Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie)

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Spezifische Phobie – Eine Angst macht das Leben schwer

 

Symptomatik der spezifischen Phobie

 Eine spezifische oder isolierte Phobie ist eine ausgeprägte, anhaltende und unangemessene oder unbegründete Angst, die durch das Vorhandensein oder die Erwartung von klar erkennbaren, eng umschriebenen Objekten oder Situationen ausgelöst wird. Die Konfrontation mit dem phobischen Reiz bewirkt eine Angstreaktion, die bis zu einer situationsgebundenen oder situationsbegünstigten Panikattacke ansteigen kann.

Das Ausmaß der Angst hängt mit der Nähe zum phobischen Objekt zusammen (die Angst wird größer, wenn z.B. ein gefürchteter Hund näher herankommt), ist aber dennoch nicht immer in vorhersagbarer Weise damit verbunden (z.B. kann sich eine Hundephobie oder eine Brückenphobie zu unterschiedlichen Zeitpunkten in unterschiedlichen Reaktionen äußern).

Die Betroffenen erkennen, dass die Angst übertrieben oder unbegründet ist, können sich dadurch aber nicht beruhigen. Die phobischen Objekte und Situationen werden gemieden oder können nur unter starker Angst oder großem Unbehagen ertragen werden.

Bei spezifischen Phobien handelt es sich um monosymptomatische Phobien, im Gegensatz zu den „multiplen Situationsphobien“ bei der Agoraphobie. Manche Betroffene weisen mehr als eine spezifische Phobie auf. Einige Phobien, die bei einer Agoraphobie auftreten, kommen auch als eigenständige situationale Phobien vor (z.B. Lift- oder Flugphobie).

Bestimmte spezifische Phobien (z.B. Angst vor Ansteckung oder spitzen Messern) sind eher zwanghafte Befürchtungen bzw. Impulse und stehen den Zwangsstörungen nahe, weil den phobischen Auslösern durch zwanghafte Kontrollen begegnet wird.

  Das DSM-IV erstellt folgende diagnostische Kriterien für eine spezifische Phobie:  

A.    Ausgeprägte und anhaltende Angst, die übertrieben oder unbegründet ist und die durch das Vorhandensein oder die Erwartung eines spezifischen Objekts oder einer spezifischen Situation ausgelöst wird (z.B. Fliegen, Höhen, Tiere, eine Spritze bekommen, Blut sehen).

 B.    Die Konfrontation mit dem phobischen Reiz ruft fast immer eine unmittelbare Angstreaktion hervor, die das Erscheinungsbild einer situationsgebundenen oder einer situationsbegünstigten Panikattacke annehmen kann...

 C.    Die Person erkennt, daß die Angst übertrieben oder unbegründet ist...

 D.    Die phobischen Situationen werden gemieden bzw. nur unter starker Angst oder starkem Unbehagen ertragen.

 E.    Das Vermeidungsverhalten, die ängstliche Erwartungshaltung oder das Unbehagen in den gefürchteten Situationen schränkt deutlich die normale Lebensführung der Person, ihre berufliche (oder schulische) Leistung oder sozialen Aktivitäten oder Beziehungen ein, oder die Phobie verursacht erhebliches Leiden für die Person.

F.      Bei Personen unter 18 Jahren hält die Phobie über mindestens sechs Monate an...

 

Das DSM-IV kategorisiert die Vielfalt der spezifischen Phobien in einige Typen, wobei das Auftreten eines bestimmten Subtyps die Wahrscheinlichkeit für das Vorhandensein einer weiteren spezifischen Phobie desselben Subtyps erhöht:

 l     Tiertypus: Hunde, Spinnen, Schlangen usw. Tierphobien beginnen meistens im Kindesalter (bei über 80% der Tierphobiker).

l     Umwelttypus: Höhen, Stürme, Wasser usw. (Beginn ebenfalls oft in der Kindheit).

l     Blut-Spritzen-Verletzungsphobie-Typus: Anblick von Blut oder einer Verletzung, Furcht vor Spritzen oder medizinischer Behandlung. Charakteristisch ist eine vagovasale Ohnmachtsneigung. Rund 75% der Betroffenen erlebten Ohnmachtsanfälle in solchen Situationen. Es erfolgt zuerst eine kurze Beschleunigung der Herzfrequenz, anschließend ein Abfall von Puls und Blutdruck, was im Gegensatz zur sympathischen Aktivierung (Pulsbeschleunigung) bei den anderen Phobien steht.

l     Situativer Typus: Verkehrsmittel, Tunnel, Brücken, Fahrstühle, Fliegen, Autofahren, geschlossene Räume usw.

l     Anderer Typus: phobische Vermeidung von Situationen, die zum Ersticken, Erbrechen oder zum Erwerb einer Krankheit führen könnten usw.

 

Nach den Forschungskriterien des ICD-10 ist eine spezifische (isolierte) Phobie (F40.2) durch folgende Merkmale charakterisiert:

A.    Entweder 1. oder 2.:

1.     deutliche Furcht vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation, außer Agoraphobie (F40.0) oder sozialer Phobie (F40.1)

2.     deutliche Vermeidung solcher Objekte und Situationen, außer Agoraphobie (F40.0) oder sozialer Phobie (F40.1).

 

Häufige phobische Objekte und Situationen sind Tiere, Vögel, Insekten, Höhen, Donner, Fliegen, kleine geschlossene Räume, Anblick von Blut oder Verletzungen, Injektionen, Zahnarzt- und Krankenhausbesuche.

B.    Angstsymptome in den gefürchteten Situationen mindestens einmal seit Auftreten der Störung wie in Kriterium B. von F40.0 (Agoraphobie) definiert.

C.    Deutliche emotionale Belastung durch die Symptome oder das Vermeidungsverhalten; Einsicht, daß diese übertrieben und unvernünftig sind.

D.    Die Symptome sind auf die gefürchtete Situation oder Gedanken an diese beschränkt.

 

Wenn gewünscht, können die spezifischen Phobien wie folgt unterteilt werden:

-        Tier-Typ (z.B. Insekten, Hunde)

-        Naturgewalten-Typ (z.B. Sturm, Wasser)

-        Blut-Injektion-Verletzungstyp

-        situativer Typ (z.B. Fahrstuhl, Tunnel)

-        andere Typen

 

Die folgende Darstellung versucht ohne Systematik einen Eindruck von der Vielfalt spezifischer Phobien zu vermitteln, differenziert nach verschiedenen Auslösern:

l     Dunkelheit. Die Dunkelangst ist eine im Rahmen der Evolution verständliche Angst vor Bedrohung durch unbekannte Gefahrenquellen, die oft auch durch das Einschalten von elektrischem Licht nicht gemildert wird.

l     Lärm und Geräusche (insbesondere überraschende und unidentifizierbare Reize).

l     Naturereignisse (Gewitter, Donner, Blitz, Unwetter, Feuer).

l     Tiefe Wasser. Es bestehen Ängste vor dem Bootfahren wegen des Ertrinkens.

l     Geschlossene Räume bzw. Enge (Aufzug, Tunnel, Unterführung, Bergwerk, fenster-loser Raum). Klaustrophobien treten lebenszeitlich bei 7-8% der Bevölkerung auf.

l     Höhen. Typisch sind Ängste vor Brücken (Angst hinunterzufallen), Berggipfeln oder hohen Gebäuden, die durch fehlende Schwindelfreiheit verstärkt werden.

l     Fliegen. Flugphobien (Aviophobien) finden sich bei rund 30% der Bevölkerung, jeder zweite verspürt zumindest ein deutliches Unbehagen beim Fliegen. Flugangst-Patienten fürchten weniger das Abstürzen als die agoraphobische Eingeengtheit.

l     Wasserlassen und Stuhlgang auf öffentlichen Toiletten.

l     Bestimmte Tiere. Hunde, Katzen, Pferde, Vögeln, Schlangen, Mäuse, Insekten (z.B. Bienen), Spinnen und Schnecken sind die am ehesten phobisch besetzten Tiere. Eine Spinnenphobie findet sich bei 35% der Menschen. Viele Tierphobien entwickeln sich in der Kindheit aus falscher Einschätzung der Gefahr oder sind biologisch vorgeformt (Ängste vor sich am Boden bewegenden Tieren wie z.B. Schlangen).

l     Prüfungssituationen. Prüfungsangst (Misserfolgsangst) wirkt leistungsmindernd.

l     Schule. Psychoanalytiker unterscheiden zwischen Schulphobien (Schulverweigerung wegen eines Trennungskonflikts von der Mutter) und Schulangst (Schul-unlust aus Angst vor der Schule und den Lehrern). Derartige Ängste sind primär Ausdruck einer sozialen Phobie im Kindesalter.

l     Erröten. Die Angst vor dem Erröten (Erythrophobie) beeinträchtigt das Wohlbefinden in sozialen Situationen. Sofern keine soziale Phobie gegeben ist, ist das Erröten Ausdruck einer schreckbedingten Gefäßweitstellung (andere dagegen erblassen).

l     Verletzung und Blut (Blutphobie).

l     Schmutz und Bakterien. Häufig kommt es in der Folge davon zu Zwangshandlungen (Waschen und Reinigen), wenn die Verunreinigung unvermeidlich erscheint.

l     Medizinische Institutionen. Krankenhäuser und Arztbesuche (insbesondere beim Zahnarzt oder Frauenarzt) sind angstbesetzt.

l     Medizinische Geräte und Behandlungsmethoden. Nadeln, Spritzen, Infusionen, Operationen und bestimmte Untersuchungsmethoden (Gastroskopie, Lumbalpunktion) werden so gefürchtet, dass Behandlungen nur erschwert möglich sind.

 

Nach dem ICD-10 müssen bei einer phobischen Störung das phobische Objekt oder die phobische Situation außerhalb der betreffenden Person liegen, weshalb körperbezogene Ängste als hypochondrische Störung klassifiziert werden, außer sie beziehen sich auf eine spezielle Situation, in der eine Krankheit erworben werden könnte.

Nach dem DSM-IV hängt die Unterscheidung zwischen einer spezifischen Phobie, anderer Typ, und einer Hypochondrie vom Vorhandensein oder Fehlen einer Krankheitsüberzeugung ab.

Menschen mit Hypochondrie leben in der ständigen Angst, eine Krankheit zu haben, Personen mit einer spezifischen Phobie fürchten dagegen, eine Krankheit zu bekommen, können aber glauben, dass sie diese aktuell noch nicht haben.

 

Typische Beispiele für körperbezogene Ängste sind:

l     Angst vor Harndrang (bei Reizblasensymptomatik) oder Durchfall (Sphinkter-Phobie). Diese Ängste engen häufig die Bewegungsfreiheit ein. Sie können Ausdruck einer bereits vorhandenen Agoraphobie sein und dazu dienen, die Bewegungseinschränkung zu rechtfertigen.

l     Angst vor bestimmten Krankheiten: Krebs, Herzinfarkt, AIDS, Geschlechtskrankheit, Strahlenkrankheit, Schizophrenie. Herzbezogene Ängste mit Angstanfällen (Herzphobie) zählen zu den Panikstörungen.

 

Blut- und Injektionsphobien, die bei 3-4% der Bevölkerung vorkommen, können dazu führen, dass notwendige Operationen oder kleinere ärztliche Eingriffe nicht erfolgen, Frauen aus Angst vor der Geburt nicht schwanger werden möchten trotz Kinderwunsch, Besuche bei Verwandten im Krankenhaus vermieden werden.

     Während bei den meisten Phobien die Herzfrequenz beim Anblick des gefürchteten Objekts ansteigt, kommt es beim Anblick von Blut, Verletzungen oder irgendetwas Grauenhaftem nach einer kurzen Pulsbeschleunigung zu einem parasympathisch (vagovasal) gesteuerten Absinken des Herzschlags um 30-40 Schläge pro Minute, bis hin zu Ohnmachtsneigung und tatsächlicher Ohnmacht [69]. Bei Verletzungen wird dadurch der Blutverlust vermindert.

     Der vagovasale Reflex dürfte auf dem Hintergrund der Evolutionsgeschichte auch in Zusammenhang mit dem Totstellreflex stehen, wie er aus der Tierwelt her bekannt ist.

Blutphobiker berichten häufig über Übelkeit ohne subjektives Angsterleben. Die aufsteigende Übelkeit hängt mit der parasympathischen Reaktionsweise zusammen.

Bei Blutphobien besteht oft eine familiäre Tradition (vererbte und/oder erlernte Reaktionsweise). 70% aller Blut- und 56% aller Injektionsphobiker wurden im Laufe ihres Lebens beim Anblick von Blut oder bei invasiven medizinischen Maßnahmen ohnmächtig, während dies unter Agoraphobikern, die oft eine Ohnmacht fürchten, nur bei 1% im Lebenszeitraum der Fall war.

Ähnlich wie Blut- und Verletzungsphobien sind auch Zahnarztphobien sehr verbreitet (bei 8-10% der Bevölkerung), was zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Der Gang zum Zahnarzt wird oft mehr gefürchtet als schmerzende Zähne, die im Laufe der Zeit immer mehr kaputt werden.

Menschen mit spezifischen Phobien richten sehr viel Aufmerksamkeit auf die rechtzeitige Erkennung von potenziellen Gefahren. Sie entwickeln eine Überaufmerksamkeit („Überfokussierung“, selektive Aufmerksamkeit) auf die als gefährlich angesehenen Reize, um rechtzeitig Angst vermeidende Maßnahmen treffen zu können. Die Überaufmerksamkeit führt zu einer unnötig hohen vegetativen Erregung, kleinste Auffälligkeiten bewirken bereits eine Alarmreaktion.

  

Prüfungsangst

 Im Folgenden soll die Prüfungsangst als Spezialfall einer spezifischen Phobie beschreiben werden, weil sie häufig vorkommt. Nicht selten stellt die Prüfungsangst allerdings den Ausdruck einer Sozialphobie im Sinne einer allgemeinen Bewertungsangst dar.

Körperliche Angstreaktionen in Leistungs- und Prüfungssituationen sind völlig normal, weil es sich um persönlich bedeutsame Gelegenheiten handelt, die noch dazu von den Betroffenen niemals völlig kontrollierbar sind.

Man kann zwei Arten von Prüfungsängsten unterscheiden:

1.     Angst in der Zeit der Prüfungsvorbereitung. Die Angst verhindert die optimale Aufnahme des Lernstoffes und beeinträchtigt die Lernphase. Die Angst wird häufig durch negative Vorstellungsbilder aufgeschaukelt. 

2.     Angst während der Prüfung. Die Angst beeinträchtigt die Wiedergabe des gelernten Wissens und wird häufig durch massive körperliche Angstsymptome und deren ständige Beobachtung sowie durch die negative Bewertung des Prüfungsverhaltens verursacht bzw. verstärkt.

Der Zusammenhang von Angst und Leistung entspricht einer Kurve: zu wenig Angst macht sorglos und antriebslos, zu viel Angst wirkt geistig blockierend. Ein mittleres Ausmaß an Erregung und Angst garantiert die optimale Leistungsfähigkeit. Das Lampenfieber von Schauspielern und Sängern ist eines der bekanntesten Beispiele dafür, dass leichte Angst und Anspannung das Leistungsvermögen steigern.

Schüler und Studenten mit negativ-pessimistischen Erwartungen beschäftigen sich ständig mit dem möglichen Misserfolg, den Konsequenzen des Misserfolgs, den Selbstzweifeln und den negativen Bewertungen durch andere Personen (z.B. „Was wird der Lehrer bzw. der Vater hinterher sagen?“). Sie beurteilen ihr Verhalten in der Prüfungssituation kritisch und selbstabwertend (z.B. „Ich schaffe die Prüfung nicht“, „Ich bin zu dumm, um das zu verstehen“, „Ich kann gar nichts“).

Sie beobachten ständig die auftretenden körperlichen Angstsymptome und sehen darin eine Bestätigung ihrer Unfähigkeit. Die körperlichen Symptome (z.B. Herzrasen, Atemnot, Übelkeit, Anspannung, Zittern) sind so stark, dass sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Dies verstärkt die Angst und führt bis zu panikähnlichen Symptomen, die nicht nur den Körper überaktivieren, sondern auch den Geist verwirren und blockieren.

Die negativen Selbstgespräche, die ständige Beobachtung des eigenen Körpers und die Beschäftigung mit den Folgen des vorweggenommenen Versagens führen in der Prüfungssituation zu einer geteilten Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit und Konzentration ist nicht mehr in vollem Ausmaß auf die Prüfungsvorbereitung bzw. auf die Aufgabenstellung gerichtet, sodass es zu einer Leistungsbeeinträchtigung kommt. Es zeigen sich mehr Flüchtigkeitsfehler, eine geringere Quantitätsleistung, eine niedrigere Durchhaltemotivation und eine Beeinträchtigung bei Aufgaben, die komplexere Denkprozesse erfordern.

Die angstbedingten Denkblockaden verhindern die Aktivierung des gelernten Prüfungsstoffes und vermitteln aufgrund der negativen Leistungsdaten den Eindruck mangelnder Prüfungsvorbereitungen.

Eine massive Prüfungsangst kann zu einem teilweisen Verlust des gelernten Wissens führen. Das Gefühl eines „leeren Hirns“ hängt mit der angstbedingten Ausschüttung der Stresshormone Kortison und Kortisol zusammen, die das Langzeitgedächtnis blockieren. Erst wenn sich die Menge der Stresshormone nach einigen Stunden auf den Normalwert eingependelt hat, funktioniert das Gedächtnis wieder in vollem Umfang.

Prüfungsängstliche Studenten werden häufig unter ihrem Wert geschlagen und entwickeln aufgrund des realen angstbedingten Versagens immer größere Prüfungsängste, Ohnmachterlebnisse und Minderwertigkeitsgefühle, die im Sinne eines Teufelskreises wiederum die Prüfungsergebnisse verschlechtern. Aus Angst vor dem Versagen entwickeln prüfungsängstliche Studenten oft perfektionistische, stresserhöhende Bewältigungsstrategien (Lernen ohne Pausen, Antreten zur Prüfung nur bei sicherem Wissen).

Schüler und Studenten mit positiven Erwartungen erleben auftretende Angstzustände als leistungssteigernd. Das Gefühl der Kompetenz und die positiven Leistungserwartungen verhindern angstbedingte Leistungsblockaden. Bei dieser Personengruppe wirkt Angst nicht lähmend, sondern fördert die Prüfungsvorbereitung und den Lerneinsatz. Die Angst stimuliert den Ehrgeiz, stärkt den Kampfeswillen, mobilisiert die Energiereserven und fördert die Umsetzung aller Kenntnisse und Fertigkeiten.

Die als aktivierend erlebte Angst intensiviert die Aufmerksamkeit, reduziert die Fehlerzahl, steigert die Leistungsmenge, verstärkt den Leistungseinsatz und erhöht die Ausdauer bei schwierigen Aufgabenstellungen. Die körperlichen Symptome der Angst werden im Sinne eines Lampenfiebers als Zeichen notwendiger Energie zur Ausschöpfung aller Leistungsreserven interpretiert.

Unangenehme körperliche Angstsymptome werden zwar wahrgenommen, jedoch nicht durch ständige Beobachtung verstärkt. Es gelingt eine Aufmerksamkeitsumlenkung von der Wahrnehmung der Angstsymptome auf die Bewältigung der Aufgabenstellung, sodass eine optimale Konzentrationsleistung gegeben ist.

Eine Einstellungsänderung bewirkt eine Verringerung der Prüfungsangst. Dies ermöglicht eine optimale Konzentration auf die Aufgabenstellung, wodurch die Erfolgschancen erhöht werden.

 

Epidemiologie, Verlauf und Folgen der spezifischen Phobie

In den USA (NCS-Studie) zeigt sich eine spezifische Phobie bei 11,3% im Lebenszeitraum, bei 8,8% innerhalb der letzten 12 Monate und bei 4,5% innerhalb des letzten Monats. Differenziert nach dem Geschlecht ergibt sich eine spezifische Phobie im Laufe des Lebens bei 15,7% der Frauen und 6,7% der Männer, innerhalb des letzten Jahres bei 13,2% der Frauen und 4,4% der Männer, innerhalb des letzten Monats bei 8,7% der Frauen und 2,3% der Männer.

     Beginn und Verlauf von spezifischen Phobien hängen von deren Art ab. Traumatische Erlebnisse können die Ausprägung einer spezifischen Phobie begünstigen.

Spezifische Phobien in leichterer Ausprägung wie Angst vor Dunkelheit, Unwetter und Tieren beginnen oft bereits in der Kindheit. Die objekt- und situationsbezogenen Ängste im frühen Kindesalter erreichen jedoch nur selten den Schweregrad einer phobischen Störung. Spezifische Phobien, die bis ins Erwachsenenalter anhalten, verschwinden nur selten (nur bei 20%).

Der Beginn spezifischer Phobien liegt meistens vor dem 20. Lebensjahr. Patienten mit spezifischen Phobien können oft über lange Zeit psychosozial unbeeinträchtigt leben. Phobien, die sich aufgrund einer traumatischen Erfahrung (z.B. Unfall mit Erstickungsgefahr) oder einer unerwarteten Panikattacke entwickeln, weisen einen besonders akuten Entwicklungsverlauf auf und können in jedem Altersabschnitt auftreten.

Unbehandelt können spezifische Phobien über Jahrzehnte bestehen bleiben. Spezifische Phobien stellen so lange keine Belastung dar, als sie das Leben nicht unnötig einengen oder zu gefährlichen Situationen führen (z.B. Autounfall wegen Kleintierphobie, Radunfall wegen Hundephobie, Verlust des Gleichgewichts auf einer Leiter wegen Bienenphobie).

Menschen mit einer spezifischen Phobie können oft über längere Zeiträume sozial funktionieren, während Personen mit einer sozialen Phobie oft schon von Beginn an eine erhebliche psychosoziale Beeinträchtigung aufweisen.

  

Dieser Text stammt aus meinem Buch „Angststörungen“. Wenn Ihnen dieser Text gefallen hat, empfehle ich Ihnen den Kauf des ganzen Buches (Bestellung durch Anklicken des Buchtitels):

Morschitzky, H. (2009). Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Wien: Springer. 731 S. € 69,90.