummer wird das Knirschen ärger. Schließlich
lässt sich Julia von der Sinnhaftigkeit einer
psychologisch-psychotherapeutischen Behandlung überzeugen und beginnt, sich mit
den Problemen „dahinter“ auseinander zu setzen.
„Sich die Zähne ausbeißen“: Zähne und Psyche
Die Mundhöhle
ist der Ort verschiedener Tätigkeiten wie Kauen, Beißen, Saugen oder Schlucken.
Die Zähne haben eine Werkzeugfunktion, indem sie die Kau- und Sprachfähigkeit
ermöglichen, können aber auch als Waffe verwendet und als Schmuck gesehen
werden.
Der Mund und die Zähne sind zentrale Bereiche für die Wahrnehmung und den
Ausdruck von Emotionen. Die Affekte können mimisch ausgedrückt werden durch
Lächeln und attraktiv-sympathisches Zähne-Zeigen, durch aggressives
Zähne-Zeigen, Zähne-Knirschen, Kiefer-Zusammenpressen oder Lippen-Beißen. Der
Mund-, Wangen- und Zahnbereich ist von einem dichten Nervengeflecht durchzogen,
das Schmerz als hilfreiches Warnsignal ermöglichen soll, gleichzeitig ist damit
aber auch eine besondere Schmerzempfindlichkeit gegeben.
Zwischen dem Kauapparat und der Seele bestehen engere Beziehungen, als
allgemein angenommen wird. Bei Stress beißen viele Menschen buchstäblich die
Zähne zusammen.
Der Zusammenhang zwischen den Zähnen und der emotionalen Befindlichkeit
kommt in zahlreichen Redewendungen zum Ausdruck: mit den Zähnen knirschen oder
klappern, jemandem die Zähne zeigen, jemandem auf den Zahn fühlen, jemand zum
Fressen gern haben, die Zähne zusammenbeißen, sich durchbeißen, sich die Zähne
ausbeißen, sich in etwas verbeißen, verbissen an etwas arbeiten, an Problemen
herumkauen, an etwas schwer zu knabbern haben, etwas mit Zähnen und Klauen
verteidigen, auf Granit beißen, etwas zähneknirschend ertragen, auf dem
Zahnfleisch gehen, in den sauren Apfel beißen. Statt des Mottos „Auge um Auge,
Zahn um Zahn“ sollten wir diesen Spruch beherzigen: „Lächeln ist die
eleganteste Art, seinem Gegner die Zähne zu zeigen“.
Zahnprobleme können auch bei psychischen Erkrankungen auftreten, am
häufigsten bei Depressionen und Angststörungen, da die Betroffenen im
Kieferbereich meist chronisch verspannt sind. Depressive haben trotz
unauffälliger Befunde oft Zahnschmerzen oder klagen über einen schlecht
sitzenden Zahnersatz trotz mehrfach überprüfter Prothese. Zahnprobleme können
auch im Rahmen einer Dysmorphophobie „erfunden“ werden und zwar im Sinne einer
vermeintlichen Entstellung durch hässliche Zähne. Psychiatrische Patienten
haben auch gehäuft parodontale Entzündungen, Karies, Prothesenunverträglichkeit
und weiter unten beschriebene Parafunktionsschmerzsyndrome.
Bei Kindern und Jugendlichen hat anhaltendes Daumenlutschen zur
Spannungsreduktion im Laufe der Zeit erhebliche kieferorthopädische Probleme
zur Folge. Bei einer notwendigen Zahnregulierung ergibt sich noch eine weitere
Gefahr: Durch eine Zahnspange werden die Zähne etwas nach hinten gedrückt,
durch ständiges Lutschen am Daumen und an den Fingern dagegen nach vorn
gezogen, sodass die Zähne wackelig werden können, wenn das Daumenlutschen nicht
beendet wird.
Ein bedeutsamer psychischer Aspekt bei der Zahnbehandlung
ist die weit verbreitete Angst vor dem Zahnarzt, die in leichterer bis
mittlerer Form bei 75 % der Bevölkerung zu finden ist. Die krankhafte Form wird
heute richtigerweise Zahnbehandlungsangst (Oralophobie) genannt. Rund 15 % der
Bevölkerung leiden darunter und gehen deshalb nur unter großen Ängsten oder
überhaupt nicht zum Zahnarzt. Es ergibt sich ein Teufelskreis: Aus Angst vor
Schmerzen werden alle zahnärztlichen Kontrollen gemieden, was im Laufe der Zeit
zu kaputten Zähnen und damit erst recht zu großen Problemen und schlimmen
Schmerzen führt.
Tabelle 14: Psychosomatisch relevante Zahnprobleme
|
Funktionelle Störungen |
Nichtorganische Störungen: ·
dentale
Parafunktionen: Bruxismus (Zähneknirschen) ·
schmerzhafte Muskelverspannungen
im Kiefer- und Gesichtsbereich (Myoarthropathie bzw. craniomandibuläres
Schmerz-Dysfunktionssyndrom) ·
Mundschleimhautbrennen
bzw. Zungenbrennen ·
Amalgam bezogene
Beschwerden |
|
Organisch fundierte Störungen |
Psychosomatisch relevante Zahnerkrankungen: ·
nichtentzündliche
Zahnbetterkrankungen (Parodontitis) ·
Prothesenprobleme
(psychische Folgen von Zahnverlust und Prothesen) |
Funktionelle Störungen
Bruxismus
Die
nichtorganischen Funktionsstörungen im Mund- und Kieferbereich werden dentale
Parafunktionen genannt. Es handelt sich dabei um Phänomene wie Knirschen,
Mahlen und Pressen mit den Zähnen, Einsaugen der Wangen zwischen die Zähne und
Drücken der Zunge gegen die eigenen Zähne oder Teile des Zahnersatzes. Ein
entspannter Mensch hat täglich normalerweise maximal 10 Minuten pro Tag
Zahnkontakt, bei Stress erhöht sich dieser um ein Vielfaches.
Langfristig kommt es zu erheblichen Beeinträchtigungen, die oft erst
später, wenn Schmerzen auftreten, zur Behandlung führen:
·
Folgeschäden an den Zähnen:
abgeschliffene Zahnflächen mit der Folge von verkürzten Zahnkronen, also von
Substanzverlusten im Bereich des Zahnschmelzes (bekannt als „Abradierungen“ der
Zähne), Risse im Zahnschmelz, abgebrochene Ecken, Defekte am Zahnhals (Bereich
zwischen Krone und Wurzel), Sensibilisierung der Wurzel und des Zahnnervs mit
der Folge von kariesähnlichen Schmerzen oder extremer
Temperaturempfindlichkeit.
·
Folgeschäden am
Zahnhalteapparat: Beeinträchtigung des Zahnbeins, Zahnlockerungen und
-wanderungen sowie lockere Füllungen mit der Gefahr des Zahnausfalls.
·
Folgeschäden in der
Muskulatur: Entzündungen, Gewebeveränderungen, Koordinationsstörungen im
Bewegungsablauf und Druckschmerzen beim Kauen sind oft Folge der ständigen
Muskelverspannung und der damit einhergehenden Störung der Gewebedurchblutung
und des Stoffwechsels.
·
Folgeschäden in den
Kiefergelenken: Bewegungseinschränkungen des Unterkiefers, erschwerte
Mundöffnung, Gelenkgeräusche, Stellungsveränderungen und deformierende
Kiefergelenksveränderungen als Folge der hohen Druck- und Zugbelastung.
·
Folgeschäden an der
Mundschleimhaut und der Zunge: Verletzungen und Veränderungen der
Mundschleimhaut und der Zunge als Folge der anhaltenden Bewegungen von Zunge
und Wangen sowie des ständigen Beißens mit den Zähnen in das Gewebe.
·
Schmerzen: Kiefer- und
Gesichtsschmerzen, ausstrahlende Schmerzen in den Nacken-, Schulter-, Schläfen-
und Ohrenbereich mit der Folge von Kopfschmerzen, Migräne oder Tinnitus,
schmerzhafte Mundöffnung.
Zähneknirschen ist
die bekannteste Form der Parafunktionen. Darunter versteht man eine
Überschussaktivität des Kausystems, die sich als unwillkürliches Knirschen und
Pressen der Zahnreihen zu nicht funktionellen Zwecken vorwiegend in der Nacht
äußert. Bruxismus kann in extremen Konzentrationsphasen auch am Tag auftreten
und ist dann vor allem durch das Aufeinanderpressen des Kiefers gekennzeichnet.
Nächtlicher Bruxismus besteht meist in Knirschen und Mahlen, zum Teil mit
Press-Episoden. 8 % der Bevölkerung leiden mindestens einmal pro Woche unter
Bruxismus, rund die Hälfte davon knirscht auch in der Nacht. Etwa 80 % sind
Frauen. Bruxismus ist – bedingt durch das stressreiche Leben – stark im
Ansteigen begriffen; immer mehr Menschen zwischen 20 und 40 Jahren haben so
stark abgewetzte Zähne, wie man dies eigentlich erst bei wesentlich Älteren
erwarten würde.
Die Betroffenen bemerken das Ausmaß ihrer Verspannung und ihres
Zähneknirschens oft gar nicht, denn sie führen ihre innere Anspannung
gewöhnlich während des Schlafes durch das Knirschen ab (pro Stunde etwa eine
Minute). So ist es auch ganz verständlich, dass im Falle einer nächtlichen
Aufbiss-Schiene (eines Zahnaufsatzes aus Kunststoff) zumindest vorübergehend
tagsüber mehr Unruhe und Anspannung auftritt.
Die chronische Muskelverspannung führt zu langfristig erhöhten,
unphysiologischen Zahnkontakten und massivem Druck auf die Zähne (z.B. besteht
bis zu 40 Minuten lang ein Druck von bis zu 70 Kilo und starken Schmerzen im
Kieferbereich). Die Betroffenen setzen ihre Zähne und ihr Kausystem einem
enormen Druck aus. Dieser Druck auf die Zahnreihen kann bei Frauen bis zu 300
Kilo, bei Männern bis zu 400 Kilo erreichen.
Myoarthropathie
Die häufigste
somatoforme Form des Gesichtsschmerzes ist eine chronische Myoarthropathie des
Kausystems, eine Störung, die ihren Ursprung in einer verspannten Kaumuskulatur
(Myopathie), seltener in den Kiefergelenken (Arthropathie) oder in beiden
(Myoarthropathie) hat. Eine Myoarthropathie umfasst mindestens drei der
folgenden Symptome: Gelenkgeräusche bei Kieferbewegung, limitierte oder
ruckartige Kieferbewegung, Schmerz bei der Kieferfunktion, Kiefersperre beim
Öffnen, Zusammenpressen der Zähne, Bruxismus oder andere orale Parafunktionen
(Zungen-, Lippen- oder Wangenbeißen oder -pressen). Die Störung wird auch temporomandibuläres Schmerzsyndrom oder craniomandibuläres
Dysfunktionssyndrom genannt (die
letztere Bezeichnung ist mittlerweile international anerkannt).
Es bestehen andauernde Schmerzen im Bereich der Kau- und Gesichtsmuskulatur
(Mund, Zähne, Kiefergelenke) und der umliegenden Gesichtspartien (Kaumuskulatur,
Schläfenmuskulatur, Augenbereich), die bis in die seitlichen Nackenregionen und
in den Kopfbereich ausstrahlen können. Nicht selten findet man Muskelverspannungen
und Druckpunkte bei den beidseitigen Kaumuskeln, Knacken im Kiefergelenk und
Beeinträchtigungen der Unterkiefer-Beweglichkeit. Daneben geben die Betroffenen
noch folgende Symptome an: schwindlige Benommenheit, depressive Verstimmung,
Ängste, Bruxismus (insbesondere nächtliches Zähneknirschen), Muskelkrämpfe bis
in die Wirbelsäule und die Schulter-Arm-Region. Diese Schmerzen sind keine
blitzartig einschießende, einseitig auftretende Trigeminusneuralgie, wie oft
gemeint wird, sondern beständige oder zumindest wellenförmig anhaltende und oft
beidseitig auftretende Schmerzen im ganzen Gesicht, auch außerhalb des
Versorgungsbereichs des Trigeminusnervs. Das Beschwerdebild der Myoarthropathie
in der Zahnmedizin ist im HNO-Bereich als orofaziales
Schmerz-Dysfunktions-Syndrom oder atypischer Gesichtsschmerz bekannt, beruht
aber auf anderen Ursachen, wenngleich dieselben Begriffe oft auch im Bereich
der Zahnmedizin verwendet werden.
Mundschleimhautbrennen
Brennen auf der
Mundschleimhaut, der Zunge oder im Gaumen tritt meistens bei älteren weiblichen
Personen auf, die oft Prothesenträgerinnen sind. Die Symptome schwanken im
Tagesverlauf: Sie sind am Morgen nur schwach vorhanden und abends gewöhnlich am
stärksten und führen dann auch zu einer Schlafstörung. Zusätzliche Beschwerden
sind oft Mundtrockenheit und Missempfindungen wie Kribbeln, Jucken, Stechen
oder Wundsein. Sie schwanken in ihrer Intensität und in ihrer Lokalisation und
entsprechen nicht dem Versorgungsgebiet bestimmter Nerven, das heißt es lassen
sich keine organischen Faktoren dafür finden. Als Ursache gelten unspezifische
psychogene Faktoren wie etwa Depressionen und alltäglicher Stress. Wenn nach
Ausschluss organischer Ursachen ein einwöchiger Verzicht auf die Prothese keine
Linderung des Mundschleimhautbrennens bringt, sind rein zahnärztliche
Behandlungschancen gleich Null.
Amalgam
bezogene Beschwerden
Amalgam
bezogene Beschwerden werden von Fachleuten heute als umweltbezogene Beschwerden
bezeichnet und zu den somatoformen Störungen gezählt. Die Betroffenen sehen dies
nicht so und erklären sich ihre Zahnprobleme oder andere unspezifische
Körperbeschwerden mit schädlichen Amalgam-Zahnfüllungen. Die dabei freigesetzte
Quecksilber-Konzentration ist jedoch so gering, dass diese nicht als Ursache
der angegebenen Beschwerden in Frage kommt. Vor bestimmten zahnärztlichen
Eingriffen oder bei ständigem Bedürfnis nach zahnmedizinischen Behandlungen
trotz gesunder Zähne sollte daher öfter als bisher von Ärzten und Betroffenen
die Möglichkeit psychischer Störungen in Betracht gezogen werden.
Organische Störungen
Zahnbetterkrankungen
Nichtentzündliche
Zahnbetterkrankungen (Parodontitis), die den Kieferknochen zerstören, stellen
ein zunehmendes Problem dar. Das erste Symptom ist meist Zahnfleischbluten.
Eine anfängliche Zahnfleischentzündung, hervorgerufen durch Bakterien im
Zahnbelag, weitet sich vom weichen Gewebe auf den ganzen Zahnhalteapparat, also
auch auf den Kieferknochen, aus und führt im schlimmsten Fall über die
Rückbildung des Knochens zuerst zum Wackeln und schließlich zum Ausfall der Zähne.
Der Körper wehrt sich gegen die Eindringlinge, entwickelt dabei aber eine
Überreaktion mit fatalen Folgen: Ein großer Teil der Gewebeschädigungen wird
nicht von den Bakterien, sondern von der Reaktion des Immunsystems hervorgerufen.
Beachtliche 40 % der erwachsenen Deutschen weisen eine leichte Paradontitis
auf, meist ohne es zu ahnen. Diese Zahnerkrankung ist damit weiter verbreitet
als Karies. Bereits 15 % aller 30-Jährigen leiden an einer derart aggressiven
Form der Zahnfleischentzündung, dass ihnen ein Zahnausfall droht. Bei Menschen
aus Entwicklungsländern ist das Zahnumfeld dagegen deutlich besser.
Eine wichtige Aufgabe der Gesundheitserziehung ist es, auf die Bedeutung
der Ernährung und der richtigen Zahnpflege hinzuweisen. Karies fördernde
Süßigkeiten und unregelmäßiges Zähneputzen führen über kurz oder lang zu
Zahnschäden.
Prothesenprobleme
Zahnverlust,
Prothesen und Prothesenunverträglichkeit können das psychische Befinden
erheblich beeinträchtigen. Menschen mit einer Prothesenunverträglichkeit (alte
und neue Prothese werden als nicht richtig sitzend abgelehnt) wandern – analog
zu somatoformen Patienten – von Zahnarzt zu Zahnarzt; sie suchen anfangs gewöhnlich
eine rein dentale Lösung, ohne sich mit den häufig vorhandenen psychischen oder
psychosozialen Hintergründen beschäftigen zu wollen. Das Phänomen der
psychogenen Prothesenunverträglichkeit bedeutet, dass der Zahnersatz aus
seelischen Gründen nicht sitzen will. Die künstlichen Zähne machen immer wieder
zumindest unbewusst auf den schmerzhaft erlebten Verlust der echten Zähne
aufmerksam und weisen damit auf die mit dem Alter abnehmende Unversehrtheit des
Körpers hin. Manchmal steht auch die nicht verarbeitete Angst dahinter,
entstellt zu sein.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Die psychologischen Aspekte in der Zahnmedizin sind vielfältiger als
allgemein bekannt ist und sollten in Zukunft ernster genommen werden.
Verspannungen im Mund- und Gesichtsbereich beruhen auf einer hohen emotionalen
Anspannung, bedingt durch psychoreaktive Faktoren und Stress im Beruf und in
der Familie. Ohne Beseitigung der dahinter stehenden psychischen Probleme
werden beim Bruxismus nach den zahnmedizinisch notwendigen Maßnahmen wie
Aufbiss-Schienen oder Kronen bald neuerliche Schäden und Schmerzen auftreten.
Neben allgemeinen psychosozialen Belastungsfaktoren müssen in bestimmten Fällen
auch so genannte Konversionsphänomene beachtet werden, vor allem konkrete
Probleme im zwischenmenschlichen Bereich: Massive Wut über den Partner kann zu
einer schmerzhaften Kieferverspannung führen.
Pressen, Knirschen und Zungenpressen haben kurzfristig durchaus positive
Konsequenzen: Eine innere Anspannung kann dadurch zwar abgeführt werden, ähnlich
wie manche Menschen durch Kratzen, Ritzen oder Einschneiden der Haut eine
kurzfristige Erleichterung erleben, die Langzeitfolgen sind jedoch
verhängnisvoll und das Grundproblem wird nicht gelöst.
Stress, psychosoziale Belastungen und emotionale Spannung wie etwa
anhaltender Ärger, Angstzustände oder Depressionen sind auch der Hintergrund
für eine Myoarthropathie. Vor allem die Unterdrückung von Gefühlen führt zu
einer Affektspannung, die sich auf die Muskeln überträgt. Emotional bedingte
Muskelverspannungen des Kauapparates stehen oft in Verbindung mit kämpferischem
oder aggressionsgehemmtem Verhalten, individueller Überforderung und
psychosozialen Belastungsfaktoren. Druck macht Druck!
Zahnbetterkrankungen können nach neuen Erkenntnissen mit chronischem Stress
zusammenhängen, der die körperliche Widerstandskraft gegenüber Infektionen über
ein geschwächtes Immunsystem mindert. Einerseits vernachlässigen viele Menschen
bei anhaltenden psychischen Belastungen ihre Mundhygiene, andererseits sinkt in
Stresssituationen die Menge schützender Immunfaktoren im Speichel, sodass sich
die Bakterien leichter vermehren können. Prüfungszeiten, Jobkrisen oder
Alltagsstress können regelrechte Parodontitis-Schübe auslösen.
Therapeutische
Strategien
Es ist von
zentraler Bedeutung, dass die Betroffenen das Ausmaß ihrer Verspannung im
Kiefer- und Gesichtsbereich wahrnehmen lernen und in Zusammenhang mit ihren
inneren Anspannungen und äußeren Belastungen sehen können. Als psychologische
Interventionen bei psychisch mitbedingten Zahn- und Kieferproblemen sind neben
einem problemzentrierten Vorgehen (Hilfestellungen bei der Bewältigung der
psychosozialen Belastungssituationen und emotionalen Anspannungen) unbedingt
auch symptomspezifische Maßnahmen in Form verschiedener Entspannungstechniken
anzuraten. Bei gleichzeitig vorhandener Depression ist eine psychotherapeutische
und/oder pharmakotherapeutische Behandlung angezeigt. Oft reicht bereits eine
umfassende Aufklärung des Patienten über die Körper-Seele-Zusammenhänge im Zahn-
und Kieferbereich, um ihn angesichts fehlender Organbefunde von weiteren
zahnärztlichen Behandlungsmaßnahmen abzubringen.
Wenn die Bewegung gestört ist
„Zu unserer Natur gehört die Bewegung. Die vollkommene Ruhe ist der Tod.“
Blaise Pascal
Schwankschwindel – ständige Angst vor dem Umfallen
Frau Kaufmann
ist 37 Jahre alt, angestellt, verheiratet und Mutter von zwei
Volksschulkindern. Seit drei Jahren leidet sie unter ständigem Schwindel mit
der Angst umzufallen. Genährt wird diese Angst durch die Erinnerung an einen
peinlichen Kollaps in der Pubertät vor relativ vielen Menschen. Frau Kaufmann
hat bereits zahlreiche Untersuchungen bei einem Facharzt für innere Medizin und
zwei HNO-Ärzten absolviert; diese und eigene Blutdruckmessungen überzeugen sie
schließlich, dass sie weder herzinfarktgefährdet ist noch einen niedrigen
Blutdruck aufweist. Der Hausarzt überweist sie schließlich wegen chronischer
Schulter-Nacken-Verspannung zur Massage und wegen generalisierter Angststörung
zu einer verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapie. Frau Kaufmann
erkennt im Laufe der Zeit den wahren Hintergrund ihres Schwankschwindels: Ihr
perfektionistischer Leistungsanspruch im Beruf und in der Familie und die
Unfähigkeit sich zu entspannen haben zu einer chronischen muskulären
Verspannung mit dem Gefühl eines unangenehmen Schwindels geführt. Als Folge
davon hat sie ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten im Sinne einer Platzangst
(Agoraphobie) entwickelt. Durch körperorientierte Übungen, ein spezielles Schwindeltraining
und ein Angstbewältigungstraining findet Frau Kaufmann wieder mehr Vertrauen zu
ihrem Körper. Neben ihrem Verhalten ändert sie auch ihre anspannungsfördernden
Denkmuster, alles Mögliche wie etwa Kinderbetreuung, Haushalt, Berufstätigkeit
und Mithilfe beim Hausbau perfekt machen zu müssen.
„Den Halt verlieren“: Bewegung und Psyche
Der
Bewegungsapparat besteht aus dem gesamten Gerüstwerk unseres Körpers – aus dem
Skelett mit allen Knochen, Gelenken, Sehnen, Bändern und Muskeln. Die Gelenke
sind die beweglichen Verbindungen, die es unseren Knochen ermöglichen, sich
gegeneinander zu bewegen. Die Gelenkknorpel überziehen die Knochenenden und
können sowohl Unebenheiten der Gelenkflächen ausgleichen als auch Stöße auf
Grund ihrer Verformbarkeit auffangen. Unser Knochengerüst wird durch Bänder
zusammengehalten: bindegewebsartige Verbindungen von Knochen zu Knochen, die
helfen, das Gelenk zu stabilisieren. Sehnen sind Verbindungsgewebe zwischen Muskeln und Knochen und haben die Aufgabe, die Kraft
der Muskulatur auf das Skelett zu übertragen. Mithilfe der Anspannung
der Muskeln, die vom vegetativen Nervensystem gesteuert werden, bewegen wir
unser Körpergerüst in den Gelenken.
Die Wirbelsäule ist bei der Haltung und
Bewegung des Körpers von zentraler Bedeutung: Aufrechtes Stehen etwa ist die
Leistung der Wirbelsäule und des komplizierten Muskelwerks, das an ihr ansetzt.
Letztlich sind alle Muskeln der Gliedmaßen und des Rumpfes auf irgendeine Art
mit der Wirbelsäule verbunden. Die übereinander liegenden Wirbel sind so
geformt, dass sie als knöcherner Ring ein Loch umschließen, in dem das
Rückenmark und die von ihm ausgehenden Nerven geschützt vom Gehirn nach unten
verlaufen können. Kleine Gelenke verbinden die Wirbel miteinander, sodass sie
gegeneinander beweglich sind. Zwischen den Wirbeln liegen die Bandscheiben als
Stoßdämpfer. Sie haben eine feste Schale, einen gallertartigen Kern und sind
nicht durchblutet. Die normalen Belastungen des Tages drücken den weichen Kern
zusammen, weshalb man am Abend bis zu zwei Zentimeter kleiner sein kann als am
Morgen.
Ein guter Kontakt zum Boden, eine gute Standfestigkeit sowie das allgemeine
Geschick, mit der Schwerkraft zurechtzukommen, wird in der Psychotherapie
häufig als „geerdet sein“ bezeichnet. In unserer Beziehung zum Boden zeigt sich
im übertragenen Sinn, wie gut unsere Beziehung zur Realität ist und wie sehr
wir uns in unsere sozialen Beziehungen eingebettet fühlen.
Zahlreiche Redewendungen weisen auf die Körper-Seele-Zusammenhänge im Bereich der Bewegung hin: starr werden vor Schreck, sich wie gelähmt fühlen, völlig verkrampft sein, nicht auf eigenen Füßen stehen können, vor lauter Angst wackelige Beine bekommen, jemandem fährt der Schreck in die Beine, die Glieder sind starr vor Schreck, es schlottern einem die Knie, in die Knie gehen, wieder auf die Beine kommen, weiche Knie bekommen, einen schweren Stand haben, auf schwachen Beinen stehen, den Boden unter den Füßen verlieren, jemandem auf die Beine helfen, das Gleichgewicht verlieren, den Halt verlieren, niedergebeugt sein, immer auf dem Sprung sein, kein Rückgrat haben, sich gerade noch aufrecht halten, vor jemandem buckeln.
Bewegungs- und
Gleichgewichtsstörungen treten auch bei verschiedenen psychischen Erkrankungen
auf. Depressive Patienten können motorisch stark gehemmt und völlig kraftlos
sein, einen schleppenden Gang aufweisen oder körperlich total erstarrt sein.
Bei körperlicher und seelischer Energielosigkeit ist Schwindel ein häufig
beklagtes Symptom. Dieser Schwindel zeigt sich als Leere oder Nebel im Kopf,
als eine Art Schleier über Wahrnehmung und Denken, als Benommenheit oder
Unsicherheit beim Gehen. Bei einer Depression mit ausgeprägten körperlichen
Symptomen kann Schwindel das ständig beklagte Hauptsymptom sein. Schwindel
tritt auch im Rahmen einer Neurasthenie auf, das heißt bei einer „nervösen
Erschöpfung“. Zahlreiche Angstpatienten mit starker Verspannung haben Angst
umzufallen und klagen ständig über Schwindel, sodass sich daraus oft eine
Platzangst (Agoraphobie) entwickelt.
Tabelle 15: Psychosomatisch relevante Bewegungsstörungen
|
Funktionelle Störungen |
Dissoziative und
somatoforme Störungen: ·
dissoziative Bewegungsstörungen (Gang- und
Standstörungen, Lähmungen) ·
dissoziative
Krampfanfälle (psychogene Anfälle) ·
sonstige somatoforme Störungen (psychogener
Schwindel, psychogener Tremor, psychogene Muskelzuckungen und Muskelkrämpfe) |
|
Organisch fundierte Störungen |
Neurologisch begründete Störungen: ·
Tremor ·
Epilepsie ·
andere wie
Dystonien, Myoklonien oder Multiple Sklerose |
Funktionelle Störungen
Im aktuellen Diagnoseschema sind folgende
Codierungen für nichtorganische Störungen der Bewegung vorgesehen:
·
dissoziative Bewegungsstörungen (dissoziative
Gang- und Standstörungen sowie Lähmungen),
·
dissoziative Krampfanfälle (psychogene
Anfälle),
·
sonstige somatoforme Störungen (z.B.
psychogener Schwindel, psychogener Tremor, psychogene Muskelkrämpfe wie
Schiefhals oder Schreibkrampf).
Dissoziative Bewegungsstörungen
Dissoziative
Gang- und Standstörungen beruhen auf einer psychisch bedingten Schwäche oder
Lähmung eines oder beider Beine (seltener auf Koordinationsstörungen oder
bewegungsabhängigen Schmerzen ohne Lähmung) und äußern sich in einem bizarren Gang
oder in der Unfähigkeit, ohne Hilfe zu
stehen oder zu gehen. Weitere Kennzeichen sind: kraftaufwändige
Bewegungsmuster und Haltungen; auffällige und übertriebene Verlangsamung des
Bewegungsablaufs („Zeitlupentempo“); „Fast-Ausrutschen“ beim Gehen; kleinschrittiges,
breitbeiniges, übervorsichtiges Vorwärtstasten und Gehen wie auf Eis; Rudern
der Arme; plötzliche Ausfallschritte; plötzliches Einknicken im Kniebereich
ohne Hinfallen; Halt-Suchen am Begleiter; kurz dauerndes Schwanken beim Gehen
und Stehen; zunehmende Schwankbewegungen aus einem ursprünglich sicheren Stand
beim Augenschließen und Ausstrecken der Hände und anschließende Besserung bei
entsprechender Ablenkung. Bei ungewohnten Bewegungen (z.B. Rückwärtslaufen) und
im Liegen ist von all dem nichts zu bemerken, es besteht ein normaler
Bewegungsablauf. Die Störung geht oft einher mit einer psychomotorischen
Ausdruckssymptomatik, z.B. bizarrer Handhaltung, Gestikulieren mit den Armen,
Griff zum Bein, leidendem oder angestrengtem Gesicht, Stöhnen oder
Hyperventilation. Typisch sind auch ein stark wechselnder Verlauf sowie eine
deutliche Beschwerdeminderung unter Ablenkung.
Bei dissoziativen Gang- und Standstörungen zeigt sich oft keine Besserung mehr,
wenn die Symptome vor der stationären Aufnahme bereits länger als 4 Monate
bestanden haben. Konversionsstörungen weisen gewöhnlich eine rasche Remission
auf (stationär oft innerhalb von 2 bis 3 Wochen) oder sie neigen zur Chronifizierung.
Dissoziative Lähmungen können das ganze Spektrum
neurologischer Schädigungen nachahmen und zeigen sich in Querschnitts-,
Ganzkörper- oder Halbseitenlähmungen. Die Lähmung kann partiell, mit schwachen
oder langsamen Bewegungen oder vollständig sein. Manchmal tritt sie zusammen
mit einem Zittern oder Schütteln der betroffenen Extremitäten auf. Menschen mit
dissoziativen Lähmungen entwickeln die Symptomatik entsprechend ihren
laienhaften medizinischen Vorstellungen, haben meist normale Muskelreflexe und
keinen Muskelschwund, bewegen bei Ablenkung die angeblich gelähmten Muskeln und
haben auch im Schlaf und bei Routinetätigkeiten keine Lähmungserscheinungen.
Dissoziative
Krampfanfälle
Dissoziative
Krampfanfälle sind nichtepileptische
Anfälle mit plötzlichen und unerwarteten krampfartigen Bewegungen ohne
Bewusstseinsverlust; die Anfälle können sich aber auch allmählich entwickeln.
Typischerweise sind EEG und Herz-Kreislauf-Werte während des Anfalls normal.
Die Art der Anfälle kann recht unterschiedlich sein. Sie können alle
Ausdrucksformen zwischen „Bewegungssturm“ und „Totstellreflex“ annehmen. Wenn
die Betroffenen einen dissoziativen Krampfanfall bekommen, ähnelt dieser
verschiedenen Formen epileptischer Anfälle; es fehlen jedoch Kriterien wie Zungenbiss,
Harnlassen, Bluterguss oder Verletzungen aufgrund eines Sturzes. Darüber hinaus
werden typischerweise schmerzhafte Stellungen während des Anfalls meistens
vermieden. Anstelle des Bewusstseinsverlusts tritt ein erstarrter oder
tranceähnlicher Zustand auf. Die Betroffenen können aber auch langsam zu Boden
sinken, ohne sich zu verletzen. Sie können dabei nicht auf äußere Reize
reagieren, obwohl sie nicht bewusstlos sind.
Die Anfälle ereignen sich
bevorzugt vor Publikum und meist in vertrauter Umgebung, gewöhnlich tagsüber,
kaum in der Nacht. Der Verlauf ist oft szenisch-dramatisch. Ein Anfall dauert
mit durchschnittlich über zwei Minuten gewöhnlich viel länger als ein
epileptischer Anfall und tritt auch häufiger auf, nicht selten mehrfach pro
Tag. Nach dem eigentlichen Anfall besteht oft noch über einen gewissen Zeitraum
ein veränderter Zustand: Der Gesichtsausdruck wirkt dramatisch, die Pupillen
sind erweitert, die Augen sind auf den Boden gerichtet, Lautäußerungen können
vorkommen. Dissoziative Anfälle können auch in Verbindung mit epileptischen
Anfällen auftreten. Drei Viertel der Betroffenen sind Frauen, meist im Alter
zwischen 15 und 35 Jahren, die oft daneben noch andere psychische Störungen
(Depressionen, Selbstmordgefährdung, Persönlichkeitsstörungen, somatoforme
Störungen) haben.
Sonstige
somatoforme Störungen
Psychogener Schwindel
Schwindel gehört zu den häufigsten Beschwerden des Menschen und zählt neben
Kopf- und Rückenschmerzen zu den häufigsten Anlässen, warum der Arzt aufgesucht
wird. 38 % der Deutschen (32 % der Männer und 44 % der Frauen) leiden unter
geringem, mittlerem oder starkem Schwindel, bei 8 % ist der Schwindel krankheitswertig.
Nach Schätzungen klagen beinahe 20 % aller Patienten bei ganz unterschiedlichen
Erkrankungen über Schwindel. Schwindel ist keine Krankheit, sondern ein
Symptom, das viele Ursachen haben kann. Eine organische Abklärung ist daher
unbedingt nötig. Eine umfassende Schwindelabklärung besteht in einer ohrenärztlichen,
augenärztlichen, internistischen, neurologischen und psychiatrischen
Begutachtung. Der verspannungsbedingte Schwindel ist als Schwankschwindel
bekannt.
Schwindel ist schlicht ein
Warnzeichen, ein Hinweis auf das bedrohte Gleichgewicht. Er mahnt zur Vorsicht
und besseren Körperkontrolle, um den Organismus vor Schaden durch einen Sturz
zu bewahren. Schwindel entsteht aus widersprüchlichen Sinneswahrnehmungen über
die Lage des Körpers im Raum. Das Gleichgewichtszentrum im Hirnstamm
verarbeitet alle eintreffenden Informationen und löst dann einen Schwindel als
Alarmsignal aus, wenn diese nicht zusammenpassen. Beteiligt daran sind das
vestibuläre System (das Gleichgewichtsorgan im Ohr), das visuelle System (die
Augen) und das sensible System (die Körperwahrnehmung).
Das Wort „Schwindel“ hat eine mehrfache
Bedeutung. Im angloamerikanischen Raum werden dafür auch zwei Wörter verwendet:
vertigo (abgeleitet vom Lateinischen vertere = drehen) als Ausdruck für den
Drehschwindel und dizziness als
Bezeichnung für Benommenheit. Neben dem drohenden Verlust des Gleichgewichts
werden durch den Schwindel-Begriff also auch psychische Zustände zum Ausdruck
gebracht: Angst, fassungsloses Entsetzen, Verwirrtheit, Leeregefühl im Kopf,
verminderte Aufmerksamkeit und Konzentration. Das deutsche Wort „Schwindel“
kommt vom Mittelhochdeutschen swintilon
(bewusstlos werden) und bezieht sich auf das Schwinden der Sinne, die
körperliche Schwäche und das Taumeln als Ausdruck der Gleichgewichtsstörung.
Die klassische Schwindelbeschwerde des Schülers in Goethes „Faust“ lautet: „Mir
wird von alledem ganz dumm, als ginge mir ein Mühlrad im Kopf herum.“
Neben vielen organisch bedingten
Schwindelformen kommt der psychogene Schwindel mit rund der Hälfte der Fälle
zahlenmäßig viel häufiger vor, oft in Verbindung mit einer psychischen Störung
wie einer Angststörung (Agoraphobie mit oder ohne Panikstörung). Angst,
Depressionen, Stress und nervöse Erschöpfung („Neurasthenie“) können den Körper
richtig ins Schwanken bringen, sodass einem schwindlig wird. Warum Schwindel
eng mit Angstgefühlen oder Depressionen zusammenhängt, erklärt sich aus der
engen Verknüpfung der Zentren der Raumorientierung mit dem limbischen System im
Gehirn, das als Sitz der Gefühle gilt.
Der Angstschwindel ist ein eher diffuser Schwindel, häufig erlebt als
Benommenheit, Leere im Kopf, Ohnmachtsangst, Unsicherheit beim Gehen oder
Stehen, mangelnde Standfestigkeit, Schwanken des Bodens, der Umwelt oder des
eigenen Körpers, Schweben wie auf Wolken. Die Betroffenen fühlen sich benommen
und wie betrunken – schwankend, „nicht geerdet“, ohne Halt und Verankerung im
Boden. Es handelt sich dabei um einen Schwankschwindel als Folge einer
chronischen muskulären Verspannung – nicht um einen Schwindel in Zusammenhang
mit Störungen des Blutdrucks, des Innenohrs oder der Augen. Die Anwesenheit
einer vertrauten Person, Sitzen oder Liegen bewirkt oft eine Besserung,
Kopfbewegungen können dagegen die Zustände verstärken.
Viele Menschen mit Platzangst (Agoraphobie) spüren in bestimmten
Situationen nicht so sehr ihre Angst und die anderen Symptome, sondern leiden
subjektiv oft nur unter ihrer Schwindelsymptomatik und fürchten sich primär vor
dieser. Schwindelpatienten neigen häufig zu übertriebener und ängstlicher
Selbstbeobachtung: Völlig normale Vorgänge wie feine Körperschwankungen oder
unwillkürliche Kopfbewegungen werden sofort als beängstigend wahrgenommen.
Bei Menschen mit Angststörungen lassen sich zwei relativ gut abgrenzbare
Schwindel-Syndrome unterscheiden:
1.
Phobischer Attacken-Schwankschwindel mit und ohne Paniksymptome. Bei Platzangst
(Agoraphobie) tritt plötzlich und bedrohlich ein heftiger Schwindel mit Benommenheit,
Stand- und Gangunsicherheit, Übelkeit und Fallangst ohne Sturz auf.
2.
Psychogene Stand- und Gangstörung. Schreckreaktionen führen zu „weichen Knien“.
Die Betroffenen fühlen sich schwindlig beim Gehen, ohne direkt über Schwindel
im Kopf zu klagen. Sie fühlen ein Schwanken beim Stehen und Gehen und bewegen
sich deshalb nur langsam und zögerlich (wie auf Eis). Die ständige Angst
umzufallen führt zu einer chronischen Muskelverspannung mit
Gleichgewichtsstörungen und kann sich auch in agoraphobischen Reaktionen
äußern. Viele Platzangst-Patienten haben ihr Vermeidungsverhalten wegen ihres
unerklärlichen Schwindels entwickelt.
Ein Tremor
(Zittern) ist eine rhythmische Bewegung als Folge einer starken
Muskelanspannung. Neben dem essenziellen Tremor und dem Parkinson-Tremor gibt
es auch einen psychogenen Tremor. Ein übertriebenes
Zittern oder Schütteln kann bei einer oder mehreren Extremitäten oder am
ganzen Körper auftreten, am häufigsten jedoch beim dominanten Arm, und besteht
sowohl in Ruhe als auch bei Bewegung. Das früher so genannte „hysterische“
Zittern trat in der Vergangenheit nicht nur bei Frauen auf, sondern z.B. auch
bei vielen Soldaten des 1. Weltkriegs.
Ein psychogener Tremor ist
bei folgenden Zeichen zu vermuten: plötzlicher, meist beidseitiger Beginn,
rasche und vollständige Beseitigung der Störung, zu Beginn oft maximale
funktionelle Behinderung und später ein statischer oder wechselhafter Verlauf,
ungewöhnliche Kombination von Ruhe- und Aktionstremorformen, Zunahme des
Zitterns bei Aufmerksamkeit, Abnahme von Stärke und Häufigkeit des Zitterns bei
Ablenkung, Vorhandensein anderer Konversionsstörungen wie psychogene Gangstörung,
Zeichen einer „Koaktivierung“ (beim passiven Durchbewegen der Extremität
erfolgt eine willkürliche Aktivierung entgegengesetzter Muskelgruppen). Eine
muskuläre Vorspannung der Hände und Arme bereits vor dem Ergreifen und Halten
eines Glases ist ein typisches Merkmal und drückt die allgemeine Verspannung in
sozialen Situationen aus.
Somatoforme
Muskelzuckungen (psychogene Myoklonien)
Darunter versteht man unwillkürliche, plötzlich auftretende, kurz dauernde
Muskelzuckungen, die von anderen wahrgenommen werden können. Es bestehen
ruckartige Bewegungen als Folge von Muskelkontraktionen oder Spannungsverlusten
in einzelnen Muskelgruppen oder ganzen Arm- und Beinbereichen. Sie können auch
im Gesicht oder Augenbereich auftreten. Bei zahlreichen Betroffenen tritt die
Symptomatik bevorzugt in Ruhe auf, nimmt bei Bewegung zu und bei Ablenkung ab.
Somatoforme
Muskelkrämpfe (psychogene Dystonien)
Es handelt sich dabei um Verkrampfungen der willkürlichen Muskulatur, die
zu einer Fehlstellung etwa des Kopfes, der Schultern oder der Arme führen.
Typische Beispiele dafür sind der psychogene Schiefhals und der psychogene
Schreibkrampf. Im Gegensatz zu organischen Dystonien ist die Diagnose dann
wahrscheinlich, wenn eine Besserung bei Ablenkung oder Entspannung eintritt und
wenn gleichzeitig auch ein wechselhaftes Erscheinungsbild in Verbindung mit
anderen psychischen oder psychosomatischen Beeinträchtigungen auftritt.
Organische Störungen
Bewegungsstörungen
sind Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die entweder mit unwillkürlichen
Bewegungen (Hyperkinesen) oder mit Störungen des willkürlichen Bewegungsablaufs
(z.B. erschwerte Durchführung von Bewegungen, Akinese) einhergehen. Bei
neurologisch bedingten Bewegungsstörungen können wegen der für alle sichtbaren
und daher als diskriminierend erlebten Bewegungsstörungen auch psychosoziale
Folgeprobleme auftreten. Die häufigste hyperkinetische Störung ist eindeutig
der Tremor (Zittern), der zahlreiche organische Ursachen haben kann. Die
bekanntesten Formen sind: essenzieller Tremor, Parkinson-Tremor, dystoner
Tremor (als Folge von Muskelkrämpfen) und „restless legs“ (ständige Unruhe der
Beine).
Der essenzielle Tremor kommt bei 1 % der Bevölkerung typischerweise beim
Halten und/oder Bewegungen vor; er ist nicht durch psychischen oder sozialen
Stress verursacht, denn er kommt auch in der sicheren und entspannenden
Umgebung zu Hause vor, führt aber bei 20 bis 40 % wegen der Auffälligkeit in
der Öffentlichkeit zu psychosozialen Folgeproblemen wie Ängsten, Depressionen
und manchmal auch Alkoholmissbrauch.
Weitere Beeinträchtigungen der Bewegung zeigen sich in Form von
Myoklonus-Syndromen (Muskelzuckungen), Dystonien
(Muskelkrämpfen wie etwa Schreibkrampf, Schiefhals oder Augenlidkrampf),
spastischen Bewegungsstörungen und Ataxien (Störungen des geordneten
Ablaufs und der Koordination von Muskelbewegungen). Sie können auch im Rahmen
bestimmter neurologischer Erkrankungen auftreten wie etwa bei Multipler
Sklerose oder Chorea Huntington; gefürchtet sind vor allem auch die relativ
häufigen Bewegungsstörungen nach einem Schlaganfall. Bekannt sind die
zahlreichen Formen von organisch bedingtem Schwindel als Ausdruck einer
Gleichgewichtsstörung.
Bei einer Epilepsie, die bei 0,5
% der Bevölkerung vorkommt (4 bis 5 % aller Menschen erleben im Laufe ihres
Lebens einen epileptischen Anfall), sind folgende psychosomatische Aspekte
bedeutsam:
·
Während eines
epileptischen Anfalls treten oft auch psychische Symptome wie Angst auf.
·
Bis zu 30 % der
Epileptiker haben zusätzlich auch noch dissoziative Krampfanfälle.
·
Ein Drittel der
Epileptiker weist gleichzeitig eine behandlungsbedürftige psychische Störung
wie etwa eine Depression oder eine Angststörung auf.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Psychische und soziale Faktoren können unseren
körperlichen Halt und unsere Bewegungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.
Psychogene Bewegungsstörungen hängen oft mit psychosozialen
Belastungssituationen, psychischem Stress und allgemeiner Überlastung zusammen.
Massive Konflikte, die der Betroffene mit sich selbst oder in seiner sozialen
Umwelt austrägt, führen zu einer derartigen inneren Anspannung, dass sich diese
in Form von Bewegungsstörungen äußern kann.
Menschen mit
dissoziativen Krampfanfällen haben in der Kindheit oft körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt, die im Laufe des
weiteren Lebens nicht verarbeitet wurde. Bei rund 40 % der psychogenen
Anfallspatienten findet man in der Vorgeschichte einen sexuellen Missbrauch. Massive Vernachlässigung als Kind kann
ebenfalls gegeben sein.
Bei Menschen mit Schwankschwindel zeigen sich auffällig oft Angst,
Verunsicherung oder Depression. Aktuelle oder schwelende Konflikte sowie
psychosoziale Stressfaktoren (partnerschaftliche oder berufliche Konflikte, Trennungen,
Verlusterlebnisse, existenzielle Erschütterungen) lösen dann in bestimmten
Situationen recht unangenehme Schwindelattacken aus, die sich die Patienten
anfangs überhaupt nicht erklären können. Als Vermeidungsreaktion derartiger
Schwindelzustände entwickelt sich häufig eine Agoraphobie mit der Angst
umzufallen, wenn man allein unterwegs ist. Das Hauptproblem sind jedoch nicht
die agoraphobischen Situationen, sondern die aktuellen Lebensumstände, die den
Betroffenen buchstäblich „den Boden unter den Füßen“ wegziehen. Ein
Schwankschwindel kommt gehäuft bei Menschen vor, die perfektionistisch sehr
hohe Ansprüche an sich selbst stellen und alles im Griff haben möchten. Ein
phobischer Attackenschwindel tritt oft in Situationen auf, die als unangenehm
erlebt werden oder Panikattacken auslösen können. Im Laufe der Zeit kann sich
ein Vermeidungsverhalten entwickeln: Situationen, in denen man nicht
"alles unter Kontrolle" haben kann, werden immer mehr gemieden.
Epilepsien können in bestimmten Fällen durch psychosoziale Faktoren
ausgelöst oder ungünstig beeinflusst werden. Als emotionale Auslöser gelten
auch Erinnerungen an traumatisierende Ereignisse oder die Vorwegnahme
bevorstehender Konfliktsituationen in der Fantasie.
Eine Reihe von Erkrankungen der Wirbelsäule
wie Bandscheibenvorfall, Ischias oder Hexenschuss betrifft vor allem
leistungsorientierte Männer zwischen 25 und 45 Jahren. Im Grunde sind aber all
jene Menschen gefährdet, denen der Wechsel zwischen An- und Entspannung schwer
fällt.
Therapeutische Strategien
Die Gruppe der
Bewegungsstörungen umfasst derartig unterschiedliche Krankheitsbilder, dass
keine allgemein gültigen Behandlungsprinzipien angeführt werden können. Die
therapeutische Vorgangsweise hängt von der Art der jeweiligen Störung ab.
Wichtig ist aber immer ein mehrdimensionales Behandlungskonzept: Neben der
Bewältigung der psychischen und sozialen Probleme ist in jenen Fällen mit
bereits chronifizierter Symptomatik auch auf ein übungsorientiertes Vorgehen zu
achten, das heißt auf gleichzeitig einsetzende physiotherapeutische,
körpertherapeutische und verhaltenstherapeutisch-konfrontative
Behandlungsmaßnahmen.
Bei körperlich-dissoziativen Störungen müssen unbedingt die Ursachen
erkannt und beseitigt werden. Meist handelt es sich um starke innere oder
äußere Konfliktsituationen, die nicht bewältigbar erscheinen, sodass sich die
Symptomatik als vorläufiger Problemlösungsversuch entwickelt hat. Bei
dissoziativen Gangstörungen und Krampfanfällen sollen die Betroffenen ihre
inneren Konflikte und äußeren Belastungen bewusst wahrnehmen und bewältigen
lernen.
Bei psychogenem Schwindel müssen die Betroffenen ermutigt werden, ihr
Vermeidungsverhalten durch eine sukzessive Konfrontation mit allen Schwindel
auslösenden Situationen zu bewältigen, um der Gefahr einer lebenseinengenden
Agoraphobie zu begegnen. Gleichzeitig müssen auch die Ursachen wie familiäre
und berufliche Überlastungen oder perfektionistische Leistungsansprüche
beseitigt werden.
Bei neurologisch bedingten Störungen der Bewegung geht es meist um die
bessere Bewältigung der psychischen und sozialen Folgen der jeweiligen
Krankheit, in bestimmten Fällen wie etwa epileptischen Anfällen oder Dystonien
mit psychogener Überlagerung aber auch darum, krankheitsverstärkende Faktoren
zu beseitigen; bei schubhaft verlaufenden Krankheiten wie der Multiplen
Sklerose kann durch besseren Umgang mit Stress möglicherweise der nächste Schub
abgefangen werden.
Bei einer Epilepsie mit psychogener Überlagerung müssen die
krankheitsverschärfenden Faktoren analysiert und beseitigt werden; eine
ausschließlich medikamentöse oder operative Behandlung wäre ein Kunstfehler.
Bei den so genannten „therapieresistenten Epilepsien“ sind vor
hirnchirurgischen Maßnahmen auch nichtorganische Aspekte zu bedenken und
entsprechende Behandlungsmaßnahmen zusätzlich einzuleiten.
Wenn Schmerzen den Körper plagen
„Alles, was von den Menschen getan und
gedacht wird, gilt der Befriedigung gefühlter Bedürfnisse, sowie der Stillung
von Schmerzen."
Albert Einstein
Chronische Rückenschmerzen – das Kreuz mit dem Kreuz
Herr Steiner, ein 49-jähriger Elektroinstallateur, leidet seit vier Jahren
beinahe täglich unter starken Rückenschmerzen. Aufgetaucht waren sie bald nach
seinem Wechsel in die fremde Baubranche, wo er plötzlich ungewohnten
körperlichen Belastungen ausgesetzt war. Dennoch bleibt er seinem neuen Beruf
treu, weil er hier zumindest nicht mehr so viel Angst vor einer Kündigung haben
muss wie bei seinem früheren Arbeitgeber. Bei einer umfassenden körperlichen
Untersuchung wird zwar eine leichte degenerative Veränderung der Wirbelsäule
festgestellt – zu leicht aber als Rechtfertigung für die zahlreichen
Krankenstände, die Herr Steiner wegen seiner Schmerzen seit einiger Zeit in
Anspruch nimmt. Aber nicht genug: Herr Steiner überträgt sein übertriebenes
Schonverhalten auch auf den Freizeitbereich, um die gefürchteten Schmerzen zu
vermeiden. Der ehemals sehr sportliche Mann hat seine zahlreichen
Freizeitaktivitäten und seine umfangreichen Sozialkontakte fast völlig
aufgegeben und lässt sich von seiner Frau betreuen, als wäre er schwer
behindert. Hinzu kommt ein regelrechter Schmerzmittelmissbrauch, vor allem auch
von opiathaltigen Präparaten, kombiniert mit starken Schlafmitteln, da er sonst
nicht ein- und durchschlafen könnte. Seine Frau wird erst aufgeschreckt, als er
sechs Monate lang wegen seiner Schmerzen nicht mehr zur Arbeit geht, in der
Folge davon gekündigt wird, ein Kuraufenthalt erfolglos bleibt und ein
Rentenantrag wegen Arbeitsunfähigkeit abgelehnt wird. Herr Steiner wird in
Folge schwer depressiv, was die Schmerzen in bisher nicht gekanntem Ausmaß
verstärkt. Er erhält von seinem Hausarzt ein Antidepressivum und die
Empfehlung, eine psychosomatische Klinik aufzusuchen.
„Das schmerzt mich sehr“: Schmerzen und Psyche
Akute Schmerzen
sind ein kaum ignorierbares Warnsignal, dass mit unserem Körper vorübergehend
oder dauerhaft etwas nicht in Ordnung ist. Der Schmerz ist ein ungeliebter,
aber unbedingt erforderlicher Bote. Ohne Schmerzwahrnehmung wäre der Körper
ständig lebensgefährlich bedroht. Das Schmerzempfinden entsteht durch die
Erregung bestimmter schmerzleitender Nervenbahnen, die zur sinnlichen Erfahrung
des Schmerzes führen. Das Schmerzerleben kann, muss aber nicht mit einer
organischen Ursache (Gewebeschädigung) verbunden sein. Schmerzen können
Ausdruck einer organisch bedingten Störung, einer seelischen Kränkung oder
einer sozialen Beziehungsstörung sein.
In der Fachwelt gilt folgende Schmerzdefinition: Schmerz ist ein
unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller
Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung
beschrieben wird. Schmerz ist demnach nicht einfach nur ein bloßes
Sinnesphänomen oder eine reine Reizwahrnehmung, sondern weist auch eine
gefühlsmäßige Komponente auf. Diese Definition berücksichtigt bewusst auch
Schmerzen ohne organische Ursachen. Die früher übliche Unterscheidung in
organisch bedingte und „psychogene“ Schmerzen wurde von den Fachleuten
zugunsten eines multidimensionalen Schmerzkonzepts aufgegeben, weil Schmerzen
immer eine körperliche und eine psychische Komponente haben, sie ist aber in
der klinischen Praxis noch häufig anzutreffen.
Man unterscheidet zwischen akuten und chronischen Schmerzen.
Akute Schmerzen dauern gewöhnlich nur relativ kurz an (Sekunden bis maximal Wochen). Sie
haben eine Signal- und Warnfunktion, indem sie den Körper auf eine drohende
oder bereits eingetretene Gewebeschädigung hinweisen und den Organismus vor
weiteren Schäden schützen. Die Schmerzen sind in der Regel auf den Ort der
Schädigung begrenzt, sodass der Arzt aus der Lokalisation und der Qualität des
Schmerzes auf die zugrunde liegende Ursache schließen kann. Das Schmerzausmaß
steht gewöhnlich in direktem Zusammenhang mit der Intensität des auslösenden
Reizes (oft ist dieser Zusammenhang jedoch gar nicht so eng). Die Beseitigung
der Ursache führt meist zur Erholung des Körpers und zum Verschwinden der
Schmerzen.
Chronische Schmerzen sind Schmerzzustände, die – je nach Definition – drei bzw. sechs Monate nach Beginn einer akuten
Schmerzepisode noch immer andauern (z.B. Rückenschmerzen, rheumatische
Schmerzen) oder immer wiederkehren (z.B. Migräne und Spannungskopfschmerzen).
Menschen mit chronischen Schmerzen werden oft nur unzureichend behandelt; ihr
Krankheitsverhalten ist stark schmerzbezogen, und sie klagen häufig über
psychische, soziale und berufliche Beeinträchtigungen (Leistungsminderung,
Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit, Funktionsbehinderungen der Feinmotorik).
Oft weisen sie auch eine reaktiv-depressive Symptomatik auf, die wiederum das
Schmerzerleben verstärkt. Die Schmerzen sind umso chronischer, je mehr sie das
Erleben und Verhalten des Betroffenen bestimmen. Im Gegensatz zu akuten
Schmerzen besteht häufig kein eindeutiger und enger Zusammenhang zwischen der
Gewebe- oder Organschädigung und der erlebten Schmerzintensität. Die Ursache
des Schmerzes liegt weniger am Ort des Schmerzes als vielmehr im Gehirn, wo der
Schmerz verarbeitet wird und sich eine Eigendynamik entwickelt hat. Bei
chronischen Schmerzen ist der Schutz- und Warncharakter der Symptomatik
verloren gegangen. Es entwickelt sich im Laufe der Zeit ein eigenständiges
Krankheitssyndrom, abgekoppelt von spezifischen organischen Ursachen oder
Auslösern, die meist gar nicht mehr eruierbar sind. Beim Übergang von einer
akuten zu einer chronischen Symptomatik sind Lernprozesse wirksam, die zur
Verstärkung der Krankenrolle führen. Bei der Behandlung chronischer Schmerzen
steht daher nicht mehr die Beseitigung der Schmerzursache, sondern die
Veränderung des Schmerzerlebens im Sinn eines anderen Umgangs mit den Schmerzen
im Vordergrund.
Chronische Schmerzen werden durch krankhafte Veränderungen der
Schmerzverarbeitung im Nervensystem verursacht oder verstärkt. Zum Verständnis
chronischer Schmerzen muss man drei Körpersysteme beachten:
1.
Die Sinneszellen und die ihnen nachgeschalteten Nervenzellen. Die
Sinneszellen (Schmerzrezeptoren) in der Haut, in den Eingeweiden, in den
Bändern, in den Gelenken und in den Muskeln nehmen die Schmerzreize auf und
leiten sie über bestimmte Nervenbahnen direkt ins Rückenmark in der Wirbelsäule
weiter.
2.
Das
Rückenmark als erste Verarbeitungsstation. Das Rückenmark verarbeitet die
Schmerzreize und leitet sie gefiltert über eine Art Tor-Mechanismus an das
Gehirn weiter. Die Weiterleitung hängt davon ab, ob dieses Tor offen oder
geschlossen ist. Bei geschlossenem Tor empfängt das Gehirn keine Signale und
nimmt daher auch keinen Schmerz wahr.
3.
Das
Gehirn als Schaltzentrale. Das Gehirn verarbeitet die eintreffenden
Schmerzreize als bewusste Schmerzerfahrungen und Gefühle, kann aber auch durch
direkte Befehle an das Rückenmark das Tor öffnen oder schließen. Der aktuelle
Gefühlszustand bestimmt die Art der Schmerzverarbeitung. Schmerzempfindungen werden
bei Freude und Glücksgefühlen als weniger belastend empfunden, bei
Hilflosigkeit, Erschöpfung und depressiver Stimmung dagegen als sehr quälend
erlebt. Bestimmte Gedanken und Bewertungen können einen Schmerz erträglich oder
bedrohlich erscheinen lassen. Unsere Gefühlszustände und Denkmuster haben also
großen Einfluss darauf, ob das Schmerztor im Rückenmark eher geöffnet oder eher
geschlossen wird. So kann etwa die Konzentration auf angenehme oder interessante
Dinge vom Schmerz ablenken und diesen erträglicher machen.
Zum Verständnis
chronischer Schmerzen ist auch der Begriff des Schmerzgedächtnisses von
zentraler Bedeutung. Das Schmerzgedächtnis ist ein wesentlicher Faktor für die
Entstehung einer Schmerzstörung. Menschen mit häufigen Schmerzen werden im Laufe
der Zeit dem Schmerz gegenüber nicht unsensibler, sondern reagieren im
Gegenteil immer empfindlicher auf Schmerzen. Wiederholte starke Schmerzreize
können die Übertragung von Schmerzinformationen vom peripheren auf das Zentralnervensystem
anhaltend verstärken. Die ständige Wiederholung starker
Schmerzsignale verändert dauerhaft die Funktion und den Aufbau ganz bestimmter
Nervenzellen im Rückenmark. Diese werden nach einer länger dauernden
Übererregung überempfindlich und reagieren bereits auf schwache Impulse in
Schmerzfasern mit starken Erregungen; sie erinnern sich an die früheren akuten
Schmerzreize und erzeugen ständig Schmerzsignale, ohne dass ein Auslöser dafür
vorliegt. Als Folge davon werden selbst leichte Reize (z. B. Berührung, Wärme
oder Dehnung) plötzlich als Schmerz empfunden. Dieser Lernvorgang ist die
Grundlage des Schmerzgedächtnisses. Allein die Vorstellung von Schmerzen kann
schon zu neuerlichen Schmerzen führen. Vor allem
postoperative Schmerzen hinterlassen ausgeprägte Spuren. Unzureichend
behandelte bzw. behandelbare Schmerzen hinterlassen ebenfalls Gedächtnisspuren
im Zentralnervensystem, die die Schmerzempfindlichkeit erhöhen.
Ein weiterer Faktor zur Chronifizierung von Schmerzen ist Angst, die von
einem bestimmten Gehirnbereich (Mandelkern) gesteuert wird. Durch diese Angst
prägt sich jede neue Schmerzempfindung besonders tief in das Gehirn ein. Über
das Schmerzgedächtnis wird dann bei jeder neuen Schmerzattacke auch die damit
verbundene Angst erinnert. So entsteht ein verhängnisvoller
Angst-Schmerz-Teufelskreis.
Wenn sich das Schmerzgedächtnis einmal entwickelt hat, kann es mit den
derzeit vorhandenen Medikamenten nicht gelöscht werden. Doch für die Zukunft
besteht Hoffnung: Auf der Basis der neuen neurobiologischen Konzepte über das
Schmerzgedächtnis können vielleicht einmal wirksamere Medikamente zur
Behandlung chronischer Schmerzen entwickelt werden.
Man kann vier Komponenten des
Schmerzes unterscheiden:
1.
Sensorische Komponente. Als bewusste Sinnesempfindung werden Informationen über den Ort, die
Dauer und die Intensität eines Schmerzes vermittelt.
2.
Affektive (emotionale) Komponente. Der Schmerz löst fast immer unlustbetonte Affekte und Emotionen aus und
beeinträchtigt das Wohlbefinden.
3.
Vegetative (autonome) Komponente. Der Schmerz bewirkt bestimmte Reaktionen des vegetativen Nervensystems
(z.B. Schweißausbruch, Steigerung der Herzfrequenz und des Blutdrucks).
4.
Motorische Komponente. Der Schmerz führt zu Flucht- und Schutzreflexen in Form von muskulärer
Anspannung.
Nach einer anderen
Einteilung kann man den Schmerz ebenfalls auf vier Ebenen beschreiben:
1.
Körperlich-physiologische Ebene. Der Schmerz kann, muss aber nicht eine organische Grundlage haben. Das
schmerzleitende System wird aktiviert, bestimmte Schmerzstoffe, Botenstoffe und
andere Substanzen werden freigesetzt.
2.
Motorisch-verhaltensbezogene Ebene. Der Schmerz führt zu einer bestimmten muskulären Reaktion (z.B.
reflektorisches Zurückziehen der Hand, muskuläre Verspannung, Veränderung der
Ausdrucksmotorik).
3.
Subjektiv-psychologische Ebene. Der Betroffenen zeigen offene Reaktionen (z.B. Klagen, Weinen, Schreien,
Stöhnen), verdeckte Reaktionen in Form von Gedanken (z.B. „Die Schmerzen sind unerträglich“) und entwickeln
bestimmte Vorstellungen und Gefühle (z.B. Angst, Depression,
Verzweiflung).
4.
Soziale Ebene. Das individuelle Schmerzerleben hat soziale Auswirkungen
(z.B. Krankenstand, Behinderung, Berufsunfähigkeit, sozialer Rückzug).
Schmerzen gehören zu den
häufigsten körperlichen Beschwerden: 60 bis 80 % der Bevölkerung haben im Laufe
eines Jahres einmal oder mehrmals Schmerzen unterschiedlichen Schweregrades.
Chronische Schmerzen stellen ein völlig unterschätztes Problem dar und finden
nicht jene Beachtung, die aufgrund der weltweiten Verbreitung nötig wäre. Nach
einer weltweiten Untersuchung klagen durchschnittlich 22 % der
Hausarzt-Patienten über chronische Schmerzen, wobei die Werte je nach Land
unterschiedlich sind. Nach einer umfangreichen Erhebung in 16 europäischen
Ländern leidet knapp jeder fünfte Erwachsene (19%) unter chronischen Schmerzen,
im Durchschnitt seit sieben Jahren. In Deutschland trifft dies auf 17 %, in
Österreich auf 21 % und in der Schweiz auf 16 % zu.
Immer
mehr Beachtung wird in der Schmerzbehandlung den psychologischen Komponenten
geschenkt: Nach eher konservativen Schätzungen von Fachleuten dürften bei rund
40 % der Patienten psychologische Faktoren bei der Entstehung, Auslösung und
Aufrechterhaltung der Schmerzen eine bedeutsame Rolle spielen.
Schmerzen
wurden in den letzten Jahrhunderten als Begleiterscheinung körperlicher
Erkrankungen angesehen und nicht als eigenständiges Krankheitsbild. Seit den
60er Jahren werden Schmerzen in der Folge einiger bahnbrechender Arbeiten zur
Schmerzverarbeitung in den USA immer stärker als eigenständiges Phänomen betrachtet,
intensiver untersucht und erforscht. Der Begriff der „Schmerzstörung“ in den
modernen Diagnoseschemata trägt dieser Entwicklung Rechnung. Von einer
Schmerzstörung spricht man dann, wenn der Schmerz vom Symptom zur Krankheit
geworden ist, das heißt seine Warnfunktion verloren und sich verselbstständigt
hat. Alle Schmerzen entstehen letztendlich im Kopf, nämlich erst nach der
Verarbeitung der Schmerzimpulse durch unser Gehirn. Diese Sichtweise ist die
Basis der modernen psychologischen Schmerzbewältigungstherapie, wo es darum
geht, das Schmerzerleben modifizieren zu lernen.
Zahlreiche Redewendungen zu den verschiedenen Organbereichen verdeutlichen
den engen Körper-Seele-Zusammenhang bei schmerzhaften Verspannungen. Kopf: etwas
bereitet mir Kopfschmerzen, mir raucht oder dröhnt der Kopf, mir brummt der
Schädel, ich zerbreche mir den Kopf, ich habe den Kopf zum Bersten voll.
Rücken: sein Kreuz tragen, alles wird auf meinem Rücken ausgetragen, vom
Schicksal oder vor Gram gebeugt sein. Nacken: die Angst im Nacken, den Nacken
steif halten.
Verspannungsbedingte
Schmerzen kommen auch bei verschiedenen psychischen Störungen vor, insbesondere
bei Menschen mit Depressionen und generalisierten Angststörungen. Die
Betroffenen klagen oft über Verspannungen im Schulter- und Armbereich sowie
über Nacken-, Kreuz-, Gelenk- und Muskelschmerzen.
Viele
psychosomatisch relevante Schmerzen wurden bereits bei den verschiedenen
Organbereichen beschrieben, z.B. chronische Magen- oder Darmschmerzen,
Enddarmschmerzen, Schmerzen beim Harnlassen und Stuhlgang, Kieferschmerzen oder
schmerzhafte Menstruation und chronische Unterleibsschmerzen bei Frauen.
Tabelle 16:
Psychosomatisch relevante Schmerzstörungen
|
Funktionelle Störungen |
·
Anhaltende somatoforme
Schmerzstörung |
|
Organisch fundierte Störungen |
·
Kopfschmerzen
(Spannungskopfschmerzen, Migräne) ·
Gesichtsschmerzen ·
Rückenschmerzen ·
rheumatische
Schmerzen ·
Fibromyalgie ·
myofasciales
Schmerzsyndrom ·
Tumorschmerzen |
Funktionelle Störungen
Anhaltende
somatoforme Schmerzstörung
Im aktuellen
Diagnoseschema werden die früher als „psychogene Schmerzen“ (Psychalgie)
bezeichneten nichtorganisch bedingten Schmerzen als anhaltende somatoforme
Schmerzstörung ausgewiesen und folgendermaßen charakterisiert:
·
Primär leidet der
Betroffene an einem andauernden, schweren und quälenden Schmerz, der seit
mindestens einem halben Jahr an den meisten Tagen auftritt.
·
Der Schmerz ist durch
physiologische Prozesse oder eine körperliche Störung nicht vollständig erklärbar.
·
Der Schmerz tritt in
Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auf.
·
Die Konflikte und
Probleme müssen so schwerwiegend sein, dass sie als entscheidende ursächliche
Einflüsse gelten können.
·
Die Schmerzen stehen
im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des Erlebens und haben gewöhnlich eine
beträchtliche persönliche oder medizinische Betreuung oder Zuwendung zur Folge.
·
Schmerzen aufgrund
bekannter oder vermuteter psychophysiologischer Mechanismen zählen nicht zur
somatoformen Schmerzstörung, sondern sind als „psychische Faktoren oder
Verhaltensweisen bei andernorts klassifizierten Krankheiten“ sowie durch die
Benennung der entsprechenden körperlichen Erkrankung zu codieren (z.B.
Migräne). Mit Bedauern muss festgestellt werden, dass das aktuelle
Diagnoseschema leider die überholte Unterscheidung von psychischen und organischen
Schmerzen und noch nicht das moderne biopsychosoziale Schmerzverständnis
vertritt, wonach keine derartige Spaltung möglich ist.
Die Störung
neigt zur Chronifizierung, wenn keine Behandlung im Sinne des biopsychosozialen
Krankheitsverständnisses erfolgt, weshalb möglichst rasch nach der
organmedizinischen Abklärung eine Intervention im Rahmen eines
multiprofessionellen Behandlungsansatzes erfolgen sollte. Die mögliche
Schwierigkeit dabei ist: Die Betroffenen haben sich oft sehr lange Zeit mangels
besseren Wissens an ein organmedizinisch orientiertes Erklärungsmodell
geklammert, das anfangs oft auch von Ärzten durch bestimmte Diagnosen und
Behandlungsversuche unterstützt wurde, weshalb sie weiterhin dementsprechende
medizinische Hilfestellungen erwarten („Ich hab’s im Körper und nicht im Kopf,
ich bin ja nicht verrückt.“).
Schmerzen kommen häufig auch bei anderen somatoformen Störungen wie der Somatisierungsstörung und der somatoformen
autonomen Funktionsstörung (z.B. bei einer Reizdarmsymptomatik) vor, diese sind
jedoch im Vergleich zu den anderen Symptomen nicht so anhaltend und vorrangig
wie bei einer somatoformen Schmerzstörung.
Eine Schmerzstörung tritt
oft auch zusammen mit anderen psychischen Störungen auf (Depressionen,
Angststörungen, Schlafstörungen). Depressive haben ein vierfach erhöhtes Risiko
für Nacken- und Rückenbeschwerden; bereits bestehende Schmerzen werden durch
eine Depression verstärkt. Chronische Schmerzen stehen häufig in Verbindung mit
Depressionen, akute Schmerzen dagegen eher mit Angststörungen. Viele Patienten
mit einer somatoformen Schmerzstörung weisen in der Vorgeschichte oft auch
verschiedene funktionelle Beschwerden
auf, z.B. Magen-Darm-Beschwerden, herz- und atmungsbezogene Symptome. Bei
Hausärzten wird der Anteil an somatoformen Schmerzpatienten auf 5 bis 7 %
geschätzt.
Die Analyse der Lebensgeschichte (biographische
Anamnese) ist das wichtigste Mittel zum Nachweis einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung und ermöglicht in vielen Fällen eine Abgrenzung zu
primär organisch bedingten Schmerzen. Viele Betroffene haben im Laufe ihres
Lebens körperliche und/oder sexuelle Gewalt oder fundamentale Vernachlässigung
als Kind erlebt. Bei Frauen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen in der
Kindheit ist die Schmerzschwelle
herabgesetzt, sodass oft anhaltende Schmerzen im Unterleib auftreten.
Nachgewiesene biographische Belastungsfaktoren wie Krisensituationen (z.B.
Verlusterlebnisse durch Trennung oder Tod), chronischer Stress oder berufliche,
partnerschaftliche oder familiäre Probleme ermöglichen in 80 bis 90 % der Fälle
eine Abgrenzung zu primär organisch bedingten Schmerzstörungen, wenngleich
stets auch eine umfassende organische Untersuchung erforderlich ist. Häufig
können Paar- und Familiengespräche den klinischen Eindruck und damit die
Diagnose absichern.
Ein Punkt wird in der
Praxis oft zu wenig bedacht: Bei der Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung
muss zwischen den auslösenden emotionalen und psychosozialen Stressfaktoren und
den erst sekundär durch den Krankheitsverlauf entstandenen psychischen
Problemen unterschieden werden!
Menschen
mit einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung unterscheiden sich von Patienten
mit organisch bedingten Schmerzen gewöhnlich in folgender Weise:
·
Die Schmerzen sind nur
vage lokalisierbar, können sogar hinsichtlich Lokalisation und Modalität
wechseln, sich nach lokalem Beginn stark ausweiten und werden von den
Betroffenen weniger typisch geschildert als organisch bedingte Schmerzen.
·
Die Schmerzen werden
eher mit affektiven Bezeichnungen (scheußlich, fürchterlich, schrecklich) als
mit sensorischen Eigenschaften (schneidend, bohrend, ziehend) beschrieben.
·
Typischerweise
bestehen keine Unterschiede in der Schmerzintensität in Abhängigkeit vom
Tagesverlauf und anderen belastenden oder entlastenden Faktoren, das heißt es
ist eine hohe Schmerzintensität ohne Unterbrechung vorhanden.
·
Die anatomischen
Grenzen der Versorgung durch die Nervenbahnen werden nicht eingehalten, das
heißt es werden oft Schmerzen bis zu einer Mittellinie oder einer Grenze
geschildert, denen keine organische Grundlage entspricht.
·
Neben anderen
biographischen Belastungsfaktoren finden sich in der Vorgeschichte oft körperliche
Misshandlung oder sexueller Missbrauch.
Somatoforme Schmerzsyndrome sind
weniger durch typische Symptommuster charakterisiert als vielmehr durch eine
bestimmte Erlebnisverarbeitung körperlicher Vorgänge („Leiden“) und durch ein ungünstiges Krankheitsverhalten der Betroffenen
(„abnormes Krankheitsverhalten“). Bei einer psychologischen oder psychotherapeutischen
Intervention sollten daher stärker die psychosozialen Beeinträchtigungen als
die Symptomintensität oder die diagnostische Zuordnung im Vordergrund stehen.
Bei einer Schmerzstörung ergeben sich typische Folgeprobleme: Fernbleiben
von der Arbeit bzw. Schule, lange Krankenstandszeiten, Arbeitslosigkeit,
Frühpensionierung, übermäßiger Medikamentenkonsum, Missbrauch von Tranquilizern
oder Schmerzmitteln, häufige Inanspruchnahme medizinischer Einrichtungen,
sozialer Rückzug, Partnerprobleme, Einschränkungen der Freizeitaktivitäten bis
hin zur völligen Inaktivität, Reduktion jeder körperlichen Betätigung,
depressive Zustände, hohe Kosten durch schul- oder alternativmedizinische
Maßnahmen in der Hoffnung auf völlige Beseitigung der Schmerzen. Als Folge der
Schmerzen erhalten die Betroffenen oft auch eine intensive persönliche oder
medizinische Betreuung oder Zuwendung. Dies wird auch „sekundärer Krankheitsgewinn“ genannt.
Schmerzstörungen
können zwar bei jeder Altersgruppe auftreten, finden sich jedoch besonders
häufig im 4. und 5. Lebensjahrzehnt. Ausgeprägte geschlechtsspezifische
Unterschiede sind nicht bekannt. Bestimmte Faktoren ergeben bei einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung oft einen ungünstigen Verlauf: Arbeitslosigkeit
zu Beginn der Schmerzbehandlung, laufende oder abgeschlossene Anträge auf eine
Berufsunfähigkeitspension, Entschädigungsverfahren, jahrelanger chronischer
Schmerzverlauf vor Therapiebeginn, Tendenz zur Somatisierung, psychiatrische
Zusatzdiagnosen (z.B. Depression).
Als typische somatoforme Schmerzstörungen gelten folgende anhaltende
Beschwerden:
·
Somatoforme Kopf- und Rückenschmerzen. Man versteht darunter subjektiv erlebte Schmerzen ohne ausreichende
organische Grundlage.
·
Somatoforme
Brustschmerzen. Starke Verspannungen im Brustbereich können Schmerzen auslösen,
die oft als Herzschmerzen fehlinterpretiert werden. Typisch sind: dumpfer
Druck, Brennen (einige Stunden bis mehrere Tage lang) und kurze nadelartige
Schmerzen unter der linken Brustwarze. Die
Betroffenen leiden oft auch unter einer verspannten Rückenmuskulatur, die bis
in den Brustkorb ausstrahlt. Die Brustschmerzen können auch mit einer
erhöhten Empfindlichkeit auf Säurereize in der unteren Speiseröhre
zusammenhängen.
·
Somatoforme
Magen-Darm-Schmerzen. Diese Symptome wurden bereits bei den entsprechenden
Organbereichen im Abschnitt über die funktionellen Störungen beschrieben.
·
Somatoforme chronische
Unterleibsschmerzen bei Frauen. Diese häufig auftretenden Beschwerden wurden
bereits im Abschnitt über die spezifischen Frauenbeschwerden dargestellt.
Organische Störungen
Primär organisch bedingte Schmerzstörungen mit psychosomatischer Relevanz
sind nach dem gültigen Diagnoseschema mit einer Doppeldiagnose zu versehen und
zwar mit der Bezeichnung der organischen Störung und der Zweitdiagnose
„Psychologische Faktoren und Verhaltenseinflüsse bei (z.B. Migräne, Lumboischialgie oder Kreuzschmerz)“.
In der klinischen Praxis werden viele Schmerzstörungen mit vorwiegend
organischen Ursachen dennoch als „anhaltende somatoforme Schmerzstörung“
diagnostiziert, weil zum einen die organischen Faktoren eben nicht ausreichen,
das Beschwerdebild vollständig zu erklären und weil zum anderen das Wort
„Schmerzstörung“ leider in keiner anderen diagnostischen Kategorie aufscheint.
Das Konzept der Schmerzstörung im relativ neuen internationalen Diagnoseschema
ist leider zu undifferenziert und bereits veraltet, denn es beruht auf der
längst überholten Unterscheidung von rein psychischen und rein organischen
Schmerzen.
Moderne Schmerzkonzepte betonen
dagegen die engen Zusammenhänge zwischen Stress bzw. Stressverarbeitung und
chronischen Schmerzen. Aufgrund der Wechselwirkungen zwischen Nervensystem,
Immunsystem und hormonellem System bestehen enge Verbindungen zwischen Stress
und Schmerz. Diese neuen Erkenntnisse werden zukünftig weit reichende
Auswirkungen auf die Diagnostik und die Therapie von Schmerzstörungen haben.
Kopfschmerzen
Kopfschmerzen
sind die häufigsten Befindlichkeitsstörungen des Menschen. Mindestens 70 bis 80
% der Bevölkerung werden einmal oder öfter im Jahr von Kopfschmerzen geplagt.
Nach der bislang umfangreichsten Studie leiden 71,4 % der deutschen Bevölkerung
zumindest zeitweise an Kopfschmerzen: 27,5 % leiden an Migräne, 38,3 % an
Kopfschmerzen vom Spannungstyp. Migräne kommt bei Frauen (32 %) häufiger vor
als bei Männern (22%); bei episodischen und chronischen Kopfschmerzen vom
Spannungstyp besteht kaum ein Unterschied zwischen Frauen und Männern. Unter
den Migräne-Patienten leiden 10 % an Migräne mit neurologischen Vorzeichen,
nämlich mit der typischen Aura, über 70 % an Migräne ohne typische Aura und
rund 10 % an komplizierten Migräneformen und Cluster-Kopfschmerzen. Wenn eine
Migräne bereits im Kindesalter aufgetreten ist, bleibt diese bei 60 % auch im
Erwachsenenalter bestehen.
Mit fortschreitendem Alter werden migräneartige Kopfschmerzen seltener und
chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp häufiger; episodische Kopfschmerzen
vom Spannungstyp sind altersunabhängig. Auffällig ist der in den letzten
Jahrzehnten erfolgte Anstieg der Migräne im Kindesalter. Wenn gleichzeitig auch
psychische Störungen vorhanden sind, bleiben die Kopfschmerzen bestehen oder
treten sogar verstärkt auf. Begleitende Angststörungen und Depressionen
bewirken mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Chronifizierung der Kopfschmerzen
von der Jugend bis zum Erwachsenenalter.
Es gibt zwei grundlegend verschiedene Arten von Kopfschmerzen: primäre und
sekundäre Kopfschmerzen.
Sekundäre Kopfschmerzen haben nachweisbare organische Ursachen und kommen
nur bei höchstens 5 % der Kopfschmerz-Patienten vor. Sie sind die Folge von
Krankheiten wie Kopftumor, Gehirnblutung, Gefäßmissbildungen, Augen- oder
Bandscheibenproblemen oder die Nachwirkungen von Verletzungen oder Operationen.
Bei chronischen oder wiederholt auftretenden Kopfschmerzen sollten organische
Ursachen medizinisch ausgeschlossen worden sein, bevor man psychosomatisch
orientierte Überlegungen anstellt.
Primäre Kopfschmerzen sind ein eigenständiges Krankheitsbild und nicht
Folge einer anderen Störung. Es handelt sich um reversible Störungen der
schmerzempfindlichen Strukturen innerhalb oder außerhalb des Schädels. Man
unterscheidet folgende Arten: Spannungskopfschmerzen, Migräne mit und ohne
Aura, Clusterkopfschmerzen (zeitliche Anhäufung von Anfallsserien mit
bohrend-brennenden Kopfschmerzen im Frühjahr oder Herbst sowie zu bestimmten
Tageszeiten). Spannungskopfschmerzen sind doppelt so häufig wie Migräne. Die
Mehrzahl der chronischen Kopfschmerz-Patienten leidet unter Mischbildern. Im
Folgenden werden nur die Spannungskopfschmerzen und die Migräne besprochen, da
beim Clusterkopfschmerz bisher keine psychosomatischen Zusammenhänge belegt
sind.
Kopfschmerzen vom Spannungstyp
Die heute
übliche Bezeichnung „Kopfschmerzen vom Spannungstyp“ ist eine Sammelbezeichnung
für Kopfschmerzformen, die früher als Spannungskopfschmerz, Muskelkontraktionskopfschmerz,
vasomotorischer, stressabhängiger oder psychogener Kopfschmerz diagnostiziert
wurden. Es handelt sich dabei um die häufigsten Kopfschmerzen, die bei 15 bis
20 % der Bevölkerung vorkommen, bei Frauen etwas häufiger als bei Männern.
Spannungskopfschmerzen treten – im Gegensatz zu Migräne – gewöhnlich auf beiden
Seiten von Kopf und Nacken auf. Viele Betroffene leiden, was oft unterschätzt
wird, darunter ebenso stark wie Migräne-Patienten.
„Spannungskopfschmerzen“ wurden früher mit einer Anspannung der Stirn- und
Nackenmuskulatur erklärt. Die Beziehung zwischen Spannungskopfschmerzen und
Muskelverkrampfungen ist jedoch keineswegs so eng, wie bislang immer angenommen
wurde. Die muskulären Verspannungen können auch umgekehrt die Folge der
Spannungskopfschmerzen sein.
Man unterscheidet zwischen Spannungskopfschmerzen mit und ohne Beteiligung
der Schädelmuskulatur, da nicht alle Spannungskopfschmerzen durch Verspannungen
der Schädelmuskulatur ausgelöst werden. Die Beschwerden können auch mit einer
Veränderung der Schmerzempfindlichkeit durch bestimmte Botenstoffe des Gehirns
zusammenhängen. Eine erhöhte Muskelspannung ist demnach zur Diagnosestellung
von Spannungskopfschmerzen nicht mehr erforderlich, wenngleich bei der Mehrheit
der Betroffenen eine muskuläre Verspannung vorhanden ist. Im Gegensatz zu
früheren Annahmen weisen Kopfschmerz-Patienten grundsätzlich eine erniedrigte
Schmerzschwelle und -toleranz auf, sowohl während der Kopfschmerzen als auch im
schmerzfreien Intervall.
In Abhängigkeit von der
Häufigkeit gibt es eine episodische und eine chronische Verlaufsform, die sich
in den Ursachen und in der Behandlung unterscheiden.
Episodische Kopfschmerzen vom
Spannungstyp sind charakterisiert durch wenigstens 10 typische Kopfschmerzepisoden,
die nicht häufiger als 180 Tage pro Jahr bzw. weniger als 15 Tage pro Monat
auftreten und pro Episode zwischen 30 Minuten und 7 Tagen andauern. Die
Schmerzen weisen mindestens zwei von vier typischen Merkmalen auf: drückende
bis ziehende, nicht pulsierende Schmerzqualität; leichte bis mäßige
Schmerzintensität, sodass die übliche körperliche Aktivität allenfalls
behindert, aber nicht unmöglich ist; beidseitige Lokalisation; keine
Verstärkung durch körperliche Tätigkeiten wie Treppensteigen u.ä. Es besteht
keine Übelkeit und kein Erbrechen (Appetitlosigkeit kann vorkommen) und auch
keine Scheu vor Licht oder Geräuschen (in einem der beiden Bereiche kann aber
eine Scheu vorhanden sein).
Chronische Kopfschmerzen vom
Spannungstyp treten wenigstens 15 Tage pro Monat bzw. 180 Tage pro Jahr über
wenigstens 6 Monate hinweg auf. Es sind mindestens zwei der folgenden vier
Merkmale vorhanden: drückender oder ziehender Schmerz; leichte bis mäßige
Intensität, was die täglichen Aktivitäten beeinträchtigen kann, aber nicht
völlig unmöglich macht; beidseitige Lokalisation; keine Verstärkung durch
Treppensteigen oder sonstige vergleichbare körperliche Aktivitäten. Es besteht
kein Erbrechen, es kann aber eines der drei Symptome Übelkeit, Scheu vor Licht
oder Scheu vor Erbrechen vorhanden sein.
Bei Patienten mit Spannungskopfschmerzen gibt es im Gegensatz zu früheren
Behauptungen keine typischen Persönlichkeitsmerkmale. Als mögliche Ursachen
gelten neben anderen Faktoren vor allem psychosozialer Stress, zwischenmenschliche
Probleme, Arbeitsdruck, Angststörungen, depressive Erkrankungen und
Schlafstörungen.
Migräne
8 bis 12 % der
Bevölkerung leiden unter Migräne, Frauen dreimal häufiger als Männer. Bei
Migräne unterscheidet man zwei Arten: mit und ohne Aura, das heißt mit oder
ohne neurologische Vorzeichen einer Attacke.
Eine Aura ist eine Phase mit verschiedenen vorübergehenden, bis höchstens
eine Stunde andauernden neurologischen Symptomen und Ausfällen; sie wird von
den Betroffenen zwar als schmerzfrei, aber dennoch als sehr belastend erlebt.
Als typische und häufigste Form der neurologischen Vorzeichen gilt eine
visuelle Aura. Es handelt sich dabei meist um eine Sehstörung in Form einer
Flimmerempfindung mit Lichtblitzen, die sich von innen her zum Rand des Gesichtsfeldes
ausbreiten, wobei es manchmal zu kurzfristigen Gesichtsfeldausfällen kommen
kann. Viel seltener treten Gefühlstörungen und Körpermissempfindungen,
motorische Schwäche (meist einseitig) und Sprachstörungen auf.
Eine Migräne mit Aura liegt dann vor, wenn wenigstens zwei
Kopfschmerzattacken aufgetreten sind, die mindestens zwei der folgenden vier
Merkmale aufweisen:
·
ein oder mehrere voll
reversible neurologische Aurasymptome als Ausdruck einer fokalen
Funktionsstörung in der Großhirnrinde und/oder im Hirnstamm,
·
wenigstens ein
Aurasymptom entwickelt sich allmählich über mehr als 4 Minuten hinweg, zwei
oder mehrere Symptome treten in Folge auf.
·
kein Aurasymptom
dauert länger als 60 Minuten (diese Zeitgrenze kann proportional überschritten
werden, wenn mehrere Aurasymptome auftreten),
·
die Kopfschmerzphase
folgt der Aura mit einem freien Intervall von weniger als 60 Minuten, kann aber
gelegentlich vor oder gleichzeitig mit der Aura beginnen.
Wenn die
neurologische Symptomatik länger als eine Stunde andauert, liegt eine Migräne
mit verlängerter Aura vor. Manchmal tritt bei einer Migräne mit Aura auch eine
halbseitige Lähmung oder Schwindel auf. Die neurologischen Begleitsymptome
bilden sich gewöhnlich nach dem Anfall zurück.
Eine Migräne ohne Aura besteht aus Kopfschmerzattacken, die unbehandelt
zwischen 4 und 72 Stunden andauern und mindestens zwei der folgenden vier Merkmale
aufweisen: einseitige Lokalisierung; pulsierender Schmerzcharakter;
Verschlimmerung bei körperlicher Betätigung wie Treppensteigen; mäßige bis
starke Schmerzintensität, sodass die üblichen Tagesaktivitäten erschwert oder
nicht möglich sind. Zudem ist noch wenigstens eine weitere Begleiterscheinung
charakteristisch: Übelkeit und/oder Erbrechen sowie eine Scheu vor Licht und
Geräuschen. Typisch ist folgender Verlauf: Die Symptomatik entwickelt sich
innerhalb weniger Stunden zur vollen Intensität, dauert unbehandelt meistens 3
bis 12 Stunden an, kann oft aber auch mehrere Tage und Nächte anhalten und
verschwindet dann gewöhnlich rasch und vollständig. Die Beschränkung der
Schmerzen auf eine Schädelhälfte ist – abgesehen von anderen Merkmalen – ein
typischer Unterschied zu Spannungskopfschmerzen. Die Betroffenen fühlen sich
häufig so beeinträchtigt, dass sie ihre Tätigkeit abbrechen müssen und sich
gewöhnlich in einem verdunkelten Zimmer ins Bett zurückziehen. Jede körperliche
Betätigung wie Bücken, Heben von Lasten oder Treppensteigen führt im Gegensatz
zu Spannungskopfschmerzen zur Verschlimmerung der Beschwerden. Charakteristisch
ist auch eine Übelkeit, die bis zum Erbrechen führen kann, wodurch die
Schmerzen anschließend oft nachlassen.
Die Auslöser für eine Migräneattacke sind – im Gegensatz zum allergischen
Asthma – gewöhnlich nicht im Sinne einer Reiz-Reaktion zu verstehen, sondern stellen
bloß begünstigende Faktoren dar. Es handelt sich um eher grob definierte, auf
den ersten Blick unauffällige Situationen, z.B. am Wochenende, nach dem
Fernsehen, einige Tage vor der Menstruation. Neben biologisch-physikalischen
Auslösern wie Lichtreizen, Menstruation, Störungen des Schlaf-Wachzyklus,
hormonellen Veränderungen, Hunger, Alkohol und bestimmten Nahrungsmitteln wie
Schokolade oder Käse gibt es auch psychische Auslöser wie emotionale Faktoren
(Ärger oder Wut), erhöhter Leistungsanspruch, Stress, Hektik oder Entspannung
nach psychischen Belastungen (z.B. nach einer anstrengenden Woche, einer
schweren Prüfung sowie zu Urlaubsbeginn).
Eine Migräne beginnt gewöhnlich zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr, selten
nach dem 40. Lebensjahr (hier meistens bedingt durch Gefäßveränderungen im
Rahmen einer anderen organischen Grunderkrankung).
Abgesehen von Patienten, die nur einmal bzw. einige Male im Leben einen
Migräneanfall erleben, weist Migräne gewöhnlich einen chronischen Verlauf über
Jahrzehnte auf, wobei einige Patienten wöchentlich mehrere Anfälle und andere
nur einige Attacken pro Jahr aufweisen. Nach dem 45. Lebensjahr, bei Frauen oft
nach der Menopause, werden die Anfälle weniger oder bleiben ganz aus.
Während Spannungskopfschmerz-Patienten hauptsächlich unter einer
Beeinträchtigung der Stimmung leiden, jedoch häufig arbeitsfähig sind, besteht
bei Migräne-Patienten vor allem eine Leistungs- und Arbeitsminderung durch ihr
verständliches Bedürfnis nach stundenlanger Bettruhe im abgedunkelten und
geräuscharmen Schlafzimmer.
Die Ursachen von Migräne sind gegenwärtig noch unklar, wenngleich es
zahlreiche Hypothesen dazu gibt. Die frühere Auffassung, dass ein Migräneanfall
durch eine starke Verengung und anschließende Erweiterung der inneren und äußeren
Kopfgefäßwände verursacht wird, ist veraltet. Vielmehr ist die oft auch von
außen beobachtbare Gefäßreaktion (Pulsieren bzw. Rot- oder Blasswerden der
Haut) die Folge bisher unbekannter Ursachen, das heißt eine Sekundärerscheinung
als Folge von Prozessen, bei denen wahrscheinlich Entzündungsvorgänge der
Nerven, neuronale Vorgänge insbesondere im Hirnstamm und im Mittelhirn sowie
der Botenstoff Serotonin eine große Rolle spielen.
Gesichtsschmerzen
Unter den Gesichtsschmerzen
finden sich zwei mit psychosomatischer Relevanz: der atypische Gesichtsschmerz
und das orofaziale Schmerz-Dysfunktionssyndrom.
Der atypische Gesichtsschmerz umfasst alle Gesichtsschmerzen, bei denen
keines der bekannten Krankheitsbilder gefunden werden kann. Die Bezeichnung „atypisch“
ergab sich historisch gesehen aus der Abgrenzung gegenüber der typischen
Trigeminusneuralgie, bei der im Unterschied zum ständig vorhandenen atypischen
Gesichtsschmerz immer freie Intervalle zwischen den Attacken bestehen. Die
Betroffenen klagen über schwer lokalisierbare, zumeist einseitige, dumpfe,
drückende bis brennende und ständig vorhandene Schmerzen wechselnder
Intensität, die als tief im Gewebe von Nase, Wangen oder Stirn häufig flächig
ausstrahlend empfunden werden. Die Dauerschmerzen treten oft nach
zahnärztlichen oder HNO-Eingriffen auf oder werden durch diese verstärkt. Die
Schmerzen können unterschiedlich stark sein, dauern meist Stunden an, treten
weder in Episoden noch Attacken auf und stehen nicht mit objektivierbaren
Störungen der Körperwahrnehmung oder bestimmten schmerzauslösenden Punkten
(Triggerzonen) in Verbindung, das heißt sie sind sehr diffus. Sehr selten
können aber doch attackenartige Schmerzen auftreten, was die Einordnung des
Krankheitsbildes erschwert. Charakteristisch ist die Diskrepanz zwischen dem
subjektiv erlebten Schmerzausmaß und der tatsächlichen Beeinträchtigung der
Lebensqualität, verglichen etwa mit einer Trigeminusneuralgie. Derartige
Schmerzen stehen oft in einem ursächlichen Zusammenhang mit psychischen Störungen,
vor allem Depressionen und somatoformen Störungen.
Das orofaziale Schmerz-Dysfunktionssyndrom, bekannt auch unter den
Bezeichnungen funktionelle Kiefergelenksbeschwerden, myofaziales Schmerzsyndrom
oder Myoarthropathie, wurde bereits im Abschnitt über die Zähne dargestellt; es
besteht aus dauerhaften Schmerzen im Bereich der Kaumuskulatur. Dies ist der wesentliche
Unterschied zu einer Trigeminusneuralgie, die akut ist und sozusagen plötzlich
einschießt. Die Schmerzen stehen nur bei einem Teil der Patienten in Zusammenhang
mit Kaubewegungen und sind im Bereich des Kiefergelenkes lokalisiert. Meist
dehnen sie sich über die gesamte Gesichtshälfte, teilweise auch auf die Kopfhälfte
aus und können bis in die seitliche Nackenregion ziehen. Häufig bestehen
Muskelkrämpfe, verbunden mit einer Druckempfindlichkeit in bestimmten
Bereichen, sowie ein Knacken im Kiefergelenk; das Öffnen und Bewegen des
Kiefers ist erschwert. Die Symptomatik ist oft verbunden mit Schwindel, Körpermissempfindungen,
Depressionen, Angstzuständen oder nächtlichem Zähneknirschen. Neben
vorausgegangenen Problemen mit den Zähnen sind es häufig auch psychische und
psychosoziale Faktoren wie Stress, Probleme in der Familie oder am
Arbeitsplatz, individuelle Überforderung, Angst, Frustration, Wut und
Aggression, die über muskuläre Verspannungen zu Schmerzen im Kieferbereich
führen.
Rückenschmerzen
Nach
Kopfschmerzen sind Störungen im Bereich der Wirbelsäule die häufigste Ursache
für chronische Schmerzen. Sie werden unter der Bezeichnung „Rückenschmerzen“
zusammengefasst. Sie gelten als das Volksleiden Nummer 1. Frauen und Männer
sind davon etwa gleich häufig betroffen. Aktuell werden zwischen 12 bis 30 %
der Bevölkerung von Rückenschmerzen geplagt – mit steigender Tendenz in den
letzten 20 Jahren, was sich rein medizinisch gesehen schwer erklären lässt.
Insgesamt gehen nur 10 % der Betroffenen zum Arzt. Wirbelsäulenbedingte
Schmerzen stehen an zweiter Stelle der Erkrankungen, die zum Arztbesuch führen.
In orthopädischen Praxen machen Menschen mit Rückenschmerzen 40 % aller
Patienten aus. Nach einer repräsentativen Befragung leiden rund 90 % aller
Deutschen irgendwann einmal an Rückenschmerzen. 43 % gaben an, innerhalb der
letzten sieben Tage von Rückenschmerzen geplagt worden zu sein, 15 % sogar
täglich.
Volkswirtschaftlich gesehen stellen Rückenschmerzen einen erheblichen
Kostenfaktor dar: Sie sind das teuerste Krankheitssymptom und die weitaus
häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit nach Tagen und Fällen. Knapp die
Hälfte aller Rehabilitationsmaßnahmen, ein Drittel aller Frührenten und fast
ein Drittel aller Arbeitsunfähigkeitstage erfolgten in Deutschland aufgrund von
Erkrankungen des Haltungs- und Bewegungssystems. Erfahrungsgemäß kehren nur 40
% aller Rückenschmerz-Patienten, die länger als sechs Monate im Krankenstand
waren, in die Arbeitswelt zurück. Bei über einjähriger Krankschreibung werden
nur 8 bis 15 % der Rückenschmerz-Patienten wieder in den Beruf eingegliedert.
Bei akuten Rückenschmerzen besteht eine gute Prognose mit unkompliziertem
Verlauf: 85 bis 90 % der Rückenschmerz-Patienten können innerhalb von 6 bis 8
Wochen durch körperliche Entlastung, Schmerzmittel, Muskelentspannungsmittel
und Physiotherapie erfolgreich behandelt werden oder verlieren ihre Schmerzen
ohne jede Behandlung. Bei chronischen Rückenschmerzen, die bei etwa 10 % der
Rückenschmerz-Patienten länger als drei Monate andauern, gibt es dagegen viele
therapeutische Misserfolge.
Der Rücken ist recht häufig jener Ort, an dem sich die Auswirkungen
zahlreicher Belastungen in Form von Schmerzen widerspiegeln. Psychische
Probleme zeigen sich oft in muskulären Verspannungen und Nacken-, Schulter- und
Kreuzschmerzen.
Rückenschmerzen sind nur ein Symptom und keine Krankheit. Die Bezeichnung
„Rückenschmerzen“ sagt weder etwas Genaues über den Ort noch über die Ursachen
der Beschwerden aus. Die Schmerzen werden häufig punktförmig oder breitflächig
im Nacken (25 %), im Brustwirbelbereich (5 %) sowie im Lenden- oder Beckenbereich
(70 %) lokalisiert. Die häufigsten Rückenschmerzen zeigen sich demnach im
Nacken (Zervikalsyndrom) und im Lendenbereich (Lumbago), mit oder ohne
Ausstrahlung in Arme und Beine.
Der Verlauf der Schmerzen kann akut, rezidivierend oder chronisch sein. Als
akut gelten alle Schmerzen, die weniger als drei Monate andauern; alles darüber
hinaus ist chronisch. Als rezidivierend bezeichnet man Verläufe, bei denen die
Schmerzen nach einer Zeit der Besserung erneut in Form von Attacken oder
chronischen Krankheitsschüben wiederkehren. Bei mehr als zwei akuten
Schmerzepisoden in einem Jahr spricht man bereits von chronischen Schmerzen.
Nicht selten werden akute Schmerzen chronisch durch die mangelnde
Berücksichtigung biopsychosozialer Aspekte sowie durch ungeeignete Therapiekonzepte!
Bei akuten Rückenschmerzen unterscheidet man zwischen radikulären
Schmerzen, die durch ein Zusammendrücken der Nervenwurzel, etwa durch einen Bandscheibenvorfall,
bedingt sind (z.B. bei der Lumboischialgie), und pseudoradikulären Schmerzen,
die auf funktionellen Veränderungen im Bereich der Muskulatur, des
Bandscheibenapparates und der Wirbelgelenke beruhen. Chronische Rückenschmerzen
ohne bösartige Ursachen wie etwa Knochenmetastasen haben multifaktorielle
Ursachen körperlicher, psychischer und sozialer Art.
Nur etwa 20 % der Rückenschmerzen sind durch eine spezifische Erkrankung
bedingt. 80 % der Rückenschmerzen sind unspezifisch und lassen sich nicht durch
ernsthafte organische Ursachen erklären, sondern beruhen auf einer Verspannung
der Rücken- und Beckenmuskulatur. Vier Fünftel aller Lumbalsyndrome resultieren
aus einer Muskelschwäche als Folge von Bewegungsmangel, Inaktivität,
Schonhaltung oder ständiger Überbelastung der Wirbelsäule. Als nichtorganische
Ursachen gelten vor allem bestimmte psychische und soziale Faktoren wie Stress,
familiäre oder berufliche Probleme, ständige Überforderung am Arbeitsplatz,
Angststörungen, Depressionen und Abhängigkeitserkrankungen, insbesondere aber
auch sozioökonomische Faktoren wie niedriges Bildungsniveau, geringes Einkommen
und die im Hilfsarbeiterbereich oft gegebene schwere körperliche Betätigung.
Wegen ihrer Rückenschmerzen entwickeln die Betroffenen oft bestimmte
Einstellungen und Verhaltensweisen: Selbstwertprobleme, Gefühle von
Hilflosigkeit, depressive Verstimmung, Schonhaltung, Vermeiden unangenehmer
Tätigkeiten, Doctor-Shopping und ständiges Klagen und Jammern.
Bei chronischen Rückenschmerz-Patienten konnte ein typisches emotionales
Aktivierungsmuster nachgewiesen werden: Sie reagierten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe
auf emotional bedeutsame Stressoren mit einer beidseitigen starken
Muskelverspannung im Lendenwirbelbereich, besonders stark auf der linken Seite
– ein Befund, der bei Schmerzpatienten immer wieder auftritt.
Organmedizinisch ausgerichtete Erklärungsmodelle im Sinne einer
„verschlissenen“ oder „vorzeitig verbrauchten“ Bandscheibe oder Wirbelsäule
führen häufig nur zu einer weiteren organischen Krankheitsfixierung, die mit
einem ärztlich legitimierten übermäßigen Schonverhalten sowie einer unnötigen
Einschränkung des früheren Lebensstils einhergeht.
Gerade das Gegenteil ist aber sinnvoll: Trotz der Schmerzen sollten
körperliche Betätigungen unbedingt in Maßen wieder aufgenommen werden, um eine
„lebensfeindliche“ Schonhaltung erst gar nicht aufkommen zu lassen. Bei
verkürzten Muskeln durch chronische Überspannung ist kein Entspannungstraining,
sondern eine gezielte Dehnung angebracht. Dazu sind auch Übungen sehr wichtig,
die zur Stabilisierung der Wirbelsäule und Aufrechterhaltung des Gleichgewichts
beitragen. Die Betroffenen eignen sich nämlich im Laufe der Zeit eine recht
ungünstige Körperhaltung an: Sie schieben den Rumpf nach vorne, lassen die
Schultern hängen und verdrehen das Becken. Doch auch im Ruhestadium weisen sie
oft noch lange Zeit eine erhöhte Muskelanspannung auf, ohne dass ihnen dies
überhaupt auffällt, sodass sie ein entsprechendes Entspannungstraining
benötigen.
Problematisch sind vorzeitige Empfehlungen zu einer Bandscheibenoperation,
wie dies zumindest früher häufig der Fall war. Viele Patienten leiden oft auch
nach diesem Eingriff unter Rückenschmerzen, manchmal sogar heftiger als zuvor.
Wegen der hohen volkswirtschaftlichen Bedeutung chronischer Rückenschmerzen
sind multimodale Behandlungsprogramme wichtig, die einer Verbesserung der
Berufsfähigkeit und der Lebensqualität dienen. Dabei werden somatische,
psychische und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Neben
Schmerzmitteln, physikalischer und manueller Therapie sind eine regelmäßige
Rückengymnastik, eine stufenweise körperliche Aktivierung, eine angeleitete
sportliche Betätigung, ein dosiertes Arbeitstraining, eine bessere soziale
Reintegration, eine gezielte Einübung von Entspannungstechniken, eine
umfassende Aufklärung (Psychoedukation) über den Umgang mit chronifizierten
Rückenschmerzen und eine Änderung der Denkmuster in Richtung von mehr
Eigenverantwortung statt Fremdverantwortung erforderlich.
Pseudoradikuläre Schmerzen
„Pseudoradikulär“
bedeutet, dass sich die Schmerzen ähnlich dem Verlauf eines radikulären
Innervationsgebietes (das heißt ähnlich der tatsächlichen Versorgung eines
bestimmten Areals mit Nerven) ausbreiten und damit eine Lähmung der
Nervenwurzel nachahmen. Bei genauer Untersuchung ist aber keine Schädigung
einer Nervenwurzel zu finden. Die häufigsten Ursachen sind
Abnützungserscheinungen und funktionelle Veränderungen im Bereich der
Bandscheiben, der kleinen Wirbelgelenke und im Halte- und Stützapparat der
Wirbelsäule, das heißt in den Muskeln und Bändern. Pseudoradikuläre Schmerzen haben
ihre Ursache also meistens in den Muskeln; sie sind charakterisiert durch eine
reflektorische Muskelverspannung, eine Verkürzung der tonischen Muskulatur
(Haltemuskulatur) durch eine dauerhafte Überbeanspruchung und eine Schwächung
der phasischen Muskulatur (zuständig für Schnellkraft und Flexibilität).
Zervikale Schmerzsyndrome
Zervikale
Schmerzsyndrome beziehen sich auf Beschwerden in der Halswirbelsäule, bekannt
auch als Nackenschmerzen. Während akute schmerzhafte Beeinträchtigungen der
Halswirbelsäule meist die Folge bewegungs- oder belastungsbedingter
Gewebeschädigungen mit reflektorischen Muskelverhärtungen sind, kommen bei
chronischen Zuständen neben Haltungsschäden und berufsbedingten Zwangshaltungen
auch psychische und psychosoziale Faktoren als verschärfende Bedingungen hinzu,
die den bereits vorhandenen Schmerz über eine zusätzliche Muskelverspannung im
Nacken verstärken. Die Schmerzen können vom Nacken in den Schultergürtel oder
bis zum Kopf ausstrahlen, wo man ein Brennen und Ziehen wahrnimmt.
Lumbago
Bei Lumbago
handelt es sich um akute oder chronische Schmerzen im Lendenwirbelbereich ohne
radikuläre Ausstrahlung, das heißt ohne Beeinträchtigung der Nervenwurzeln.
Lumbago ist keine Erkrankung der Bandscheiben!
Lumbago ist das häufigste Krankheitsbild in der Hausarztpraxis. Das
Schmerzbild kann sehr vielfältig sein und reicht von heftigen und plötzlich
einsetzenden Schmerzen, die lokal in die Lendenregion einschießen, bis hin zu
dumpfen, schlecht lokalisierbaren ein- oder beidseitigen Schmerzen mit
Ausstrahlung in das Gesäß und die Beine. Die Schmerzen können akut oder
chronisch auftreten und werden vor allem auch in der Nacht gegen den frühen
Morgen hin sehr schlimm. Beim Betasten spürt man eine Muskelverhärtung; die
Haut über der Muskulatur lässt sich kaum mehr verschieben. Die Beweglichkeit
der Lendenwirbelsäule ist wie bei einem Bandscheibenvorfall stark eingeschränkt
und führt zu einer körperlichen Fehlhaltung, wodurch – ein Teufelskreis –
zusätzlich massive Kreuzschmerzen auftreten können. Die schmerzhaft
eingeschränkte Beweglichkeit der Hüften zeigt sich bei den Betroffenen bereits
beim Abbiegen der Beine im Liegen.
Bei der Chronifizierung spielen viele Faktoren mit, vor allem auch
psychosoziale Umstände. Die Betroffenen, deren Symptomatik oft wechseln kann,
gehen häufig zu unterschiedlichen Ärzten, bestehen bei fehlendem oder nur
geringem körperlichem Befund auf einer neuerlichen apparativen Diagnostik,
fühlen sich nach Operationen gewöhnlich nicht besser, nehmen oft erfolglos alle
möglichen Medikamente ein und steigern diese bis zur Abhängigkeit. Sie sprechen
aber auch auf Physiotherapie nicht an und schränken ihr Leben immer mehr ein,
bis sich schließlich alles um die Rückenschmerzen dreht.
Rheumatische Schmerzen
Unter Rheuma,
wie die entsprechenden Erkrankungen umgangssprachlich zusammengefasst werden,
versteht man Schmerzen im Bereich der Knochen, Gelenke, Muskeln und Sehnen. Es
handelt sich um eine schmerzhafte Störung des Bewegungs- und Stützapparats, bei
der von diffusen Spannungsgefühlen bis zu dauerhaften, stechenden Schmerzen
alle möglichen Varianten bestehen können.
Die Ursachen liegen in einer Entzündung, die oft von der Gelenkinnenhaut
ausgeht und dann auf Knorpel und Knochen übergeht. Dabei wiederum handelt es
sich um eine genetisch bedingte Störung des Immunsystems (Autoimmunstörung).
Der rheumatische Formenkreis umfasst etwa 100 verschiedene Erkrankungen. Drei
Beispiele sollen die vielfältigen Möglichkeiten rheumatischer Erkrankungen
verdeutlichen: Die Entzündungen betreffen etwa bei der Polyarthritis (poly = viel) zahlreiche Gelenke, beim
Morbus Bechterew vor allem die Wirbelsäule und beim Weichteilrheumatismus die
Muskeln und Sehnen.
Die Bezeichnung „Rheuma“ enthält das griechische Wort für „fließen“;
dadurch soll zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich dabei um einen
wandernden, fließenden Schmerz handelt. Alle chronisch verlaufenden, mit
Schmerzen und Funktionseinschränkungen verbundenen Krankheitsbilder des
Bewegungs- und Stützapparats werden zunehmend dem rheumatischen Formenkreis
zugeordnet.
Etwas grob und ungenau, aber pragmatisch durchaus nützlich kann man drei
Arten von rheumatischen Erkrankungen unterscheiden: degenerative Gelenkerkrankungen,
entzündliche Gelenkerkrankungen und Weichteilrheumatismus. Rund 90 bis 95 %
aller rheumatischen Erkrankungen zählen zum Bereich der degenerativen und
weichteilrheumatischen Beschwerden.
Die degenerativen Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen (Arthrosen)
betreffen vor allem die Gelenke der Extremitäten und der Wirbelsäule sowie die
Bandscheiben. Die Gelenkveränderungen sind meist die Folge von Verschleiß oder
körperlichen Verletzungen.
Die entzündlichen Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen (Arthritiden)
umfassen beispielsweise die Spondylarthritis (mit dem Morbus Bechterew – heute
ankylosierende Spondylitis genannt – und seiner allmählichen Versteifung der
Wirbelsäule als bekanntester Unterform), die reaktive Arthritis, die
Kollagenkrankheiten und die rheumatoide Arthritis (oder chronische Polyarthritis),
wobei letztere am häufigsten in psychosomatischem Zusammenhang erwähnt und
untersucht wurde. Alle entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sind nicht nur
Erkrankungen der Gelenke, sondern immer systemische, das heißt alle
Organsysteme betreffende Krankheitsbilder.
Der Weichteilrheumatismus umfasst schmerzhafte Zustände an Muskeln und
Sehnen, Bändern und Sehnenansatzteilen und zeigt sich am häufigsten als Muskelverspannung,
Schulter-Arm-Syndrom, Halswirbelsäulensyndrom, Lendenwirbelsäulensyndrom und
chronische Rückenschmerzen.
Rheumatoide Arthritis
Die rheumatoide
Arthritis wird häufig auch als chronische Polyarthritis oder primär chronische
Polyarthritis bezeichnet und kommt bei rund 1 % der Bevölkerung sowie bei
Frauen dreimal so häufig wie bei Männern vor. Es handelt sich um eine
Systemerkrankung des Bindegewebes mit unbekannter Ursache und erblicher
Komponente und betrifft vor allem den Bewegungsapparat. Es besteht eine
chronische Entzündung der Gelenkinnenhaut, vor allem der Finger-, Zehen- und
Handgelenke, die allmählich zu Fehlstellungen, Verformungen der Gelenke und
schließlich zum totalen Funktionsverlust führt. Eine rheumatoide Arthritis ist
dann gegeben, wenn vier der folgenden sieben Kriterien vorhanden sind:
Morgensteifigkeit, Schwellungen in mindestens drei verschiedenen
Gelenkregionen, Schwellungen von Hand- und Fingergelenken, symmetrische
Schwellungen bei verschiedenen Gelenken, Knoten unter der Haut, Rheumafaktoren,
röntgenologisch nachweisbare Veränderungen an den Händen.
Als Folge der entzündlich-zerstörenden Veränderungen im Gelenkbereich kommt
es zu ausgedehnten Funktionsbeeinträchtigungen. Die Symptome setzen gewöhnlich
schleichend ein und charakteristischerweise symmetrisch an den kleinen
Gelenken, vor allem der Finger, und gehen mit Schmerzen, Schwellungen und typischer
Steifheit am Morgen einher. Im Laufe der Zeit werden zunehmend auch die großen
Gelenke wie etwa Hüfte oder Schulter in Mitleidenschaft gezogen. Die Krankheit
beginnt mit einer Entzündung der Gelenkschleimhaut, die möglicherweise eine
Reaktion auf einen Immunprozess gegenüber äußeren Reizen (möglicherweise Viren)
darstellt. Dabei werden Gewebe zerstörende Enzyme freigesetzt, die einen Abbau
von Knochen und Knorpel bewirken. Das Gewebe, das sich in den Gelenkhöhlen
einlagert, führt zu Verwachsungen und teilweiser Neubildung von Knochen.
Der Krankheitsverlauf erfolgt gewöhnlich in Schüben mit Besserungen,
langfristig aber mit einer chronischen Verschlechterung. Weil jeder Schub
irreversible Schäden hinterlässt, werden die Verformungen der betroffenen
Gelenke immer mehr und die Funktionseinschränkungen immer größer. Bei rund 80 %
der Patienten findet man die so genannten Rheumafaktoren (das sind Antikörper
gegen die eigenen Immunglobuline), die einen Hinweis auf die Schwere und die
weitere Entwicklung der Krankheit geben, bei einem Drittel so genannte
„Rheumaknötchen“ (Knötchen unter der Haut). Eine rheumatoide Arthritis kann in
jedem Alter einsetzen, vor allem jedoch im höheren Alter zwischen dem 4. und 6.
Lebensjahrzehnt, und führt nach zwei Jahrzehnten bei der Hälfte der Erkrankten
zur Arbeitsunfähigkeit.
Von der organmedizinischen Seite her werden drei Ursachenbereiche
diskutiert, nämlich Autoimmunstörung, Infektionserkrankung und Vererbung, wofür
es jeweils Belege gibt. Die psychologischen Erklärungsmodelle sind dagegen als
Spekulationen ohne ausreichende empirische Absicherung anzusehen.
Trotz unbekannter Ursache der Krankheit können psychologische
Interventionen in Form von Patienteninformation, Krankheitsbewältigung,
Entspannungstechniken, Schmerzbewältigungstraining, Stressmanagement, Änderung
von leistungsorientierten Denkmustern oder familienbezogener Unterstützung
hilfreich sein, doch ist auch dies wissenschaftlich noch unzureichend belegt.
Fibromyalgie
Die Bezeichnung „Fibromyalgie“ enthält die
lateinisch-griechischen Wortwurzeln fibra
(Fasern), mys (Muskel) und algos (Schmerz). Bereits daraus ist
erkennbar, dass hier schmerzende Muskeln im Vordergrund stehen. Die
Fibromyalgie ist ein nichtentzündliches, generalisiertes und chronisches
Schmerzsyndrom im Bereich der Muskeln, des Bindegewebes und um die Gelenke
herum. Gleichzeitig bestehen immer auch vegetative und funktionelle Störungen
wie Magen-, Darm-, Blasen-, Atem-, Herz- und Menstruationsbeschwerden, Schwitzen
und Ohrensausen. Das Hauptmerkmal ist eine unklare zentralnervös bedingte Erniedrigung der Schmerzschwelle
(Schmerzüberempfindlichkeit), möglicherweise verursacht durch eine defekte Schmerzunterdrückung. Es gibt
gegenwärtig keine laborgestützten Befunde für eine gesicherte Diagnose. Wegen
der bisher fehlenden eindeutigen Ursachen handelt es bei der Fibromyalgie um
keine bestimmte Krankheit, sondern um ein Syndrom.
Die Fibromyalgie ist keine seltene Krankheit, sondern je nach Land und
Untersuchungskriterien mit 1 bis 4 % in der Bevölkerung durchaus häufig. 2 bis
6 % aller Hausarzt-Patienten sind davon betroffen, unter den Patienten von
Orthopäden und Rheumatologen ist der Anteil mit 6 bis 20 % noch höher.
Die Beschwerden treten schwerpunktmäßig zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr
auf, kommen aber auch bei Kindern und älteren Menschen vor. Die Erkrankung
beginnt gewöhnlich gegen Ende 30 und ist Mitte 40 voll entwickelt (es gibt ein
Vorlaufstadium bis zu sieben Jahren). 80 bis 90 % der Betroffenen sind Frauen.
Die größte Krankheitsgruppe sind Frauen über 35 Jahre.
Der Begriff
„Fibromyalgie“ ist durch folgende Kriterien definiert:
·
Chronische (länger als
drei Monate andauernde) generalisierte Schmerzen in mindestens drei Bereichen.
·
Schmerzen in der rechten und linken Körperhälfte, oberhalb und
unterhalb der Taille sowie in den Gliedmaßen.
·
Erhöhte Druckempfindlichkeit (Schmerzen) bei Tastuntersuchung an 11 von 18 typischen und genau definierten
Druckpunkten (es gibt jeweils 9 Druckpunkte auf jeder Körperhälfte) bei einem
Fingerdruck von bis zu 4 kg. Bei der Fibromyalgie sind einzelne
Muskel-Sehnen-Übergänge besonders schmerzhaft, die deshalb als Schmerzpunkte bezeichnet
werden.
·
Häufig
Begleitsymptome, aber nicht unbedingt erforderlich, z.B. diffuse muskulo-skelettale Schmerzen,
generalisierte Muskelschmerzen,
Schwellungsempfindungen, Wassereinlagerungen, Morgensteifigkeit, Müdigkeit,
Erschöpfung, verminderte Belastbarkeit, Schlafstörungen, Reizdarmsyndrom,
Globusgefühl, funktionelle Herz- und Lungenbeschwerden, Mundtrockenheit,
Körpermissempfindungen, Schmerzen beim Harnlassen oder während der
Menstruation, vermehrtes Schwitzen, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen und
depressive Zustände.
Die Schmerzen
sind gewöhnlich schwer zu lokalisieren. Sie sind anfangs auf einige Körperteile
begrenzt und zwar auf den Hals- und Lendenbereich, im Laufe der Zeit erstrecken
sie sich jedoch über den ganzen
Körper, verbunden mit einer Ausweitung der Symptome, wobei auch
Steifigkeitsgefühle und andere Missempfindungen auftreten. Das Krankheitsbild entwickelt sich also über
einen längeren Zeitraum. Die Schmerzen werden als andauernd, dumpf,
quälend, scharf oder ausstrahlend erlebt. Durch Ablenkung, Urlaub und
Freizeitaktivitäten kann die Schmerzsymptomatik abnehmen oder vorübergehend
sogar völlig verschwinden. Durch Angst, Stress, Schlafstörungen, körperliche
Aktivität, Kälte, Nässe und Wetterumschwünge wird sie verstärkt.
Die Fibromyalgie führt trotz ihres chronischen Charakters niemals zu
körperlichen Veränderungen der Gelenke oder anderer Organe. Die
Laboruntersuchungen sind generell eher unauffällig, größere Abweichungen von
den Normwerten sind nicht feststellbar. Die Diagnose einer Fibromyalgie darf
nur nach Ausschluss anderer Erkrankungen (z.B. Rheuma) gestellt werden. Im
Falle weiterhin unauffindbarer Ursachen ist das Syndrom nach Auffassung
verschiedener Experten zur anhaltenden somatoformen Schmerzstörung zu zählen,
was von anderen Fachleuten heftig kritisiert wird. Angesichts der
unterschiedlichen Sichtweisen ist auf den folgenschweren Umstand hinzuweisen,
dass daraus auch eine unterschiedliche Beurteilung der Berufsfähigkeit der
Betroffenen resultiert.
Beim derzeitigen Stand der Forschung ist jedenfalls nicht klar, was
wirklich als Ursache der Störung oder bloß als Folge bisher unbekannter
Ursachen anzusehen ist. Wegen der bisher fehlenden eindeutigen Ursachen handelt
es bei der Fibromyalgie um keine bestimmte Krankheit, sondern um ein Syndrom.
In der klinischen Praxis ist daraus häufig eine Verlegenheitsdiagnose geworden,
die bestimmten Schmerzpatienten eine vermeintlich eindeutige Identität
verleiht. Allerdings konnten bei Fibromyalgie-Patienten psychosoziale
Belastungsfaktoren und kritische Lebensereignisse wie etwa sexuelle oder
körperliche Traumatisierungen gefunden werden, was aber noch nicht deren
kausale Bedeutung beweist. 90 % aller Fibromyalgie-Patienten erfüllen die
Kriterien für mindestens eine psychische Störung (vor allem Depressionen,
Angststörungen und somatoforme Störungen).
Das Fibromyalgie-Syndrom hat aufgrund der weiten Verbreitung, des
ungünstigen Verlaufs und der häufigen Folgen wie Arbeitsunfähigkeit und
Frühpensionierungen eine große sozialmedizinische und volkswirtschaftliche
Bedeutung. Die Betroffenen nehmen im Vergleich zu rheumatischen Patienten auch
deutlich mehr Behandlungen in Anspruch. Die Störung lässt sich zwar durch
Medikamente vorübergehend mildern und durch Psychotherapie günstig
beeinflussen, aber bislang jedoch nicht heilen. Eine völlige Symptomfreiheit
ist derzeit unrealistisch, als vorrangiges Ziel gilt die Linderung der
Schmerzen und die Verbesserung der Bewältigungs-, Funktions- und
Arbeitsfähigkeit.
Myofasciales
Schmerzsyndrom
Das myofasciale
Schmerzsyndrom im weiteren Sinne umfasst alle Schmerzsyndrome des
Bewegungsapparates, die ihren Ursprung außerhalb der Gelenkskapsel und des
Knochens haben und keine entzündlich-rheumatische oder neurologische Ursache
aufweisen. Es handelt sich meist um regionale Schmerzsyndrome.
Das myofasciale Schmerzsyndrom im engeren Sinne weist dagegen bestimmte
Druckpunkte auf, die jedoch anders charakterisiert sind als beim
Fibromyalgie-Syndrom: Die Schmerzen beziehen sich auf bis zu drei Quadranten
des Körpers, die Muskelschmerzen weisen eine lokale Ausdehnung auf (bei der Fibromyalgie
handelt es sich dagegen um diffuse Schmerzen in mehreren Regionen), die
Druckpunkte entsprechen einer tastbaren Muskelverhärtung der Muskulatur von
Armen und Beinen, die einer Überkontraktion von Muskelfaserbündeln entspricht
(bei der Fibromyalgie ist dagegen nur die erniedrigte Druckschmerzschwelle
charakteristisch).
Die Überbeanspruchung der Muskeln kann beim myofascialen Schmerzsyndrom
neben vielen anderen Faktoren auch durch Stress und Anspannung in Verbindung
mit psychosozialen Problemen bedingt sein.
Tumorschmerzen
Bei
Tumorerkrankungen kann man drei Ursachen von Schmerzen unterscheiden:
1.
tumorbedingt: Bindegewebsschmerzen, Knocheninfiltrationen und Metastasen,
Eingeweide- und Nervenschmerzen,
2.
therapiebedingt: Chemotherapie, Bestrahlung, chirurgische Eingriffe,
3.
tumorunabhängig: funktionelle myofasciale Schmerzsyndrome, teilweise als
Folge tumorbedingter Behinderungen und Schonverhaltensweisen.
Mehr als die
Hälfte der Tumor-Patienten leidet unter psychischen Störungen. Angesichts
dieser Aspekte sind neben den üblichen medizinischen Schmerztherapien auch
psychologisch-psychotherapeutische Interventionsstrategien erforderlich.
Psychosomatische Konzepte
Psychologische
Faktoren
Angesichts der Vielfalt
der Schmerzen und Schmerzstörungen gibt es keine universell gültigen
psychologischen Erklärungskonzepte und infolgedessen auch keine allgemein
verbindlichen psychologisch-psychotherapeutischen Behandlungsanleitungen.
Verschiedene psychosomatische Konzepte der Vergangenheit sind jedenfalls als
überholt anzusehen, weil sie das biopsychosoziale Krankheitskonzept und das
Konzept der Autoimmunstörung nicht adäquat berücksichtigen:
·
Eine unterdrückte
Feindseligkeit ist weder bei Migräne noch bei der rheumatoiden Arthritis die
entscheidende Krankheitsursache, wie dies etwa der Psychoanalytiker Alexander
mit dem Hinweis auf psychisch bedingte chronische Muskelverspannungen behauptet
hatte.
·
Es gibt keine
bestimmte Schmerzpersönlichkeit und auch keine typische Persönlichkeitsstruktur
des Spannungskopfschmerz-, Migräne- oder Krebs-Patienten! Entsprechende
Ähnlichkeiten sind eher Folge als Ursache der Erkrankung. Eigenschaften wie
ehrgeizig, erfolgsorientiert, überordentlich, perfektionistisch, ausdauernd,
leicht irritierbar und kränkbar sind nicht als krankheitsspezifisch anzusehen,
wenngleich diese im Einzelfall krankheitsverschärfend wirken können.
Faktum dagegen
ist: Patienten mit einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung haben in der
Kindheit oft eine hohe Gewaltbereitschaft der Eltern untereinander und ihnen
gegenüber erlebt. Häufig bestanden weitere ungünstige Lebensbedingungen wie
etwa niedriger sozioökonomischer Status, geringe Schulbildung der Eltern, große
Familien und enger Wohnraum, chronische Disharmonie in der Familie, psychische
Störungen eines Elternteils, allein erziehende Mutter oder Verlust der Mutter,
sexuelle oder körperliche Gewalt, unsicheres Bindungserleben nach dem ersten
Lebensjahr, häufiger Wechsel der frühen Bezugspersonen.
Psychologische Erklärungsmodelle
für nichtorganische Schmerzen in verschiedenen Körperregionen beruhen
gewöhnlich auf der Annahme einer chronischen muskulären Verspannung als Folge
von Stress oder Ärger und bestimmten psychischen und psychosozialen Faktoren. Unabhängig
von der Ursache führen Schmerzen zu einer reflexhaften Anspannung der
jeweiligen Muskelpartie, was erneuten Schmerz bewirkt, der weitere
Muskelanspannung zur Folge hat. Dies begünstigt den Teufelskreis von
Muskelanspannung und Schmerz.
Schmerzpatienten haben eine
erhöhte Tendenz, auf Belastungen mit Muskelanspannung zu reagieren und länger
verspannt zu bleiben als andere Personen. Menschen mit Spannungskopfschmerzen
haben eine ständige emotional und stressbedingte Verspannung der Schulter-Nacken-Muskulatur,
oft auch der Stirnregion. Im Rahmen der anhaltenden Anspannung wird die
Muskulatur um die Blutgefäße herum angespannt, sodass die Blutgefäße
zusammengedrückt werden und das Gewebe infolge der Minderdurchblutung weniger
Sauerstoff erhält. Das verursacht ebenso Schmerzen wie der Umstand, dass
dadurch die Stoffwechselschlacken nicht ausreichend abtransportiert werden
können. Das Modell der chronischen Muskelverspannung als Erklärung für
nichtorganische Schmerzen ist sehr einleuchtend, kann aber nicht alle Formen
von Spannungskopfschmerzen erklären.
Das Konzept der klassischen
Konditionierung von muskulärer Anspannung und Schmerz erklärt nichtorganische
Schmerzen folgendermaßen: Schmerzen führen zu reflexhaften Muskelverspannungen
und verstärkter Aktivierung des sympathischen Nervensystems; die erhöhte
Muskelanspannung und Aktivierung bewirkt oder verstärkt die Schmerzen. Diese
körperlichen Vorgänge können nun mit neutralen Reizen gekoppelt werden, die
während der schmerzauslösenden Situation vorhanden waren, sodass im Laufe der
Zeit diese Reize allein bereits Schmerzen auslösen können. Beispielsweise
leiden Patienten mit einem Schleudertrauma oft noch jahrelang nach dem Unfall
unter einer deutlich erhöhten Verspannung der Hals- und Nackenmuskulatur und
reagieren in diesen Muskelgruppen überaus stark, wenn sie sich plötzlich in
einer ähnlichen Situation wie damals befinden.
Patienten mit Rückenschmerzen
reagieren auf Stressreize mit einer stärkeren Verspannung der lumbalen
Muskulatur als gesunde Menschen. Bei entsprechender Veranlagung, die durch
genetische Faktoren, Lernprozesse und Traumata erworben wurde, kann ständiger
Stress eine Überaktivität in bestimmten Muskelgruppen bewirken. Die im Laufe
der Zeit daraus resultierenden Schmerzen können durch Konditionierung chronisch
werden. Schmerzen können auch durch positive Verstärker wie etwa vermehrte
Zuwendung des Partners, Schonung und bestimmte Vorteile durch die Krankheit
aufrechterhalten werden.
Die ständige Konzentration auf
die Schmerzen verstärkt das Schmerzerleben. Die Vernachlässigung äußerer
Anregungen (Auseinandersetzung mit der Umwelt) zugunsten der Zuwendung auf die
inneren (körpereigenen) Reize führt dazu, dass die Schmerzen intensiver erlebt
werden und eine depressive Entwicklung begünstigt wird, weil zunehmend die
Lebensfreude verloren geht. Sehr negative Auswirkungen haben vor allem die
Gefühle der Hilflosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und des Kontrollverlusts über
die Bedingungen, die den Schmerz verstärken. Es ist mittlerweile erwiesen, dass
eine Depression vorhandene Schmerzen intensivieren kann, sodass sich Schmerzen
und depressive Symptomatik gegenseitig hochschaukeln können. Die Spirale von
Verspannung und Schmerzen, von Schmerzen und Depression sowie von ängstlicher
Erwartung von Schmerzen und daraus folgender Zunahme der muskulären Verspannung
begünstigt eine immer stärkere Einengung auf das Schmerzerleben, die aus
therapeutischer Sicht unbedingt durchbrochen werden muss.
Der individuelle Umgang mit
Schmerzen ist geprägt durch die Persönlichkeit vor der Erkrankung, frühere
Schmerzerfahrungen und deren Bewältigung, lebensgeschichtliche Faktoren, die
aktuelle psychische Befindlichkeit, die psychosoziale Lebenssituation und die
persönlichen Krankheitskonzepte.
Bestimmte Denkmuster erhöhen die
Anspannung und damit den Schmerz: „Ich halte das nicht mehr aus“; „Alles wird
immer schlimmer“; „Ich bin ein hoffnungsloser Fall“, „Ich muss auf jeden Fall
durchhalten und alles schaffen wie bisher“.
Der jeweilige
Gefühlszustand beeinflusst die Art des Schmerzerlebens. Negative Gefühle wie
Ärger, Wut oder Traurigkeit verstärken den Schmerz, positive Gefühle wie
Freude, Glücksgefühle und Zufriedenheit machen den Schmerz erträglicher.
Der krankheitsverstärkende
Einfluss von Stress und krisenhaften Lebensereignissen bei zahlreichen
Schmerzstörungen beruht auf den engen Zusammenhängen von Stress und
Immunsystem, die zukünftig noch genauer erforscht werden müssen.
Therapeutische
Aspekte
Die Diagnose
und Behandlung einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung erfordert eine
enge interdisziplinäre Zusammenarbeit, wobei alle Experten ein biopsychosoziales Schmerzverständnis
haben sollten, um unnötige Konkurrenz oder Fehlzuweisungen zu vermeiden. Auch
bei der Therapie chronischer Schmerzen mit primär organischen Ursachen ist eine
intensive Zusammenarbeit der verschiedenen therapeutischen Helfer unbedingt
erforderlich. Ein Beispiel dafür ist der Bereich der Krebserkrankungen, der
unter dem Begriff der Psychoonkologie eine große Bedeutung gewonnen hat.
Psychologische Behandlungskonzepte bei Schmerzpatienten erfordern und
fördern die aktive Mitarbeit der Patienten, die anfangs aufgrund ihres
organmedizinisch ausgerichteten Schmerzmodells insofern oft eine passive
Haltung aufweisen, als sie erwarten, dass etwas mit ihnen gemacht wird.
Tatsächlich jedoch geht es darum, den Patienten zum besseren Manager seiner
Schmerzen zu machen. Das Ziel einer psychologischen Schmerzbewältigungstherapie
ist nicht die Beseitigung der chronischen Schmerzen, sondern der Aufbau von
Selbstkompetenz im Umgang mit den Schmerzen und ihren Folgen, das heißt eine
verbesserte Schmerzkontrolle. Als Motto gilt nicht „Wie werde ich den Schmerz
los?“, sondern „Wie kann ich besser damit leben und umgehen?“
Eine erfolgreiche Schmerzbewältigungstherapie erfordert eine genaue Analyse
und bestmögliche Veränderung der krankheitsverstärkenden Bedingungen. In der
psychologisch-psychotherapeutischen Behandlung, vor allem jedoch in
verhaltensmedizinisch orientierten Behandlungsprogrammen, kommen je nach Bedarf
verschiedene Therapiebausteine zum Einsatz:
1.
Patientenschulung (Psychoedukation, Krankheitsmanagement). Es werden
Informationen über das biopsychosoziale Krankheitsverständnis (Zusammenhänge
zwischen Schmerz, Psyche und Lebenssituation), über psychologische
Schmerzmodelle, über den Teufelskreis von Verspannung, Schmerzen, Angst und
Depression, über die konkrete Schmerzstörung nach dem gegenwärtigen Stand der
Wissenschaft, über die Bedeutung von Aktivität trotz Schmerzen sowie über
schmerzverstärkende Denk- und Verhaltensmuster vermittelt und Möglichkeiten zur
besseren Krankheitsbewältigung gesucht. Dabei ist stets auch am Aufbau einer
entsprechenden Behandlungsmotivation zu arbeiten, die nicht vorausgesetzt
werden darf, sondern meist erst entwickelt werden muss. Die Betroffenen müssen
auch genau über die Möglichkeiten und Gefahren der verschiedenen Schmerzmittel
informiert werden.
2.
Selbstbeobachtung. Die Patienten lernen durch Aufzeichnungen in einem Schmerztagebuch,
die dem Schmerz vorausgehenden und nachfolgenden Bedingungen zu erkennen; sie
beobachten täglich die oft schwankende Schmerzintensität und zu bestimmten
Stunden das aktuelle Ausmaß auf einer Skala von 0 bis 10 eintragen.
3.
Verhaltensanalyse. Es geht dabei um die genaue Erfassung der den Schmerz
auslösenden und verstärkenden Faktoren. Aus diesen Erkenntnissen werden Zusammenhänge
zwischen den jeweiligen Situationen, Kognitionen, Emotionen und
Verhaltensweisen hergestellt. Die individuellen Therapieziele ergeben sich aus
den Wünschen der Betroffenen und den konkreten Möglichkeiten. Oft können nicht
die Umstände und Bedingungen, die den Schmerz verstärken, geändert werden, wohl
aber die Einstellungen dazu (z.B. persönliches Erleben als Versager, ständige
Selbstüberforderung oder mangelnde Abgrenzung gegenüber den Forderungen anderer
Personen).
4.
Entspannungstechniken. Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training,
Atemtechniken oder Biofeedback-Training sollen die muskuläre Verspannung und
die Minderdurchblutung mildern, die sich aus dem Teufelskreis von Stress,
Anspannung und Schmerzen ergeben. Wegen der passiven Zuwendung auf den
schmerzenden Körper haben verschiedene Patienten anfangs Schwierigkeiten mit
dem Autogenen Training, sodass diesen zuerst andere Entspannungsverfahren
angeboten werden sollten. Entspannungsverfahren werden oft mit
Vorstellungsübungen wie einer mentalen Reise durch den Körper kombiniert.
5.
Aufmerksamkeitslenkung. Bei einer externalen Aufmerksamkeitslenkung richtet
sich die Aufmerksamkeit auf äußere Reize oder Tätigkeiten, die vom Schmerz ablenken;
alle Interventionen dienen dazu, die Aufmerksamkeit vom Schmerz wegzulenken und
die Konzentration auf positives Erleben zu fördern. Bei einer internalen
Aufmerksamkeitslenkung werden Vorstellungsübungen eingesetzt, um das
Schmerzerleben zu überlagern. Die bei vielen Patienten sehr beliebten
Phantasiereisen (z.B. ein Waldspaziergang, das Erleben der Natur und ein
Aufenthalt am Meer oder in den Bergen) führen durch die Aktivierung aller Sinne
zu angenehmen Körpererfahrungen.
6.
Imaginative Therapie. Schmerzpatienten sollen in einer Art Mentaltraining
lernen, sich wieder gesünder vorzustellen, den Weg zur Heilung oder Besserung
zu visualisieren und die konkreten körperlichen Heilungsvorgänge intensiv zu
imaginieren. Dabei werden bestimmte bildhafte Techniken eingesetzt. Auf diese
Weise sollen die Vorstellung von Bewältigbarkeit und die Hoffnung auf Besserung
gestärkt werden.
7.
Schmerzfokussierung. Anstelle der ängstlich-angespannten Körperbeobachtung
sollen Schmerzpatienten die Aufmerksamkeit bewusst auf den Schmerz lenken und
mit ihm arbeiten. Die Betroffenen lernen dabei, die Schmerzen zuerst zu
aktivieren und dann wieder einzugrenzen bzw. auszublenden. Die Patienten
erlangen auf diese Weise zunehmend die Kontrolle über ihr Schmerzerleben und
fühlen sich diesen durch ihre Übungserfolge nicht mehr so ausgeliefert wie
früher.
8.
Hypnose. Die Möglichkeiten der modernen Hypnotherapie nach Milton H.
Erickson werden gegenwärtig in der Schmerztherapie noch zu wenig beachtet.
Durch hypnotisch-imaginative Veränderung des Schmerzerlebens und intensive
Konzentration auf andere Vorstellungsinhalte kann der Leidensdruck gemildert
und der Schmerz durch Vermittlung eines neuen Sinnzusammenhangs (z.B. der
Schmerz als Freund oder als Hinweis auf einen sonst unbeachteten Konflikt)
leichter angenommen werden. Hypnotherapeutische Vorgangsweisen sind bei
Schmerzpatienten jedoch nur dann auf Dauer wirksam, wenn sie nicht als reine
Techniken eingesetzt werden, um Schmerzen einfach „wegzumachen“, sondern in
einem umfassenderen therapeutischen Kontext angewandt werden.
9.
Kognitive Therapie. Durch die Analyse der individuellen Denkmuster werden
die Einstellungen zur aktuellen Schmerzsituation und die Überzeugungen zu Schmerzen
ganz allgemein sowie zur eigenen Person und der sozialen Umwelt erfasst und im
Rahmen der Therapie zu ändern versucht. Die Änderung der Denkmuster soll den
Betroffenen zunächst die Überzeugung und später die Erfahrung vermitteln, dass
sie ihre Schmerzen bis zu einem gewissen Grad beeinflussen können und ihnen
nicht hilflos ausgeliefert sind. Erlebnisaktivierende Interventionen vermitteln
den Patienten die Bedeutung ihrer Gedanken in Bezug auf das Schmerzerleben und
vertiefen die Erkenntnisse der kognitiven Therapie durch konkrete Erfahrungen
im Rahmen verschiedener Übungen. Viele Schmerzpatienten mit überhöhten
Leistungsidealen („Ich muss immer alles bestens machen“; „Ich muss ganz gesund
werden, um alles wieder so wie früher zu schaffen“) müssen ihre Denkmuster
ändern, um die vorhandenen Schmerzen zu mildern und unnötige Schmerzen zu
vermeiden. Es ist erforderlich, falsche Überzeugungen zu identifizieren
(„Zuerst muss der Schmerz weg, bevor ich etwas tun kann“) und in nützlichere
Gedanken umzuwandeln („Ich kann auch jetzt schon etwas machen und muss nicht
abwarten“).
10. Aktivitätsaufbau. Viele Schmerzpatienten meiden körperliche Aktivitäten aus
Gründen der Schonung und der vermeintlichen Schmerzlinderung. Schonung ist jedoch
nur bei akuten Schmerzen sinnvoll, bei chronischen Schmerzen dagegen führt eine
unangemessene Ruhigstellung zur Schmerzverstärkung als Folge von
Muskelverspannungen, Durchblutungsstörungen und Abbau der betreffenden
Muskulatur. Als Therapieziel gilt die Erreichung des maximal möglichen
körperlichen und sozialen Aktivitätsniveaus. Ein ausgewogenes körperliches
Aktivierungsprogramm soll schrittweise die muskuläre Kapazität steigern, die
allgemeine körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit verbessern und die
Selbstheilungskräfte des Körpers stärken. Durch den Aufbau neuer Aktivitäten
und Beschäftigungsmöglichkeiten im Beruf und in der Freizeit wird nicht nur das
Schonverhalten abgebaut, sondern auch drohende depressive Reaktion vermieden.
11. Genusstraining. Den Umständen entsprechend sollen Schmerzpatienten lernen,
bestimmte Dinge wieder zu genießen und dadurch ein besseres Selbstwertgefühl zu
entwickeln. Für viele Schmerzpatienten ist das eine Herausforderung: Derselbe
Körper, der leidet, verdient es nach wie vor, freudvolle Erfahrungen zu machen!
12. Veränderung schmerzverstärkender Bedingungen. Den Schmerz
aufrechterhaltende Bedingungen wie zu viel Hilfe vonseiten der Umwelt,
übermäßiger Rückzug ins Bett oder unnötige Flucht in den Krankenstand sollen
nicht nur erkannt, sondern auch verändert werden.
13. Problemlösetraining. Schmerzpatienten sollen angesichts konkreter Probleme,
die eine Schmerzsymptomatik verstärken können, bessere Lösungsstrategien entwickeln
lernen. Diese Probleme sind durch die Zunahme der Schmerzen im Laufe der Zeit
oft völlig aus dem Blickpunkt geraten und müssen einer konstruktiven Lösung
zugeführt werden.
14. Stressbewältigungstraining. Schmerzpatienten benötigen oft einen anderen
Umgang mit Stress, um die Schmerzen nicht durch ungünstige Denkmuster und unnötige
Verspannung zu verschärfen. Die Betroffenen müssen vor allem lernen, pro
Zeiteinheit weniger zu tun und Pausen einzulegen, um nicht stets durch
verstärkte Schmerzen zur Beendigung der jeweiligen Tätigkeit gezwungen zu
werden.
15. Soziales Kompetenztraining. Die Verbesserung sozialer Fertigkeiten soll
dazu beitragen, dass sich Schmerzpatienten von ihrer Umwelt besser abgrenzen
lernen und ihre Schmerzen nicht durch ständige Überforderung im Beruf, in der
Familie und im Bekanntenkreis verstärken. Zahlreiche Schmerzpatienten haben
Schwierigkeiten, mit Kritik angemessen umzugehen, eigene Kritik zu äußern und
sich Angehörigen gegenüber angemessen durchzusetzen und abzugrenzen.
16. Emotionales Training. Gefühle können buchstäblich schmerzen.
Schmerzpatienten müssen lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken,
anstatt nur über die daraus resultierenden körperlichen Verspannungen und
Schmerzen zu klagen.
17. Einbeziehung von Bezugspersonen. Durch die Einbindung der
Familienmitglieder sollen die Behandlungsfortschritte im familiären Alltag
gesichert werden. Die Angehörigen sollen im Rahmen einer Psychoedukation über
Schmerzstörungen informiert werden und dabei lernen, die Schmerzen des
Patienten weder herunterzuspielen noch überzubewerten und so auf konstruktive
Weise bei der Bewältigung der Schmerzen zu helfen. Sie sollen die Schonhaltung
des Schmerzkranken nicht durch übermäßige Hilfe und Unterstützung verstärken,
sondern seine Selbstständigkeit fördern.
18. Partner- und familienbezogene Interventionen. Bei Bedarf müssen auch
Konfliktsituationen in der Familie oder in der Partnerschaft mit
therapeutischer Unterstützung besser bewältigt werden, um den psychosozialen
Dauerdruck zu verringern.
19. Bearbeitung traumatischer Erlebnisse. Im Falle sexueller und körperlicher
Traumatisierungen oder bei unbewältigten Erlebnissen nach lebensbedrohlichen
Unfällen oder schwerwiegenden Operationen ist oft auch eine entsprechende
Bearbeitung durch eine emotionale und kognitive Verarbeitung erforderlich, um
wieder intensiver in der Gegenwart leben zu können. Hier ist letztlich eine
günstige Beeinflussung des Schmerzgedächtnisses angezeigt, das vergangene
Erfahrungen schmerzvoll immer wieder als gegenwärtig vermittelt.
20. Rückfallsprophylaxe. Das Ausmaß der Schmerzen unterliegt durchaus
Schwankungen. Nach einer Phase der Besserung können bestimmte psychosoziale
Belastungen zu einer Verschlechterung führen. Die Betroffenen sollen auf
mögliche Rückfälle vorbereitet werden, damit sie angemessen damit umgehen
lernen.
Bei
chronifizierten Schmerzen führt ein derartiges Behandlungsangebot gewöhnlich
nicht zur Heilung, die daher auch nicht versprochen werden sollte. Dennoch kann
viel erreicht werden: eine verstärkte Eigenverantwortlichkeit, eine höhere
Autonomie, eine verbesserte Lebensqualität und die Entlastung der
Bezugspersonen.
Schlussbemerkung
Im
Gesundheitswesen regiert derzeit der Sparstift. Es besteht die Gefahr, dass nur
noch das Notwendigste finanziert wird und in Zukunft gerade jene unter den Einsparungen
leiden werden, für die schon in der Vergangenheit zu wenig Hilfe angeboten
wurde. Es handelt sich dabei auch um jene Patientengruppen, die im Mittelpunkt
unseres Buches stehen:
·
subjektiv körperlich
Kranke ohne eindeutigen organischen Befund,
·
objektiv körperlich Kranke,
jedoch ohne ausreichende Gesundung mit rein medizinischen Methoden,
·
psychisch Kranke mit
erheblichen körperlichen Störungen und lang dauernder Arbeitsunfähigkeit.
Menschen mit
somatoformen und psychosomatischen Störungen weisen einen großen Leidensdruck
auf und verursachen durch zahlreiche Untersuchungen, Behandlungen,
Krankenstände und Rentenzahlungen hohe volkswirtschaftliche Kosten. Sie leiden
an psychosomatischen Störungen in den unterschiedlichsten Körperregionen.
Müssen ausgerechnet diese Menschen auch noch unter den chronisch leeren
Geldtöpfen im Gesundheitssystem leiden?
Es würde uns daher besonders freuen, wenn unser Buch nicht nur eine
Orientierungshilfe für Betroffene und deren Angehörige sowie Fachleute
darstellen würde, sondern auch der Öffentlichkeit und den Gesundheitspolitikern
einen Handlungsbedarf aufzeigen könnte: Nur die Finanzierung effizienter
Behandlungsmaßnahmen für psychosomatisch Kranke kann langfristig zu
volkswirtschaftlichen Einsparungen und zur Verbesserung der persönlichen
Lebensqualität führen!
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