Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

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Angst und Sexualstörung – Angst machendes Denken ist lustfeindlich

Ein Drittel bis fast die Hälfte der Frauen bekommen beim Geschlechtsverkehr nie oder fast nie einen Orgasmus. Jede fünfte Frau hat sogar Schwierigkeiten, bei der Selbstbefriedigung zum Höhepunkt zu kommen, Jeder fünfte Mann hat Potenzprobleme, die Häufigkeit steigt mit dem Alter an (bei über 70-Jährigen über 50 %). Jeder Dritte hat nach einer deutschen Studie Angst, beim Sex nicht gut genug zu sein. Übertriebene Leistungsvorstellungen beim Sex führen beim Männern zu Potenzängsten, bei Frauen zur Angst, frigide zu sein.

Im Bereich der Sexualität erleben viele Menschen im Laufe des Lebens starke Ängste in Abhängigkeit von Alter (Kind, Jugendlicher, Erwachsener, älterer Mensch), Geschlechtsrolle, Partnersituation, psychischer Gesamtbefindlichkeit und aktueller körperlicher Befindlichkeit.

Angst ist die Gegenspielerin der Lust und hat eine lusthemmende Wirkung. Sexuelle Ängste verhindern nach gängiger Auffassung die Erregung und hemmen das autonome Nervensystem derart, dass eine physiologische Erregung unmöglich wird. Nach neueren, kognitiven Auffassungen ist der Sachverhalt viel differenzierter zu bewerten.

Kognitive Prozesse sind in Wechselwirkung mit Angst als Ursache sexueller Funktionsstörungen zu sehen:

l   Sexuelle Erregung wird bei Männern mit Sexualstörungen durch Angst gehemmt, bei Männern ohne Sexualstörungen dagegen häufig erleichtert.

l   Sexuelle Leistungsforderung führt bei sexuell gestörten Männern zu Ablenkung und Behinderung, bei sexuell ungestörten Männern dagegen zur Erhöhung der sexuellen Erregung.

l   Sexualgestörte Menschen erleben in sexuellen Situationen häufig negative Gefühle, während sexuell ungestörte Personen mehr positive Emotionen erleben.

l   Sexuell gestörte Männer unterschätzen im Vergleich zu sexuell ungestörten Männern das Ausmaß ihrer sexuellen Erregung.

 

Sexualängste beschränken die sexuelle Erlebnisfähigkeit und die partnerschaftlichen Erlebnismöglichkeiten. Sie können sich als Störungen im Erleben und Verhalten, als psychovegetative Symptome oder als Beziehungsstörungen äußern.

Sexuelle Ängste, insbesondere Versagensängste, spielen bei vielen sexuellen Funktionsstörungen eine bedeutende Rolle und verhindern bzw. mindern die sexuelle Reaktionsfähigkeit. Die Vielfalt möglicher Sexualängste umfasst vier Grundängste: Triebängste, Beziehungsängste, Geschlechtsidentitätsängste, Gewissensängste.

Im Bereich der Sexualität Erwachsener zeigen sich häufig folgende Ängste:

l     Angst in Zusammenhang mit Scham- und Schuldgefühlen oder Ekel,

l     Angst vor sexuellem Versagen und Sorgen, den eigenen „Leistungsstandards“ nicht immer entsprechen zu können,

l     Angst, den Erwartungen des Partners nicht zu entsprechen, zurückgewiesen oder verlassen zu werden,

l     Angst, körperlich mangelhaft zu sein (zu kleiner Penis, zu kleine Brust),

l     Angst vor Kontrollverlust beim Geschlechtsverkehr,

l     Angst vor AIDS oder anderen Infektionen,

l     Angst vor Bindung (Abhängigkeit) oder Trennung (Verlust des Partners),

l     Angst vor Nähe oder Berührung,

l     Angst vor Schwangerschaft,

l     Angst vor dem anderen Geschlecht,

l     Angst vor Bestrafung im Zusammenhang mit Sexualtabus und Verboten,

l     religiös begründete Gewissensängste bezüglich bestimmter Sexualpraktiken,

l     Angst vor Schmerzen oder Verletzungen beim Geschlechtsverkehr,

l     Angst vor Gewalttätigkeit des Partners oder vor Vergewaltigung,

l     Angst, ausgebeutet, unterdrückt oder gedemütigt zu werden,

l     Angst, homosexuell oder pervers zu sein.

 

Bei sexuellen Funktionsstörungen entwickelt sich oft folgender Teufelskreis:

1.     Sexueller Leistungsdruck (um jeden Preis „funktionieren“ zu müssen) aus Angst zu versagen, als Bestätigung der persönlichen „Potenz“, aus dem Bemühen, den anderen nicht zu enttäuschen oder aus anderen Gründen.

2.   Erwartungs- und Versagensängste durch die bildhafte Vergegenwärtigung früheren Versagens und/oder die Vorstellung zukünftigen Versagens bzw. die Vergegenwärtigung möglicher Reaktionsweisen des Partners, was vom unmittelbaren Erleben wegführt.

3.   Unlust oder Schmerz wegen mangelnder sexueller Reaktionsfähigkeit.

4.   Vermeidungsverhalten (diverse psychovegetative Symptome als Schutz vor einem Geschlechtsverkehr, Flucht in die Arbeit, häufige Abwesenheit von zu Hause, wenig Zeit füreinander, symptomatischer Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch).

5.   Verlust- und Trennungsängste, die nicht selten zu sexuellen Aktivitäten führen, obwohl kein echtes Bedürfnis danach besteht.

6.   Funktionelle Sexualstörung (Impotenz oder vorzeitiger Samenerguss beim Mann, Orgasmusprobleme bei der Frau, Erregungsprobleme bei beiden Geschlechtern).

 

Die Mehrzahl der funktionellen Sexualstörungen bei Männern lässt sich erklären durch das bewusste Bemühen, ein einmal erlebtes bzw. befürchtetes Versagen zu verhindern durch vermehrte Aufmerksamkeit auf das richtige Funktionieren. Die Spontaneität der körperlichen Reaktionsabläufe wird unterbrochen durch die Aufmerksamkeitsumlenkung von den Reizen der Partnerin auf die ängstliche Beobachtung des eigenen Körpers. Die Angst vor sexuellem Versagen und das ständige Sich-selbst-Beobachten bewirkt dieses Versagen erst recht.

Angst vor der Sexualität und Sexualaversion führen zu einem Vermeidungsverhalten, wie es für eine phobische Symptomatik typisch ist. Dadurch wird nicht nur die sexuelle Funktionsfähigkeit, sondern überhaupt das sexuelle Verlangen (Libido) vermindert bzw. verhindert.

Sexuelle Ängste treten oft bei Menschen mit sozialer Phobie als Ausdruck der Beziehungsstörung auf. Viele vermeidend-selbstunsichere bzw. ängstlich-vermeidende Persönlichkeiten haben noch nie eine sexuelle Beziehung erlebt. Engere Beziehungen werden trotz Wunsch danach nicht selten vermieden wegen sexueller Ängste.

Im amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-IV werden alle sexuellen Funktionsstörungen den ersten drei der vier Phasen des sexuellen Reaktionszyklus zugeordnet: Appetenz (Verlangen) – Erregung – Orgasmus – Entspannung. Störungen des sexuellen Verlangens zeigen sich in verminderter sexueller Appetenz bzw. in einer sexuellen Aversion.

Eine sexuelle Aversion kann laut DSM-IV bei einer Konfrontation mit sexuellen Situationen Panikattacken mit extremer Angst, Gefühlen des Schreckens, der Ohnmacht, Übelkeit, Herzklopfen, Schwindel und Atembeschwerden auslösen.

Nach dem ICD-10 ist eine sexuelle Aversion (F32.10) u.a. charakterisiert durch eine deutliche Aversion, Furcht oder Angst angesichts der Möglichkeit sexueller Aktivitäten mit Partnern, sodass sexuelle Aktivitäten vermieden werden. Wenn es doch zum Geschlechtsverkehr kommt, geht dies einher mit starken negativen Gefühlen und der Unfähigkeit, Befriedigung zu erleben.

In den „Störungen der Sexualpräferenz“ (Fetischismus, Exhibitionismus, Voyeurismus, Pädophilie u.a.) laut ICD-10 bzw. in den „Paraphilien“ laut DSM-IV äußern sich oft Ängste vor einer adäquaten partnerschaftlichen Sexualität.

 


Wie kann Angst eine sexuelle Funktionsstörung bewirken?

Angst haben bedeutet, sich vor etwas in der nahen Zukunft zu fürchten, anstatt ganz in der Gegenwart zu leben und alles weitere vertrauensvoll auf sich zukommen zu lassen. Angst ist in diesem Sinn der Gegenspieler der Lust.

Mit allen Sinnen genießen, entspannt sein, sich fallen lassen, im Augenblick verweilen, im Hier und Jetzt aufgehen, sich voll und ganz auf den Partner bzw. die Partnerin konzentrieren steht im Gegensatz zu dem, was sexualängstliche Personen regelmäßig tun, nämlich sich vorstellen, wie man sexuell versagen und sich damit blamieren wird, vielleicht sogar vom Partner abgelehnt wird.

Die Betroffenen beschäftigen sich ständig damit, wie sie richtig funktionieren und sexuelles Versagen vermeiden können, d.h. sie kreisen ständig um sich selbst und ihren Körper, anstatt sich auf die Reize des Gegenüber einzulassen.

Die ständige negative Selbstbeobachtung führt zu einer allgemeinen körperlichen Anspannung, die sich in sexueller Hinsicht so auswirkt, dass durch die muskuläre Verspannung im Genitalbereich der Blutzufluss vermindert wird. Die vermehrte Durchblutung der Geschlechtsorgane ist aber gerade die Voraussetzung für das Gefühl der sexuellen Erregung.

Viele sexualängstliche Männer, die ohne medizinische Notwendigkeit ein Potenzmittel einnehmen, „funktionieren“ aufgrund eines Placebo-Effekts: Der Glaube an die Wirksamkeit des Mittels erleichtert die Konzentration auf die Gegenwart und die Partnerin.

Daher zwei Ratschläge für eine befriedigende Sexualität:

1. Beim Sex stets im Hier und Jetzt, in der Gegenwart, bleiben, konzentriert auf den Partner und dessen Reize - anstatt sich ständig mit der Zukunft, dem möglichen Versagen, zu beschäftigen!

2. Stets in sich bleiben und sich selbst voll und ganz spüren - anstatt ständig neben sich zu stehen, sich andauernd kritisch zu beobachten und auf das Erleben und Genießen des eigenen Körpers zu vergessen!