Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe

Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

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Soziale Phobie - Die Angst vor dem Nächsten

 

 

 

Historische Aspekte der sozialen Phobie

Der griechische Arzt Hippokrates beschrieb schon in der Antike einen Mann, den man

„wegen seiner Schüchternheit, wegen seines Argwohns und seiner Furchtsamkeit kaum zu sehen bekam; der die Dunkelheit wie sein Leben liebte und weder Helligkeit ertragen noch an beleuchteten Plätzen sitzen konnte, der - den Hut über die Augen gezogen - weder andere sehen noch von ihnen angeschaut werden wollte. Er mied jeden Kontakt aus Angst, schlecht behandelt zu werden, sich zu blamieren oder in seinen Gebärden oder durch sein Reden aus dem Rahmen zu fallen, oder sich übergeben zu müssen. Er glaubte sich von jedermann beobachtet...“

Der Begriff der „sozialen Phobie“ wurde bereits 1903 vom französischen Psychiater Janet beschrieben. Die soziale Phobie in ihrer modernen Form wurde 1966 von den englischen Psychiatern und Verhaltenstherapeuten Marks und Gelder erstmals definiert, später weiter ausgearbeitet und 1980 in das offizielle amerikanische Diagnoseschema aufgenommen und schließlich 1990 auch im ICD-10, dem neuen internationalen Diagnoseschema, verankert. Die soziale Phobie steht seit einigen Jahren verstärkt im Mittelpunkt des Forschungsinteresses.

 

Symptomatik der sozialen Phobie

Soziale Phobien bestehen in der Furcht vor der prüfenden Beobachtung durch andere Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen (nicht dagegen in Menschenmengen) und führen schließlich dazu, dass soziale Situationen vermieden werden oder nur unter intensiver Angst durchgestanden werden. Eine soziale Phobie ist eine dauerhafte, unangemessene Furcht und Vermeidung von Situationen, in denen die Betroffenen mit anderen Menschen zu tun haben und dadurch einer möglichen Bewertung im weitesten Sinne ausgesetzt sind. Es bestehen unangemessen starke Ängste vor sozialen Situationen oder Leistungssituationen, in denen die Person im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer steht und befürchtet, etwas zu tun, was demütigend oder peinlich wäre.

Menschen mit einer Sozialphobie haben Angst zu versagen, sich lächerlich zu machen oder durch ungeschicktes Verhalten unangenehm aufzufallen. Sozialphobiker befürchten, in sozialen Situationen verspottet oder feindselig behandelt zu werden, dumm auszusehen, die Kontrolle zu verlieren, Panik zu erleben und nicht mehr zu wissen, was sie sagen sollen, sodass sie erst recht auffallen, noch dazu, wenn gleichzeitig verschiedene vegetative Symptome auftreten.

Soziale Phobien können klar abgegrenzt und umschrieben sein oder unbestimmt und in fast allen sozialen Situationen außerhalb des Familienkreises auftreten. Die Diagnose einer sozialen Phobie wird bestätigt, wenn eine Person Tätigkeiten alleine angstfrei ausführen kann, die ihr in Gegenwart anderer Menschen Angst machen. Die Beobachtung durch andere wirkt irritierend, die Furcht vor kritischer Beurteilung bewirkt eine Leistungshemmung.

Ein gewisses Ausmaß an sozialer Angst ist völlig normal. Schüchternheit stellt ebenfalls keine Störung dar, wenn sie nicht als belastend erlebt wird. Die Krankheitswertigkeit sozialer Ängste hängt vom Ausmaß der erlebten Beeinträchtigung ab. Kennzeichnend hierfür ist die angstvolle Vermeidung von an sich gewünschten Sozialkontakten.

Das DSM-IV erstellt folgende diagnostische Kriterien für eine soziale Phobie:

A. Eine ausgeprägte und anhaltende Angst vor einer oder mehreren sozialen oder Leistungssituationen, in denen die Person mit unbekannten Personen konfrontiert ist oder von anderen Personen beurteilt werden könnte. Der Betroffene befürchtet, ein Verhalten (oder ein Angstsymptom) zu zeigen, das demütigend oder peinlich sein könnte...

B. Die Konfrontation mit der befürchteten sozialen Situation ruft fast immer eine unmittelbare Angstreaktion hervor, die das Erscheinungsbild einer situationsgebundenen oder einer situationsbegünstigten Panikattacke annehmen kann...

C. Die Person erkennt, dass die Angst übertrieben oder unbegründet ist....

D. Die gefürchteten sozialen oder Leistungssituationen werden vermieden oder nur unter intensiver Angst oder Unwohlsein ertragen.

E. Das Vermeidungsverhalten, die ängstliche Erwartungshaltung oder das starke Unbehagen in den gefürchteten sozialen oder Leistungssituationen beeinträchtigen deutlich die normale Lebensführung der Person, ihre berufliche (oder schulische) Leistung oder soziale Aktivitäten oder Beziehungen, oder die Phobie verursacht erhebliches Leiden.

F. Bei Personen unter 18 Jahren hält die Phobie über mindestens 6 Monate an...

Typische Situationen, wo soziale Ängste auftreten, sind:

Bei Kindern zeigen sich soziale Ängste am häufigsten in Form der Schulphobie und der Prüfungsangst, aber auch in der Angst, von anderen Kindern ausgelacht zu werden, wenn diese als Gruppe und damit als bestimmende Mehrheit erlebt werden. Schüler mit einer sozialen Phobie schneiden wegen ihrer Prüfungsängste und des nicht seltenen Vermeidens der Teilnahme am Unterricht bei Prüfungen häufiger schlechter ab als andere Kinder, was die Angst vor Leistungsbeurteilungen verstärkt.

Schlechtere Schulleistungen, als aufgrund des oft großen Lerneinsatzes notwendig sind, hängen zusammen mit der angstbedingten Blockade beim Sprechen vor der ganzen Klasse und der Autoritätsperson des Lehrers. Die Prüfungssituation als der Inbegriff einer gefürchteten Leistungsbeurteilung führt zu einer verstärkten Beobachtung des eigenen Verhaltens bzw. bestimmter sozial auffällig machender Symptome (Zittern, Rotwerden, Schwitzen, Stottern, Versagen der Stimme) und infolgedessen zu einer Konzentrationsstörung, sodass das oft vorhandene Wissen nicht adäquat dokumentiert werden kann.

Soziale Phobien sind gewöhnlich mit niedrigem Selbstwertgefühl und Furcht vor Kritik verbunden. Menschen mit Sozialphobie sind oft selbst ihre schärfsten Kritiker und fürchten, dass andere Menschen ihre eingebildeten oder tatsächlichen Schwächen erkennen könnten. Sie können sich selbst mit ihrer Eigenart nicht annehmen und fürchten daher die soziale Ablehnung als Bestätigung ihrer Ineffizienz.

Die übermäßige Beschäftigung mit der eigenen Person und der Wirkung auf andere äußert sich in sozialen Situationen in der Form, dass Sozialphobiker glauben, die anderen Menschen würden ebenfalls ständig ihre vermeintlichen Defizite beobachten. Sozialer Rückzug oder das verkrampfte Bemühen, möglichst unauffällig zu wirken, verhindert die Erfahrung, dass die Mitmenschen die Betroffenen gar nicht im gefürchteten Ausmaß beobachten bzw. kritisieren, sondern trotz der vermeintlichen Schwächen als liebenswerte Persönlichkeiten ansehen.

Ein typisches Beispiel einer sozialen Phobie ist die Geschichte eines Mannes, der in einer Buchhandlung ein interessantes Buch über Schüchternheit sieht, es aber trotz großen Interesses nicht wagt, es zu kaufen oder nur hineinzuschauen, weil die Verkäuferin dann ja wüsste, dass er ein schüchterner Mensch ist. Das Erlebnis, sich wieder einmal nicht über seine Angst vor der Reaktion der anderen Leute hinwegsetzen zu können, bestätigt ihm sein Schicksal der Unveränderbarkeit.

Soziale Angst, die aus Selbstunsicherheit entsteht, kann so weit gehen, dass die Betroffenen glauben, andere Menschen würden ständig über sie sprechen oder sie in besonderer Weise anschauen (sog. Beziehungsideen). Eine Person mit einem ausgeprägten derartigen Verhalten wird als „sensitiv“ bezeichnet. Es tritt oft auch bei depressiven Personen mit geringem Selbstwert auf.

Am Beispiel des Händezitterns kann leicht die Eigenart einer Sozialphobie im Vergleich zur Parkinsonschen Krankheit erläutert werden. Sozialphobiker haben Angst, auf einem Scheck oder Zahlschein nur unleserlich unterschreiben zu können, im Restaurant die Suppe vom Löffel zu kippen oder beim Anstoßen mit dem Weinglas ungeschickt zu sein, im Café den Kaffee zu verschütten, im Geschäft das Wechselgeld nicht in Ruhe entgegennehmen zu können, obwohl diese Befürchtungen meistens unberechtigt sind. Parkinson-Kranke dagegen zittern sehr stark, bemerken es jedoch oft gar nicht, und haben trotz ihrer Beeinträchtigung gewöhnlich keine Angst, etwas in der Öffentlichkeit zu tun.

Das Erleben bestimmter sozialer Situationen löst fast unvermeidlich eine sofortige Angstreaktion aus, die mit körperlichen Beschwerden verbunden ist wie Verkrampfung, Händezittern, feuchte Hände, Schwitzen am ganzen Körper, Erröten, Herzrasen, Atemnot, Knödelgefühl im Hals, Übelkeit, Schwindel, Harn- und Stuhldrang, Kopf- oder Magenschmerzen, Stottern bzw. Sprechhemmung.

Der Blickkontakt fällt schwer oder wird gänzlich vermieden. Es können auch situationsgebundene oder situationsbegünstigte Panikattacken auftreten. Nach einer amerikanischen Studie kommt die soziale Phobie mit Panikstörung in vergleichbar großer Häufigkeit vor wie die Agoraphobie mit Panikstörung.

Die Angst, beobachtet zu werden, lächerlich zu wirken und kritisch bewertet zu werden, führt zu vegetativen Symptomen, die erst recht die Angst vor sozialer Auffälligkeit verstärken. Die körperlichen Symptome, die meist nicht das Ausmaß einer Panikattacke erreichen, stellen daher für viele sozial ängstliche Menschen das zentrale Problem dar, da es sich oft um Symptome handelt, die nach außen hin sichtbar werden (wie Erröten, Zittern, Schwitzen, Weinen) und als weiterer bzw. eigentlicher Grund für negative Bewertung vonseiten der Umwelt empfunden werden.

Die Angst vor dem sichtbaren Zittern der Hände kann dazu führen, dass die Betroffenen in Anwesenheit anderer nichts essen, trinken oder unterschreiben. Ohne das Gefühl der Beobachtung können die Betroffenen alle Tätigkeiten problemlos ausführen.

Die Angst vor Kritik und Ablehnung hat zur Folge, dass Menschen mit sozialen Ängsten sich nicht ausreichend durchsetzen und ihre berechtigten Wünsche und Bedürfnisse vertreten können. Sie haben Schwierigkeiten, Nein zu sagen und sich gegenüber den Forderungen anderer abzugrenzen.

In der Selbstwahrnehmung können die Angstsymptome als das primäre Problem verkannt werden. Eine Errötungsangst (Erythrophobie) bezieht sich auf das Erröten in sozialen Situationen und resultiert aus der Angst vor Sozialkontakten, während die Betroffenen meinen, sie würden nur wegen des unkontrollierbaren Errötens den Kontakt mit anderen Menschen fürchten. Sozialen Situationen wird nicht nur wegen des befürchteten Händezittern ausgewichen, sondern dieses ist letztlich das Ergebnis der angstbedingten Muskelverspannung in sozialen Situationen.

Viele Sozialphobiker leben recht zurückgezogen und sehnen sich bei aller Angst vor Ablehnung und Zurückweisung doch sehr nach Kontakt und Anerkennung. Nach verschiedenen verpassten Gelegenheiten leiden sie stark unter dem Gefühl, wieder einmal nicht die Initiative ergriffen zu haben und z.B. eine Person des anderen Geschlechts angesprochen zu haben. Das Risiko, auf der Suche nach dem richtigen Partner einige Ablehnungen hinnehmen zu müssen, erscheint einfach zu groß.

Auf der Suche nach einem Partner hoffen viele Sozialphobiker gleich auf einen intimen Partner. Das erste Gespräch im Lokal wird bereits zum Test, ob man beim anderen „angekommen“ oder „durchgefallen“ ist. Diese Art der Kontaktsuche ist auf dem Hintergrund des langen Alleinseins verständlich, stellt jedoch eine Überforderung für beide Interaktionspartner dar. Oft fehlen Geduld, Engagement und Verständnis dafür, dass eine Beziehung über einen längeren Zeitraum, auch durch Enttäuschungen hindurch, aufgebaut werden muss. Alleinstehende Sozialphobiker glauben nicht selten, durch einen intimen Partner schlagartig alle ihre sozialen Ängste zu verlieren.

Menschen mit einer sozialen Phobie haben oft völlig unrealistische Zielvorstellungen über den Aufbau und die Erhaltung von Beziehungen und erleben deshalb immer wieder neue Enttäuschungen. Die Suche nach einem Partner stellt oft einen Kompensationsversuch der eigenen Unsicherheit dar, der trotz ständiger Misserfolge so lange nicht aufgegeben werden kann, als nur in einem intimen Partner die Erlösung aus der Einsamkeit gesehen wird.

Soziale Phobien äußern sich häufig auch in Form von sexuellen Funktionsstörungen. Die Angst, in sexueller Hinsicht zu versagen oder als Mann bzw. Frau nicht attraktiv genug zu sein, verhindert den näheren Kontakt mit einer Person des anderen Geschlechts. Die Betroffenen brechen eine beginnende Beziehung nicht selten von sich aus ab, um dem deprimierenden Gefühl der befürchteten Ablehnung durch den anderen zuvorzukommen.

Marks unterscheidet zwei Arten von klinisch relevanten sozialen Ängsten, die auch einer dementsprechend unterschiedlichen Behandlung bedürfen:   

Sozialphobie und soziales Kompetenzdefizit

Merkmale

Sozialphobie im engeren Sinn

Soziales Kompetenzdefizit

Geschlechtsverhältnis

Männer und Frauen gleich

Mehr Männer als Frauen

Beginn

Plötzlich ab Teenager-Alter

Schleichend seit Kindheit

Schwerpunkt der Phobie

Spezifisch

Diffus

Körperliche Reaktionen

Ausgeprägt

Gering

Assoziierte Probleme

Gelegentlich

Üblicherweise sehr stark

Benötigte Therapie

Konfrontation und Angstbewältigungstraining

Training sozialer Kompetenz

Die Gruppe der Sozialphobiker im engeren Sinn ist charakterisiert durch die bereits erwähnten Merkmale. Diese Personen verfügen über normale soziale Fertigkeiten, weisen jedoch Ängste in Bezug auf eine oder mehrere soziale Situationen auf und zeigen ausgeprägte körperliche Reaktionen bei der Konfrontation mit relevanten phobischen Reizen. Schüchternheit kann, muss aber nicht vorhanden sein. Viele sozial gehemmte Menschen zeigen oft unpassende oder unzweckmäßige Verhaltensweisen. Sie entschuldigen sich ständig, sind übertrieben höflich, schweigen zuviel, reagieren bei zuviel „Schlucken“ mit Aggressionsdurchbrüchen, sprechen eher über andere als mit anderen, reden zuviel über sich selbst, statt sich auf den anderen einzulassen, sind körperlich ausdruckslos, monoton in der Stimme und schauen beim Reden die anderen zu wenig an.

Der Gruppe der Sozialphobiker mit einem Defizit an sozialer Kompetenz fehlen die notwendigen Fertigkeiten, um soziale Situationen erfolgreich bewältigen zu können. Sie können Gespräche nicht beginnen, aufrechterhalten und beenden, wissen nicht, wie man sich in bestimmten Situationen verhält, sind sehr schüchtern und haben allgemein Probleme im Umgang mit anderen Menschen. Sie weisen ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten in Bezug auf soziale Situationen auf, weil sie fürchten, kritisiert oder verspottet zu werden, nicht als normal angesehen zu werden, nicht zu wissen, was sie sagen sollen, die Kontrolle zu verlieren und in Panik zu geraten. Sie leben deswegen sehr zurückgezogen und sind oft sehr unglücklich oder depressiv. Die sozialen Defizite äußern sich durch oft lebenslange Schwierigkeiten im Knüpfen und Aufrechterhalten von sozialen Kontakten trotz des vorhandenen Wunsches danach sowie durch das ständige Bemühen, die Bedrohung der eigenen Person zu reduzieren, mit dem Ergebnis sozialen Rückzugs und starker Beeinträchtigungen im beruflichen Leben.

Die schwierigsten sozialen Situationen für sozial defizitäre Personen sind Partys, Tanzen und Räume mit Menschen. Cafés, Restaurants und Gasthäuser, wo Anonymität möglich und kein direkter Kontakt mit anderen erforderlich ist, können dagegen meistens besucht werden. Typisch sind größere Probleme mit Gleichaltrigen als mit jüngeren oder älteren Personen, Schwierigkeiten im Kontaktaufnehmen mit fremden bzw. gegengeschlechtlichen Personen, Hemmungen beim Äußern eigener Gefühle und damit Vertiefen einer Beziehung.

Während Marks zwei Sozialphobie-Typen nach dem Ausmaß der sozialen Kompetenz beschreibt, unterscheidet das DSM-IV nach dem Ausmaß der Generalisierung zwei Arten von Sozialphobien:

Eine generalisierte soziale Phobie ist charakterisiert durch das Auftreten von Ängsten in vielen verschiedenen sozialen Situationen. Die Betroffenen fürchten meist sowohl öffentliche Leistungssituationen als auch soziale Situationen, was zu schweren sozialen und beruflichen Beeinträchtigungen führen kann. Häufig liegen ausgeprägte soziale Defizite zugrunde. Dennoch wird mit „Sozialphobie“ insgesamt eher das Verhalten des ängstlich-gehemmten Sozialphobikers bezeichnet, während die schweren Formen sozialer Defizite als Persönlichkeitsstörung beschrieben werden:

Bei der ängstlich-vermeidenden bzw. selbstunsicheren Persönlichkeit treten Ängste in fast allen sozialen Situationen auf, weshalb in den psychiatrischen Diagnoseschemata als Grundlage für derart generalisierte soziale Ängste eine dementsprechende Persönlichkeitsstruktur angenommen wird. Bei der sozialen Phobie werden soziale Situationen gemieden, bei der ängstlichen Persönlichkeitsstörung dagegen soziale Beziehungen überhaupt, bedingt durch die größere allgemeine Unsicherheit und Ängstlichkeit.

Die Trennung zwischen sozialer Phobie (sozialer Gehemmtheit) und sozialen Defiziten (ängstliche Persönlichkeitsstörung) in zwei unabhängige Kategorien entspricht nicht der Realität. Bei einer sozialen Phobie können auch soziale Defizite gegeben sein. Die sozialen Defizite bei einer ängstlich-unsicheren Persönlichkeit lassen sich jedoch ebenso erfolgreich therapieren wie bei einer sozialen Phobie, sodass soziale Defizite nicht als zentrales Wesensmerkmal für eine definitionsgemäß nur relativ schwer veränderbare Persönlichkeitsstörung angesehen werden sollten.

Soziale Phobie und ängstliche Persönlichkeitsstörung unterscheiden sich nur durch den Schweregrad der Beschwerden voneinander. Beide Störungen liegen auf einem Kontinuum des Schweregrades der Gestörtheit (Ausprägung der Angst und der Defizite), wobei die ängstliche Persönlichkeitsstörung nur durch die besondere Schwere der sozialen Störung definiert ist.

In einer amerikanischen Studie an 1000 Personen aus der Durchschnittsbevölkerung bezeichneten sich 40% als dauerhaft schüchtern und 80% als zumindest zeitweise schüchtern. Dies weist darauf hin, dass soziale Phobien auf einem Kontinuum zu „normalen“ Ängsten liegen.

Viele psychisch gesunde Menschen erleben zeitweise die Angst, sich in sozialen Situationen zu blamieren, fühlen sich dadurch aber nicht so belastet und beeinträchtigt wie Sozialphobiker. Insbesondere die Angst vor öffentlichem Sprechen führt dazu, dass zahlreiche Menschen den Auftritt in der Öffentlichkeit vermeiden so gut es geht. Wenn jedoch aus schulischen, beruflichen oder sonstigen Gründen ein öffentlicher Auftritt unvermeidlich ist, können gesunde Personen sehr wohl in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit treten.

Prüfungsangst, Lampenfieber und Schüchternheit in Anwesenheit fremder Personen kommt häufig vor und sollte nur dann als soziale Phobie diagnostiziert werden, wenn die dabei auftretende Angst belastend und die einsetzende Vermeidungstendenz zu einer ernsthaften Lebensbeeinträchtigung führen.

Sozialphobiker können sich vor denselben Situationen wie Agoraphobiker fürchten, jedoch aus anderen Gründen, nämlich wegen der unerträglichen sozialen Beachtung und Beurteilung der eigenen Person („Was werden sich die anderen von mir denken?“, „Bestimmt halten sie mich für dumm“; „Ich könnte mich blamieren“). Nicht selten wird die soziale Phobie durch Ausreden zu verbergen versucht (z.B. „Ich finde Partys blöd“; „Ich mag diese Typen einfach nicht“; „Ich kann nicht mehr soviel fortgehen wie früher, weil ich zu Hause soviel Arbeit habe“; „Ohne meinen Mann freut mich das Fortgehen nicht“; „Ich bin nicht mehr so gesund wie früher“).

 

Epidemiologie, Verlauf und Folgen der sozialen Phobie

Ältere deutsche und amerikanische Bevölkerungsstudien wiesen bei der Sozialphobie auf eine Lebenszeitprävalenz von rund 2,5% hin. Nach der neuesten nationalen Erhebung in den USA (NCS-Studie) ist die soziale Phobie mit einer Auftretenswahrscheinlichkeit von 13,3% im Laufe des Lebenszeitraums, 7,9% innerhalb der letzten 12 Monate und 4,5% innerhalb des letzten Monats nach der Depression und dem Alkoholismus die dritthäufigste psychische Störung (lebenszeitbezogen bei 15,5% der Frauen und 11,1% der Männer, innerhalb der letzten 12 Monate bei 9,1% der Frauen und 6,6% der Männer, innerhalb des letzten Monats bei 5,2% der Frauen und 3,8% der Männer). Die fehlende oder inadäquate Bewältigung dieser sozialen Beeinträchtigung führt zu weiteren Störungen und Behinderungen.

Vorübergehende soziale Ängste sind in der Kindheit und Jugend relativ häufig. Soziale Phobien beginnen meist zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr und damit etwas früher als Panikstörungen und Agoraphobien. Eine generalisierte soziale Phobie beginnt durchschnittlich mit etwa 13 Jahren, eine nichtgeneralisierte Sozialphobie mit 22,6 Jahren. Sozialphobien entwickeln sich langsamer als die anderen Angststörungen. Erste Anzeichen der sozialen Phobie sind oft eine ausgeprägte Schüchternheit oder Zurückhaltung, später resultieren daraus auch oft verschiedene berufliche oder private Probleme. Die häufigste soziale Phobie des Kindes- und Jugendalters ist die Schulphobie.

Menschen mit sozialer Phobie sind häufiger unverheiratet bzw. haben keinen festen Partner. Oft fehlen auch sexuelle Erfahrungen oder bestehen sexuelle Probleme. In klinischen Behandlungseinrichtungen ist die soziale Phobie nach der Agoraphobie die zweithäufigste Angststörung. Die Betroffenen melden sich oft mit anderen Problemen zur Therapie an (z.B. Alkoholmissbrauch, depressive Symptomatik, psychovegetative Störungen).

Eine Depression ist die häufigste Begleit- und Folgesymptomatik der sozialen Phobie und tritt (je nach Diagnosekriterien) in 14-50% der Fälle auf. Eine soziale Phobie ist keine harmlose Angstkrankheit, was sich auch in relativ häufigen Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen äußert. Bei rund 15% der Betroffenen kommen Selbstmordversuche vor. Die depressive Verstimmung entwickelt sich oft als Folge der sozialen Hemmung. Die Depression ist bedingt durch die Unzufriedenheit mit der jeweiligen Lebenssituation (geringe Durchsetzungsfähigkeit im beruflichen und privaten Bereich, Vereinsamung, wenig Verhaltensalternativen). 

Viele Sozialphobiker (5-36%) benutzen oft Alkohol, um ihre Ängste zu dämpfen. Nach einer Studie entwickeln rund 20% der Sozialphobiker einen ausgeprägten Alkoholkonsum, der deutlich über dem von Agoraphobikern liegt. Zahlreiche angstauslösende soziale Interaktionen erfolgen in Situationen, in denen auch Alkohol zur Verfügung steht (z.B. bei Verabredungen, Feiern, Essen im Restaurant). Umgekehrt finden sich unter Alkoholikern viele sozial ängstliche Menschen, die wegen ihrer Ängste zu trinken begonnen haben.

Rund 20% der Sozialphobiker weisen Zwangssymptome auf, die mit gefürchteten negativen sozialen Konsequenzen (Angst vor Kritik) zusammenhängen:

Zwänge stellen oft einen Bewältigungsversuch von sozialer Unsicherheit und mangelnder sozialer Kompetenz dar. Je mehr dies der Fall ist, um so geringer ist die Bereitschaft, die Zwänge als Mittel der Durchsetzung und Beziehungssteuerung aufzugeben, weil damit die zugrunde liegenden sozialen Defizite offenbar würden. Bei derartigen Zwängen reicht die Durchbrechung der Zwänge als einzige Therapietechnik nicht aus, vielmehr ist vorher oder gleichzeitig auf den Aufbau von mehr Selbstsicherheit und Durchsetzungsfähigkeit zu achten.

 

Soziale Angst - Ständige kognitive Beschäftigung mit sich und den anderen

Nach den kognitiv-verhaltenstherapeutischen Konzepten der Amerikaner Beck und Heimberg entstehen Sozialphobien bei Menschen, die sich übermäßig mit sich selbst beschäftigen. Aus Angst vor Misserfolg in sozialen Situationen sowie vor daraus resultierender sozialer Kritik werden potentielle „Gefahren“ übermäßig beachtet und dadurch überbewertet. Die übermäßige Empfindlichkeit gegenüber den eigenen körperlichen Reaktionen (Hitzegefühl, Erröten, Schwitzen, Herzklopfen, belegte Stimme, Zittern) verstärkt den Prozess der erhöhten Selbstbeobachtung.

Abnehmendes Selbstvertrauen und verzerrte Selbstbewertung tragen dazu bei, dass es schließlich zu einem phobischen Vermeidungsverhalten kommt, das kurzfristig die Angst reduziert, langfristig jedoch aufrechterhält durch fehlende andersartige Erfahrungen. Durch ihren sozialen Rückzug verhindern Menschen mit unzureichender sozialer Kompetenz gerade jene Lernerfahrungen, die ihnen für zukünftige soziale Situationen mehr Selbstsicherheit vermitteln würden.

Sozialphobiker haben auf sich selbst gerichtete „Metakognitionen“, d.h. Selbstbeobachtungen der eigenen kognitiven Aktivitäten. Sie überwachen ihre kognitiven, wahrnehmenden, physiologischen und motorischen Prozesse, die während einer sozialen Interaktion ablaufen, werden dadurch sozial jedoch noch distanzierter und verlieren jede Spontaneität, was ihre soziale Ängstlichkeit verstärkt. Die Konzentration auf die eigene Person und deren Wirkung auf andere beeinträchtigt die Zuwendung zum Interaktionspartner und dessen Äußerungen, was subjektiv als Konzentrationsstörung oder gar Merkfähigkeitsstörung erlebt wird.

Es entwickelt sich ein Teufelskreis: die Angst vor sozialen Misserfolgen und kritischen Urteilen führt zu einem verkrampften Bemühen um Fehlervermeidung, Unauffälligkeit und positive Selbstdarstellung und infolgedessen zu erhöhter Aufmerksamkeit auf das eigene Tun, unbedingt alles richtig zu machen. Daraus resultiert eine Beeinträchtigung des spontanen Verhaltens. Die Art der Aufmerksamkeitszuwendung auf die Interaktionspartner („Was sehen die anderen an mir?“) verstärkt den Prozess der Selbstbeobachtung. Die damit einhergehende Gefahr der Auffälligkeit wird durch „Zusammenreißen“ zu überspielen versucht. Wenn die soziale Auffälligkeit dennoch immer wahrscheinlicher erscheint, erfolgt ein sozialer Rückzug als Vermeidungsstrategie. Die damit verbundene mangelnde Erfahrung und fehlende Trainingsmöglichkeit im Umgang mit anderen Menschen führt zur Verstärkung der sozialen Unsicherheit und rechtfertigt das Rückzugsverhalten.

Eine soziale Phobie wird durch zwei Aspekte besonders verstärkt:

Nach Beck begünstigen folgende innere Dialoge in sozialen Situationen eine Sozialphobie:

  1. In welchem Ausmaß ist dies ein Test meiner Kompetenz oder meines Ansehens? Wie sehr muss ich mich mir oder anderen etwas beweisen?

  2. Wie ist mein Status im Vergleich zu dem der anderen?

  3. Wie wichtig ist es, eine Stärkeposition bezüglich des Status oder ein gutes Ansehen im Umgang mit sozial Bewertenden zu etablieren?

  4. Wie ist die Haltung der Bewertenden? Sind sie akzeptierend und verständnisvoll oder zurückweisend? Sind ihre Bewertungen objektiv oder hart und bestrafend?

  5. In welchem Ausmaß kann ich auf meine Fähigkeiten zählen, um die Bewertung zu überstehen?

  6. Mit welcher Wahrscheinlichkeit werde ich von ablenkenden Ängsten und Hemmungen verunsichert?

Das kognitive Modell von Clark berücksichtigt weitere Aspekte. Demnach wird die anfängliche Erwartung bezüglich negativer Bewertungen des eigenen Verhaltens durch andere wesentlich verstärkt und ausgeweitet durch fehlerhafte Informationsverarbeitung und ungünstige Verhaltensweisen. Negative Erwartungen bewirken eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit, Selbstbeobachtung und Selbstbewertung (einseitige Konzentration auf mögliche Fehler, Versagen, Blamagen und Peinlichkeiten im Verhalten). Sozialphobiker schließen aufgrund ihrer Angstgefühle oder körperlichen Erregung oft auf negative Verhaltensbewertung durch andere („Die anderen sehen in meiner Aufregung meine Schwäche“). Die Fehlattribuierung von Angstsymptomen als Beweis der negativen Beurteilung vonseiten der Umwelt schaukelt den Teufelskreis bis zu situativen Panikattacken auf. Bestimmte Sicherheitsverhaltensweisen sollen in unvermeidbaren Situationen die Ängste und erwarteten negativen Bewertungen vermindern (z.B. ständiges Reden zur Überspielung von Unsicherheit). Die vorhandenen Ängste werden dadurch verstärkt, weil keine neuen Erfahrungen (Korrektur irrealer Bewertungserwartungen) gemacht werden.

Studien haben folgende Erkenntnisse über Sozialphobiker erbracht:

 

Verhaltenstherapie bei Sozialer Phobie

Aspekte der sozialen Phobie (soziale Defizite) wurden in der Vergangenheit schwerpunktmäßig über Trainingsprogramme zur Verbesserung der sozialen Kompetenz („Selbstsicherheitstraining“) zu therapieren versucht. Selbstsicherheit, im Englischen „Assertiveness“ genannt, wird dabei verstanden als Einheit von Handlung, Kognition und Emotion. Auf diese Weise werden einseitige Konzeptionen vermieden wie z.B. die Beschränkung auf „Selbstvertrauen“ im Sinne der stärker emotionalen Komponente oder die Einengung auf „Selbstbehauptung“ im Sinne der Komponente aggressiven Durchsetzungsverhaltens. „Soziale Kompetenz“ bezeichnet das potentielle Handlungsrepertoire, „soziale Fertigkeiten“ (social skills) die manifeste Umsetzung in konkrete Verhaltensweisen.

Aus der Definition des Begriffs der Selbstsicherheit leitet sich auch bereits die therapeutische Aufgabenstellung ab: 

„Mit dem Begriff der Selbstsicherheit ist die Fähigkeit eines Individuums gemeint, in Relation zu seiner Umgebung eigene Ansprüche zu stellen und sie auch verwirklichen zu können. Dazu gehört, sich zu erlauben, eigene Ansprüche zu haben, sich zu trauen, sie auch zu äußern und die Fähigkeit zu besitzen, sie auch durchzusetzen.“

Das Assertiveness-Training-Programm (ATP) des Münchner Ehepaares Ullrich und Ullrich de Muynck, das in den frühen 70er Jahren am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München erstmals eingesetzt und in mehreren Büchern vorgestellt wurde, hat die weiteste Verbreitung gefunden, vor allem auch im klinischen Bereich.

Das Therapiekonzept bezieht sich auf vier inhaltlich unterschiedlichen Generalisationsbereichen sozialer Ängste:

Die Verbesserung sozialer Fertigkeiten wird über folgende globale Therapieziele angestrebt:

Beim Selbstsicherheitstraining folgt bei Bedarf auf die „Grundstufe“ eine „Fortgeschrittenen-Stufe“, wo eine differenzierende Anwendung selbstsicheren Verhaltens im Freundeskreis, am Arbeitsplatz und in der Familie bzw. Partnerschaft angestrebt wird. 

Als Methoden werden Verhaltensübungen, Rollenspiele, Modellernen (Lernen durch Beobachtung anderer), Feedback, Videotraining und Hausaufgaben eingesetzt. Das Programm wird im Regelfall unter Teilnahme von zwei Therapeuten, die als Modell für das einzuübende Verhalten dienen, in Form einer Gruppentherapie mit Einzelbehandlungen kombiniert, kann aber auch als reine Einzel- oder Gruppentherapie zum Einsatz kommen.

Die sehr detailliert und differenziert ausgearbeiteten und nach steigender Schwierigkeit aufeinander aufbauenden Übungen sollten nicht einfach - wie dies leider oft genug erfolgte - als reines Übungsprogramm zum Eintrainieren von erwünschten Standardverhaltensweisen eingesetzt werden und auch nicht sklavisch genau in der vorgegebenen Reihenfolge absolviert werden, sondern (was die Autoren stets betont haben) sehr individualisiert erfolgen auf der Basis einer detaillierten Verhaltens- und Zielanalyse bei jedem Therapieteilnehmer.

Die starke Durchstrukturierung des Selbstsicherheitstrainings hängt mit dem Bedürfnis nach Standardisierung für Forschungszwecke zusammen, d.h. man wollte das vor über 20 Jahren entwickelte Programm an größeren Patientenzahlen empirisch überprüfen. Gegenüber simplifizierenden Anwendungsformen des Selbstsicherheitstrainings stellen die Autoren fest:

„Konfrontation ohne Berücksichtigung von Abwehrstrategien oder ‘reines Üben’ ohne Beseitigung der Bedingungen, die zur Vermeidung geführt haben, kann nicht als bedingungsanalytische Psychotherapie oder Verhaltenstherapie gelten.“

Alle Therapiekonzepte zum Abbau sozialer Ängste müssen deren mögliche Funktionen im Rahmen der aktuellen Sozialbeziehungen berücksichtigen. Einige Beispiele sollen mögliche systemische Funktionen einer Sozialphobie vergegenwärtigen:

Das Hamburger Therapiekonzept von Wlazlo geht bei sozialen Ängsten stärker im Sinne einer Konfrontationstherapie vor (primär Übungen in realen Situationen und weniger im Therapieraum). Für einen dauerhaften Therapieerfolg ist es erforderlich, eine Veränderung des zentralen Aspekts der sozialen Phobie, nämlich der Angst vor negativer Bewertung durch andere, zu erreichen. Über Erfolge im Rahmen einer Konfrontationstherapie finden dabei indirekt auch Einstellungsänderungen statt. Durch regelmäßige Übungen in realen Situationen (anfangs zusammen mit dem Therapeuten, ökonomisch und therapeutisch sinnvoll in Form einer Gruppentherapie) erfolgt einerseits eine externe Realitätsüberprüfung („Die anderen tun nichts, was negativ oder bedrohlich wäre“), andererseits eine interne Realitätsüberprüfung („Ich kann mit den negativen Urteilen anderer besser leben als ich geglaubt habe“).

Darüber hinaus ist die direkte Analyse und Änderung der vorhandenen Denkmuster (vor allem der Angst vor Ablehnung) sehr wichtig, weil viele Sozialphobiker im Gegensatz zu Agoraphobikern ohnehin die meisten sozialen Situationen aufsuchen (wenngleich oft mit einem unguten Gefühl), ohne durch diese Art der Konfrontation eine Symptomreduktion zu erreichen. Eine Schulung der sozialen Wahrnehmung ist unbedingt angezeigt, damit Sozialphobiker die Reaktionen anderer Menschen richtig einschätzen lernen. Die Betroffenen sollen ihre Befürchtungen im Rahmen der Reizkonfrontation nicht einfach besser aushalten, sondern überhaupt als unberechtigt erkennen lernen. Es wird eine adäquatere Form der Informationsverarbeitung trainiert.

Ein neueres Modell des amerikanischen Verhaltenstherapeuten Heimberg legt zu Therapiebeginn den Schwerpunkt auf die Analyse und Veränderung negativer kognitiver Muster, die den sozialen Ängsten zugrunde liegen (z.B. „Ich möchte bei allen beliebt sein“, „Ich tue alles, um Kritik an mir zu vermeiden“, „Ich halte es nicht aus, von jemand abgelehnt zu werden“). Nach der kognitiven Umstrukturierung erfolgen Konfrontationsübungen in Form von Rollenspielen in der Gruppe sowie als Hausaufgaben.

Bei der Behandlung von Menschen mit sozialer Phobie können drei Therapiephasen unterschieden werden:

  1. Aufbau von Therapiemotivation (Patienten mit ausgeprägter Sozialphobie können sich trotz Änderungswunsches eine tatsächliche Verhaltensänderung oft nicht vorstellen), Entwicklung einer verständnisvollen Therapeut-Patient-Beziehung (viele Patienten halten anfangs kaum Kritik vonseiten des Therapeuten aus), Aufbau von Gruppenkohäsion (im Falle einer Gruppentherapie) sowie Vermittlung eines hilfreichen Störungsmodells (viele Patienten wünschen z.B. eine nach außen gekehrte Selbstsicherheit, ohne dass andere Menschen eine eventuelle innere Unsicherheit erkennen können, und eine totale Kontrolle über ihre körperlichen Reaktionen, ohne dass psychovegetative Angstsymptome auftreten - alles Faktoren, die die soziale Phobie eher verstärken als abbauen, weil es dafür keine Garantien gibt).

  2. Konfrontation mit den phobischen Situationen in der Gruppe (Rollenspiele), im Rahmen einer Konfrontation in sensu (Vorstellungsübungen), in Form einer Konfrontation in vivo (gestufte oder massierte Konfrontationstherapie) sowie Selbstinstruktionstraining.

  3. Übertragung der Lernerfahrungen auf den Alltag des Patienten. Durch entsprechende Hausaufgaben ist der Transferprozess auf die Lebenswelt des Patienten einzuleiten und abzusichern, der ansonsten oft nur unzureichend erfolgt. Dabei ist neben neuen Handlungsweisen auch die Entwicklung neuer Sichtweisen wichtig.

  4. Soziale Kompetenz gilt heutzutage als Oberbegriff für ältere Konzepte wie Selbstbehauptung, Durchsetzungsfähigkeit, Selbstsicherheit, soziale Fertigkeiten oder Selbstvertrauen. Soziale Kompetenztrainings im klinischen Alltag umfassen somit auch einen weiteren Gegenstandsbereich als die herkömmlichen Durchsetzungs- oder Selbstbehauptungstrainings. Soziale Kompetenztrainings werden heutzutage nicht nur bei Angstpatienten, sondern auch bei Patienten mit ganz unterschiedlichen Diagnosen eingesetzt, weil die jeweilige Störung oft mit mangelnder sozialer Kompetenz einhergeht. Dies trifft oft zu auf Menschen mit Depression, Zwangsstörung, Schizophrenie, sexueller Störung, Essstörung, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, psychosomatischen Störungen, Behinderungen verschiedener Art u.a.

 

Therapieeffizienz bei Sozialer Phobie

Die Wirksamkeit von Selbstsicherheits- und sozialem Kompetenztraining ist durch eine Fülle von Studien erwiesen. Die Kombination von sozialem Kompetenztraining, Reizkonfrontation in der Realität und kognitiver Umstrukturierung führt bei etwa 80% zu Besserungen. Ullrich & Ullrich de Muynck fanden bei der Evaluierung ihres soziales Kompetenztrainings Erfolgsquoten von rund 80% bei Phobien und von ca. 50% bei zusätzlichen Persönlichkeitsstörungen, Abhängigkeitserkrankungen u.a., wiesen aber auch auf die Probleme hin:

„Die Einschätzung von vielen hundert zum Teil über 15 Jahre nachbetreuten Klienten zeigt jedoch auch, dass die Beibehaltung problematischer Partnerbeziehungen für Störungschronifizierungen und Rekonditionierungen wohl der prognostisch bedeutsamste Faktor ist.“

Nach amerikanischen Studien der Gruppe um Heimberg ist die Kombination von kognitiver Therapie (Analyse und Änderung negativer Denkmuster in sozialen Situationen) und Konfrontationsübungen (Verhaltenstraining in der Gruppe und zu Hause) wirksamer als jedes der beiden Therapiekonzepte allein (Erfolgsraten: 60-80%).

 

Dieser Text stammt aus meinem Buch „Angststörungen“. Wenn Ihnen dieser Text gefallen hat, empfehle ich Ihnen den Kauf des ganzen Buches (Bestellung durch Anklicken des Buchtitels):

Morschitzky, H. (2009). Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Wien: Springer. 731 S. € 69,90.  

 

Einen ähnlichen Text von mir finden Sie auch unter

http://www.verhaltenstherapie.at/Ratgeber/SozialeAngstBeschreibung.htm

 

Der folgende Text beschreibt - direkt an Jugendliche gewandt - soziale Ängste im Allgemeinen und im Jugendalter im Besonderen:

 

   SOZIALE ÄNGSTE - DIE ANGST VOR DEN ANDEREN

Gerhard - Die Angst vor Ablehnung führt zum Rückzug

Gerhard wollte in der 1. Klasse eines Oberstufenrealgymnasiums am liebsten nicht mehr in die Schule gehen. Er glaubte, dass er als Kind vom Land nicht zu den Mitschülern passte, die großteils aus der Stadt stammten. Er unterschied sich von den anderen durch seine Mundart, aber auch durch seine Kleidung. Seine Eltern konnten ihm aus finanziellen Gründen keine Markenartikel kaufen, was in seiner Klasse sehr wichtig war. Als ehemaliger Hauptschüler tat er sich anfangs in verschiedenen Gegenständen auch viel schwerer als zahlreiche andere Schüler, die vorher eine AHS-Unterstufe besucht hatten. Er wusste wenig von den jeweiligen Sportgrößen und auch nicht viel von den aktuellen Musikstars. Die anderen tauschten Computerspiele aus, er konnte mangels PC nichts anbieten. Als Bauernkind vom Land liebte er die Tierwelt und legte eine Sammlung von Käfern und Schmetterlingen an, doch dies interessierte die Mitschüler kaum.

Er fühlte sich in der Klasse isoliert, manchmal auch belächelt. Mit den Mädchen kam er besser zurecht, weshalb er den Spitznamen „Mädi“ erhielt. Nach einigen Monaten Schulbesuch fürchtete er sich bereits am Morgen vor der Schule. Er grübelte täglich darüber nach, wie die anderen auf ihn reagieren würden. Das Frühstück schmeckte ihm nicht mehr, weil er so angespannt und ängstlich war. Auf der Fahrt mit dem Bus in die Stadt nahm seine Angst einmal so stark zu, dass er ausstieg und wieder nach Hause fuhr. Seine Eltern sprachen ihm Mut zu, dass es sich dabei nur um Anfangsschwierigkeiten handle, doch dies nutzte nichts.

Im Laufe der Zeit entwickelte er aus Angst vor seinen Mitschülern körperliche Symptome. Er litt vor allem unter Schlafstörungen, Magenschmerzen und eigenartigen Schwindelzuständen. Mehrfach musste er mitten im Unterricht wegen Übelkeit und Schwindel das Klassenzimmer verlassen, wobei er dies anfangs zu überspielen versuchte, indem er erklärte, dass er wegen Durchfallsneigung die Toilette aufsuchen müsse. Einmal schickte ihn ein Lehrer während des Unterrichts nach Hause und riet ihm, zum Arzt zu gehen. Ein anderes Mal bekam er vor der Mathematik-Schularbeit einen derartigen aufregungsbedingten Fieberschub, dass ihn der Hausarzt für drei Tage krank schrieb.

Er glaubte, dass ihn sein Mathematik-Professor ebenso wenig akzeptierte wie seine Mitschüler. Dabei hatte dieser nur gesagt, dass man seinen schulischen Rückstand als ehemaliger Hauptschüler im Vergleich zu den früheren Gymnasiasten schon etwas merke und er ihm daher zu einem vorübergehenden Nachhilfeunterricht rate.

Er fürchtete sich immer mehr vor jeder mündlichen Prüfung, weil er dachte seine Mitschüler würden seine Aufregung und seine körperlichen Angstzustände bemerken. Anstatt sich voll auf die Frage der Lehrkraft oder auf die Aufgabenstellung an der Tafel zu konzentrieren, fragte er sich immer häufiger, was die anderen an ihm merken würden. Er richtete seine Aufmerksamkeit immer mehr auf seinen Körper. Würden die anderen sein leichtes Zittern wahrnehmen oder seine Schweißperlen auf der Stirn sehen? Was würden sich die anderen denken, wenn er zu stottern beginnt oder seine Stimme bricht? Wenn er vor Aufregung kein Wort herausbringt, würden die anderen dann denken, dass er nichts gelernt habe, obwohl er doch bis spät in die Nacht über den Schulbüchern gesessen sei?

In einigen Fächern verschlechterten sich die Noten bei Schularbeiten und mündlichen Tests. Dies hing mit der durch Angst und Aufregung bedingten Konzentrationsstörung zusammen. Die schlechten Noten wiederum verstärkten Gerhards Erwartungsängste, bei Prüfungen zu versagen oder unter seinem Wert geschlagen zu werden.

Schließlich führten die Eltern ein Gespräch mit dem Klassenvorstand, dem Gerhards Probleme schon längst aufgefallen waren. Man vereinbarte eine Testung im schulpsychologischen Dienst. Dabei stellte sich heraus, dass Gerhard eine überdurchschnittliche Intelligenz aufwies und seine Schulprobleme nicht mit Begabungsmängeln zusammenhingen.

Die Schulpsychologin empfahl ihm eine Psychotherapie, die nach einem halben Jahr zu einer wesentlichen Besserung seines Verhaltens führte. Er schaffte das erste Jahr der höheren Schule und wurde später nicht nur ein guter, sondern auch ein beliebter Schüler. Er hatte gelernt, auf andere zuzugehen. Gerhards Probleme wurden dadurch verstärkt, dass er sich aus Angst vor Ablehnung selbst aus der Klassengemeinschaft ausschloss, während er glaubte, er sei von den anderen ausgeschlossen worden.

 

Die unmögliche Kunst, es allen recht zu machen  

Menschen mit sozialen Ängsten möchten es allen recht machen, um gefürchteter Kritik zu entgehen. Was dabei herauskommt, wird durch eine schöne orientalische Geschichte veranschaulicht.

In der glühenden Mittagshitze zogen ein Vater, sein kleiner Sohn und ein Esel durch die staubigen Gassen einer Stadt. Der Vater saß auf dem Esel, während der Junge daneben herging. Da sagte ein Vorübergehender: „Der arme Junge. Seine kurzen Beine können mit dem Tempo des Esels kaum mithalten. Wie kann ein Vater so faul auf dem Esel sitzen, während das kleine Kind vom Laufen ganz müde wird.“ Der Vater beherzigte diese Worte und setzte den Jungen auf den Esel. Bald darauf kam ein anderer Mann vorbei und rief: „So eine Unverschämtheit. Der kleine Bengel sitzt wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte der Jungen, der daraufhin den Vater bat, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. Bald darauf rief eine vorbeigehende Frau entrüstet aus: „Hat man so etwas schon gesehen? So eine Tierquälerei! Der Rücken des armen Esels hängt völlig durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre die arme Kreatur ein Diwan!“ Daraufhin stiegen Vater und Sohn wortlos vom Esel herunter. Einige Schritte weiter machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und nicht einmal einen von euch trägt?“ Jetzt erst zog der Vater die richtige Schlussfolgerung und sagte zu seinem Sohn: „Gleichgültig, was wir machen, es findet sich immer jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“

   

Das Wesen sozialer Ängste

Krankhafte soziale Ängste werden als „soziale Phobie“ bezeichnet. Eine soziale Phobie ist eine starke Angst, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer Menschen zu stehen, sich peinlich oder demütigend zu verhalten. Es besteht eine Furcht vor der prüfenden Beobachtung durch andere Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen, nicht dagegen in Menschenmengen, wo die Angst machende persönliche Nähe zu einzelnen Menschen entfällt.

Soziale Situationen und Leistungssituationen werden oft gänzlich vermieden oder nur unter intensiver Angst durchgestanden. Sozial ängstliche Menschen leiden unter ihren Angstsymptomen und ihrem Vermeidungsverhalten, können aber trotz der Erkenntnis, dass sie übertrieben und unvernünftig sind, ihr Verhalten nicht ändern.

Die Angst, beobachtet und kritisch bewertet zu werden, führt zu körperlichen Symptomen, die erst recht die Angst vor sozialer Auffälligkeit verstärken. Die Angst äußert sich in typischen körperlichen Symptomen wie z.B. Verkrampfung, Händezittern, feuchte Hände, Schwitzen, Erröten, Herzrasen, Atemnot, Knödelgefühl im Hals, Übelkeit, Schwindel, Kopf- oder Magenschmerzen, Harn- oder Stuhldrang, Stottern bzw. Sprechhemmung. Die Angst kann bis zu einer Panikattacke ansteigen.

Neben den bekannten Angstsymptomen treten in den gefürchteten sozialen Situationen vor allem folgende Symptome auf, die nach außen hin sichtbar werden (Erröten, Zittern, Schwitzen, Weinen, Stimmprobleme, Angst zu erbrechen, Harn- oder Stuhldrang). Dies wird als weiterer bzw. eigentlicher Grund für die negative Bewertung vonseiten der Umwelt erlebt.

Die körperlichen Beschwerden bei sozialen Ängsten sind ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal gegenüber einer einfachen Schüchternheit. Sie stellen für viele sozial ängstliche Menschen das zentrale Problem dar.

Die Angst vor dem sichtbaren Zittern der Hände kann dazu führen, dass die Betroffenen in Anwesenheit anderer nichts essen, trinken oder unterschreiben. Ohne das Gefühl der Beobachtung können die Betroffenen alle Tätigkeiten problemlos ausführen. Sozialen Situationen wird nicht nur wegen des befürchteten Händezittern ausgewichen. Das Händezittern ist vielmehr das Ergebnis der angstbedingten Muskelverspannung in sozialen Situationen.

In der Selbstwahrnehmung können die Angstsymptome als das zentrale Problem verkannt werden. Eine Errötungsangst bezieht sich auf das Erröten in sozialen Situationen und entsteht aus der Angst vor Sozialkontakten, während die Betroffenen meinen, sie würden nur wegen des unkontrollierbaren Errötens den Kontakt mit anderen Menschen fürchten. Die Angst, der momentane Schweiß oder Mundgeruch könnte anderen unangenehm auffallen, führt zu einem „Sicherheitsabstand“ zu anderen Menschen. Die anderen sollen nicht nur nichts Peinliches sehen, sondern auch nichts riechen.

 

Die Vielfalt sozialer Ängste

Soziale Ängste treten in folgenden typischen Situationen auf:

Völlig unterschiedliche Menschen können soziale Ängste aufweisen:

Wie sich sozial ängstliche Menschen das Leben erschweren

Ein gewisses Ausmaß an sozialer Angst ist völlig normal. Die Krankheitswertigkeit sozialer Ängste hängt vom Ausmaß der erlebten Beeinträchtigung ab. Kennzeichnend ist die angstvolle Vermeidung von an sich gewünschten Sozialkontakten.

Eine einfache Schüchternheit stellt keine Störung dar, wenn sie nicht als belastend erlebt wird. Viele gesunde Menschen erleben zeitweise die Angst, sich in sozialen Situationen zu blamieren, fühlen sich dadurch aber nicht so belastet und beeinträchtigt wie Menschen mit sozialen Ängsten.

Ein schüchterner Mensch vermeidet so gut als möglich, im Mittelpunkt zu stehen, kann dies aber aushalten, wenn es von ihm gefordert wird (z.B. eine Rede halten), während ein sozial ängstlicher Mensch vorher häufig krank wird oder das Ereignis nur mit großer Angst durchsteht.

Insbesondere die Angst vor öffentlichem Sprechen führt dazu, dass zahlreiche Menschen den Auftritt in der Öffentlichkeit vermeiden, so gut es geht. Wenn aus schulischen, beruflichen oder sonstigen Gründen ein öffentlicher Auftritt unvermeidlich ist, können schüchterne Menschen sehr wohl in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit treten, während sozial ängstliche Menschen körperliche Symptome bekommen.

Schüchterne Menschen können durchaus erkennen, dass sie von anderen Menschen gemocht werden, sozial ängstliche Personen können dagegen nicht glauben, dass sie von ihrem Wesen her wirklich akzeptiert werden. Soziale Ängste beruhen auf einer Wahrnehmungsverzerrung infolge unzutreffender Einstellungen. Wer glaubt, dass er von den anderen abgelehnt wird, wird in allem und jedem einen Beweis dafür finden.

Prüfungsangst, Sprechangst, Lampenfieber und Schüchternheit in Anwesenheit fremder Personen sind häufige Erscheinungen. Sie werden nur dann als Ausdruck sozialer Ängste diagnostiziert, wenn die dabei auftretende Angst belastend ist und die einsetzende Vermeidungstendenz zu einer ernsthaften Lebensbeeinträchtigung führt.

Menschen mit sozialen Ängsten haben oft ein niedriges Selbstwertgefühl und sind selbst ihre schärfsten Kritiker. Sie fürchten, dass andere Menschen ihre eingebildeten oder tatsächlichen Schwächen erkennen könnten. Sie können ihre Eigenart nicht annehmen und fürchten die soziale Ablehnung als Bestätigung ihrer vermeintlichen Minderwertigkeit.

Sie beschäftigen sich in sozialen Situationen übermäßig mit der eigenen Person und der Wirkung auf andere Menschen. Sie glauben, die anderen würden ebenfalls ständig ihre vermeintlichen Defizite beobachten. Durch die ständige Selbstbeobachtung und das anhaltende Gefühl der Beobachtung verlieren sie jede Spontaneität und werden dadurch sozial noch distanzierter.

Sozial ängstliche Menschen können sich vor denselben Situationen fürchten wie Menschen mit Platzangst, jedoch aus anderen Gründen, nämlich wegen der unerträglichen sozialen Beachtung und Beurteilung der eigenen Person („Was werden sich die anderen von mir denken?“, „Bestimmt halten sie mich für dumm“, „Ich könnte mich blamieren“).

Nicht selten werden die sozialen Ängste durch Ausreden zu verbergen versucht (z.B. „Ich finde Parties blöd“, „Ich mag diese Typen nicht“, „Ich kann nicht mehr soviel fortgehen wie früher, weil ich viel lernen muss“).

Sozialer Rückzug oder das verkrampfte Bemühen, möglichst unauffällig zu wirken, verhindert die Erfahrung, dass die Mitmenschen die Betroffenen gar nicht im gefürchteten Ausmaß beobachten und kritisieren, sondern trotz der vermeintlichen Schwächen als liebenswerte Persönlichkeiten ansehen.

Soziale Angst aus Selbstunsicherheit kann so weit gehen, dass die Betroffenen glauben, andere Menschen würden ständig über sie sprechen oder sie in besonderer Weise anschauen.

Die Konzentration auf die eigene Person und deren Wirkung auf andere beeinträchtigt die Zuwendung zum Gesprächspartner und dessen Äußerungen, was subjektiv als Konzentrationsstörung oder gar als Merkfähigkeitsstörung erlebt werden kann.

Die Angst vor Kritik und Ablehnung hat zur Folge, dass Menschen mit sozialen Ängsten sich nicht ausreichend durchsetzen und ihre berechtigten Wünsche und Bedürfnisse nicht vertreten können. Sie haben Schwierigkeiten, Nein zu sagen und sich gegenüber den Forderungen anderer abzugrenzen, weil sie Angst haben, nicht mehr geliebt zu werden.

Viele Menschen mit sozialen Ängsten leben sehr zurückgezogen und sehnen sich bei aller Angst vor Ablehnung und Zurückweisung doch sehr nach Kontakt und Anerkennung. Nach verschiedenen verpassten Gelegenheiten leiden sie stark unter dem Gefühl, wieder einmal nicht die Initiative ergriffen zu haben und z.B. eine Person des anderen Geschlechts angesprochen zu haben.

Auf der Suche nach einem Partner hoffen viele sozial ängstliche Personen gleich auf einen intimen Partner. Das erste Gespräch im Lokal wird bereits zum Test, ob man beim anderen „angekommen“ oder „durchgefallen“ ist. Diese Art der Kontaktsuche ist auf dem Hintergrund des langen Alleinseins verständlich, stellt jedoch eine Überforderung für beide Gesprächspartner dar. Oft fehlen Geduld und Verständnis dafür, dass eine Beziehung über einen längeren Zeitraum,  auch durch Enttäuschungen hindurch, aufgebaut werden muss.

Alleinstehende Menschen mit sozialen Ängsten glauben nicht selten, durch einen intimen Partner schlagartig alle Ängste zu verlieren. Ein Partner wird häufig als Retter aus großer Not sehnsüchtig erwartet. Er soll die innere Unsicherheit ausgleichen und eine Erlösung aus der Einsamkeit bewirken.

Menschen mit sozialen Ängsten haben oft völlig unrealistische Zielvorstellungen über den Aufbau und die Erhaltung von Beziehungen und erleben deshalb immer wieder neue Enttäuschungen. Bei langfristig unerfüllten Erwartungen können depressive Verstimmungen auftreten.

Soziale Ängste können durch eine Partnerschaft nach außen hin oft über einen langen Zeitraum überspielt werden. Wenn die Paarbeziehung zerbricht, können die alten Probleme und Symptome bald wieder auftreten.

Soziale Ängste äußern sich häufig in Form von sexuellen Funktionsstörungen. Die Angst, in sexueller Hinsicht zu versagen oder als Frau bzw. Mann nicht attraktiv genug zu sein, verhindert den näheren Kontakt mit einer Person des anderen Geschlechts. Küssen wird nicht selten aus Angst vor schlechtem Mundgeruch vermieden. Die Betroffenen brechen eine beginnende Beziehung häufig von sich aus ab, um der Angst vor Ablehnung zu entgehen.

Soziale Ängste entwickeln sich langsamer als andere Angststörungen. Erste Anzeichen dafür sind oft eine ausgeprägte Schüchternheit oder Zurückhaltung, später resultieren daraus auch verschiedene berufliche oder private Probleme.

Eine Depression ist die häufigste Begleit- und Folgesymptomatik sozialer Ängste. Sozial ängstliche Menschen mit einer Depression weisen eine besondere Überempfindlichkeit bei Kritik und Ablehnung auf.

Eine soziale Phobie ist keine harmlose Angstkrankheit, was sich auch in relativ häufigen Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen äußert. Bei rund 15% kommen Selbstmordversuche vor.

Die depressive Verstimmung entwickelt sich oft als Folge der sozialen Hemmung. Die Depression ist bedingt durch die Unzufriedenheit mit der jeweiligen Lebenssituation (geringe Durchsetzungsfähigkeit im beruflichen und privaten Bereich, Vereinsamung, wenig Verhaltensalternativen).

Viele sozial ängstliche Personen benutzen Alkohol, um ihre Ängste zu dämpfen. Der Alkoholmissbrauch ist bei sozialen Ängsten ausgeprägter als bei Platzangst. Zahlreiche angstauslösende soziale Kontakte erfolgen in Situationen, in denen Alkohol zur Verfügung steht (z.B. bei Verabredungen, Feiern, Essen im Restaurant). Unter Alkoholikern befinden sich viele sozial ängstliche Menschen, die wegen ihrer Ängste zu trinken begonnen haben.

   

ZWEI TYPEN SOZIALER ÄNGSTE

Man kann zwei Arten von sozialen Ängsten unterscheiden:

  1. spezifische soziale Ängste

  2. generalisierte soziale Ängste

 

Spezifische soziale Ängste

Spezifische soziale Ängste (von den Fachleuten „Sozialphobie vom Leistungstyp“ genannt) beziehen sich auf Essen oder Schreiben in der Öffentlichkeit sowie auf bestimmte Leistungssituationen (Prüfung, Reden, sportliche Betätigung usw.). Die Angst bewirkt eine Hemmung von an sich vorhandenen Fertigkeiten und geht mit belastenden körperlichen Symptomen einher.

Die Störung ist begrenzt auf spezifische Leistungssituationen vor den Augen anderer Menschen, während in allen anderen Bereichen eine gute soziale Funktionsfähigkeit gegeben ist. Eine Konfrontationstherapie ist oft hilfreich.

Als Auslöser dient häufig ein einschneidendes Erlebnis (z.B. Ausgelachtwerden beim Stottern während eines Referats, Verspottung bei einer ungeschickten Turnübung, Händezittern beim Schreiben an der Tafel). Dabei trat - von den anderen oft unbemerkt - die erste Panikattacke oder eine panikähnliche Reaktion auf.

Soziale Ängste vom Leistungstyp können aufgrund der damit verbundenen körperlichen Symptome zu einer plötzlichen Veränderung eines Jugendlichen führen, die der Umwelt völlig unerklärlich erscheint, vor allem wenn der Betroffene vorher als kontaktfreudig und selbstbewusst galt.

Eine spezifische Sozialphobie beginnt durchschnittlich im 16. oder 17. Lebensjahr und hängt oft mit situativ bedingten Panikattacken zusammen. Die Beeinträchtigungen zeigen sich meist im schulischen und beruflichen Bereich.

 

Generalisierte soziale Ängste

Generalisierte soziale Ängste beziehen sich auf vielfältigste soziale Situationen und beruhen häufig auf einer allgemeinen Selbstunsicherheit, so dass ein Selbstsicherheitstraining angezeigt ist.

Die Betroffenen fürchten sowohl öffentliche Leistungssituationen (vor anderen reden, essen schreiben usw.) als auch alle möglichen soziale Situationen (z.B. Kontaktaufnahme mit Fremden oder Personen des anderen Geschlechts).

Im Laufe der Zeit kommt es zu schweren Beeinträchtigungen in allen Lebensbereichen, so dass soziale, schulische und berufliche Probleme auftreten.

Die Störung ist oft mit einer depressiven Symptomatik oder mit Alkoholmissbrauch verbunden.

Generalisierte soziale Ängste treten gewöhnlich schon sehr früh auf (durchschnittlich mit 11-12 Jahren), jedenfalls vor dem 15 Lebensjahr.

 

SOZIALE ÄNGSTE IM JUGENDALTER

Ein bestimmtes Ausmaß an sozialen Ängsten ist gerade bei Jugendlichen völlig normal. Soziale Ängste treten im Jugendalter häufig dann auf, wenn die typischen Entwicklungsaufgaben in diesem Lebensabschnitt nicht ausreichend bewältigt werden:  

Im Jugendalter werden oft Fragen wichtig wie: „Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Was halten die anderen von mir? Welche Beurteilungskriterien sollen gelten, die eigenen oder die der anderen Menschen?“

Auf der Suche nach einem verbindlichen Maßstab für das eigene Handeln entwickelt sich eine erhöhte Empfindsamkeit für kritische Reaktionen vonseiten der Umwelt. Die eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen werden selbstkritisch mit den Auffassungen der Alterskollegen verglichen. Anderssein und anders handeln macht Angst. 

Schlagworte wie Selbständigkeit, Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit deuten die Entwicklungsziele an, die für die Pubertät wichtig sind, in diesem Zeitraum jedoch nicht ausreichend verwirklicht werden können. Soziale Ängste hängen mit dem Fehlen oder der mangelhaften Ausprägung dieser Aspekte zusammen.

Aufgrund des oft noch unzureichenden Selbstwertgefühls sind viele Jugendliche gefährdet, ihr Selbstbewusstsein übermäßig auf bestimmten Leistungsaspekten und Statussymbolen aufzubauen: gute Noten, attraktives Äußeres, körperliche Kraft, Kleidung mit bestimmten Markennamen, Besitz bestimmter technischer Güter.

Es herrscht der Grundsatz: „Wenn ich nicht weiß, was ich bin, zeige ich her, was ich habe, und demonstriere ich, was ich kann“. Der Versuch, durch Überanpassung an die Gruppe der Gleichaltrigen soziale Anerkennung zu gewinnen, kann sich ebenfalls als hinderlich erweisen, ein eigenständiges Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Wenn Du soziale Ängste hast, beruhen diese wahrscheinlich auf dem Umstand, dass Du Kritik zu Aspekten Deiner Person fürchtest, die Du selbst als problematisch beurteilst. Durch ein soziales Vermeidungsverhalten versuchst Du dann jener Kritik zu entkommen, die Du Dir selbst gegenüber geäußert hast.

Typische Beispiele sind: „Ich bin zu dick“, „Meine Haut weist zu viele Pickel auf“, „Mein Gesicht wirkt so blass und traurig“, „Wenn ich den Mund aufmache, sage ich lauter Blödsinn“, „So wie ich bin, kann mich niemand wirklich mögen“, „Andere sind beliebter als ich“, „Ich bin noch nicht so reif und erwachsen wie andere Jugendliche“.

Vorübergehende soziale Ängste sind in der Kindheit und Jugend relativ häufig. Soziale Ängste beginnen meist zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr und damit etwas früher als eine Panikstörung oder Platzangst.

Wie eine aktuelle süddeutsche Studie bei über 3000 repräsentativ ausgewählten 14-24jährigen ergab, litten 7,6% dieser jungen Menschen im Laufe ihres noch kurzen Lebens bereits unter sozialen Ängsten.

Bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich soziale Ängste am häufigsten in Form der Schulangst und der Prüfungsangst, aber auch in der Angst, von anderen Kindern ausgelacht und abgelehnt zu werden, wenn diese als Gruppe und damit als bestimmende Mehrheit erlebt werden.

Schüler mit sozialen Ängsten schneiden wegen ihrer Prüfungsängste und des nicht seltenen Vermeidens der Teilnahme am Unterricht bei Prüfungen häufig schlechter ab als andere Kinder, was die Angst vor Leistungsbeurteilungen verstärkt.

Schlechtere Schulleistungen, als aufgrund des oft großen Lerneinsatzes notwendig sind, hängen zusammen mit der angstbedingten Blockade beim Sprechen vor der ganzen Klasse und der Autoritätsperson des Lehrers.

Die Prüfungssituation als der Inbegriff einer gefürchteten Leistungsbeurteilung führt zu einer verstärkten Beobachtung des eigenen Verhaltens bzw. bestimmter sozial auffällig machender Symptome (Zittern, Rotwerden, Schwitzen, Stottern, Versagen der Stimme) und infolgedessen zu einer Konzentrationsstörung, so dass das oft vorhandene Wissen nicht angemessen dokumentiert werden kann.

Die Entwicklung sozialer Ängste darf nicht nur auf individuelle Probleme des Kindes zurückgeführt werden, wie dies früher häufig getan wurde, sondern ist auch auf dem Hintergrund der Lebensumwelt des Kindes, insbesondere der Familiensituation, zu sehen. Dabei können recht unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen (z.B. Erziehungsstil, Eltern-Kind-Beziehung, Gewalttätigkeit eines alkoholkranken Vaters, auseinanderbrechende Beziehung der Eltern).

Soziale Ängste können im Jugendalter in drei Formen auftreten:

  1. Es bestehen grundlegende soziale Ängste mit einem daraus folgenden sozialen Fertigkeitsmangel. Bestimmte Entwicklungsbedingungen, insbesondere im Elternhaus, begünstigen die Ausbildung sozialer Ängste. Das ängstliche Vermeidungsverhalten verhindert die Entwicklung sozialer Fertigkeiten, was zu den typischen Aufgabenstellungen im Jugendalter gehört. Leichte Verletzlichkeit und große Erwartungsängste verstärken den sozialen Rückzug, der das Einüben sozialer Fertigkeit verunmöglicht. Die Konfrontation mit bestimmten sozialen Anforderungen löst körperliche Symptome von panikartigem Charakter aus.

  2. Es besteht ein grundlegender Mangel an sozialen Fertigkeiten mit der Folge sozialer Ängste. Bestimmte Lebensbedingungen haben die Entwicklung sozialer Fertigkeiten verhindert und infolgedessen zu einer sozialen Phobie geführt. Mehrfache Umzüge der Eltern aus beruflichen Gründen haben die immer wieder neu aufgebauten Sozialkontakte zerstört, Umschulungen mit wechselnden Anforderungen haben das Selbstvertrauen des Jugendlichen in das schulische Können erschüttert, schwere Erkrankungen mit langen Krankenhausaufenthalten haben zu einer sozialen Isolierung geführt, kontaktarme oder stark einschränkende Eltern haben die Entwicklung angemessener Sozialkontakte verhindert, eine leichte körperliche oder geistige Behinderung wurde nicht ausreichend beachtet. Soziale Ängste können auch bei vorher sozial gut integrierten Personen nach einer länger anhaltenden Platzangst oder Depression auftreten.

  3. Es bestehen nur scheinbar soziale Ängste und nur scheinbar ein Mangel an sozialen Fertigkeiten, tatsächlich liegt dem Verhalten eine Depression zugrunde. Vorher sozial unauffällige Jugendliche entwickeln plötzlich ein Rückzugsverhalten und eine erhöhte Ängstlichkeit. Dies kann mit einem depressiv bedingten Antriebsmangel und einem Abfall des Selbstwertgefühls zusammenhängen. Bei derartigen sozialen Ängsten ist zuerst die zugrunde liegende depressive Symptomatik zu behandeln.

Soziale Ängste können im Jugendalter auch überspielt werden:

       

Soziale Ängste bewältigen

Soziale Ängste lassen sich relativ gut bewältigen:

Einige Vorschläge für kleine Mutproben können dir helfen, wenn dein Problem eher in einer sozialen Gehemmtheit besteht: