Dr. Hans Morschitzky

Klinischer Psychologe, Psychotherapeut

Verhaltenstherapie, Systemische Familientherapie

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Schriftliches Interview für die Zeitschrift “medizing popular”


Fallbeispiel


Herr Berger, 39 Jahre, hat als leitender Angestellter eine stressreiche Zeit hinter sich. Er fährt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern an einem heißen Tag auf Urlaub nach Italien. Plötzlich bekommt er in einem kilometerlangen Stau auf der Autobahn vor einem Tunnel eine heftige Panikattacke mit Todesangst. Sein Herz beginnt zu rasen, er hat das Gefühl, keine Luft zu bekommen, danach setzen auch noch starke Brustschmerzen, ein heftiger Schwindel und eine starke Übelkeit ein. Als sportlicher Mensch mit Marathonerfahrung ist er überzeugt, gerade einen Herzinfarkt zu erleiden. Er ersucht seine Frau, einen Notarztwagen herbeizurufen, der ihn bald darauf in das nächste Krankenhaus bringt. Dieses Ereignis auf der Autobahn hat bei seiner Familie große Betroffenheit und bei den anderen Autofahrern viel Aufsehen erregt. Laut stationärer Untersuchung ist Herr Berger völlig gesund, er habe einfach nur eine Panikattacke erlitten. Selbst im Urlaub zu Hause bekommt Herr Berger in den nächsten Wochen einmal beim Fernsehen und einmal beim Essen in einem Restaurant weitere Panikattacken. Er vermeidet aus Angst vor neuerlichen Panikattacken das Fahren auf der Autobahn im Freien sowie durch einen längeren Tunnel. Trotz vieler beruflich bedingter Flüge kann er auch nicht mehr fliegen, er vermeidet sogar den Aufzug zu seinem Büro im 10. Stock. Schließlich sagt er auch geplante Familienfeiern in bestimmten Lokalen ab. Sein Hausarzt und der später aufgesuchte Verhaltenstherapeut stellen dieselbe Diagnose fest: Agoraphobie mit Panikstörung.

Was versteht man unter Panikattacken?

Panikattacken sind Angstanfälle mit heftigen körperlichen und psychischen Symptomen. Wenn Sie unerwartet wie der Blitz aus heiterem Himmel auftreten, spricht man von einer Panikstörung.

Unter einer Panikstörung versteht man also das wiederholte, unerwartete Auftreten von Panikattacken ohne äußere Auslöser.  

Derartige Angstanfälle sind nicht auf eine spezifische Situation oder ein spezifisches Objekt bezogen, d.h. sie treten spontan auf, ohne offensichtliche äußere Auslöser; sie sind daher meistens nicht vorhersagbar und somit auch nicht rechtzeitig vermeidbar, sodass bald eine zunehmende „Angst vor der Angst“ im Sinne einer anhaltenden Erwartungsangst auftritt.

Panikattacken dieser Art sind definitionsgemäß nicht durch andere psychische Störungen oder bestimmte körperliche Erkrankungen verursacht, auch nicht durch objektiv bedrohliche Situationen oder besondere körperliche Anstrengungen.  

Wenn Panikattacken angesichts bestimmter phobischer Situationen erwartet, d.h. situationsspezifisch gefürchtet werden, spricht man von einer Phobie mit Panikattacken, konkret von einer Agoraphobie mit Panikstörung oder einer Sozialen Phobie oder Spezifischen Phobie mit Panikattacken. Panikattacken im Rahmen einer Phobie drücken das starke Ausmaß dieser phobischen Angststörung aus.

Panikattacken können auch außerhalb von Angst- und Panikstörungen bei allen möglichen psychischen Störungen auftreten, etwa bei Zwangsstörungen oder Depressionen.

Eine einzelne Panikattacke macht noch keine psychische Störung aus. Krankheitswertig werden Panikattacken erst dann, wenn die Betroffenen damit nicht erfolgreich umgehen können, sehr darunter leiden und sich im Leben in schulischer, beruflicher, familiärer, sozialer und privater Hinsicht erheblich beeinträchtigt fühlen.

Vereinzelte Panikattacken treten bei 20-30 Prozent der Bevölkerung auf, die Panikstörung kommt bei etwa 2-3 Prozent der Bevölkerung vor.

 

Welche Symptome können auftreten?

Eine Panikattacke besteht aus mindestens 4 von 14 Symptomen aus folgenden vier Bereichen (wobei allerdings ein vegetatives Symptom wie etwa belastende Herzsensationen vorhanden sein muss):  

Vegetative Symptome:

Symptome, die Brust- und Bauchbereich betreffen:

 Psychische Symptome:

 Allgemeine Symptome:

 

Wie läuft eine Panikattacke ab?

Eine Panikattacke beginnt gewöhnlich ganz plötzlich und steigert sich innerhalb von wenigen Minuten zu einem Höhepunkt. Panikattacken dauern meistens nur einen kurzen Zeitraum von einigen Minuten bis zu einer halben Stunde, manchmal auch länger bis zu einigen Stunden, dann sind sie aber nicht mehr so ausgeprägt.

Wenn Panikattacken länger als 30 Minuten anhalten, ist dies oft durch den Versuch bedingt, sie zu unterdrücken, zu stoppen oder ängstlich zu analysieren, wodurch die Anspannung aufrechterhalten wird.

Viele Betroffene klagen, dass ihre „Panikattacken“ oft viele Stunden oder gar mehrere Tage lang anhalten würden. Hier spiegelt sich das Ausmaß der Daueranspannung wider, oft als Ausdruck einer generalisierten Angststörung, hypochondrischen Störung oder emotional sehr belastenden Lebenssituation.

Je nach Person kann eine Panikattacke mit unterschiedlichen Symptomen beginnen und mit ganz bestimmten weiteren körperlichen und psychischen Symptomen einen Höhepunkt erlangen, bis sie dann von allein wieder abebbt, vor allem wenn die Betroffenen auf einen kräftezehrenden Kampf dagegen verzichten.

Unangenehme Herzsensationen, Beklemmungsgefühle in der Brust, aufsteigende Hitzegefühle oder plötzliche Schwindelgefühle führen wegen der damit verbundenen subjektiven Bedrohlichkeit häufiger zu einer heftigen Panikattacke als Übelkeit, Mundtrockenheit oder Zittern.

Wenngleich nicht lebensbedrohlich erlebt, bewirken die psychischen Symptome der Depersonalisation und Derealisation oft eine länger dauernde Beunruhigung als

 

Wodurch werden Panikattacken ausgelöst?

Eine Panikattacke ist ein Fehlalarm aus den tieferen Schichten des Gehirns in objektiv völlig ungefährlichen Situationen.

Vom Mandelkern im Limbischen System wird eine vorschnelle Kampf-Flucht-Reaktion ausgelöst, die im Falle der Berechtigung Leib und Leben retten könnte, bei vorschneller Reaktion jedoch nur belastend wirkt.

Angst machen dabei nicht die körperlichen und psychischen Symptome an sich, sondern deren Bewertung als gefährlich. Typisch und am belastendsten sind jene Symptome, die als Bedrohung von Leib, Leben oder Verstand bewertet werden:

Die tieferen Hintergründe von Panikattacken können sehr vielfältig sein:

 

Kündigen sie sich in irgendeiner Form an?

Häufig besteht bereits längere Zeit vor einer Panikattacke ein erhöhtes körperliches und/oder psychisches Anspannungsniveau als Basis dafür, dass dann später scheinbar zufällig eine heftige Panikattacke wie aus heiterem Himmel auftritt.

 Den Betroffenen ist dies meistens jedoch nicht bewusst, sodass sie anfangs eine körperliche Ursache vermuten und oft unmittelbar danach stationär oder ambulant medizinisch abgeklärt werden möchten – was beim ersten Mal durchaus sinnvoll ist, weil schließlich doch auch eine körperliche Ursache dahinterstehen könnte.

Im Laufe der Zeit werden bestimmte Symptome wie Schwindel, Zittern, Herzklopfen oder Hitzegefühle als Vorzeichen einer aufkommenden Panikattacke angesehen, sodass sich dadurch die Tendenz zu einer Panikattacke verstärkt – was in der Fachwelt als „Teufelskreis der Angst“ bezeichnet wird.

 
Gibt es Risikogruppen? Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders gefährdet?

Eine Panikattacke kann jeder körperlich und psychisch gesunde Mensch bekommen. Wie auch bei anderen psychischen Erkrankungen neigen besonders jene Personen dazu, die Probleme im Umgang mit Emotionen bzw. Stress haben. Fachleute sprechen von einer Störung der Emotionsregulation beim Wahrnehmen und Verarbeiten von Gefühlen.

Die Betroffenen wollen ihre Befindlichkeit einfach „wegstecken“ als unangemessene Form der Bewältigung von störenden Emotionen.

Viele Betroffene hatten bereits vor den ersten Panikattacken eine gestörte Beziehung zu ihrem Körper, etwa in Form von hypochondrischer Selbstbeobachtung oder im Gegenteil in Form von zu wenig Achtsamkeit in Bezug auf das körperliche Befinden.

Letzteres trifft beispielsweise auf Personen zu, bei denen Panikattacken im Rahmen eines Burnouts auftreten, auf das sie anfangs nicht angemessen reagieren, sodass sie erst durch Panikattacken auf die Dramatik der Lage hingewiesen werden.


Warum ist es wichtig, dass Angststörungen, wie Panikattacken, behandelt werden?

Angst- und Panikstörungen gelten als „Einstiegsstörungen“ in oftmals noch schlimmere psychische Erkrankungen. Unbehandelte bzw. nicht erfolgreich behandelte Panikattacken können folgende psychische Störungen zur Folge haben: weitere Angststörungen, vor allem eine Agoraphobie mit massiver Einschränkung des Aktionskreises, Depressionen, Hypochondrie, somatoforme Störungen in Form von körperlichen Dauerverspannungen ohne organische Ursachen, schädlichen Konsum von Alkohol oder abhängig machenden Beruhigungsmitteln aus der Gruppe der Benzodiazepine bis hin zur Abhängigkeit (wobei eine Tranquilizerabhängigkeit oft noch mehr Behandlungsaufwand erfordert als eine Alkoholabhängigkeit).

Manche Betroffene erleben, oft in Verbindung mit den Folgekrankheiten, längere Krankenstandsphasen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit.

Im Laufe von Jahren kann durch die permanente Überaktivierung der Stresshormonachse (Kortisol) in Verbindung mit genetischen und Lifestyle-Faktoren auch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung auftreten. Das heißt: Was ursprünglich lange Zeit als rein psychisch bedingt galt, kann durchaus schwere körperliche Langzeitfolgen haben. In einer norwegischen Studie wurde nachgewiesen, dass selbst Hypochonder – vermutlich durch die permanente Kortisol-Überaktivierung – m oft doppelt so häufig einen Herzinfarkt erleiden als körperlich Gesunde.

Im Fall von wiederkehrenden zusätzlichen Depressionen gilt darüber hinaus auch noch: Depressionen gelten mittlerweile als achter Risikofaktor für Herzinfarkt.

 

Welche Therapiemöglichkeiten stehen zur Verfügung

Anfangs und in leichteren Fällen, vor allem noch ohne Chronifizierung, reicht eine Psychotherapie aus. Von Fachleuten wird vor allem eine Verhaltenstherapie empfohlen, weil dadurch nachweislich hohe Erfolgsraten erzielt werden.

Doch auch alle anderen Psychotherapiemethoden können wirksam sein, wenn dadurch die entscheidenden emotionalen und psychosozialen Auslösefaktoren sowie die lebensgeschichtlichen Hintergründe angemessen bewältigt werden können.

Bei einem Teil der Betroffenen ist jedoch bereits zu Beginn oder zumindest nach einiger Zeit auch eine Psychopharmakotherapie sinnvoll bzw. notwendig, etwa um stationäre Aufenthalte in der Psychiatrie oder länger dauernde Krankenstände zu verhindern oder zu verkürzen.

Die Behandlung besteht in einer mindestens sechs Monate dauernden Einnahme eines Antidepressivums aus der Gruppe der sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). In der klinischen Praxis wird oft eines von vier Generika verordnet: Paroxat, Citalopram, Escitalopram oder Sertralin.

In den ersten 2-3 Wochen wird bei nicht suchtgefährdeten Personen oft auch noch gleichzeitig ein rasch wirksamer Tranquilizer verordnet, der danach ausgeschlichen wird, bis nach einigen Wochen das Antidepressivum seine Wirksamkeit zeigt. Das Beruhigungsmittel dient einerseits der Vorbeugung von Panikattacken, andererseits der Linderung von möglichen Nebenwirkungen des Antidepressivums.

Es handelt sich dabei meistens um das Markenpräparat Xanor (Genericum Alprazolam), obwohl auch andere Präparate eine ähnliche Wirkung aufweisen.

Würden die Tranquilizer langfristig nicht abhängig machen, wären sie für viele Betroffene, die ohnehin schon einen sehr empfindlichen Körper haben, die nebenwirkungsärmste medizinische Behandlungsmethode.   

 

SOS-Programm: Was tun, wenn sich eine Panikattacke ankündigt?

Als eine Art nichtmedikamentöser Notfallkoffer sind folgende fünf Handlungsanleitungen sehr hilfreich:

  1. Bewegen Sie sich kräftig mit dem ganzen Körper statt sich hinzulegen oder in Ruhe zu verharren. Panikattacken werden durch die Kurzzeitstresshormone Adrenalin und Nordadrenalin ausgelöst, mit der Folge einer erhöhten körperlichen Anspannung. Sport, kräftige Bewegung oder Arbeiten im Haushalt oder Garten bauen die übermäßige körperliche Anspannung rasch ab.

  2. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Außenwelt statt auf Ihren Körper. Fesseln Sie Ihren Geist durch emotional bedeutsame Themen, wie etwa die nächste Reise oder den nächsten Besuch, oder schauen Sie sich einen interessanten Film im Fernsehen an.

  3. Treten Sie telefonisch in Verbindung mit Vertrauenspersonen. Wenn Sie allein sind, gibt Ihnen der Kontakt mit nahestehenden Personen Sicherheit und Geborgenheit, ohne dass Sie gleich einen Arzt anrufen oder ein Beruhigungsmittel einnehmen müssen.

  4. Nutzen Sie rasch wirksame Entspannungstechniken wie Atemtechniken in Ruhe oder bei gleichzeitiger rhythmischer Bewegung. Achten Sie dabei auf eine verlängerte Ausatmung, da auf diese Weise eine rasche Entspannung der Muskulatur und auch eine Puls- und Blutdruckverminderung erreicht werden.

  5. Sprechen Sie innerlich so mit sich selbst, wie ein aufbauender Coach dies tun würde, etwa so: „Du hast jetzt nur eine Panikattacke. Eine Panikattacke ist lästig und unangenehm, aber medizinisch gesehen völlig ungefährlich.“